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C^Uo du \ri^
THEORETISCHE
KINEMATIK.
Uolsutiche
aua «lern xylngraphischen Atelier
von Friedrich Vieweg uml Sohn«
in BnMtnichweifi.
Papier
aus der moclianischeu Tapier • Fabrik
der Gebrüder Vieweg zu Wendhauaen
bei Brauncchwoig.
THEORETISCHE
1
KINEMATIK
GRU]!fDZÜGE
EINER
THEORIE DES MASCHINENWESENS
VON
F. REULEAUX
PrAfesBor
Direktor der KöniRl. Gewerbe - Akademie in Berliu , Mitglied der Könif<l.
technischen Deputation für Gewerbe
MIT EINEM ATLAS
UND
ZAHLBEICHEN IN DEN TEXT EINGEDRUCKTEN HOLZSTICHEN,
BRAUNSCHWEIG,
DRÜCK UND VERLAG VON FRIEDRICH VIEWEG UND SOHN.
18 7 5.
•■V. 4
w 1 ''
Die Heraos^bc einer rel>er«etzuns^ io französischer and en^ltvrher Sprache,
sowie in anderen modernen Sprachen wird Torbehalten.
MEINEM VEREHRTEN FREUNDE
DEM
KÖNIGLICHEN OBERHOFBAURATHE UND PROFESSOR
HEINRICH STRACK
GEWIDMET
k
S
1
VORREDE.
In dem gegenwärtigen Werke lege ich dem Publikum eine Frucht
langjähriger und umfangreicher Forschungen vor. Anfänglich rein
auf denjenigen Theil der Maschinenwissenschaft gerichtet, welcher
bei uns die Lehre von den Bewegungsmechanismen hiess,
führten dieselben mich zu Gesetzen, welche sich als sehr um-
fassend und als diejenigen erwiesen, die der Bildung der Maschine
im allgemeinen zu Grunde liegen; zugleich aber Hessen sie erken-
nen, dass die bisher gebräuchliche Auffassung des Gegenstandes
ungenügend sei und einer tiefgreifenden Umgestaltung bedürfe.
Nachdem ich im Laufe der letzten Jahre eine Reihe von sach-
bezüglichen Abhandlungen in den Berliner Verhandlungen unter
der Rubrik „Kinematische Mittheilungen" hatte erscheinen lassen,
fasse ich dieselben hier, zum Theil beträchtlich erweitert und um
die Schlussabhandlung, Kap. XIII, vermehrt, als „Grundzüge einer
Theorie des Maschinenwesens" zusammen.
Eine eigentUche Theorie des Maschinenwesens gab es näm-
lich bisher nicht. Zwar besitzen und lehren wir die Theorien der
einzelnen Maschinen, zwar zeigen wir die Anwendungen der
wissenschaftlichen Mechanik auf die Maschine, zwar ist sogar die
IMmensionsbestimmung, wie auch die Darstellung der Maschine
methodisch ausgebildet, allein die Grundgesetze, welche allen
Maschinen hinsichtlich ihrer Bildung gemeinsam sind, hatte man
VIII VOBRBDE.
bisher nicht festgestellt. Trotz zahlreichen und auch vielseitig
fruchtbaren Bestrebungen in dieser Richtung, von denen ich in
der Einleitung einen üeberblick gebe, war man zu dem eigent-
lichen Ziele, zu einer wahrhaft deduktiven Behandlung der
Maschine, nicht gelangt. Dabei haben sich indessen die theore-
tischen Anschauungen der einzelnen Fälle mit ihrem vorwiegend
mathematischen Apparate beträchtlich ausgebildet und vermöge
dieses Umstandes die Meinung hervorgerufen, als befinde man
sich thatsächlich im Besitze der Theorie. So ist es denn gekom-
men, dass sich der heutige, sehr merkwürdige Zustand der wissen-
schaftlichen Seite des Maschinenwesens herausgebildet hat
Dieser Zustand ist im grossen Ganzen folgender. Der Stoff wird
theils encyklopädisch, theils in Unterordnung unter die Mechanik,
die darstellende Geometrie und die Zeichenkunst, zu kleinem
Theile auch selbständig, aber ohne die Stütze allgemeiner
Grundsätze, theils endlich geradezu empirisch gelehrt. Von
Axiomen wird nicht ausgegangen, vielmehr wie mit einem Sprunge
mitten in den Stoff hineingesetzt, auf dem übersprungenen Gebiete
aber, welches offenbar das axiomatische ist, ein dichter Schleier
belassen. Letzterer Umstand ist in Folge der vielfachen Ablenkung
durch die praktischen Aufgaben der Beachtung allmählich ganz ent-
gangen, ja es hat sich, da die Sache auch ohnedies nicht stille
steht, eine formliche Gleichgültigkeit hinsichtlich dieses Punktes
eingestellt
Hier lege ich nun dennoch einen Versuch vor, jenen Schleier
zu lüften. Wenigstens glaube ich, die Grundzüge einer das
ganze Maschinenwesen umfassenden Tlieorie aufzeigen zu können.
Ich möchte dem Maschinenmechaniker die von ihm auszuführen-
den Denkoperationen zum vollen Verständniss bringen; ich möchte
an die Stelle einer unbestimmten, vielfach zufälligen Auffassung
eine bestimmte wissenschaftliche setzen, möchte der vnssenschaft-
lichen Klarheit und Behandlung ein Gebiet gewinnen, zu welchem
ihr bisher der Zugang versagt schien. Diese Aufgabe erscheint
mir so wichtig, dass ich, trotz dem Bewusstsein von der Unvoll-
kommenheit dos EiTeichten, es gewagt habe, mit dem Vei'suche
hervorzutreten.
VOREEDE. IX
Es sind also nicht neue Naturgesetze, nicht ein bisher un-
erforschter Zusammenhang von Erscheinungen in dem grossen
Räthsel der Schöpfung, was ich dem Leser vorzufüliren habe. Es
ist viebnehr der Nachweis von Gesetzen, denen man auf einem
bekannten und vielfach bearbeiteten Felde geistiger Thätigkeit zu
folgen habe, der Nachweis von dem Zusammenhange der Resultate
verschiedener Denkprozesse auf diesem einen Felde, auf welchem
man unbewusst, aber deshalb auf Umwegen und langsam, nach
Gesetzen verfuhr, denen man sich, eben weil sie wahre Gesetze
sind, nicht entziehen konnte, zugleich eines Gebietes, auf welchem
die Fachmänner das Bedürfhiss einer neuen theoretischen Grund-
legung kaum empfanden. Dieser letztere Umstand wird sich dem
Eingange der hier vorzuführenden Anschauungen einigermaassen
widersetzen. Doch nehme ich an, man werde sich nicht ernstlich
dadurch von ihrer Prüfung abhalten lassen. Denn im Verlaufe des
Werkes wird der Beweis, wie ich hoflfe, überzeugend geführt,
dass die Erkenntniss der wahren Bildungsgesetze der Maschine
für die Fortentwicklung des Maschinenwesens von der grössten
Wichtigkeit ist.
Was ich Neues in meinem Buche vorführe — und ich glaube
behaupten zu dürfen, dass vieles davon auch brauchbar sein
werde — liegt fast ganz, sei es direkt oder sei es indirekt, auf dem
logischen und philosophischen Gebiete, namentlich dem ersteren.
Ich will gestehen, dass ich dessen mehr noch nach Vollendung
des Werkes, als bei dessen Ausarbeitung inne wurde. Wie es
gekommen ist, dass in der bisherigen Behandlung eines so wich-
tigen Gegenstandes, wie des Maschinenwesens, so bedeutende
Lücken in logischer Beziehung bestehen bleiben konnten, sei
dahingestellt. Es kann die Folge des Verfalls des philosophischen
Studiums sein, den wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben
und soeben wieder einem beginnenden Aufleben weichen sehen;
umgekehrt kann auch in der verhältnissmässigen Jugendlichkeit
der polytechnischen Wissenschaften die Ursache gesucht werden.
Vielleicht, oder wahrscheinlich, wirkten beide Ursachen vermöge
ihres verhängnissvollen ZusammentreflFens gleichzeitig ein. Genug,
die bestimmenden Einflüsse waren ausreichend, um es ganz statt-
X VOKREDE.
hafb und behaglich erscheinen zu lassen, wenn in Kreisen der prak
tischen wie theoretischen Maschinenkundigen die Philosophie und
gleich in einem hin die wissenschaftliche Logik gering geschätzt
oder auch verspottet wurde. Das exakte und eingehende Spezial-
studium, verbunden mit dem sogenannten gesunden Menschen-
verstände, sollte ausreichend sein. Wie häufig man gerade den
letzteren mit dem Spotte traf, indem die wissenschaftliche Logik
doch nichts sein will, als der geordnete gesunde Menschenverstand,
und wie inzwischen das Philosophische und die Logik in den eige-
nen wissenschaftlichen Gebieten verfielen, wurde nicht bemerkt.
Dass aber dem möglichst bald ein Ende gemacht werden sollte, ist
meine feste Ueberzeugung. Wir haben uns von dem Zuge der
Spezialisirung, welcher unbemerkt eine Entfremdung der Wissen-
schafben von ihren Urquellen bewirkt, viel zu weit fortreissen
lassen. Es wird hierüber auch auf anderen Wissenschaftsgebieten
geklagt; auf dem polytechnischen liefert aber die Literatur nur zu
häufig den Beweis, wie sehr Mommsen Recht hatte, als er an
dem heurigen Stiftungstage der Akademie der Wissenschaften
sagte: „sie (die Spezialisten) halten nur zu leicht für einen Kreis,
was nur ein Kreissegment isti*'
Mit allem wissenschaftlichen Ernste sollte der wachsenden
Vereinzelung und zugespitzten Detaillirung nicht sowohl der For-
schung, als der lehrhaften Verwerthung derselben Einhalt gethan,
dafür aber die Zurückbeziehung der einzelnen Erscheinungen auf
grosse Grundwahrheiten erstrebt werden. Dem ins Maasslose an-
wachsenden Ziffern- und Formelwesen sollte man meines Er-
achtens Zügel anlegen, dagegen auf die Erweckung der selb-
ständigen Behandlung des Spezialfalles aus allgemeinen Gesetzen
hinarbeiten.
Ich gebe zu, dass dieses alles sehr schwer ist. Aber ebenso
wenig, als man einen Königsweg zur Geometrie zugibt, kann die
Schwierigkeit einer wahrhaft fordernden wissenschaftlichen Auf-
fassung als Grund ihrer Nichtinnehaltung angeführt werden. So
fordert denn auch mein Buch von seinem Leser ein ernstes und
strenges Eingehen auf die den Erscheinungen zu Grunde liegen-
den (resetze, gibt ilmi indessen schliesslich eine Einsicht in das
VOBBEOE. XI
Wesen der Maschine, welche auf dem bisherigen Wege nicht er-
worben werden kann. Ich habe mich aufs äusserste bemüht, die
Schwierigkeiten durch sorgfältige Entwicklung und deutliche Dar-
stellung zu vermindern. Wo mir dies nicht genügend gelungen
ist, möge entschuldigen, dass vielfach die Hindemisse wirklich
ungemein gross waren, namentlich da, wo der ganze ältere Aufbau
wegzuräumen und dafür Neues aufzurichten war. Dieses hat
ausserdem dem Buche stellenweise einen polemischen Karakter
aufdrücken müssen, da an vielen Punkten die mächtigsten Autori-
täten hinter Ansichten stehen, welche ich zu verwerfen gezwungen
war. Bei näherer Prüfung wird man indessen erkennen, dass nur
die Nothwendigkeit, das neue Lehrgebäude sicher zu begründen,
der Anlass war, fremde Ansichten zu bekämpfen. Uebrigens habe
ich solche polemische Fragen, welche vorzugsweise den Fachschul-
mann interessiren, nebst anderem Esoterischem in die Anmerkungen
am Schlüsse des Bandes verwiesen.
Soviel im allgemeinen. Zum Inhalte der einzelnen Abschnitte
übergehend, hebe ich hervor, dass das erste Kapitel die grund-
legenden Sätze: das Bestehen der Maschine aus Paaren von
Elementen und das Zusammentreten der Elementenpaare zu Ver-
bindungen, die ich kinematische Ketten nenne, enthält Es
wird dann alsbald gezeigt, wie und nach welchem Gesetze aus der
kinematischen Kette der Mechanismus, und aus diesem die
Maschine entsteht. Die folgenden vier Kapitel sind der Erklärung
und dem weiteren Ausbau der Sätze von den Elementenpaaren
und kinematischen Ketten gewidmet.
Eine wichtige und logisch folgenreiche Auö'assung ist die in
Kapitel IV entwickelte von den bildsamen Elementen. Unter
diese fallen neben den Bändern, Seilen, Ketten u. s. w. auch die
Flüssigkeiten, tropfbare wie gasförmige. Ich fasse die in einer
Maschine zur Wirkung kommende Flüssigkeit als ein Ganzes, als
eine geometrisch begrenzte Menge von Stoiflichem, kurz als einen
Körper auf. Hierdurch ergeben sich, namentlich für die später
folgenden Untersuchungen, ganz besondere Vortheile. Sollte der
l'eser anfangs die ungewohnte Betrachtungsweise auffallend finden,
80 wolle er nur bedenken, dass wir im Grunde genommen bei den
XII VOBREDE.
sogenannten festen Körpern ähnlich verfahren; wir lassen bei die-
sen die Art, wie ihr stoflFlicher Inhalt innerhalb seiner Grenzen
gehalten wird — ob durch innere Anziehungen, ob durch äussere
Kräfte — ausser Betracht, so lange uns nicht bestimmte Veran-
lassungen hierzu vorliegen. Bisher aber behandelte die Maschinen-
lehre das Wasser, den Dampf, die Gase wesentlich als Stoffe, als
Materien , beschäftigte sich gleich von vornherein und überall mit
der Aufeinanderwirkung ihrer kleinsten Theilchen, A h. sie ver-
harrte auf dem physikalischen Gebiete , und drang nicht mit Frei-
heit bis zu dem Punkte vor, den sie bei den festen Körpern von
selbst einnahm. Somit darf ich das von mir eingeschlagene Ver-
fahren als die blosse Durchführung eines an anderen Stellen be-
reits eingebürgerten bezeichnen.
In Kapitel VI habe ich den Versuch gemacht, die Entstehung
und allmähliche Vervollkommnung der Maschine als eines Erzeug-
nisses des menschlichen Geistes in allgemeinen Zügen darzustellen,
sowie das Gesetz der stattgehabten Entwicklung zu ermitteln. Zu-
gleich suchte ich hierbei die allgemeinen Beziehungen, in welchen
die Maschine zum Menschen und zur menschlichen Thätigkeit ini
Ganzen steht, ins Licht zu setzen, indem mir dies für das vollstän-
dige wissenschaftliche Verständniss der Maschine unentbehrlich
schien. Auch wollte ich zugleich den Versuch machen , die Ver-
bindung zwischen der Maschinenwissenschaft und der Gesammt-
heit der übrigen YTissenschaften wieder anzuknüpfen, eine Ver-
bindung, welche in Folge des Spezialisirungszuges dem völligen
Schwinden nahe war. Zur Abfassung einer wirklichen Entwick-
lungsgeschichte der Maschine, für welche das Material einstweilen
noch nicht vollständig vorhanden ist, gibt der Abschnitt vielleicht
Anregung.
Dius folgende Kapitel, das siebente, ist der Aufstellung einer
wissenschaftlichen Zeichensprache für die Kinematik gewid-
met. Ich trete damit gänzlich aus dem bisher lieblichen heraus, und
muss besorgen, dass mancher Leser auf den ersten Blick darin
eine Sonderbarkeit erblicken werde. Dem gegenüber kann ich
nur auf die Erfolge verweisen, welche sich aus der Anwendung der
Zeichensprache in den folgenden Kapiteln ergeben. Ich glaube.
VORBEDE. XIII
dass diese überzeugend sind, und dass, eben so wenig wie jetzt die
Chemie, in Zukunft die Kinematik der Zeichensprache wiiß. ent-
rathen können. Eine Bitte habe ich hieran zu knüpfen. Es ist
die, dass man die von mir gewählten Zeichen für die
Elemente nicht willkürlich abändern wolle. Ich habe
Jahre zu deren Auswahl und Feststellung gebraucht und danach ge-
trachtet, sie so zu wählen, dass sie, ähnlich den chemischen Zeichen,
für die grossen Kultursprachen ungefähr gleichgut brauchbar sein
möchten. Sollte mir tlies aber auch nur unvollkommen gelungen
sem: ihre Brauchbarkeit würde empfindlich geschädigt werden,
wenn Abänderungen vorzeitig versucht werden sollten.
Die Kapitel VIII bis XII sind der kinematischen Analyse, und
zwar der Analysirung von Mechanismen, Maschinentheilen und
Yollständigen Maschinen gewidmet. Bei der Besprechung der voll-
ständigen Maschinen entwickelt sich aus der theoretisch strengen,
abstrakten Analysirung zugleich eine unmittelbar anwendbare, all-
gemeine analytische Darstellung der .einzelnen Maschinen; ich
habe dieselbe die beschreibende Analysirung genannt und*
halte sie einer baldigen Einbürgerung für fähig, da sie, wie ich
glaube, eine oft empfandene Lücke ausfüllt. Die Pumpwerke und
Tor allem die Dampfinaschine treten bei diesen Untersuchungen in
ein helles und wohl unerwartetes Licht. Man wird nicht leugnen
können, dass die vorzugsweise physikalische Auffassung, welche
wir bisher für die Dampfinaschine in uns trugen, diese Maschine
mit einer Art geheimnissvoller Glorie umhüllt gelassen hat. Da-
neben freilich kommt sie dem Maschinenbauer mitunter so un-
leugbar einfach vor, dass er glaubt, das Verständniss ihrer Erfin-
dung mit Händen greifen zu können; in anderen Fällen wieder,
wenn die Fragen mehr verallgemeinert werden und sich auf die
„rotirenden" Maschinen und andere Abarten mit erstrecken, ver-
liert sich die Idee aufs neue ins Unbestimmte und Erstaunliche.
Von dieser sie umwebenden üngewissheit machen die hier vorge-
legten Untersuchungen die Maschine, wie ich glaube, gänzlich frei.
Ich entkleide dieselbe des Wunders oder doch Verwunderlichen,
das ihr anhaftet. Allein sie verliert hierbei meines Erachtens
nicht, vielmehr wird sie durch die wissenschaftliche Klarheit, in
XIV VORREDE.
welcher sie sich darstellt, wohl nur gehoben. Dass bei der ruhigen
hellen «Beleuchtung , welche sie nun triflft , eine grosse Anzahl ihr
anhängender Erfindungen sich auf wenige einfache Sätze zurück-
führen lassen und an Bedeutung einiges einbüssen, wird man nur
vorübergehend bedauern können.
An dem Schlüsse des zwölften Kapitels habe ich den Versuch
gemacht, aus den gewonnenen Grundsätzen heraus die Stellung
anzugeben, welche die Maschinenwissenschaft gegenüber der
Arbeiterfrage einnehmen sollte. Auch hier 'sind der Berührungs-
punkte mit anderen Wissensgebieten viele. Das Eingreifen des
Maschinenwesens ins praktische Leben, jedem Industriellen fühl-
bar und Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen auf anderen
Gebieten, hatte bisher auf dem maschinenwissenschaftlichen Felde
eine eingehende Behandlung nicht gefunden. Vielleicht regt mein
Versuch zu einer regeren Auflfassung an.
Das letzte Kapitel behandelt die kinematische Synthese,
das ist die synthetische Aufsuchung von Elementenpaaren, kine-
tnatischen Ketten, Mechanismen und Maschinen. Indem ich diese
Aufgabe, welche sich in der Einleitung des Buches schon als Ziel
zeigt, aufgegriffen habe, that ich wohl den weitesten und, wie ich
mir bewusst bin, auch gewagtesten Schritt in der ganzen Reihe
der angestellten Untersuchungen. Ich glaube indessen einige
Resultate desselben aufgewiesen zu haben, welche das weitere Ver-
folgen des eingeschlagenen Weges empfehlen, muss freilich das
Urtheil den Lesern überlassen. In einem Punkte möchte ich mich
sogar rechtfertigen. Es ist der folgende.
Wenn ich zu zeigen versuche, dass und wie auf wissenschaft-
lichem Wege neue Mechanismen und neue Maschinen gebildet
werden können, so denke ich nicht daran, dadurch den Werth der
(Erfindung auf dem Maschinengebiete herabzusetzen. Ich suche
nur dem erfinderischen Kopfe neue und wirksame Mittel zu üe-
fem, ich möchte seine geistige Thätigkeit beschleunigen, aber ich
setze diese nicht herab. Dem Genie, welches, ohne die Regel
zu kennen, grosse Schritte thut, habe ich überall in meinem
Buche Gerechtigkeit widerfahren lassen. Den Erfinder achtet
nur der gering, der selbst nichts erfunden hat, d. h. der die geistige
VOBREDE. XV
Anstrengung dessen nicht kennt, welcher in unausgesetzter Konzen-
tration auf die Aufgabe, dem gegen Strom und Wind ankämpfen-
den Schiffer gleich, weiter strebt, und dabei, ohne es zu ahnen,
auch auf schon früher Gedachtes stossen kann. Oft wird ihm dies
achselzuckend zum Vorwurf gemacht; allein letzteres ist leichter,
als einen der verfehlten Forschungsschritte selbst machen. Von
dem theoretisch angegebenen Mechanismus bis zur brauchbaren
Maschine ist unter den meisten Umständen noch ein weiter
Weg, wie ich unter anderem am Schlüsse des ersten Kapitels aus-
geführt habe. Den Erfinder hierbei zu unterstützen, halte ich für
Pflicht.
Aus diesem Grunde bin ich für meine Person ein Anhänger
des Patentschutzes. Ich glaube dies hier aussprechen zu
müssen, imi nicht in die Gefahr zu gerathen, wegen meiner
Synthese der Maschine des Gegentheils bezichtigt zu werden. Die
Patentfrage halte ich in erster Linie für eine praktische Frage.
Ebensowohl wie der Staat durch Ertheilung vortheilhafter Kon-
zessionen das Kapital z. B. dem Eisenbahnbau zuleitet, sollte er
meines Erachtens durch einen gesetzlichen Schutz, der ja doch
nii^end für eine übertriebene Dauer begehrt wird, der jungen
Erfindung das zu ihrer Ausbildung immer unentbehrliche Kapital
zugänglich machen. Bei uns in Deutschland flieht das Kapital
die Erfindung, während dasselbe in Ländern, welche sich einer
brauchbaren Patentgesetzgebung erfreuen, ihr gerne zu Gebote ge-
stellt wird. Darum aber haben wir in Deutschland leider einen so
wenig intensiven Fortschritt im Maschinenwesen zu verzeichnen,
obwohl wir eine grössere Menge wissenschaftlich ausgerüsteter
^Techniker erziehen, als irgend ein Land; darum werden uns neue
Maschinen, den Moden gleich, überwiegend nur vom Auslande zu-
geführt; darum gehört bei uns meist ein an geschäftlichen Leicht-
sinn streifender Muth dazu, eine Erfindung bis zur praktischen
Durchführung entwickeln zu wollen ; darum finden wir in Deutsch-
land, wo ja einmal ein Fabrikant ein solches Wagniss untenmnmt,
das Fabrikgeheimniss ausgebildet, das in der letzten Zeit in be-
denklicher Weise an Umfang gewinnt; darum blüht bei uns die
verschlechternde Nachahmung guter Erfindungen, eine der gefähr-
XVI VORREDE.
liebsten Wucherpflanzen der Industrie, welche sowohl das Publikum
schädigt, als die wirklich gute Erfindung um ihren Kredit bringt:
darum endlich fehlen uns thatsächlich eine Menge guter Einrich-
tungen, indem auch der fremde Patentträger die Einführung seiner
Erfindung bei uns nicht als lohnend erkennt
Diejenige volkswirthschaftliche Schule, welche bei uns seit
einem halben Jahrhundert der völligen Aufhebung jedes Patent-
schutzes, auch des kümmerlichen Restes, den wir noch besitzen,
mit Erfolg zugestrebt hat, womit sie der Industrie wahrhaft zu
dienen glaubte, muss jetzt zugestehen, dass sie mit ihrem Latein
zu Ende ist, indem das Experiment die erhoffte Folge nicht gehabt
hat. Möchten die erleuchteten Pfleger der deutschen Gewerbegesetz-
gebung dieser Ueberzeugung sich nicht verschliessen ; tausend
Blicke sind deshalb erwartungsvoll auf sie gerichtet.
Indem ich nach dieser Abschweifung wieder zu meinem Buche
zurückkehre, habe ich in Bezug auf die Gesammtheit des Dar-
gelegten zu bemerken, dass ich den Stoff als ein untheilbares
Ganzes aufgefasst habe. Die einzelnen Kapitel, Sätze und Schluss-
folgerungen beziehen sich eng aufeinander. Dieser Umstand ist
vielleicht dazu angethan , vorerst die Aufnahme des Buches zu er-
schweren, da in diesem so viel Ungewohntes auf einmal erfasst
werden soll. Allein ich hätte zu viele Beweise der . Richtigkeit
einzelner Sätze schuldig bleiben müssen, wenn ich einen andern
Weg gegangen wäre. Daneben habe ich aber die Methode befolgt,
nicht sowohl aus den höchsten allgemeinen Lehrsätzen diejenigen
für den besondem Fall zu entwickeln, als vielmehr vom Leichteren
zum Schwereren voranzuschreiten, und die allgemeinsten Sätze
ganz ans Ende zu stellen. Ich hoffe, mich in der Annahme nicht*
zu täuschen, dadurch das Studium wieder erleichtert, und auch
demjenigen, der nicht unmittelbar dem Fache angehört, das Ver-
ständniss der vorgetragenen Theorie zugänglich gemacht zu haben.
Ich schliesse mit dem Wunsche, es möchte gefunden werden, dass
das unausgesetzte Streben nach der Wahrheit der oberste Leit-
stern der hier niedergelegten Untersuchungen gewesen ist
Berlin, im November 1874.
Der VerfiBUHSier.
INHALT.
Seite
Einleitung 1
Grandzüge einer Theorie des Maschinenwesens.
Erstes Kapitel. Allgemeine UmrisBe 81
§. 1. Grrenzen des Maschinenproblems 31
§. 2. Die Maschinenwissenschaft 89
§. 8. Allgemeine Lösung des Maschinenproblems 44
Zweites Kapitel. Phoronomische Lehrsätze 59
§. 4. Vorbemerkungen 59
§. 5. Relative Bewegung in der Ebene 61
§. 6. Zeitweiliger Drehpunkt oder Pol; das Polvieleck 64
§. 7. Polbahnen; cylindrische Rollung 66
§. 8. Aufsuchung der Polbahnen 68
§. 9. Reduktion der Polbahnen 73
§. 10. Drehung um einen Punkt 79
§. 11. Konische Rollung 81
§. 12. Allgemeinste Form der Relativbewegung fester Körper . . 81
§. 13. Schrotung und Rollung von Regelfiächen 82
Drittes Kapitel. Elementenpaare 89
§. 14. Verschiedene Arten von Elementenpaaren 89
§. 15. Aufsuchung der Umschlusspaare 90
§. 16. Bewegungen in den ümschlusspaaren 95
§. 17. Nothwendige und zureichende Stützung der Elemente . . 100
§. 18. Stützung gegen Verschiebung 102
§. 19. Stützung gegen Verdrehung 107
§. 20. Gleichzeitige Stützung gegen Verschiebung und Verdrehung 116
§. 21. Höhere Elementenpaare 119
§. 22. Das Bogenzweieck im Dreieck 120
§. 23. Punktbahnen des Bogenzweiecks gegen das gleichseitige
Dreieck 125
§. 24. Punktbahnen des Dreieckes gegen das Bogenzweieck . . . 127
XVIII INHALT. ^
Seite
§. 25. Figuren von konstanter Breite •. ... 130
§. 26. Das gleichseitige ßogendreieck im Rhombus 131
§. 27. Punktbahnen des Bogendreieckes gegen das Quadrat ... 133
§. 28. Punktbahnen des Quadrates gegen das Bogendreieck ... 135
§. 29. Andere Bogenscheiben von konstanter Breite : 136
§. 30. Allgemeine Aufsuchung der Elementenprofile bei gegebe-
nem Bewegungsgesetz 139
§. 31. Erstes Verfahren. Willkürliche Annahme des einen und
Aufsuchung des zugehörigen Profils 140
§. 32. Zweites Verfahren. Hilfspolbahnen 143
§. 33. Drittes Verfahren. Sekundäre Polbahnen als Erzeugende
der Profile 146
§. 34. Viertes Verfahren. Punktbahnen der Elemente als Elemen-
tenprofile 148
§. 35. Fünftes Verfahren. Parallelen oder Aequidistanten von
Rollzügen als Profile 149
§. 36. Sechstes Verfahren. Annäherung gekrümmter Profile durch
Kreisbogen. Willis'sche Methode 152
§. 37. Siebentes Verfahren. Die Polbahnen selbst als Elementen-
profile 155
§. 36. Verallgemeinerung der besprochenen Verfahrungsweisen . 155
Viertes Kapitel. Unselbständige Elementenpaare 161
§. 39. Schliessung von Elementenpaaren durch sensible Kräfte . 161
§. 40. AxoidroUung durch Kraftschluss 163
§. 41. Die bildsamen kinematischen Elemente 165
§. 42. Die Federn 169
§. 43. Schliessung von Elementenpaaren durch die kinemaÜBche
Kette 171
§. 44. Vollständige kinematische Schliessung der bildsamen Ele-
mente 176
Fünftes Kapitel. Unselbständige kinematische Ketten 179
§. 45. Todpunkte in Mechanismen. Uebersch reitung derselben
vermittelst sensibler Kräfte 179
§. 46. Ueberschreitung des Todpunktes durch Kettenschluss ... 181
§. 47. Schliessung kinematischer Ketten durch Elementenpaare • 184
Sechstes Kapitel. Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Ma-
schine 195
§. 48. Anfange und Fortbildung der Maschine 195
§. 49. Kinematisches Prinzip in der Vervollkommnung der Ma-
schine 222
§. 50. Entwicklungsweise des modernen Maschinenwesens .... 228
§.51. Die Antriebe zur Entwicklung der Maschine 238
Siebentes Kapitel. Kinematische Zeichensprache 24S
§. 52. Nothwendigkeit der Bildung einer kinematischen Zeichen-
sprache 243
§. 53. Bisherige Versuche 245
§. 64fc Verschiedene Arten der erforderlichen Zeichen 247
§. 55. Gattungs- oder Namenzeichen 248
§. 56. Art- oder Formzeichen .* 249
INHALT. XIX
Seit«
§. 57. Beziehung^zeichen 252
§. 58. Schreibang einfacher kinematischer Ketten und Mechanis-
men 255
§. 59. Abgekürzte Schreibung 260
§. 60. Schreibung zusammengesetzter Ketten 262
§. 61. Schreibung von Ketten mit Druckkraftorganen 266
§. 62. Konzentrirte Schreibung einzelner Mechanismen 268
Achtes Kapitel. Kinematische Analyse 272
§. 63. Aufgabe der kinematischen Analyse 272
§. 64. Die sogenannten einfachen Maschinen 273
§. 65. Das cylindrische Kurbel Viereck (Cjf) 282
§. 66. Die Parallelkurbeln 285
§. 67. Die Antiparallelkurbeln 288
§. 68. Das gleichschenklige Kurbelgetriebe 291
§. 69. Die cylindrische Schubkurbelkette (CJ'PJ-) 293
§. 70. Die gleichschenklige Schubkurbelkette 801
§. 71. Zapfenerweiterungen in der Schubkurbelkette 303
§. 72. Die rechtwinklige Kreuzschleifenkette (CJPX) 813
§. 73. Die geschränkte Schubkurbelkette 318
§. 74. Zusammenstellung der cylindrischen Kurbelgetriebe . . . 322
§. 75. Das konische Kurbelviereck (0^) 326
§. 76. Verminderung der Gliederzahl einer kinematischen Kette . 333
§. 77. Vermehrung der Gliederzahl einer kinematischen Kette . 341
Neuntes Kapitel. Analysirung der Kurbel-Kapsel werke 343
§. 78. Verkettung der Kurbelgetriebe mit Druckkraft-Organen . . 343
§. 79. Kurbel-Kapsel werke aus der rotirenden Schubkurbel . . . 345
§. 80. Kurbelkapselwerk aus der gleichschenkligen rotirenden
Schubkurbel 353
§. 81. Kurbelkapselwerke aus der oscillirenden Kurbelschleife . . 354
§. 82. Kurbelkapselwerke aus der rotirenden Kurbelschleife . . . 359
§. 83. Kurbelkapselwerk aus der oscillirenden Schubkurbel . . . 366
§. 84. Kurbelkapselwerke aus der rotirenden Kreuzschleifenkurbel
oder oscillirenden Kreuzschleife 368
§. 85. Kurbelkapselwerke aus der rotirenden Kreuzschleife . . . 369
§. 86. Kurbelkapselwerke aus der rotirenden Bogenschubkurbel . 371
§. 87. Kurbelkapselwerke aus der rotirenden Doppelkurbel . . . 873
§. 88. Kapselwerke aus den konischen Kurbelgetrieben ..... 375
§. 89. Kapselwerke aus der rotirenden Kreuzgelenkkurbel .... 377
§. 90. Kapselwerke aus dem oscillirenden Kreuzgelenk 381
§. 91. Kapselwerke aus dem rotirenden Kreuzgelenk 882
§. 92. Ueberblick über die gewonnenen Resultate 388
Zehntes Kapitel. Aanalysirung der Kapselräderwerke 890
§. 93. Verkettung der Zahnräderwerke mit Druckkraftorganen . 890
§. 94. Das Pappenheim'sche Kapselrad 891
§. 95. Das Fabry'sche Wetterrad 396
§. 96. Der Roots'sche Ventilator 897
§. 97. Der Payton*sche Wassermesser 399
§. 98. Das Evrard'sche Kapselräderwerk 400
§. 99. Die Repflold'sche Pumpe 401
XX INHALT.
Seite
§. 100. Das Dart'sche oder Behrens'sche Kapselräderwerk .... 403
§. 101. Das Eve'sche Kapsel räderwerk % 405
§. 102. Das Revillion'sche Kapselräderwerk 406
§. 103. Andere einfache Kapsel räderwerke 407
§. K^4. Die zusammengesetzten Kapselräderwerke 407
§. I<i5. Umlaufräder in Kapselräderwerken 410
Elfte« Kapitel. Analysimng der baulichen Elemente der Maschine 419
§. 10^3. Zusammensetzung der Maschine aus baulichen Elementen 419
§. 107. Schrauben und Verschraubungen 421
§. lOÖ. Keile und Keilverbindungen • • 425
§.109. Nieten und Nietungen, Schwund- oder ZwängA'erbindungen 426
§. 110. Zapfen, Achsen, Wellen 428
§. 111. Kupplungen 429
§. 112. Zapfenlager, Lagerstühle, Gestelle . 431
§. 113. Seile, Riemen und Ketten 435
§. 114. Reibungsräder, Riementrieb, Seiltrieb 436
g. 115. Zahnräder, Kettenräder ^'^"f
§. 116. Schwungräder 437
§. 117. Hebel, Kurbeln, Pleuelstangen ^^
§. llö. Querhäupter und Führangsgleise 439
§. 119. Sperrräder und Sperrwerke 440
§. 120. Der Rückgang im laufenden Gesperre 444
§. 121. Schaltungen .' 446
§. 122. Bremsscheiben und Bremswerke 452
§. 123. Die Aus- und Einrückungen 453
§. 124. Zusammenfassung der Methoden der In- und Aussergang-
setzung 456
§. 125. Röhren-, Dampf- und Pumpency linder, Kolben und Stopf-
büchsen 457
§. 126. Ventile 458
§. 127. Die Federn als Maschinen theile 465
§. 128. Folgerungen aus der vorgenommenen Analysirung . . • 465
Zwölftes Kapitel. Analysirung der vollständigen Maschine .... 472
§. 129. Bisherige Anschauungen 472
§. 130. Das Werkzeug 476
g. 131. Kinematische Deutung des Werkzeuges 480
§. 132. Der Rezeptor 484
g. 133. Kinematische Deutung der vollständigen Maschine . . . 490
g. 134. Kraftmaschinen und Arbeitsmaschinen 494
g. 135. Besondere Theile der vollständigen Maschine. Beschrei-
bende Analysirung öOO
§. 136. Beispiele zur beschreibenden Analysirung vollständiger
Maschinen Ö06
g. 137. Bedeutung der Maschine für die Gesellschaft 5H
Dreizehntes Kapitel. Kinematische Synthese ^^1
§. 138. Aufgabe der kinematischen Synthese ^31
§. 139. Direkte kinematische Synthese ^32
g. 140. Indirekte kinematische Synthese ^^
§. 141. Gesammtbild des synthetischen Verfahrens ^35
§.
142.
§•
143.
§•
144.
§•
145.
§.
146.
§•
147.
§.
148.
§•
149.
§.
150.
§•
151.
§•
152.
§•
153.
§•
154.
§.
155.
§•
156.
§•
157.
§•
158.
§.
159.
§.
160.
§■
161.
§•
162.
Anmerkun
Alphs
ibeti
INHALT. XXI
Seite
Synthese der niederen Elementenpaare 536
Die einfacheren höheren Elementenpaare 538
Synthese der Zahnräderpaare 540
Earvenschub-Paare 541
Zusammenfassung der Paare aus starren Elementen . . . 543
Elementenpaare mit Zugkraftorganen 544
Elementenpaare mit Druckkraftorganen 547
Zusammenfassung der Paare mit bildsamen Elementen . . 549
Aufsuchungsweise der einfachen Ketten 550
Die Schraubenkette (ÄJ) 551
Gylinderketten 554
Prismenketten 560
Die geschränkte und die schiefe Schraubenkette 561
Ersetzung der Drehkörperpaare in Ketten durch höhere
Paare 565
Die einfachen Räderketten 569
Die Eurvenschubketten 569
Die Rollenketten 572
Ketten mit Druckkraftorganen 573
Zusammengesetzte Ketten 575
Beispiele von acht zusammengesetzten Ketten 578
Schlussbemerkungen 586
gen 589
sches Register 617
EINLEITUNG.
Keuleaux, Kinematik.
L)ie nachfolgenden Untersuchungen haben den Zweck, die allge-
meinen Gesichtspunkte, unter welchen die Maschine in die Er-
scheinung tritt, aufzufinden, um 'das Gesetzmässige in der grossen
Mannigfaltigkeit, die sich dabei darbietet, festzustellen. Sie sind
daher Grundzüge einer Theorie des Maschinenwesens genannt.
Die gesammte Lehre von der Zusammensetzung der Maschine, die
Maschinen-Kinematik oder Maschinen-Getriebelehre, lässt sich näm-
lich in zwei gesonderte Theile zerfallen, von denen der erste die
theoretische, der andere die angewandte Maschinen-Kinematik um-
fasst. Der theoretische Theil ist derjenige, welcher den Gegenstand
dieser Schrift ausmacht. Er beschäftigt sich vorwiegend mit der
Feststellung der Begriffe, welche den Anwendungen der Lehre zu
Grunde liegen, und weicht von dem bisher Gebräuchlichen grossen-
theils wesentlich ab.
Da es sich somit hier vorwiegend um theoretische Unter-
suchungen handelt, scheint es, als dürfte ich auf anderes Interesse,
als dasjenige der Theoretiker des Faches vorerst kaimi rechnen.
Indessen sind ja Tlieorie und Praxis nicht, wie oft stillschweigend
angenommen wird, Gegensätze; das Theoretische ist nicht noth-
wendig unpraktisch, das Praktische nicht nothwendig unwissen-
schaftlich, obwohl beides vorkommen kann; vielmehr kann das
wahrhaft Praktische in einem wissenschaftlich aufgeschlossenen
Thätig^eitsgebiet nicht anders als mit der Theorie übereinstimmen,
wenn letztere richtig ist. Jener so populäre Gegensatz ist der-
jenige der Empirie gegen die Theorie. Dieser wird immer
bestehen bleiben und zwar je weiter die Theorie sich ausbildet,
um so mehr zum Nachtheil des empirischen Verfahrens bei seinem
Wettstreit mit dem theoretischen. Dieses letztere kann darum
dem strebsamen theoretisch gebildeten Praktiker niemals gleich-
4 EINLEITUNG.
gültig sein; indessen könnte er sich immerhin noch einige Zeit
zuwartend verhalten. Die theoretischen Fragen aber, um welche
CS sich hier handelt, sind tief eingreifender Natur; deshalb hege
ich die Hofinung, dass neben den Theoretikern auch die praktischen
Fachmänner von der neuen Richtung Einsicht nehmen möchten, und
bin ihnen beiden gleichmässig schuldig, die Gründe darzulegen i
warum ich die gebräuchlichen Anschauungen verlassen habe, und
sie durch andere ersetzen möchte.
Wenn ich den Versuch unternehme, die Theorie der Zu-
sammensetzung der Maschine auf fteue Grundlagen zu stellen,
so geschieht es in der Ueberzeugung, dass dies überhaupt nur
dann der Mühe lohne, wenn es einen wirklichen Nutzen für das
Verständniss der Maschine gewährt. Einen solchen glaube ich
aber mit Zuversicht versprechen zu dürfen. Wer die Maschine
besser versteht, wer ihrem inneren Wesen näher getreten ist, ver-
mag mehr mit ihr und durch sie zu leisten. Es darf sich nicht
bloss darum handeln, das Bekannte und oft Besprochene in neuer
Form, neuer Ordnung vorzuführen, eine neue Eintheilung, eine
neue Nomenklatur für die alten hinzusetzen. Vielleicht würde
sich nach solchen Verbesserungen der StofiF bequemer oder ele-
ganter lehren lassen; aber für den praktischen Gebrauch könnte
man sich immerhin noch eine Zeitlang mit dem Alten behelfen.
Nein, die neue Theorie muss, wenn sie Anspruch auf allgemeineres
Interesse haben will, befähigen, etwas Neues zu leisten; sie muss
Aufgaben lösbar machen, welche bisher auf systematischem Wege
nicht zu lösen waren. Man darf sagen, dass dies der Fall sein
wird, wenn es gelingt, die Maschinen-Kinematik bis zu den ein-
fachsten Sätzen herab wirklich wissenschaftlich zu gestalten.
Zwar ist auch bisher an derselben in einem gewissen Sinne
wissenschaftlich gearbeitet worden, nämlich in soweit als einzelne
ihrer Theile sich der mathematischen Behandlungsweise darboten.
Allein dies betraf, wie gesagt, nur Theile, nicht das Ganze, und
auch nicht das eigentliche Wesen der Disziplin; und die Wissen-
schaftlichkeit der Behandlungsweise gehört der Mathematik und
der Mechanik, nicht aber der Kinematik an. Diese letztere ist in
ihrem Kern, in ihren eigentlichen Grundlagen, bisher unklar
geblieben oder doch nur zufällig an einzelnen Punkten erhellt
worden. Sie gleicht dem Baume, der in einem dunkeln Thunne
heraufgewaohson ist, und seine Aeste wo er kann herausstreckt;
diese sind, da sie Luft und Licht geniessen konnten, belaubt und
EINLEITUNG. 5
blühend, der Stamm aber hat nur verkümmerte Zweige imd ver-
einzelte Blattknospen aufzuweisen.
Die erwähnten mathematischen Untersuchungen erforschen
mit dem mitgebrachten Apparat einer grossen Wissenschaft die
Eigenschaften des gegebenen Mechanismus, und haben in
dieser Richtung reiches Material aufgehäuft, welches fernerhin
nicht nur brauchbar bleibt, sondern an Werth sogar gewinnt; das
unerforschte Gebiet ist aber der andere, unstreitig tiefere Theil
der Aufgabe, die Frage: wie ist man zu dem Mechanismus, wie zu
seinen Elementen gelangt? Was ist das Gesetzmässige in dem
Verfahren, einen Mechanismus zu kombiniren? Gibt es überhaupt
hier eine Gesetzmässigkeit? Oder hat man nur einfach das ent-
gegenzunehmen, was uns die Erfindung überliefert- hat, und bleibt
als wissenschalUiche Aufgabe nur die Analysirung des so Erhal-
tenen, das gleichsam naturhistorische Verfahren übrig?
Bisher wurde so zu sagen ausschliesslich nach der letzteren
Ansicht verfahren; von einem Eindringen hinter das „Gegebene"
sind nur Spuren vorhanden. Demzufolge hat sich auf dem For-
schungsgebiete des Maschinenwesens der eigenthümliche Zustand
entwickelt, dass mit hoch ausgebildeten Hilfsmitteln an
den Resultaten menschlicher Erfiüdung, also mensch-
licher Denkkraft, gearbeitet wird, ohne dass man die
Denkprozesse, welche das Objekt selbst geliefert haben,
kennt. Mit dieser sonderbaren Unhomogenität, welche man auf
anderen Gebieten des exakten Wissens sich nicht leicht verzeihen
würde, findet map sich dadurch ab, dass man das Erfinden als
eine Art Ofifenbarung, als Folge höherer Eingebung, wenn auch
nicht gerade immer bezeichnet, so doch stillschweigend anerkennt.
Es begründet für jemanden eine besondere Art von Respekt, wenn
man von ihm sagt, er habe diese oder jene Maschine erfunden.
Sollen wir die erfundene Sache forschend kennen lernen oder
lehren, so überspringen wir den Gedankengang der Entstehung
und gehen angeblich sofort in medias res.
Wenn wir z. B. die bekannte Gelenkgeradführung von Watt,
welche er für seine Dampfinaschine erfand, oder die von Evans,
die von Reichenbach u. s. w., nach den bisherigen Methoden
betrachten, so finden wir, nachdem wir sie klassifizirt, nichts
anderes zu thun, als die Bewegungsgesetze zu ermitteln, welchen
diese Mechanismen gehorchen, ihre günstigste Konstruktion fest-
zustellen, und, wenn es hoch kommt, ihre -gegenseitige nähere Ver-
6 EINLEITUNG.
wandtschaft zu beleuchten. Wie aber die Erfinder zu denselben
gelangten, lassen wir unerörtert, vorbehaltlich des Gefühlsinteresses,
welches wir für diesen Punkt mitbringen. Wir belauschen wohl
mitunter gern das Genie in seiner Gedankenwerkstatt, aber doch
mehr aus Neugier, als um zu forschen. Und doch scheint es nach
dem Obigen, als müssten wir hier um einen wesentlichen Schritt
weiter kommen können. Versuchen wir s.
Watt hat uns in Briefen einige Andeutungen über den Ge-
dankengang, welcher ihn gerade zu dem oben angeführten Mecha-
nismus leitete, hinterlassen. „Die Idee," so schreibt er im No-
vember 1808 an seinen Sohn, „entstand in folgender W^eise. Da
ich die doppelten Ketten oder die Zahnbogen und Zahnstangen
sehr ungeeignet dazu fand, die Bewegung der Kolbenstange
auf die Winkelbewegung des Balanciers zu übertragen, gieng ich
ans Werk zu versuchen, ob ich nicht Mittel und Wege finden
könne, dasselbe durch Bewegungen um Achsen zu ermöglichen,
Fig. !♦).
und nach einiger Zeit fiel mir ein, dass, wenn AB und CD zwei
gleiche Radien sind, welche sich um die Mittelpunkte B und C
drehen, und durch eine Stange AD verbunden sind, bei der Be-
wegung durch Bogen von gewisser Länge gleiche und entgegen-
gesetzte Abweichungen von der geraden Linie haben würden, und
dass der Punkt E eine nahezu gerade Linie beschreiben würde,
sowie dass, wenn der Radiu^i CD der Zweckmässigkeit halber nur
halb so gross wie AB gemacht wäre, dasselbe stattfände, wofern
man den Punkt E näher nach D rückte, und hieraus wurde die Kon-
struktion, welche man später die Parallelbewegung genannt hat,
abgeleitet. Obgleich ich nicht übertrieben ruhmbegierig bin, so
bin ich doch stolzer auf die Parallclbewegung, als auf irgend eine
andere mechanische Erfindung, welche ich jemals gemacht habe.**
•) Facsimile aus Watt*» Brief.
EINLEITUNG. 7
So interessant dieser Brief ist, so enttäuscht er bei näherer
Prüfung uns wohl ebenso, wie er den Fragesteller enttäuscht haben
mag. Wir erfahren wohl die Motive und einige Endresultate der
suchenden Anstrengungen, bekommen aber nichts von einem metho-
dischen Gange zu hören. Man hat übrigens zu bedenken, dass die
Schilderung 24 lange Jahre nach der Erfindung gemacht ist, dass
also Reflexion und Erinnerung ineinander gegriffen haben müssen,
Unmittelbarkeit demnach nicht möglich war. Weit lebendiger
äussert sich Watt in einem Briefe an Boulton 1784, wo er diesem
die erste Idee mittheilt:
„Ich habe ein neues Wild auf dem Korn," schreibt er. „Ich
habe den Schimmer von einer Methode, nach welcher eine Kolben-
stange veranlasst werden kann, senkrecht auf und nieder zu gehen,
indem man sie bloss an einem Stücke Eisen am Balancier befestigt?
ohne Ketten, ohne senkrechte Schienen, oder lästige Reibungen,
Bogenköpfe oder andere schwerfallige Stücke, durch welche Vor-
richtung, wenn sie völlig der Erwartung entspricht, gegen 5 Fuss
an der Höhe des Maschinenhauses bei 8 Fuss Hub erspart werden
wird, was ich als eine wesentliche' Erspamiss anseht; und sie kann
so gut für doppeltwirkende als für einfachwirkende Maschinen
gebraucht werden. Ich habe erst ein kleines Modell versuchsweise
ausgeführt, nach welchem noch nicht gebaut werden kann
doch bitte ich, nichts von der Sache zu sagen, bis ich die Patent-
spezifikation einreiche"!).
Sieht man sich die angezogene Patenterläuterung näher an,
so findet man darin nicht weniger als sechs Methoden der Gerad-
führung aufgeführt, darunter auch die obigen gescholtenen „Schie-
nen", „Bogenköpfe" u. s. w.; zwei der Methoden fallen auf die
beiden Formen, welche unser Mechanismus annehmen kann. Merk-
würdigerweise ist eine von den sechsen, die zu dem eigentlichen
Wattischen Lenker überleitet, die Reichenbach'sche Gerad-
fühning. Watt hat dieselbe offenbar nicht erkannt; sie ist ihm
später wieder völlig entschlüpft, was man begreift, wenn man die
Zusammenstellungen von plumpen Holzbalken und roh geschmie-
deten Stangen betrachtet, als in welchen damals der elegante
Mechanismus verwirklicht wurde.
Man sieht, die eigentliche Aufklärung bleibt uns selbst ein
Denker wie Watt schuldig. Doch bemerken wir zugleich, dass bei
dem Erfinder unter dem Zuströmen der Ideen sich der eine Ge*
8 EINLEITUNG.
danke immer aus dem anderen entwickelt hat, dass eine wahi-e
Stufenleiter von Ideen durchlaufen, dass durchaus schrittweise
unter Arbeit und Kampf bis zum Ziele vorgedrungen wurde.
Das Anlangen daselbst gewinnt uns um so mehr Achtung vor dem
Kopfe ab, als derselbe auf dem betreffenden Gebiete so zu sagen
nichts vorfand. Aber von Eingebung oder augenblicklicher Er-
leuchtung ist niclrts zu entdecken; es heisst oben: „und nach
einiger Zeit fiel mir ein,*^ was nur zeigt, dass unausgesetztes
Suchen, fortwährendes Verfolgen des Gedankens vorangegangen
war. „Indem ich fortwährend darüber nachdachte," antwortete
Newton auf die Frage, wie er zu dem Gesetz der Gravitation
geführt worden sei. Wie trifft auch wieder Göthe den Nagel auf
den Kopf mit seinem Spruch:
„Was ist Erfinden? Es ist der Abschluss des Gesuchten."
Freilich bleiben uns die Bindeglieder der einzelnen Gedanken
fast ganz verborgen; wir müssen sie erst hineinkonstruiren. Wir
sehen das Ganze gleichsam wie ein nur leicht skizzirtes oder sehe«
halb verwischtes Bild vor uns; und auch der Maler selbst hat uns
kaum mehr Aufschluss darüber zu geben vermocht, als wir uns von
aussen verschaffen konnten. In der That ist der Vergleich in mehr
als einem Punkte zutreffend. Auf jedem neuen Gebiete geistiger
Schöpfung schafft der Erfinder ähnlich, dem Künstler.
Mit leichtem Fuss überschreitet das Genie die luftigen Bauwerke
von Schlüssen, die es zu dem neuen Standpunkte jeweilig liinge-
spannt hat Rechenschaft von Künstler und Erfinder über ihre
Schritte zu begehren, ist zu Zeiten völlig unrichtig *).
Aehnliche Beobachtungen wie die am einzelnen Fall kann man
in der säkularen Erfindungsgeschichte machen, wo man den Geist
ganzer Zeitalter an der Her\'orbringung neuer Dinge beschäftig
sieht. Die Erfindung der Dampfmaschine z. B. zieht sich
durch ein Jahrhundert hin**), ohne andere als solche Schritte zu
machen, welche um nichts vorausgehen der nothwendigen Ent-
wicklung auf anderen Wissensgebieten.
In Galilei's Schule, wo die Fallgesetze zuerst den scho-
lastischen Nebel, der alles Wissen bedeckte, wie ein Lichtstrahl
durchbrachen, beginnt im Anfang des 17. Jahrhunderts die be-
obachtende Naturwissenschaft, mit deren Entwicklung die Erfin-
*) „An meineu Bildern uiüsst ihr nicht schnüffeln, clie Farben sintl
ungeüund," »agte Rembrandt. — **) Vergleiche meine kurzgefaßt« Ge-
vcliichte der Dampftnasclune. Braonschweig 1864.
EINLEITUNG. 9
dung der Dampfmaschine untrennbar verknüpft ist. Nicht Zufall
ist es, dass die Stätte eine durch freigiebigste Kunstentfaltung aus-
gezeichnete ist; Kunst und Wissenschaft gedeihen mit einander
auf reichem Boden. Ist es doch, als hätten die stolzen Pisaner
ihren Marmorthurm nur für Galilei's Fallversuche schief gebaut.
In Florenz, 1643, entdeckte Galilei's gereifter und doch jugend-
frischer Jünger Toricelli die Luftschwere. Alsbald hebt sich ein
Streifen und Lärmen zur Bettung des horror vacui und des ganzen
bedrohten Anhangs der Perrückenweisheit. Der Schwerpunkt der
Dispute und Forschungen geht 1646 von Toscana nach Frankreich
über, als Pascal die Frage aufnimmt, und nach einiger Zeit ganz
zu den Neueren übergeht. Er veranlasst die denkwürdige erste
ßarometermessung auf dem Puy-de-D6me 1648. Sie war entschei-
dend, und die Friedensglocken von Münster und Osnabrück läute-
ten auch den Triumph der jungen Wissenschaft ein.
Nun wendet sich die geographische Linie, in welcher das
Zentrum der neuen Bestrebungen sich bewegt, nordöstlich, nach
Deutschland, in das Land des grossen Kurfürsten. Die Tilly's
hatten Magdeburgs geistiges Leben nicht zu vernichten vermocht.
Sein Otto von Guerike fuhrt 1650 ein neues Moment in die
physikalische Tagesfrage ein, nämlich dasjenige der Kraft, welche
der atmosphärische Druck auszuüben vermag. Er weist diese
mit der Luftpumpe und anderen Experimentir-Apparaten wissen-
schaftlich und populär nach. Nun beginnt aller Orten ein Suchen
nach Mitteln, durch einfache Herstellung der Luftleere die in der
Atmosphäre steckende gewaltige Kraft verfügbar zu machen.
Lange will nichts Hechtes gelingen; endlich wird 1696 durch
Papin in Marburg die Lösung gefunden: Niederschlagung von
Wasserdampf in einem Cylinder mit Kolben. Die Dampf-
maschine war erfunden. Papin, ein wirklicher ächter Forscher,
der auf die verschiedenste Weise dem Problem beizukommen
getrachtet, auch eine Reihe anderer bemerkenswerther Erfindun-
gen gemacht hat, ist der wahre 'Erfinder der Dampfmaschine. Aber
seine Vorrichtung war noch sehr unvollkommen und unpraktisch;
es bedurfte einer Ueberführung des trefflichen Gedankens aus den
gelehrten Kreisen und den lateinischen Abhandlungen in das
wirkliche Leben. Dem unsicheren Papin gelang diese Ueber-
führung nicht, er kam nicht über die Anfänge hinaus. Unfertig
steht sein erster grosser Dampfcylinder als Denkmal im Hofe des
Museums zu Kassel. Aber sein Gedanke wendet sich über den
1 0 EINLEITUNO.
Kanal zu den Engländern hin, und zwar unmittelbar in die arbei-
tenden Kreise hinein. Die Handwerker.Newcomen und Cawley
machen 1705 aus der Maschine ein brauchbares Werk, das sie zur
Wasserhebungsmasclüne gestalten und bald in Bergwerken zur
Verwendung bringen.
Der Erfindungsgeist ruht aber nun aus, gleichsam erschöpft
von den Anstrengungen der letzten Jahre. Indessen, die Ruhe ist
auch geboten, da es an geistigem Werkzeug zum Fortarbeiten
fehlt. Von der Wärme, dem unentbehrlichen Hilfsmittel, weiss
man zu wenig, kann sie nicht einmal messen. Erst muss dem
Thermometer die nöthige Vervollkommnung gegeben werden, erst
muss die Wärmetheorie um wichtige Schritte gefordert sein. Dann
kommt gegen 1763 Watt mit seinem überwältigenden Genie, um in
kurzer Zeit die Maschine, welcher er eine ganze Reihe mechanisch-
kipematischer Erfindungen zuführt, auf feine hohe Stufe der Voll-
kommenheit zu bringen, und auch die beeinflussenden Wissens-
gebiete wesentlich zu bereichem. Von da ab rasch sich mehrende
Anwendung imd steigende Entwicklung der Maschine, namentlich
in die Breite, Verbesserungen durch tausend Köpfe und taiisend
Hände, bis sie heute sowohl hoch vollkommen, als auch förmlich
Gemeingut geworden ist.
Ich habe in dieser gedrängten Skizze alles das ganz übergangen,
was Humboldt den „unheimlichen Hader über Prioritätsrecht**
nennt. Fast möchte man bei einem solchen nur ganz summarischen
Ueberblick an eine ganz selbstthätige Entfaltung der Ideen glau-
ben, wenn nicht die einzelnen energischen Fortschritte das Eingrei-
fen hervorragender Begabungen bemerklich machten, und uns von
der Bedeutung des Genies für die Weiterbildung des Geschlechtes
immer aufs neue überzeugten. Durchgängig aber sehen wir die
eine Idee sich aus der anderen entwickeln, wie das Blatt aus der
Knospe, aus der Blüte die Frucht, gerade so, wie in der Natur über-
haupt jede neue Schöpfung sich aus ihren Vorstufen herausbildet.
Ich glaube in dem Vorigen bewiesen zu haben, dass in jedem
Erfinden eine mehr oder weniger deutliche logische Gedankenfolgo
enthalten ist. Je weniger dieselbe von aussen sichtbar wird, desto
höher stellt unsere Bewunderung den Erfinder, und dieser verdient
auch um so mehr Anerkennung, je weniger er die Mittel- und
Zwischenglieder ausgearbeitet vorfand. Heute, wo den technischen
Fächern in so enormem Maasse wissenschaftliche Hilfsmittel zu-
geführt sind, werden Fortschritte von ganz bedeutender absoluter
EINLEITUNG. 11
Grösse häutig gemacht, jedoch bei weitem nicht so hoch anerkannt,
als vor Jahrzehnten. Alles liegt höchst natürlich und einfach vor
uns und ist für Kräfte mittlerer Qualität begreifbar und erreich-
bar. Das relativ Grosse, was dem besonder^ Begabten gelingt,
fördert darum aber auch weit mehr als je zuvor, und daraus haben
wir uns die scheinbar fieberhaft schnelle Entwicklung auf den
technischen Gebieten zu erklären. Sie beruht nicht^ auf der
gesteigerten geistigen Leistungsfähigkeit des Geschlechtes, sondern
nur auf der Ausbildung und Verbreitung der geistigen Werkzeuge.
Diese haben sich, ähnlich denjenigen der neueren mechanischen
Werkstätten, aufs mannigfaltigste gemehrt — die Leute, die damit
arbeiten, sind die alten geblieben.
Kehren wir nun zu unserem eigentlichen Gegenstande zurück
und betrachten einmal etwas strenger historisch, was denn bisher
für die theoretische Kinematik geschehen ist Fürchte der Leser
nicht, dass ich hier den Staub von alten Pergament-Folianten auf-
wirbeln wolle, um aus dürren Jahreszahlen das Fundament einer
Wissenschaft aufzubauen. Wir suchen nur nach den Anfängen
des Gedankens unseres Gegenstandes, und dieser feine Stoff kann
ohne Aufstörung der Motten aus den alten Bänden ausgezogen
werden.
Li früherer Zeit betrachtete man jede Maschine als ein Ganzes,
bestehend aus ihm eigenthümlichen Theilen; jene Gruppen von
Theilen, welche wir Mechanismen nennen, sah das geistige Auge
an der Maschine noch gar nicht oder nur selten. Eine Mühle war
eine Mühle, ein Pochwerk ein Pochwerk und nicht zugleich etwas
anderes. Deshalb beschreiben die älteren Bücher jede Maschine
von Grund aus bis zu Ende. So z. B. erläutert Ramelli, 1588,
verschiedene durch Wasserräder betriebene Pumpen immer aufs
neue vom Obergraben des Rades oder gar vom Flusse an bis zum
Aussgussrohr der Pimipe. Der Begriff „Wasserrad" ist allerdings
so ziemlich vorhanden; man begegnete doch solchen Rädern auf
Weg und Steg; allein der Begriff „Pumpe" und deshalb auch das
W^ort dafür fehlt ihm noch gänzlich 2). Es gehört auch in der
That ein schon vorgeschrittenes Denken über einen Gegenstand
dazu, um an dem Besonderen desselben das Allgemeine zu
sehen, der erste Unterschied des wissenschaftlichen Denkens vom
gewöhnlichen. Erst bei Leupold, 1724, finden wir eine Abtren-
nung einzelner Mechanismen von den Maschinen vor, welche für
sich, nur mit nebensächlicher Rücksicht auf ihre mannigfachen
12 EINLEITUNG.
Verwendungen betrachtet werden. Weit entwickelt wird allerdings
der Gedanke noch nicht Dies erklärt sich daraus, dass damals
die Maschinen noch nicht einem besonderen Lehrzweige zugewie-
sen waren; sie fielen zu jener Zeit noch dem Lehrkreise der Physik
im weiteren Sinne zu. Sobald aber die erste polytechnische
Schule gegründet wird — es ist die Pariser, 1794 — sehen wir
die schon angebahnte Sonderung der Bewegungsmechanismenlehre
von der allgemeinen Maschinenlehre sich systematisch vollziehen.
Diese Sonderung knüpft sich an Monge's und Carnot's
berühmte Namen. Der Lehrzweig wurde als Unterabtheilung der
darstellenden Geometrie aufgefasst, welcher er übrigens nach
und nach aus der Hand gegangen ist. Nach den von Monge
gegebenen Umrissen entwarf Hächette, welcher den Unterricht
zu ertheilen hatte, und 1806 begann, ein Programm, dessen Rah-
men 1808 durch Lanz und Betancourt in ihrem Essai sur la
composition des machines ausgefüllt wurde. Monge hatte als
„Elemente der Maschinen" die „Mittel zur Verwandlung der
Bewegung" bezeichnet. Er verstand unter diesen „Mitteln''
Mechanismen, und gründete auf diese Anschauung die Ordnung
der Mechanismen nach den möglichen Kombinationen aus vier zu
Grunde gelegten Bewegungsarten, nämlich: geradlinig fort-
schreitend und wiederkehrend, und kreisförmig fort-
schreitend und wiederkehrend. Es entstanden bei Weglassung
der Wiederholungen die folgenden zehn Klassen, enthaltend die
Mechanismen für die Verwandlung von:
Geradlinig fortschreitend in
' geradlinig fortschreitend,
„ wiederkehrend,
kreisförmig fortschreitend,
„ wiederkehrend.
geradlinig wiederkehrend,
kreisförmig fortschreitend,
„ wiederkehrend.
geradlinig wiederkehrend,
kreisförmig wiederkehrend.
>
Kreisförmig wiederkehrend in kreisförmig wiederkehrend.
Kreisförmig lortschreitend in
Geradlinig wiederkehrend in
Dieses Schema oder „System", wenn man will, lässt sich
erweitem, und ist in der zweiten Auflage 1819 erweitert worden
EINLEITUNO. 1 3
durch Einfuhrung anderer Urbewegungen, nämlich der kurven-
förmig fortschreitenden und wiederkehrenden Bewegung, wobei
statt 10 Klassen deren 21 entstehen, am Prinzip aber nichts geän-
dert wird; dasselbe ist mit unwichtigen Abweichungen bis heute
in ziemlich allgemeiner Anwendung geblieben und hat sich somit
die Sanktion einer vielseitigen Anerkennung erworben. Hächette
selbst, der an dem L anzusehen Werke*) mitgearbeitet, schloss sich
ihm in seinem 1811 zuerst erschienenen Traite ielementaire des
machines ganz bedingungslos an. Weniger befriedigt, oder eigent-
lich so zu sagen ablehnend verhält sich Borgnis 1818 in seinem
Traite complet de mecanique; er fasstdie Aufgabe allgemeiner
auf als seine Vorgänger, und will eine Eintheilung der Maschinen-
organe in sechs Klassen durchgeführt wissen. Sie sind: Kraftauf-
nehmer (recepteurs), Uebertrager (communicateurs). Ab-
änderer (modificateurs), Gestelle (supports), Regulatoren (re-
gulateurs), und Werkzeuge (Operateurs). Er bekümmert sich
dabei nicht um die Bewegungsverwandlung als um ein Haupt-
prinzip, ordnet vielmehr nach ihr nur die Unterabtheilungen. Man
hat übrigens sein System nicht als ein solches aufgefasst, welches
dem von Monge gegnerisch gegenüberstände, sondern hielt seine
Eintheilung für eine für die allgemeine Maschinenlehre bestimmte
und hierzu mehr oder weniger geeignete. Einige Hauptzüge des
Borgnis'schen Schemas sind auch zum Gemeingut erhoben wor-
den. Es sind diejenigen von Rezeptor, Transmission und
Werkzeug, welche durch die glänzenden Arbeiten von Coriolis»)
und Poncelet*) zu wahren Grundsäulen, man möchte fast sagen
Glaubensartikeln der modernen Maschinenlehre erhoben worden
sind. Auf die Gefahr, in den Geruch der Ketzerei zu gerathen,
muss ich hier schon bemerken, dass diese Grundanschauungen der
Maschinenlehre einer wesentlichen Modifikation bedürfen. Der
ehrwürdige Nestor der angewandten Mechanik möge die Skepsis
verzeihen: Amicus Plaio^ sed magis amica ventas\*) Wir werden
uns später die Mittel zur Prüfung jener Anschauungen verschaffen.
Jetzt aber ist schon klar, dass diese Gruhdlehren nicht ausserhalb
des Gebietes der Mechanismenlehre fallen können, da sie eine so
wichtige Rolle bezüglich der Bewegungen der Maschinenorgane
*) Dieses erschien 1840 in dritter Auflage, welche eine wenig vermehrte,
in schönerer Ausstattung auftretende Wiederholung der zweiten ist.
**) Poncelet ist, seit die obigen Zeilen geschrieben sind, auH der Reihe
der Lelx'nden geschieden.
14 EINLEITUNG.
spielen. Das Borgnis'sche Werk ist heute, ausser Kurs; seine
Klassifikationen der Maschinen und deren Organe haben wenig
Früchte getragen; sie bieten grösstentheils dem Leser doch kaum
mehr, als ein einigermaassen geordnetes Gedächtnisswerk. Dennoch
werden wir später finden, dass hinter einzelnen seiner Gedankeu
mehr steckte, als man angenommen hat.
1830 trat für die Mechanismenlehre eine bedeutsame Wen-
dung insofern ein, als ihre philosophischen Grundlagen einer kri-
tischen Untersuchung unterworfen wurden; dies geschah durch
den grossen Physiker Ampere in seinem Essai sur la Philo-
sophie des sciences. Ampere weist der von Monge und
Carnot geschaffenen Disziplin den Rang einer Wissenschaft dritter
Ordnung in seinem Systeme der Wissenschaften zu und sucht ihr
Gebiet genau zu begrenzen. Er knüpft dabei an den L anzusehen
Essai an, und sagt u. A.: „Sie (diese Wissenschaft) muss daher
eine Maschine nicht, wie man gewöhnlich thut, definiren: als ein
Instrument, mit Hilfe dessen man Richtung und Inten-
sität einer gegebenen Kraft verändern kann, sondern als
ein Instrument, mit Hilfe dessen man Richtung und Ge-
schwindigkeit einer gegebenen Bewegung verändern
kann." Er will aus den Untersuchungen, welche die Wissenschaft
anstellt, die Kräfte vollständig verbannt wissen, und sagt femer:
„Dieser Wissenschaft, in welcher die Bewegungen an sich betrach-
tet werden, so wie wir sie an den uns umgebenden Körpern, und
insbesondere an den Apparaten beobachten, welche Maschinen
genannt werden, habe ich den Namen Kinematik (Cinema-
tique) von Tuvrjfia Bewegung gegeben." Er muntert dann später
dazu auf, diese Wissenschaft in Lehrbüchern zu behandeln, denen
er eine grosse Nützlichkeit voraussagt. Auf weitere Detaillirung
ist er nicht eingegangen.
Ampere 's Anregung ist folgenreich gewesen, indem die Ki-
nematik als gesonderte Disziplin zunächst in Frankreich an zahl-
reichen Stellen eingeführt wurde, auch die einschlägige Literatur
nach einiger Zeit sich sehr zu beleben begann. Der vorgeschla-
gene Name fand in Frankreich die willfährigste Aufnahme, und
ist auch anderweitig mehr oder weniger heimisch geworden*).
Bezüglich der wissenschaftlichen Begrenzung und der wesentlichen
Richtung wurde indessen die wünschenswerthe Klarheit nicht
zugleich erzielt.
EINLEITUNG!. 1 5
Das nächste grössere selbständige Werk sind Willis^' Prin-
ciples of meehanism, 1841, ein treffliches Buch, reich an gedie-
genen Mittheilungen aus der angewandten Kinematik und voll von
Gedanken in Bezug auf deren inneren Zusammenhang. Im System
weicht es von Monge ab. Willis findet, dass das Schema des
Lanz'schen Essai „trotz seiner scheinbaren wissenschaftlichen
Schlichtheit" doch mehr nur eine „gemeinfassliche Eintheilung"
sei Er findet ausserdem bei Lanz u. Betancourt einen Wider-
spruch mit Ampere's Definition in dem Umstände, dass sie die
Wasserräder, Windmühlen etc. mit in den Kreis der Mechanis-
men gezogen, und will als reine (jmre) Mechanismen nur solche
gelten lassen, welche aus festen Körpern bestehen. An diesen
Mechanismen hebt er die wichtige Eigenschaft hervor, dass sie
nicht die wirklichen Bewegungen nach Richtung und Geschwin-
digkeit bestimmen, wie Monge sagt, sondern nur das Verhältniss
der an den Maschinen vorkommenden Bewegungen nach den
genannten beiden Beziehungen. Je nachdem diese Eigenschaften,
beide beständig, beide veränderlich oder die eine beständig,
die andere veränderlich ist, fällt bei ihm der Mechanismus in
eine von nur drei Klassen, welche einige Unterabtheilungen je
nach den benutzten Uebertragungsmitteln besitzen.
An Willisens Bemerkungen, die durchweg den Stempel
scharfsinniger nnd ernster Forschung an sich tragen, ist viel Rich-
tiges, aber auch mehreres Unrichtige, wie namentlich der Aus-
schluss der hydraulischen und verwandten Maschinen. Ich werde
darauf zurückkommen. Beächtenswerth bleibt auf alle Fälle, dass
die Klassifikation von Willis in dessen eigenem Vaterlande keine
Wurzeln geschlagen hat, dass man vielmehr allmählich wieder in
die ausgetretenen Pfade des Lanz'scheiu Schemas eingelenkt ist
und darin heute wohlgemuth weitertrabt*).
In Italien trieb die Ampere'sche Aussaat ebenfalls erfreu-
liche Blüten: Giulio hat in seiner Ginematica applicata alle
arti, einem Lehrbuche für technische Schulen, welches zuerst
1847 unter etwas anderem Titel erschien, seinem Vaterlande ein
*) Seit der ersten Yeröffentlichong der obigen Bemerkungen ist die
zweite Auflage des Willis 'sehen Werkes erschienen (London 1870). Dieselbe
zeigt bedeutende Fortschritte gegenüber der ersten, ist indessen den ange-
führten Grundsätzen in allen wesentlichen Punkten treu geblieben; sie bestä-
tigt ausserdem insofern meine Ansicht, als Willis unter Beibehaltung der
Sätze deren Ordnung umgestellt hat.
16 EINLEITUNG.
wertlivoUes Geschenk hinterlassen. Das Buch knüpft in geist-
reicher Weise die Kinematik an die Mechanik an, folgt aber in
sachlicher Beziehung ziemlich getreu Willis, nicht ohne den Ver-
such, die von diesem gestrichenen hydraulischen Maschinen wie-
der heranzuziehen, was allerdings nur unvollständig gelungen ist
Es weht ein feiner geistiger Hauch durch. das Buch, was um so
mehr anzuerkennen ist, als die Schrift auf die Tragweite einer nur
elementaren Vorbildung in der Mathematik berechnet war. Der
straflFe. und für sich selbst sprechende mathematische Ausdruck
musste deshalb sehr häufig durch Umschreibung ersetzt werden, ein
Verfahren, welches ein tieferes Verständniss seitens des Autors
voraussetzt, als manche formelreiche Bücher erfordern, in denen
die mathematische Maschine geräuschvoll arbeitet
1849 unternimmt es Laboulaye in seiner Cinematique.
ebenfalls aus Ampere'scher Anregung heraus die Mechanismen-
lehre vollausgebildet, hinzustellen. Er verwirft wieder entschieden
Willisens Beschränkung auf die aus festen Körpern gebildeten
Mechanismen, und zeigt auch, dass Ampere Unmögliches forderte,
als er die Kräfte so kategorisch aus der Kinematik verwies. Ausser-
dem will er auch neue theoretische Gesichtspunkte von allgemei-
nem Karakter unterlegen. Sie bestehen darin, dass nach ihm sänunt-
liche „Maschinenelemente" in drei Klassen zerfallen, welche er:
Systeme levier,
Systeme tour,
Systeme plan
nennt. Sie sollen entstehen, je nachdem 1, 2 oder 3 und mehr
Punkte eines bewegten Körpers jeweilig festgehalten (inebran-
lables) sind. Diese „Systeme" aber decken in der That die
Aufgabe nicht; auf den Beweis hiervon werden wir an der geeig-
neten Stelle stossen. Auch hat ihr Urheber keine wirklich ent-
scheidende Verwendung von ihnen gemacht, ohne Zweifel in dem
Gefühl, dass nicht genug damit' gefördert sei. Vielmehr kelirt er
für die angewandte Kinematik wieder zu dem mit geeigneten
Unterabtheilungen versehenen L anzischen Schema zurück. Ja
er geht darin so weit, dass er Monge's Eintheilung a priori kon-
struiren, sie also als die wahrhaft wesentliche Grundlage des
Ganzen erweisen will. Laboulaye hat mit diesem philosophischen
Versuche der wissenschaftlichen Kinematik keinen Dienst erwiesen,
da er seinen Adepten dadurch die fernere Foi'schung abschnitt, um
HO mehr als sein Beweis in scheinbar überzeugender Form geführt
EINLEITUNG. 1 7
ist Jene aprioristische Konstruktion lässt sich allenfalls auf ein
Schema der Bewegung des Punktes anwenden, deshalb gilt sie
aber nicht von den Bewegungen des Körpers oder Punkt-
systemes. Im übrigen ist Laboulaye's Buch sehr brauchbar
und hat ohne Frage viele nützliche Kenntnisse verbreitet; zuge-
standener Maassen fusst es im praktischen Theile auf dem unend-
lich fleissigen Willis, dem es sogar mitunter bis in die Irrthümer
anhängt
Auch Morin hat in einem für den elementaren Unterricht
bestimmten kleinen Bande 1851 die kinematischen Hauptlehren
zusammengestellt, ein Buch, welches in den späteren Auflagen
Notions geometriques sur les mouvements heisst Dasselbe
ist in sehr verständigem Sinne äusserst anspruchslos abgefasst,
und enthält einige treffliche leitende Gedanken, bleibt aber der
Hauptsache nach dem Schema von Monge getreu.
In Deutschland geschah in dem besprochenen Zeiträume für
die Entwicklung der theoretischen Kinematik so zu sagen nichts.
Weisbach in seinem Artikel „Abänderung der Bewegung" in
Hülsse's Encyklopädie, 1841, blieb gänzlich bei dem Lanz'schen
Schema stehen; seine ausgebreitete wissenschaftliche Thätigkeit
hatte bekanntlich auch eine ganz andere Richtung. Von Redten-
b ach er hätte man am ersten Neues erwarten dürfen, da er sich
mit den Mechanismen nachhaltig beschäftigt hat. Ein hoch philo-
sophischer Kopf wie er war, empfand er auch staric das Unzuläng-
liche des Systems von Monge; aber, weit abgezogen zuerst durch
die Schöpfung des gesonderten wissenschaftlichen Maschinenbaues
und später durch seine Arbeiten für die physikalische Mechanik,,
verwarf er dasselbe, ohne etwas Neues dafür hinzusetzen. Er
hielt dafür, dass ein wahres System für die Mechanismenlehre
nicht möglich sei, dass man vielmehr nur nach der praktischen
Brauchbarkeit ordnen könne, und übrigens selbstverständlich
mathematisch zu operiren habe. Dieser Nihilismus steht zwischen
den Zeilen seines schätzbaren Werkes: die Bewegungsmecha-
nismen, 1857, worin er die Mechanismen der Karlsruher Modell-
sammlung beschreibt und theoretisch behandelt. Dass dieses
Werk, systemlos wie es ist, eine nicht unbeträchtliche Verbreitung
gefunden hat, zeigt, dass unser technisches Publikum ein lebhaftes
Bedürfhiss nach theoretischer Klärung des Gegenstandes empfindet.
Inzwischen hatte in Frankreich auf dem geometrischen Ge-
biete ein für die Kinematik wichtiger Vorgang stattgefunden. Es
ReuleBux, Kinematik. o
1 8 EINLEITUNO.
wurde durch Chasles und namentlich Poinsot die schon im
vorigen Jahrhundert durch Euler entwickelte geometrische
Betrachtungsweise der Bewegung fester Körper wieder aufgenom-
men und bald weiter entwickelt Vornehmlich gaben Poinsot' >
Theorie de la rotation des corps und seine Theorie des
cönes circutaires roulants einen lebhaften Anstoss zur An-
wendung der geometrischen Darstellungsweise auch auf die Me-
chanismenlehre. Die Euler'schen Sätze, welche bis dahin nur
als interessante theoretische Auffassungen so nebenher aufgeführt
wurden, gestalteten sich bei den französischen Kinematikem bald
zu Grund- und Hauptlehren. Sie hauchten der etwas träge
gewordenen Disziplin neues Leben ein. Unter ihrem Eindruck
entstanden Girault's Elemens de geom. appl. ä la traD>-
formation du mouvement 1858, Belanger's Cinematique
1864, Haton's Traite de mecanismes I8G4, die beiden ersteren
namentlich lehrreich im geometrischen, also theoretischen Theile,
letzteres wegen der versuchten Anwendungen der Theorie auf die
Mechanismen selbst Alle drei Bücher aber, gut und bedeutend
wie sie sind, gerathen, sobald sie das Gebiet der Anwendungen
betreten, in die alten Schwierigkeiten der Klassifikation. Sie
weichen sämmtlich von Monge ab, da die Unzulänglichkeit de>
„ancien Systeme** im Lichte der neuen Anschauungen sich zu
krass herausstellt; dennoch aber bleiben sie wohl oder übel darin
theilweise stecken. Untereinander sind sie wieder verschieden,
und schwanken jedes auf seine Art zwischen Monge und Willis
hin und her. Girault und Belanger legen als Haupteintheilun^
die Bewegungsverwandlung, aber in ganz verschiedener Weise
zu Grunde, und nehmen die Verschiedenheit der Ueber tragungs-
mittel als Unterabtheilungen, Belanger unter Zuziehung von
W^illisens Geschwindigkeitsverhältniss. Haton erkennt dit-
Mängel des alten Systems, und führt z. B. an, dass man in dem-
selben die Zahnräder, wenn man sie prinzipiell richtig eingeord-
net annehme, fast in sämmtlichen 21 Klassen zu suchen haben wünl»* .
er kehrt den Spiess um, indem er als Haupteintheilungsgrund %lv
Uebertragungsmittel nimmt. Sie fuhren ihn auf neun Klassen,
wovon die ersten sechs: Leitrollen, Gleitschienen, Exzen*
trika, Zahnräder, Pleuelstangen, Riemen sind; die drei
letzten fuhren die fatale gemeinsame Bezeichnung: appareiK
a c c e s 8 o i r e 8. Es hat also ein ganzes Drittel der Gegenstände gleich-
sam als Anmerkinig, unter dem Strich, mitgetheilt werden ranssin
EINLEITUNa. 19
Diese ganze neuere Richtung, deren anderweitige Erzeugnisse
ich übergehe, hat es also nicht zu einer gemeinsamen Auffassung
der angewandten Kinematik gebracht. So etwas ist misslich,
und wirkte auch entsprechend in Frankreich. Die der reinen
Wissenschaftlichkeit Zugeneigten hielten sich überzeugt, dass nun
dennoch auf dem Gebiete der Anwendungen nichts zu machen sei.
Sie geriethen auf Redtenbacher's Nihilismus, und so entstand
eine Trennung der „Cinematique pure" von der „Cinematique
appliquee". Von ersterer Richtung ist ResaPs Cinematique
pure 1862, ein Buch, welches zeigt, dass die Verflüchtigung der
kinematischen Probleme in solche der reinen Mechanik auf diesem
Wege kaum zu verhüten ist.
Daneben hat sich als weitere Frucht jener Unsicherheit noch
eine andere eigenthümliche Disziplin geltend zu machen versucht,
welche eine Erwähnung erheischt; es ist die sogenannte Auto-
matik, d. i. Lehre von der Verwirklichung gedachter und durch
mathematische Ausdrücke gegebener Bewegungsverhältnisse durch
Mechanismen. Diesen Sonderungsversuch verdankt man dem In-
genieur E. Stamm, der hier wiederum die reine und die ange-
wandte Lehre geschieden wissen will, und diese Theilung zweiter
Ordnung in seinem Essai sur Tautomatique pure 1863, durch-
geführt vorlegte. Stamm hat sich um die Kinematik des selbst-
thätigen Spinnstuhls, also einen besonderen Fall der Anwen-
dung der Kinematik, wesentliche Verdienste erworben, welche die
Spinnerei-Technologen heute zu schätzen wissen. Seine Ablösung
der Automatik aber muss als unpraktisch bezeichnet werden, da
diese thatsächlich nicht für sich bestehen kann; sie ist nur ein
Theildes synthetischen Verfahrens mit kinematischen Grund-
sätzen und gehört deshalb der Kinematik selbst untrennbar an. —
Wir sind am Ende unserer literarischen Umschau angelangt.
Was wir gefunden haben, ist einerseits ein wenig befriedigendes
Gewirre von Gestaltungsversuchen eines und desselben Ideenkreises.
So viele Autoren, so viele Systeme, kein Ruhepunkt, der erreicht
worden wäre, immer neues Tasten und Suchen, und am Ende,
nachdem alles mögliche wissenschaftliche Material zugefahren
worden, will sich Ampere's vorgezeichnete abgerundete Wissen-
schaft in zwei, ja in vier Wissenschaften spalten, ähnlich einem
von jenen Infusionsthierchen, welche sich durch Theilung fort-
pflanzen. Auf der anderen Seite machen wir indessen die tröst-
lichere Bemerkung, dass die Anschauungen an Schärfe und Fein-
20 EINLEITUNG.
heit mehr und mehr zugenommen haben, sowie femer dass die
üntersuchungsmethoden wie die untersuchten Mechanismen nach
und nach an Zahl sehr gewachsen sind. Die beiden Seiten der
Frage, die theoretische und die der Anwendung, haben also
eine Sonderexistenz neben einander geführt. Zu ihrer Verquickung,
zum Ineinanderaufgehen ist es nicht gekommen. Die Ursache
hiervon kann nur in den Systemen gesucht werden, da die Anwen-
dungen, die Mechanismen selbst, sich in der Maschinenpraxis durch
Erfindung und Verbesserung ruliig weiter entwickelt haben, ohne
auf eine gerade geltende theoretische Anerkennung Rücksicht zu
nehmen. Ja zu dieser Entwicklung haben die bisherigen Theorien
nur liinsichtlich der Ausführungsform beigetragen, z. B. in den
Verzahnungsmethoden u. s. w.; neue Mechanismen aber hat
keine derselben geliefert. Dieser Umstand ist sehr beach-
tungswerth: aus ihm erklärt sich die konservative Zähigkeit, mit
welcher die Maschinenpraktiker trotz allem Angebot neuer Theo-
rien immer wieder, wenn überhaupt auf eine theoretische An-
schauung, so auf die alte, so natürlich scheinende von Monge
zurückgefallen sind, wie die technische Journal-Literatur überall
sattsam beweist.
Hiermit glaube ich die Unzulänglichkeit der bisherigen theo-
retischen Kinematik und die Nothwendigkeit einer Reform nach-
gewiesen zu haben. Es fragt sich nun, worin denn eigentlich der
Fehler der bisherigen Anschauungsweise besteht.
Zunächst ist Monge's Klassifikation, so natürlich sie erscheint,
dennoch nicht dem Wesen der Sache entsprechend. Wäre dies
bei ihr so der Fall, wie etwa bei Linne's und Cuvier's Einther-
lungen der organischen Naturreiche, so würde sie ähnlich festen
Fuss fassen können, und im Grunde erklärt sich das ei-wälint**
zähe Festhalten aus dem dunklen Gefühl, dass ein analoges Ver-
hältniss hier zu Grunde liege. Dem ist aber nicht so. Ange-
nommen, es handle sich wirklich bloss darum, Klassen flir die
Mechanismen zu bilden, so kann die Eintheilung nach den Bewe-
gungsveinvandlungen nicht gebraucht werden, da sie endlose
Wiederholungen mit sich bringen würde. Fast alle Mechanismen
wären in wenigstens zwei, die meisten in vier bis sechs, ja zelm
l)is fünfzehn Klassen aufzusuchen und also daselbst auch aiifzu-
lühren, da sie zu ebenso viel Verwandlungsarten gebraucht werden
können und auch in praxi gebraucht werden. Bei Willis, dem
gegen sich selbst strengen Forscher, verräth sich neben der stjirkeu
EINLEITUNG. 21
Empfindung für die Nothwendigkeit einer gesetzmässigen Ordnung
das Misstrauen gegen die Elastizität der Unterlage seines Schema-
tismus, so dass seine Klassifikation nicht den Eindruck des Ueber-
zeugenden hervorruft. Da er konsequent an dem Grundsatze des
Bewegungsverhältnisses festhalten will, sieht er sich genöthigt,
sehr verschiedenartige Mechanismen neben einander zu behandeln.
Da aber einzelne Mechanismen mehrere Bewegungsverhältnisse
in sich enthalten, ist er ebenfalls gezwungen, mehrfach Wieder-
holungen ausgedehnter Art eintreten zu lassen. Andere Einwürfe
sind gegen die Klassifikationen von Laboulaye, Girault, Belan-
ger, Haton etc. zu erheben, und zwar gegen jedes einzeln wie
auch im allgemeinen, da eine wahrhafte Wissenschaft sich nicht
so nach Belieben auf sechs bis acht Manieren ummodeln lässt.
Der Grund der Mangelhaftigkeit der Systeme ist demnach
nicht in der Klassifikation selbst, er ist tiefer zu suchen. Er liegt,
wie ich schon früher angedeutet habe, in dem Umstände^ dass man
nirgend weit genug zu den Anfängen, zu den Ausgangsgedanken
zurückgeforscht hat, dass man angefangen hat zu klassifiziren,
ohne die Objekte der Klassifikation genügend zurückgespalten zu
haben. Das Eintreten „medias in res" geht bei einer erst zu
formenden Wissenschaft nicht an; eine solche fordert gerade wie
die Lehrmeisterin Mathematik ein Zurückgehen auf die allerein-
fachsten, auf Axiome fussenden Anfange. Ohne dass man diese
aufsucht, wird man nie zum Ziele gelangen können. Eine Prüfung
des gebräuchlichen Verfahrens am einzelnen Satze zeigt dies sehr
klar.
Man begann z. B. bisher gelegentlich mit der Verwandlung
einer geradlinigen Bewegung in eine andere geradlinige; man
fragte sich aber nicht, woher die erste geradlinige Bewegung
gekommen, warum sie vorhanden war, wie man sie erzeugte.
Hächette und Lanz, um einen besonderen Fall vorzuführen,
behandeln gleich als ersten Mechanismus die sogenannte feste
Rolle. Die geradlinige Bewegung des ablaufenden Seiles, heisst
es da, werde in eine solche des auflaufenden verwandelt. Warum
aber die erste Bewegung geradlinig ist, erfahren wir nicht. Ja sie
braucht auch nicht einmal geradlinig zu sein, da man ja das ab-
laufende Seil hin- und herzerren kann, ohne dass sich der Mecha-
nismus ändert, wenn man nur das Seil straff gespannt erhält.
Sodann wird die Bewegung des ablaufenden Seiles zuerst in die
kreisförmige der Punkte der Rolle und des dieselbe umfassenden
22 EINLEITUNG.
Seiltrums übergeführt, danach ei'st in die des autiaufenden Seiles.
Gleich das erste Problem ist also nicht einmal einfach dem Schema
getreu. Von der Bewegung des auflaufenden Seiles gilt dieselbe
Unbestimmtheit, welche von der des ablaufenden aufgezeigt wurde.
Man sieht also, dass gleich beim ersten Beispiel die Ungenauig-
keiten schaarenweise auftreten. Nebenbei bemerkt, ist das Pro-
blem der festen Rolle, was die dabei anzuwendenden theoretischen
Vorstellungen betriftl, schon ein sehr verwickeltes, wie ich später
im Text zeigen werde.
Ueberhaupt können bei einem einfachen Mechanismus die
Vorstellungen, durch welche man einzig und allein zu ihm zu
gelangen vennag, sehr verwickelt sein; xmter Umständen kann auch
das Umgekehrte eintreten. Aber gleichviel, ob einfach oder ver-
wickelt, wenn man den simplen Apparat wissenschaftlich ver-
stehen und behandeln will, so darf man sich nicht entbrechen, sich
durch die Reihe seiner Vorstellungen liindurchzuarbeiten, von
jeder besonderen zurück zur nächst höheren, welche die vorige
enthält, bis man zu wahrhaft allgemeinen Sätzen gelangt.
So schwierig dies auch sein mag, und selbst so wenig nützlich es
für den ersten Anblick erscheint, es muss geschehen, und dass die
bisherigen Kinematiker dies nicht gethan, hat zum Scheitern ihrer
sämmtlichen Theorien geführt. Was sie gethan haben, war was
ich schon früher als unrichtig bezeichnete, das Uebemehmen der
einfachen oder einfach scheinenden Mechanismen aus der Hand
des Erfinders, sei dies eine bekannte Person, sei es auch die ins
Grau der Völkergeschichte zurückgreifende Ueberlieferung.
Eine Piüfung dieser nebelhaften Ueberlieferung gibt dem
Kinematiker zu eigenthümlichen Betrachtungen Anlass. Ich muss
mir versagen,, diesem anziehenden Stofl'e, auf den ich im spätem
Verfolg ausführlicher eingehen werde, hier weithin zu folgen; nur
eine Bemerkung muss ich demselben entnehmen. In den histo-
rischen Zeiten, in welchen wir das Maschinenwesen bis zu seinen
frühesten Leistungen zurück verfolgen, findet man an verschiede-
nen Orten Vorrichtungen mancherlei Art im Gebrauch, von ziem-
lich zusammengesetzten Maschinen herab bis zu den einfachsten
Einrichtungen, welche noch eben den Namen Maschine verdienen.
Welches das Kriterium der verhältnissmässigen Leichtigkeit ihrer
Erfindung ist, kann hier noch nicht erörtert werden; nur darauf
ist hinzudeuten, dass sie an verschiedenen Orten unabhängig von
einander auftreten. Die Walzen, auf denen die assyrischen wie
EINLEITUNG. 23
die ägyptischen Bauleute ihre Steinkolosse rollten, gehören zu
diesen Urmaschinen; Wagen aus Holz und aus Metall, zum Lasten-
fuhren wie zum Streit, hesassen Aegypter, Babylonier, Inder in
unvordenklichen Zeiten; die Wasserräder waren im alten Mesopo-
tamien und in Aegypten im Gebrauch, ebenso aber auch in China,
Indien und Mittelasien ; die Zahnräder waren den Griechen bekannt,
nicht weniger die Schraube, der Flaschenzug, gewisse Hebel-
werke u. s. w. Einzelne dieser Einrichtungen sind übertragen worden,
andere aber sind auf Grund schon ausgebildeter Vorstufen auf
dem Boden entstanden, wo wir sie antreffen. Alle waren von
Menschenwitz ausgedacht, mitunter von recht besonderem, (ia man
sie als Göttergeschenke pries; sie waren aber immer ausgedacht,
durch den Denkprozess, der irgend welche Stufenfolgen
durchlaufen, hervorgebracht.
Daraus geht aber hervor, dass sie auch heute wieder durch
den Denkprozess zu finden sein müssen, und diese Aufgabe
ist es, welche die theoretische Kinematik vor allen Dingen lösen
muss. So lange sie nicht auch ohne Erfindungsgeschichte zu den
Elementen und Mechanismen der Maschinen zu gelangen vermag,
darf sie den Karakter einer Wissenschaft nicht für sich in An-
spruch nehmen; so lange ist sie streng genommen nicht mehr, als
Empirie, und mitunter recht hausbackene, welche in den von frem-
den Wissenschaften erborgten Kleidern einherstolzirt. Wenn sie
aber durch genaues Erschliessen der zu beschreitenden Wege die
Mittel erbracht hat, Bewegungen bestimmter Art hervorzu-
bringen, so wird sie anfangen, eine Wissenschaft zu sein. Dann
wird sie ganz von selbst auf eine Klassifikation ihrer Stoffe kommen.
Sie wird dann auch sich die Frage wegen Verwandlung der einen
Bewegung in die andere vorlegen, und dann als ihre eigene Rich-
terin entscheiden können, ob eigentlich und in welchem Grade
ihr diese Eintheilung von Werth ist. Sie wird überhaupt als echte
W^issenschaft ihre Gesetze in sich selbst finden, und bedarf keiner
Lykurge, welche dieselben von aussen einführen.
Hier gelangen wir nun zu einer anderen wichtigen und merk-
würdigen Schlussfolgerung. Sind die Denkprozesse, welche zur Bil-
dung der bekannten Mechanismen geleitet, richtig erschlossen, so
müssen diese Prozesse noch weiter in ähnlichem Sinne verwendbar
sein: sie müssen auch die Mittel enthalten, mittelst deren man zu
neuen Mechanismen gelangen kann, müssen also an die Stelle des
Erfindens im bisherigen Sinne treten können. Ich hoffe, nicht in
24 EINLEITUNG.
den Verdacht zu gerathen, als wollte ich eine Plattheit aussprechen.
Als wolle ich sagen, mit dem neuen Rezept in der Hand könne
nun der Alltagskopf es sich auf dem Stuhle des Genies bequem
machen und Erfindungen orakeln. Es soll vielmehr nur gesagt
sein, dass auf dem Gebiete der Maschinenprobleme dieselben
intellektuellen Operationen einfuhrbar sind, mit welchen die
Wissenschaft auch an anderen Stellen die Forschung betreibt. Ich
habe schon oben nachzuweisen versucht, dass das Erfinden
Denken ist, wo es überhaupt gelingt; wenn wir dieses also für
unseren Stoß' zu ordnen vermögen, haben wir auch den Weg zum
Erfinden angebahnt.
Göthe, den der innere Vorgang einer gelingenden Erwei-
terung unserer Ideenkreise lebhaft beschäftigte, spricht sich in
folgender bemerkenswerthen Sentenz darüber aus: „Alles was wir
Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende
Ausübung eines originalen Wahrheitsgefühles, das, im Stillen längst
ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren
Erkenntniss führt." Auch höre man, wie Schopenhauer, den
wir hier wie mehrmals auf einer Götheschen Ideenrichtung an-
treifen, sich über nahe verwandte Fragen ausspricht. „Unsere .
besten, sinnreichsten und tiefsten Gedanken," sagt er, „treten
plötzlich ins Bewusstsein, wie eine Inspiration, imd oft sogleich
in Form einer gewichtigen Sentenz. Offenbar aber sind sie Resul-
tate langer und unbewusster Meditation und zahlloser, ofl
weit zurückliegender, im Einzelnen vergessener Apercus
Selten liegt der ganze Prozess unseres Denkens und Beschliessens
auf der Oberfläche, d. h. besteht in einer Verkettung deutlich
gedachter ürtheile, obwohl wir dies anstreben, um uns und ande-
ren Rechenschaft geben zu können: gewöhnlich aber geschieht in
der dunklen Tiefe die Rumination des von aussen erhaltenen
Stoffes, durch welche er zu Gedanken umgearbeitet wird ; und sie
geht beinahe so unbewusst vor sich, wie die Umwandlung der
Nahrung in die Säfte und Substanz des Leibes. Daher kommt es^
dass wir oft vom Entstehen unserer tiefsten Gedanken keine
Rechenschaft geben können: sie sind die Ausgeburt unseres
geheimnissvollen Innern. Ürtheile, EinfS^Ue, Beschlüsse steigen
unerwartet und zu unserer eigenen Verwunderung aus jener
Tiefe auf" «).
Die für das Ersinnen eines Mechanismus erforderlichen Ür-
theile lassen sich aber nach dem Obigen zu „deutlich gedachten**
EINLEITUNG. 2B
machen und können dann zu dem Gesuchten hinleiten, ebenso wie
in der Mathematik die klar gedachten und verketteten Urtheile
zum Endziel fuhren. Das Erfinden eines Mechanismus wird mit
anderen Worten für den wissenschaftlich gerüsteten Kinematiker
eine synthetische Aufgabe sein, die er nach geordneten, wenn
auch schwierigen Methoden lösen kann. Der Begabte wird, mit
so starken Werkzeugen versehen, den weniger Begabten nach wie
vor hinter sich lassen, ebenso, wie der schöpferische Mathematiker
den Algebra-Praktikanten zurücklässt, welcher nur mit eingelern-
ten Operationen arbeitet.
. Wichtiger übrigens als das Schaffen neuer Mechanismen ist
und bleibt das gründliche Verstehen der alten. Es ist in der That
erstaunlich, wie wenig tief die bisherigen Anschauungsweisen in
das Wesen der Mechanismen hineingeführt haben, und wie
mangelhaft gekannt deshalb die meisten der gebräuchlichen Me-
chanismen sind. Dem tüchtigen, denkenden Mechaniker, dem es
mit seiner Aufgabe Ernst ist, wird in dieser Beziehung eine wahr-
haft wissenschaftliche Kinematik ausserordentlich förderlich sein.
Sie wird ihn des grübelnden und oft quälenden Suchens nach
Lösungen seiner Probleme entheben, indem sie ihm ein plan-
volles Arbeiten ermöglicht. Ebenso wird der Technologe, welcher
bisher von der Kinematik kaum Gebrauch gemacht hat, in ihr
ein wichtiges Hilfsmittel zum Verständniss der alten und zur
Beurtheilung neuer Maschinen entdecken. In diesen beiden Ver-
tiefungen der Auffassung wird aber die Gewähr zu finden sein,
dass die umgeformte Wissenschaft ihren Antheil an einem grossen
Ziele, nämlich der Fortentvricklung des Maschinenwesens, zu
erwerben wissen wird.
Fassen wir zum Schlüsse die einzelnen Momente der Dar-
stellung, welche ich von der bisherigen Auffassungsweise und dem
zu erstrebenden Ideal zu geben versucht habe, übersichtlich zusam-
men, so stellt sich die bisherige Weise als eine solche dar, welche
eine innere Einheit nicht besitzt, obwohl die Ansicht, dass dies
der Fall sei, besteht, und zwar deshalb besteht, weil die ange-
wandten Untersuchungsmittel wissenschaftliche sind. Es wurde
aber gezeigt, dass es nicht sowohl hierauf ankommt, als auf die
Feststellung der dem Gegenstande innewohnenden ihm eigenthüm-
lichen Grundgedanken. Zugleich erkennen wir indessen, dass es
sich hier thatsächlich und zweifellos um ein Forschungsgebiet
handelt, welches den exakten Wissenschaften angehört. Dieses
26 EINLEITUNG.
anerkannt, muss das bisherige Verfahren äIs unzureichend und
auf die Dauer nicht haltbar bezeichnet werden, da es Folgerungen
nur in beschränktem Maasse zulässt, und Gründe für das Beste-
hende nicht zu geben vermag.
Für die nothwendig werdende Umgestaltung bedarf es des
unverrückten Festhaltens an reinen, einfachen logischen Grund-
sätzen. Was aber aus der oben angestellten Kritik der bisheri-
gen Systeme abzuziehen ist, was ich an den einzelnen Beispielen
zu entwickeln versuchte und dabei gleichsam umschrieben habe,
was die angezogenen philosophischen Sentenzen aus der Mannig-
faltigkeit der Erscheinungen verdichtet uns vorführen, lässt sich
hinsichtlich unserer besonderen Aufgabe auf das eine Wort zu-
sammendrängen: Es handelt sich darum, die Maschinen-
wissenschaft der Deduktion zu gewinnen. Es handelt sich
darum, deren Lehrgebäude so zu gestalten, dass es sich auf weni-
gen, ihm eigenthümlichen Grundwahrheiten erhebt. Auf deren
Enist und Einfachheit muss der ganze Gestaltenreichthum zurück-
führbar sein, aus ihnen muss er umgekehrt entwickelbar sein.
Hier ist auch der Punkt, wo die Schwäche der bisherigen Auf-
fassungsweise mit einem Blick übersehen werden kann. Sie stand
nicht etwa in einem solchem Gegensatze zu dem eben genannten
Ideal, dass sie statt der deduktiven die induktive Methode besessen
hätte, was zwar kein Vorzug, aber doch immerhin vertheidigbar
wäre. Nein, sie war geradezu unmethodisch. Sie hatte keinen
festen Standpunkt der Untersuchungsform gewählt, oder vielmehr
sie hatte trotz eifrigen Suchens keinen gefunden, ja hatte sich durch
den wiederholt erschallenden „Heureka"-Ruf in die ruhige Stimmung
versenken lassen, dass der feste Standpunkt wirklich gefunden sei.
Jede exakte Wissenschaft macht einmal eine solche Zeit der
Wandlungen durch, und hat die Aussicht, zur Klarheit durchzu-
dringen, wenn ihr Stoff extensiv so weit gewachsen ist, dass die
Allgemeinheit der Betrachtung möglich wird. Für die Kinema-
tik ist aber dieser Zeitpunkt ganz entschieden gekommen. Die
Fülle der Mechanismen ist fast ins Maasslose gewachsen, die Zahl
der Anwendungsarten nicht minder. Es ist schier unmöglich
geworden, nach der bisherigen Auffassuugsweise auch nur einiger-
maassen den Faden festzuhalten, welcher durch das entstandene
Labyrinth führen könnte.
Daneben darf nicht verhehlt werden, dass die Schwierigkeiten
der Umgestaltung gross sind. Wir wissen häutig selbst nichts
EINLEITUNG. 27
wie fest eingezwängt unsere Anschauungen innerhalb der Grenzen
sich bewegen, welche Erziehung und Studium um uns gezogen.
Es bedarf da, wenn neue Gedanken statt der gewohnten eingeführt
werden sollen, einer Entäusserung, der sich starke innere Kohä-
sionskräfbe entgegensetzen. Da sind der hergebrachte geregelte
Lehrgang der Schulen, die Fachliteratur in ihrer gewaltigen Aus-
dehnung und Bedeutung, die schwer erworbene und darum so feste
Gewöhnung, da ist auch die wesentliche Schwierigkeit, dass das
Neue nicht con amore stückweise und gelegentlich, sondern dass
es im Ganzen erfasst sein will, was mächtige Hindernisse auf-
thürmt Darum kann der Weg, welchen ich zu Wahrheiten von
grosser Einfachheit zu wählen habe, kein kurzer sein. Das sorg-
same Beseitigen von Vorurtheilen, das langsame Aufsuchen des
richtigen unter den sich bietenden Pfaden hindert die schnelle
Bewegung. Was die folgenden Kapitel bringen, ist auch darum
nicht sowohl dazu bestimmt, das positive Wissen des Maschinen-
mecbanikers zu bereichern, als vielmehr auf das Verstehen dessen,
was bereits gewusst wird, einzuwirken, um es dadurch zum festen
Besitz zu machen. Denn, um mit Göthe zu schliessen: Was man
nicht versteht, besitzt man nicht.
GRUNDZUGE EINER THEORIE
DES
MASCHINENWESENS.
ERSTES KAPITEL.
ALLGEMEINE UMRISSE.
Orenzen des Maschinenproblems.
Während die Maschine für den Unbefangenen sieh in ihrem
Wesen von den in der Natur thätigen Bewegungs- und Kraft-
spendem stark unterscheidet, besteht für den theoretischen oder
reinen Mechaniker zwischen beiden eine solche Verschiedenheit
uicht; oder vielmehr, dieselbe löst sich für ihn beim Analysiren
der Vorgänge so zu sagen völlig auf, so dass für den reinen Me-
chaniker die Probleme des Maschinenwesens in dieselbe Klasse
fallen, wie diejenigen der mechanischen Naturerscheinungen. Er
sieht in beiden die Kräfte und Bewegungen nach denselben
grossen Gesetzen walten, welche, wenn sie in möglichster Allge-
meinheit entwickelt sind, über sämmtlichen einzelnen Fällen
stehen und stehen müssen. Die Maschine ist der reinen Mecha-
nik nur ein Beispiel, ein Paradigma; an ihr entwickelt sie sich
nicht mehr, wie es früher geschehen musste, als ihr viele Probleme
noch neu und fremd gegenüberstanden, und wo mithin auch das
Maschinenwesen für sich der Mechanik gegenüberstand. Die
heutige Unterordnung, da wo es sich um rein wissenschaftliche
32 I. KAP. ALLGEMEINE UMBISSE.
AuiFassung handelt, ist ganz am Platze. Wie aber das praktische
Maschinenwesen selbst, als aus zahlreichen anderen Quellen mit-
schöpfend und sich eigenartig abrundend, ein besonderes, in viele
Unterabtheilungen zerfallendes Thätigkeitsgebiet vorstellt, so ist
auch eine Abtrennbarkeit seiner wissenschaftlichen mechanischen
Probleme von der allgemeinen Mechanik ausführbar, und, was noch
weit mehr ist, auch berechtigt.
Zunächst muss zugegeben werden, dass das Gefühl für diese
Abtrennbarkeit nicht nur für die der Wissenschaft mächtigen Prak-
tiker, sondern auch für den mit der Maschine vertrauten Theore-
tiker bestehen geblieben ist, trotzdem in der mechanischen
Wissenschaft eine sich steigernde Tendenz zum Verflüchtigen der
Maschinen-Probleme in die der reinen Mechanik unbestreitbar vor-
handen ist. Und jenes Gefühl hat seinen Hintergrund.
Vor allem ist die genannte Auflösung der Probleme aus
praktischen Gründen nicht zu wünschen, da sie den Maschinen-
bau nach der wissenschaftlichen Seite hin auf eine zu wenig
begrenzte, zu dehnbare und lockere Grundlage stellen würde. Sind
doch die UrbegrifFe von Kraft und Bewegung selbst schwankender
Deutung unterworfen. Der Grenzzustand derjenigen Begriffe,
welche an der Scheidelinie des Physischen vom Metaphysischen
stehen, erzeugt ein Wogen und Schwanken in denselben, welches
die höchste mathematische ebenso wie die philosophische For-
schung beschäftigt Diese Unsicherheit muss bei steter Offen-
haltung der Perspektive auch auf die für die Anwendung bestimm-
ten Lehren eine ankränkelnde Wirkung ausüben, welche ganz
ausser allem Zwecke der betreffenden Belehrung liegt. Sie beein-
flusst jede Definition, jede erschöpfend sein wollende £rläuterung;
sie zwingt den Lehrer, dem es mit der wissenschaftlichen Strenge
Ernst ist, entweder zu WeitschweiiSgkeiten, deren Unpraktizitüt er
fühlt, oder zu unlogischen Einschränkungen, auf „technische Nütz-
lichkeit**, „gebräuchliche Einrichtungen" u. dergl.; er muss sich
mit der Regel begnügen, wo er viel lieber bei der streng wissen-
schaftlichen Methode geblieben wäre, die nur Gesetze kennt.
Praktisch ist also jene Verallgemeinerung nicht. Sie ist aber
auch von einem bestimmten Standpunkte aus nicht richtig. Es
ist der Standpunkt, welcher von der allgemeinen Mathematik die
Geometrie, von dieser die darstellende Geometrie ablöst, mehr
noch, der von der Mechanik und Physik die kosmische Physik,
die Hydraulik, die Aerostatik abzweigt, mit anderen Worten: der
GRENZEN DES MASOHINENPROBLEMS. 33
Überhaupt von einer oder mehreren allgemeinen Wissenschaften
besondere, jenen untergeordnete lostrennt
Berechtigt und angezeigt ist eine solche Trennung, wenn dem
Sondergebiet ein übersichtlicher geschlossener Begrifiiskreis zu
Grunde liegt. Und in der That ist die Abtrennbarkeit der
Maschinenprobleme von den allgemein mechanischen erweisbar.
Zwischen beiden geht eine deutliche, wenn auch ebenso wie in den
angeführten Beispielen nicht scharfe Grenzlinie her, welche sich
zeigen und karakterisiren lässt. Um dies zu thun, wollen wir uns
auf den gänzlich unbefangenen Standpunkt der Untersuchung von
aussen stellen, und ohne Rücksicht auf eine etwa bestehende
Maschinenwissenschaft eine und dieselbe Bewegungsaufgabe in
einer Lösung durch Naturerscheinung und einer solchen
durch die Maschine betrachten.
Es möge sich um eine Kreisbewegung handeln, welche 1.
durch den Trabanten eines Planeten, 2. durch ein Rad
ausgeführt werden solL
Um den Planeten P bewege sich, in Folge irgend welcher
Verursachung, der Trabant Tso, dass sein Mittelpunkt in einer
durch die Mitte* von P gehenden Ebene einen Kreis um den Mit-
telpunkt von P beschreibt. Bleiben die Veranlassungen unge-
Piif. 2. ändert, so dauert diese Bewegimg unge-
I ändert fort Sobald aber eine störende
y^^\\ äussere Kraft Qu etwa senkrecht auf die
*" ' \ Kreisebene gerichtet, von einer Seite auf T
zu wirken beginnt, ändert T seine Bahn.
\ Soll dies verhindert werden , so muss genau
gleichzeitig eine der Qx gerade entgegen-
; gesetzte und ihre gleiche äussere Kraft Q^
} auf T zur Wirkung kommen. Ist ^, = l
j Pfund, so muss Q2 ebenfalls = 1 Pfund sein,
/ srteigt Qi auf 100 Zentner, so muss Q2 nach
/ demselben Gesetze ebenfalls auf 100 Zentner
steigen; auf die absolute Grösse von Qi
kommt es also nicht an, bloss auf die fort-
währende Erhaltung des Gleichgewichtes der auf T wirkenden, die
Störung drohenden Kräfte. In der Natur ist die Erhaltung dieses
Zustandes, welche die Bereithaltung gleichvertheilter Kräfte-
ursachen voraussetzt, sehr schwer zu erfüllen; vielleicht besteht
der Fall bei Himmelskörpern nicht einmal; doch können wir ihn
Realeftux, Kinematik. 3
Xi I. EAP. ALLGEMEIN-E rMBISSE.
la. imm^rliin al« Torh.inrlen Toraussetzen. Die Schwierigkeiten
4^'in'T Hf^rtM^inihrang »iml aber ilann ein leuchtend.
Oariz andcm und Tiel einfacher als die Nator hier verfahren
würfl't, 9f-rfahren wir in der Maschine. Um die Punkte des Rades Jt,
f'i£(, 3, in Kreisen zu rühren, versehen wir es mit einer aus festem
Fig- 3.
St(ifl' licrgCHtelltcn Achse, welche wir etwa an zwei Stellen A und B
mit HhKc<lrchten cylindrischen Einkerbungen, deren geometrische
AchHcii wir guimu zusammenfallend machen, versehen, und legen
diu A<'lino mit dicHcti Fjudrehungen in genau entsprechend aus-
(("•dnOito Höhlungen eines festen Lagergestelles L, welches wir am
Itixlcii hrlcstigen. Setzen wir nun, etwa mittelst eines geeigneten
lliindgriflVs, dtis Itad in Bewegung, so vollzieht jeder I'unkt des-
Holhcn, wi'K'lior aussorlmlb der geometrischen Achse der Lager-
hnhlungcn lit'fit, eine Kreisliewogung um einen Punkt der genannten
gi'onicti'ischi'n Aohsc, Tritt jetzt eine seitliche Kraft Q, welche
oino Slürung dixdit, auf, so geschieht, wenn wir das Material an Rad.
Achso und Lu^or voUstiimhg starr annehmen, keine Aenderuug
der Kivisln'wi'cnii);, (iloichviel, oh die Kraft Q gross oder klein ist,
tili sii' milinitiT ve|-si.-hwindot und dann wieder eintritt, ihre Rich-
liuijt hfiln'Iiiilt odiT iindort. Auch ihr wird hierbei fortwährend
daslili'iiliüi'wiihl i^'liidtcn, ahor in anderer Weise als oben. Sowie
du' Kiiill Q .ru wirkon bt-iinnt, ruft sie im Innern des Rades, der
AiliM', dl'« Uijjonii-slollos innen? Kräfte, Mulekulario'äfle hervor,
tti-Ul»' ihr im MiWisso vidli»! gU-ich, in der Richtung entgegen*
GBENZBN DES MA8GHINEKPB0BLEMS. 35
gesetzt sind. Die Wirkungen der Kräfte also, an sich betrachtet,
sind hier eben dieselben oder ganz entsprechende , wie die oben
am Trabanten angreifenden. Es herrscht aber der Unterschied,
dass jene äusseren Kräfte von einander unabhängig waren,
während hier die Einwirkung der äusseren Kraft die Ursache
der Gegenwirkung der Molekularkräfte wird.
In unseren wirklich ausgeführten Maschinen verwenden wir
keine starren Materialien, da solche nicht vorhanden sind ; vielmehr
stehen uns nur solche zu Gebot, welche bei geeigneten Abmessun-
gen nur wenig durch äussere Kräfte in ihrer Form, geändert wer-
den, so wenig, dass die entstehenden Abweichungen von der
ursprünglichen Form vemachlässigbar klein ausfallen. Die Wahl
entsprechender Abmessungen und Formen ist die Aufgabe des
Maschinenbauers. Sieht man von jenen statthaften sehr kleinen
Abweichungen also ab, so zeigt sich, dass die Lösimg der Aufj^abe
durch die Maschine vorhanden, und dass sie ausserdem wesent-
lich verschieden von derjenigen durch Naturerscheinimg ist.
Während im ersten Systeme, welches man ein kosmisches
nennen kann, den äusseren messbaren mechanischen Kräften eben-
solche Kräfte entgegentreten, werden bei dem zweiten, dem machi-
nalen^) Systeme, jenen äusseren Kräften solche entgegengesetzt,
welche im Inneren der das System konstituirenden Körper verbor-
gen waren und in Folge der äusseren Einwirkung sofort
erscheinen, um genau in der erforderlichen Weise zu wirken.
Man könnte Schillers Räthsel vom Feuerfunken mit kleiner
Travestirung, die der Leser erlauben möge, auf diese Kräfte an-
wenden :
Ich wohn* in einem „eisernen" Haus,
Da lieg' ich verborgen und schlafe;
Doch ich trete hervor, icl^ eile heraus,
Gefordert mit eiserner Waffe.
Die Kraft wird herausgefordert, und sofort ist sie da; die
äussere herausfordernde Kraft hört auf, und sofort ist auch der
Gegner wieder verschwunden, der die Form seines Gehäuses, seiner
Wohnung, so energisch vertheidigt hat. Nichts ist von den inne-
ren Kräften zu merken, so lange man sie nicht durch äussere
Kräfte weckt Sie sind verborgen in dem Inneren des Körpers.
Die Analogie mit der Wärmephysik ist wohl nicht zu weit her-
geholt, wenn man diese molekularen Kräfte, welche den Bestand
unserer Körperwelt gewährleisten, verborgene, latente Kräfte
3*
36 I. KAP. ALLGEMEINE UMRISSE.
nennt, gegenüber den messbaren, sensiblen, welche durch Mas-
senanziehung und andere Ursachen von aussen eine Einwirkung
auf die Körper erlangen. Die beiden Systeme unterscheiden sich
also durch die Entgegenstellung von sensiblen gegen unabhän-
gige andere sensible einerseits und von sensiblen gegen ab-
hängige latente Kräfte andererseits.
Doch haben wir uns beide Systeme in einer ganz besonderen
Einfachheit konstruirt, welche genügend allgemeine Schlussfolge-
rungen vielleicht noch nicht gestattet. Erweitem wir deshalb das
kosmische System etwa auf ein ganzes Planetensystem mit Zentral-
körper, Planeten und Trabanten, von kreisförmigen und ellipti-
schen Bahnen , und fügen wir zu unserem Rade andere Räder mit
Achsen hinzu, mit dem ersten durch Zahnräder oder ähnliche Mit-
tel so verknüpft, dass sie sich gegenseitig Drehung mittheilen, so
dafis eine zu irgend welchem Zwecke geeignete Maschine daraus
entsteht Dann bemerken wir, dass bei dem kosmischen Systeme
die gegenseitigen Bewegungen der Körper sowohl hinsichtlich
ihrer Bahnen als ihrer Geschwindigkeiten von den beein-
flussenden sensiblen Kräften völlig abhängig sind, und die Körper
auf einander nur durch sensible Kräfte wirken, dass dagegen bei
dem machinalen Systeme die Bewegungsbahnen sowohl ganz
bestimmte sind, als auch kein Punkt seine Geschwindigkeit
ändern kann , ohne dass alle übrigen beweglichen Punkte in völUg
abhängiger Weise dasselbe thun, dass also hier die störenden sen-
siblen Kräfte ohne Einfluss sind, nämlich überall durch die laten-
ten Kräfte aufgehoben werden. Letztere sind es nicht minder,
welche die bewegenden Kräfte von Körper zu Körper übertragen.
Unsere obige Unterscheidung ist also allgemein, soweit es sich um
die Gattung der zur Wirkung kommenden Kräfte handelt
Die beiden, als Beispiele gewählten Fälle sind indessen
extreme; im allgemeinen stehen die kosmischen und machinalen
Systeme nicht so weit aus einander wie hier. Sie nähern sich
gegenseitig in zwischenliegenden Fällen mehr oder weniger. So
kann man von der Pflanze etwas ähnliches, wie vom allgemeinen
machinalen Systeme insofern aussagen, als man in derselben die
Saftbewegungen durch ziemlich feste Kanäle oder Röhrchen in
bestimmt vorgeschriebenen Wegen vor sich gehen sieht Allein
genau wie vorhin ist das Verhältniss doch nicht, da der leichte
Stengel, das Reis, der Ast von den kosmischen Kräften leichte bis
sehr starke Formänderungen erleidet Am nächsten unserem
OBENZEN DES MABCHIKENPBOBLEMS. 37
machinalen Systeme würde im Pflanzenreich etwa die Saftleitung in
den Gefässen eines festen starken Baumstammes stehen; denn nur
in diesem würden die Formänderungen sich der vemachlässigbaren
Kleinheit nähern. Auch in einzelnen wirklichen Maschinen finden
Vorgänge statt, welche denen unseres kosmischen Systems ver-
wandt sind; z. B. die Wasserbewegung an einem jener sogenannten
Strauberräder, welche im Gebirge zum Betrieb der Sägemühlen
dienen, und die von dem treibenden Wasserstrom fast wie von
einem wilden Wasserfall umsprüht werden. Die beiden Systeme
sind also nicht haarscharf geschieden ; aber sie haben doch immer-
hin deutliche Unterschiede , welche um so stärker werden , je voll-
kommener jedes derselben seiner Bedeutung nach wird. Je voll-
kommener man die Wasserräder gemacht hat, um €o mehr sind
die dem freien Spiele der Kräfte überlassenen Wasserstrahlen ver-
schwunden; das Strauberrad ist in die glatt und leise laufende
Turbine übergeführt worden, welcher das Sprühen und Stäuben
der Wassertheilchen bis auf einen sehr kleinen Rest versagt ist.
Aus dem schaukelnden Wippbaume, mit Hilfe dessen der walloni-
sche Ziegelmacher oder der hindostanische Bauer den Wasser-
kübel nieder in den Brunnen und gefüllt aus demselben heraus-
schwingt, ist eine Balancier -Maschine mit sanft und regelmässig
arbeitender Pumpe geworden. Die kosmische Freiheit der Natur-
erscheinung ist in der Maschine in Ordnung und Gesetz über-
geführt, welche äussere Gewalten gewöhnlicher Art nicht zu er-
schüttern vermögen. Dem gegenüber treten in dem unbehinderten
Walten der Naturkräfte auch latente Kräfte mitwirkend ein; so
bei dem Sturze des Wassers über die Felskante und gegen das
Gestein seines Rinnsals, wo die anprallenden Wasserstrahlen zu-
rückgeschleudert werden; so an dem Meteorsteine, welchen die
Erdatmosphäre jäh von seiner Bahn ablenkt. Hiemach ist das
Wirken der latenten Kräfte gegen sensible nicht das alleinige und
entscheidende Merkmal der Maschine selbst, sondern wir
haben darin nur ein Hauptkennzeichen des die Maschine enthalten-
den, maschinenartigen, deshalb machinal genannten Systems
vor uns, und müssen die Gesetzmässigkeit, welche einem als machi-
nal zu bezeichnenden Systeme den Namen Maschine erwirbt,
noch ins Auge fassen, um den Begriff der letzteren klar zu erhalten.
Die Verhinderung der störenden Bewegungen durch latente
Kräfte ist in der Maschine Prinzip. Seine Anwendung ist aber
mit besonderen Absichten verknüpft Wenn wir eine Maschine
38 I. KAP. ALLGEMEINE UHBI8SE.
ausführen, so wollen wir damit eine Vorrichtung zur Ausübung
bestimmter mechanischer Arbeiten schaffen, sei es eines Transpor-
tes, oder einer Umformung eines Körpers, oder beider zugleich.
Zu dem Ende wollen wir in der Maschine ganz bestimmte Be-
wegungen hervorrufen, und zwar sobald als wir durch eine mecha-
nische Kraft in der Maschine Bewegung erzeugen. So kann unser
obiges Rad, wenn wir seine Scheibe R als Seiltrommel gestalten
und ein Seil daran passend befestigen, zur Lastenhebung verwen-
det werden; bilden wir die Scheibe aus Sandstein, so kann sie als
Schleifstein dienen u. s. w. Als störend sehen wir dann aber
jede Bewegung an, welche von der bezweckten abweicht, und be-
gaben deshalb im voraus die Träger der latenten Kräfte, d. L die
Körper, aus welchen wir die Maschine zusammensetzen, nüt solcher
Anordnung und solchen Formen, und bauen sie so widerstands-
fähig, dass sie jedem der bewegten Körper nur eine einzige Be-
wegung und zwar die bezweckte gestatten. Lassen wir dann die
zu verwendende mechanische Naturkraft einwirken, so entsteht
die bezweckte Bewegung. Unser Verfahren ist also ein zwei-
faches, einmal negatives: Ausschliessung der Möglichkeit an-
derer als der gewünschten Bewegung, und dann positives: Ein-
leitung von Bewegung. Das Resultat ist, dass die verwendete
Naturkraft die gewünschte mechanische Arbeit vollzieht
Die Ausführung einer Maschine kann mehr oder weniger voll-
kommen sein; je vollkommener sie ist, desto mehr entspricht sie
dem, was wir hier als eigentliche Absicht, eigentliches Ziel der
Herstellung der Maschine erkannt haben. Nach der gewonneneu
Einsicht vermögen wir daher jetzt eine Definition der Maschine
aufzustellen. Es ist folgende :
Eine Maschine ist eine Verbindung widerstands-
fähiger Körper, welche so eingerichtet ist, iass mit-
telst ihrer mechanische Naturkräfte genöthigt werden
können, unter bestimmten Bewegungen zu wirken*^).
Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass sich die Masclüneu-
problerae auf einem deutlich begrenzten Gebiete bewegen, und
dass sie sich sehr wohl von den allgemeinen mechanischen Proble-
men abtrennen lassen, wie oben behauptet worden.
Während die allgemeine Mechanik die Bewegung untersucht,
welche unter den allgemeinsten Voraussetzungen durch das Spiel
mechanischer Kräfte hervorgerufen wird, befasst sich die Maschi-
nenmechanik mit fest eingeschränkten, und zwar durch einen bc-
DIE MA8CHINBNWI88EN8CHAFT. 39
grenzten Kreis von Mitteln eingeschränkten Bewegungen. Sie
schöpft ihre obersten Gesetze aus demselben Urquell wie die all-
gemeine Mechanik, der sie sich auch, als der umfassenderen,
unterordnet; aber sie kann als gesonderte Wissenschaft ihren Be-
zirk von dem Gesanmitgebiete trennen, und hat die Aufgabe, inner-
halb dieses realen Bezirkes systematische Ordnung zu schaffen,
und ihre besonderen Gesetze aufzustellen. Arbeit genug, die auch
ihren Mann herausfordert Nach meiner Ansicht ist es sehr wün-
schenswerth, dass die Maschinenmechaniker sich dieser Einsicht
nicht verschliessen, wie in neuerer Zeit vielfach auch bei uns,
namentlich aber in Frankreich, geschehen ist. Denn dadurch wird
dasjenige hervorgerufen, was ich oben die Verflüchtigung und Ver-
diinnung der Probleme genannt habe , eine Verfahrungsweise , von
welcher sich die Praktiker, welche die Maschine weiterbilden wol-
len , also für welche die Untersuchungen eigentlich angestellt wer-
den, unbefriedigt abwenden. Sie als Spezialisten haben das Recht,
bis zu einem gewissen Grade volle Konzentration auf die Aufgabe
zu fordern, und scheuen für diesen Zweck selbst auch keine Mühe ;
nicht aber wollen sie das Entführen der Aufgabe auf ein anderes
Gebiet, wo ihnen der reale Boden zu entschwinden droht, ohne
dass sie Gewinn für das Reale daselbst ernten.
§.2.
Die Masohinenwissenscliaft.
Die lehrhafte Ausfühntog dessen, was die obige Definition der
Maschine besagt, hat mit der fortschreitenden Entwicklung des
polytechnischen Unterrichtes einen ausgedehnten wissenschaft-
lichen Apparat entstehen lassen. Ganz abgesehen von den als
Grundlage dienenden mathematischen und Naturwissenschaften,
lassen sich drei bis vier Wissenschaften unterscheiden , welche um
der Maschine vrillen entstanden sind. Ihr gemeinsamer Zweck ist
die Beleuchtung des Kausalzusammenhanges der Er-
scheinungen in der Maschine. Man fasst sie wohl als die
praktische Mechanik zusammen. Ich nenne sie hier Wissen-
schaften, ohne Prätensionen damit verbinden zu wollen; nenne
man sie zweiter oder dritter Ordnung, oder wie immer; sie bedie-
nen sich der wissenschaftlichen Methode und behandeln nach der-
40 I. KAP. ALLGEMEINE UMRISSE.
selben gesonderte Untersuchungsgebiete ; darin sind sie nach und
nach zu einer Selbständigkeit gediehen, welche ihre Sonderung
erforderlich gemacht hat.
Zuerst die Maschinenlehre. Sie legt sich verschiedene
Nebenbezeichnungen bei, als allgemeine oder beschrei-
bende, spezielle, theoretische. Die allgemeine Maschi-
nenlehre behandelt die Gesammtheit der vorhandenen Maschinen,
und zwar beschreibend; sie will kennen lehren, welche Maschi-
nen vorhanden und wie sie beschaffen sind, und liefert
uns dadurch einen Ueberblick über die Gesammtheit der Bestre-
bungen, die Maschine herzustellen. Sie verfahrt in vollem Sinne
teleologisch, indem sie die Zwecke der Mascliineneinrichtungen
überall nachzuweisen sucht. Ihre Klstssifikationen wählt sie sich
nach möglichst allgemeinen Grundsätzen. Heutzutage ist eine
vollständige beschreibende, oder wirklich allgemeine Maschinen-
lehre kaum noch möglich, da die Zahl der Maschinen zu übergross
geworden ist; nur noch Klassen und Prototypen derselben lassen
sich lehren, wenn wirkliche Allgemeinheit erreicht werden soll.
Andernfalls entsteht-, dem jedesmaligen Lembedürfiniss sich in der
Stille anpassend, die spezielle Maschinenlehre, welche einzelne
Klassen heraushebt und mit voller Ausführlichkeit behandelt.
Meistens ist die spezielle Maschinenlehre gleichzeitig theoreti-
sche, d. h. sie gibt die Theorie der speziell gelehrten Maschinen.
Darunter wird verstanden die Lehre von den sensiblen Kräften
und den Bewegungen, welche in der Maschine vorkommen, woraus
dann Folgerungen wegen der angemessensten Verwerthung der
Kräfte gezogen werden. Die theoretische Maschinenlehre weicht
also von der beschreibenden wesentlich darin ab , dass sie die der
Einrichtung und dem Zwecke nach bekanntq Maschine behandelt
und lehrt, welche Beschaffenheit derselben zu verleihen ist, damit
sie ihren Zweck am besten erfüllt „Theoretische" Maschinen-
lehre ist deshall) gleichbedeutend mit „Maschinentheorie". In
Deutschland wird sie heute meist richtig an- und aufgefasst, indem
man in ihr die Maschine selbst als Aufgabe und Ausgangspunkt
nimmt. Die Franzosen dagegen wissen noch immer nicht loszu-
kommen von der Anschauung, dass die Maschinen nur als Paradig-
men der angewandten Mechanik erscheinen, so als Beispiele,
nur nebenher, wobei nicht klar wird, warum man nicht alle übri-
gen Anwendungen der Mechanik gleich mit behandelt. Spricht
man, dem Kern der Sache etwas näher kommend, von der An wen-
DIE MA8CHINBNWI8SEN8CHAFT. 41
^ang der Mechanik „auf die Maschinen", wie Poncelet thut,
so ist man prinzipiell immer noch nicht weit genug gegangen , da
man ja unter diesem Titel alle Maschinen sammt und sonders be-
handeln müsste, was aber auch nicht geschieht. Von diesem Bann
der Unklarheit hat uns erst Redtenbacher freigemacht, und da-
durch den Grund zu der Frische und Kräitig|||it gelegt, welche
der deutsche Maschinenbau -Unterricht gegenüber dem französi-
schen aufzeigt. In dieser Richtung, in der Scheidung der Aufgaben
des Maschinenwesens in solche für einzelne Wissenschaften oder
Wissenszweige liegen Redtenbachers dauerndste Verdienste,
welche keineswegs immer von den Epigonen verstanden worden
sind. Hier liegt auch der Grund, warum sein Auftreten, ich möchte
sagen, so elektrisch wirkte, imd ihm seiner Zeit so rasch die
maschinenstudirende Jugend Deutschlands zuführte.
Die thoretische Maschinenlehre befasst sich mit Vorliebe mit
den Kraftmaschinen, also den Dampfmaschinen, Wasserrädern,
Turbinen, Windrädern u. s. f., oder, um auf unsere Definition zu-
rückzugehen, mit derjenigen besonderen Einrichtung der
Maschine, vermöge deren sie die Naturkräfte auf die gün-
stigste Weise aufnimmt. Doch beschäftigt sie sich auch mit
Arbeitsmaschinen, und offenbar gehören auch diese in ihr Gebiet.
Man ist indessen vielfach gewohnt, diesen Theil der spezieUen
Maschinenlehre der mechanischen Technologie zuzurechnen.
Solches geschieht übrigens nicht durchstehend, und wenn man
will , auch nicht ganz mit Recht. Denn die mechanische Techno-
logie will die Verarbeitung der Stoffe durch mechanische Mittel,
die in einer Unzahl von Fällen auch nicht Maschinen sind, lehren.
Sie hat deshalb ihre eigenen Wege und muss sich von besonderen
Gesichtspunkten leiten lassen. Sie nähert sich dabei auch der
Maschine, aber von einer ganz anderen Seite, als die Maschinen-
lehre, und es ist begreiflich, dass beide ihre Ansprüche auf das-
selbe Lehrobjekt erheben können. Dennoch brauchen deshalb die
beiden Disziplinen nicht vermengt zu werden.
Der hier in Frage kommende besondere Theil der Technologie,
oder also, wenn man will, der technologische Theil der spe-
ziellen Maschinenlehre, befasst sich mit der Wirkung, welche
die Naturkräfte vermöge ihrer besonderen Verwendung durch die
Maschine auf den zu bearbeitenden Körper ausüben, also mit der-
jenigen besonderen Einrichtung der Maschine, vermöge
deren sie die aufgenommene Wirkung auf die geeignetste
42 I. KAP. AUiGKlCEIliE UMBI88E.
Weise abgibt Im Ganzen also gibt die spezielle Maschinenlehre
die Theorie der Aufnahme und Verwerthnng der Natur-
kräfte durch die als gegeben angenommene Maschine.
Die dritte Wissenschaft ist die Maschinenbaukunde oder
Konstruktionslehre. Auch sie ist durch Redtenbacher ?on
ihrer unrichtigei^Tnierordnung unter die angewandte Mechanik
befreit und auf eigene Füsse gestellt worden. Sie hat die Aufgabe,
zu lehren, wie den Körpern, welche die Maschine bilden, die in
unserer Definition angegebene Eigenschaft der Widerstands-
fähigkeit zu geben sei. Um diese Eigenschaft in ihrem vollen
Sinne zu fassen , muss sie dieselbe nach zwei bereits vorgezeichne-
ten Richtungen erwägen, nämlich als die Haltbarkeit nicht bloss
gegen die sensiblen, sondern auch gegen die latenten Kräfte.
Erstere übernimmt sie als gegeben aus der theoretischen
Maschinenlehre, z. B. in der Form des Dampfdruckes auf den Kol-
ben der Dampfmaschine, des Wasserdruckes am Umfang der Tur-
bine u. s. w. ; sie beanspruchen die Festigkeit der Körper. Letztere^
die latenten Kräfte, übertragen die Kraffcwirkung von Körper zu
Körper, z. B. von Kolbenstange zu Pleuelstange, von Zahnrad zu
Zahnrad u. s. f., und bewirken dabei noth wendig Reibung und
Abnützung. Die Maschinenbaukunde muss also nach diesen zwei
deutlich geschiedenen Richtungen ihre Untersuchungen regeln.
Indem sie die Mittel zur Lösung der sich bietenden Aufgaben mit
den technologischen Rücksichten in Einklang bringt, rundet
sie sich zu einer wirklich technischen Wissenschaft ab. Die
Zweiseitigkeit ihrer Richtung, die nach den sensiblen und den
latenten Kräften, hebe ich hier als ein Hauptprinzip hervor,
welches bisher zwar faktisch anerkannt, aber nicht theoretisch
erkannt worden ist; dasselbe hat sich aber, wie man sah, deutlich
aus den allgemein entwickelten Grundsätzen ergeben.
Nun endlich enthält unsere Definition noch eine vierte Eigen-
schaft der Maschine, welche in den drei besprochenen Gebieten
nicht prinzipiell erledigt worden ist; das ist diejenige Eigenthüm-
lichkeit der Einrichtung, vermöge deren nur bestimmte Bewe-
gungen in der Maschine entstehen. Soweit die Bewegungen durch
Kräfte bedingt sind und Kräftewirkungen nach sich ziehen, hat
die theoretische Maschinenlehre sie freilich bereits behandelt.
Dagegen übernahm letztere die Bewegungen, soweit sie Ortsver-
änderungen sind, als gegeben. Demnach bleibt noch eine letzte
Reihe von Untersuchungen übrig, nämlich derjenigen von der Ver-
DIE MASCHINENWISSENSCHAFT. 43
ursachung der gegenseitigen Abhängigkeit der Ortsver-
änderungen in der Maschine. Sondert man die sich hierbei
darbietenden Aufgaben unter Voraussetzung der Lösung der drei
vorigen aus, so stellen sie sich als ein besonderes Untersuchungs-
gebiet dar, welches mit den Mitteln der angewandten Mathematik
und Mechanik zu bearbeiten ist. Die systematische Kenntniss ihrer
Lösungen bildet die von uns zu behandelnde Wissenschaft: die
Einematik oder MascMnengetriebelehre. Sie ist, wie aus
dem Bisherigen hervorgeht, die Wissenschaft von derjenigen
besonderen Einrichtung der Maschine, vermöge deren
die gegenseitigen Bewegungen in derselben, soweit sie
Ortsveränderungen sind, zubestimmten werden.
Der Unterschied zwischen der hierin gegebenen Eingrenzung
der Einematik und derjenigen, welche Ampere zwar nicht voll-
ständig gibt, aber doch andeutet (vergl. Einleitung S. 14), verdient
hervorgehoben zu werden. Er ist vor allem der, dass hier die
Kinematik grundsätzlich als wesentlicher Theil nicht der allgemei-
nenMechanik, wie Ampere will, sondern der Maschinenwissen-
schaft aufgefasst wird, was bei den Nachfolgern Ampere's auch
mehr oder weniger geschehen ist, ohne dass man es Wort haben
wollte. In dieser Auffassung liegt als entscheidend für die Unter-
suchungsobjekte die Unterordnung unter die Hauptgesetze, welche
für den maohinalen Zustand gegenüber dem kosmischen Gel-
tung haben, und zugleich der Anscbluss an die anderartige Behand-
lung, welche die Maschine in den drei übrigen Disziplinen erfahren
muss. Insofern also schöpft die Kinematik nicht isolirt aus dem
Absoluten, wie bei Ampere, sondern wirkt im Bewusstsein der
Nachbarlichkeit und der Gemeinsamkeit des Hauptobjektes mit
anderen Forschungen. Dagegen sind wir auf unserem eigenen
Wege in dem Punkte mit Ampere zusammengetroffen, dass die
Kinematik nur Ortsveränderungen betrachtet. Nur schliessen
wir dabei nicht mit Ampere die Kräftewirkungen aus, sondern
nehmen ihre Probleme in jedem Falle als gelöst an, und berück-
sichtigen die durch sie gestellten Bedingungen, was ein grosser
Unterschied ist. Die an diesem Punkte bei Ampere bleibende
Unklarheit war es, was seine Nachfolger genöthigt hat, Bruch-
stücke der drei anderen Disziplinen, deren sie nicht entrathen
konnten, gelegentlich einzuschieben. So finden wir z.B. bei Ha ton
einen Abriss der Festigkeitslehre, bei Laboulaye diese und ausser-
dem die Lehre von der Reibung u. s. w.
44 I. KAP. ALLGEMEINE UMBISSE.
Fassen wir das Gefundene kurz zusammen, so sehen wir, dass
man die praktische Mechanik zerfällt hat in:
Allgemeine Maschinenlehre,
Spezielle oder theoretische Maschinenlehre,
Maschinenbaukunde,
Maschinengetriebelehre.
Die letztere Wissenschaft ist offenbar für den Unterricht im
Maschinenwesen ebenso wichtig, wie die drei vorhergehenden, ja in
vielen Beziehungen muss sie denselben vorangehen, um ihnen die
Wege zu bahnen, weshalb einzelne Partien der Kinematik auch in
allen dreien jeweilig behandelt wurden. Die drei letzteren W^is-
senschaften vereinigt geben erst das volle Verständniss der Ma-
schine, welche die erste als vorhanden aufweist und teleologisch
deutet Alle vier greifen mehrfach ineinander; erst in ihrer Ver-
einigung ergeben sie die volle Ausbildung des Maschinentechnikers,
welcher seinen Aufgaben überall völlig gerecht werden wilL
§.3.
Allgemeine Lösung des Masoliinenproblems.
Wir wollen jetzt dazu übergehen, allgemeine Grundsätze für
ditö kinematische Verfahren festzustellen, um dadurch einen Stand-
punkt zu gewinnen , von welchem aus sich die Lösungsweise der
Pi'obleme mit einem Blicke übersehen lässt Die oben entwickel-
ten ürundanschauungen über die machinalen Systeme werden dazu
die Anleitung liefern. Die Träger der Kräfte, durch welche wir
die bewogten Punkte der Maschine veranlassen, ihre Bewegungen
auf bestimmt beabsichtigte einzuschränken, sind Körper von ge-
eigneter Widerstandsfähigkeit; auch gehören die bewegten
Punkte selbst solchen Körpern an. Demnach werden in der Ma-
schine die bewogten Körper durch sie berührende Körper ver-
hindert, andere als die gewünschten Bewegungen zu vollziehen.
Diese IWrührung muss demnach , wenn die Aufgabe immer getost
sein soll, unausgesetzt stattfinden, was gewisse Eigenschaften der
sich berührenden Köri>er voraussetzt. Indem wir diese Eigenschaf-
ton näher eKirtern wollen, nohmou wir zunächst ilie Körper als
vollkonunon widorstandstahi? an und nehmen keine Rücksicht auf
ihre Masse — mit anderen Worten, wir setzen die Aufgaben der
ALLGEMEINE LÖBUNO DES UABCHINENPROBLEMB. 45
Maschinenlehre und der Mascbinenbaukunde als gelöst voraus —
sie haben dann fiir uns nur geometrische Eigenscbafteii.
Um nunmehr einen bewegten Körper A Ton gegebener Form
mit einem ruhenden B in st«ter Berührung zu erbalten , müssen
wir dem letzteren eine besondere Form geben. Sie wird gefunden,
indem man den bewegten Körper A in alle aufeinanderfolgenden
L>agen bringt, die er gegen S annimmt, und die von den Lagen
der körperhchen Figur A eingehüllte Figur bestimmt Ist z. B.
A ein Parallelepiped (Fig. 4), welches mit einer seiner Flächen in
Fig. 4,
einer Ebene bleibt, so kann die Figur von H die Gestalt eines
bogenförmigen Kanals annehmen. Das geometrische Gebilde, als
welches hier JB herzustellen ist, heisst die Umhüllungsform zu
dem bewegten Gebilde A. Die Beziehung, welche jetzt B zn A
hat, gilt nun aber auch von A gegen B; A.h. A ist nun auch Um-
hüllongsform zu B, oder gehört wenigstens mit allen denjenigen
Punkten, welche mit B in Berührung kommen, der Umhüllungsform
von A gegen B an. Das Verhältniss ist also ein gegenseitiges.
Solche gegenseitige UmbüUungsformen können in vielen Fäl-
len körperhch hergestellt werden. Umgibt man einen bewegten
Körper mit ruhenden Körpern, welche seine Umhüllungsform an
sich tragen, derartig, dass keine zweite Bewegung ohne Beseiti-
gung der Körper möglich ist, so ist seine Bewegung, wenn über-
haupt eine solche entsteht, nothweadig die den Umhüllungsformen
angehörige, bei deren Bildung vorausgesetzte Bewegung.
Zur Umhüllung eines bewegten Körpers ist, wie wir sehen,
mindestens ein anderer Körper nöthig. Hat man deren mehrere
herstellen müssen, weil vielleicht die Form des erstgefundenen
zwar die Umhüllung bewirkte, aber doch nicht alle fremden Be-
wegungen ausschloss, so kann man sie mit dem ersten zu einem
Körper vereinigen. So z. B. kann man bei dem zweitbeiligen
Z^fenlager sich die Unter- und Oberschale zu einem StUck ver-
46 I. KAP. ALLGEMEINE ÜMBIS8E.
einigt denken. Wir finden also, dass zum wenigsten immer zwei
Körper auf diese Weise zusammengehören, welche dann gegen-
seitig dasselbe Verhältniss, nämlich das der Umhiillnng, zu einander
haben. Die Maschine besteht nun aus lauter solchen paar-
weise zusammengehörigen Körpern. Dieselben sind die eigent-
lichen kinematischen oder getrieblichen Elemente der Maschine.
Der Zapfen und das Lager, die Schraube und die Schrauben-
mutter sind solche Paare von Elementen. Wir sehen hier, da.«>
die kinematischen Elemente der Maschine nicht einzeln, sondern
immer nur paarweise zur Verwendung kommen, oder dass die
Maschine nicht sowohl aus Elementen, als aus Elementenpaareo
besteht. Dieser besondere Grundzug der Zusammensetzung der
Maschine unterscheidet diese auf bemerkenswertbe Weise von an-
deren Gesammtbeiten.
Ist'ein kinematisches Elementenpaar gegeben , eo kann man
mittelst desselben dadurch eine bestimmte Bewegung erzielen, dass
man das eine der beiden Elemente festhält oder feststellt, d. h.
gegen ein gegebenes Raumsystem, welches als Ausgang der Bewe-
gungshetrachtung gewählt wird, zur Ruhe bringt Das andere
Element bleibt dann beweglich, aber nur in der einzigen, dem
Paare eigenthümlichen Weise. Seine Relativbewegung zu dem
zugehörigen Elemente wird dann seine absolute Bewegung in
Fig. 5.
Fig. fl.
dem betrachteten llaumsystem. Su macht z. B. in dem in Fig. 5
dargestellten Elementen paare Schraube und Mutter das letztere
ALLGEMEINE LÖBÜNQ DEB HASCHIN EMPROBLEMS. 47
Element, wenn es in Bewegung gesetzt wird, mit allen seinen
Punkten Schraubenbewegungen von bestimihter Fonn, sobald die
Schraube mit passendem Fuss oder dergleichen versehen, von uns
fest aufgestellt wird.
In dem Elementenpaare in Fig. 6, bestehend aus einem Prisma
und einem dasselbe umschliessenden Hohlprisma, vollzieht das
letztere mit allen seinen Punkten geradlinige Bewegungen von
gleicher Ausdehnung, wenn es nach fester Aufstellung des Voll-
phsmaa in Bewegung gesetzt wird.
Mit Elementenpaaren kann man eine grosse Zahl von Bewe-
gungen verwirklichen, wie später bei deren ausführlicher Betrach-
tung noch näher erwiesen werden wird. Die volle Verwerthnng
ihrer Eigenschaften bietet indessen noch ein Mittel dar, die durch
einzelne Paare erzietbaren Bewegungen zu einer ganz bedeuten-
den Mannigfaltigkeit zu erheben. Dies geschieht durch Verbin-
dung von Elemeutenpaaren.
Suchen wir vorerst einmal zwei Elementenpaare ab und cd
zu verbinden, so kann dies zunächst nur so geschehen, dass eines
der Elemente des einen Paares mit einem Elemente des anderen
verbunden, nämlich zu einem körperlichen Gebilde vereinigt wird.
Dies wird ausserdem wechselseitig zu geschehen haben, da ja sonst
eine Abhängigkeit aller Theile von einander nicht eintreten , also
Neues nicht geschaffen würde. Wenn wir also 6 mit c verbinden,
so haben wir d mit a zu vereinigen; oder wenn b mit d, so c mit a.
Sehen wir an einem Beispiel zu, was erreicht wird. Zunächst seien
die Paare ab und cd identisch, b und c seien nämlich Cylinder,
a und d prismatische Schlitze in Platten, in welche die Cjlinder
6 und c so passen , dass sie nicht seitlich darin verschoben werden
Pig- 7.
können, nnd auch nicht in der Richtung der Cylinderachsen beweg-
lich sind. Wir vereinigen nun 6 und c parallel mit einander, Fig. 7,
4S I. EAP. ALLGEMEINE UMRISSE.
und stellen auch die zwei Schlitze parallel und verbiodeD sie.
Dann werden offenbar alle Punkte von bc, wenn ad festgestellt
Pig B wird, sich parallel den Kan-
ten der Sehlitze bewegen
müssen, wie der Pfeil an-
deuteL Alle Punkte tod be
durchlaufen dabei gleiche
gerade Bahnen. Die Bewe-
gung findet also ganz eben-
so statt, als wenn bc einem
Prisma angehörte, welches
in ein Hohlprisma eingefksst
wäre, etwa wie bei dem
Paare o 6 in Fig. 8. Wir hätten also durch die Ausführung der
Verbindung zweier Paare nichts anderes erzielt, als was auch durch
ein einfaches Paar erreicht werden konnte; unser Experiment wäre
also ziemlich unfruchtbar abgelaufen.
Stellen wir aber einmal a und d nicht parallel, sondern etwa
so wie es Fig. 9 andeutet, schief gegeneinander, so wird die Sache
Fig. 9.
^
schon ganz anders. Die Mittelpunkt« von 6 und c legen nun nicht
mehr immer gleiche Wege in den Kerben zurück, und in Folgf
dessen durchlaufen die übrigen Punkte nicht mehr gleiche Bahnpn;
der Punkt p z. B. beschreibt eine Kurve. Die Bewegung ist al«'
ganz anders ausgefallen als vorhin.
Dennoch herrscht zwischen den beiden Fällen, die durch Fig. 'i
und 9 versinnlicht werden, die Verwandtschaft, dass fc — c und n— "J
beidemal je einen festen Körper bilden, oder als solcher betrachtet
werden können, dass also in beiden Fällen doch nur ein ElemeQ-
tenp.iar erzielt worden ist , und zw.ir durch Verbindung von i»'f'
ALLGEMEINE LÖSUNG DES MASCHINENPBOBLEMS. 49
Körperpaaren. Dieselben haben, nachdem wir ihre Verbindungs-
art etwas abgeändert haben, verschiedene Resultate geliefert, bil-
deten aber immerhin nur ein Paar.
Hiernach ergibt die wechselseitige Verbindung der Elemente
zweier Elementenpaare im allgemeinen wieder ein Elementen-
paar, welches von den einzelnen Elementenpaaren ver-
schieden sein kann. — Dies ist schon ein bemerkenswerthes und
nicht wenig folgenreiches Resultat.
Gehen wir nun weiter zur Verbindung von drei oder sogleich
von vier Elementenpaaren. Es seien die Paare
ab cd ef gh
gegeben. Verbinden wir von jedem derselben jedes Element mit
je einem eines anderen Paares, so behalten alle einzelnen Paare
ihre Eigenschaft und haben dazu alle in gleicher Weise eine neue
bekommen. Die Verbindung kann auf vielerlei Arten geschehen,
z. B. ih einer Reihenfolge wie die obige :
b cd ef gh o
oder in der folgenden :
b de ef - — hg a
VL s. w. Das Ganze bildet dann eine in sich selbst zurückkehrende
Gliederung, einer endlosen Kette vergleichbar, die aus lauter ein-
zelnen ineinander gehängten Gliedern besteht. In der That wollen
wir eine solche Elementenpaar -Verbindung eine Kette und zwar
eine kinematische Kette nennen. Der Körper, welcher aus der
Verbindung von Elementen aus verschiedenen Paaren entstanden
ist, ist dann ein Glied der kinematischen Kette. Jedes Glied
unserer obigen Kette besteht aus zwei Elementen , die Kette hat
also hier so viele Glieder, als sie Paare enthält.
In derselben haben je zwei aufeinander folgende Glieder eine
bestimmte Relativbewegung, nämlich diejenige, welche das die
Glieder verknüpfende Paar vorschreibt. Zwei Glieder aber, welche
ein drittes zwischen sich haben, besitzen nicht ohne weiteres be-
stimmte gegenseitige Bewegungen. Solche treten nur dann ein,
wenn die Kette so beschaffen ist, dass jede Stellungsverände-
rung eines Gliedes gegen das überbenachbarte eine Stel-
lungsveränderung aller anderen Glieder gegen das ge-
nannte Glied hervorruft. In einer kinematischen Kette, welche
diese Eigenschaft besitzt, hat jedes Glied nur eine Relativbewe-
gnng gegen jedes andere Glied; wenn also eine Relativbewegung
in der Kette herbeigeführt wird, sind alle Glieder gezwungen,
Aeuleaux, KinemAtik. a
50 I. KAP. ALLGEMEINE UMBISSE.
bestimmte Relativbewegungen zu vollziehen. Eine solche kinema-
tische Kette nenne ich eine zwangläufig geschlossene oder
kurzweg geschlossene Kette.
Als Beispiel kann die in folgender Figur dargestellte leicht
verständliche Kette dienen. Sie besteht aus vier gleichen Paaren
a6, cd^ c/, gh^ jedes aus einem cylindrischen Zapfen und einer
Fig. 10.
denselben umschliessenden Hülse gebildet, und jedes parallel den
anderen liegend. In derselben beschreibt jedes Glied gegen ein
benachbartes nur Kreisbewegungen. Jede Drehung von ha gegen
gf ruft aber eine Lagenänderung von bc sowohl als von de her-
vor, die Kette ist also geschlossen.
Eine geschlossene Kette an sich bedingt noch keine bestimm-
ten absoluten Bewegungen. Damit dies geschehe, ist ein ähnliches
Verfahren einzuschlagen, wie oben beim Elementenpaar; es ist
nämlich ein Glied der kinematischen Kette gegen das als
ruhend angesehene Raumsystem festzuhalten oder fest-
zustellen. Die Relativbewegungen der Glieder gehen alsdann in
absolute über. Eine geschlossene kinematische Kette, von
welcher ein Glied festgestellt ist, heisse ein Meohanid*
muB oder Getriebe.
Obige Kette kann lüemach auf vier verschiedene Arten zu
einem Mechanismus gemacht werden, nämlich (indem wir das fest-
gehaltene Glied durch Unterstreichung auszeichnen) wie folgt:
1) b c d e f g h a
2) b c d e f g h a
3) b c d e / g h a
4) b c d e f g h o
Ueberhaupt kann somit eine zwangläufig geschlos-
sene kinematische Kette auf soviele Arten zum Getriebe
gemacht werden, als sie Glieder hat»).
ALLGEMEINE LÖBUNO DES MASCHINEN PROBLEMS.
51
Um ein Kettenglied festzustellen, muss es mit passend geform-
ten ßefestigungsth eilen versehen sein. '
Die Demonstration zu vervollständigen, denken wir uns z. B.
einen genügend festen Ständer, wie ihn Fig. U zeigt, alB Gestell
benutzt, an welchem unsere Kette mit einem Kettengliede, z.B. ah,
festgeklemmt wird, worauf es kinematisch mit ah aus einem
Stücke besteht Die Bewegung, in welche das Getriebe nunmehr
versetzt werden kann, ist durch Punktirung einiger Hauptstellun-
gen angedeutet; sie ist die bekannte, zwischen „Balancier" und
„Kurbel" stattfindende Bewegung.
Die Form des tragenden Körpers ist fiir den kinematischen
Vorgang ohne Zweifel gleichgültig. Doch fällt sie leicht auf, d.i
in der Regel eine gewisse Neigung vorwalten wird, sie ähnlich zu
52 I. KAP. ALLGEMEINE UMBISSE.
gestalten, wie Architekturtheile gestaltet werden, mit denen ja der
Körper die Eigenschaft der Ruhe, der Unerschütterlichkeit gemein
haben soll, und in deren Nachbarschaft er auch häufig anzubrin-
gen ist. Die festgehaltenen Theile der Mechanismen haben daher
oft die Aufmerksamkeit der Theoretiker auf sich gezogen. Wir
haben das schon in der Einleitung (Seite 13) bei der Borgnis'-
sehen Eintheilung der Mascbinenorgane gesehen, wo die „Gestelle"
(supports) als besondere Klasse aufgezählt wurden. Eine andere
Aeusserung desselben Gefühles ist die von vielen beliebte Einthei-
lung der Maschinentheile in aktive und passive. Die letzteren
sind nichts anderes, als die an dem jeweilig festgehaltenen kinema-
tischen Kettengliede vorkommenden Elemente. Eine spezifische
Verschiedenheit derselben von den aktiven besteht aber nicht, da
in verschiedenen aus derselben Kette gebildeten Mechanismen der-
selbe Maschinentheil bald ruhend, bald bewegt auftritt.
In den Getrieben, welche aus einer Kette von der oben be-
schriebenen Bildung gebildet werden können, bewegt sich ein dem
festgestellten benachbartes Glied entsprechend dem Elemente, mit-
telst dessen es mit dem festgestellten Gliede gepaart ist; auf seine
Bewegungsform wirkt also bloss dieses eine Elementenpaar ein.
Anders ist es mit dem ihm an der anderen Seite benachbarten
Gliede; die Bewegung dieses Gliedes hängt sowohl von den Ele-
mentenpaaren an seinen Anknüpfungspunkten, als von den Bewe-
gungen der Nachbarelemente ab, ist also bei unserem Beispiele
durch vier Elementenpaare bestimmt Allein seine Bewegung
gegen das ruhende Glied ist doch eine ebenso bestimmte, als ob
es mit ihm bloss durch ein einziges Paar zusammenhienge. Deshalb
können wir auch das frühere Verfahren, ndttelst dessen wir zur
Kette gelangten, aufs neue bei ihm in Anwendung bringen, näm-
lich abermals ein Element eines neuen Paares mit ihm verbinden,
und die Kette weiter ausbilden. Auch die neue Kette wird zu
dem Anfangsgliede zurückzuführen sein, um den Schluss zu bewir-
ken. Wir erhalten auf diese Weise eine zusammengesetzte
kinematische Kette, welcher gegenüber wir die oben gefundene als
eine einfache zu bezeichnen haben. Fig. 12 zeigt eine solche
zusammengesetzte Kette, aus sechs Gliedern von ganz derselben
Gattung, welche wir oben benutzten, bestehend. Zwei der Glieder
enthalten jetzt je drei Elemente:
d i e
und a h o.
ALLGEMEINE LÖSUNG DES MASCHINBNPROBLEMS. 53
Denken wir uns wieder a ä, das ist a h o,
festgestellt, so hat nun h l eine noch verwickeitere Bewegung
Fig. 12.
als d e\ die Zusanmunensetzung der Ketten gewährt also die
Möglichkeit, Bewegungen von mehr und mehr verwickeltem Gesetze
zu verwirklichen, und somit für eine grosse, ja unendliche Zahl
von Bewegungsarten kinematische Mittel zu beschaffen. Von den zu-
sammengesetzten Ketten gilt wie von den einfachen, dass sie durch
Feststellung irgend eines ihrer Glieder zum Getriebe gemacht
werden können, d. h. auf so viele Arten, als sie Glieder haben.
Für sich abgeschlossene Mechanismen lassen sich auch wieder
zusammensetzen, und dadurch zu einem höheren Ganzen ver-
knüpfen; dem Begriffe nach lassen sich aber solche zusammen-
gesetzte Mechanismen unter die aus zusammengesetzten Ketten
gebildeten stellen.
Hier haben wir nun das allgemeine Verfahren zur Bildung
von Mechanismen vor uns:
Der Mechanismus ist eine geschlossene kinematische
Kette; die kinematische Kette ist zusammengesetzt oder
einfach, und besteht aus kinematischen Elementenpaa-
ren; diese tragen die Umhüllungs^rmen zu den Bewe-
gungen an sich, welche die einander berührenden Körper
gegenseitig haben müssen, damit alle anderen Bewegun-
gen als die gewünschten aus dem Mechanismus ausge-
schlossen bleiben.
Ein kinematisches Getriebe oder Mechanismus kommt in Be-
wegung, wenn auf eines seiner beweglichen Glieder eine mecha-
nische Kraft, welche die Lage desselben zu ändern im Stande ist,
54 I. KAP. ALLGEMEINE UMBI8SE.
einwirkt Die Kraft verrichtet dabei eine mechanische
Arbeit, welche unter bestimmten Bewegungen vor sich
geht; das Oanze ist also dann eine Maschine.
Die Einrichtung, vermöge deren die Naturkrafb zur Wirkung
gelangt, ist entsprechend den Zwecken, welchen die Maschine die-
nen soll, zu treffen. Wird sie z. ß. so gewäMt, dass die Naturkraft
dauernd einzuwirken vermag, so erhält die Maschine einen dauern-
den Gang, wie die Wasserräder, Turbinen u. s. w. Kommt der
von der Kraft beeinflusste Theil nach einiger Zeit in eine Lage,
in welcher die Naturkraft ihre Einwirkung nicht mehr auszuüben
vermag, so muss, wenn der Gang zu einem dauernden gemacht
werden soll, die für die Einwirkung geeignete Lage künstlich wie-
der hergestellt werden , wie dies z. B. bei der LTir geschieht. Bei
manchen Maschinen ist der Gang nur auf sehr kleine Lagenände-
rungen der bewegten Kettenglieder eingeschränkt, wie bei den Waa-
gen, wo dann eine wiederholte Herstellung der zur Wirkung geeig-
neten Lage erforderlich ist. Soviel nur beispielsweise; wir werden
später systematisch auf diese sämmtlichen Fragen zurückkommen.
Im Gebrauche der Bezeichnung Maschine verfahrt man nicht
durchweg folgerichtig. Gewöhnlich wendet man dieselbe mit Vor-
liebe nur da an, wo Kraft oder Bewegung auffallend oder
dauernd zur Erscheinung kommen. So wollen manche die eben
angeführte Waage nicht eine Maschine nennen , da bei ihr die I^
wegung auf enge Grenzen eingeschränkt ist; die Waage muss aber
sehr wohl eine Maschine heissen, indem bei ihr Kräfte und Bewe-
gungen in ganz derselben Weise benutzt werden, wie bei anderen
Maschinen. Eher kann man schon zugeben, dass die Messapparate
des Geometers, z. B. der Theodolith und andere, keine Maschinen
seien. Hier sind zunächst Mechanismen ganz genau in dem
oben besprochenen Sinne benutzt, und auf diese wirken auch
Kräfte in der gedachten Weise ein, sobald man von ihnen Gebrauch
macht. Allerdings al)er sind die Kräfte klein und die Mechanis-
men werden nur vorübergehend gebraucht; es mag daher immer
die Bezeichnung InstriÄent den Vorzug verdienen. Unrichtig is>t
der Name Maschine aber auch hier nicht, wovon man sich übor-
zeugt, wenn man die englischen Riesenteleskope mit ihren mächti-
gen Stell- und Wende- Aj)paraten näher ansieht. Sie sind hinsicht-
lich der Art wie des Zweckes des Mechanismus nicht verschieden
von kleinen Beobachtungsfern röhren, nur dem Grade nach weichen
sie von ihnen ab. Auch auf Maschinen , welche die Natur hervor-
ALLGEMEINE LÖSUNG DES MA8CHINBNPR0BLEMS. 55
bringt, wollen manche den Namen nicht angewendet wissen. Ein
paar Steinblöcke, welche kniehebelartig einen dritten aas seiner
Lage kippen, können ganz nach Art des Getriebes Fig. 11 kinema-
tisch zus4pnenhängen ; die sogenannten Steintische oder Wipp-
steine, welche die Verwitterung in manchen Gegenden hervor-
gebracht hat, sind wie eine Balkenwaage gebildet; Islands Spring-
quellen wirken in gewisser Weise ähnlich wie die Dampfinaschine,
und befördern dazu noch das Wasser durch förmliche senkrecht
stehende Röhren, die der Sintemiederschlag in Torzüglicher Güte
bildete; man kann ihnen den Namen Maschine nicht vorenthalten.
Ich führe dies übrigens bloss an, um die Brauchbarkeit des Wortes
für unsere Zwecke zu prüfen, da der wissenschaftlichen Strenge
die Bedeutung der benutzten Namen nicht gleichgültig sein darf.
Fem liegt es mir, den Gebrauch des Namens da aufdrängen zu wol-
len, wo man auf denselben keinen Werth legt Aber die angeführ-
ten Beispiele passen sowohl unter unsere Definition der Maschine,
als auch unter die obige Nachweisimg von deren allgemeiner Zu-
sammensetzung. Es zeigte^ sich also nur, dass trotz der Nichtan-
wendung des Namens auf die gedachten Fälle derselbe doch richtig
ist, nämlich dazu dient, die in der Definition zusammengefassten
Eigenschaften gemeinsam zu bezeichnen.
Wir sahen vorhin, auf welche Weise aus dem Mechanismus
eine Maschine wird. Nach der gegebenen Entwicklung besteht die
Maschine aus einem oder mehreren Mechanismen, deren nacl^ dem
Vorangegangenen jeder sich in kinematische Ketten, und diese
wieder in Elementenpaare muss auflösen lassen. In diesem Auf-
lösen besteht die Analyse der Maschine, die Untersuchung des
kinematischen Inhaltes der Maschine, geordnet nach Mechanismen,
kinematischen Ketten und Elementenpaaren. Ihr gegenüber steht
die Synthese derselben, d. i. das Angeben der kinematischen
Elemente, kinematischen Ketten und Mechanismen, aus welchen
die Maschine bei gegebenem Zwecke zu bilden ist.
Es gibt grosse Gebiete in den exakten Wissenschaften, wo
Analyse und Synthese ojine einander bestehen können , wo wenig-
stens grosse Erfolge aus blosser Anwendung der Deduktion aus
feststehenden allgemeinen Sätzen erzielt werden können. In unse-
rem Falle aber können die beiden geistigen Thätigkeiten nicht
ohne einander ausdauem, und zwar deshalb, weil die Maschine
nicht oder nur sehr selten als vorhandenes Naturerzeugniss uns
entgegentritt, sondern weil wir sie selbst gemacht haben, d. h.
56 I. KAP. ALLGEMEINE XJMBI88E.
weil sie im Grunde durch das synthetische Verfahren von uns
erzeugt ist Wir sind also durch eine häufig dunkel gebliebene
Induktion zu ihr gekommen, und Deduktion und Analyse sind
daher das Mittel für uns oder sollen es für uns werflh , um zur
bewussten Induktion und Synthese zu gelangen.
Die Synthese ist hier, wie in den meisten Fällen, die ungleich
schwierigere der beiden Aufgaben. Sie wurde bisher nur kaum
anders als empirisch vorgenommen. Ihr Gebiet ist eben dasjenige,
was der Sprachgebrauch das Erfinden der Maschine nennt, und
worüber in der Einleitung ausführlich gehandelt wurde. Im
Grunde ist das Erfinden nichts anderes als Induktion, nämlich ein
fortwährendes Setzen und darauf folgendes Analysiren der aus
Analogie sich darbietenden möglichen Lösungen. Hiermit wird so
lange fortgefahren, bis das mehr oder weniger klare Ziel erreicht
ist, welches sich wegen des Dunkels, das über dem ganzen Ver-
fahren schwebt, meistens selbst mit verändert. Auf diese Weise
ist schon mancher mittelst eines wahren Labyrinthes von versuch-
ten und wieder verworfenen Lösungen, von denen jede sich an die
vorige anschloss, zu einer dem Anfang oft recht nahe liegenden
schliesslichen Lösungsform gelangt. Ja mancher meiner Leser,
der mit krauser Stirn viele Stunden und Tage vor machinalen
Aidjgaben zugebracht, wird es durchgemacht haben, dass ihn seine
im Kreise gehenden Tastversuche zu einem bekannten und nur
nicht als gut erkannten Problem nach viel mühevollem Probiren
— „Pröbeln" nennt es die süddeutsche Mundart — liinleiteten.
Die Hauptursache der Mühseligkeit aber besteht darin , dass man
die Mechanismen nicht überschaut oder nicht erkennt, weil ihr
eigentlicher Inhalt, die kinematische Verkettung mit ihren Ge-
setzen, dem Mechaniker in seinen Gedankenoperationen bisher
nicht zur Verfugung stand. Die Bekanntschaft mit ihr würde unter
zehn Fällen neunmal das wahrhaft Naheliegende alsbald gezeigt,
und den Weg zum Femerliegenden gekürzt haben. Denn die
wissenschaftliche Getriebelehre räumt, wenn sie die Analyse voll-
ständig bemeistert, einen grossen Theil der Schwierigkeiten voll-
ständig liinweg. Die noch bleibenden sind dann auch gJinz ande-
rer Art als die früheren. Während das empirische Verfahren ein
Hineintasten in einen dunklen Raum ist, in welchem man bei gutem
Glück die Lösung zu treflFen hofft, kommt hier das auf eine geläu-
fige Analyse gestützte induktive Verfahren zur Verwendung.
Die Schwierigkeiten bestehen also nur in den gesteigerten Anfor-
ALLGEMEINE LÖSUNG DES MASCHINENPROBLEMS. 57
demngen an die Fähigkeit zur Induktion. In dieser selbst aber
folgt die Kinematik denselben logischen Gesetzen, wie alle anderen
Wissenschaften. Es wird sich später sehr oft Gelegenheit finden, zu
zeigen, wie bedeutend der Unterschied zwischen diesem Verfahren
und dem alten ist. Einstweilen bin ich freilich nur in der Lage,
aus allgemeinen Grundsätzen heraus dies vor dem Leser erschliessen
zu können.
Wir sehen hiermit das Maschinenproblem zunächst theore-
tisch gelöst, oder mit anderen Worten die Art der Lösung dessel-
ben in allgemeinen Zügen in abstrakter Form vorgezeichnet vor
uns. Damit ist allerdings der zu nehmende Gang erst angedeutet.
Die aufgestellten allgemeinen Sätze von den Elementenpaaren, Ketten
und Mechanismen sind gleichsam nur die Inhaltsangaben, die Auf-
schriften zusammengerollter Blätter, die wir nun erst allmählich
entfalten müssen.^ Es bedarf, um die Lösung des Problems von der
Allgemeinheit des Grundsatzes zu der Besonderheit der Anwen-
dung hinzuführen, des genauen Studiums jener Einzelheiten. Dieses
Studium werden wir in ^en folgenden Abhandlungen beginnen.
Dass dasselbe nicht einfach und leicht ist, wird begreiflich
sein ; mir wenigstens scheint es unmöglich , schnell über so tief-
greifende Fragen hinauszukommen. Wer in das Maschinenwesen
mit Aufmerksamkeit hineinblickt, endeckt in demselben so viele
Erscheinungen von so schwer zu überblickendem Zusammenhang,
dass er auf leichtes Eindringen in die tief zu Grunde liegende Ge-
setzmässigkeit nicht schliessen kann, und dass er begreift, wie es
oft der ganzen Kraft des einzelnen Menschen bedürfen konnte, um
manche der sich darbietenden Aufgaben auch nur einen Schritt
vorwärts zu bringen. Man betrachte z. B. den Spinnstuhl, wie er
sich in drei Menschenaltem erst zu seinem heutigen, immer noch
verbesserungsfahigen Stande entwickeln konnte, trotzdem die
besten Mechaniker an ihm arbeiteten ; man sehe die Wandlungen
der Nähmaschine an, und prüfe beide nachher rückwärts vom fer-
tigen Zustande aus, so bekommt man eine Vorstellung von den
Schwierigkeiten, welche die Theorie wenigstens in abstracto über-
winden soll. Ausserdem sind die oben entwickelten Sätze völlig
neu. Sie erfordern daher das sorgfältige Eingehen auf zahlreiche
Besonderheiten; auch auf solche, welche dem Maschinenbauer
schon vollständig bekannt scheinen, welche aber nach jenen Grund-
sätzen noch nicht untersucht sind und vor denselben noch manche
neue Seite offenbaren werden. Somit werden wir erst nach eini-
58 I. KAP. ALLGEMEINE UMRISSE.
ger Zeit zu solchen Sätzen gelangen, welche zur unmittelbaren
Anwendung geeignet sind.
Wenn wir aber soweit gekommen sein werden, die vorhande-
nen Gesetzmässigkeiten nachgewiesen zu haben, so stehen wir auch
an der Grenze, bis zu welcher die Lehrmeisterin Theorie sich als
Führerin anbieten darf.
Denn zur Anwendung der Gesetze bedarf es seitens des Prak-
.tikers eines besonderen Aufwandes Ton Scharfsinn, um in der Ma-
schine das zu erhalten, was man ein praktisches Werk nennt»
worunter man ein solches versteht, welches die ihm gestellte
Aufgabe ohne zu grossen Aufwand von Mitteln dauernd
gut löst Dies kann nur sehr theilweise gelehrt, nur am Beispiel
völlig klar gemacht werden. Denn die wissenschaftliche Abstrak-
tion kann für die Maschine nur die Möglichkeiten liefern; sie
besitzt kein Kriterium für die Auswahl zwischen „ praktisch*' und
„unpraktisch". Man hat oft der Theorie dieseS ihr innewohnen-
den Mangel vorgeworfen; solches geschieht aber mit Recht nur
da, wo sie das reale Gebiet hartnäckig ignorirt Von dem prakti-
schen Gebiete haben wir uns nur deshalb auf das der Abstraktion
entfernt, um die verwickelten Gänge unserer Aufgabe mit Klarheit
erkennen zu können. Jene Auswahl aber zwischen brauchbar und
unbrauchbar ist es, welche uns immer wieder zum Realen zurück-
führen muss. Die Kinematik muss deshalb vielfach bei der Praxis
in die Schule gehen und hat wiederholentlich die Aufgabe, zu
empirisch Gefundenem die Findungstheorie und die Theorie über-
haupt erst zu machen. Und es ist auffallend: es gibt fast keine
kiuematische Aufgabe, fast keine noch so kühne Wendung in den
theoretischen Sätzen, für welche sich in der Praxis nicht irgend
ein Beispiel schon vorfände. Ein Nachhinken braucht übrigens
deshalb die Theorie immer noch nicht zu sein, wie sie es allerdings
nicht selten gewesen ist; vielmehr fasst sie die in dem Vorfind-
lichen enthaltene Gesetzmässigkeit erst recht zusammen; sie ballt
aus den einzelnen Wahrheitsfunken erhellende Flammen, und
ermöglicht dadurch neue und entschiedene Schritte auf der Balin
der Weiterentwicklung. Deshalb ist gegenseitige Achtung das
richtige Verhältniss zwischen Theorie und Praxis des Maschinen-
wesens.
ZWEITES KAPITEL.
PHORONOMISCHE LEHRSÄTZE.
Vorbemerkungen.
Die Getriebelehre ist eine abgeleitete Wissenschaft und hat,
wie schon früher besprochen, ihre wesentlichen Hilfsquellen in der
angewandten Mechanik und Mathematik. In ersterer tri£Pt sie eine
besondere Auswahl, indem sie vor allem solche Bewegungen be-
trachtet, welche durch latente Kräfte vorgeschrieben werden, und
demnach durch geometrische Eigenschaften der Träger dieser
Kräfte bedingt werden. Es ist deshalb ein ganz bestimmtes Gebiet
der Mechanik, nämlich das geometrische, in welchem ihre Probleme
zum grossen Tbttle wurzeln. Dieses Gebiet wird in wissenschaft-
lichen Werken nicht immer gleich benannt Am besten nennt man
es wohl Phoronomie. Vielfach ist es auch Kinematik genannt
worden. Allein dies darf als missverständlich bezeichnet werden.
Wenigstens hat Ampere, als er den Namen schuf, ihm nicht einen
solchen Sinn beigelegt. Auch ist es ganz unnöthig, den Namen
Kinematik so umzudeuten, da Phoronomie vollkommen ausreicht
und obendrein viel bezeichnender ist als Kinematik. Die Phorono-
mie will nämlich lehren, wie die Tragung, Forttragung, Fortbewe-
gung zu messen sei; sie ist die Lehre von der Messimg der Fort-
bewegung der Körper, und S5war der Körper aller Art, und hat sich
60 II. KAP. PHORONOMISCHE LEHK8ÄTZE.
insbesondere ausgebildet zur Lehre von der geometrischen
Darstellungsweise der Bewegungen. Wir wollen deshalb
hier bei der Benennung Phoronomie bleiben. Ihrer Lehrsätze
haben wir uns vielfach , vor allem soweit sie die festen Körper be-
treflPen, zu bedienen, und sind daher veranlasst, einen Theil der-
selben zu besprechen.
Der rein mathematische Theil der in Betracht kommenden
phoronomischen Aufgaben ist es, was den Inhalt der von Prof.
Aronholdso genannten „kinematischen Geometrie" ausmacht Sie
ist thatsächlich ein Theil der Phoronomie, und es steht wohl nichts
im Wege, sie auch entsprechend zu nennen. Verbindet man ihre
Betrachtungen mit denjenigen über die Massen Wirkungen der be-
wegten Punktsysteme, so entsteht die „phoronomische Mechanik".
In ihr ist ohne Zweifel das zu finden, was die neueren französi-
schen Dissidenten unter „reiner Kinematik" verstehen wollen
(vergl. Einleitung S. 19). Hoffentlich wird sich diese Einsicht ver-
• allgemeinem, worauf aus der Art von Verwirrung, die heute noch
besteht, sich die verschiedenen Richtungen mit Klarheit aussondern
werden. Jedenfalls ist zu wünschen, dass man der jetzt bestehen-
den Mehrdeutigkeit der Benennungen ein Ende macht
Unseren deutschen Polytechnikem wurden bis ganz vor Kur-
zem nur die niederen, einfacheren Theile der Phoronomie, nämlich
diejenigen, welche sich auf den bewegten Punkt beziehen, syste-
matisch bekannt gemacht und sind in zahlreichen Lehrbüchern so
vielfach erörtert, dass sie dem heutigen praktischen Mechaniker,
der sich für wissenschaftliche Auffassung interessirt, geläufig sind;
die Probleme vom Punktsystem dagegen wurden nur beispiels-
weise und gelegentlich vorgeführt; sie erscheinen in den dem
Techniker gebotenen Lehrbüchern nur selten, und dann eher als
interessante Zuthaten, denn als wesentliche Profteme. Nur von
diesen letzteren, deren Wichtigkeit für die Kinematik ganz ausser-
ordentlich ist, soll hier die Rede sein. Ich habe deshalb darauf
zu rechnen , dass ein grosser Theil der folgenden , in den Gang
unserer Untersuchungen eingeschobenen Sätze auch geübten Inge-
nieuren noch Neues darbieten werde. Eine der wichtigsten Eigen-
schaften der zu besprechenden Lösungen ist die ihnen als Prinzip
zu Grunde liegende Anschaulichkeit, die vor der Phantasie sichtbar
werdende Form des Vorganges der Ortsveränderungen ; ich bin be-
strebt gewesen, dieselbe , wo es möglich schien , noch vollständiger
zu machen , als es bisher zu geschehen pflegte.
BELATIYE B£WEOUNQ IN DEB EBENE. 61
§.5.
• ' I
Relative Bewegung in der Ebene.
Bei der Beobachtung der Bewegung eines Punktes sind wir
nicht im Stande, dessen absolute Bewegung mit unseren Sinnen zu
erfassen; viehnehr beobachten wir nur dasVerhältniss der Lagen
des Punktes zu Körpern oder Punkten unserer Umgebung. Dieses
für jeden Zeitpunkt als bekannt betrachtete Verhältniss nennt man
die relative Bewegung des Punktes, oder wenn statt eines blossen
Punktes ein Körper betrachtet wird, die relative Bewegung des
Körpers gegen die uns umgebenden Baumtheile. Stehen diese im
Räume still, so ist jenes Verhältniss der absoluten und relativen
Bewegung des Körpers gleich; stehen sie aber nicht still, so sind
absolute und relative Bewegung verschieden. Für unsere Unter-
suchungen hat die absolute Bewegung im Kosmos keine Bedeutung;
wir dürfen deshalb den Begriff der absoluten Bewegung hier dahin
einschränken, dass wir die relative Bewegimg gegen den Beobach-
tungsraum, wenn man also will, gegen die Erde, aber auch gegen
ein Schiff, einen Bahnzug u. dergl. als absolute Bewegung oder
wenigstens als „für uns absolute Bewegung" auffassen.
Vorerst untersuchen wir Bewegungen in der Ebene, d. i. also
die Bewegung von Punkten in einer Ebene, auf welche der Beob-
achtungsraum eingeschränkt ist.
L Satz. Die relative Bewegung eines Punktes P gegen einen
anderen Punkt Q in der Ebene
Fig. 13.
P Q
findet auf der geraden Verbindungslinie PQ der Punkte statt,
gleichviel wie die Punkte sich einzeln gegen die Beobachtungsebene
bewegen. Kennt man den Abstand P ^ für jeden Zeitpunkt, so
ist die relative Bewegung von P gegen Q und von Q gegen P be-
kannt Dieser erste Satz ist nicht auf die ebene Bewegung ein-
geschränkt; er gilt vielmehr von der allgemein räumlichen Bewe-
gung zweier Punkte.
Beispiel Die Belativbewegung des Mittelpunktes P eines Pia-
neten gegen den Mittelpunkt Q des Zentralkörpers, den er irgendwie
umkreist, ist eine Osdllation auf dem Verbindungsstrahle P Q.
62 II. KAP. PHORONOMISCHE LEHBSÄTZE.
IL Satz. Die relative Bewegung eines Punktes P gegen eine
Ebene, in welcher er sieh bewegt, ist bekannt, wenn die relativen
Bewegungen von P gegen zwei Punkte A und B einer mit der
Pi^. 14.
Bewegungsebene unbeweglich zusammenfallenden ebenen Figur
gegeben sind. Sie ist ihrer Bahn nach der geometrische Ort
der Spitze P des Dreiecks ^1 PJB, welches z. B. in -4. P* JB übergehen
kann.
Beispiel. Die relative Bewegung des Mittelpunktes P eines Pla^
neten gegen die Ebene des Sonnensystems y in welchem der Planet ohne
Störungen umläuft, ist ein Kegelschnitt, welcher durch Parallachsenmes-
sung vom Zentralkörper aus bestimmt werden kann.
III. Satz. Die relative Bewegung einer ebenen Figur gegen
eine Ebene, in welcher sie sich bewegt, ist bekannt, wenn die rela-
tiven Bewegungen zweier ihrer Punkte, P und Q^ gegen zwei feste
Pig. 15.
Punkte A und B der Bewegungsebene gegeben sind. Denn in die-
sem Falle kann man von den Lagen von P und Qaus die Lagen aller
übrigen Punkte der beweglichen Figur als Spitzen von Dreiecken
bestimmen, von denen alle drei Seiten der Grösse nach bestimmt
sind und die Basis auch noch der Lage nach gegeben ist Wir
können demnach bei unseren Betrachtungen jede ebene
RELATIVE BEWEGUNG IN DER EBENE. 63
Figur durch eine in ihr gelegene feste Strecke aus-
drücken. Auch ist deshalb die Bewegung der Strecke P Q gegen
die Strecke AB diejenige der Figur P Q gegen die Figur AB.
Beispiel. Um von einem Planeten^ der nch mit gerader Ekliptik
in einem Sonnensysteme bewegt ^ die relative Bewegung seines Aequator-
Schnittes gegen die Ebene des Sonnensystemes bestimmen eu kön-
nen ^ muss man die relativen Bewegungen von wenigstens zwei Punkten
des genannten Schnittes gegen die Bewegungsebene kennen. Abgesehen
von dir grosseren Komplikation des Falles liefern an Gestirnen die sicht-
baren Unebenheiten der Oberfläche , an der Sonne die Flecken^ die unent-
behrlichen Marken für solche Beobachtungspunkte.
IV. Satz. Die relative Bewegung einer ebenen Figur PQ
gegen einen Punkt A in ihrer Bewegungsebene ist ein durch A
Fig. 16.
gehendes ebenes Strahlenbüschel von unbestimmten Winkeln. Denn
die Figur kann bei denselben Winkeln der Strahlen die verschie-
densten Lagen annehmen, also eine mannigfaltige Bewegung in der
Ebene vollziehen, ohne dass die beobachteten Winkel darüber
Aufschluss geben.
Setspiel. Hiernach kann eine kinematische Kette, welche bei ebener
Bewegung nur an einem Punkte der Bewegungsebene festgehalten ist, keine
bestimmte Bewegung herbeiführen, mag auch die Relativbewegung jenes
Punktes gegen die Kette völlig bestimmt, d. h. diese eine geschlossene
Kette sein. Die scheinbar widersprechende Annahme , dass gewisse
neuere GeradfOhrungs-Mechanismen nur eines festen Punktes bedürften,
beruht auf einer irrigen Anschauung. Hält man bei einem solchen Mecha-
nismu^ wirklieh nur einen Punkt {oder strenger eine Achse) fest, so hören
die übrigen Theile auf, gezwungene Bewegungen zu vollziehen.
64 II. KAP. PH0B0N0MI8CKE LEHBSÄTZE.
§. 6.
Zeitweiliger Drehpunkt oder Pol; das Polvieleck.
Die vorstehenden vier Sätze bilden die Grundlage der Phoro-
nomie des Punktsystems und sind in gewisser Hinsicht erschöpfend.
Jedoch liefern sie noch keine anschauliche Vorstellung von der
Aufeinanderfolge der relativen Lagen. Diese haben wir jetzt
näher ins Auge zu fassen.
Wenn von einer ebenen Figur zwei nicht parallele Ijagen PQ
und Pi Qi in der Ebene gegeben sind, so kann man sie aus der
Fig. 17.
r^ n r-; / VQi
* 1 .' • / ^
\ ; ,' / / ,^
I / / / /
\ • ' / •
\ ; » / /
• / /
\ • •/ / •
einen in die andere Lage inmier durch Drehung um einen Punkt 0
der Ebene gebracht denken, welche man findet, wenn man auf den
Mitten der Verbindungsgeraden PPi und Q Qi Senkrechten errich-
tet und bis zu ihrem Schnittpunkt verlängert. Letzterer ist der
gesuchte Punkt 0, weil die Dreiecke OPQ und OPi Qi als seiten-
gleich kongruent sind. Der Punkt 0 heisst der zeitweilige
Drehpunkt oder Pol für den gegebenen LagenwechseL
Sucht man für einen zweiten und einen dritten Lagenwcch-
sel — von Pi Qi nach P, ßj, nach Pj Q^ u. s. w. — nach demsel-
RELATIVE BEWEGUNG IN DER EBENE. 65
ben Verfahren den zeitweiligen Pol auf, so erhält man eine Reihe
von Polen 0 Oi 0^ 0» u. s. w. , welche man durch Geraden der
Reihe nach verbinden kann. Es entsteht dann ein ebenes Polygon
0| 0^ O3 . . . . Fig 18, dessen Ecken die Pole sind. Wir wollen es Pol -
Fig. 18.
vieleck nennen. Wenn die Figur P Q nach einer Reihe von
Lagenwechseln in die erste Lage zurückkehrt, so ist das Polvieleck
geschlossen, wenn nicht, so bleibt es offen ; die Figur vollzieht aber
in jedem Falle eine Reihe von Drehungen um die Pole; ihre Punkte
legen also lauter Kreisbogen zurück, welche völlig bestimmt sind,
wenn wir noch die Winkel angeben, um welche jede der einzelnen
Drehungen stattfand. Wir haben deshalb diese Winkel noch in
übersichtlicher Weise aufzutragen.
Die Drehung um den Pol 0 geschah durch den Winkel P OPi
= qpi. Um sie bequemer überschauen zu können, verbinden wir
fest mit P Q die Gerade MMi^ indem wir M mit 0 zusammenfallen
lassen, imd Z.O1 OM = (pi^ und ausserdem noch MMi = OOi,
machen. Dann wird während der ersten Drehung die Gerade MMi^
sich um 0 drehend, in die Lage 0 Oi übergehen, und somit die
Beuleaux, Kinematik. 5
66 II. KAP. PHOBONOMISCHE LEHRSÄTZE.
Bewegung von PQ geradezu ersetzen können, da sie mit dieser
Figur fest verbunden ist. Wiederholen wir das eingeschlagene
Verfahren für die Drehung um Oi, indem wir an MMi die Gerade
Ml M2 = Ol O2 so ansetzen, dass sie mit der Oi O2, wenn Mx nach
Ol fallt, den zweiten Drehungswinkel fp^ einschliesst, so kann Mx Mt,
oder vielmehr die Figur 31 M^ M-i^ abermals die Figur P Q ersetzen.
So fortfahrend erhalten wir ein zweites Polygoa MM^M^M^ ..,
dessen aufeinanderfolgende Drehungen seiner Ecken um die ent-
sprechenden Ecken des ersten Polygons die gegebenen Ortswechsel
von P Q gegen die feste Ebene oder gegen eine darin gelegene
feste Figur AB angeben.
Betrachten wir die beiden gefundenen Polvielecke gemein-
schaftlich, so bemerken wir eine besondere imd wichtige Eigen-
thümlichkeit, nämlich die, dass sie gegenseitig ganz diesel-
ben Eigenschaften haben, oder reziprok sind, indem in den
einzelnen Stellungen, * wo zwei zusammengehörige Polygonseiten
zusammenfallen, die Vielecke sowohl die Lage der als beweglich
eingeführten Figur gegen die ruhende, als auch umgekehrt die der
ruhenden gegen die bewegliche angeben. (Satz IIL des vor. §.)
Es geben mithin die beiden Polvielecke so viele relative Lagen
der beiden Figuren an, als sie zusammengehörige Seiten zählen.
§•7.
PolbalLnen ; oylindrisohe Rollimg.
Das vorbeschriebene Verfahren hat uns ein Mittel geliefert,
eine Folge gegebener diskreter Lagen zweier beweglicher Figuren
übersichtlich darzustellen. Dasselbe lässt die Lagenwechsel selbst
unerörtert oder vielmehr unterschiebt ihnen Drehungen um ein-
zelne Mittelpunkte. Denkt man sich aber die als bekannt ange-
nommenen Lagen P Q, Fi Qi , PtQ^^ s. w. immer näher zusam-
mengerückt, bis sie schliesslich unendlich benachbart werden,
so muss die Darstellung in die des ganzen Vorgangs übergehen.
Bei dieser Aneinanderrückung nähern sich auch in den beiden
Polvielecken die Ecken, bis sie nur unendlich wenig von einander
entfernt sind, und es gehen dabei die Polvielecke im allgemeinen
in Kurven über, deren gleichlange unendlich kleine Stücke
nach unendlich kleinen Drehungen um ihre Endpunkte zusammen-
CYLINDRISCHE EOLLÜNG. 67
fallen, welche also während der stetig fortschreitenden relativen
Lagenänderung der beiden Figuren aufeinander wälzen oder
rollen. Jeder Punkt der gegenseitigen Drehung dient dann hier-
für nicht wie oben zeitweilig, sondern im allgemeinen nur einen
Augenblick, undheisst deshalb augenblicklicher Drehpunkt.
Die Kurven, in welche die Polvielecke übergegangen sind, werden
von dem augenblicklichen Drehpunkt oder Pol Punkt für Punkt
beide durchwandert Wir bezeichnen sie deshalb passend als
die Polbahnen der bewegten Figuren. Kennt man dieselben für
ein gegebenes Figurenpaar, so sind dessen relative Bewegungen
auch für unendlich benachbarte Lagen , also der Ortsveränderung
nach vollständig bekannt, und zwar sind sie durch Wälzung der
Polbahnen aufeinander bestimmbar.
Die Relativbewegungen ebener Figuren sind, wie aus dem Ge-
fundenen sofort einleuchtet, im allgemeinen nicht gleich, da sich
keine Bedingung gezeigt hat, welche die Kongruenz der Polbahnen
zur Folge gehabt hätte; sie werden aber gleich, sobald die Pol-
bahnen kongruent ausfallen.
1. Beispiel. Die Cyklaidenprobleme sind Beispiele der Belativhewe-
gung ebener Figuren ^ bei welchen man die Polbahnen als gegeben an-
nimmt Wenn ein Kreiscylinder über eine Ebene wälzt, so sind die Nor-
nuUsehniite der beiden Figuren solche, welche sich in gemeinschaftlicher
Ebene bewegen; der Kreis PQ und die Gerade AB, welche man erhält ,
nndy da sie aitfeinander walzen, zugleich selbst die Polbahnen der beiden
Figuren und der etwa mit ihnen verbundenen Figurentheile. Alle Punkte
van PQ beschreiben gegen AB Cykloiden, und zwar gemeine, ver-
längerte oder verkürzte, je nachdem sie auf, ausserhalb oder innerhalb
des Kreises liegen; Me Punkte aber, welche mit der Geraden AB fest
verbunden sind, beschreiben gegen PQ Evolventen, und zwar gemeine^
verlängerte' oder verkürzte, je nachdem sie auf, unter oder über der Qe-
rtiden liegen.
«3. Beispiel. Zwei gleichgrosse Kreise, welche aufeinander wälzen,
haben gleiche Belativbewegungen-, die Ptmkte beider beschreiben bei glei-
chem Badius gleiche Epicykloiden.
Da unsere Untersuchung allgemein für die B^lativbewegungen
ebener Figuren in gemeinsamer Ebene , oder , wie wir uns für die
Folge kürzer ausdrücken wollen, komplaner Figuren galt, so
können wir aus dem Erhaltenen folgenden Schluss ziehen: Alle
Relativbewegungen komplaner Figuren können als Wäl-
zungsbewegungen aufgefasst werden, und sind den Bah-
nen der Punkte nach bestimmbar, sobald man die zuge-
hörigen Polbahnen kennt
ö*
68 II. KAP. PHORONOMISCHE LEHB8ÄTZE.
Werden durch die betrachteten Figuren P Q und ill^Körper
gelegt und mit ihnen fest verbunden, so bewegen sich alle Paare
ebener Schnitte derselben, welche der bisherigen Bewegungsebene
parallel liegen, ebenso wie das erste Figurenpaar, haben also auch
mit jenen übereinstimmende Polbahnenpaare. Die hintereinander
liegenden, und sich stetig aneinander anschliessenden Polbahnen
schliessen dabei zwei allgemeine Cy linder ein, welche immer mit
einer Kante zusammenfallen und aufeinander wälzen oder rollen.
Diejenige Erzeugende, in welcher die Cylinder in irgend einem
Augenblicke einander berühren, ist dann Drehachse, und zwar
heisst sie augenblickliche Drehachse oder auch Momentan-
achse der Bewegung. Die Bewegung selbst heisst im vorliegen-
den Falle eine cylindrische Rollung. Auf diese körperliche
Relativbewegung können wir nun den oben für ebene Figuren ge-
fundenen Satz ausdehnen. Kennzeichen der sämmtlichen gegen-
seitigen Lagen cylindrisch rollender Körper ist, dass die normal
zur augenblicklichen Drehachse geführten Schnitte Figuren liefern,
welche bei der Bewegung stets komplan sind. Wir können deshalb
sagen: Alle Relativbewegungen zweier sich komplan be-
wegenden Körper können als cylindrische Rollungen an-
gesehen werden und sind den Bahnen der Punkte nach
bestimmt, sobald man die zugehörigen Momentanachsen-
cylinder kennt
§.8.
Au&uohung der PolbahnexL
Bei dem vorhin vollzogenen Uebergang auf stetige Bewegung
werden die Senkrechten, welche wir auf den Verbindungsgeraden
der aufeinanderfolgenden Punktlagen P und Pi, Q und Qi errich-
tet hatten, Normalen zu den Kurvenelementen, in welchen
sich die Punkte P und Q in jedem betrachteten Augenblicke fort-
bewegen. Soll daher die Polbahn für die Bewegung einer Figur
P Q g<?geii oine andere Ä B bestimmt werden können, so muss für
jede Lage von PQ von wenigstens zwei Punkten die Bewe-
gungsrichtung, d. i. die Lage der Tangente an die Bahn bekannt
sein. Die auf den Kurvenelementen errichteten Normalen schnei-
den einander nur in einem Punkte. Daraus folgt, dass für jede
AUFSUCHUNG DBB POLBAHNEN. 69
Relativbewegung komplaner Figuren nur ein Polbahnen-
paar möglich ist.
Die Aufsuchung der Polbahnen kann auf singularem Wege
durch punktweises Aufsuchen geschehen, oder auch durch allge-
meine Betrachtung, welche über das Kurvengeschlecht, dem die
Polbahnen angehören, sofort Aufschluss gibt. Wir betrachten in
Kürze beide Aufsuchungsarten.
Die Abhängigkeit der gegenseitigen Bewegung zweier kom-
planen Figuren P Q und Ä B sei bekannt Um die zugehörigen
Polbahnen zu bestimmen, verwandeln wir zuerst die gegebene
Relativbewegung dadurch in eine für uns absolute, dass wir dem
ganzen System eine solche gemeinschaftliche Bewegung ertheilen,
dass für uns die eine der Figuren, z. B. AB^ Fig. 19, zur Buhe
Fig. 19.
B
kommt Dann bestimmen wir die Bahnen (Kurven), in welchen
zwei Punkte P und Q sich bewegen, und ziehen Normalen zu den
Bahnelementen in P und Q\ der Schnittpunkt 0 derselben liefert
dann einen Punkt 0 der zm AB gehörigen Polbahn. Ein anderes
Xormalenpaar, bei Py und Qi errichtet, liefert einen anderen Punkt
Ol derselben Polbahn, u. s. w. Behufs Aufsuchung der zweiten
Polbahn MMi . . . können wir ganz ähnlich verfahren, indem wir
nun P Q zur Ruhe bringen, A B also in Bewegung kommen lassen,
und wie vorhin verfahren. Kürzer kommt man indessen meist bei
70 II. KAP. PH0R0N0MI8CHE LEHRSÄTZE.
folgender Betrachtung zum Ziel. Da bei der Lage P, Qi der Pol
Ol, welcher den beiden Polbahnen dann ja gemeinschaftlich ange-
hört, um PiOi von der Lage Pj des Punktes P, und um QiOi
von der Lage Qi des Punktes Q absteht, so braucht man nur mit
Pi Ol und ^1 Ol aus P und Q Kreise zu beschreiben, um in einem
von deren Schnittpunkten (unter Beachtung der Winkel bei P|
und ^i) den Pimkt Mi der zweiten Polbahn zu finden.
1. Beispiel. Für die in §.3, besprochene kinematische Kette {Fig, 20)
seien die Polbahnen eu bestimmen \ die Kette liefert ihrer Zusammen-
setzung nach nur komplane Bewegungen , und eignet sich deshalb hier als
Fig. 20.
Beispiel. Da jedes Glied gegen die drei übrigen beweglich ist, kommen
im Garnen sechs Polbahnenpaare hier vor, vier zwischen benachbarten^
und zwei zwischen gegenüberliegenden Gliedern. Die vier ersten sind
sehr einfach , indem sie auf Punkte zusammenschrumpfen ; die beiden an-
deren dagegen bieten sich nicht sofort dar. Wir wollen hier das zwischen
den Gliedern a Ä und d e bestehende Polbahnenpaar auf-
suchen. Zu dem Ende bringen wir zunächst durch Verbindung mit einem
festen Gestell^ etwa wie es Fig. 21 andeutet, das Glied a h zur
Ruhe. Dann dreht sich a d in Kreisen um a, während e h
in Kreisbogen um h hin- und herschwingt. Die Mittelpunkte der Ele-
mente bei c und f beschreiben also Bahnen , für welche die Kormaien
stets Radien aus den Mittelpunkten bei a und h sind. Durch Verlänge-
rung dieser Radien bis zu ihrem Durchschnittspunkte erhalten wir mithin
jedesmal einen Punkt der Polbahn, welche dem festgestellten Gliede
a h angehört. Die so entstehende Polbahn ist in Fig. 22 («. S. 72\
dargestellt. 0 oder M ist der Pol für die Anfangsstellung
a d e Ä,
erhalten durch Verlängerung von a d und h e bis zum Schnitte.
Die entstehende Figur OO1O2 . - > O5 wird nicht einfach von Gestalt,
Sie erhält vier unendlich ferne Punkte, entsprechend den zwei parailelen
Lagen von a d und h e. Die zweite Polbahn, dem Gliede
d e angehörig, auf die oben angedeutete Weise durch Zurücktragung
gefunden, ist inMM^M^ . - . M^ dargestellt-, auch sie erhält (nothwendig)
vier unendlich ferne Punkte. Die beiden Polbahnen^ welche in der Zeich-
nung einander in GM berühren ^ wälzen bei der Bewegung des Getriebes
auf einander, und zwar so, dass 0 0^0^ , . . O5 festst^t, und liefern
AUFBUCHÜKG DEK POLBAHNEN.
71
all« Elemente ew Ünteriuchung der kompUtirten Beieegung, teelche das
Glied d e volltieht. An Uebtrtichllichkeit lägst die sieh hier erge-
bende phoronomigche Darstellung tu tnüntehen übrig. Namentlich beein-
Fig. 21.
tr&chtigen die unendlich fernen Punkte nicht uenig die Anschaulichkeit.
Doch kommt es hier zunächst nicht darauf an, ob die Lösung leicht oder
schwer tu übersehen ist; vor allem ist sie eine vnrkUche und vollständige
Lötung der Aufgabe. Auf teelche Weite man selbst bei sehr verwickelten
Fällen tnanehmal tu sehr anschaulichen Vereinfachungen gelangen kann,
wird weiter unten geteigt werden.
3. Beispiel. Für die Auffindung von Polbahnen durch allgemeine
Betrachtung liefern uns ein sehr einfaches Beispiel die Stirnräder,
oder allgemeiner zviei Körper, tnelche sich um parallele Achsen von fentem
Abstand mit unver^dtrlichem Gesehwindigkeilsverhältniss drehen. Sind
a und b, Fig. 33 (IBI. 73), eieei komplane Schnitte der Körper, und c
und d die beiden Drehpunkte, so tcird sieh, loenn wir runächst a fett-
72
II. KAP. PHORONOMISCHE LEHRSATZE,
gestellt denken, der Punkt d um c im Kreise drehen müssen, da cd unter-
änderlich ist. Zugleich aber dreht sich b in demselben Moment um den
noch unbekannten Pol, Da aber die Normale zu der Bahn von d mit der
Pig. 22.
Zentrale zusammenfällt, muss auch auf dieser {oder ihrer Verlängerung)
der Pol liegen. Nehmen wir vorläufig an, 0 sei dieser Pol, und halten
nun die Zentrale c d fest , worauf a und b wieder ihre Drehbewegungen
annehmen, so rollen in 0 die beiden Polbahnen — beide beweglich — anf-
einander, und haben deshalb dort gleiche IJmfangs^Mhwindigkeiten. Ihn
Winkelgeschwindigkeiten haben aber dann das ^mäUniss dO:cO :u
einander. Der Voraussetzung nach ist aber dieses Verhältniss konstant;
AUFSUCHUNG UND REDUKTION DER POLBAHNEN.
73
demnach sind also auch dO undcO selbst konstant, mithin die Pol-
bahnen Kreise aus c und d, beschrieben mit Radien, tcelche im umge-
kehrten Verhältniss der Winkelgeschwindigkeiten der Körper stehen. Die
Fig. 23.
Theilkreise der Stirnräder sind hiernach nichts anderes als die Pol-
bahnen ihrer Normalschnitte, Wir treffen demna4:h hier auf einen Fall,
in welchem die Polbahnen von besonderer Einfachheit sind, und überdies
im Maschinenbau die ausgedehnteste praktische Anwendung finden.
§.9.
Reduktion der Polbahnen.
Das Polbahnenpaar, welches wir oben beim ersten Beispiel
fanden, enthält die vollständige Darstellung der Relativbewegung
zwischen den Gliedern d e und ä h der besprochenen
kinematischen Kette, und muss deshalb auch dienen können, wenn
die Kette anders als oben aufgestellt, also auf ander^^eise als
oben zum Getriebe gemacht wird. Man kann aber aus jener Kette
noch ein bemerkenswerthes Getriebe herstellen, dadurch nämlich,
dass man das Glied b c feststellt; es ist dies die erste der
vier auf Seite 50 angedeuteten Feststellungsarten. Man erhält
74 n. KAP. PHOBONOMISCHE LEHBBATZE.
dann, wie die folgende Figur darBtellt, ein Getriebe, bei welchem
die Glieder a h und d e beide Kreise beschreiben, unil
einander durch Vermittlung des Ghedes / g herumfuhren.
Das Getriebe ist die sogenannte Kniekupplung. Die Arme oder
Kurbeln d e und a h drehen sich mit einem schwanken-
den Winkelgeschwindiglceitsvcrliiiltniss, welches aus den zusammen-
EEDÜKTION DEE POLBAHNEN. 75
gehörigen Fahrstrahlen der Polbahnen für jede einzelne Stellung
ennittelbar ist Denken wir uns nämlich die oben bei Fig. 22 ge-
fandenen Polbahnen den zugehörigen Armen angefügt, so sehen wir,
dass sich beide dann um feste Punkte, a und dt, drehen und dabei
aufeinander wälzen, gerade wie die Theilrisse zusamniengehöri-
ger sogenannter unrunder Zahnräder i®). Indessen wird das Ganze
wegen der eigenthümlichen Gestalten der beiden Polbahnen schwer
übersichtlich, und es bleibt erwünscht, eine anschaulichere Dar-
stellung des Vorganges zu erhalten, namentlich soweit es die Ge-
schwindigkeitsverhältnisse der beiden Arme betrifft. Um hierzu
zu gelangen, denken wir uns mit dem einen der beiden Arme,
z. B. d c, ein cylindrisches Stirnrad verbunden, welches in
ein kongruentes, auf einer dritten Achse, fc, sitzendes eingreift.
Dann wird letztere sich vermöge des eingeschalteten Zahnräder-
paares genau so schnell drehen, wie der Arm d c, aber dabei
in entgegengesetztem Sinne umlaufen. Stfellen wir uns nun
vor, dass zwischen einem Arme' iÄ auf der Achse Je und dem ersten
Arme a h Polbahnen aufgesucht würden, so können diese
offenbar, soweit es das Drehungsverhältniss zwischen a h und
d e angeht, das vorige, so schwer übersichtliche Polbahnen-
paar vertreten. Wir führen so gleichsam die ersten beiden Pol-
bahnen auf zwei neue zurück. Fig. 25 (a. f. S.) stellt die zurück-
geführten oder reduzirten Polbahnen für unseren Fall dar.
Stellt man sich dieselben als Umfange aufeinander wälzender
Scheiben oder als die Theilrisse unrunder Zahnränder vor, so
geben sie sofort eine deutlich überschaubare Vorstellung von der
Mittheilung der Drehbewegung zwischen a Ä.und d e.
Auf die Verzeichnungsweise solcher reduzirter Polbahnen kommen
wir später zurück. Für jetzt genüge die Bemerkung, dass hier
die Summe der Fahrstrahlen zusammentreffender Umfangsele-
mente konstant, nämlich = alc ist, während oben bei den ursprüng-
lichen Polbahnen, Fig. 22, die Differenz dieser Fahrstrahlen kon-
stant, und zwar = ad war. Wie man sieht, sind die unendlich
fernen Punkte weggefallen, überhaupt ist die ganze Darstellung
sehr einfach geworden und lässt sich mannigfach verwerthen.
Die unendlich fernen Punkte der Polbahnen können unter
Umständen noch störender werden, als oben, wo sie immerhin
vermöge der Asymptoten noch einigermaassen brauchbar bleiben.
Macht man aber z. B in dem obigen Getriebe die gegenüberliegen-
den Glieder von gleicher Länge, siehe Fig. 26, so bilden die
76 II. KAP. FHOBONOMISCHE LEHB8ÄTZE.
Mittellinien der vier Arme ein Parallelogramm; ihre Verlänge-
rungen schneiden sich deshalb immer in unendlicher Feme, sodass
beide Polbahnen unendlich grosse sich der Verzeichnung
Fig. 25.
völlig entziehende Kurven uferden. Die vorhin angewandte
Reduktionsmethode würde zwei gleich grosse einander berührende
Kreise liefern. Wir können aber hier eine noch deutlichere Dar-
stellung erzielen. Zu dem Ende beschreiben wir aus den Mittel-
punkten bei a und / gleich grosse Kreise i und k um diese Punkte,
SEKUNDARE POLBAHNEN.
77
mit Radien, welche kleiner als die Hälfte von a / sind, und
legen an dieselben eine ausserhalb berührende Gerade i k. Lassen
wir nun die Gerade ohne Gleitung auf den beiden Kreisen rollen,
Fig. 26.
während diese sich um die Mittelpunkte a und / drehen, so bewegen
sich die Kreise i und Je gerade so , wie die Verbindung der Arme
im Parallelogramm es mit sich bringt, nämlich mit dem unver-
änderlichen Winkelgeschwindigkeitsverhältniss = 1 in demselben
Drehungssinne. Die drei Polbahnen, auf welche wir hier die
unendlich gross ausfallenden ursprünglichen reduzirt haben,
drücken also das darzustellende Bewegungsgesetz vollständig aus.
Ja noch mehr , wir können sie gleichzeitig mit den ursprünglichen
ausgeführt und angebracht denken. Sie sekundiren dann gleich-
sam die eintretende Bewegung, weshalb wir sie sekundäre Pol-
bahnen nennen können. Im vorliegenden Falle sind dieselben
nicht ein Paar, sondern eine Terne von zusammengehörigen
Figuren, was bemerkenswerth ist. Denn wir wissen, aus dem
Obigen (§. 8), dass sich für jede Relativbewegung komplaner Figuren
nur ein Polbahnenpaar ergibt Dass sich also für eine sekundäre
Darstellung einer solchen Bewegung mehr als zwei gegenseitig
rollende Figuren ergeben, ist nicht auf einzelne Fälle beschränkt,
sondern allgemein.
Derartige sekundäre Polbahnen können uns auch in solchen
Fällen Dienste leisten, wo die ursprünglichen wohl darstellbar
78
IL KAP. PH0R0N0MI8CHE LEHRSÄTZE.
und selbst leicht darstellbar, vielleicht aber zu gross im Maassstab
ausfallen, z. B. für Körperpaare, welche sich mit konstantem aber
nicht der Einheit gleichem Winkelgeschwindigkeitsverhältniss in
gleichem Sinne umdrehen. Solche würden als Polbahnen Kreise
erhalten, von denen der eine auf seiner Hohlseite berührt würde.
Die sekundären Polbahnen der obigen Gattung werden hier Kreise,
deren Durchmesser sich wie die der ursprünglichen verhalten, wo-
mit die Lage der Tangente ih sofort bestimmbar ist, siehe Fig27.
Ja selbst auch bei gegensinnigen Drehungen von konstantem Ver-
hältniss eignen sich diese sekundären Polbahnen, siehe Fig. 28.
rig. 27.
Fig. 28.
Die Tangonto ik tritt hier nur in innere Berührung mit den
sokundäron Polkroison. Bei den Methoden zur Ermittelung der
Zahnproiile der Zahuräiler spielen diese sekundären Polbahnen <*)
DREHUNG UM EINEN PUNKT.
79
stellenweise eine wichtige und anerkannte Rolle; wir finden sie
also bereits in die Methoden der Maschinenpraxis eingedrungen,
oder haben umgekehrt ein vielfach benutztes Verfahren auf allge-
meine phoronomische Prinzipien zurückfuhren können.
§. 10.
Drehung um einen Punkt.
Nachdem wir uns im Vorstehenden über die allgemeine Dar-
stellungsweise der Relativbewegung in der Ebene Klarheit
verschafft haben, gehen vidr jetzt zu dem schwierigeren Problem
der Relativbewegung im Räume über, wollen aber zuvörderst
die eine Einschränkung noch beibehalten, dass ein Punkt des zu
betrachtenden körperlichen Gebildes seinen Ort im Räume für uns
nicht ändere. Wenn ein Körper sich so bewegt, dass jeder seiner
Punkte einzeln von einem festen Punkte immer dieselbe Entfer-
nung hat, so sagen wir von ihm, er drehe sich um diesen Punkt.
Um die hierbei stattfindenden Bewegungserscheinungen als rela-
tive Bewegungen des Körpers gegen einen mit dem festen Punkt
verbundenen ruhenden Körper kennen zu lernen', beschreiben
wir aus dem festen Punkte A^ Fig. 29, eine Kugel von einer solchen
j^g 29. Grösse, dass dieselbe den be-
weglichen Körper schneidet
Kennen wir alsdann die Be-
wegung der so erhaltenen sphä-
rischen Schnittfigur FQ auf
der Kugel, so ist die Bewegung
des Körpers offenbar bekannt.
Die Bewegung der Figur PQ
ist aber bestimmt, wenn man
alle Lagen zweier ihrer Punkte
P und Qy oder des sie verbin-
denden grössten Kreisbogens
kennt. Denn von den Lagen
dieser Bogenstrecke aus lassen
sich die Lagen aller übrigen Punkte der sphärischen Figur als die
Spitzen sphärischer Dreiecke aufsuchen, deren drei Seiten der
80
II. KAP. PHORONOMISCHE LEHRSATZE.
Grösse nach bekannt sind, und von deren Basis (PQ) man auch
noch die Lage kennt. Auf die Untersuchung der sphärischeu
Bogenstrecke PQ hinsichtlich ihrer Bewegung reduzirt sich also
die Relativbewegung eines Körpers um einen festen Punkt; auch
können wir (entsprechend der oben gemachten Vereinfachung der
Vorstellung für die ebene Bewegung) jede sphärische Figur durch
eine in ihr gelegene Bogenstrecke ausdrücken.
Jede sphärische Figur PQ^ Fig. 30, welche sich auf ihrer
eigenen Kugelfläche bewegt, kann man aus einer ihrer Lagen, PQ,
Pi 3Q in eine andere, Pi Qi , immer
durch eine sphärische Drehung
um einen Punkt 0 der Kügel-
fläche bringen, welchen man
findet, wenn man auf den Mit-
ten der Verbindungsbogen PPi
und QQi normal stehende
grösste Kreisbogen errichtet
und bis zum Schnitte verlän-
gert. Der Schnittpunkt ist der
gesuchte Punkt 0, weil die
sphärischen Dreiecke OPQ
und OPi Qi als seitengleich
kongruent sind. Der Punkt 0
ist der zeitweilige Drehpunkt oder Pol für die vorgenommene
sphärische Drehung. Die beiden normal errichteten grössten Kreis-
bogen schneiden einander aber zweimal, nämlich ausser in 0 auch
noch in dem Gegenpunkt des zugehörigen Durchmessers, welcher
durch den festen Punkt A hindurchgeht Da aber der Voraus-
setzung nach die Tigur P Q von dem festen Punkte A feste Ab-
stände hat, so ändert der durch 0, A und den Gegenpunkt gehende
Durchmesser ebenfalls nicht seine Lage gegen die Figur, und ist
somit zeitweilige Drehachse der betrachteten Bewegung.
Eine neue Drehung liefert einen zweiten Pol Oi, eine weitere
einen dritten Oj u. s. w., deren Verbindung durch grösste Kreise
ein sphärisches Polvieleck liefert Diesem entspricht ein
zweites sphärisches Polvieleck, welches in fester Verbindung
mit der beweglichen Figur steht Legt man durch die Ecken und
den festen Punkt Geraden, welche nichts anderes sind, als Kugel-
durchmesser, so erhält man zwei Pyramiden, um deren Kanten
die einzelnen diskreten Drehungen vor sich gehen.
KEGELBOLLUNG. 81
§. 11.
Eonische Rollmig.
Wie man sieht, besitzt das eingeschlagene Verfahren die
grösste Analogie mit dem für die ebene Bewegung angewandten.
Fährt man in derselben Weise fort, wählt nämlich die Lagen von
P^ unendlich benachbart, so gehen die Polvielecke in sphärische
Polbahnen, die zeitweiligen Drehachsen in augenblickliche, die
Pyramiden in allgemeine Kegel über, deren Spitzen in A zusam-
menfallen, und welche aufeinander rollen oder wälzen. Die Kegel
sind die Momentanachsenkegel und die ganze Relativbewegung
h^isst eine Kegelrollung oder konische Rollung. Wir gelan-
gen hiemach zu dem folgenden, die betrachteten Erscheinungen
zusammenfassenden Satze: Alle Relativbewegungen zweier
Körper, welche fortwährend einen Punkt gemeinsam
haben, können als konische Rollungen aufgefasst werden,
und sind den Bahnen der Punkte nach bestimmt, sobald
man die zugehörigen Momentanachsenkegel kennt.
Es ist auch femer sofort einleuchtend, dass die oben ange-
stellten Betrachtungen über die Aufsuchung der Polbahnen und
deren Reduktion sich auf die konische Rollung ohne weiteres über-
tragen lassen, weshalb wir diese Untersuchungen hier nicht zu
erneuern brauchen.
§. 12.
Allgemeinste Form der Relativbewegung fester Körper.
Kennt man die Orte dreier Punkte eines Körpers, so kann
man von diesen aus den Ort jedes anderen Punktes des Körpers
als die Spitze einer dreiseitigen Pyramide von bekannten Kanten-
längen und gegebener Basislage bestimmen. Für die Relativbewe-
gung zweier festen Körper können wir dieselben deshalb durc*h
zwei in ihnen gelegene feste Dreiecke PQR und ABC aus-
drücken. Bringen wir nun den Körper ABC zur Ruhe, so bewegt
sich bloss P<2Ü für uns, und möge aus der Lage P^B in die
BcQleftQZ, Kinematik. g
82
II. KAP. PH0R0N0MI8CHE LEHRSÄTZE.
Lage P^Qi Ri gelangt sein, Fig 31. Diesen Lagenwechsel können
wir auf vielerlei Art vollziehen. Legen wir z. B. durch P und Pi
eine Gerade, und verschieben PQR parallel derselben, bis P nach
Fig. 31.
Pi fällt, so haben wir der Figur
PQR nur noch eine Drehung um
eine durch P, gehende Achse SS.
die sich jederzeit finden lässt, zu
ertheilen, um die vorhin erzeugte
Lage PiQf R in die andere
Pi Q\ R\ zu verwandeln. Hier-
nach ist die allgemeinste Bewe-
gung yonPQR gegen ABO jeden-
falls aus einer Parallelver-
schiebung und einer ein-
fachen Achsendrehung zu-
sammensetzbar, und zwar auf
unendlich viele Arten. Die Schie-
bungsrichtung braucht dabei kei-
neswegs mit der Verbindungslinie
zweier Punktlagen parallel zu sein.
Unter diesen unendlich vielen
möglichen Arten befindet sich
aber eine von besonderer Einfach-
heit, diejenige nämlich, in welcher die Schiebungsrichtunp
mit der Achse der Drehung parallel ist. Bei dieser aber läuft
die Bewegung auf eine Drehung um eine Achse und die Entlang-
gleitung an derselben hinaus. Sind die Ortsveränderungen von
PQR gegen ABC unendlich klein, so folgen die augenblicklichen
Drehachsen, an welchen entlang auch gleichzeitig Gleitung statt-
findet, unendlich nahe aufeinander.
§.13.
Sohrotung und RoUung von Regelfläohen.
Man hat sich die soeben beschriebene Bewegungsform aiit
mehrerlei Weise zu versinnlichen gesucht, was in der That nirht
ganz leicht ist. Poinsot schlägt vor, sich den ruhenden (tnlor
ruhend gemachten) Köri)er als eine Schraube, den beweglirht*n
Körper als eine Schraubenmutter vorzustellen, in welchem Fall«»
SCHBOTÜNG VON REGELFLÄCHEN. 83
die Verschiebung der Schraubenachse entlang, die Drehung
um diese herum — wie oben gefordert — stattfindet. Da aber
die Bewegung mit veränderlicher. Geschwindigkeit, sowohl was
Schiebung, als was Drehung betrifft, vor sich geht, soll man sich
die Schraube und ihre Mutter so vorstellen, als ob dieselben ihre
Steigung nach jeder kleinen Fortschreitung änderten. Diese Vor-
stellung ist indess nicht klar zu fassen; ein so veränderliches Ge))ilde
ist kein Körper mehr; man kommt bei der stärksten Anstrengung
der Phantasie nicht dazu, eine Anschauung von so veränderlichen
Wesen, wie diese Schraube und diese Schraubenmutter sein sollen,
zu gewinnen, und reicht jedenfalls kaum weiter damit, als mit dem
blossen Denken der Drehung und Schiebung im Baum.
Belanger macht zwei Vorschläge. Der erste ist: man solle
sich ein Körperpaar mitKegelroUung (wie oben §. 11) vorstellen,
bei welchem die beiden Kegel gegen das ruhende Raumsystem
eine Schiebungsbewegung besitzen. Die Achsendrehung wäre
dann durch die Kegelrollung, die Schiebung durch die Trans-
lation des Körperpaares gegeben. Man könnte hiermit allen-
falls den Vorgang veranschaulichen, hat aber dann die gesuchte
Relativbewegimg zweier Körper auf eine Dreiheit von Körpern
reduzirt, was zwar in einzelnen Fällen zweckmässig, ja vielleicht
unentbehrlich ist (vergl. oben §.9), allein womöglich doch durch
eine einfachere Vorstellung ersetzt werden sollte.
Der zweite Vorschlag Belanger's ist, die aufeinanderfolgen-
den Achsenlagen als eine Regel fläche an dem einen wie am an-
dern Körper einhüllend anzusehen, worauf sich die Bewegung auf
die Rollung zweier Regelflächenkörper unter jedesmaliger Gleitung
der einander berührenden Kanten aneinander entlang zurückführt.
Dieser Vorstellungsweise haben sich andere Neuere angeschlossen.
In der That ist sie auch als unmittelbare Folgerung aus dem zu
ziehen , was wir oben fanden , da die Aufeinanderfolge der gleich-
zeitigen Dreh- und Gleitachsen an jedem der beiden Körper solche
liegelflächengebilde als Momentanachsenkörper einhüllt.
Die eigenthümliche Bewegung, bei welcher Gleitung und
Drehung an einer Geraden entlang und um dieselbe herum statt-
findet, kann man Schroten nennen. Auch wollen wir nun, da wir
lieim allgemeinsten Standpunkte angelangt sind, die gefundenen
Körper, deren Aufeinanderbewegung der Ausdruck der Relativ-
Itewegungen ist, mit einem gemeinsamen Namen bezeichnen. Sie
können, da sie stets eine Aufeinanderfolge von Achsen an sich
6*
84 II. KAP. PH0R0N0MI8CHE LEHRSÄTZE.
tragen, Axoide genannt werden. Hiemach lässt sich das Gefun-
dene in folgenden Satz zusammenfassen: Alle Relativbewegun-
gen zweier Körper können als Schrotungen oder Rollun-
gen von Regelflächen oder Axoiden aufgefasst werden.
Aus diesem allgemeinen Lehrsatze müssen sich die weiter oben
vereinzelt gefundenen durch entsprechende Verringerung und Ver-
einfachung der Bedingungen ergeben. In der That ist es nicht
schwer, sich vorzustellen, wie eine Regelfläche in einen allgemei-
nen Kegel übergeht, oder ein allgemeiner Cylinder wird, wo-
bei statt der Schrotbewegung beidemal bloss Rollbewegimg auftritt.
Dennoch darf man die Schlussfolgerung nicht dahin ausdehnen,
dass man diesen beiden Fällen allein die reine Rollbewegung zu-
schreibt (wie meines Wissens bisher angenommen wurde). Die
Bedingung für den Wegfall der Kantengleitung ist nicht die, dass
entweder sämmtliche Kanten sich in einem Punkte schneiden, wie
beim Kegel, oder parallel werden, wie beim Cylinder, sondern die
höhere Bedingung, dass die beiden Regelflächen so gestaltet sind
dass ihre unendlich benachbarten Kantenfolgen an homologen Stel-
len Flächen von derselben Gestalt einschliessen, oder wie die Geo-
metrie sich ausdrückt, aufeinander abwickelbar sind.
Ein Kegelmantel ist auf einem anderen Kegelmantel abwickel-
bar, ein Cylinder auf einem Cylinder, weil die Flächeustreifchen
zwischen unendlich benachbarten Kanten an homologen Stellen
gleiche Veränderungen eingehen. Deshalb können auch allgemeine
Regelflächengebilde aufeinander rollen, sobald ihre Umflächen nur
aufeinander abwickelbar sind. So z. B. können zwei Schrauben-
flachen aufeinander abwickelbar hergestellt werden und bei geeigne-
ter Anordnung, Fig. 32, aufeinander rollen ; ebenso eine Schrauben-
fläche und ein Hyperboloid, Fig. 33*). Ganz nahe verwandte
Formen kommen thatsächlich im Maschinenbau zur Verwendung ** k
es liegt also sowohl im Interesse des Theoretikers als des Prakti-
kers, wenn virir auf diese Konsequenzen eingehen.
Regelflächen, welche aufeinander schroten, verwendet der
Maschinenbau ebenfalls; solche sind die Axoide der hyperboloidi-
schen Zahnräder, welche Fig. 34 andeutet; unausgeführt bleiWn
*) In der kinematiRchen Sammlung der Königl. Gew.-Akademie durch
ein ModeU erläutert.
**) Sielie z. B. Johnson's Imperial Cjxlopaedla, Steam Engine, Miüjb.n^
Rogulator, 8. 49.
ROLLUNG UND BCHEOTtJNG DER AXOIDE. 85
diese Axoide, obgleich sie immeThm die Relativbewegung aus-
drücken, bei den Schraubenrädern mit geschränkten Achsen
Kg. 32. Fig 33
Es liegt ausser demBe-
reich unserer gerade hier
vorliegenden Aufgabe, die
verschiedenen möglichen
höheren Axoide in syste-
matiecher Ordnung zu
besprechen. Nur ist noch
die eine allgemeine Frage
übrig geblieben, ob nicht
die Regelflächen, gleich-
viel ob schrotend oder
bloss rollend, noch eine
karakteristische gemein-
same Eigenschaft haben,
welche dann, da wir beim
obersten Falle stehen, bis
liinunter für sammtliche
86 II. KAP. PHOH0NOMI8CHE LEHRSÄTZE.
Einzelfalle gültig bliebe. Eine solche Eigenschaft lässt sich in iler
Tliat noch angeben.
Errichtet man auf den Berührungskanten zweier zusammen-
gehöriger Axoide an homologen Stellen Xormalebeiien , so hüllen
diese an den Axoiden je eine Fläche ein, deren Elemente in der
unmittelbaren Nähe der Berühmngskanten auf diesen normal
stehen. Diese Fläche fuhrt bei dem Nonnalkegel den Namen
Ergänzungskegel, siehe HJ, Fig. 35, beim Cylinder den Nameu
Endfläche; beim Rotationshyperboloid habe ich sie (die dort ein
Kegel wird, HJ, Fig. 36} auch Ergänzungskegel geuannt*); sie
Pig- 35. Fig. 3fl.
^
kann allgemein die Ergänzungsfläche der RegelHäcbe hei^^en.
Diese Ergänzungsiläche denken wir uns an jedem der beiden zu-
sammengehörigen Axoide ausgeführt. \Yir erhalten dann an
jedem der Axoide eine Durchschnittlinie zwischen der Umfläche
und der Ei^änznngsHäcbe — beim Normalkegel, dem Cylinder.
Drt'hungshyperboloid einen Kreis, bei der Schrauben flu che eine
Schraubenlinie u. s. w. — und nennen diese Linie allgemeiu
den Ergän^ungskontur des Axoids, Denkt man sich nun die
Krgitnzuiipikonturen Wider Axoide auf die senkrecht zur Beriih-
rmigslinie errichtete EWne nonual pn>jizirt. so erhält man zwei
Figtii-en. welche bei der Wanderung des Pc4es mit immer neuen
Fnirangstheilen sich gegenseitig berühren, immer aber so, d;is<
nn der lliTÜhrnngsstelle glciih pn>-ise FnifangsstUckcheu gleich-
zeitig vorübergehen, mit audcn'n Worten, liass die gedachten Pn»-
jektiimen aufeinander rollen. IV' i#|>iclÄ weise sind diese Projektit)-
BOLLÜNG DEB EBGÄNZUNG8Ä0NTÜBEN. 87
nen bei normalen hyperboloidischen Axoiden, siehe Fig. 34, Ellipsen,
bei dem Falle Fig. 32 sind sie zwei schiefe Bilder von Schrauben-
linien, d. i. so zu nennende elliptische Cykloiden 12) ; bei dem Falle
Fig. 33 besteht das Figurenpaar aus einer ebensolchen Cykloide und
einer Ellipse. Wir können demnach schliesslich den obigen Satz
noch um den folgenden vervollständigen: Die Schrotungen von
Regelflächen, als welche die allgemeinsten Relativbewe-
gungen zweier Körper aufgefasst werden können, finden
so statt, dass die senkrecht zur Momentanachse stehen-
den Projektionen der Ergänzungskonturen ihrer Axoide
aufeinander rollen.
Dieser Satz bringt die sämmtlichen in der Maschine vorkom-
menden Bewegungen unter einen HauptbegriflF, von welchem die
Einzelsätze besondere Anwendungen enthalten. So wie der alte
Philosoph die stetige allmähliche Veränderung der Dinge einem
Fliessen verglich, und sie in den Spruch zusammendrängte: „Alles
fliesst", so können wir die zahllosen Bewegungserscheinungen in
dem wunderbaren Erzeugniss des Menschenverstandes, welches
wir Maschine nennen, zusammenfassen in das eine Wort: „Alles
rollt!" Durch die ganze Maschine lündurch kommt, verdeckt
oder offen, dasselbe Grundgesetz des Rollens in der gegenseitigen
Bewegung der Theile zur Geltung, indem wir auch die geradlinige
Gleitung als ein Rollen auf unendlich fernen Bahnen ansehen kön-
nen. Ja man könnte dieselbe ^Auffassung, wie wir oben gelegent-
lich sahen, sogar auf alle kosmischen Bewegungserscheinungen
ausdehnen. Denn unsere Untersuchungen bezogen sich keineswegs
bloss auf die Ortsveränderungen in def Maschine, sondern galten
von bewegten Körpern überhaupt
Allein die rollenden geometrischen Gebilde, welche wir in die
Körper des Kosmos hinein konstruiren können, sind nicht bestän-
diger Natur. Sie haben Theil. an dem allgemeinen „Fliessen"; sie
verändern sich unaufhörlich in dem Wechsel der Erscheinungen,
indem sie entweder in nichts zergehen, oder sich in andere stets
wandelbare Bildungen umgestalten, genau angebbar in jedem
Aagenblicke nur in dem Rollungspunkte selbst. Auch in den
planetarischen Bewegungen herrscht nur annähernd diejenige
Beständigkeit, welche der strengen Darstellung durch Axoide fällig
ist. In der Maschine dagegen führt die künstliche Beschränkung
der Bewegungen dazu, dass die rollenden Figuren Bestand haben,
wenigstens suchen wir diesen auf alle Weise zu sichern und über-
88 II. KAP. PH0R0N0MI8CHE LEHRSÄTZE.
haupt grundsätzlich herbeizuführen; hier ist er daher, an sich
betrachtet, für uns vorhanden.
Hier durchlaufen diese Figuren ungezählte Male periodisch
ihre gegenseitigen Lagenänderungen ; sie * ruhen beim Stillstand
der Maschine , beginnen aber wieder in unveränderter Gestalt ihr
Spiel, sobald die treibende Kraft dem Ganzen wieder Leben ein-
flösst; dauernd ruht nur der eine Theil, der als Bindeglied die
übrigen mit dem ruhenden Räume verknüpft.
Für den praktischen Mechaniker, welcher sich mit der neueren
Phoronomie vertraut gemacht hat, und mehr noch für den theore-
tischen, ist deshalb die Maschine auf besondere Art belebt durch
die überall in ihr rollenden geometrischen Gebilde. Einzelne der-
selben treten leibhaftig hervor, wie an den Riemscheiben, den
Reibungsrädem, z. B. denjenigen der Eisenbahnen; andere, wie die
der Zahnräder, sind leicht umschleiert von gitterartigen Hüllen;
wiederum andere sind eng zusammengezogen auf das Innere massi-
ger Körper, welche in ihrer Aussenform kaum etwas von jenen
verrathen, wie diejenigen in den Bogenscheiben und dergl., von
denen wir weiter unter nähere Kenntniss erhalten werden; noch
andere endlich, wie die der aus Kurbeln und Gestängen gebildeten
Mechanismen, sind ausgedehnte, die Körper weit umspannende, ja
ihre Aeste ins Unendliche streckende, äusserlich ganz unerkennbare
Gebilde. Sie alle vollführen , theils vor dem leiblichen , theils vor
dem geistigen Auge des Kiuematikers ihr seltsames unermüdüches
Spiel. Inmitten des oft sinnverwirrenden Geräusches ihrer kör-
perlichen Vertreter vollziehen sie ihre geräuschlose Lebensfunktion
des Rollens. Sie sind gleichsam die Seele der Mascliine, den kör-
perlichen Bewegungsäusserungen derselben gebietend und sie in
einem reinen Lichte wiederspiegelnd. Sie sind die geometrische
Abstraktion der Maschine, und verleihen dieser neben ihrer äusse-
ren eine innere Bedeutung, welche dieselbe unserem geistigen
Interesse ungleich näher bringt, als es ohne sie möglich wäre.
DRITTES KAPITEL
ELEMENTEN PA ARE.
§. 14.
Verscliledene Arten von Elementenpaaren.
Wir haben oben bei der allgemeinen Lösung des Maschinen-
problems, S. 46 ff., gefunden, dass die elementaren oder als ele-
mentar zu bezeichnenden Theile der Maschine nicht einzeln, son-
dern immer paarweise zur Verwendung kommen, dass also die
Maschine vom kinematischen Gesichtspunkte aus nicht sowohl in
Elemente, als in Elementenpaare zerfällt werden muss. Die
geometrische Form derselben ist es, mit welcher wir uns vor
allem bekannt machen müssen.
Indem wir unsere Untersuchungen vorerst auf die allseitig
festen Körper, also solchen, deren Zusammenhang sich der Starr-
heit annähert, einschränken wollen, liegt uns bei der Konstruktion
der Elementenpaare die Aufgabe vor, mittelst bloss zweier Kör-
per oder Elemente eine gegebene oder geforderte Bewegung zu
bestimmen. Den früheren Erörterungen gemäss müssen dann die
Elemente folgenden Bedingungen Genüge leisten:
1) das eine Element ist gegen das als ruhend angenommene
Raumsystem festzustellen;
2) dasselbe muss so geformt sein, dass es die Umhüllungsform
des beweglich gelassenen anderen Elementes an sich trägt,
welche Umhüllungsform
90 III. KAP. ELEMENTENPAAKE.
3) 80 beschaflFen sein muss, dass sie alle Bewegungen des zwei-
ten Elementes ausser der geforderten verhindert.
Das ruhende Element hält dann das bewegliche gleichsam
gefangen, ihm alle Bewegungen bis auf eine einzige verwehrend,
es also bei überhaupt eintretender Bewegung zwingend, sich mit
seinen Punkten in bestimmten Bahnen zu bewegen; das Körper-
paar kann demnach dann als ein zwangläufiges i^) bezeichnet
werden. Bedenkt man, dass die relative Bewegung zweier Körper,
wie im vorigen Artikel nachgewiesen wurde, eine reiche Fülle von
Formen anzunehmen vermag, so sieht man leicht ein, dass für
zwangläufige Körperpaare sehr viele geometrische Formen in Be-
tracht kommen können. Alle Paare von geometrischen Formen,
welche den beiden letzten der obigen Bedingungen entsprechen,
haben aber das eine gemein, dass sie Umhüllungsformen, und
zwar gegenseitige ümhüUungsformen zu der (durch ihre Axoide
darstellbaren) gegebenen Bewegung sind. Sie können dabei (ebenso
wie ihre Axoide) mehr oder weniger einfach sein. Ja es ist denk-
bar, dass die beiden Bedingungen auch erfüllt werden können,
wenn das eine der Elemente das andere nicht bloss umhüllt,
sondern auch noch umschliesst, d, h. seine Hohlform oder
Gegen form zur Form hat, beide Formen also geometrisch iden-
tisch sind. Ein solches Körperpaar möge ein Umschlusspaar
heissen.
Offenbar unterscheiden sich die Umschlusspaare durch Ein-
fachheit wesentlich von den Paaren, deren Elemente nicht iden-
tisch in der Form sind. Wir wollen sie deshalb getrennt und zu-
erst behandeln.
§. 15.
Aufsucliuiig der ümsclilusspaare.
Die geometrischen Eigenschaften der körperlichen Gebilde,
aus welchen Umschlusspaare hergestellt werden können, sind s<>
bestimmter Natur, dass wir diese Paare nicht in xler Maschinen-
praxis erst aufzusuchen brauchen, sondern vereuchen dürfen, sie
a priori zu ermitteln.
Zwei ein Umschlusspaar bildende Körper decken einander mit
ihren Flächen; an diesen kommen also unendlich viele einander
ZWÄNGLADFIQ8EIT.
91
deckende Kurven vor, und unter tliesen können sich solche befin-
den, in deren jedesmaliger Richtung die einzige mögliche Bewe-
güDg vor sich geht, die also auf einander gleiten. Hebt man
zwei dieser einander deckenden Gleitkurven heraus, die eine dem
einen, die zweite dem anderen Elemente angehörig, so kann man
^e eiue über die andere hingleiten lassen , ohne dadurch ihr Zu-
^mmenfallen aufzuheben. Wird also in zwei Punkten A und A'
rter beiden Kurven, Fig. 37, je eine öchmiegungsebeue an dieselben
Fig. 37.
gelegt; werden femer in A und A' homologe Koordinatensysteme
^,Y,Z, X',¥',Z' angebracht, so besagt die Eigenschaft des
UmschliesseDS und Gleitens, dass ein Kurvenstück AB stets kon-
jETueDt mit dem gleichlaugen A' £' ist, wohin auch A' auf der
Pj^ 3g Kurve verschoben werde, dass
also ^ B mit A'IT zusammen-
fällt, wenn A nach A', B nach
B*," X nach X' gebracht wird.
Das heisst: die Bedingung des
mit Beweglichkeit verbundeneu
Umschlusses wird erfüllt, wenn
für die Gleitkurven die Glei-
chung gilt:
f(x,.)=/(^.0
oder , wenn y = y,
sobald X ^ x' und z -^ i' ist.
Diese Bedingung erfüllt allge-
mein nur die cytindrische
Schraubenlinie oder Nor-
malschrauhenlinie. Es bil-
92 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
den demnach allgemein die 'Normalschraube und ihre
Schraubenmutter ein Umschlusspaar (Fig. 38).
Die Form der Schraube ist indessen hierbei nicht völlig
gleichgültig, indem nach der dritten Bedingung nur eine einzige
Bewegung statthaft sein soll, welche hier die der Schraubenlinie
nachgehende sein muss. Schraube und Mutter müssen denmach
so profilirt werden, dass alle und jede normal zu der Schrauben-
linie gerichtete Bewegung unmöglich wird. Dieses geschieht,
wenn man das senkrecht zu den Gleitungsschraubenlinien gerichtete
Profil, d. i. das Profil der Ergänzungsschraubenfläche, von
einer Normalschraube verschieden macht, und zwar so formt, dass
einander entgegengerichtete Profiltheile daran vorkommen, z. B.
so wie folgende Figur auf mehrere Arten andeutet.
Fig. 39.
f 'f>^A^. .'
y'< ... y*.
Da nämlich der Umschluss jede Relativbewegung verhindert
Profile wie die vorstehenden aber alle quer auf die Gleitungs-
schraube gerichteten unmöglich machen, so bleibt bloss die der
Gleitungsschraubenlinie entlang gehende Bewegung möglich. Man
weiss, dass die Befestigungs- und andere Schrauben mit solchen
Profilen ausgeführt werden. Würde man aber als Erzeugende der
Schraubenfläche eine gerade Strecke anwenden, welche der Schrau-
benachse parallel liegt, und länger ist als die Schraubensteigung,
so entstände zwar auch eine Schraube, aber eine solche, deren
äussere Form mit einem Normalcylinder zusammenfallt, deren
Ergänzungsfläche also wiederum eine Normalschraubenlinie zum
Profil hat; das damit erzeugte Körperpaar würde also bloss an
relativen ßadialbewegungen verhindert sein, in allen übrigen Be-
wegungen aber nicht zwangläufig sein.
Das gefundene Umschlusspaar, bestehend aus einer passend
profilirten Normalschraube nebst Schraubenmutt ter
können wir nun noch hinsichtlich seiner urveränderlichen Werthe
näher betrachten. Dieselben sind der Halbmesser oderPara-
meter und der zugehörige Steigungswinkel.
Durch Veränderungen des Halbmessers erhalten wir keine
neue Form, die typische Schraubenforra bleibt immer erhalten.
ÜM8CHLUB8PAABE. 93
Anders ist es mit dem Steigungswinkel. Lassen wir denselben
zunächst mehr und mehr abnehmen, so wird die Steigung an einem
und demselben Halbmesaerp unkte kleiner und kleiner; wenn end-
lich der Winkel Null wird, so verschwindet die Steigung gänzlich;
dasrotireade Profil beschreibt aber dann einen Rotationskörper.
Die Ergäozungsschraube bat inzwischen den Steigungswinkel 90"
angenommen, das Profil ihrer Schnittflache ist also in das Erzeu-
gungprofil des Rotationskörpers selbst übergegangen, und somit
ist das Resultat: ein Paar von einander umschliessenden
Drehungskörpera, deren A xial pro fil Verschiebungen
in der Achsenrichtung nicht gestattet Fig. 40 stellt
Yig 40 beispielsweise ein solches Paar
dar, wobei die Schraubenmutter,
in einen hohlen Drehungskörper
übergegangen, im Durchschnitt
dargestellt ist; die Bewegung,
welche dem Hohlkörper möglich
ist, ist eine blosse Rotation.
^-^^ Lässt man den Steigungswinkel
Jt ^WKE wachsen statt abnehmen , so
^m 11™». wird die Schraube steiler und
■^B^^t — .^^^^^r'sr-" steiler. Machen wir den Winkel
'^■'■*^"^^""^"^^*Ä! =; 90", so werden die Bchrauben-
kanten parallel der Achse,
dieSchrauhe wird also ein Prisma, die Schraubenmutter ein das-
selbe umschliessendes Hohlprisma. Die Ergänzungsschrauben-
Uäcbe, deren Steigung inzwischen Null geworden, ist in einen
Normalschnitt des Prismas übergegangen, immer unter Beibehal-
tung des die Querhewegung verhütenden Profils, d. h. jetzt, eines
Profib, welches kein Kreis ist. Das Resultat ist also: ein Paar
von einander umschliessenden Prismen, deren Nor-
tnalprofil Drehungen um die Prismenacbse nicht ge-
stattet, siehe Fig. 41. Die einzig mögliche Bewegung des Hohl-
prismas ist eine Verschiebung längs den Kanten des Vollprismas.
Weitere Abänderungen des Steigungswinkels liefern nichts
neues; zwar geht die Schraube, wenn wir den Steigungswinkel
> 90* machen, aus einer Bechts- in eine Linksschraube über, sie
bleibt aber dabei eine Schraube; wir hatten überdies eine An-
nahme über das Rechts- oder Links-Steigen der Schraube nicht
einmal gemacht Demnach ist das Problem des ümschlusspaares
94 IIL KAP. BLEHEN'TENFAABE:.
durch die angestellte Untersuchung erschöpft. Die drei gefun-
denen Formen verdienen, obwohl sie alle drei unter den Begriff
der Schraube geordnet werden könnten, getrennt zu werden.
und wir haben demnach drei
Um Schlusspaare zu nntfr-
scheiden. Sie sind, um es kora
zu wiederholen;
1) die Normalschraubcmit
Mutter,
2) derDrehungskÖrpermit
seiuer Hohlform,
3) das Prisma mit seiner
Hohlform,
alle drei mit Ergänzungsprolilcu
versehen, welche das, was wir diu
Querbewegung genannt hal^n.
verhindern; sie sind geeignet zur
Erzielung dreier Arten von zwang-
läufiger Bewegung, nämlich a) Be-
wegung in ScbranbenwiDdungen, b) in kreisförmißeo
llahneD, c) in geradlinigen Bahnen.
Die Maschinenpraxis kennt alle drei sehr wohl, das Schrau-
benpaar für Befestigungs - und Bewegungszwecke, das Dreh-
körperpaar bei Zapfen und Lager u. dergl., das Prismenpaar
bei geradgeleiteten Schiebern aller Art. Jene Eigenschaft Ji'^
Ergänzungsprofils, Querverschiehungen zu verhindern, wird ihm aut
mancherlei Weise ertheilt. Die „Anläufe", „Bünde" oder „An-
passe" der Zapfen an Achsen und Wellen sind die Träger dieser
Ergänzungsprofiltheile. Soll an einer cylindrischen Welle oder
Achse, welche der Bequemlichkeit halber ganz glatt cyhiidriscl
hergestellt ist, ein Drebkör perpaar gebildet werden, so hilft
der bekannte Stellring, siehe Fig. 42, dazu, den Schluss do
Paares herbeizuführen. Die Bequemlichkeit, welche die Dn-h-
hank für die Herstellung des Cjlinders bietet, führt dazu, fcrtisrc
Cylinder in Prismen zu verwandeln, indem man „Nutb und
Feder" denselben anfiigt, Fig. 43. Die Befestigung eines Körpers
an einem anderen geschieht, wenn die angreifenden Kralle Ver-
drehungen anstreben, mittelst solcherPrismatisirung eines cybn-
drisrhen Körpers unter Benutzung der Längs- und Querkeile u. s. w.
Kurn der i)raktis(die Maschinenbauer ist aufs mannigfaltigste darin
BEWEGUNGEN IN DEN UMSCHLUSSPAAREN. 95
geäbt, die ErTiilluiig der oben ausgesprochenen Bedingung zu be-
wirken.
§■ 16.
Bewegrungen in den Umsohliisspaaren.
Wir haben in dem Vorigen gefunden, dass es drei Elemen-
tenpaare gibt, welche die eigenthümliche Forderung der unaus-
gesetzten Umschliessung der gepaarten festen Körper erfüllen.
Beacbtenswerth ist, dass sich nur drei derselben angeben lassen,
im allgemeinen wohl ein merkwürdiges Resultat der Untersuchung,
da man bei dem ungemessenen Reichthum au Fällen in der Ma-
schine von Yomherein geueigt sein möchte, eine sehr grosse Zahl
solcher Möglichkeiten vorauszusetzen. Diese drei einzigen Fälle
sind aber ausserdem noch besonders karakteristiscb wegen der
durch sie ermöglichten zwangläufigen Bewegungen.
Im Schraubenpaar beschreiben alle Punkte der Schrauben-
mutter Schraubenlinien, und zwar gleiche Schraubenlinien,
wenn die beschreibenden Punkte gleichweit von der Achse ablie-
gen. Diese Bewegungen sind zusammengesetzt aus einer Achsen-
drehung und einer Gleitung längs einer Achse und zwar ist diese
Achse immer die Schraubenachse selbst. Das „Axoid",
welches der Schraubenspindel angehört (siehe §. 13), ist also eine
gerade Linie, welche mit der Schraubenachse zusam-
menfällt Das Axoid der Schraubenmutter können wir alsbald
dadurch finden, daas wir die Schraubenmutter feststellen und nun
Bewegung einleiten: es entsteht alsbald eine schraubenförmige
Itewegung aller Punkte der Scbraubenspindel gegen die Mutter
und zwar in gleichen Schraubenlinien für gleichweit von der
96 III. KAP. BLEMENTENPAARE.
Achse abstehende Punkte, d. i. ganz dieselbe Bewegung,
welche wir vorhin fanden. Mithin ist das Axoid der Schrau-
benmutter ebenfalls eine Gerade, welche mit der geo-
metrischen Achse zusammenfällt Diese gleitet an der
ersten entlang, indem sie gleichzeitig um sie herumrollt, und zwar
um Winkel, welche dem Fortschritt der Gleitung proportional sind.
Wir haben also in dem Elementenpaar Normalschraube und
Mutter den allgemeinsten Fall der Schrotung derAxoide vor uns,
zugleich aber in der Reduktion auf die denkbar einfachste Form,
indem die beiden Axoide auf die schrotenden Achsen
selbst zusammengeschrumpft sind.
Bei dem Drehkörperpaare beobachten wir etwas Ver-
wandtes. Hier beschreiben alle Punkte des beweglichen Hohlkör-
pers Kreise um Punkte der geometrischen Achse des ruhenden
Rotationskörpers, und zwar gleiche Kreise, wenn die Achsen-
abstände der beschreibenden Punkte gleich sind. Das Axoid des
feststehenden Körpers ist also eine mit seiner geometrischen Achse
zusammenfallende Gerade. Eine ebensolche erhalten wir als Axoid
für den Hohlkörper, wenn wir nunmehr diesen feststellen, und den
Vollkörper in Bewegung setzen. Demnach sind die Axoide für
das Elementenpaar Drehungskörper und Hohlform zwei
zusammenfallende Achsen, die sich umeinander drehen, zugleich
die denkbar einfachste Form der cylindrischen Rollung, indem
die beiden Achsencylinder zu geraden Linien zusam-
mengeschrumpft sind.
Beim Prismenpaar endlich fallt jede Drehung weg; das
Schroten der Momentanachsen geht in blosses Gleiten dersel-
ben aneinander entlang über. Als Axoide kann man die
geometrischen Achsen der beiden Prismen ansehen. Jedoch ist
bei^ einem Prisma der Begriff der geometrischen Achse nicht so
definirbar, wie bei dem Rotationskörper oder der Schraube; man
kann auch jedes beliebige Paar zusammenfallender Kanten oder
zusammenfallender Parallelen zu den Kanten als Axoide annehmen.
Hier ist also das andere Extrem des allgemeinsten Falles der
Schrotung verwirklicht, dasjenige, bei welchem die Gleitung
allein übrig geblieben ist
Gehen wir nun noch einen, kleinen aber wichtigen Schritt
weiter. Wir hatten oben als erste Bedingung für die Erzwingung
einer gegebenen Bewegung durch ein Körperpaar diejenige auf-
gestellt, dass das eine Element mit dem als ruhend anzusehenden
DIE DREI UM8CHLCSSPAARE. 97
Punktsysteme fest .verbunden werden müsse. Dieser Bedingung
können wir uns entledigen. Denn setzen wir jetzt beide Elemente,
(lie wir richtig gepaart haben, in Bewegung, so bleibt zwischen
jedem der Elemente und seinem Partner die vorhin absolut ge-
wesene, oder für uns absolut gedachte Bewegung bestehen; sie
ist aber nun die relative Bewegung des Elementes gegen den
Partner. Wir können also nun die gefundenen Elementenpaare
auch in kinematische Ketten einfuhren, wo dann die Relativ-
bewegung der gepaarten Elemente in diejenige der
mit den Elementen verbundenen Glieder der kinema-
tischen Kette übergeht.
Nach allem diesem stellen die drei Umschlusspaare die drei
Grenz fälle der in §. 12 und 13 besprochenen allgemeinsten
Form der Relativbewegung vor, nämlich, indem wir die Reihenfolge
umkehren: reine Gleitung allein, reine Achsendrehung
allein, reine Gleitung verbunden mit reiner, der Glei-
tung proportionaler Achsendrehung.
Dies ist die eine der eigenthümlichen Seiten der Umschluss-
paare. Eine andere ebenfalls sehr beachtenswerthe haben wir in-
zwischen bereits beobachtet, ohne sie hervorzuheben. Es ist die, dass
hei der Vertauschung des festgestellten Elementes mit dem beweg-
lichen keine Aenderung in der erzeugten absoluten Bewegung ein-
trjit Die Gleichheit der Axoide beweist diese Erscheinung allgemein.
Sie ist aber ungemein wichtig und für die Praxis des Maschinen-
baues ausserordentlich werthvoll. Das Vertauschen des einen
Elementes eines Elementenpaares mit dem anderen, oder, wie wir
sagen können, die Vertauschung eines Elementes mit seinem Part-
ner hinsichtlich seiner Befestigung wollen wir für die Folge das
Umkehren des Paares nennen, und können daher die in -Rede
stehende Eigenschaft so aussprechen: Bei denUmschluss-
paaren bewirkt die Umkehrung keine Aenderung in
der im Paare erzeugten Bewegung.
Auch von diesem Satze macht die Maschinenpraxis unzählige
Anwendungen. Wo z. B. eine Kopfschraube, Fig. 44 a (a. f. S.), statt
einer Mutterschraube, Fig. 44 b (a. f. S.), angewandt wird, hat nur
Umkehrung des Paares Schraube und Mutter stattgefunden. Beim
gewöhnlichen Frachtwagenrad ist die Achse am Wagenkörper fest,
das Rad mit dem Hohlkörper auf ihr beweglich , beim Eisenbahn-
wagenrad der Hohlkörper am Wagengestell undrehbar angebracht,
der Vollkörper mit dem Rade verbunden und beweglich. Bei Schlit-
Benleaux, E^ematik. 7
98 III. KAP. ELEMENTENPAÄBE.
tenführangen für geradlinige Bewegungen wendet man je nachdem
es passt die Anordnung Fig. 45 oder die Fig. 46 an , wo bei der
Tig. 44. Fig. 45. Fig. 46.
ersteren ein Vollprisma A in einem prismatischen Rahmen B, also
einem Hohlprisma, gleitet, bei der anderen ein Hofalprisma A auf
einer geraden Stange B hin- und hergeschoben wird.
Die bewusste und geläufige Verwerthung dieser Umkehrbar-
keit der Elemente in den Umschlusspaaren kann dem Konstruiren-
den in vielen Fällen von ausserordentlichem Nutzen sein; sein
Gedankengang durchläuft bei dem Anwenden eines solchen Paares
sofort die Möglichkeiten, entweder das eine oder das andere Ele-
ment als Hohlkörper ausKuluhren , oder jedes derselben theilweis*
mit äusserer, theilweise mit innerer Berührung des Partnersaus-
zufuhren. Auch hebt die Erkenntniss der Umkehrbarkeit bisweilen
Unterschiede zwischeu Konstruktionen auf, welche dem äusseren
Scheine nach mehr oder weniger weit auseinanderliegon, oder giht
wenigstens dem vorhandenen dunkeln Gefühl fUr die Zusammen-
gehörigkeit den einfachen Ausdruck dessen, was geschehen ist.
Hier ist u. a, zu erwähnen die neuerdings häufig vorkommeniie
Vertauschuiig des Dampfcylinders mit dem Dampfkolhen, welche
z.B. den Condie'schcn Dampfhammer vom Naamy th'schen tmter-
UHKEHHÜNO DEB ÜMeCHLUBSPAARE. 99
sehwdet. Eb ist die Umkehrung eines Priamenpaaies, was liier der
Kaiütniirende vorgenommen hat, während im übrigen die Funk-
bonen der Mechanismen dieselben geblieben sind; die Kanäle,
welche den Dampf einfuhren, waren nicht so bequem anzubringen;
sie sind aber nach wie vor alle drei angebracht; der Schieber
musate der Bequemlichkeit wegen anders gelegt werden; er ist
^ derselbe wie früher. Als anderes Beispiel citire ich noch den
Schleifbogen von Humphry-Tennant, l'ig. 47, oder richtiger
TonNasmyth*) gegenüber dem älteren und gebräuchlicheren
™n Stephenson, Fig. 48. Hier haben zwei Paar-Umkchrungen
Fig. 47, Fifj, *8.
stattgefunden. Zunächst ist der Schleifbogen AB bei Humpbry
eine Dmkehrung des hoblenScbleifbogens^if, hei Stephenson;
dafür musste zunächst das mit dem Bogen gepaarte Element, die
Pfanne Qi), in einen nach Bogen AB ausgehöhlten Block CJ)
übergeführt werden. Dann aber hat Nasmyth auch noch den die
Pfanne quer durchsetzenden Zapfen Fi in eine cylindrische Hülse
fF verkehrt, und dem entsprechend die cylindrische Ausbohrung
E{ Stephensons in einen convexen Cylinderabschnitt EE umge-
kehrt, und ihn ausserdem soviel erweitert, dass der Schleifbogen
quer durch den Zapfen geführt werden konnte. Kinematisch sind
aber die Stücke CDE und C\DiEi völlig identisch, indem sie
beide als Elementenformen einen Scbleifbogen (Rotationskörper-
abschnittj und einen zu demselben normal stehenden Cylinder
enthalten.
■) Tergl. Pr. Mech. Journal ISÖ2 bis. 1883, 8. 232.
100 III. KAP. ELEMENTENPAABE.
Konstruktiv gewähren solche Umkehrungen mitunter grosse
Vortheile, und sind deshalb für den Entwerfenden nichts weniger
als gleichgültig. Vor der Kinematik indessen bilden sie nur Para-
digmen zu einem einfachen Grundsatze, welcher, wie wir gesehen
haben, den einfachsten Elementenpaaren allgemein und a prim
zukommt.
§. 17.
Nothwendige und zureichende Stützung der Elemente.
Als wir im Laufe der obigen Betrachtungen bei den Um-
schlusspaareii auf die Körperformen Schraube, Drehkörper,
Prisma stiessen, und das Aufeinanderwirken der zusammen-
gehörigen Hohl- und Vollformen näher untersuchten, Hessen wir
unerörtert, dass die einander decken sollenden geometrischen
Gebilde in den beispielsweise herangezogenen Fällen nicht immer
gleich gross, gleich ausgedehnt waren. Wir fanden und finden
aber fast immer in der Praxis die Schraubenmutter weit kürzer
als die zugehörige Schraubenspindel gemacht, einen prismatischen
Schieber kürzer als seine Gleitbahn ausgeführt; man lässl
bei den Zapfenlagern Fugen zwischen den Halbschalen stehen,
und arbeitet in letztere sehr häufig Oebinnen hinein, wobei man
also die entsprechenden Theile der Umschlussfigur weglässt
Dieses Verfahren findet man im praktischen Maschinenwesen
so vemünftig und natürlich, indem man ja zugleich die stehen-
gelassenen Flächentheile von genügender Ausdehnung belässt, dass
man sich die Frage , wie weit man auf diesem Wege gehen könne,
meistens gar nicht vorlegt. Bei Konstruktionen, welche grossen
Kräften ausgesetzt sind, hält allerdings die Rücksicht auf die
Abnutzung den sorgfältigen Konstrukteur ab, die berührenden
Flächentheile unter jedes Maass zu verkleinem ; aber hierbei han-
delt es sich um das Gesammtmaass der Berührungsflächen, nicht
um deren Vertheilung um den ausgedehnteren Körper herum.
Sind die belastenden Kräfte klein, so wird die Rücksicht auf die
Abnutzung leicht ziemlich von selbst erfüllt; immer aber wird still-
schweigend bei noch so weitgehendem Verkleinem der zusammen-
fallenden Flächen darauf geachtet, dass die Reste stets noch aus-
reichen, die beabsichtigte Erzwingung der gegenseitigen Lage <ler
GEOENSEITIGE STÜTZUNG DER ELEMENTE.
101
gepttarten Elemente zu sichern. Eines unter vielen Beispielen
liefern die Kegelventile. In den folgenden drei Figuren ist der
von einem cylindrischen Rohr umscliloBsen zu denkende Ventilstiel
P Fig. 4fl. Fiif. so. Pi(r. si.
i
^
dem Durchlass des Wassers zuliebe in eine vom Vollcylinder sich
mehr und mehr entfernende Form gebracht. Am Ventil sind
schmale Vollcylinderstreifchen in solcher Anordnung stehen ge-
lassen, dass man in keinem der drei Fälle, genügend genaue Her-
stellung vorausgesetzt, den Stiel so bewegen könnte, dass seine .
Aehae sich von derjenigen des Hohlcylinders entfernte. Das erste-
mal sind drei schmale Cylinderstreifchen stehen zu lassen, das
zweitemal vier schraubenförmige Streifen; beim dritten Beispiel
sind vier der Achse parallele Cylinderstücke stehen gelassen,
welche durch einen niedrigen Cjlinderabschnitt verbunden sind.
Offenbar liegt etwas allgemein Gesetzmässiges in der Anordnung
der kleinen Flächentheilchen, Streifchen oder Punkte, welche noth-
wendig von der Cylinderumfläche erhalten bleiben müssen, wenn
dieselben die Aufgabe, die gegenseitige Lage der beiden Körper
zu erhalten, oder die Körper gegenseitig zu stützen, erfüllen
sollen. Eine gewisse Anzahl solcher Stützpunkte wird nothwen-
dig sein, aber auch zureichend sein können, um die Stützung
zu bewirken. Dieses Minimum der Stützpunkte wollen wir auf-
snchen. Man hat bisher auf diese Untersuchung keinen beson-
deren Werth gelegt. Zweifellos verdient sie aber, ins Auge gefasst
!ü werden. Einmal weil, wenn wir zu einer wissenschaftlichen
Begründung des Maschinenwesens gelangen wollen, keine Eigen-
102
XII. KAP. ELEMENTENPAABE.
Schaft der Elemente unwichtig sein kann, sodann aber auch, weil
sich wirklich wesentliche Folgerungen an gerade dieses Problem
anschliessen.
§.18.
Stützung gegen Yersohiebnng.
Wir betrachten zuerst die ebene Figur in der Ebene, oder,
wenn man will, einen von einem allgemeinen normalen Cylinder
genommenen dünnen ebenen Abschnitt, welcher irgendwie gehin-
dert sein soll, sich von der Ebene, auf welcher er liegt, zu entfer-
nen. Unter einem Stützpunkt der Figur verstehen wir einen
Umfangspunkt derselben, an welchem sie in der Richtung der
Normalen auf die an den Umfangspunkt gelegte Tangente in
der Richtung zum Punkte hin nicht verschoben werden kann.
Verschiebung der Figur bedeutet hierbei eine gleichartige Be-
wegung aller Punkte derselben.
Einzelner Stützpunkt. Die gegebene Figur X, Fig. 52, werde
zunächst durch Berührung in einem Punkte mit einer zweiten
mit ihr komplanen Figur B gehindert, sich frei in der Ebene zu
bewegen; wir wollen aufsuchen, wie weit diese Hinderung geht
Fijf. 53.
Fig. 52.
a B
Wejijen der vorhin go^ehenen Erläuterung der Natur eines Stütz-
punktes brauchen wir vorerst dii» Gestalt der stützenden Figur Ä
Fig. 52, nicht zu kennen, legen vielmehr an die gestützte Figur A,
Fig. 53, im Stützpunkt a eine Tangente TT\ und errichten auf
dieser in a die Normale NN\ so ist die Richtung von A nach a
STÜTZXJNGSFELD. VBBSCHIBBUNGSFELD.
103
und N' hin diejenige der von dem Stützpunkt unmöglich gemach-
ten Verschiebung.
Hat eine beabsichtigte Verschiebung also eine Komponente in
dieser Richtung, so ist die Verschiebung nicht möglicL Solche
Komponenten haben aber allein nicht diejenigen Verschiebungen,
deren Richtungen in den gestreckten Winkel TNT' fallen, wie
durch die strahlenförmig geordneten Pfeile angedeutet ist. Dieser
Doppelrechtwinkel ist also das Verschiebungsfeld für die nur
in a gestützte Figur, während die zu TT' normale N'a die Stütz-
richtung des Punktes a ist. In den zweiten Doppelrechten TN' T'
fallen alle die Richtungen der durch den Stützpunkt a ausgeschlos-
senen Verschiebungen; wir wollen ihn deshalb das Stütz ungsfeld
des Punktes a nennen. Stützungsfeld und Verschiel#ngsfeld eines
Stützpunktes ergänzen sich zu 4 Rechten. (Jetrennt werden die
beiden Felder durch die Tangente TT' im Stützpunkt. Indessen
können wir diese TrennungsUnie auch verlegen, wenn wir sit nur
parallel TT' lassen ; denn es handelt sich immer nur um Winkel
oder Richtungen. Deshalb kann die zu TT' parallel tt^ oder die
andere titi' ebenfalls als Grenze zwischen Stützungs- und Ver-
schiebungsfeld dienen. Im allgemeinen ist demnach die Trennungs-
linie zwischen Stützungs- und Verschiebungsfeld eines Stützungs-
punktes eine Normale zur Stützrichtung.
Zwei Stützpunkte. Hat die Figur zwei Stützpunkte a
und 6, Fig. 54, so schränken diese die Verschiebbarkeit ein auf
den Winkel, welchen die beiden
Stütztangenten a T und b T ein-
schliessen, da alle Verschiebungs-
richtungen , welche ausserhalb
dieses Winkels fallen, wie z. B.
3 und 4, eine Komponente paral-
lel einer der beiden Stützrichtun-
gen 1 und 2 haben würden. Ver-
legt man für die beiden einzelnen
Stützpunkte die Trennungslinie
zwischen Stützungs- und Verschie-
bungsfeld bis zum Schnittpunkt 0
der beiden Stützno^malen, so ist
der von ihnen eingeschlossene —
hier schraffirte — Winkel FOQ
das Verschiebungsfeld, der
Fig. 54.
%
I
104
III. KAP. ELEMENTENPAABE.
aüsspringende Winkel QOP das Stützungsfeld für den vorlie-
genden Fall. Fiele die Richtung einer beabsichtigten Schiebung
in den Scheitelwinkel znPOQ^ so würden beide Stützpunkte gleich-
zeitig die Schiebung hindern.
Durch Verminderung des Tangentenwinkels aTb kann man
das Schiebungsfeld mehr und mehr verkleinem. Werden die
Stütztangenten parallel, Fig 55, so geht das Schiebungsfeld in
einen unendlich kleinen Winkel über.
Aber ebenso wie oben den Grenzlinieu
OP und OQ nach noch Schiebung
stattfinden konnte, kann sie auch jeüt
den zusammengefallenen Grenzlinien
nach, d. h.. parallel den beiden Tangen-
ten vor sich gehen, und zwar sowohl
in der Richtung OP^ als auch den
Grenzlinien des ebenfalls unendlich
klein gewordenen Scheitelwinkels OH
nach. Mit anderen Worten: das Vcr-
schiebungsfeld ist in eine Parallele zu
den Stütztangenten übergegangen, welcher entlang sowohl in posi-
tiver als in negativer Richtung Verschiebung stattfinden kann.
Hätten die parallelen Stützrichtungen 1 und 2 nicht wie hier
entgegengesetzten, sondern gleichen Sinn, so würde die entste-
hende Stützung sich von derjenigen durch nur einen Punkt, so
weit es die Schiebung betrifft, nicht unterscheiden, weshalb auf
diesen Fall hier nicht weiter eingegangen zu werden braucht
Drei S-tützpunkte. Wenn zu zwei Stützpunkten a und 6,
deren Wirkung wie vorhin untersucht worden ist, noch ein dritter c
Fig
. 55.
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Fig. 56.
hinzukommt, Fig. 56, so kann des-
sen Einfluss leicht ermittelt wor-
den. Wir ziehen die Tangente c U
und die durch c gehende Nor-
male, und legen auf dieser die
Trennungslinie Oü, welche das
Schiebungs- und das Stützunj^s-
feld scheidet, so, dass sie durch
den Schnittpunkt 0 der beiden
ersten Normalen geht. Danu
zeigt die Figur sofort, dass nun-
mehr die Schiebungen in dem
DBEI STÜTZPUNKTE.
105
Winkel QOR unmöglich geworden sind, dass also das Verschie-
bungsfeld auf den Winkel POli verkleinert ist Hierin ist aber
alsbald ein Mittel zu erblicken, durch drei Stützpunkte die Ver-
schiebbarkeit der Figur ganz zu beseitigen. Denn da das Stützungs-
feld jedes einzelnen Stützpunktes 180 Grad umfasst, braucht man
den dritten Stützpunkt nur so zu legen, dass das von den beiden
ersten freigelassene Verschiebungsfeld in das Stützungsfeld des
dritten hineinfällt. Fig. 57 stellt diesen Fall dar. Der dritte
Fig. 57.
Stützpunkt c ist so gelegt, dass
in sein Stützungsfeld, welches
die Linie RO abtrennt, das
Schiebungsfeld P 0 Q der ver-
einigten Stützpunkte a und b
ganz hineinfällt. Die Bedin-
gung für die Erreichung dieses
Zieles können wir dahin präzi-
siren, dass die drei Stütz-
punkte so gelegen sein
müssen, dass die benach-
barten Stützrichtungen
stets Winkel unter 180® einschlieösen. In unserer Figur ist
das den Stützpunkten 1 und 2 entsprechende Schiebungsfeld noch-
mals durch Schraf&rung hervorgehoben, diese aber, um die Schieb-
barkeit als aufgehoben zu bezeichnen, punktirt. Heben wir die
Darstellungen der drei Stützungsrichtungen aus Fig. 56 und 57
heraus, siehe Fig. 58 und 59, so sehen wir, dass im ersteren Falle
Fig. 58. Fig. 59.
zwischen l und 2 und zwischen 2 und 3 einspringende Winkel
hegen, die Richtungen 1 und 3 aber einen ausspringenden Winkel
einschliessen , während im zweiten Falle alle drei Winkel zwischen
den aufeinander folgenden Richtungen < 180® sind.
106
III. KAP. BLBMENTENPAARE.
Für den Fall, dass die beiden ersten Stützrichtungen paxaUt-l
und entgegengesetzt sind, Fig. 60, genügt aber hiemach der dritte
Stützpunkt c nicht, um jede Verschiebung unmöglich zu machen;
es muss vielmehr dann jedenfalls noch ein vierter d angebracht
werden. Denn die Verschiebungsrichtungen Oc und OR^ welche
den Tangenten T W und V ü parallel laufen , sind ebenso wie die
Fig. 60. Stützrichtungen von a und h um Ibo*
verschieden. Es bedarf also der Ein-
schaltung je eines Stützpunktes zwiscbeu
V und W und zwischen T und 17, da-
mit die Bedingung, dass die benach-
barten Stützrichtungen kleinere Win-
kel als 180® einschliessen, erfüllt werde.
Die Stützrichtungen von c und d kön-
nen dabei unter Umständen auch sel)»>t
wieder 180® einschliessen, ihre Stütztau-
genten also parallel zu liegen konimt'u.
Das Minimum der Stützpunkte, welche eine ebene Figur unrer-
schieblich machen können, ist somit drei, und wenn die Stützrich-
tungen zweier derselben 180® einschliessen, vier Stützpunkte. In Avu
zu Anfang des §.17 vorgefulirten Beispielen aus der Konstruktion der
Kegelventile sind in den Querschnitten der Ventilstiele einmal drei
und zweimal je vier Stützpunkte angewandt, beziehungsweise durtL
Ideine Umfangstheile dargestellt. Man erinnere sich auch der ge-
bräuchlichen Formen der Gewindbohrer. Jede ebene Figur, welche
Fig. 61. durch einen in sich selbst zurücklaa-
fenden Umriss begrenzt ist, lässt sich
gegen Verschiebung stützen. Es ist da-
bei gleichgültig, ob die Figur von aussen,
wie oben angenommen wurde, oder von
innen gestützt werde, wie Fig. 61 an-
deutet, da die gefundenen Bedingungen
diesen Fall mit einschliessen. Uehrigeiis
zeigen dies die obigen Untersuchungen
auch noch in anderer Weise, indem dif
zweite Figur (jB), welche die Stütz-
punkte für die erste (^4) an sich trägt, eine Hohliigur sein niu>.s
wenn die erste auswärts protilirt ist, die stützende Wirkung der
beiden Figuren aber durchaus auf Gegenseitigkeit beruht, ganz s<>
wie wir es bei den Elementen, die ein Paar bilden, gefunden haben.
RECHTS- UND L1NK8DBEHUNG.
107
§.19.
Stützung gegen Verdrehung.
Auch hier betrachten wir vorerst nur die ebene Figur in der
Ebene, und verstehen unter Verdrehung eine solche Bewegung der
Figur, bei welcher ein mit ihr festverbundener Punkt dauernd oder
auch nur augenblicklich seine Lage in der Ebene nicht ändert.
Es sind zwei Drehungssinne zu unterscheiden. Wir wollen eine
Drehung, welche wie diejenige des Uhrzeigers geschieht, Rechts-
drehung, eine entgegengesetzt gerichtete Linksdrehung nennen.
Einzelner Stützpunkt Hat die Figur ^, Fig. 62, nur einen
Stützpunkt a, und sind TT' und NN' wieder Tangente und Nor-
Fig. 62. T male zu der Umfangsstelle a, so kann
die Figur um jeden beliebigen Punkt
des Quadranten Na T rechts gedreht
werden, ebenso um jeden Punkt des
Quadranten TaN\ während Links-
drehung in beiden Quadranten nicht
angeht, da die bei a alsdann hervor-
zurufende Bewegung eine Kompo-
nente in der Stützrichtung haben
würde. Im dritten Quadranten N'a T
und im vierten T'a -N" ist Linksdrehung .um jeden Punkt möglich,
Rechtsdrehung aber nicht, weil der Stützpunkt dieselbe aufhebt.
Die möglichen Drehungen sind zu beiden Seiten der Normalen
NN' durch die Buchstaben r und I markirt. Das ganze Feld
NTN^T* ist also Drehungsfeld, es wird durch die Normale
NN in die Hälften Rechtsdrehungsfeld und Linksdrehungs-
feld getheilt. Auf der Normalen selbst müssen Pole liegen, welche
beiderseitige Drehungen gestatten, da sie als Grenzlinie beiden
Feldhälften zugleich angehört In der That sind um alle Punkte
von aN ... beiderseitige, Aind zwar angebbar grosse Drehungen
möglich , um die Punkte von aN' . . . dagegen nur unendlich
kleine Drehungen. Denn bei jeder um einen der letzteren Punkte
begonnenen Drehung hat sich die Normale vom Drehpunkt ent-
fernt, so dass derselbe alsbald entweder ins Links- oder ins Rcchts-
drehungsfeld, jedesmal aber in dasjenige rückt, welches die begon-
nene Drehung nicht gestattet, wie ein Blick auf die Figur lehrt
108
III. KAP. ELEMENTENPAAKE.
Fig. 63.
Zwei Stützpunkte. Besitzt die Figur zwei Stützpankte
a und 6, Fig. 63, und hat man deren Drehungsfelder einzeln dunli
Ziehung der Normalen a a' und h V eingetheilt, so ergibt sich sofort
dass das Rechtsdrehungsfeld von a in dem Winkel aOh zwischen
den Normalen von dem Linksdrehungsfelde von b gedeckt wird,
wodurch die dort wegen a statthaft gewesene Rechtsdrehun«j
unausfülirbar wird, ebenso wie die wegen a mögliche Linksdrehung
in dem Scheitelwinkel a'OV unmöglich wird, weil dort ein Hechts-
und ein Linksdrehungsfeld einan-
der decken. In dem Winkel hOa
dagegen decken sich zwei Rechts-
drehungs-, und im Scheitelwinkel
aOV zwei Linksdrehungsfelder.
Es sind mithin um die Punkte
dieser in unserer Figur schraftir-
ten Felder beziehungsweise Rechts-
und Linksdrehungen möglich. Von
den zwei Paar Scheitelwinkeb,
welche die Normalen abschneiden,
ist also das eine , dem Schnitt-
punkt T der Tangenten * zuge-
kehrte Paar Stützungsfeld gegen beiderlei Drehung, das anderv
Paar aber Drehungsfeld, und zwar zur einen Hälfte Rechts-,
zur anderen Linksdrehungsfeld. Um den Scheitel 0, welcher
den beiden Drehungsfeldem gemeinsam ist, kann beiderseitiire
Drehung stattfinden. Sind die Normalen zu den gegebenen Stütz-
punkten parallel und einander entgegengesetzt, also um 180* gegen-
einander gerichtet, so geht das scheitelwinklige Drehungsfeld in
einen Streifen zwischen den Stütznormalen über, um dessen Punkte
entweder Rechtsdrehung, Fig. 64, oder Linksdrehung, Fig ii5.
Fiif. 64.
FV. 65.
u^iulich ist, jonaohiloui sich die Normalen die rechte mler die
huke ^oito zukoliivu. Fallon ilio Stülznomialeu zusammen, s«>
DREI STÜTZPUNKTK GEGEN »BEHÜNG. 109
geht der Streifen in eine Linie über, Fig. 66, nm deren Punkte
als auf der Grenze zwischen verschieden sinnigen Drehungsfeldern
liegend, Drehung nach links wie nach rechts möglich ist.
Haben die parallelen StUtzngrmalen gleiche Richtung, Fig. 67,
so ist der Raum ausserhalb des von den Normalen begrenzten
Streifens einerseits Rechtsdrehungs- , andererseits Linksdrehnngs-
feld, der Streifen aber Stiitzungsfeld.
Drei Stützpunkte. Wird zu zwei Stützpunkten a und 6,
^eren Tangenten einen Winkel unter 180« einschliessen , ein drit-
ter Stützpunkt c bin zugenommen, so hängt dessen Einäuss auf die
weitere Einschränkung der Drehbarkeit sehr von der Wahl seiner
I^e ah. Legt man c an den von dem Tangentenwinkel a Tb, Fig. 68,
j,. gg umfassten Bogen der Figur,
so schneidet zunächst seine
Stütznormale die beiden vor-
handenen in den Punkten P
und Q,- und es deckt sein
Linksdrehungsfeld den Links-
drehuDgswinkel aOb'; dieser
bleibt also Linksdrehungsfeld.
Femer deckt das Itechtsdre-
hungsfeld von c das Stück
bPQa' des Rechtsdrehungs-
winkels b 0 a', welches dem-
i,' nach auch Rechtsdrebungsfeld
bleibt Nur das kleine Dreieck
POQ wird von einem ungleichnamigen Felde gedeckt; hier allein
vird also die Drehbarkeit aufgehoben.
Verlegt man c so, dass seine Stütznormale durch beide Tbcile
110
III. KAP. ELEMENTENPAAEE.
des Drehungsfeldes von a und b geht, s. Fig. 69, so fällt zunächst
das Normalendreieck POQ in das Stützungsfeld, statt in das
Drehungsfeld der ersten beiden Stützpunkte. Ungleichnamige
Deckungen finden nun statt auf den Stücken cPOb und dQV;
von beiden Theilen des Drehungsfeldes bleiben die ansehnhchen
Stücke & Pa! und d QOa! als beziehungsweise Rechts- und Links-
drehungsfelder erhalten.
Fig. 69. Fig. 70.
Weit bedeutender fällt die Wirkung des dritten Stützpunktes
aus, wenn er so verlegt wird, dass die Winkel seiner Stütznonnale
mit den beiden benachbarten < 180« ausfallen, siehe Fig. 70.
Geht dann, wie hier, die Stütznormale von e durch das Rechts-
drehungsfeld der beiden ersten Stützpunkte, so deckt ihr Recbts-
drehungsfeld ganz das Linksdrehungsfeld aOh\ und ihr Links-
drehungsfeld das Stück a'PQb des Rechtsdrehungsfeldes a*Oh
so dass auf beiden Stellen die Drehbarkeit beseitigt wird. Nur
das Dreieck POQ wird von einem gleichnamigen Drehungsfelde
gedeckt, so dass also um die
Punkte dieses Dreieckes Dre-
hun«;, und zwar Rechtsdrehun^
möglich bleibt Hätte die ^Vn-
bringung von c so stattgefunden,
dass seine Stütznonnale dun^h
das Liuksdrehungsfeld a 0 h'
gegangen, so wäre das übrig
gebliel^ene Dreieck eines für
Linksdrehung gewesen.
Fiff, 71.
DBEI STÜTZPUNKTE GEGEN DBBHUNG.
111
Leicht erscheint es jetzt, die Drehbarkeit noch mehr einzu-
schränken. Man braucht zu dem Ende bloss das Dreieck POQ
kleiner zu machen. Dasselbe schrumpft auf sein Minimum, einen
einzigen Punkt, zusammen, wenn man den Stützpunkt c so ver-
legt, dass seine Stütznormale durch den Schnittpunkt 0 der
beiden ersten Stütznormalen geht, siehe Fig. 71. Dann ist
die Drehbarkeit auf das erreichbare Minimum eingeschränkt,
allein sie bleibt immerhin noch bestehen.
Wenn die beiden ersten Stützpunkte parallel laufende
Normalen haben , so entstehen wieder bemerkenswerthe besondere
Fälle.
Haben die parallelen Stütznormalen zu a und b entgegen-
gesetzte Richtung, Fig. 72, so theilt die Normale zu dem dritten,
zwischen den beiden ersten Stützpunkten angebrachten Stützpunkte
(! das Drehungsfeld in zwei Stücke, von welchen das eine wegen
Fig. 72. Fig. 73.
Fig. 74.
gleichnamiger Deckung ein Drehungsfeld bleibt, das andere aber,
da hier die Deckung ungleichnamig wird, mit zum Stützungsfeld
gezogen wird. War das Drehungsfeld der beiden ersten Stütz-
punkte wegen Zusammenfallens der Normalen nur eine Linie,
Fig. 73, um deren Punkte, Wie wir oben bei Fig. 66 sahen, Links-
wie Rechtsdrehung stattfinden
konnte, so theilt die Normale
aus c, die besagte Linie in P
schneidend, dieselbe in ein Stück
Pa ...^ um dessen Punkte nur
Rechtsdrehung, und in das an-
dere Pb . . . , um dessen Punkte
nur Linksdrehung möglich ist.
Sind die Normalen der beiden
ersten Stützpunkte parallel und
gleich gerichtet, siehe Fig. 74,
112
III. KAP. ELEMENTENPAABE.
SO kann der dritte Stützpunkt von jedem der beiden ausserhalb
der Stütznormalen liegenden Drehungsfelder ein Stück in ein
Stützungsfeld verwandeln, wie unsere Figur andeutet, oder er
kann, wenn man die dritte Stützung parallel und entgegen den Wi-
den ersten richtet, das eine der beiden Drehungsfelder ganz besfi-
tigen, siehe Fig. 75, wobei das noch bleibende Feld auf exiau
Fig. 75. Fig. 76.
schmalen Streifen eingeschränkt wird, oder endlich er kann, in-
dem man seine Stütznormale zwischen die beiden ersten verlegt,
und sie denselben entgegen richtet, die beiden anfanglichen
Drehungsfelder, welche nun beide ungleichnamig gedeckt wer-
den, in Stützungsfelder verwandeln, die Drehbarkeit also ganz
aufheben.
Vier und fünf Stützpunkte. In den Fällen, wo durch drei
Stützpunkte die Drehbarkeit nicht aufgehoben wertlen kann —
und wir haben gesehen, dass dies die Regel ist — kann man durch
Hinzufügung eines vierten Stützpunktes zu diesem Ziele gelangen,
wenn derselbe sich so verlegen lässt, dass seine Drehungsfel-
der die noch vorhandenen der ersten drei Stützpunkte
ungleichnamig decken. Fügt man z. B. zu der in Fig. 70 dar-
Fig. 77.
gestellten Stützung noch einen wei-
teren Stützpunkt d hinzu, dessen
Normale nicht durch das Drehungs-
feld OPQ geht, und ausserdem
demselben die ungleichnamige Seito
zukehrt, Fig. 77, so ist jede Dreh-
barkeit der Figur beseitigt IWi
dem Falle in Fig. 72 verwandelt
ein vierter Stützpunkt d, welcher
mit seinem Linksdrehungsfelde dns
dort gebliebene Kechtsdrehungsfohl
VIEE UND FÜNF STUTZPUNKTE.
113
deckt, Fig. 78, letzteres in- ein Stütziingsfeld. In den in den
Figuren 74 und 75 dargestellten Fällen lässt sich dies ebenfalls
bewirken.
Fig. 78.
Fig. 79.
Bei dem Fall in Fig. 73 dagegen gelangt man auf diese Weise
nicht zum Ziel. Denn legt man den vierten Stützpunkt d, Fig. 79,
so, dass seine Normale an P vorübergeht, und zur Linken ihr
Rechtsdrehungs- , zur Rechten ihr Linksdrehungsfeld hat, so wer-
den das Stück Qb..» und das Stück Pa... des auf eine Linie zu-
sammengeschrumpften Drehungsfeldes ungleichnamig gedeckt,
also dort die Drehbarkeit beseitigt; allein das Stück OP bleibt,
da es gleichnamig gedeckt ist, noch Linksdrehungslinie. Man
wird, um OP verschwinden zu machen, d so verlegen müssen,
(lass die Normale durch P selbst geht. Dann also werden alle
Drehbarkeiten um die Punkte von Pa.. und Pb.. beseitigt, bis
auf die einzige um den Punkt P selbst. Dieser als auf den
Grenzlinien aller Drehungsfelder gleichzeitig liegend oder als
Schnittpunkt sämmtUcher Normalen ist Drehpunkt geblieben. Um
auch diese Drehbarkeit wegzuschaflFen , muss noch ein fünfter
Fig. 80.
Bealetux, Kinematik.
Stützpunkt ZU dem in Fig. 79 an-
gedeuteten hinzugenommen wer-
den, welcher, Fig. 80, das ge-
bliebene Drehungsfeld PQ un-
gleichnamig deckt. Hätte der
vierte Stützpunkt so gelegen, dass
Q mit P zusammengefallen wäre,
so würden noch zwei weitere
Stützpunkte nöthig gewesen sein,
nämlich einer gegen die Links-,
einer gegen die Rechtsdrehung.
8
114 ' III. KAP. ELEMENTENPAARE.
Dasselbe gilt auch schon von dem Falle in Fig. 71, wo die
Normalen dreier Stützpunkte sich in einem Punkte schneiden,
denn auch hier bedarf es einer Stützung zur Verhinderung der
Rechts-, und einer zur Verhinderung der Linksdrehung, etwa wie
Fig. 80 darstellt. Dieser und der vorige Fall können zusammen-
gefasst werden in den Satz: Wenn die Normalen dreier Stütz-
punkte einer Figur einander in einem Punkte schneiden, so be-
darf es mindestens fünf Stützpunkte, um die Figur
undrehbar zu machen.
Wie man sieht, ist die Aufgabe, eine ebene Figur so zu stützen,
dass sie undrehbar wird, ungleich schwieriger, als die, sie nur
bis zur Unverschiebbarkeit zu stützen. In der Regel bedarf es
mindestens vier Stützpunkte, in einem Ausnahmefalle (Fig. 76i
genügen ihrer drei, vielfach reicht man erst mit fünfen aus.
Ausserdem ist die Form der Figur nicht in so weiten Grenzen be-
liebig, wie sie sich beim Verschiebungsproblem herausstellte. Das
Profil der Figur muss solche wechselnde Tangentenrichtungen auch
an sich tragen , als das Rechts- und Linksverlegen der Stütznor-
malen erfordert. Der Kreis also ist — wie allerdings auch a priori
einleuchtet — nicht gegen Verdrehung stützbar. Kommt er uns
im praktischen Maschinenbau, wo seine leichte Herstellung so oft
auf ihn führt, als Querschnitt eines gegen Verdrehung zu stützen-
den Körpers vor, so müssen wir seine Form nachträglich zu der
einer stützbaren Figur umändern. Schon oben (§. 1 5) stiessen wir
bei einer anderen Betrachtung auf diesen Punkt, den wir hier im
Lichte der vorstehenden Untersuchungen prüfen können.
Ein recht landläufiges Beispiel liefert uns die Befestigung
einer Radnabe auf einer cylindrischen Achse, Fig. 81. Hier würden
Pjg gl sich bei Belassung der ersten Form
alle Normalen im Zentrum 0 schneiden.
Es wird deshalb ein halb-rechteckiger
Einschnitt in den Kreis gemacht, gegen
dessen Flanken bei e und / sich ein nut
der Nabe zu verbindender Vorsprung,
der Keil, stützt Die eine Stütznormale
e ^ geht nach links und deckt 0 mit ihrem RechtsdrehungsfeUle ;
die andere ff geht nach rechts, 0 mit ihrem LinksdrehungsfoWe
deckend, ganz wie wirs oben bei Fig. 80 nöthig fanden. Auch
durch blosse Abplattung wird oft der Kreis im selben Falle
stützungsfahig gemacht, siehe Figur 82. Der Keil drückt daiiu
STÜTZUNG IN DER RADNABE.
115
u. a. auch in der Nähe der Ränder der Abplattung, bei e und f^
so dass die Stütznormalen e ef und //' links und rechts neben 0
Fig. 82. vorübergehen, und deshalb die eine 0 mit
r - ihrem Linksdrehungsfelde, die andere 0 mit
ihrem Rechtsdrehungsfelde deckt. Die Hebel-
arme der in der Richtung der Stütznormalen
wirkenden Stützkräfte fallen hierbei leicht
weit kleiner aus als im obigen Falle, weshalb
es sich, nebenbei bemerkt, leicht begreift,
warum man die zweite Form nur bei gerin-
geren verdrehenden Kräften praktisch ver-
wendet.
Bei grossen schweren Wasserrädern findet man oft die Naben
mit drei, häufiger mit vier Keilen auf die Achse gesetzt, wobei
beträchtliche Spielräume zwischen Hohl- und VoUcylinder belassen,
diese selbst also nicht als Stützflächen behandelt werden, Fig. 83 u. 84.
Fig. 83. Fig. 84.
Solche Befestigungen können eigentlich verdrehenden Kräften nur
geringen Widerstand entgegensetzen, da die Stütznormalen der
Keilflächen sehr wenig weit neben dem Schnittpunkt 0 der mitt-
leren Stütznormalen herlaufen. Auch wendet man diese Aufkei-
lungsw|^sen mehr nur als Zentrirungsmethoden an, also als
Stützungen gegen Quer-Verschiebbarkeit der Achse in
der Nabe, wozu sie auch geeignet sind (vergl. Fig. 57 und 60).
Wo aber gewaltige Torsionskräfte durch eine Nabe zu übertragen
sind, wie z. B. bei den Zahnrädern der Walzwerke, wendet man
gern die nachstehend skizzirte Keilung Fig. 85 (a. f. S.) an. Sie ist
eine Stützung gegen Verschiebung sowohl, als gegen Verdrehung.
Streng genommen bedürfte es nur der fünf in Fig. 86 ange-
gebenen Stützen, von denen a, b und c dem bei Fig. 76 besproche-
8*
116
III. KAP. ELEMENTENPAARE.
nen Falle angehören , d und e die Stützung 'gegen Verschiebung
vervollständigen (vergl. Fig. 60). Aber die Anordnung Fig. 85
Fig. 85.
Fig. 86.
ist ungleich besser, da sie den Torsionswiderstand auf vier statt
auf zwei Stützen überträgt, und den Hebelarm desselben aufs
Doppelte, die Belastung des Einzelkeils durch Torsion also auf den
vierten Theil dessen bringt , was bei der anderen Anordnung her-
auskommt; ausserdem beansprucht sie auch die Nabe statt in der
Mitte der Quadratseiten, in der Nähe von deren Ecken, was unge-
mein viel günstiger ist.
Im allgemeinen macht die Schwierigkeit der Torsionsstützung
gegenüber der Verschiebungsstützung sich schon beim Vergleich
der beiden ersten Sätze merkbar, und findet daselbst auch ihren
Grund. Darin nämlich, dass ein Stützpunkt gegen Verschiebung
alsbald ein Stützungsfeld von dem Umfang 180*^ besitzt, während
ein Stützpunkt gegen Verdrehung im allgemeinen noch gar nicht
stützt, vielmehr nur eine Zweit h eilung des Drehungsfeldes in
eine Rechtsdrehungs- und eine Linksdrehungshälfte bewirkt
8. 20.
Oleichzeitige Stützung gegen Verschiebung und
Verdrehung.
Wenden wir das vorstehend Gefundene nun auf die Fälle an,
wo gleichzeitig Verschiebung und Verdrehung in Betracht kommen.
HO kininen wir daraus zunächst für die ebene Figur folgeuile
riaiiptsätze ziehen.
STÜTZUNG GEGEN SCHIEBUNG UND »REHDNG.
117
1) Durch zwei Stützpunkte kann weder Verschiebung noch
Verdrehung einer ebenen Figur in der Ebene verhindert
werden. •
2) Durch drei passend gelegene Stützpunkte kann :
a) die Schiebung verhindert, dann aber die Drehung
nicht verhindert werden (Fig. 57, 70 und 71)
b) die Drehung verhindert, dann aber die Schiebung
nicht verhindert worden (Fig. 76).
3) Nur durch vier passend gelegene Stütupunkte, und bei
gewissen Profilen nur durch fünf derselben lässt sich die
Drehung gleichzeitig mit der Schiebung verhindern.
Diese Sätze wollen wir auf die Unischlusspaare anwenden,
Stützung im Prismenpaar. Soll ein Vollprisma durch
möglichst wenig Punkte so gestützt werden , dass es keine andere
Relativbewegung gegen die Stützen vollführen kann, als wenn es
von einem Hohlprisma wie im Umschlusspaar unifasst wäre, so
können wir das dadurch zu erreichen suchen , dass wir zwei pa-
rallele zur Achse senkrechte Ebenen durch den Körper gelegt
denken, und deren Schnittfiguren gegen Versclüehung und
Drehung, also beide mit je vier Punkten stützen, Fig, 87, indem
Fig. 87.
dann, um keine der Abscis-
senachsen Drehung und nur
parallel einer einzigen Ver-
schiebung stattfinden kann,
was die Eigenthümlichkcit
des Prismenpaares ist. Dies
gäbe acht Stützpunkte a,
h, c, rf, e, /, (f, Ä, in jedem der beiden Schnitte geordnet nach Fig 78.
Von diesen acht Punkten lassen sich aber noch zwei beseitigen,
irtdem wir einen dritten zu den Leiden ersten parallelen Scjinitt
y yj, zwischen diese in dieKigur
legen, Figur 88, und zwei
der vorhandenen Punktpaiue,
z. B. d und b, und e und (/,
zu je einem Punkte in ilim
zusammenziehen. Wir erhal-
ten dann sechs Stütz-
punkte a, i, c, d, e, /, welche nun ebenfalls weder eine Drehung
des Prismas um eine der Al)scissenaclisen , noch eine Schie)>ung
uach zweien derselben gestatten.
118
III. KAP. ELEMENTENPAARE.
Fig. 89.
Stützung im Drehkörperpaar. Wählen wir als Drehkör-
per, welcher mit dem Minimum von Punkten gestützt werden soll
einen VoUcylinder ^pit flachen Enden, Fig. 89, und legen wie*ler
zwei zur Drehungs- und Cylinder-
achse senkrechte Schnitte dadurch.
so haben wir jeden derselben ge-
gen Querverschiebung zu stützen,
was mit je drei Punkten a, ft, c
und d, e, / gelingt, und einen
Längsschnitt gegen Läiigenver-
schiebung zu sichern, was durch zwei Stützpunkte g und h an den
Endflächen bewirkt werden kann. Auch hier erhalten wir also
zunächst acht Stützpunkte. Verlegt man aber die sechs erstge-
nannten Punkte an die Ränder der Endflächen, Fig. 90, indem man
Fig. 90.
der stützenden Fläche jedesmal eine passende Neigung gibt, >o
können diese sechs Stützpunkte die Verhinderung derLängs\er-
schiebbarkeit mit übernehmen, also für die ganze Stützung aus-
reichen.
Stützung im Schraubenpaar. Um eine Schraubenspindel
mit dem Minimum von Punkten zu stützen, sichern wir zwei zu
einander rechtwinklige, der Achse nachgehende Schnitte derselben
gegen Schiebung und Drehung; dann ist die Lage der Spindel die-
Pj Q, selbe, wie in der Mutter. I>ii»s
gelingt (gemäss Fig. 78) mit je
vier Stützpunkten, Fig. 91, so d;i.'v»i
also auch hier wieder acht Stütz-
punkte erforderlich sind. Zwei
d "" ^ ^ ü >i^ Paare derselben können indessen,
ähnlich wie bei Fig. 88 gezeigt wurde, in je einen Punkt zusam-
mengezogen werden, so dass auch hier als äusserstes Minimum sich
sechs Stützpunkte ergeben.
Wir finden hiernach für alle drei Umschlusspaare
als jedenfalls ausreichend acht, und bei Benutzung von
HÖHEBE ELEMENTENPAARE. 119
Doppelpunkten sechs Stützpunkte als genügend, um
eines der Elemente in derselben Lage zu erhalten, welche
ihm bei voller Ausbildung des Paares durch unendlich
viele Stützpunkte gegeben wurde.
§.21.
Höhere Elementenpaare.
Aus den Betrachtungen über die Stützung ebener Figuren gieng
hervor, dass man Figurenpaare bilden kann, welche gegenseitig
imverschieblich sind, ohne deshalb gegenseitig undrehbar zu sein,
lind zwar dann, wenn die Normalen der zum mindesten dann drei
an der Zahl betragenden Stützpunkte einander in einem Punkte
schneiden, wie Fig. 92 andeutet, so dass Drehbarkeit um nur
p. 92 einen einzigen Punkt vorhanden ist.
Diese Drehbarkeit ist eine bestimmte,
jede andere ausschliessende gegenseitige
Beweglichkeit, d. i. ganz diejenige, welche
wir oben in §. 3 als die Grundeigenschaft
der zu einem Elcmentenpaar zu verei-
nigenden körperlichen Gebilde erkannt
haben. Ist nun ein derartiges Figuren-
paar so beschaffen, dass nach Vollführung
einer unendlich kleinen Drehung um den
Pol 0 wiederum Stützung in drei Punkten, deren Normalen ein-
ander in einem neuen Punkte schneiden, und so fort in jeder
neuen gegenseitigen Stellung der Figuren stattfindet, so können
diese offenbar zur Bildung der Elemente eines Paares dienen.
Wir brauchen zu dem Ende z. B. nur Cylinder auf ihnen zu errich-
ten und diese mit Rändern zu versehen, welche Axialverschiebun-
gen ausschliessen.
Hinsichtlich der beiden Basisfiguren ist aber ein Punkt noch
besonders hervorzuheben. Angenommen, die Stütznormalen der-
?>elben haben bei vollständiger Stützung gegen Verschiebung einen
gemeinsamen Schnittpunkt, und es finde um diesen eine unendlich
kleine Drehung statt, nach dieser und jeder folgenden aber erweise
sich die Stützung immer noch vollständig, so ist nothwendig in allen
Lagen die Stützung auch noch so beschaffen gewesen, dasö die Stütz-
normalen durch einen und denselben Punkt giengen. Da nämlich
die Stützung keine Schiebung gestattete, ist die einzig mögliche
120 HI. KAP. ELEMENTENPAARE.
Bewegung eine Drehung gewesen; diese kann nur um einen einzigen
Punkt stattgefunden haben, welcher nur der Schnittpunkt aller Nor-
malen sein konnte. Denn hätte etwa Drehung um einen von vielen
Punkten vor sich gehen können, so würde dieselbe um einen Punkt
ausserhalb wenigstens einer der Stiitznormalen stattgehabt, mithin
die Figuren an dem zugehörigen Stützpunkt von einander getrennt
haben, was aber der Voraussetzung, dass die Stützung stetig erhal-
ten bleibe, widerspricht. Hieraus folgt mithin der wichtige Satz,
dass: wenn von zwei Figuren nachgewiesen werden kann,
dass sie in allen stetig aufeinanderfolgenden gegenseiti-
gen Lagen sich gegenseitig gegen Schiebung stützen, da-
mit zugleich nachgewiesen ist, dass ihre Stütznormalen
einander immer in einem Punkte schneiden.
Die Aufeinanderfolge der Normalschnittpunkte oder Pole in
jeder der beiden Figuren liefern deren Polbahnen, die auf diesen
errichteten Cy linder die Axoide der beiden gepaarten Körper.
Die in dieser Weise entstehenden Elementenpaare haben nicht
die Eigenschaft des gegenseitigen Umschlusses der Elemente,
welche bei den oben gefundenen drei Paaren Voraussetzung war.
sondern die allgemeinere und höhere Eigenschaft der gegenseitigen
Umhüllung (siehe §. 3). Wir wollen sie deshalb den Umschluss-
paiiren gegenüber höhere Elementenpaare nennen; jene werden
dann wegen der geringeren Mannigfaltigkeit ihrer Eigenschaften
niedere Paare heissen. Um die höheren Paare kennen zu lernen,
betreten wir den Weg der Untersuchung einiger Beispiele.
§. 22.
Das Bogenzweieok im Dreieck.
Schlägt man au§ den Endpunkten einer geraden Strecke TQ
mit deren Länge Kreise, so schneiden diese von der Ebene ein
gleichseitiges Bogenzweieck PRQS^ Fig. 93, ab. Dieses winl
von einem gleichseitigen Dreieck ABC von der Höhe 2 PQ iu
den Punkten Q, R und S berührt, wenn Q in die Mitte einer
Dreieckseite gelegt wird. Denn ^ jB ist J. zu QR, weil 4^ PKA
— ^ BAQ = 30", und jl QRP = 60^ und ausserdem Q, H A
und S dem aus P mit /' Q beschriebenen Kreise angehören. IHt*
Stütznormalen aus ^>, R und S schneiden einander in Q, \wl
BOGBNZWEIECK IM DREIECK.
121
schliessen Nachbarwinkel von 120® ein. Es findet denanach Stützung
gegen Verschiebung, und zugleich Drehbarkeit um nur einen Punkt
(vergl. Fig. 71) statt Dasselbe
gilt aber auch von jeder ande-
ren Stellung des Zweieckes im
Dreieck, z. B. von der punktir-
ten, wie aus folgendem hervor-
geht.
Erhalten wir zunächst Be-
rührung zwischen dem Zweieck
und nur zwei Seiten Ä B und
B C des Dreieckes , was immer
angeht, so bewegt sich bei *
Linksdrehung der Punkt P auf
einer zn AB parallelen Gera-
den T CT, weil P von allen Punkten des Bogens BQS ^h dessen
Zentrum gleichweit absteht; ebenso bewegt sich der Punkt Q auf
einer zu AB parallelen Geraden Q T. Die beiden Geraden schnei-
den einander in Tunter 60®, d. i. unter demselben Winkel, unter
welchem PS und Q8 einander bei 8 schneiden. Die uns noch
unbekannte Bahn des Punktes S gegen das Dreieck ABC ist also
allgemein die der Spitze eines beliebigen Dreieckes PSQ^ welches
mit seinen Basis -Endpunkten P und Q auf den Schenkeln eines
Winkels gleitet, welcher = dem Spitzenwinkel des Dreieckes ist.
PQS^ Fig. 94, sei dieses Dreieck, a sein Spitzenwinkel, ß und
y seine Basiswinkel. UTQ = a der Winkel, auf dessen Schen-
Pig. 94.
kein die Punkte P und Q gleiten.
Die Punkte 8 und T sind aber
Punkte eines durch P und Q
gehenden Kreises, in welchem a
Peripheriewinkel auf der Sehne
PQ ist. Verbinden wir demnach
8 mit T, so ist L QT8 als Peri-
pheriewinkel auf der Sehne QS =
dem Basiswinkel ß bei P, also
konstant. Ausserdem ist, in-
dem wir 8 T über T hinaus nach
A verlängern, jL ^ TP = 180 — (a + /3), d. i. = dem Basiswin-
kel y bei Q. Der Punkt 8 bewegt sich somit auf einer Geraden,
welche mit den Schenkeln des gegebenen Winkels die
122 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
beiden Basiswinkel des gegebenen Dreieckes einschlie^^sL
Diese Gerade ist oben in Fig. 93 die dritte Dreieckseite ACn weicht
bei T mit ^T wie mit ÜT den Winkel 60^ den Basiswinkel iv>
gleichschenkligen (auch gleichseitigen) Dreieckes PSQ cinschliwst;
die Dreieckseiten berühren somit stets alle drei das BogenzweiecL
Die Durchlaufung der Dreieckseite CA durch die Spitze S
geschieht stetig; ebenso die der beiden anderen Dreieckseiten durch
die Bogen, welche das Zweieck bilden; immer haben dabei die
Stütznormalen den Nachbarwinkel 120^ weil sie ja senkrecht auf
den Dreieckseiten stehen. Es sind somit die Bedingungen der
stetigen Stützung gegen Schiebung in dem Figurenpaar erfüllt,
und somit müssen nach §. 21 die Stütznormalen einander immer
in einem Punkte schneiden, so dass die beiden Figuren sich zur
Bildung eines höheren Elementenpaares eignen. Wir haben nun-
mehr die Polbahnen aufzusuchen.
a) Polbahn, welche dem Dreieck angehört. Um unserer
Untersuchung eine grössere Allgemeinheit zu geben, nehmen wir
dieselbe an dem obigen Problem von Winkel und Dreieck vor, da
in demselben die Strecke PQ als eine ebene Figur aufzufassen ist
(vcrgl. §. 5), welche sich gegen die durch den Winkel UTQ aus-
gedrückte Figur genau so bewegt, wie das Bogenzweieck gegen das
Dreieck. Wir müssen, wie in §. 8 gezeigt wurde, nun die BabneD
von wenigstens zwei Punkten der beweglichen Figur kennen. F>
sind uns aber bekannt die geradlinigen Bahnen ..PTund Ti^-
der Punkte P und Q. Die Normalen zu diesen Bahnen, Fig. ^'*'.
Yi» 95, schneiden einander in 0, welcher
Punkt aber in dem oben gefun-
denen Kreise liegen muss, d.i
die Normalen als rechtwinklig aut
den Schenkeln des Winkels o den
Winkel « einschliessen. Ausser-
dem sind nun die Winkel OPT
und OQT Rechte , mithin ist die
Verbindungslinie OT der Durch-
messer des Kreises PTSQ. H»»*-
ser Kreis selbst aber ist von kon-
stanter Grösse, da die Sehne PQ
und der Winkel a konstant sind; somit ist auch der Abstand TO
des Poles 0 v<m dem Punkte T k(mstant; es liegt also der P«»!
stets auf einem aus T mit dem Abstand T O beschriebenen
BOGENZWEIECK IM DREIECK.
123
Kreise. Um die wirkliche Grösse des Halbmessers TO zu erhal-
ten, schieben wir die P^ so lange, bis sie senkrecht auf einem
der beiden Winkelschenkel steht, was z. B. in der Stellung F'Q^
der Fall ist. Dann ist die eine der Normalen in P Q selbst über-
gegangen, die andere = Null geworden und sofort ersichtlich, dass
Tq = T0 = ^^ = -^, oder, wenn wir P Q mit R, P Q mit
a bezeichnen, R =
sin a stn a
a
sin a
b) Polbahn, welche dem Zweieck angehört. Wenn wir
uro die zweite Polbahn zu finden, jetzt die Strecke PQ feststellen
und den Winkel PTQ in Bewegimg setzen, so schieben sich dessen
durch P und Q gehende Punkte in den Richtungen der Winkel-
schenkel TP und TQ selbst.
Die Normalen schneiden sich wie vorhin in 0. Dieser Punkt
ist aber nun der geometrische Ort der Spitze eines Dreiecks von
der Basis P Q und dem Spitzen winkel 1 80 — a, beziehungsweise « ,
d.i. der Kreis QOPTS vom Durchmesser TO, beschrieben
um die Ecken des gegebenen Dreieckes PQS. Bezeichnen wir
den Halbmesser dieses Kreises mit r, so haben wir
TP _ a ^R
2 ~ 2sina~ 2'
Die Polbahnen unseres scheraatischen Figurenpaares „Dreieck
und Winkel" sind hiernach, wenn wir sie vollständig ausführen,
p. g^ zwei Kreise vom Grössen-
verhältniss 1:2, von denen
der kleinere in dem grös-
seren rollt. Die Relativbah-
nen derselben sind mithin Cy-
. kloiden ; insbesondere gehen für
die Rollung von r in R die Hy po-
cy kloiden in Ellipsen über,
Fig. 96, von denen wiederum
die durch T.'mfangspunkte von r
beschriebenen die lange Halb-
achse /{, die kurze Halbachse
Null haben, und deshalb mit
Durchmessern von R zusammenfallen ; für die R^dlung von R um r
nehmen die Pen -Cy kloiden die besondere Form der Peri-Kar-
dioiden an, siehe Fig. 97, wo, wie in Fig. 9(5, die gemeine, die
124
III. KAP. ELEMENTENPAARE.
sogenannte verlängerte und die verkürzte Form dargestellt sind.
Das erstere dieser beiden Cykloidenproblerae ist meines Wissens
zuerst, wenn auch unvollständig, von dem bekannten Mathematiker
Cardano (im 16. Jahrhundert) behandelt worden ^^). Da ich noch
sehr oft auf dieses merkwürdige Kreispaar zurückkommen mu>s.
will ich es fortan der Abkürzung halber die Cardanischen Kreise
nennen. Bei unserem Problem vom Bogenzweieck im Dreieck
kommen dieselben nur bruchstückweise zur Verwendung, da ja
auch das Problem des Dreieckes mit dem Winkel nicht durch alle
Grenzen dabei in Anwendung ist Wir finden bei näherem Ein-
gehen folgendes.
Fig. 97. Fig. 98.
Während, Fig. 98, der Punkt P nach U geht, ist T die Spitz,
des Winkels, auf dessen Schenkeln PQ gleitet; der Hallmu^sMT
R = -^ = -^^~rr ist die Strecke TO, ijire Hälfte VQ sxWt
sin a sm bO* x ^ ^ x
der Halbmesser r, der Kreisbogen Q U also der in Betracht klim-
mende Bogen des grösseren, und der Bogen QWF der des klei-
neren der Cardanischen Kreise. Dabei ist, weil Z. UTQ:= (i<*'.
^ PVQ= 120», Bogen UQ = Bogen QWP. Von U ah geht V
auf der Sehne UQ bis W^ und Q auf der Sehnenhälfte VT; dii->-
mal ist also Q die Spitze des Winkels, auf dessen Schenkeln i'V
gleitet, ^?7der Halbmesser ü, WQ der Halbmesser r; sie lietVni
die gleichlangen Bogen ÜT und QVP. In TT angelangt. g«'li*
nun ferner P der Sehnenhälfte WQ nach, während Q von TDiJ* h
P geht; U ist jetzt die Winkelspitze, aus der mit K nun ho^m
Q T beschrieben wird, auf welchem wieder der Bogen Q ^VP wäl/t.
Nach diesen Bewegungen ist P an der Stelle von Q angelangt, aij«l
BOGENZWEIECK IM DBEIBCK. 125
umgekehrt, das Bogenzweieck hat also erst 180® durchlaufen. Bei
weiterer Drehung um zwei Rechte wird vom Pol das Bogendreieck
QUT ein zweitesmal, und das Bogenzweieck PVQW nochmals
l\'i mal durchlaufen, so dass der Pol nach Wiederkehr in die An-
fangsstellung vom Bogendreieck QUT 2\3 Seiten, vom Bogen-
zweieck PVQW 3X2 Seiten durchwandert hat, wobei fortwäh-
rend Rollung zwischen den beiden Polbahnen stattfand i^). Diese
Bahnen selbst haben wir nunmehr vollständig gefunden. Sie sind:
a) am gleichseitigen Dreieck ein gleichseitiges Bogendreieck,
welches dem gleichseitigen Dreieck eingeschrieben ist, b) am Bogen-
zweieck ein diesem geometrisch ähnliches Bogenzweieck, welches
die kurze Achse des gegebenen zur langen Achse hat, und welches
in der Polbahn des Dreieckes rollt.
§. 23.
Punktbahnen des Bogenzweiecks gegen das gleichseitige
Dreieck.
Tafel I. Fig. 1 bis 11.
Die Bahnen, welche von den einzelnen Punkten des Bogen-
zweiecks gegen das Dreieck beschrieben werden , können wir nun-
mehr, nachdem die Polbahnen der beiden Figuren ermittelt sind,
vollständig bestimmen, indem wir das Dreieck feststellen und das
Zweieck bewegen. Da die Polbahnen aufeinander rollen, so sind
alle Punktbahnen unserer Elemente RoUungskurven , nach fran-
zösischem Gebrauch Rouletten genannt, wofür wir hier Roll-
züge sagen wollen. Von zwei wichtigen Punkten des Zweiecks,
den Punkten P und Q haben wir die Bahnen bereits ermittelt.
Beide Punkte beschreiben, da sie immer einem kleinen Cardani-
8ch6n Kreise angehören, Hypocykloidenstücke, welche mit Ab-
schnitten von Durchmessern der zugehörigen grossen Cardankreise
zusammenfallen. Die Abschnitte reihen sich, wie bereits bemerkt,
zu zwei einander deckenden gleichseitigen Dreiecken, Fig 1, anein-
ander. Alle übrigen Punkte des Zweiecks beschreiben nothwendig
Bogen verkürzter oder verlängerter Ilypocykloiden , welche hier
insbesondere bekanntlich Ellipsen sind. Man benennt die ver-
kürzten und verlängerten Cykloiden aller Gattungen hie und da
mit dem gemeinsamen Namen Trochoiden. Im Anschluss an
126 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
diese Bezeichnung können wir sagen, dass alle noch übrigen Puiikt-
bahnen des Bogenzweiecks Hypotrochoiden sind, deren GruuJ-
figur das gleichseitige Dreieck UTQ ist. Wie dieses Dreieck aus
sechs Hypocykloidentrümmern besteht, so bestehen die übrijieu
Punktbahnen aus sechs Hypotrochoidenbogen. Die von diesen pe-
bildete Gesammtfigur nimmt dabei je nach der Lage des bes<*hm-
benden Punktes sehr verschiedene Formen an. Fig. 1 stellt slussvt
dem Dreieck noch drei dieser Kurven dar. Die beschreilK-mlen
Punkte derselben liegen auf der Verlängerung der kurzen AcIim^
PQ der Bogenscheibe, d. i. der langen Achse der Polbahn
Pf»! Qm^^ und sind, von aussen anfangend, mit 1, 2, 3 bezeichnet:
Punkt 4 triflFt mit P selbst zusammen. Die im allgemeinen drt'i-
schenkligen Figuren nähern sich mehr und mehr dem Dreieck, uiu
bei 4 in dasselbe überzugehen. In Fig. 2 sind in grösserem Maii>^-
Stab noch die Bahnen von drei weiteren Punkten, 5, 6 und 7, von
denen der letztere der Mittelpunkt M der Scheibe ist, eingetragen.
Die Bahn von 5 erhält drei Schleifen; beim Punkt 6, welcher v»
gewählt ist, dass er bei der in Fig. 1 gezeichneten Lage im Mitti*!-
punkt Ml des Dreieckes ABC liegt, fallen die Knoten der dni
Schleifen zusammen. Liegt der beschreibende Punkt zwischen (*•
und 7, so überschneiden sich die schleifenbildenden Reste, indem
sie ein kleines Dreieck einschliessen ; Punkt 7 endlich beschreibt
die drei Schleifen ebenfalls noch, allein diese fallen in eine Kurv»'
zusammen, welche die kleinste der von den Punkten desZweieok'»
beschriebenen Kurven ist. Diese Kurve ist zweiblätterig, nämhd.
wird bei einer ganzen Periode zweimal von Punkt 7 durcldaufeii.
wie eine Betrachtung der Schleife 6 lehrt, deren Tangente si^h
zweimal um vier Rechte dreht.
Verlegt man den beschreibenden Punkt weiter über 7 hinaus
auf der Achse P, so wiederholen sich die besprochenen Kuiven in
umgekehrter Reihenfolge.
Eine zweite Reihe von ausgezeichneten Kurven bilden diejeni-
gen, welche durch Punkte der langen Achse RS der Bojjen-
scheibe beschrieben werden. Beispiele davon sind in Fig. 3 und 4
dargestellt. Punkt 1 beschreibt wieder ein elliptisches Drt*ieck;
Punkt 2, zusammenfallend mit dem Achsen-Endpunkt *S\ eine theiU
geradlinig, theils elliptisch begrenzte dreischenklige Figur, Punkt ?*
ein eingedrückt<*s elliptisches Dreieck, welches in Fig. 4 in gni^^»-
rem Maasstab dargestellt ist Der Punkt 4 fällt mit dem FjhI-
punkt ffi^ der kurzen Achse nii m* der kleinen Polbahn zusammen.
BOGENZWEIECK IM DREIECK. 127
Er beschreibt die merkwürdige Figur Nr. 4 in Fig. 4, bestehend
aus drei Kreisbogen (beschrieben von fUj als Mittelpunkt des Bo-
geiis PmiQ) und drei geradlinigen zweifach durchlaufenen Fort-
sätzen (beschrieben von m^ als Umfangspunkt des Bogens Pm^Q)-
Der Punkt 5 beschreibt eine Kurve mit drei Schleifen, welche sich
im Punkte Mi kreuzen, Punkt 6 eine dreischleifige innen dreieckig
geöffnete Kurve, und M als Mittelpunkt wieder die aus Fig. 2
bekannte, dort mit Nr. 7 bezeichnete Figur. Beachtenswerth ist,
dass die Trochoidendreiecke, welche die Punkte der grossen
Achse durchlaufen, ihrer allgemeinen Lage nach um 60® gegen
die Punktbahneii der kleinen Achse verdreht stehen.
Zwischen diesen beiden Lagen befinden sich diejenigen der
im allgemeinen auch elliptisch dreieckigen Punktbahnen, deren
Fahrstrahlen zwischen die grosse und die kleine Achse fallen.
Vier dieser Bahnen sind unter den Nummern 1', 2', 1" und 2" in
Fig. 3 und 4 punktirt eingetragen. Diese Figuren sind, wie
namentlich Nr. 2" deutlich zeigt, nicht mehr dreiachsig symme-
trisch, wie die erstbeschriebenen waren ").
§. 24.^
Prmktbahnen des Dreieckes gegen das Bogenzweieck.
Tafel I. Fig. 5 bis 8.
Behufs Bestimmung der Punktbahnen des Dreieckes gegen
das Bogenzweieck halten wir letzteres fest und setzen ersteres in
Bewegung. Es rollt dann das Bogendreieck UTQ^ Fig. 5, um das
Bogenzweieck PniiQnh, Die beschriebenen Figuren setzen sich
nach dem, was bei Fig. 97 angedeutet wurde, aus Peri-Kardioiden
zusammen. Alle beschreibenden Punkte, welche ausserhalb eines
rollenden Bogens liegen, beschreiben wieder Trochoiden, hier
also Peritrochoiden.
Zunächst fallt aufs deutlichste ins Auge , wie sehr diese Figu-
ren in ihrer allgemeinen Gestalt von den vorhin betrachteten ab-
weichen. Das Beispiel ist deshalb ganz besonders geeignet, das
den Mechanikern der bisherigen Schule unbewusst anhaftende
Vorurtheil, als bewirke die Umkehrung eines Paares höchstens
Aenderung des Drehungssinnes, nicht aber Aenderung der Punkt-
hahnen, zu zerstreuen ''). Dieser Umstand hat mir wesentlich Ver-
anlassung gegeben, das eigenthümliche Elementenpaar zu kon-
128 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
struiren*), dem ich eine besondere praktische Bedeutung sonst
nicht zuschreiben will.
Die Figuren 5 und 6 unserer Tafel zeigen die Bahnen von
Punkten der Achse MA.. des Dreieckes. Punkt 1 beschreibt em
stumpfes Oval, welches wie die übrigen Figuren aus sechs Pen-
trochoidenbogen zusammengesetzt ist Punkt 2 , mit der Dreieck-
spitze A zusammenfallend, beschreibt ein eingedrücktes Oval, eben-
so Punkt 3 ; Punkt 4 setzt mit zwei reinen Kardioidenbogen bei m^
und m^ auf die ruhende Polbahn auf. In Fig. 6 ist die Bahn
Nr. 4 in grösserem Maasstab wiederholt. Die Bahnen 5 und 6
haben zwei Schleifen, welche bei Nr. 7 in eine einzige ovale Kurve
zusammengehen. Punkt 7 fallt zusammen mit dem Mittelpunkt Mi
des Dreieckes ABC. Bemerkenswerth ist , dass die Bahn 7 drei-
blättrig ist, nämlich von dem Punkte Mi dreimal bei jeder Periode
durchlaufen wird. Man erkennt dies an den schleifenförmigen
Bahnen 5 und 6, deren Tangentenrichtung sich dreimal durch vier
Rechte dreht. Merkwürdig ist auch die Bahn 1 , indem die drei
stets in ihr liegenden homologen Punkte 1 1' 1" des Dreieckes sie
immer so berühren, dass vollständige Stützung (entsprechend
Fig. 59) stattfindet.
Figur 7 und 8 zeigen noch weitere Punktbahnen , welche man
erhält, wenn man den beschreibenden Punkt über Mi hinaus nach
Q hin verlegt, oder, was dasselbe Resultat liefern würde, von Mi
nach T oder U hinrückt. Man sieht, dass nun die Hauptachse der
Figur um 90^ verdreht erscheint, auch dass die Scldeifen sich an
Punkten bilden, welche um 90^ von den in Fig. 6 befindlichen
Schleifenradien abstehen, Karakteristisch ist das Kurvenstück TS.
Fig. 7, und seine symmetrischen Wiederholungen ; es ist der Knnv
bogen, welchen der Mittelpunkt T des rollenden Bogens UQ be-
schreibt.
Legt man die beschreibenden Punkte auf Fahrstrahlen, welche
zwischen A Mi und TMi fallen, so erhält man Punkt])ahnen, welche
nicht, wie die vorstehenden, zweiachsig symmetrisch sind. Beispiele
sind nicht eingetragen, da die Bahnen 1' 2' u. s. w. in Fig. 3 und 4
durch Analogie genügend Aufklärung geben.
Wir haben im Vorstehenden einen ungemeinen Formenreich-
tlium in den Punktbewegungen des betrachteten Elementenpaim>
gefunden, können indessen denselben durch Anlehnung an die Ini
*) Zuerst der NatuifurKcluM-Versaininluug in Zürich 1864 vt)rg^l«vt.
BOGENZWEIECK IM DREIECK. 129
den Cykloiden übliche Betrachtungsweise wesentlich übersicht-
licher machen. Jede der beiden Feststellungsarten liefert eine
Schaar von Punktbahnen, jede Schaar lür sich wieder in Gruppen
zerlegbar je nach der Lage des Fahrstrahles, welcher den beschrei-
benden Punkt trägt. Karakteristisch sind vor allem die Bahnen
der Umfangspunkte der Polbahnen, wie z. B. das Dreieck ÜTQ^
Fig. 1, die dreispitzige Bahn des Punktes m^ in Fig. 4, u. s. w.
Diese Punktbahnen können die gemeinen Formen der betreffen-
den Rollzüge heissen, wie es bei den Cykloiden geschieht Femer
nennen wir nach derselben Analogie alle Bahnen der Punkte,
welche ausserhalb und innerhalb der rollenden Polbahn liegen,
verlängerte beziehungsweise verkürzte Punktbahnen. Unter
den letzteren ist eine ganz besonders karakteristisch und zudem
allen Gruppen der Punktbahnen gemein; es ist die Bahn des Mit-
telpunktes der beweglichen Polbahn, Jlf bei Fig. 1 bis 4, Mi bei
Fig. 5 bis 8. Dieser Rollzug ist zugleich der kleinste der jedes-
mal vorkommenden; auf ihn als den dem Polbahnumfang relativ am
meisten angenäherten Punkt konzentriren sich die Punktbahnen,
wie der Kreis auf den Mittelpunkt, wenn sein Fahrstrahl auf Null
abnimmt; die Form heisse deshalb die konzentrirte Form der
allgemeinen Punktbahn.
Sodann sind noch bemerkenswerth diejenigen Rollzüge, welche
durch den Mittelpunkt der ganzen Kurvenschaar hindurchgehen,
wie Nr. 6 bei Fig. 2. Die RoUzüge dieser Gattung wollen wir
homozentrische nennen. Sie nehmen in unserem Beispiele eine
Reüie von Gestalten an, von denen in den Figuren 2, 4, 6 und 8
je eine gezeichnet ist. Doch ist zu bemerken, dass homozentrische
Punktbahnen nur von solchen Punkten beschrieben werden können,
welche beim Umlauf der Polbahn überhaupt in das Zentrum der
ruhenden Polbahn gelangen, oder umgekehrt: in welche das Zen-
trum der ruhenden Polbahn gelangen würde, wenn man das Ele-
mentenpaar umkehrte. Solche Punkte sind aber nur diejenigen
der konzentrirten Punktbahnen. Mit anderen Worten: die
Punkte der konzentrirten Punktbahnen beschreiben bei
der Paar-Umkehrung homozentrische Punktbahnen. So-
mit sind also die homozentrischen Punktbahnen 6 Fig. 2 und 5
Fig. 4 von Punkten der in Fig. 6 und 8 eingetragenen konzentrir-
ten Punktbahnen JH, beschrieben u. s. w. Die dazu benutzten
Punkte der konzentrirten Rollzüge sind leicht in den Figuren zu
ermitteln.
Reulea US, Kinematik. o
130
III. KAP. ELEMENTENPAARE.
Die letztere AuflFassungsweise lässt sich auch mit Vortheil rück-
wärts auf die Betrachtung der Cykloiden übertragen , woselbst wir
sie auch ohne weiteres anzuwenden haben, w^enn die Polbahnen
höherer Elementenpaare Kreise sind. Dort sind die konzentrirten
Rollzüge die von den Mittelpunkten der rollenden Kreise beschrie-
benen Kreise, die homozentrischen Züge jene sternförmigen
Figuren, welche von den ümfangspunkten der gedachten Kreise
beschrieben werden, und welche wiederholt wegen ihrer beson-
deren Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Geometer auf sich
gezogen haben i«),
§. 25.
Figuren von konstanter Breite.
Die in §. 21 angestellte Betrachtung führt uns synthetisch
noch eine Reihe anderer Elementenpaare zu, von welchen hier
noch einige betrachtet werden sollen. Legt man an eine ebene
Figur zwei parallele Tangenten, wie AB und C2), Fig. 99, so
Fig. 99.
bemisst deren Abstand c die Ausdehnung
der Figur in der Richtung der Stütznor-
malen. Diese Ausdehnung kann die Breite
der Figur genannt werden; sie wird im
allgemeinen eine veränderliche Grösse sein.
Es sind aber Figuren denkbar, bei denen
die Breite konstant ist, d. h. bei denen
alle Paare paralleler, entgegengesetzt
stützender Tangenten denselben Abstand
haben. Ein Beispiel liefert der Kreis.
Legt man an eine Figur von solcher
Eigenschaft zwei Paare der gedachton
Stütztangenten, so berühren diese die Figur in vier Punkten, deren
Stützung, wie in §. 18 erwiesen wurde, die Figur gegen Verschie-
bung stützt. Nicht aber verhindert diese Stützung die Drehbar-
keit der Figur, und diese Drehbarkeit ist obendrein noch so
beschaffen, dass nur um einen Punkt Drehung stattfinden kann.
Dies besagt, dass die in den vier Stützpunkten jeweilig errichteten
Stütznormalen einander in dem gedachten einen Punkte schuei-
den, dass also die gegenüberliegenden Stütznormalen zusammen-
fallen, siehe Fig. 100, wo die Normale in a durch c, die in h dun^h
FIGUBEN VON KONSTANTER BREITE.
131
d geht Denn, da die Breite der Figur konstant ist, so ist bei
allen Lagenänderungen der Figur innerhalb des Tangentenvier-
seits die Stützung unausgesetzt vorhan-
den, oder stetig, woraus nach §, 21
das Vorhandensein eines einzigen Poles
unmittelbar hervorgeht Zugleich ist
damit erwiesen, dass die Figuren von
konstanter Breite die Ejgenthümliclikeit
besitzen, dass auf dem Krümmungs-
halbmesser jedes Um fangsei ementes
nicht nur der zugehörige Krümmungs-
mittelpunkt, sondern auch derjenige
zu dem gegenüberliegenden Urafangs-
elemente liegt. Die vier Tangenten
schneiden von der Ebene ein Quadrat, oder allgemeiner einen
ßhomhue ABCD ab. Das Vorstehende lehrt also, dass jede
Figur von konstanter Breite in einem dieselbe ein-
schliessenden Rhombus zwangläufig ist, dass also aus ihr
und dem Rhombus ein Elemeutenpaar gebildet werden kann.
§.26.
Das gleichseitige Bogendreieolc im Rhombas.
Figuren von konstanter Breite sind leicht aus Kreisbogen zu-
sammenzusetzen. Schlägt man aus den Ecken eines gleichseitigen
Dreieckes PQR, Fig. 101, mit der Seitenlänge Kreise, so schnei-
Fig. 101.
den diese von der Ebene eine Figur ab, welche ein gleichseitiges
Bogendreieck heissen kann. Dasselbe hat überall die Seiten-
132
III. KAP. ELEMENTENPAARB.
länge PQ zur Breite, wird also von einem Quadrat oder RhoiDlm>
ABCD^ dessen Gegenseiten den Abstand PQ haben, zwangläutiü
eingeschlossen. Beim Quadrat schneiden sich die Stütznormalen
in 0 rechtwinklig, beim Rhombus schiefwinklig. Benutzt man dio
entstehenden Figurenpaare als Basisfiguren für allgemeine Crlin-
der, und gibt denselben ein Querprofil, welches die Qnerln-
weglichkeit aufhebt, so sind damit höhere Elementenpaare her-
gestellt.
Wir suchen die Polbahnen derselben auf, zunächst unter An-
nahme eines Quadrates als äusserer Figur. Um die Polbahn.
welche dem Quadrat ABCD^ Fig 102, angehört, zu bestimmen.
Y[„ 102. ertheilen wir zunächst dem
Bogendreieck in Gedanken eine
Drehung um den Pol 0. We-
ser ist vermöge der in der Figur
gewählten Anfangsstellung die
Mitte der Seite PQ und lietrt
auf der senkrechten Symmetrie-
achse Ä 0 des Quadrats. Die
Drehung gei eine Linksdrehung.
Dann gleitet die Ecke P de>
Bogendreieckes abwärts der
Seite AD entlang, während /*
nach, rechts der Seite DC nach-
geht. Die Normalen aus P und
R schneiden sich immer rechtwinklig; mithin ist der Pol der
geometrische Ort der Spitze eines Rechtwinkeldreieckes, dessen
Hypotenuse auf den Schenkeln eines Kechtwinkels mit ihren End-
punkten gleitet 0 ist dabei stets auch Ecke eines Rechtecke>
PDRO^ dessen Diagonale konstant, nämlich = PÄ ist So-
mit ist die Polbahn ein Kreisbogen aus 2), beschrieben mit
PR^=PQr=zAB^ d.i. = der Seitenlänge des Quadrates als
Halbmesser. Diese Bahn gilt so lange , bis R sich C so weit ge-
nähert hat, als P von A absteht, d. i. bis zum Punkte 2. Alsdann
tritt die Sehne P^ in Gleitbewegung auf BA und AB\ Polbahn
ist der dem vorigen kongruente Kreisbogen 2.3; dann folgt Bogen
3 . 4 und schliesslich 4 . 1 oder 4 . 0. Die Polbahn im Quadrate i>t
also ein Bogenquadrat, bestehend aus vier aus den Qua-
dratecken mit der Quadratseite als Halbmesser beschrie-
benen Kreisbogen.
BOGENDBEIECK IM QUADRAT. 133
Um die dem Dreieck angehörige Polbahn zu bestimmen,
kehren wir das Paar um, d. h. denken das Dreieck festgehalten
und das Quadrat mit Rechtsdrehung um das Dreieck geführt. Als
Polbahn ergibt sich dann alsbald der Ort der Rechtwinkelspitze 0
über der Hypotenuse PJB, d. i. ein Kreis über dem Durch-
messer Pü, beschrieben aus dessen Mittelpunkte 3'. Dieser Kreis
wird durchlaufen bis zum Mittelpunkte 2' der Dreieckseite QR,
Dann folgt der dem vorigen kongruente Bogen 2' . 3', und endlich
der nach 0 zurückfuhrende 3' . 1. Demnach ist die dem Bogen-
dreieck angehörige Polbahn wieder ein Bogendreieck, und zwar
ebenfalls ein gleichseitiges, beschrieben aus den Mittel-
punkten der Dreieckseiten PQ^ QR und BP mit deren
Hälften als Halbmesser.
Bei der Relativbewegung der beiden Figuren rollt der Bogen
1.2' auf 1 .2, dann 2'. 3' auf 2.3, danach 3'.1 auf 3.4 u. s. w.
Um die Anfangsstellung wieder zu erreichen, muss der Pol auf bei-
den Bahnen gleiche Wege zurücklegen, d. i. dreimal die vier Seiten
des Bogenquadrates 1.2.3.4 und viermal die drei Seiten des Bo-
gendreiecks 1.2'. 3'. Nach jeder Umlaufung des Bogendreieckes
hat sich die Dreieckscheibe um 90 ^ gegen das Quadrat verstellt, so
dass nach der ersten Umlaufung die Ecke 1 des kleinen Bogen-
dreieckes in Punkt 4, nach der zweiten in 3, nach der dritten in 2,
und nach der vierten wieder in 0.1. steht.
§.27.
Punktbalmen des Bogendreieckes gegen das Quadrat.
Tafel II. Fig. 1 bis 4.
Die Punktbahnen des vorliegenden Elementenpaares haben,
wie aus dem Vorstehenden hervorgeht, eine enge Verwandtschaft
mit denjenigen des auf Tafel I. dargestellten Paares. Alle Bahnen
der Punkte des Bogendreiecks gegen das Quadrat setzen sich aus
Hypocykloiden - oder Hypotrochoidenbogen , die insbesondere in
ElUpsenbogen übergehen, zusammen, während alle Punktbahntm
des Quadrats gegen das Bogendreieck aus Perikardioiden, bezie-
hungsweise Peritrochoiden bestehen. Zunächst stehe das Qua<lrat
fest, das Bogendreieck bewege sich.
134 IIL KAP. ELEMENTENPAARE.
Figur 1 und 2 zeigen eine Schaar von Punktbahuen, deren be-
schreibende Punkte auf einem Fahrstrahl des Bogendreieckes lie-
gen, der von der Mitte M rechtwinklig auf eine Sehne P Q und über
dieselbe hinaus gefuhrt ist. Die vom Punkte 1 beschriebene Figur
ist ein Ellipsenviereck, dessen Ecken elliptisch abgestumpft sind,
und zwar nach zwei kongruenten EUipsenbogen, erzeugt einerseits
beim Hollen des Bogens Wi m^ auf O4 Oj, andererseits beim Rollen
des Bogens tWi m^ auf O4 O3. Kommt m^ nach Oi , so beginnt
m.j Wj auf Ol Oi zu rollen. Der beschreibende Punkt 1 ist aber so
gewählt, dass tHi 1 = dem Radius tHiiifs ist, demnach Punkt 1 auf
dem Umfang des fortgesetzt zu denkenden kleinen Cardanischen
Kreises mtnis liegt, und somit eine Gerade beschreibt. Die durch
Ä und B als die Mittelpunkte der grossen Cardankreise 0| 0^ und
O3 O2 gehenden Punktbahnenstrecken sind also Geraden, oder stren-
ger EUipsenbogen, welche in Geraden übergegangen sind. Der fer-
nere Verlauf der Punktbahn übersieht sich leicht; dieselbe ist ganz
durchlaufen, wenn viermal drei Seiten der Polbahn miiN^mj auf
dreimal vier Seiten der Polbahn Oi ft O3 O4 abgewälzt sind.
Der Punkt 2 beschreibt ein leise eingedrücktes Ellipsenviereck;
der Randpunkt 3 ein stärker eingedrücktes. Der Endpunkt m^
als vierter in der Reihe der beschreibenden Punkte, beschreibt
rechts und links von O4 zunächst je eine gerade Strecke, welche
nach den Mittelpunkten C und D der Grundkreisbogen O4 Oi und
^^4^3 gerichtet sind; zum Vergleich dienen die von den homo-
logen Punkten n^ und 1113 durchlaufenen Geraden Oim^ und 0]!»^:
das daran anschliessende Bahnstück ist kreisförmig als Weg des
Mittelpunktes des kleinen Canlankreises »14 11I3 rollend in Oi 0...
oder des Bogens ii^itH^ rollend in 0^0^.- Die hier besprochene
IkiIui ist die gemeine Fonn in der vorliegenden Kurvenschaar.
Der füutte Punkt beschreibt ein an den Ecken bereits iu
Schleifen überschlagenes Ellipsenviereck, welches in Fig. 2 in dop-
peltem M.iasstab dargestellt ist Bei der Bahn von Punkt 6 grei-
fen die Schleifen schon weit in einander; bei Punkt 7, welcher der
>tittelpunkt M selbst ist, decken die Schleifen einander in einem
sehr stumpfen EUipsenvieivck , welches bei einer ganzen Periode
divimal vim Jl dun^hlaufen winl (vergl. §. 23). Der Mittelpmikt
Jf| dos Quadrates ist auch der Mittelpunkt dieser kleinsten der
vom lH>i;ondroicck beschriebenen PunktWhnen, oder, wie wir sie
oben alliromoin iionannt haben, der konzentrirten Form der Punkt-
bahn dos iH>::onilivit\'kos,
BOGBKDßEIECK IM QUADRAT. 135
Figur 3 und 4 zeigen in den ausgezogenen Kurven die Punkt-
bahnen , deren beschreibende Punkte auf der Rückwärtsverlänge-
rung des oben betrachteten Fahrstrahles liegen. Punkt 1 beschreibt
ein ausgebogenes Ellipsenviereck; PunTct 2 ein geradseitiges Qua-
drat mit elliptisch abgestumpften Ecken, das Quadrat AB CD
bis auf, die Ecken deckend, die Punkte 3 und 4 eingedrückte
Ellipsenquadrate. Die letztere Figur ist in Fig. 4 in doppeltem
Maasstab wiederholt; ebendaselbst ist sodann die Bahn des ßand-
punktes Nr. 5, welche eine der gemeinen Formen in der vorliegen-
den Kurvenschaar ist, eingetragen; sie besteht aus vier einwärts ge-
krümmten Ellipsenbogen mit vier geradlinigen Spitzen. Die Punkt-
bahn 6 wird von dem in Fig. 3 mit dem Mittelpunkte des Quadrates
zusammenfallenden Punkte Mi beschrieben; sie ist demnach die
homozentrische Form der Kurven der vorliegenden Schaar; der
Punkt M beschreibt schliesslich wieder die konzentrirte Punktbahn 7.
Durch Punktirung sind ausserdem noch die Punktbahnen 1', 2'
und 3' angegeben, welche von Punkten- eines Fahrstrahls beschrie-
ben werden, der nicht mit einer der drei Hauptachsen der Polbahn
zusammenfallt.
§. 28.
Punktbalinen des Quadrates gegen das Bogendreieck.
Tafel IL Fig. 5 bis 8.
Festgestellt ist das Bogendreieck PQR^ beweglich das Quadrat
AB CD. In Fig. 5 und 6 der Tafel II. sind sechs Punktbahnen,
welche dem Fahrstrahl MO4 angehören, eingetragen. Xr. 1
und 2 sind verlängerte .Rollzüge, aus Peritrochoidenbogen be-
stehend, Nr. 3 die gemeine Form der vorliegenden Kurve, Nr. 4
eine verkürzte Kurve. Dieselbe ist in Fig. 6 in doppeltem Maass-
stab wiederholt. Nr. 5 ist die homozentrische, Nr. 6 die kon-
zentrirte Kurve. Letztere ähnelt sehr einem Kreise, besteht aber
aus Peritrochoidenbogen, die einander so decken, dass in jeder
Periode die Kurve viermal durchlaufen wird (vierblättrige Kurve).
Die Kurven 1' und 2' gehören einem zwischen zwei Haupt-
achsen fallenden Fahrstrahl an; die erste ist ein verlängerter, die
andere ein verkürzter Rollzng.
Fig. 7 und 8 zeigen sieben Rollzüge, welche dem Fahrstrahl
if, jB angehören. Nr. 1, 2 und 3 verlängerte Rollzüge, Nn 4 ge-
136 III. KAP. ELEMENTENPAABE.
meine Form, Nr. 5 und 6 verkürzte Rollzüge, Nr. 7 konzentrirter.
übereinstimmend mit Nr. 6 in Fig. 6.
§. 29.
Andere Bogenscheiben von konstanter Breite.
Tafel III.
Wir fanden oben in §. 25, dass jede Figur von konstanter
Breite in einem dieselbe einschliessenden Rhombus zwangläufig
ist, mithin aus ihr und dem Rhombus ein Elementenpaar gebildet
werden könne. Auf Tafel III. sind nun noch acht weitere Bei-
spiele hierzu gegeben, welche vor allem geeignet scheinen, die
ganz ausserordentliche Mannigfaltigkeit der sich aus diesem Satze
ableitenden Zwangsbewegungen darzulegen, andererseits aber
wegen der Vollständigkeit, die wir oben haben walten lassen, kür-
zer behandelt werden dürfen.
• In Fig. 1 ist das bereits bekannte gleichseitige Bogen-
dreieck in einen Rhombus eingeschlossen, dessen Winkel 60 und
120^ sind. Die Gestalten, welche hierbei die beiden Polbahnen
erhalten, sind ausserordentlich von denjenigen verschieden, welche
bei dem Paare auf Tafel II. vorkamen. Die Polbahn des Bogen-
dreieckes wird ein dreistrahliger Stern, gebildet aus drei Kreis-
bogen von Halbmesser C Q = C R = der halben Seitenlänge des
Rhombus ; die Polbahn des Rhombus ist ein gleichseitiges Bogen-
zweieck, beschrieben mit der Rhombusseitenlänge BA = BC
d. i. dem doppelten Werthe des Halbmessers, mit welchem die
Seiten der ersten Figur beschrieben sind. Die aufeinander rollen-
den Polbahnbogen sind deshalb wieder Cardanischen Kreisen an-
gehörig, die Punktbahnen aus Trochoiden zusammengesetzt
Einige der Polbahnen, welche das Bogendreieck gegen den
Rhombus beschreibt, sind eingetragen. Punkt I. auf der Mitte des
Lothes AQ^ dem Rhombus angehörig, durchläuft eine zweiachMi:
symmetrische Figur, die einem Schienenprofil ähnlich sieht; das
Zontrum U, dem Dreieck angehörig, beschreibt die konzentrirte
Punktbahn, des Dreieckes, die nichts anderes ist, als der in der
Richtung von DB liegende Durchmesser EF des Bogenzwei-
eekos A f, welcher dreimal bei jeder ganzen Periode durchlaufon
wirtL Diese konzentrirte Figur fällt ausserdem, hier mit der
BOGENSCHEIBEN VON KOKSTANTEE BREITE, 137
homozentrischen zusammen, und ist gleichzeitig, als von einem
Umfangspunkt der Polbahn beschrieben, als gemeine Form des
Rollzuges zu betrachten. Die Punktbahn I' ist ein verlängerter
Rollzug des Rhombus, II' ein verkürzter derselben Figur. Die
sammtlichen Punkte des Durchmessers EF beschreiben homo-
zentrische Bahnen im Bogendreieck; eine derselben, diejenige der
Randpunkte E imd F^ ist eingetragen. Die Mannigfaltigkeit der
Formen, welche die Rollzüge hier annehmen, zeigt, wie sehr man
sich vor verfrühten Analogieschlüssen hinsichtlich des allgemeinen
Formkarakters der vorliegenden Punktbahnen hüten muss.
Fig. 2. Gleichzeitiges Bogenfünfeck im Quadrat Das
Bogenfünfeck ist durch Beschreibung von Kreisbogen aus den
Ecken eines regelmässigen Fünfecks mit der Diagonale als Halb-
messer erzeugt, wodurch eine Figur von konstanter Breite erzeugt
wird. Als Polbahnen ergeben sich: für das Quadrat ABCD ein
Bogenquadrat 1'2'3'4', beschrieben aus den vier Eckpunkten mit
der Fünf eckseite PQ als Halbmesser; für das Bogenfünfeck eben-
falls ein gleichseitiges Bogenfünfeck, beschrieben mit der halben
Füiifeckseite als Halbmesser aus den Seitenmitten mi, m^, mj, m^^ m^.
Die Polbahn der Scheibe rollt hier um die Polbahn des Quadrates,
wobei letztere vom Pol fünfmal, erstere viermal bei jeder Periode
durchlaufen wird. Die mit I bezeichnete Punktbahn wird vom
Bogenfünfeck im Quadrat beschrieben und ist, da Punkt I ausser-
halb der Polbahn liegt, eine verlängerte Kurve; die Kurve F ist
ebenfalls ein verlängerter Rollzug, wird aber von einem Punkte des
Quadrates gegen das Fünfeck beschrieben.
Fig. 3. Herzförmige Bogenscheibe, von fünf Kreis-
bogen begrenzt, im Quadrat. TSQ gleichschenkliges Dreieck,
mit dem Spitzenwinkel PSQ = öS«. Die Bogen PQ, ST und
SR sind aus S, Q und P mit der Quadratseite AB als Halbmesser
beschrieben, die Bogen TP und QB aus dem Schnittpunkte M der
Sehnen PB und Q T mit der halben Quadratseite als Halbmesser.
Die Figur erhält dabei die konstante Breite A B. Als Polbahnen
ergeben sich unter den angegebenen Verhältnissen : für die Bogen-
scheibe ein ungleichseitiges Bogenzweieck 1, 2; für das Quadrat
ein achteckiger Stern aus Bogen von abwechselndem Halbmesser.
Die aufeinander rollenden Polbahnbogen gehören Cardanischen
Kreisen an. Zwei Punktbahnen, I und I', sind eingetragen. Beson-
ders karakteristische Punktbahnen sind die gemeinen Rollzüge,
welche die beiden Eckpunkte 1 und 2 der Polbahn der Bogen-
138 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
Scheibe beschreiben. Diese Bahnen sind nämlich geradseitige Qua-
drate Vyb'T und 2'4'6'8'.i»)
Fig. 4. Gleichschenkliges Bogendreieck im Rhombus.
Ueber einem gleichschenkligen Dreieck 15 2, dessen Spitzenwinkel
< ()0'^ ist, sind aus 1 und 2 mit den Halbmessern 1 S und 2 S die
Kreisbogen ST und SR bis zu den Schnitten T und R mit der
verlängerten 12.. geschlagen, darauf aus denselben Mittelpunkten
mit 1 T und 1 R die Bogen TP und R Q bis zu den* Schnitten P
und Q mit den verlängerten Seiten 1 .. und 52...; endlich sind P
und Q durch einen Kreisbogen aus S mit einander verbunden. Die
von diesen fünf Kreisbogen eingeschlossene Figur ist von der kon-
stanten Breite Q S. Hier ist sie in einen Rhombus von den Seiten-
winkeln 60 und 120" eingeschlossen. Die Polbahnen fallen ziem-
lich verwickelt aus; sie bestehen nach wie vor aus Cardanischen
Kreisbogen, von denen vier die Polbahn der Bogenscheibe, acht
diejenige des Rhombus bilden. Zwei Punktbahnen I und P, die
erstere vojn Dreieck, die andere vom Rhombus beschrieben, sind
eingetragen.
Eine andere Bogenscheibe im Rhombus zeigt Fig. 5. Sie ist
eine gleichseitige wie die in Fig. 1 ; dabei sind die Halbmesser der
Profilbogen, welche nach wie vor aus den Ecken PQR beschriel)en
sind, um einen kleinen Zuwachs grösser als die Seitenlängen ge-
macht, das entstehende Bogendreieck aber an den Ecken dun'h
Kreisbogen aus P, Q und R mit jenem Zuwachs als Halbmesser
abgestumpft. Die Bewegung findet nun gerade so statt, als ob da>
punktirte normale Bogendreieck PQR sich in dem ebenfalls dun*h
Punktirung angegebenen Rhombus OiOiO^O^ bewege, während die
wirkliche Bogenscheibe sich in dem Rhombus AB CD bewegt. Der
Rhombus hat 76 und 104<> VVinkelöifnung , während der in Fig. 1
60 und 120<^ hatte. Dieser Unterschied macht sich bei den Pcd-
bahnen bemerkbar, welche gleichsam als Abstumpfungen der in
Fig. 1 zur Geltung gekommenen Polbalmen anzusehen sind. Der
Uebergang zu den Formen, welche für das Quadrat und da^
gleichseitige Bogendreieck oben gefunden wurden, ist hier zu üIht-
blicken.
Fig. 6, 7 und 8 zeigen noch drei weitere Paare, deren Bildmij:
analog den bisher besprochenen geschehen ist Fig. 6 ist l>omer-
kenswerth durch die Regelmässigkeit der Polbahnen sowohl, aN
dadurch, dass die Eckpunkte 1 und 2 der kleinen Polbahn wieder
je ein geradseitiges Quadrat beschreiben. Die Scheibe in Fig. T
ALLGEMEINE AUFSUCHUNG DER PROFILE. 139
i^nalog derjenigen in Fig. 4, nur mit kleinerem Spitzenwinkel,
gebildet; die in Fig. 8 ist analog derjenigen in Fig. 3. Der Unter-
schied zwischen den Polbahnen in Fig. 3 und 8 ist sehr bemerkens-
werth. Durch die Bezifferung der Polbahnen ist eine Verfolgung
der Rollbewegung der einen Bahn in der andern so viel als thun-
lich erleichtert. Die Beispiele zeigen klar, welche Mannigfaltigkeit
der Bewegungen sich mit höhern Paaren erreichen lässt, und wie-
derum, wie sehr die Polbahnen geeignet sind, verwickelte Bewe-
gungen, deren Inbegriff je zwei grosse Schaaren von Kurven
wechselvoUer Gestalt sind, übersichtlich zu machen.
§. 30.
Allgremeine Aufsuoliuiig der Elementenproflle bei
gegebenem Bewegungsgesetz.
Zu den in dem Vorstehenden untersuchten Elementenpaaren
waren wir durch Synthese gelangt, indem wir, von der allgemeinen
Lösung des Stützungsproblems ausgehend, nach den dort gefun-
denen Grundsätzen zwangläufige Körperpaare bildeten, worauf wir
deren relative Bewegung durch Aufsuchung der Polbahnen ermit-
telten. Dieser letztere Theil unserer Untersuchung war wieder
analytischer Natur. Wir sind aber dabei gleichsam von selbst zu
den Mitteln gelangt, eine andere synthetische Aufgabe zu lösen,
diejenige nämlich, Elementenpaare für gegebene Gesetze der
relativen Bewegung, d. i. für gegebene Polbahnen zu bilden.
Denn die Formen, welche für die stetige gegenseitige Stützung der
Elemente erhalten werden, sind gegenseitige Umhüllungsformen
für eine einzige, und zwar die durch die Polbahnen karakterisirte
Relativbewegung der beiden Figuren. Haben wir solche Formen
vorhin bloss für die Bedingung der gegenseitigen Stützung ge-
sucht und die Polbahnen dazu ermittelt, so können wir jetzt die
Fragestellung auch dahin ändern, dass wir die Polbahnen als ge-
geben einfuhren und die sich gegenseitig stützenden Rguren dazu
suchen. Diese Aufgabe ist für die Herstellung der Maschinen bei
weitem die häufigere, und muss für einfache wie für verwickelte
Bewegungsarten vielfach gelöst werden.
Was wir hier zunächst auszuführen haben werden, ist die
Erörterung der allgemeinen Verfahrungsweisen. Diese sind man-
140
III. KAP. ELEMENTENPAAEE.
nigfach, lassen sich aber auf die nachstehenden sieben Arten'
rückfuhren beziehungsweise in dieselben spalten, welche vorläufig
nur für cylindrische Rollung betrachtet werden mögen.
§.31.
Erstes Verfahren. Willkürliolie Annahme des einen
und Aufsuchung des zugehörigen Profils.
Wenn man das Profil des einen Elementes eines Paares, des-
sen Polbahnen man kennt, willkürlich gewählt hat, so brmge man
die Polbahn des unbekannten Elementes zur Ruhe und rolle die
des gegebenen darüber hin, indem man die gewählte Profilfigur in
sämmtlichen aufeinanderfolgenden Lagen verzeichnet; dann hüllen
diese an dem ruhenden Elemente eine Figur ein, welche mit der
gegebenen in stetiger Berührung bleibt, also als Profil für d:us
ruhende Element dienen kann, wofern es Stützpunkte in genügen-
der Zahl liefert. Dies kann leicht eintreflPen; ja die gefundene
Figur kann mehr Stützpunkte als erforderlich liefern. In diesem
Falle werden nur solche Theile der Figur auszuRihren nöthig sein,
welche zur unausgesetzten Stützung ausreichen. Wir haben solche
u. a. oben beim Bogendreieck im Quadrat, sowie beim Bogenzweieck
im Dreieck wiederholt gesehen, wo die Umhüllungsbogen in den
Ecken des Quadrates und des Dreieckes unausgeführt blieben und
bleiben durften, ohne dass dadurch die Stützung gefährdet wonlen
wäre. Das Verfahren ist also anwendbar. Nur müssen wir es
Fig. 103. °^^^ ^^f ^^° praktischen
Boden der Verzeichnungs-
methode selbst überfuhren.
Sind in Fig. 103 A und B
die beiden gegebenen Pol-
bahnen, und ist a & . . das zu
! A gehörige willkürlich an-
' genommene Profil, so i>t
wenn wie hier ein Punkt i
in die Polbahn A selbst hin-
einfällt, der zugehörige Be-
rührungspunkt 0 der Polbahn B schon ein Punkt des zu suchen-
den Profils. Um einen zweiten Punkt desselben, z. B. denjenigen.
POLABSTAND. ALLGEMEINE VERZAHNUNG. 141
welcher mit a zusammentreffen soll, zu bestimmen, ziehen wir in a
eine Normale ac. zu dem gegebenen Profil. Sie schneide in c die
zugehörige Polbahn Ä. Dann muss, wenn die Polbahn A so weit
auf B gerollt ist, dass c Berührungspunkt, d. i. Pol geworden ist,
der gesuchte Kurvenpunkt um die Strecke a c vom Pol abstehen,
weshalb wir das Normalenstück ac den Po labstand des Punktes
a nennen wollen. Zugleich befindet sich dann der jetzt in b lie-
gende Punkt von B in einem leicht bestimmbaren Abstand von a.
Wir erhalten denselben, wenn wir B in die Lage ft^c, welche der
Berührung bei c entspricht, bringen, indem wir nämlich den Pol-'
bahn-Bogen bci auf bc rollen, also Bogen bci = Bogen cbi = Bo-
gen bc machen. Schlagen wir nun aus Ci mit der Strecke ca, und
aas b mit dem Polabstand bi a Kreise, so schneiden diese einander
in dem gesuchten Profilpunkte ay. Auf diese Weise kann die Profil-
kurve ai ft . . punktweise genau bestimmt werden.
Verzichtet man auf grosse Schärfe, so ist folgendes Annähe-
rungsverfahren (von Poncelet) ausreichend. Man errichtet in
ji| ^Q4 mehreren nahe ben^hbarten
Punkten a, c, c . . Normalen,
welche bis zur Durchschnei-
dung mit der zugehörigen Pol-
bahn Ä gezogen werden, sucht
darauf aii der Polbahn B die den
Durchschnittspunkten b^ d^ f ..
zugehörigen Berührungspunkte
^rfi/i . auf, und beschreibt aus ihnen mit den Polabständen aJ, cd,
e/,.. Kreisbogen. Legt man alsdann an diese eine sie einhüllende
Kurve, so nähert dieselbe das gesuchte Profil an.
Das vorliegende Verfahren ist dasjenige, welches in seiner An-
wendung auf die Zahnräder als allgemeine Verzahnung be-
kannt ist.. Dort sind die Polbahnen gewöhnlich Kreise, was Ver-
einfachungen ermöglicht. Ein für kreisförmige Polbahnen von
mir angegebenes Verfahren *) der allgemeinen Verzahnung ist fol-
gendes.
In Fig. 105 (a. f. S.) ist acOeg das gegebene Profil, A die
aus Ai beschriebene, zugehörige kreisförmige Polbahn, B die kreis-
tormige Polbahn des anderen Elementes, aus Bi beschrieben.
Nach Ziehung der Normale a6 zu einem Profilpunkt a wird der
*) Zuerst veröffentlicht in meinem „Eonstruktenr" n. Auflage, 1865.
142
Iir. KAP. ELEMENTENPAARE.
Fig. 105.
\ Cp
Punkt 1 gesucht, in welchem sich a befindet, wenn daselbst Be-
rührung oder sogenannter Eingriff mit dem noch unbekannten
Profil stattfindet; wir neh-
men dabei an, dass beide
Polbahnen sich um ihre
Mittelpunkte Äi und jBp
die in der Zeichnungs-
ebene festliegen, drehen.
Der Eingrifipunkt 1 liegt
nothwendig auf einem
Kreise aus Ai vom Halb-
messer Aia^ und einem
zweiten aus dem Pole 0
mit dem Polabstand ba be-
schrieben, da im Augen-
blick des Eingrifies die
Normale ab durch den
Pol 0 gehen muss. In-
zwischen hat JB mit seinem
Umfang einen Bogen Obi
durchlaufen, welcher =
dem Bogen Ob ist Der
zu a gehörige neue Pro-
filpunkt üi muss also auf
einem Kreise aus ^i vom Halbmesser 1 . -B| , und einem anderen
aus 6i, beschrieben mit 0.1 liegen. Entsprechend werden die
Eingriflfpunkte 2, 3, 4.. und die zugehörigen Profilpunkte CiCi^...
aufgefunden. Die Folge der Punkte 1, 2, 3, 4, liefert eine Ldnio.
die sogenannte Eingrifflinie, auf welcher der Eingriffpunkt
gleichsam wandert Die Verbindung der Eingriflpunkte mit dem
Pol 0 liefert die jeweilige Richtung der Stütznormale, mithin auch
der durch die Elementenprofile aufeinander ausgeübten Kraft.
Das Verfahren, von welchem wir hier drei Anwendungsfonnen
besprochen haben, kann Profile der mannigfachsten Gestalt Ueferu,
darunter auch solche, welche sich für die praktische Ausführung
wenig oder gar nicht eignen. Vor allem werden Kurven, welche
Spitzen, Schleifen, sehr enge Spiralen und dergleichen haben, siehe
Fig. 100, gewöhnlich ungeeignet sein; sie sind nicht brauchbar,
obwohl sie geometrisch richtig sind, d. h. die gestellten Fonlenin-
gen wegen der stetigen Stützung bei dem gegebenen Polbahnon-
fB,
HILFSPOLB AHNEN. 143
paar erfüllen. Ergeben sich solche unbrauchbare Profilkurven,
so wird mau genöthigt sein, eine andere passendere Annahme für
pj ,Qg das gegebene Profil zu machen,
^,_^ also versuchsweise vorzugehen.
^JT^ "7^ Somit erfährt die Willkür-
(j ^-^ lichkeit in der Annahme des
ersten Profils eine Einschrän-
kung. Eine andere entspringt dem Umstände, dass solche Profil-
theile nicht geeignet sind, deren Normalen die Polbahn im Pol
unter einem zu grossen Winkel schneideil, z. B. wie die Normale
Ol in Fig. 105, indem dabei starke schädliche Reibungen, ja
völlige Einklemmungen entstehen können. Endlich sind solche
Profiltheile gänzlich unbenutzbar, deifen Normalen gar nicht
durch die Polbahn gehen, demnach auch niemals Stütznormalen
sein können. So müssen also bei Uebertragung des Verfahrens in
die angewandte Kinematik noch besondere Ausscheidungen der
unzweckmässigen und unbrauchbaren Annahmen der freigewählten
Profile vorgenommen werden.
§. 32.
Zweites Ver&hren« Hilfiäpolbalinen.
Während das erste Verfahren die Elementenprofile einzeln
lieferte, werden bei dem folgenden alle beide Profile zugleich den
Pig^ 107. Bedingungen der stetigen Stützung
entsprechend erhalten.
Ä und B Fig. 107 seien wie-
der zwei zusammengehörige Pol-
bahnen , in 0 berührend. Wir
legen an beide im Punkte 0 eine
dritte Kurve C, welche von solcher
Form ist, dass sie auf den beiden
gegebenen Polbahnen rollen kann,
und lassen sie bei der Bewe-
gung dieser beiden mitrollen, so
zwar, dass sie dieselben stets im
Pol berührt, dass also der Pol auch in ihr wandert Dann be-
schreibt ein mit ihr fest verbundener Punkt D je einen Kollzug
144 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
(Roulette) gegen die Bahnen A und B. Die beiden entstehenden
Rollzüge aD,,. und bD,.. haben immer den beschreibenden Punkt
D sowohl, als die Nonnale OD gemein. Sie können demnach als
Elementenprofile dienen, indem ihre gemeinschaftliche Normale
stets durch den Berührungspunkt der Polbahnen geht Dire
Brauchbarkeit hängt von denselben Bedingungen, welche wir im
vorigen Paragraphen ins Auge fassten, ab.
Die zu Hilfe genommene Polbahn C wollen wir Hilfspol-
bahn nennen. Liegt der beschreibende Punkt D auf der Hilfs-
polbahn selbst oder nocTi innerhalb derselben , so bleiben die ent-
stehenden Rollzüge a und b stets je zu einer Seite der zugehörigen
Polbahnen A und jB; es Weiht
dann auf alle Fälle noch Raum
auf den Gegenseiten, um dort
ebenfalls solche Rollzüge als
Profilkurven anzubringen. Man
kann deshalb dort das Verfah-
ren wiederholen, nämlich eine
zweite Hilfspolbahn , die der
vorigen gleich oder auch von ihr
verschieden ist, zur Begrenzung
zweier neuen Rollzüge, c und rf,
Fig. 108, anwenden.
Liegen die beschreibenden Punkte auf den Umfangen der
Hilfspolbahnen , so erreichen die erzeugten Rollzüge beide dio
Polbahnen ; man kann demnach den Zug a mit c zu einem Protil-
stück zusammensetzen, und ebenso b mit d. Wiederholt man das
eingeschlagene Verfahren von einer zur anderen Stelle jeder der
Polbahnen, so kann man die erhaltenen Profile als solche eines
zahnförmigen Vorsprunges des betreffenden Elementes benutzen.
Eine regelmässige Aufeinanderfolge solcher Vorsprünge und da-
zwischen bleibender Lücken ist bei den Zahnrädern in allgemein
bekannter Anwendung. Dort heisst der Polbahnabschnitt, welcher
zwischen homologen Punkten benachbarter Zähne liegt, die Thei-
lung, die Polbahn selbst der Theilriss, oder, wenn kreisfiJrmisr.
Theilkreis *). Als Hilfspolbalmen benutzt man Kreise (die so-
genannten Radkreise). Die Zähne müssen so grosse Stücke der
Rollzugprotile an sich tragen, dass die Stützung keine Unter-
•) Vergl. §. 8.
SATZRÄDEB. 145
brechung erleidet; die Stücke müssen wenigstens von solcher
Grösse sein, dass die Stützimg bei jedem Zahne der Rollung der
Polbahn um eine Theilung entspricht, oder, wie man sich ffus-
drückt; der Eingriff muss wenigstens durch eine Theilung dauern.
Bei den Zahnrädern für cylindrische Axoide, den Stimrädera,
hat man sich nachgerade die weitgehende Forderung gestellt, die
Zahnprofile so zu gestalten, dass alle Räder von gleicher Theilung
richtig miteinander arbeiten können, d. h., dass die Zahnprofile ein-
ander stets eine solche Bewegung ertheilen, dass die zugehörigen
Polbahnen (Theilrisse) Kreise werden. Man nennt so eingerichtete
Zahnräder Satzräder, da die gleichgetheilten Räder einen Satz
büden, aus welchem man zwei beliebige Räder herausheben und
zu einem Paar vereinigen kann. Es scheint, dass Willis der
erste gewesen ist*), der auf diese praktisch so werthvoUe Auf-
gabe hingewiesen, und eine Lösung**) angegeben hat. Von dem
allgemeinen Standpunkt aus , den wir hier erreicht haben , und bei
welchem uns die Zahnräder nur als Beispiele dienen, ist leicht zu
übersehen, dass die Aufgabe durch Anwendung kongruenter Hilfs-
polbahnen, welche wie in Fig. 108 einander gegenübergestellt
werden, zu lösen ist
Die Zahnräder sind es gewesen, welche schon ftüh die Geo-
meter auf die Anwendung der Rollzüge als Elementenprofile hin-
lenkten. Camus sprach 1733 in einer wenig gekannten Abhand-
limg den Grundsatz völlig klar aus, wie Willis erforscht hat 20)
Der ihm vorausgehende Lahire hat denselben augenscheinlich
schon benutzt; er selbst verweist auf den noch fiüheren Desar-
gues (1593 bis 1662), der schon epicykloidisch profilirte Zahn-
räder***) gemacht und soÄt dem als Erfinder der cykloidischen
Verzahnungen oft zitirten Römer (1664 bis 1710) lange voraus-
gieng.
Die Methode der Profilirung der Elemente durch Rollzüge
steht in Bezug auf die üebersichtlichkeit der Resultate weit über
dem vorigen Verfahren, ja sie schliesst dasselbe in gewisser Be-
ziehung in sich, weil man das zum voraus angenommene Profil
des ersten Verfahrens als durch eine Hilfspolbahn erzeugt
*) 1837. Transactions of CivU-Engineers Y. II. S. 89.
^) Die Verzahnung mit zwei durch gleichgrosse Kreise erzeugten
Cjkloiden; siehe in meinem Konstrukteur die BadUnienverzahnung für
Satzräder.
***) Siehe Chasles, Geschichte der Geometrie, (Sohncke) S. 83.
Beuleaux, Kinematik. |q
146 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
ansehen kann. Das hinzugesuchte zweite Profil ist deshalb ein
Rollzug eben derselben Hilfspolbahn , welche bei dem ersten Ver-
fahren als Erzeugende gedacht werden kann, indessen unaufge-
sucht bleibt.
Der hier zur Anwendung gekommene , für die Kinematik sehr
wichtige Satz von der Erzeugbarkeit der Kurven als Rollzüge
wurde ebenfalls schon von Lahire ausgesprochen ^i), welcher
Geometer es auch gewesen ist, der die Bezeichnung Roulette ein-
führte. Man hat die bezüglichen Methoden und Einzel-Lehrsätze
bisher weniger ausgebildet, als sie es verdienen. Für das im vori-
gen Paragraphen beschriebene Verfahren ist die Aufsuchung der
Hilfspolbahn zwar interessant, aber für das Resultat unnöthig,
überhaupt das erste Verfahren stets brauchbar und praktisch, wo
es sich um die Erzielung eines vereinzelten, nicht von vielen an-
deren abhängig zu machenden Ergebnisses handelt
§. 33.
Drittes Verfahren.
Sekundäre Polbahnen als Erzeugende der Profile.
Wir haben oben im zweiten Artikel, §. 9, die Anwendung
sekundärer Polbahnen an Stelle der eigentlichen primären be-
sprochen, und gefunden, dass mittelst derselben mitunter Aufgaben
leicht gelöst werden können, die sonst Schwierigkeiten machen,
oder dass man die sekundären Polbahnen je nach Umständen neln^i
den primären und abwechselnd mit ihiftn gebrauchen könne. Unter
denselben bietet sich eine Gattung als sehr brauchbar zur Erzeu-
gung von Elementenprofilen dar. Es sind diejenigen, bei welchen
zwei Kurven und eine sie berührende Gerade zur Darstel-
lung der Bewegung gebrauolit werden. Solche sekundäre Polbah-
nen werden z. B. erhalten, wenn man durch die Punkte der beiden
primären Polbahnen A und -B, Fig. 109, Sekanten unter konstan-
tem Winkel gegen die Kurventangente zieht; die von den Sekanten
eingehüllten Kurven, von einer Geraden berührt, welche auf ihnen
rollt, bilden mit der Geraden zusammen sekundäre Polbahnen. Wenn
nämlich C und D die Krümmungsniittelpunkte zu den in 0 si^b
berührenden Elementen der Polbahnen sind, so verhalten sich die
Lothe CE und DF wie die Stücke CO und OD; bei rollender
SEKUNDÄRE POLBAHNEN.
147
Bewegung der Geraden FE ruft diese mithin dieselben kleinsten
Winkeldrehungen in den beiden Figuren hervor, wie die Rollung
Fig. 109.
der Polbahnen. Lässt man
nun irgend einen Punkt P
der Geraden gegen A wie
gegen B eine Kurve be-
schreiben — aP und 6 P in
Fig. 109 — so haben diese
den Voraussetzungen nach
stets eine gemeinschaftliche
durch den Pol 0 gehende
Normale in der Erzeugen-
den FE selbst. Somit kön-
nen die beiden Kurven als
Profilstücke für das zu bil-
dende Elementenpaar die-
nen. In dem besonderen
Falle, dass die primären
Polbahnen A und B kreis-
förmig sind, werden es auch
die beiden Kurven E und F]
die beschriebenen Protilkur-
ven a P und b P werden da-
bei Kreisevolventen. Bei den Zahnrädern wird dies Verfahren,
welches die sogenannte Evolventenverzahnung liefert, vielfach an-
gewandt Satzräder werden erhalten, wenn fiir den ganzen Räder-
satz der Winkel FOD konstant gemacht wird.
Die Profilkurven a P und b P sind im vorliegenden Falle Roll-
züge, entstehend durch Rollung einer Geraden auf den beiden
Kurven E und F. Sie müssen sich aber dem Frühem nach auch
als Bollzüge für die Basisfiguren A und B darstellen lassen. Für
kreisförmige Polbahnen wird die Hilfspolbahn, welche die Evolvente
a P durch Rollung auf dem Kreise A und die Evolvente b P durch
Rollung in dem Kreise B mit einem und demselben beschreibenden
Punkte erzeugt, eine logarithmische Spirale *). — Wenn die mitt-
lere Kurve in der Polbahnen-Terne keine Gerade ist, so haben die
von ihren Punkten beschriebenen Rollzüge keine gemeinschaftliche
*) E« lässt sich dies unschwer übersehen. Siehe die Beweisführung u. a.
bei Willig a. a. O. 8. 92, eine andere bei Ha ton, M^canisraes, S. 101.
10*
148 111. KAP. ELGMEKTENPAARG.
durch den Pol gehende Normale, sind also nicht als Protilkunen
geeignet.
§.34.
Viertes Verfahren.
Ptuilctbahnen der Elemente als Elementenproflle.
Bei dem zweiten der besprochenen Verfahren können die Hilb-
polbahnen aufs mannigfachste in der Form abgeändert werden.
Eine besondere Abiindening ist diejenige, bei welcher die Hilfs-
polbahncn in die eigentlichen Polbabnon selbst übergehen, hi
diesem Falle beschreibt die Ililfspolhahn in der einen Polbaho
keine Kurven mehr, sondern jeder beschreibende Punkt erzeug
dort auch nur wieder einen Punkt; gegen die andere Polbahn da-
gegen beschreibt er irgend eine Punktbahn. Führt man letztere
als Elementen protil aus, so hat dasselbe zusammen zu wirken mit
einem Punkt an dem anderen Elemente. Bei den Zahnrädern
kommt diese Profilirungsmethode zur Anwendung. Ich habe die be-
pjg, ]]„ treffenden Verzahnungs-
arten anlehnend an die Kr-
zeugungsweise der Zahn-
protile Punktverzah-
nungen genannt*). Fip.
110 zeigt beispielsweise
einen Punktverzahnungs-
eingriff. Die beiden Hilfs-
polbahnen sind mit den
beiden kreisförmigen Pol-
bahnen A and B zusam-
menfallend angenommen;
ab und bc Punktbalineii
— hier Epicykloiden —
( beschrieben von denPunk-
ten a und c des Krei-^cs
R, de und <?/ Epicykloiden, beschrieben durch die Punkte d und .;
des Kreises A. ghd Trocboide (verlängerte Epicjkloide), beschrie-
ben durch den Punkt e des Rades B, nid Trochoide, von dem
•) RiH
. •i&i. lU. Aufl. 8. 4'-'.
AEQUIDI8TANTBN DBB ROLLZÜGE.
149
Punkte b des Rades A beschrieben. Es findet liier gleichzeitig
Berührung in o, 6 und c statt; die Normalen dieser Stützpunkte
gehen sämmtlich durch den Pol 0; nach kleiner Rollung rechts
oder Unks tritt auch Punkt e mit g h oder k mit a i in Berührung.
Leicht wird man auch dazu veranlasst, diese mit einer ande-
ren Profilirungsmethode zu mischen; bei den Zahnrädern geben
die sogenannten gemischten Verzahnungen Beispiele hierzu ab.
§. 35.
Fünftes Verfaliren. Parallelen oder Aequidistanten
von Rollzügen als Profile.
Hat man für zwei Polbahnen Ä und B auf irgend eine der
bisher besprochenen Methoden die Profile a P und b P ermittelt,
Pj 111 und beschreibt aus dem Krüm-
mungsmittelpunkt zu dem Ele-
mente von aP in P einen Kreis
mit dem Krümmungshalbmes-
ser vermehrt um ein Stück
P Pi , und aus dem Krümmungs-
mittelpunkt des berührenden
Kurvenelementes einen Kreis
mit dem Krümmungshalbmes-
ser vermindert um dieselbe
Grösse PPi, so berühren sich
die beiden Kreise auf der Normalen PPi 0, haben also mit den ele-
mentaren Bögen in P die durch den Pol 0 gehende Normale gemein.
Dieses Verfahren auf alle übrigen Punkte der beiden Profilbogen
ausgedehnt liefert zwei neue Profilbogen Oi Pj und bi Pj , welche
Aequidistanten oder Parallelen der zuerst gegebenen Kurven sind,
und ebenfalls als Elementenprofile dienen können. Dies liefert
eine neue grosse Mannigfaltigkeit von Profilformen, bei welchen
nur die Bedingungen für die Brauchbarkeit, die wir in §. 31 be-
sprachen, einschränkend sind. Mitunter sind die Aequidistanten
sehr vortheilhaft; so in dem Falle, wo sie die punktförmigen Profile
vertreten sollen. Statt des Punktes liefern sie einen Kreisbogen
oder einen vollen Kreis als Profillinie. Angewandt ist dies u. a.
bei den sogenannten Triebstockverzahnungen, welche früher sehr
150
III. KAP. ELEMENTENPAARE.
Fig. 112.
Fig. 113.
gebräuchlich waren, auch heute noch gelegentlich benutzt wer-
den. Fig. 112 gibt ein Beispiel. Statt des Punktes a und der Epi-
cykloide a b kommen der Kreis
vom Halbmesser aoi und die
Aequidistante axbi der Epicy-
kloide ab zur Verwendung.
Als weiteres Beispiel sei
hier auf anderem Wege als frü-
her die Erzeugung des oben
schon besprochenen Bogendrei-
eckes im Quadrat besprochen.
In Fig. 113 ist 02' 3' die Pol-
bahn des einen, 0 2 3 4 die des
anderen Elementes eines höhe-
ren Elementenpaares, dessen
Profile wir erst bestimmen wol-
len. Wir wählen zunächst die
Methode der Punktverzahnung,
indem wir in 02' 3' eine dieser
Figur gleiche Hilfspolbahn liin-
einlegen. Auf dem den Bogen
2' 3' halbirenden Fahrstrahl 03
werde ein beschreibender Punkt
iJ in dem Schnittpunkt der
Bögen 02' und 03' gewählt.
Gegen die dreieckige Polbahn beschreibt R einen Punkt, gegen
die andere Polbahn aber nach rechts wie nach links eine Ge-
rade als Uinfangspunkt des kleineren Cardanischen Kreises im
grösseren ; R C und B D sind diese Geraden, beziehungsweise deren
Verlängerungen. Vollziehen wir die weitere Rollung der inneren
Polbalm in der äusseren, so erhalten wir alle vier Quadratseiten
als Pn>tile liir das äussere Element, Es fehlt nur noch die
Stützung lür das inneiT, Zu dem Ende wiederholen wir zunächst
die Aunahnio je eines ganz hoimdogen beschreibenden Punktes für
die l>oidon andeivn Seiten der inneren Figur; es sind, die Punkte
P und Q^ welche wir dadurch erhalten, und welche ebenfalls die
Quadratsoiton auf deren mittlerer Erstreckung durchlaufen. So-
dann aber ziehen wir niHh zu Ä, i* und Q lu^hufs der Stützung an
den gegenüherliegonden Seiten die aetpiidis tauten Bogen PQ*
QR und Pli^ und erhalten damit auch das Biigendreieck.
AEQÜIDI8TANTEN DEB KOLLZÜGE.
151
Nichts hinderte uns übrigens, die Aequidistanz grösser zu
wäblen, als wir gethaa, z. B. l'/n mal so gross als die Selmen-
Fig. 114. länge PQ, wie in der
folgenden Figur ge-
schehen ist Die Form
fallt insofern von der
vorhergehenden abwei-
chend aus, als nun
auch in die Scheitel-
winkel zu den Radien
PR, QU und PQ
aequidistante Bogen zu
setzen sind. Das Re-
sultat wird praktisch
recht vortheilhaft sein,
<la die scharfen Kanten,
die bei P, S und Q
früher vorkamen, nun
weggeschafft sind. Wir
haben von diesem Verfahren auch bereits oben, Fig. 5 bis 8,
Tafel III, Gebrauch gemacht. Wählt man die Aequidistanz
kleiner als PQ, so entstehen unbrauchbare Formen, wie die in
die Figur eingetragene Punktirung zeigt.
Ein drittes Beispiel der Anwendung aequidistanter Profile liegt
in dem schon weiter oben besprochenen höheren Elementenpaar
vor, welches Fig. 115 darstellt. Hier ist das Bewegungsgesetz in
Fig. it5.
der Form gegeben, dass zwei ausgezeichnete Punktbahnen, die ge-
raillinigen Wege der Punkte b und c bekannt sind. Die Actiuidi-
stant«n zu diesen geraden Bahnen liefern die Profile der prisma-
152
III. KAP. ELEMENTENPAABE.
tischen Schlitze in dem Stück aadd, während die Aequidistanten
der beiden Punkte die Kreisprofile der Zapfen bei b und c ergeben.
Die Polbahnen brauchten wir hier für die Zwecke der Paarbildung
gar nicht einmal zu kennen. Welche Gestalt übrigens dieselben
haben, geht aus dem Früheren, namentlich aus §. 22 hervor. Es
sind die Cardanischen Kreise, beziehungsweise Bogen von solchen.
§.36.
Sechstes Verfahreii. Annäherung gekrümmter Profile
durch Kreisbogen. Willis'sohe Methode.
Wenn die Elementenprofile Kurven von wechselnder Krümmung
sind, so ist ihre Herstellung mitunter schwierig, ihre Ersetzung
durch Kreisbogen erwünscht. Dies kann in allen den Fällen ge-
Fig. 116.
schehen, wo man sich mit An-
näherungen begnügen darf, und
wo nur kleine Stücke jener
Kurven gebraucht werden, was
z. B. bei Zahnrädern meistens
der Fall ist Als Ersatz der
Kurvenstücke werden passend
gewählte Stücke von deren
Krümmungskreisen benutzt; es
sind zur Auffindung der geeig-
neten Kreisbogen mancherlei
Verfahrungsweisen im Ge-
brauch. Für die Zahnräder
mit cykloidischen Zahnproülen,
welche zugleich Satzräder sein
sollen, habe ich *) z. B. folgen-
des Verfahren empfohlen. A^
Fig. 116, kreisbogenfonniire
Polbahn, d. i. Theükreis des zu
verzahnenden Rades, B Mittelpunkt desselben, C und D Mittel-
punkte zweier gleich grossen Hilfskreise (Hilfspolbahnen) zur
Erzeugung der Cykloidenbogen bei a und 6, welche durch Krei^?
♦) In m«*in«m Knimtrukteur, II. Aufl. 8. 258, III. Aufl. S. 419
WILLISSCHB VEBZAHNUNG.
153
ersetzt werden sollen; sie haben Vs der Theilung des Rades zum
Halbmesser. 0 Pol der Kreise Ä, C und D. Mache die Winkel
OCa und ODb = 30*, suche die Gegen punkte a' und V der üm-
fangspunkte a und b in den Hilfskreisen auf; lege durch a und b
eine Gerade, welche den Annahmen nach durch den Pol 0 geht,
also Normale zu den Cykloiden-Elementen in a und b sein würde,
und verbinde die Gegenpunkte a' und V mit dem Zentrum J5, so
schneiden die Verbindungslinien Ba' und BV die Normale in den
gesuchten Krümmungsmittelpunkten P und Q. Die vom Theilkreis
bis zum Zahnscheitel und zur Zahnsohle gezogenen Kreisbogen wer-
den symmetrisch wiederholt und zum Zahnprofil zusammengerückt,
wie die Zeichnung andeutet.
Eine beachtenswerthe Methode hat Willis angegeben. Er
suchte die zur Profilirung der Radzähne geeigneten Kreisbogen
unmittelbar, d. h. ohne Einführung von Hilfspolbahnen und Roll-
zügen zu bestimmen. Seine Verfahrungsweise , mit welcher er an
Andeutungen von Euler anschloss, ist in Kürze wie folgt zu be-
gründen. Sind A und J5, Fig. 117, die Drehpunkte zweier Körper,
Fig. 117.
welche einander durch die
kreisförmigen, aus P und Q
beschriebenen Profile, die ein-
ander in R berühren, umtrei-
ben sollen, so ist der Schnitt-
punkt 0 der beiden Zentra-
len P ^ und 4 S ein Punkt
der beiden zu A und B ge-
hörigen Polbahnen (vergl.
§. 8). Dieselben haben das
Winkelgeschwindigkeitsver-
hältniss OBiOA. Soll die-
ses auf kurze Zeit nahe kon-
stant bleiben , so muss P Q
beim Fortschreiten möglichst
wenig aus 0 heraustreten.
P Q dreht sich aber gegen A B momentan um den Pol (7, der auf
den Verlängerungen der Radien A P und BQ liegt, und wird mo-
mentan wirklich durch 0 gehen , wenn C auf eine auf P ^ in 0
errichtete Senkrechte fällt, also z. B. nach C" in unserer Figur.
Demnach ist nach getroffener Wahl des einen der Mittelpunkte,
z. B- P, der andere sofort zu finden, indem er auf dem Schnitt-
154
III. KAP. ELEMENTEN? A ABB.
punkte von PQ mit der Verbindungslinie BC liegen muss. Man
erhält auf diese Weise in der Strecke PQ, beziehungsweise P(/
die Summe der gesuchten Krümmungshalbmesser, kann aber den
Berührungspunkt R selbst noch beliebig verlegen , z. B. nach K
oder auch nach JB", was auch mit dem in §. 35 Besprochenen über-
einstimmt.
Um bei diesem eleganten Verfahren auch noch die Bedingung
für die Satzräder zu erfüllen, wählt Willis drei Grössen konstant:
die Strecke 0C\ die Strecke OB und den Winkel POA^ welchen
er = 75® macht Sollen die Zähne nach nur einem Kreisbogen
profilirt werden, so setzt er OC = qo, OR = Null, worauf die
Kreisbogen Annäherungen an Evolventenbogen w^erden (vergl. §. 33).
Sollen zwei S-förmig zusammentretende Kreisbogen benutzt wer-
den, so wird das Verfahren zweimal angewandt, Fig. 118, und da-
Fig. 118.
bei OR = OR' = der
Hälfte der Theilung, und
OC = OC so gross ge-
nommen, dass das zwölf-
zähnige Rad innerhalb des
Theilkreises gerade Han-
ken bekommt. Dies wird
erreicht, wenn OC =
dem -- sin 7 5<> fachen Theü
der Theilung genommen
wird. Bei näherer Be-
trachtung ergibt sich die>e
Konstruktion als identisch
mit der in Fig. 116 dar-
gestellten, wenn die drei
Konstanten entsprechend
gleich genommen werden.
RC und R"C" sind lUe
Durchmesser unserer obi-
gen Hilfskreise, die hier des Vergleichs halber punktirt eingetragoii
sind ; die Punkte C und C" entsprechen den obigen Gegenpunktcn
a! und ft', P und Q sind gefunden wie dort. Willis selbst hat die
l\»bereinstinimung übrigens selbst sofort erkannt*).
•) Siehe Willi«, Principles I. Aufl., 8. 107. II. Aufl., S. 142.
DIE POLBAHNEN ALS PROFILE.
155
§. 37.
Siebentes Verfahren.
Die Polbahnen selbst als Elementenprofile.
*»
Lässt man die im zweiten Verfahren angewandtem Hilfspol-
bahnen als geschlossene Figuren kleiner und kleiner werden, his
sie zuletzt in Punkte übergehen, so beschreiben sie beim Rollen
die beiden Polbahnen selbst. Auch diese können als Elemen-
tenprofile gebraucht werden, wenn nämlich die Axoidcylinder so
fest aufeinander gepresst werden, dass die an der Berührungsstelle
entstehende Reibung das Gleiten hindert, sie also auf einander zu
Fig. 119. rollen zwingt. Es ist dies der
^^ I w^ einzige Fall, wo die Elementen-
/^ ^ profile eine rein rollende Bewe-
^g^jju^g^ / Q y . gung gegeneinander haben. Kreis-
S Y J formige Polbahnen von konstanter
I \^^ ^^^ Grösse ergeben cylindrische Räder,
N ^^^^\ sogenannte Reibräder, Fig. 119.
q^BB^l^B»- (- o j - - Die Anwendungen sind nicht sel-
I V^ ^y ten, die wichtigsten und gross-
artigsten unter ihnen die Eisen-
bahnräder. Auf die Eigenthümlichkeit wegen der die Axoide an-
einanderpressenden Kraft kommen wir im nächsten Kapitel aus-
führlicher zurück.
§. 38.
Verallgemeinerung der besprochenen Verfahrungs-
weisen.
In dem Vorstehenden haben wir stets die Einschränkung ge-
braucht, Axoide für allgemeine cylindrische Rollung zu Grunde
zu legen; doch lassen sich die Verfahrungsweisen auch auf die
Fälle der nichtcylindrischen Axoide übertragen. Leicht gelingt
dies bei den Axoiden mit konischer Rollung. Grössere Schwierig-
keiten entstehen indessen bei den schrotenden und den hyperbo-
156 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
A
lisch rollenden Axoiden (vergl. §. 13). Hier machen selbst die ein-
facheren Bewegungsgesetze grosse Schwierigkeiten in der theoreti-
schen Betrachtung, wie namentlich hinsichtlich der praktischen
Ausführung. Es ist Sache der angewandten Kinematik, auf die
wichtigeren Fälle soviel wie nöthig einzugehen. Im allgemeinen
muss man gestehen , dass die Elementenprofile für höhere Axoide,
seien es auch z. B. bloss solche für hyperboloidische Zahnräder, in
der Herstellung noch recht schwer fallen — ein Umstand, der zu
bescheidener Auffassung des bis jetzt Geleisteten mahnt Die junge
Industrie der Nähmaschinen, und zum Theil auch der groben land-
wirthschaftlichen Maschinen hat empirisch, wohl ohne sich der
Eigenthümlichkeit ihrer Richtung recht bewusst zu werden, sehr
erfreuliche Fortschritte in der Verwendung der höheren Axoide
gemacht, erstere auch in vorzüglicher Technik, indem sie die ge-
naue Erzeugung verwickelter UmhüUungsäächen bereits bedeutend
ausgebildet hat.
Die Beispiele , welche oben angeführt wurden , waren grossen-
theils, obwohl nicht alle, dem Gebiete der gewöhnlichen Zahnräder
entnommen, und deshalb denjenigen Lesern, welche die Maschinen-
technik zum Gegenstand wissenschaftlichen Studiums gemacht
haben, mehr oder weniger bekannt oder gar geläufig. Dennoch
verdienten die Verfahrungsweisen hier neue Aufmerksamkeit, weil
wir im vorliegenden Falle sie in dem ganz besonderen lichte der
allgemeinsten ihnen zu Grunde liegenden Gesetzmässigkeit an-
schauten. Es handelte sich nicht um Verzahnungsregeln, sondern
um deren Zugehörigkeit zu einem grösseren Prinzip. Wir fanden
hier bei ganz kleiner Erweiterung der Auffassung Dinge ganz all-
gemein brauchbar, welche gewöhnlich als eng begrenzte Regel aus-
gegeben und aufgefasst werden. Gerade jene Geläufigkeit wird
deshalb hoffentlich das Verständniss und die Uebertragung auf den
allgemeinen Fall wesentlich erleichtert haben.
Vor allem glaube ich nun vollständig einleuchtend gemacht
zu haben , dass die Bildung von Elementenpaaren fiir jede auch
noch so verwickelte Bewegungsart möglich ist, d. h. dass man die
den beiden Elementen zu gebenden Profile bestimmen kann. So-
dann aber auch, dass in den Fällen der gewöhnlich zu venrirk-
lichenden einfacheren Bewegungsgesetze eine reiche Mannigfaltig-
keit der Lösungen vorliegt. Während im vorigen Jahrhundert die
bedeutendsten Geometer sich mit besonderen Lösungen vereinzel-
ter Probleme beschäftigten und sie als wichtige Aufgaben ansehen
SCHLU88BEMEBKUNGEN. 157
mnssten, hat sich heute eine den weitesten Kreisen erschlossene
„Fülle der Gesichte** eingestellt, welche in ihrer Allgemeinheit sich
fast einfacher überschauen lässt, als ehedem der einzelne Fall, und
die dabei doch dem praktischen Sinne so reiche Gelegenheit bietet,
sich darin zu üben, unter all dem Geprüften das zu behaltende
Beste ausfindig zu machen.
Vielleicht muss ich besorgen, manchen meiner Leser durch die
vorstehenden Ausführungen ermüdet zu haben , indem ich darin so
äusserst langsam, man darf nicht einmal sagen schrittweise, son-
dern eher punktweise vorgegangen bin und die Schwierigkeiten
der Probleme scheinbar eher gesucht als vermieden habe. Es
haben sich aber dabei die eigenthümlichen Gesetze, nach denen
die zwangläufigen Elementenpaare zu bilden sind, nach und nach
vollständig ergeben, und das war ja das gesteckte Ziel. Diese
Gesetze sind nicht gerade einfach, nicht auf der flachen Hand lie-
gend; allein sie sind feste, innerhalb der angenommenen Grenzen
unerschütterlich geltende, wirkliche Gesetze. Deshalb mag es gut
sein , hier einen Augenblick inne zu halten und den Leser noch
einmal zurückzuverweisen auf die bisher gebräuchlich gewesenen
Auffassungen, die in der Einleitung skizzirt wurden, insbesondere
auf die einigermaassen verbreiteten Grundsysteme Laboulaye's,
wegen deren ich in der Einleitung noch Erläuterungen versprach.
Fragen wir uns jetzt einmal, was denn Laboulaye's drei
Systeme levier, tour und plan, die so sehr den Karakter
geometrischer Allgemeinheit an sich tragen, vorstellen. Legen wir
uns diese Frage unter Verwerthung der Sachkenntniss, welche wir
uns in dem vorstehenden Kapitel zu erwerben versucht haben, vor.
Im ersten System hat der bewegte Körper einen festen Punkt
(le Corps a un point fixe), im zweiten zwei feste Punkte (le
Corps a deux points ou une droite fixe), im dritten drei feste
oder besser gestützte Punkte (l'obstacle consiste en trois
points fixes ou en un plan passant par ces trois points).
Zunächst fallt auf, dass im Grunde genommen nicht auf die kine-
matische Kette , welche upserer Ermittelung gemäss der allgemei-
nere Inhalt der Maschine ist, sondern auf das Elementenpaar hin-
gearbeitet ist Denn es wird stets von einem einzigen zu stützen-
den Körper, nicht von einem ein Ganzes bildenden Systeme von
Körpern gehandelt Gut, schränken wir uns darauf ein, obschon
158 III. KAP. ELEMENTENPAARE.
Laboulaye angibt, dass seine Systeme die Maschine im all-
gemeinen ausdrücken. Welches Paar hat aber nur einen einzigen
festen Punkt? Wir haben oben (§. 5. IV.) gefunden, dass bei nur
einem festen Punkte die Bewegung eines Körpers immer eine
wesentlich unbestimmte ist, dass ein zwangläufiges Elementenpaar
oder eine zwangläufige Kette damit nicht gebildet werden kann.
Allerdings aber fuhrt Laboulaye als Beispiel den Hebel an,
der eine schwingende Bewegung macht, somit eine Achsen-
drehung vollzieht. Damit fiele das System „levier" mit unse-
rem niederen Elementenpaare Nr. 2 (§. 15) „Rotationskörper mit
seiner Hohlform" zusammen. Allein ein solches Paar verlangt
ja nach §. 20 nicht bloss einen, sondern mindestens sechs Stütz-
punkte! Man könnte hier freilich einwenden, dass jener festgehal-
tene Punkt des Systeme levier einer geometrischen Achse an-
gehöre, und dass L. dann hätte strenger sagen müssen (oder
wollen), dass zwei von den Punkten dieser Achse, welche gleich-
sam als Idealisirung des Körpers aufzufassen seien, an Aenderungen
ihrer Lage gehindert wären, welche zwei Punkte dann in einer
Normalprojektion in einen einzigen zusammenfielen. Das kann
aber die Meinung nicht sein, denn L. sagt solches von seinem zwei-
ten Systeme, dem Systeme tour, aus, hat also einen derartigen
Irrthum nicht begangen; auch spricht er thatsächlich vom Körper,
nicht von dessen idealer Darstellung durch eine Achse. Alles
dasjenige was nöthig ist, um die beiden Punkte jener geometrischen
Achse an Lagenänderungen zu hindern, touss auch, wie wir jje-
sehen haben, am Körper geschehen. Wir wissen, dass dieser eine
bestimmte Form haben muss, und dass der passend geformte Kör-
per an mindestens sechs Punkten gestützt werden muss. Han-
delte sich es um nur einen festzustellenden Punkt, so mtisste die
Körperfonn eine Kugel sein, die an mindestens vier Punkten zu
stutzen wäre, dabei aber eine gezwungene Bewegung auch nur
insofern liefern würde, als der Mittelpunkt der Kugel seine Lage
nicht ändern könnte ; die übrigen Punkte würden dadurch gezwun-
gen, auf Kugelfiäohen zu verharren, nicht aber verhindert, auf die-
sen beliebige Bewegungen zu vollziehen.
Nun gut, dann bogreift L. wohl u^r Systeme levier die-
jenigen Klementenpaare, welche der sogenannten konischen Rol-
lung (§. 11) geh4>n'hen. Das Hesse sich auch hören. Aber dann
passt das von ihm angeführte Beispiel, der Hebel, wieder nicht
«Le mouvonuMit d'un point quelconque, appartenant a«
8CHLU8SBEMERKUN GEN. 159
levier, sera de nature oiroulaire, en chaque instant et de
plus en general alternatif dans une machine, se produi-
sant le plus souvent dans un plan.") — Wir sehen, dass es
der Definition überall an Klarheit und Sicherheit gebricht. OflFen-
bar handelt es sich um eine dunkle Vorstellung von ElemAten-
paaren mit schwingender Bewegung, um eine Vorstellung, welche
zwar den Anschein von Tiefe und 'kategorischer Allgemeinheit be-
sitzt und deshalb Anklang auch bei manchen Mathematikern gefun-
den hat, die man aber durchaus nicht ans Licht ziehen darf, wenn
sie nicht alsbald in Staub zerfallen soll, ähnlich jener sagenhaften
Bergmannsleiche zu Fahlun.
Nicht anders verhält es sich mit den beiden andern Systemen,
tour und plan. Es ist bei allen dreien einestheils nicht vollkom-
men klar, was in aller Strenge unter point fixe oder plan in-
ebranlable zu verstehen ist, anderntheils, welches untrügliche
Merkmal das eine System vom andern unterscheidet. Machen wir
Dämlich die umgekehrte Probe, und untersuchen einmal, wohin
denn bei Laboulaye das eine oder andere der uns bekannt ge-
wordenen höheren Elementenpaare gehöre 1 Wählen wir das „Bo-
gendreieck im Quadrat". Von diesem Paar wissen wir zunächst,
dass, wenn wir das Quadrat feststellen, bei eintretender Bewegung
kein Pinkt des Dreiecks jemals festbleibt. Alle bewegen sich.
Nach Laboulay^e müsste aber doch zum wenigsten ein Punkt
ruhend bleiben. Ja, dann wird wohl das Paar zu dem Systeme
plan zu rechnen sein, weil die Grundflächen des Dreiecks den Vor-
aussetzungen nach verhindert, sind, aus ihren jeweiligen Bewegungs-
Ebenen zu treten. Diese Ebenen wären also solche plans in-
ebranlables, wie sie das dritte System als Karakteristik bean-
sprucht. Man könnte allerdings den Sinn des Systemes in dieser
Richtung suchen; aber dann gehört ja das Rotationskörperpaar
auch zum Systeme plan, während wir es oben doch ganz be-
stimmt für Systeme tour reklamiren mussten. Wir verlieren also
auch hier den Halt und vermissen jedenfalls die Unterscheidungs-
merkmale lür so wesentlich verschiedene Qinge, deren Unterschei-
dung doch gerade die Aufgabe der „Systeme" war und auch zwei-
fellos sein musste.
Doch ich will abbrechen; die Unhaltbarkeit der Laboulaye'-
schen Auffassung ist einleuchtend« Auch handelt es sich ja hier
nicht um eine Kritik Laboulay e's, dem zudem auch andere Schrift-
steller ohne schärfere Prüfung gefolgt sind, also derselben Kritik
160 III. KAP. ELEMENTEN? AABE.
ZU unterliegen hätten. Ich unterschätze deshalb Laboulaje nicht
und darf mich dieserhalb auf die Einleitung berufen , wo ich die-
sem Forscher meine Anerkennung gezollt habe. Um so weniger
thue ich dies, als er eigentliche Folgerungen im angewandten
Thejie seines Werkes aus den Sätzen nicht gezogen hat, Folgerun-
gen, welche nothwendig zu Irrthümem hätten hinleiten müssen.
Ich wollte nur zeigen, mit wie unsicheren, gebrechlichen Stützen
man das grosse Lehrgebäude einer wahrhaft wissenschaftUchen
Kinematik, eines angeblich in sich selbst ruhenden logischen
Werkes gestützt hat, oder glaubte stützen zu können. Ich wollte
dem Leser nur den greifbaren Beweis noch einmal vorfuhren, dass
und weshalb oben eine unerbittlich strenge, nach allen Richtungen
genau eingehende Untersuchung der axiomatischen Sätze zu erstre-
ben war, wenn überhaupt etwas mit denselben geleistet werden
sollte.
VIERTES KAPITEL.
UNSELBSTÄNDIGE ELEMENTENPAARE.
§. 39.
ScMiessung von Elementenpaaren duroli sensible
Kräfte.
Wir haben bei der Untersuchung der niederen wie höheren
Elementenpaare bisher vorausgesetzt, dass die gegenseitige Stützung
der zu einem Paare vereinigten kinematischen Elemente ganz voll-
standig stattfinde, d. h. dass jeder der beiden Körper vermöge sei-
ner Widerstandsfähigkeit und der ihm verliehenen Form den an-
deren zwangläufig umhülle. Diese Voraussetzung haben wir
entweder ausdrücklich oder stillschweigend auch bei der Auf-
suchung der geeigneten Körperformen geltend gemacht, vermöge
deren jeder Störung der beabsichtigten Relativbewegung der bei-
den Körper seitens einwirkender sensibler Kräfte durch latente
Kräfte begegnet wird. Es lässt sich aber unter Umständen von
dieser Strenge der Forderung etwas nachlassen, wenn nämlich
A'orsorge getroffen wird, dass sensible Kräfte von gewissen Rich-
tungen gar nicht im Paare auftreten. Wenn sich dies herbeiführen
lässt, so fällt offenbar die absolute Nöthigung, den Paarschluss
ganz selbständig zu machen, weg, indem fiir die Stützung, welche
jenen Richtungen entspricht, körperliche Umhüllung nicht gerade-
zu erfordert wird.
Renleanx, Kinematik. 1'
162 IV. KAP. UNSKIiBSTÄNDTOK ELEMKN'TENPAARE.
Das Mittel zur Fcniluiltuiig eiiior J5eiisil»l(»ii Kraft von gcirf-
beiier Richtung besteht aber darin, dass nuin auf das z^angläutin
zu machende Element a unausgesetzt eine andere sensible Kraft
von der entgegengesetzten Richtung und einer (Irösse wirken lä^^t,
welche die der zu erwartenden störenden Kraft übertrifft oder ihr
wenigstens gleich ist. Ist also die zu erwartende störende Kraft
= P, so hat man , um ihre Wirkung zu paralysiren , eine ihr «nt-
gegengerichtete Kraft von der Grösse F auf das ihr ausge>ot/tf
Element a wirken zu lassen. Gibt man dieser Gegenkraft, weKlu'
das Element a gleichsam als Stellvertreter des umhüllemliMi
Partner -Elementes b stützt, der Sicherheit halber den Werih
P+ (?, so wird rt im ungünstigsten Falle von der Kraft P — P— V-
d. i. Q an die entgegengesetzten Stützpunkte gepresst, dort al'er
durch die latenten Kräfte des Partners b aufgehoben. Die Be-
dingungen, unter welchen das Gleichgewicht jederzeit zu Stiimlf
kommt, sind also allgemein hergestellt. Jene die Störung vtr-
hütende Kraft P-f" Q schliesst gleichsam das in der Riclitun^
— (P+ Q) unfertige, ungeschlossen gelassene p]lementenpaar: wir
wollen sie deshalb eine Schliessungs - oder Schlusskraft neniMMi.
Elementenpaare, welche einer solchen Schlusskraft bedürfen, mihI
offenbar nicht selbständig, sondern vom Vorhandensein der schlit'>-
senden Kraft, oder kürzer vom Kraftschluss abhängig.
Die kraftschlüssigen Paare sind nicht selten in der Maschinen-
praxis. Beispiele liefern u. a. die Zaj)fen .und Lager der meisten
Wasserräder, bei welchen das bedeutende Gewicht des l{ades fa^t
immer jede senkrechte Erhebung des Drehzapfens aus dem nhn*'
Deckel ausgeführten Lager, Fig. 120, verhin<lert. Ein anderes lUi-
Fijr. iJii. Fisr. 121. Fie. 12)i-
WlIlM» »■! ■ J, ■l'.VII
Spiel liefern die (^uerhäupttT grosser liegender (lebläseiujiM'liih»'. •
Fig. 121, deren schwere Kolben und Kolbenstangen das nur uiit»i.
und seitlich geführte Querhaupt verhindern, sich von der Füh-
rungsschiene abzuheben. Die Schneiden der Waagschalen, Fig. 122.
werden ebenfalls durch das Gewicht der angehängten Schalen in
fortwährender Berührung mit ihren Lagerkerben gehalten. Andere
AXülDllüLLUNG DUUCII KIIAFT8C1JLUSS.
1G3
Ileispiele liefern die Drehscheiben der Eiseid)ahnen ; die ganze
Sdieihe ist daselbst durch ihr eigenes (iewicht und das der auf-
gesetzten Last in ihrem nach ol)en völlig freien Lager gehalten.
Dasselbe gilt von den Drehzapfen der Uferkrane. Ein häufiges
und männiglich bekanntes Beispiel geben endlich die Eisenbahn-
räder ab. Auch sie sind durch seidvrecht gerichtete b>chlusskr}ifte
mit ihrem Partner-Elemente, der Schiene, in Berührung gehalten,
hl allen diesen und ähnlichen Fällen bietet sich der Kraft-
schluss be([uem und natürlich dar, und erleichtert die Ausführung
oft wesentlich. Indessen ist die hier besprochene nur eine Art
seiner Verwendung. Es sind deren noch andere aufzuzählen.
Axoidrollung durch Kraftsohluss.
Während in den soeben besprochenen Fällen die Schliessungs-
kraft wesentlich nur die Trennung der unvollständig ausgeführten
Elemente zu verhüten hat, gibt man ihr unter l^mständen eine
noch viel w^eiter gehende Bestimmung. Diejenige nämlich, durch
eine aus ihr abgeleitete Kraftwirkung, die Reibung, die gegen -
Neitige Stützung der Elemente zu vervollständigen. Ein Beispiel
liefern die schon im §. 37 l)esprochenen Reibungsräder, Fig. 123.
j,j^ p,,^ Bei diesen hat der Kraftschluss
nicht bloss die Aufgabe, die bei-
^ , y^ "^^\ ^^^^ Schey)en in Berührung zu
) / \ erhalten, sondern auch sie so fest
■■■*^^^* r ^ I gegen einander zu pressen, das^
■ V jh ihre IJmtlächen l)ei l'ebertragung
■ ^^m:^^ der gegebenen Tangentialkraft
nicht auf einander ürleiten, dar
SS
mit andern Worten die Axoide.
welche hier die Cvlinderniiintel
selbst sind, aufeinander ndlen.
Bei strengerem Eingehen auf den Vorgang könnte man 1m»-
nierken, dass die Schliessungskraft hier die kleinen Rauhigkeiten
der Oberflächen in einander presst, worauf dieselben ähnlich Rad-
zähnen aufeinander wirken, während die bedeutende Kraftkompo-
nente, welche in die Richtung der Achsenebene fällt, durch die
11*
164 IV. KAP. UNSELBSTÄNDIGE ELEMENTENPAABE.
Schlusskraft aufgehoben wird. Allein diese Wirkung der Zusara-
menpressung zweier Körper fasst die Mechanik in dem Begriffe
Reibung zusammen; wir haben also bei dieser kurzen Ausdrucks-
weise stehen zu bleiben. **)
Die vorliegende Verwerthung des Kraftschlusses kommt eben-
falls häufig vor. Aeusserst wichtig ist ihre Anwendung auf die
Treibräder der Lokomotive. Von ihr ist die Entfaltung unseres
Eisenbahnwesens garadezu abhängig gewesen, indem man bekannt-
lich anfanglich den Adhäsionsbetrieb für so illusorisch hielt, dass
man an seine praktische Verwendung nicht gehen wollte, vielmehr
Elementenpaare mit Profilstützung ausführte. Ich erinnere an die
Zahnstange Blenkinsop's und diejenige auf der Liverpool-
Manchester-Eisenbahn, die Brunton'schen Stelzen und andere
noch weniger praktische Konstruktionen.
Die Erzwingung der AxoidroUung durch Kraflschluss iNt
wesentlich verechieden von der blossen Schliessung eines nirlit
vollständig ausgeführten Elementenpaares. Beide Methoden k(in-
nen sowohl einzeln als auch vereinigt vorkommen. Bei den Treib -
rädern der Lokomotive sind sie vereinigt, bei den Laufrädern
aber nicht; hier findet nur Elementenschliessung durch die Schwere
statt.
Man könnte beim Eisenbahnwagen die Elementenschliessuus
durch Hinzufügung eines zweiten Elementenpaares, nämlich einer
das Aufsteigen von der Laufschiene verhindernden Schutzschiene
mit passendem (Jegenstück am Wagen herbeiführen, ohne das^
dabei auf die Treibrad-Einrichtung Rücksicht genommen würde.
In der That hat auch 4lie junge Iligibahn eine solche Einrichtuu::.
Bei ihr ist die Bewegung des Wagens auf der Bahn nicht melir
kraftsddüssig, sondern mit grosser Annäherung an die GeuHuii:-
keit paai'schlüssig. Wegen der ge>vsdtigen Steigung der Rihii
hat man ebendaselbst die kraflschlüssige AxoidroUung aufgebt \^
müssen, um wieder zum Paai-schluss der alten Liverpool-Bahn zu-
rückzukehren.
Wir sehen, dass der Kraftschluss wichtige und zaldreiche VtT-
weiulungen findet. Allerdings wohnt ihm eine gewisse rnvoU-
konunenheit bei. Sind die Schlusskräfte nicht ausreichend j;nis*s
oder treten unvorhergesehene Störungen ein , so wird die Zwan;r-
liiufigkeit aufgehoben oder doch zeitweilig Unterbrochen. I>enno«b
aber b'istet der Kraftschluss, wie die obigen Beispiele zeigen , dem
Maschinenwesen ausgezeichnete Dienste. Er fuhrt uns aussordeui
ZUGKRAFTORGANE. 165
noch eine ganz besondere Art von Elementenpaaren zu, welche für
(las Maschinenwesen theilweise von noch grösserer Wichtigkeit
sind als die obigen Anwendungen. Wir wollen dieselben im fol-
genden Paragraphen näher betrachten.
§. 41.
Die bildsamen kinematischen Elemente.
Die Widerstandsfähigkeit, welche wir als Grundeigenschaft
derjenigen Körper erkannten, aus denen die Maschine zu bilden
ist, haben wir bis hierher den kinematischen Elementen in der
Weise zugeeignet gedacht, das» sie die vollständige Starrheit oder
gegenseitige Unbeweglichkeit der kleinsten Theilchen vertrat Wir
nahmen dabei an, dass Material und Abmessungen jedes Elementes
hierfür passend gewählt seien, wozu die Maschinenbaukuude die
Vorschriften liefert. Die Zulässigkeit des Kraftschlusses lehrt uns
aber, dass auch Körper, welche nicht als Vertreter starrer Körper
geeignet sind, zur Elementenbildung dienen können. Wählen
wir nämlich solche Körper, welche zwar nicht in allen, aber
doch wenigstens in einer Richtung sensiblen Kräften bis zur
Annäherung an die Unveränderlichkeit der Molekularlage wider-
stehen können, und wenden sie unter solchem Kraftschluss , der
ihrer Widerstandsfähigkeit entspricht, an, so werden sie des fer-
neren gerade so wirken können, wie Körper von allseitiger Wider-
standsfähigkeit.
Als Körper von den angeführten Eigenschaften bieten sich
alsbald dar: die Schnur oder das Seil aus Faserstoffen, das Band
und der Riemen aus Leder oder Gewebe, auch das Metallband,
ferner der Metalldraht, das Drahtseil, sodann die Kette in deren
mannigfachen Formen, kurz alle jene Organe, welche einer anderen
als einer Zugkraft keinen wesentlichen Widerstand entgegenzu-
setzen vermögen, während sie in der Zugrichtung selber bis zu
jedem gewünschten Maasse genügend fest hergestellt werden kön-
nen. Sie lassen sich unter dem Namen Zugkraftorgane zusam-
menfassen.
Wegen ihrer Nachgiebigkeit in anderen Richtungen lassen
sich die Zugkraftorgane sehr gut mit festen Körpern von allerlei
Formen zu Elementenpaaren vereinigen. So mit abgerundeten
166 IV. KAP. UNSELBSTÄNDIGE ELEMENTEN? AAKE.
Führungsstückeu, wie iu Fig. 124, über welche sie unter beider-
seitig wirkendem Kraftschluss hingleiten, mit Rollen, Fig. 125,
Fig. 125.
Fig. 124.
Fig. l'J6.
t ? ' » ► »
wobei sie sich an der einen Seite auf-, an der anderen abwickeln,
mit Trommeln, Fig. 126, auf welche sie sich spiralig aufwinden,
oder von denen sie abgewickelt werden, u. s. w., u. s. w. Man
erhält so die auf die mannigfachste Weise anwendbaren und an-
gewandten Elementenpaare, welche bei den Flaschenzügen, Kranen,
b'v'im Riementrieb, Seiltrieb, der Tauerei u. s. w., wie bekannt eine
so bedeutende Rolle spielen. Die entstehenden Paare haben alle
die Eigenschaft der gegenseitigen Umhüllung der Elemente, die
hie und da in diejenige des Umschlusses übergeht, ohne indessen
letztere als Grundeigenschaft zu besitzen; si(y gehören deshalb zu
den höheren Elementenpaaren.
Den Zugkraftorganen diametral gegenüber stehen andere,
welche wesentlich nur einer ihre Moleküle einander nähernden
Kraft zu widerstehen vermögen, und deshalb Druckkraftorgane
zu nennen sind. Hierher gehören vor allem die Flüssigkeiten,
tropfbare wie gasfiirmige, als Wasser, Oel, Dampf, Luft und (ia>e
anderer Art. Der bei ihnen anzuwendende Kraftschluss hat die
Flüssigkeitstheilchen stets gegen einander zu pressen. Damit sie
aber dabei nicht seitlich ausweichen, müssen sie an allen Begren-
zungsflächen des Flüssigkeitskörpers, auch normal zu dessen Be-
wegungsrichtung, mit demselben Drucke zusammengepresst wer-
den. Dies lässt sich aber wieder durch latente Kräfte, nämlich
unter Einschliessung der Flüssigkeit in (iefässe von geeigneter
Form und Widerstandsfähigkeit ins Werk setzen. Solclu's ge-
schieht z. B. in der Röhrenleitung für Wasser oder Dampf, Fig. 127.
in dem Pumpen-, Dampf- oder (lebläsecylinder, Fig. 12S. u. <i. w.
DBÜCKKEÄFTOBGANE. 167
Es ist bekannt, welche hervorragende, ja mächtige Rolle die Druck-
kraftorgane dieser Gattung im Maschinenwesen spielen.
Fig. 127. Fig. 12S.
yf-m^
Eine andere Gattung derselben, im Grunde genommen mit
dfr vorigen enge verwandt, hat man in der neueren Zeit aus ge-
wissen Zugkraftorganen gebildet, indem man ihnen durch geeig-
nete Gelasse die Möglichkeit des seitlichen Ausweichens benahm,
sie aber dann wie Druckkraftorgane behandelte. Die Galle'sche
oder Gelenkkette in den Neustadt'schen Kranen*) wird in einem
Rohre, Fig. 129, vorwärts gedrückt; das stählerne dünne Brems-
band hat man durch Einbettuug in einen Hohlcylinder, Fig. 130,
FiK. I2B.
Fig. i:iü.
zur Aufnahme von Druck an de» freien Enden befähigt**), wobei
seine Theikhen sich wie Gewölbsteine gegen einander stützen.
Auch der Draht ist in verwandter Weise benutzt worden.
Die Druckkraftorgane haben mit den niederen Paaren die
Fligenscbaft des Umschlussea gemein; indessen müssen sie wegen
der Beweglichkeit ihrer kleinen und kleinsten Theile zu den höhe-
ren Elementen paaren gerechnet werden.
Betracht«! man die beiden Elementenpaargattungen, zu denen
lins hier der Kraftschluss geführt hat, neben einander, so zeigen
sie eine nahe Verwandtschaft. Vermöge der bei beiden nothwen-
tiigen Erhaltung des Kraftschlusses können sie immer nur unter
168 IV. KAP. UNSELBSTÄNDIGE ELEMENTENPAARE.
Beanspruchung auf je eine Weise, oder in nur je einer Kraftricb-
tung gebraucht werden, das Zugkraftorgan immer nur auf Zug,
das Druckkraftorgan nur auf Üruck. Durch Aufwärtsschieben des
Seiles in Fig. 1 26 setzt man die Trommel nicht in Bewegung, eben-
sowenig den Kolben in Fig. 128 durch Ablassen der Flüssigkeit.
Die Paare sind also nur einseitig geschlossen, oder, wie man
es nennen kann, monokinetisch, eine Eigenschaft, welche wir
später bei anderen Paaren wiederfinden werden. Sie verdanken
dieselbe der Nachgiebigkeit ihrer kleinen oder kleinsten Theile in
allen ausser einer oder nur wenigen Richtungen. Diese Nach-
giebigkeit heisst bei dem Druckkraftorgan von zertheilt^m Aggre-
gatzustand Fluidität, Flüssigkeit; bei den Zugkraftorganen hat man
sie wohl Flexibilität, Biegsamkeit genannt. Beide Eigenschaften
zusammen kann man wohl die Duktilität oder Bildsamkeit
nennen. Es sind danach die Zug- und Druckkraflorgane, wo sie
zu kinematischen Elementen gemacht sind, als duktile oder bild-
same Elemente zu bezeichnen.
Die beiden besprochenen Gattungen derselben stehen sich
etwa so gegenüber wie positiv und negativ, eine Beziehung, welche
sich ja auch in ihren Schlusskraftrichtungen unmittelbar aus-
spricht. Das mit Wasser gefüllte Rohr, Fig. 127, steht gegenüber
dem Zugseile in Fig. 124; der Cylinder mit Kolben, der von einer
Seite her unter Wasserdruck steht, Fig. 128, ist entsprechend der
Windetrommel in Fig. 126. Das „Wassergostänge", welches neuer-
dings bei den Grubenpumpen in Anwendung kommt, ist als Gegen-
stück zum Zugseil anzusehen. Somit ergänzen sich logisch die
Zug- und die Druckkraftorgane gegenseitig und sind daher vöUifr
gleich berechtigt in der Reihe der kinematischen Elemente. Dem-
nach ist das Verfahren, das Willis einschlug, indem er, wie in der
Einleitung bemerkt, die mit Flüssigkeiten operirenden Mechanis-
men aasschloss, nicht richtig. Werden die Riemenwerke, Flaschen-
züge u. s. w. unter die „reinen" Mechanismen gezählt, so dürfen
die Wasser-, Wind- und Dampfmaschinen darunter nicht fehlen.
Man braucht auch bloss an die Bedeutung der letztgenannten zu
denken, um es höchst auttallend zu finden, dass eine der allerwich-
tigsten, verbreitetsten und in ihren Bewegungen aufs feinste j;**-
leiteten Maschinen unkinematisch, „inqmre'^^ vor der Kinematik
unwissenschaftlich sein solle, WMr werden gerade im (iejjentheil
weiter unten noch sehen, mit welcher wissenschaftlichen Kraft uu«!
welchem Erfolixe jrerade in diese Maschinen die Kinematik ein/u-
BILDSAME KINEMATISCHE ELEMENTE. 169
dringen vermag. Willisens Anschauung ist prinzipiell nicht an-
erkannt, obwohl nicht eigentlich widerlegt worden; praktisch hat
aber sein Vorgang die Folge gehabt, dass englische Schriften kaum,
die ausserenglischen selten, und wenn überhaupt, so nicht mit der
rechten Energie die so wichtigen Flüssigkeitsmaschinen kinematisch
behandelt haben.
§.42.
Die Federn.
Während wir in den Zug- und Druckkraftorganen bildsame
Elemente von nur sehr einfacher Beanspruchungsweise fanden,
steht dem Maschinenwesen noch eine andere Gattung solcher Ele-
mente zur Verfügung, welche für jede beliebige Beanspruchungs-
weise eingerichtet werden können. Es sind die Federn. Sie wer-
den wie bekannt in mannigfachen Formen konstruirt und leisten
vorzügliche Dienste, immer indessen unter Anwendung derselben
allgemeinen Maassregeln, welche wir bei den obigen duktilen Ele-
menten als nothwendig erkannten, nämlich in jedem besonderen
Falle unter der Einschränkung auf eine einzige AngriflFsweise der
Kräfte. Die verschiedenen Konstruktionsweisen lassen sich nach
der spezifischen Beanspruchungsweise des Federkörpers ordnen,
wonach dann Zug-, Druck-, Biegungs-, Drehungs- und Strebefedem
unterschieden werden können. Am häufigsten sind die Biegungs-
und die Drehungs- (Torsions-) Federn aus Metall, dann auch aus
Holz, die Druck- und seltener Zugfedern aus Kautschuk und an-
deren organischen StoflFen.
Die Leichtigkeit, die Federn in die verschiedenartigsten For-
men zu bringen, gestattet, den Gesammtkörper der Feder so zu
gestalten, dass derselbe als Ganzes betrachtet oft einer anderen
Fig. i:tl.
Beanspruchungsweise zuzuweisen ist und zugewiesen wird^ als es
der Wirkungsweise der einzelnen Querschnittfolgen zukommt. So
ki die Schraubenfeder, Fig. 131, als Ganzes durch divergirendo
170 IV. KAP. ÜSBELBSTÄNDIGE ELEMEKTENPAABE.
Axialkräfte zu schliessen, also wie ein Zugkraftoi^aD zu behandeln,
während sie der Belastung ihrer Querschnitte nach eine ToraoTis-
feder ist*j. Gibt man derselben Feder eine solche Gestalt, diL-*
die Seh rauben gange einander im unbelasteten Zustande nicht be-
rühren, so kann sie als Ganzes betrachtet, als Druckkraftorgan
behandelt werden, muss aber dabei, wie überhaupt ein soklies
Organ, durch gefässartige Umschliessung an seitlichem Ausweichen
verhindert werden. Eine eigentliche Zugfeder ist der Belastnngs-
weise na«h die in Fig. 132 dargestellte Wrillfeder oder Wring-
Fig. i:i2. feder**), welche als Körper be-
trachtet eine Torsionsfeder zu nen-
nen ist und genannt wird. ¥Än-
fache und zusaronicngesetzte Rie-
gungsfedern werden bekanntlich
im Eisenbahnwesen vielfach ange-
wandt, ebenso mehrere Gattungen
von Torsionsfedern , auch eine
Strebefeder, nämlich die nur noch wenig angewandte Adams'sfhe
Bogenfeder. Alle sind in jedem einzelnen Falle unter AusscMus-;
der störenden Kräfte anzuwenden , wenn sie in einer Mstschine Ije-
nutzt werden sollen.
Sehr gut eignen sich die Federn zur Herbeiführung des Kraft-
schlusses für unselbständige Elementenpaare, und sind hierfür riel-
fach in Anwendung, wie bei den Kolbendichtungen, den Si>errklin-
ken u. s. w.; ausserdem spielen sie eine bedöVitende Rolle als Auf-
sammler bewegender Kräfte, worauf wir später zurückkommen
werden. Die Federn aus organischen Stoffen, als Kautschuk.
l'Hanzcnfasem . Thiersehiien und dergleichen stehen den Zugkraft-
organen sehr nahe, die aus festen Stoffen gebildeten dagegen den
starreu Elementen. In ihrer Wirkungsweise stehen sie den gas-
förmigen Druckkraflorganen nahe, indem sie wie diese innerhalli
weiterer (irenzeii elastisch sind. Von den starren Elementen
müssen sie tnitz ihrer ebenfalls nahen Verwandtschaft gnmdsätz-
lich geschieden werden, indem man bei diesen die Nachgiebigkeit
auf ein veniacblässigbar kleines Maass herabzieht, wiihrend man
bei der Kedor dieselbe iibsiclitli^h gross macht.
KETTENSCHLÜSeiGE PAABB.
g. 43.
Scliliessiuig von Elementenpaaren durch die
kinematische Kette.
Ein unselbständiges Elementenpaar kann aucli durch kinema-
tische Verkettung geschlossen werden. Zwei Körper u und b,
p- ,.^3 Fig. 133, als allgemeine
^ Cylinder ausgeführt, und
zwar mit gezähnelten Um-
fangen für normalcylin-
drische Axoide versehen —
also nach dem technischen
Sprach gebrauche : zwei
Stirnräder — bei welchen
wir eine genaue und spiel-
freie Verzahnung voraus-
setzen wollen, besitzen in
den verzahnten Umfangen die für die Stützung in der Tangenten-
richtuiig r I' geeigneten Umhüllungsflächen, welche sogar auch so
gestaltet werden können, daas sich die Räder nicht gegenseitig
nähern können; dagegen fehlen ihnen solche für die Stützung gegen
divergirende Kräfte in der Normalenrichtung NN. Wir können
dieselbe aber nach einer der im vorigen Artikel kennen gelernten
Methoden berbeifübren. Wählen wir das fünfte Verfahren (g. 35),
bei welchem Parallelen von Rollzügen als Profilkurven dienen, so
bietet sich uns iu einem Parallelen paar zu der (Punkt-) Bahn des
Zentrums eines der beiden Räder, einem Kreisring, und in der
Parallelen zu jenem Zentrum selbst, einem Kreis, ein geeignetes
Profilkurvenpaar dar, welches in der Form einer kreisförmigen
Rinne am Rade a, und eines runden Zapfens am Rade b, siehe
Fig. 134 (a. f. S,), zur Verwendung gebracht werden kann, und die
Stützung sowohl für divergirende als für konvergirende Radialkräfte
l)ewirkt. Nehmen wir wieder an, dass die nöthigen gegen Quener-
schiebung schützenden Tbeile angebracht seien, so haben wir nun
ein geschlossenes Paar vor uns.
Für die gewöhnliche AnwendungsweLse der Zahnräder würde
iliese Scbliossungsart nicht praktisch soin; sie scheint vlrllcicbt
!iior sngar sehr gesucht; es wird sieb indessen unten zeigen, diiss
172 IV. KAP. UNSELBSTÄNDIGE ELEMENTENPAABE.
sie keineswegs ohne Vorgang ist Für die Praxis bildet man leber
eine sich It'icht darbietende kinemntisehe Verkettung zwischen a
und b. bringt man nämlich an a wie an b konaxial mit ilen
Axoidon oder Thoilkreiscy lindem je einen Cjliuder an. z. B. einen
VoHi-ylinder, rnnsi-hliosst beide mit Hohlcylindeni , und verbimiit
letztere dureh einen festen Steg c mit einander, Fig. 135, so i-t
die Stützung in der Nomialenricbtung NS !-ehr gut VK'wnrkt, -'
e^^BO
zwar, ihiss hier, wie auch silion im vorigen Fidle, der Sclduss iltr
/Ldiupi-olile im den Scheiteln der /ithne anfgepeben wenlen kncm.
Ojis tiau/e ist aber jcl/t stutt eines geschlossenen kinematis'lnR
ra;ires eine sescbbi^sine kiiieni;ttisthe Kette aus drei Uliederu.
I>ic beiden eisten (iho.lcr >ind die n»niialeylindris*^^hen geri.fl.ii
KiTper <i und d mit kunaxialcn cyHmlrischfn Achsen, das drit:-'
der Verbiudnn::-.>tcg r mit zwei (lantUcIen cylintlrisch gehehilcii
Au-.;it.vn, den Ligenin^M-n jener Ach-cii.
Her Ketteiiscl.luss. duivli welchen wir hier das j-cKihMf
nns,lb>t;indi.;c l'a.ir vc>ehl.w^cn. al-o ynlKtliudi- zwansläutig f:.-
EETTENSCHLÜS8IGE PAAKE.
173
muclit haben, ist selir zweckmässig und bekanntlich im aller-
gewöhnüchstcn Gebraiicli, sowohl bei den cylindrischen , als den
Kegelrädern, Hyperbelrädem, Schraubenrädern u. s. w.
Manchmal wird derselbe auch bloss angewandt, um eine kleine
Vereinfachung in der Ausfuhrung zu erzielen, obwohl das zur Paar-
schliessung geeignete Element vorhanden ist, aber nicht ganz aus-
geführt wird. Der in Fig. l'Ad und 137 in zwei Formen dargestellte
Schraubenmechanismus z. B. besteht heidemal aus den folgenden
drei Gliedern: a Schraube mit konaxialon Drebzapfen, b Mutter
mit prismatischer zur Schrauhenachse paralleler Profilirung, c Füh-
rungsprisma für die Mutter mit Lagern für die Zapfen der
Schraube. Fig. 134 zeigt alle drei Paare einzeln vollständig ge-
schlossen, Fig. 135 dagegen den Schluss zwischen b und c unvoll-
ständig. Die Stützung gegen Aufwärtsbewegung der Mnttcr b ist
hier dem Xacbhargliede a übertragen, wozu dasselbe auch in der
That ganz gut geeignet sein kann ; es findet also hier ein sich he-
<iuem darbietender Kettenschluss neben dem unvollständigen Paar-
srhlusse Anwendung.
Auch in Verbindung mit dem Kraftschluss tritt der Ketten-
schlus.s auf. Ein Beispiel liefert das gewöhnliche Zahnschaltwerk,
Fig. 138. Kraftschlüsfiig ist hier die Bewegung des in die Zahn-
lücken eingreifendeu Endes der Schaltklinke, sobald dieselbe rück-
wärts über die Zähne hingeführt wird, kettenscblüssig die Bewe-
gung ihres Gelenk-Endes in Kreisbogen um die Radacbsc herum.
Dieses (ietriebe ist gleichzeitig nur einseitig wirkend oder monoki-
netisch, welche Eigenschaft wir oben bei Fig. 126 besprachen.
Ein lehrreiches Beispiel eines ketten- und zugleich kraft-
schlüfwigen Getriebes liefert die bydranliscbe Presse, Fig. 1 39 (a. f. S.),
bei welcher wir vorläufig die Pumpenventile wegdenken wollen.
jÜ
174 IV. KAI'. rNsi:i,itK'rAXi»KiK i:i,f.mentksi'aaiik.
Das (icliiws (/ fühlt den Ketteiischliiss /.wiscln.'ii di'ii Kolbfu a uuii
6 lierWi, indem os mit ln'iiU'n |)risiiiiitis(li yei>ajii-t ist, Ziigleiili
i,.j ,;(j, »i.TilJi.'sst CS ilie Hüssigkeitf
I kinoiiiiitiscli ein. währen«) ilip
Drucke luif die heiilen Kol-
hcn den Kraitscliluss in ilen
ItfwegungsrirhtunfiPn iW
lüitli gütigen des Was-ierkür-
piM-s bewirken. Die lijdraii-
lische Presse ist das kiiic-
nnitisclieUegcnstiiik zu einer
ilini itusserlieh sehr unülm-
lichen Maschine , ilem Ha-
schennuf;. indem Ik'I ihrtia-
Dmikki-iilUirgan Wasser an
dieStelle des ZugknitturnMii-
Seil jiesetzt ist. Denkt miui
sieh die gehränehliehen rati-
tVn ini^en Rollen dunli je ein
festes (;ieitstink anderstelle
der iilH'ien nnii unteren Fln-
sche ei-sot/t. Fig. U(l. so ist
' die higisihe I ' eh ere in Stim-
mung aiigeidallig *). Die Kette hat /war nur drei Glieder, alleiii die-
rührt daher, ihiss das /iigkraltnrgau der Zusammenfassung dunli
ein (iettiss nicht bedarf. Auch ist die Bewegung des Stückes b
hinsichtlich der (JesammtfiirtschrHitung noch kral't schlüssig (dunli
ilie Last). Würde man b gegen a durch ein l'risnienpaJir gennl-
linig tnlireii. wii wäre die rehereinslinunniig mich vidikiunniemi-
Ks verdient beachtet zu werden, wie mau in der let/teii Zeil nielir
und un'hr auf die s<> zu ueimeude Vertauschbarkeit der Zug- mit
den Drnckkrnrtorganen. wnvnii uns hier ein Beispiel rorlag. aaf-
rksani geworden ist. Die l.uftdriickkliiigeln. wehhe -.ich neuer-
dings verbn-iteii. ■ili-hrn in eiiilacheni und nnuiittelliitreni (iegeu-
■.at/ Ml den alten Draht/n-kHu-.lu. .-I.vi,-... das (eiulach wirkeiul.-i
) h:<
1^ Wickln
^•.l1.->
11 WVfc'^
$ KlüTidii^uziiKf» rmi d«D <lr«libBi
l>liMii((e. »iilireml die*e liocli out den Z»wk bsb-n.
I iiiiit '> ili# srliiiillirlii- Reiimntc zu v>-rnunil-Tn. Oi-r
in rii'hlij:''"! Urill'r eiupii Fiihrunjis-sHtlH naoli Art
KKTTBN- UND KUAt'TSt'JII.L'BS. 175
VVassergestäiig« der ürubeiipuiiipfii zu dum eisernen /uggestäiige.
theilweise auch der Wasserkraii zu dem Seil- oder Ketten krau.
Ein weiteres Beispiel eines Getriebes niit Kraftsclduss liefert
das Wasserrad. Fig. 141. Der Schluss des iin Gerinne c dahin
Hiessenden Wassers ist wieder ein zweifacher. Einmal ist er durch
die latenten Kräfte der Gerinnwände, sodann durcli die Schwer-
kraft, als« kraftschliissig bewirkt, indem letztere Krurt das Aus-
weichen des Wassers nach ol)Pii verhindert. In dem gekröpften
j..- f^i Tlieil des (ierinnes bildet
, das Wasser mit dem gezahn-
ten Riidumfang ein Elemen-
tenpaar, ebenso aber noch
mit dem Gerinne; das Ilad
seinerseits ist durch seine
Dreh zapfen und deren Dager
wieder paarschlüsaig mit
dem (jerinne verbunden. Die
kinematische Kette hat drei
Gheder, nämlich: das Kad a mit seiner Achse, das Wasser b, und
ilas Gerinne c mit den Zapfenlagern. \'ennittelst der Kette wurde
<lie l'aiLFung des bildsamen Elementes b mit dem Elemente a be-
wirkt; der mit in Wirkung tretende Kraftscrhluss erzeugte dabei
gleichzeitig die l'mhiillung , bezieiiungsweise Umscbliessung der
Hadschaufeln durch das bildsame Element b und die Anschmiegung
liesseihen an das nur theilweise geschlossene Gefiiss, als welches
das Gerinne anzusehen ist
,\uch die oben besprochene Axnidrollung (s. §. 37 und 4U\
wird statt durch unmittelbaren Kraftscbluss in manchen Fällen
durch Kettenschluss erzielt oder wenigstens vermittelt. Ein be-
merken swerth es Beispiel liefert die Feilsche Eisenbahn. Bei die-
ser findet anstatt des gebräuchliclieu Aiipressens der Treibräder
durch die Schwere das Andrücken derselben kettenschliissig statt.
indem die liegenden Treibräder durch das eine kinematische Kette
bildende Federwerk, das sogenannte Ffdergeliänge. an die Mittel-
■ichieiie gedrückt werden. In diesen und vielen äbiilicben Fallen
tiiidet die Feder mit ili-m grÜssten Viirtheil Vei-«eiidung , d;i sie
sich als elastisches bildsames Element mit veränderlicher Kraft ge-
brauchen läsat. Uebrigens ist im Federgehänge noch vielfach eine
gewisse Unbestimmtheit der darin zugelassenen Bewegungen, d. i.
eine Art von Vorwiegen des Kraftschlusses gebräuchlich.
176 IT. KAP. UNSELBSTÄNDIGE ELEMENTENPAABE.
Vollständige klnematlBOhe Sobllessung der bildsamen
Elemente.
Wir haben gesehen, wie die bildsamen Elemente durch Paar-
schluss nnd Kettenschluss hefähigt werden konnten, wichtige and
praktisch äusserst wertbvolle kinematische Verwendungen zu erfah-
ren. Wir fanden dabei den Krafischlufis immer iiöthig, allerdings
aber in verschiedenem Maasse. Bei dem Seilzug in Fig. 124 ver-
langten wir von ihm die strikte Erhaltung der Seilrichtungen gegen-
über Störungskräften , die von irgend welcher Seite berkommeu
mochten ; bei der hydrautiscben Presse forderten wir vom Krafl-
schluss nur noch die Abwärtspressung beider Kolben. Wenn wir
noch einen Schritt weiter gelien , können wir ihm ganz entWhrlich
werden, d. h. die bildsamen Elemente ohne Vorbehalt dem machina-
len Prinzip unterworfen sehen.
Die Beseitigung des Kratlschlusses gelingt durch geeignet*'
Verbindung kraftschlüssiger Ketten. Der Kiementrieb, Fig. 142
Pig. U2.
iHt ein vorzügliches Iteispiel hierzu. Indem hier zwischen die nl>
Drehkörper nusgefübrten und mit knnaxialen Achsen versehenen
Itollen a und b der die Achsen umschliessende Verbindungsst^g rf
eingeschaltet, und der auf a gelegte Kiemen c mit dem auf b ge-
legten aus einem Stücke gebildet wird — man nennt den Rienwn
dann einen endlosen — erhält man eine kinematische Kette, bei
welcher das bildsame Element c vom Kraflschluss ganz befreit ist.
Man kann sie als eine Verbindung zweier Ketten nach Fig. l:i''
ansehen, deren Sehlicssungskräfte durchweg gegenseitig *-irken.
KETTENSCHLU88 BEI BILDSAMEN ELEMENTEN.
177
Der Kettenschluss bewirkt übrigens hier zweierlei. Erstens
macht er, wie gesagt, für das bildsame Element c den Kraftschluss
entbehrlich, indem er ihn durch die latente Kraft beseitigt, welche
dem Verbindungsstege ä innewohnt. Zweitens erzwingt ganz der-
selbe kinematische Schluss auch die Ä^oidrollung, von deren Her-
vorrufung durch den Kraftschluss wir in §. 40 sprachen. Die be-
treffenden Axoide sind hier, bei Voraussetzung cylindrischer Gestalt
der Rollen, einerseits die sich auf- und abwickelnde Riemenfläche,
andererseits die Umflächen der beiden Rollen. Diese Flächen
werden durch die im Stege d nach beiden Seiten wirkende Kraft
so fest gegeneinander gepresst, dass sie nicht mehr gegenseitig zu
gleiten vermögen. Die erhaltene Kette hat vier Glieder: die beiden
Rollen a und b mit ihren Achsen, den Riemen c und den Verbin-
dungssteg d mit den Zapfenlagern. Die Bewegungen in der Kette
linden nun ganz so statt, wie in einer aus starren Elementen ge-
bUdeten. Jede Winkelbewegung der einen Rolle führt eine solche
der anderen herbei; auch lässt sich die Kette umkehren, d. h. mit
jedem einzelnen Gliede feststellen, wenn hinsichtlich des Riemens
selbst eine seitliche Beanspruchung vermieden wird.
Als ein Gegenstück zu diesem Getriebe kann die in Fig. 143
angedeutete kinematische Kette angesehen werden. Zwei Kolben
Fig. 143.
a und 6, in ein gefässförmiges Ver-
bindungsstück e prismatisch und
dichtschliessend eingepasst, sind
durch die in d eingeschlossenen
Flüssigkeitssäulen c und d kinema-
tisch verbunden. Wird der Kolben
a nach rechts bewegt, so zwingt die
rechtsgelegene Wassersäule den Kol-
ben 6, nach links zu gehen, wobei
dieser gerade so viel Wasser aus der
linksgelegenen Säule hinter den obe-
ren Kolben treibt, als zu einer Ver-
drängung gebraucht wurde. Trägt
man Sorge, die Räume vollständig
mit Wasser gefüllt zu halten, und
befreit auch das Wasser von der
mechanisch beigemengten Luft, so ist die Wirkung eine so zu sagen
vollkommene, die Kette so sicher geschlossen, als ob sie nur starre
Glieder besässe. Herr Anders söhn hat dies durch interessante
Renleanx, Kinematik.
12
178 IV. KAP. UNSELKSTÄNDIGE ELEMENTENPAABE.
Versuche mit Röhren bis zu 3000 Meter Länge für einfache Wasscr-
gestänge nach Art der Kette in Fig. 139 überzeugend nachge-
Fig. 144, wiesen*). Jede auch noch so kleine Ver-
schiebung des einen Kolbens überträgt sich
sofort auf den anderen. Das vorstehende
Getriebe kommt unter dem Namen doppelt-
wirkendes Wassergestänge als spät sich oln-
stellcndes Gegenstück zu dem obigen Riemeo-
trieb in neuerer Zeit in vermehrte Anwen-
dung. Dass es theil weise durch Neuheit
frappirt hat, ist ein deutliches Zeichen da-
für, dass wir es als Ergebuiss eines Entwicklungsvorganges anzu-
sehen haben.
Ebenso wie die Zug- und Druckkraftorgane liisst sieb aurh
die Feder ketten schlüssig in Getriebe so einfügen, dass die volle
Zwangläufigkeit entsteht. Ein Beispiel liefert die UhrfediT,
Fig. 144. An dem einen Ende mit dem Cyliuder c, am andern
mit dem Gehäuse b verbunden, welches mit c gepaart ist und mit
dem llJiderwerk der Uhr zusammenhangt, ist die Feder als Glied
in eine geschlossene kinematische Kette eingeschaltet, und »ird
hier insbesondere für eine Maschine benutzt, an deren streiij;
zwangläufigeu Gang man die höcliston Ansprüche stellt
'I 8. Zeitnchritt den V. ileutiu.']ii:r In(;fliieure. Bil. XEII. (1869) R. 4".'.
FÜNFTES KAPITEL.
UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE
KETTEN.
Todpunkte in Mechanismen, üeberschreitung derselben
vermittelst sensibler Kräfte.
Die Eigenthümlichkeit, unselbständig zu sein, welche wir bei
einzelnen Elementenpaaren kennen und unschädlich machen lern-
ten, kommt auch bei manchen kinematischen Ketten vor, und wird
durch ähnliche Mittel wie dort ausgeglichen. Schon bei einer ge-
wöhnlichen Dezimalwaage konnte man davon sprechen, dass wegen
der blossen Verbindung der Glieder durch Schneiden nach Fig. 122
die Kette als unselbständig anzusehen sei. Allein diese Art der
rnselhständigkeit ist ja keine andere als die der Elementenpaare,
und ist deshalb als erledigt anzusehen. Es handelt sich vielmehr
um die Unselbständigkeit von Ketten, die ganz aus geschlossenen
Paaren bestehen können, oder bei denen die Schliessung der ein-
zelnen Paare irgendwie geschehen ist.
Wenn in einem Getriebe Bewegung dadurch hervorgerufen
worden ist, dass eines der Glieder in der ihm eigenthümlichen Be-
wegung durch sensible Kräfte getrieben wird, so wird dadurch
nicht stets ohne weiteres eine dauernde Bewegung erzielt. So z. B.
12*
180 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN.
wird in dem in Fig. 145 dargestellten Mechanismus durch Einwir-
kung einer auf die Kurbel a stets normal gerichteten Kraft, welche
Fig. 145.
II' JJiNi!!ii|imi:i,i;ii:;ini||U!lllii'ITii
'!iiiiiiiri.;:ii!'.Miiiiuiiiiii'"iiuiir".jiiiii^iihi.'i"ii''i'iii:ii'"
den Zapfen bei 2 antreibt, der Mechanismus in Bewegung gebracht
und erhalten, wobei durch Vermittlung des Gliedes h der Körper c
in der Führung 4 liin- und hergeschoben wird ; wenn hingegen die
treibende Kraft, statt an a anzugreifen, das Gleitstück c hin- und
herschiebt, es nämlich abwechselnd von 3' nach 3", und von da
wieder unter Umkehrung ihrer Richtung nach 3' treiben sollte, so
würde die Fortsetzung der Bewegung aus den Stellungen 3' und 3"
des Körpers c und diejenige der Kurbel aus den Stellungen 2' und
2" nicht gesichert sein, da in diesen Stellungen die treibende Kraft
durch den festen Lagerpunkt 1 geht und demnach durch das fest-
gestellte Glied d aufgenommen wird. Die genannten beiden Stel-
lungen führen den bekannten Namen der ^todten Punkte" oder
„Todpunkte", auch „Todtlagen" des Mechanismus. Der zu dieser
Benennung führende Begriff ist der, dass die Kette sich der treibt*n-
den Kraft gegenüber wie ein fester Körper, der mit dem ruhenden
Gliede verbunden ist, verhält, dass sie ihre Beweglichkeit, ihr Lelw»n
eingebüsst hat, also gleichsam todt liegt. Diesen Begriff wollen wir
verallgemeinern, indem wir ihn nicht bloss auf den Kurbelmecha-
nismus, für den ihn Watt eingeführt, sondern auf alle übrijr^n
Mechanismen, wo er zur (ieltung kommen kann, anwenden.
Man bedient sich mehrerer Mittel zur Ueberwindung der T<m1-
punkte in Mechanismen. Ein bei dem obigen und in ähnlichen
Fällen gebräuchliches Mittel ist die Anbringung von Schwung-
massen auf solchen Kettengliedern, welche bei der Todtlage dt-»
von der sensiblen Kräfte getriebenen Gliedes eine genügende Ue-
schwindigkoit besitzen, um der lebendigen Kraft der Schwunjr-
masson zu ermöglichen, den Mechanismus über den Todpunkt /u
führen. Bei dem obigen Getriebe, wenn es in der Dampfmascliinf
verwendet wird, bildet dns mit der Kurbel a verlmndene Schwung-
rad in bekannter Häufit'keit das Mittel zur rebei-schreitun^ d«>
TODPUNKTE IN GETRIEBEN. 181
Todpunktes. Das Schwungrad äussert dabei die zur Weiterbewe-
gung des Getriebes erforderliche sensible Kraft; die Erhaltung
der Bewegung der Kette geschieht also durch Kraft schluss. Bei
der Lokomotive bewirkt die sich geradlinig fortbewegende Masse
des ganzen Werkes die Ueberschreitung der Todpunkte, sobald die
Maschine im vollen Gange ist; meistens verlegt man die Schwung-
massen indessen in rotirende Körper. Hie und da findet man
auch blosse Gewichte, welche, ohne besondere Geschwindigkeit zu
besitzen, also bloss statisch, die kraftschlüssige Ueberwindung des
Todpunktes ausfuhren.
§. 46.
üebersolireitiuig des Todpunktes durch EettensoMuss.
Die Anwendung des Kraftschlusses zur Ueberschreitung des
Todpunktes ist nicht in allen Fällen angemessen. Namentlich hat
sich auf dem Gebiet der Dampfmaschine wiederholt Anlass gefun-
den, zu einem anderen Prinzip zu greifen. Es geschah dies in den-
jenigen Fällen, wo auch bei ganz geringer, kaum merklicher Ge-
schwindigkeit des Mechanismus, namentlich beim wiederholten
Anlassen desselben, der Ueberführung von der Ruhe zur Bewegung,
die Ueberschreitung des Todpunktes nöthig wurde, wie es bei
den Lokomotiven, SchifiFsmaschinen, Fördermaschinen der Berg-
werke u. s. w. der Fall ist. Dieses andere Prinzip besteht in der
Zuhilfenahme einer zweiten kinematischen Kette, welche
mit der ersten derartig verbunden wird, dass sie sich in einer wir-
kungsfähigen Lage befindet, wenn die erstere todt liegt. Meistens
werden zwei gleichartige Ketten miteinander verbunden, woraus
dann der Vortheil hervorgeht, dass ihre Aufeinanderwirkung eine
gegenseitige ist.
Um den obigen Kurbelmechanismus todtpunktfrei zu machen,
wird er z. B. mit einem zweiten ihm gleichen so zusammengesetzt,
Fig. 146 (a. f. S.), dass die beiden Kurbeln eine gemeinsame Achse
haben und bei parallelen Schubrichtungen um 90*^ gegeneinander
versetzt stehen, eine Form, die bei den Lokomotiven die ganz ge-
bräuchliche ist, überhaupt bei den sogenannten Zwillingsdampf-
maschinen in der ausgedehntesten Anwendung steht. Stellt man, statt
die Kurbelarme rechtwinklig zu setzen, die Schubrichtungen selbst
unter 90^ gegeneinander, siehe Fig. 147, so kann eine einzige Kurbel
182 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN.
für beide Mechanismen zugleich dienen; viele SchraubenschiflFe zei-
gen diese Einrichtung, die auch bei Landdamp&naschinen schon
Eingang gefunden hat. In diesem wie im vorigen Falle ist voraus-
Pig. 146.
gesetzt, dass in beiden Ketten die treibende Kraft (Dampfdruck)
auf die Körper c und (/ einvrirke.
Fig. 147.
Ein audonr Moohaui>nuis, in woKhoiu dun*h Kettenschlus>
dio rclHM-srhivituiii: do< Todpunkti*^ K^>\"irkt winK ist der in fol-
c^Mhlor Kiijuv Nki/iilo, Hior miuI .'woi cUiche und |Kinillele Kur-
boln (I und r dmvh om Vorbind'in«r<lii\l h verknüpft, dessen Längo
TODPUKKT- ÜBERSCHREITUNG. 183
gleich derjenigen des Verbindungssteges d ist. Die Figur 1, 2, 3,
i ist deshalb ein Parallelogramni , die Lagen 1/2', 3V4 und 1, 2",
3", 4 aber Todtlagen, und zwar sowohl für den Fall, dass die be-
Fig. 148.
Fig. 149.
wegende Kraft in a, als dass sie in c eingeleitet werde. Die Tod-
punktüberschreitung lässt sich ermöglichen durch Zufugung einer
zweiten der ersten gleichen Kette a' b' c' d\ mit der ersten so ver-
bunden, dass die Kur-
beln a und a' sowohl,
als c und c' je eine ge-
meinschaftliche Achse
haben und einen Win-
kel von 90^ einschlies-
sen, ausserdem d mit d'
fest verbunden ist, d. h.
beide festgestellt wer-
den, Fig. 149. Die Lo-
komotiven mit gekup-
pelten Achsen geben
Beispiele hierzu.
Eine andere Methode,
die auf denselben Me-
chanismus Anwendung
findet, ist diejenige,
dass in der Ebene der
beiden ersten Kurbeln
— sie sind in Fig. 150
mit b und d bezeich-
net — eine dritte ihnen
gleiche V gelagert wird,
welche mit b wie mit d
durch je ein Kuppe-
lungsglicd 6,3 und 6,4
verbunden ist, während
Fig. 150.
184 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN.
ihr Aclisenlager derart mit dem Verbindungsstege a vereinigt wird,
dass 1, 4, 6, 5 und 3, 2, 6, 5 ebenfalls Parallelogramme sind. Hier
sind drei der ersten gleichaüige Ketten miteinander verbunden,
von denen, wenn die Punkte 4, 3 und 6 ein Dreieck bilden, immer
nur einer sich in einer Todtlage befinden kann. Die Anwendungen
auch dieses Mechanismus sind nicht selten. In den beiden letzten
Beispielen handelt es sich um Uebertragung von Drehbewegungen.
§.47.
Schliessung kinematischer Ketten durch Elementen-
paare.
Während wir früher (§. 42) fanden, dass in gewissen Fällen
Elementenpaare durch kinematische Ketten geschlossen werden,
finden wir auch den umgekehrten Vorgang, dass kinematische
Ketten durch Elementenpaare geschlossen werden, nicht
sowohl in Umkehrung der Deutung jener Kettenschliessungen, als
vielmehr als wirklich zu einer vorhandenen, aber nicht ausreichen-
den Kettenschliessung hinzutretende Schliessung.
Schon bei dem Mechanismus, den Fig. 151 wiederum vorführt
können wir eine eigenthümliche Bemerkung hinsichtlich der Auf-
einanderfolge der einzelnen Bewegungsphasen machen, welche
Fig. 151.
y. ,v *- . ,''^
nicht ganz gleichgültig ist. Denken wir uns, dass der Todpunkt *J'
aus der Stellung 2 durch Linksdrehung der Kurbel erreicht wor-
den sei, und zwar vermöge Verschiebung des Stückes c durch eine
treibende Kraft, und lassen darauf diese letztere an c in der umge-
kehrten Richtung angreifen, so ist, wenn eine Ucberschreitung des
Todpunktes weder durch Kraft- noch durch KettenscliHessung her-
beigefiihrt worden war, sowolil die Vorwärtsbewegung der Kurliel im
unteren Halbkreis, als auch die Rückwärtsbewegung im oberen
möglich. Die Bewegung in der Kette ist also eine nicht v<Uliir
WECHSELPUNKTE. 185
gezwungene, oder die Kette nicht im ganz vollen Sinne geschlossen,
wenn wir den ganz vollständigen Schluss darin sehen, dass der-
selbe bei jeder Bewegung eines Gliedes auch nur eine einzige
jedes anderen Gliedes gestatte. Indessen ist die gedachte rück-
läufige Bewegung der Kurbel a doch im Grunde nicht verschieden
von der vorher vollzogenen Bewegung, indem man ja die Bewegung
des Schubstückes c von links nach rechts ebenfalls als eine rück-
läufige ansehen kann, womit denn der Beweguhgszusammenhang
ganz als der vorige erscheint.
Anders aber verhält es sich unter ähnlichen Umständen mit
dem Mechanismus der zwei parallelen Kurbeln, welchen wir oben
besprachen. Denken wir uns hier, Fig. 152, aus der Lage 2, 3 die
Fig. 152. .
Lage 2', 3' durch Drehung in der Pfeilrichtung erzeugt, und nun
bei Abwesenheit einer Vorkehrung zur Ueberschreitung des Tod-
punktes die Kurbel a weiter vorwärts bewegt, so kann die Kurbel
c auch statt vorwärts zu gehen, sich rückwärts bewegen, und z. B., *
wenn a nach 2'" gelangt ist, wieder nach 3 zurückgegangen sein,
um, wenn a bis 2" gefuhrt wird, ihrerseits in der Todtlage 4, 3"
anzukommen. Von hier aus kann die rückläufige Bewegung durch
den anderen Halbkreis fortgesetzt werden, während a wieder nach
2 u. s. w. geht. Kurz die Kurbel c kann bei rechtläufiger Bewe-
gung von a sich sowohl rechtläufig als auch rückläufig bewegen,
und zwar geschieht die letztere Bewegung nach einem ganz an-
dern Gesetze als die rechtläufige. Der Uebergang von der einen
Bewegungsweise des Mechanismus zur anderen kann von jedem
der beiden Todpunkte aus stattfinden. Thatsächlich ist also dies-
mal die Kette in den beiden Todpunkten nicht geschlossen, und es
wurde somit durch die obigen Vorkehrungen zur Uebcrwindung
der Todpunkte, die durch Fig. 149 und 150 dargestellt werden,
auch die eigentliche Schliessung der Kette bewirkt. In den Todt-
lagen kann hier, wenn eine solche Schliessung nicht vorhanden ist,
ein vollständiger Wechsel im Bewegungsgesetz des Getriel)es ein-
186 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN.
treten , der Mechanismus also geradezu ein anderer werden. Wir
wollen eine solche Lage der Glieder eines Getriebes eine Wech-
sellage oder einen Wechselpunkt nennen.
Der Kettenschluss, welchen wir vorhin in zwei Formen, Fig. 149
und Fig. 150, anbrachten, diente dazu, bei rechtläufiger Bewegung
der Kurbel a eine ehen solche der Kurhel c zu erhalten. Es fragt
sich, wie die Schliessung zu vollziehen sei, um bei rechtläu6gem
Gange von a den rückläufigen von c zu erzwingen, oder allgemei-
ner, um die beiden Kurbeln gegenläufig statt gleichläufig zn
machen.
Diese Schliessung kann hier, wie überhaupt in allen Ketten,
welche Wechselpunkte besitzen, dadurch geschehen, dass man
die in der Wechsellage ungeschlossenen Glieder durch
eine solche unmittelbare Elementenpaarung verknüpft,
welche der beabsichtigten Art des Mechanismus ent-
spricht.
Um dies ausführen zu können, muss man, wie wir aus dem
dritten Kapitel wissen, die Axoide oder die Polbahnen der zu
paarenden Körper kennen. Letztere Körper sind hier z. B. die
beiden Kurbeln a und c, oder auch die beiden Glieder b und rf,
überhaupt zwei gegenüberliegende Glieder in der viergliedrigen,
aus vier parallelen Cylinderpaaren gebildeten Kette, Fig. 153,
Flfr. 153.
welche wir bereits in §. 8 und 9 hinsichtlich ihrer Polbahnen vor-
läufig untersucht haben. Diese letzteren stellten sich damals als
sehr verwickelte Gebilde heraus; hier nehmen sie wegen der
Gleichheit der gegenüberliegenden Kettenglieder besonders ein-
fache Gestalten an. Sie sind, wohl zu beachten unter der Vor-
aussetzung, dass die Kurbeln gegenläufig sind, in der folgenden
Figur dargestellt.
Für die Glieder a und c, das kürzere Paar, werden sie Ellip-
sen, deren Hronnpunkte die Endpunkte 1, 2 und 3, 4 der Kurlu'lu
GEGENLAÜTIGE KUBBELN.
187
sind, und deren grosse Achsen AB und CD die Länge der Ver-
bindungsglieder b und d haben; der Pol P bewegt sich auf den
Verbindungsgliedern 6 und d hin und her. Für diese letzteren
Fig. 154.
Glieder werden die Polbahnen Hyperbeln, deren Hauptachsen
EF und G H mitten auf b und d liegen und die Kurbellänge a = c
zur Länge, sowie die Punkte 2, 3 und 1, 4 zu Brennpunkten haben;
der Pol O durchläuft jeden Hyperbelast bis zur Unendlichkeit, um
darauf auf den anderen Ast bei — oo überzuspringen.
Soll zwischen zwei gegenüberliegenden Gliedern für die
Wechsellage eine Paarung vorgenommen werden, so wird dieselbe
hiemach auf jeden Fall eine höhere sein müssen; dieselbe braucht
indessen nicht weiter zu gehen, als es kleinen Stücken der während
des Durchlaufens der Wechsellage aufeinander wälzenden Kegel-
srhnittbogen entspricht. Diese Bogen sind, wenn wir als zu
pjiarende Glieder die beiden kürzeren, a und c, wählen, die EUip-
188 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN.
senscheitel J., B und C, D an den Enden der langen Achsen.
Indem wir daselbst je einen Zahn und eine Lücke anbringen, wie
es Fig. 155 andeutet, erhalten wir einen Mechanismus mit nun-
Fig. 155.
— «r—
mehr wirklich geschlossener Kette. Derselbe ist von mir zuerst
angegeben und damals mit dem Namen Gegendrehungskur-
beln belegt worden*). Ich komme später auf ihn zurück, um als-
dann auch noch eine andere Benennung zu besprechen.
Sollen statt der kürzeren die beiden längeren Glieder b und d
gepaart werden, so ist zu beachten, dass in der Wechsellage sich
die Hyperbelscheitel F und G, beziehungsweise E und // berühren.
Fig. 156.
*'•
Bringen wir deshalb in diesen Punkten wieder je einen Zahn und
die zugehörige Lücke an, Fig. 156, so ist auch diese Paarung zur
Schliessung der Kette geeignet. Wir haben demnach hier sogleich
zwei Lösungen der gestellten Aufgabe vor uns. Wollte man ni>ch
weiter gehen, so könnte man für den einen Todpunkt die erste, für
den anderen die zweite Schliessungsweise zur Anwendung bringen.
Ein anderes beachtenswerthes Beispiel der Schliessung einer
mit einem Wechselpunkt behafteten Kette durch ein Paar ist das
•) Siehe Civil-Ingenieur V. (1859) S. 99.
GETfilBBE MIT WECHBELPUNKTEN. ■ 189
folgende. Wird in dem in Fig. 145 dargestellten Getriebe die
Länge des Gliedes 6 gleich derjenigen der Kurbel a gemacht, so
wird das Gleitstück c bei einer Vierteldrehung der Kurbel a von
dem Endpunkte 3' seines Hubes bis zum Kiirbeldrehpuokte 1 ver-
schoben, und würde bei Fortsetzung der Drehung um weitere 90"
sjmmetriach zur vorherigen Schiebung verlegt werden, wenn nicht
gerade bei Eintritt der mittleren Kurbelstellung ein Wechaelpunkt
im Getriebe entstanden wäre. Es fallt dann nämlich das Zapfen-
mittel 3 des Gleitstückee mit dem Drehpunkt I zusammen; a und b
decken sich und sind gemeinschaftlich um eine durch 1 gehende
Achse drehbar. Die Kette ist also hei Eintritt dieses Wechsels in
ein Elementenpaar übergegangen. Um den Wechselpunkt un-
schädlich zu macheu , können wir die Paarung des Gliedes b mit
dem gegenüberliegenden d anwenden, und müssen daiiir die Pol-
bahnen der beiden Stücke kennen.
Diese sind, wie eine nähere Betrachtung der gegenseitigen
Bewegungen von b und d lehrt, Cardanische Kreise, Fig. 157: der
kleine vom Halbmesser a = i, beschrieben aus dem Punkte 2, mit
Fig. IST.
b verbunden, der grosse, vom doppelten Halbmesser, beschrieben
aus dem Punkte 1 , mit d verbunden. Die Paarung im Wechsel-
punkte ist somit leicht zu vollziehen, indem wir nur b und d mit
kleinen Stücken Verzahnung, welche beim Eintreten des Getriebes
in die Wechsellage zum Eingriff kommen, zu versehen brauchen.
Das Umfangsvcrhältniss 1 : 2 der Polbahnen und die einfache
Gestalt dieser letzteren erleichtert die Lösung sehr. Bringen iiir
190 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN.
z. B. an h im Punkte 5, dem Gegenpunkte des Punktes 3, einen
Zahn an, so wird derselbe beim ersten Wechselpunkt in 5', beim
zweiten in 5", woselbst die zugehörigen Lücken anzubringen sind,
eingreifen können, der Mechanismus aber damit geschlossen sein»
wie die Figur leicht übersehen lässt. Bemerkenswerth ist, dass
der Punkt 3 bei jeder halben Umdrehung der Kurbel a einen Weg
gleich vier Kurbellängen durchläuft, während bei dem Getriebe in
Fig. 145 der Weg des Punktes 3 nur zwei Kurbellängen beträgt
Das vorliegende Getriebe ist schon länger bekannte Es wurde
1816 von Dawes mit geringen Abweichungen in einer Dampf-
maschine angewandt, auf welche ich zurückzukommen habe*).
Uebersehen darf* man nicht, dass die stattgefundene Schliessung
keineswegs die Ueberschreitung der Todpunkte 3' und 3", welche
eintreten würden, wenn man die bewegende Kraft durch das
Gleitstück c einleitete, bewirken. Dies würde auch durch Paarung
weder hier noch auch bei dem Mechanismus in Fig. 145 mögUch
sein , weil nämlich der Pol beim Eintritt dieser Todpunkte gerade
in der Verlängerung der Schubrichtung liegt, die treibende Kraft
also dann gerade durch den Pol selbst geht.
Ueberhaupt ist die Todpünktüberschreitung durch höhere
Paarung nur dann ausführbar, wenn die Polbahnen eine geeignete
Gestalt haben. Diese darf nicht so beschaffen sein, dass die trei-
bende Kraft in dem Augenblicke, wo der Todpunkt eintritt, durch
den Pol selbst geht, indem dann ihr Hebelarm, also ihr statisches
Moment, bedingungslos Null wird.
Als ferneres Beispiel sei noch ein merkwürdiges (ietriebe ange-
führt, welches durch Längenänderung aus der Kette in Fig. ir)3
entsteht. Macht man je zwei benachbarte der Glieder a^ h^ e, d
gleich lang, die gegenüberliegenden aber ungleich lang, Fig. 15^
so erhält man bei Feststellung des einen der kürzeren Glieder
einen Mechanismus, welcher ebenfalls zwei W^ecliselpunkte besitzt.
Der erste tritt ein , wenn a bei Drehung nach der Linken hin in
1, 4 anlangt, wobei Punkt 3 nach 3' gekommen ist, und, wenn
keine Schliessung vorgenommen war, die Kette in ein Cylinder-
paar übergeht, welches um 4 drehbar ist. Der zweite Weohsel-
punkt tritt ein, wenn a danach eine ganze weitere Drehung um 1
vollzogen hat, somit abermals in 1 , 4 angelangt ist, wobei 3 nach
•) Sifl.e §. 81».
GETRIEBE MIT WECHSELPÜNKTEN.
191
T gelangt ist. Die zusammenfallenden Stücke b und c können
dann abermals um 4 rotiren.
Fig. 158.
Die Kurbel a bewirkt also bei einer ganzen Drehung — die
Schliessung der Kette als vorhanden vorausgesetzt — eine halbe
Drehung der Kurbel c, oder umgekehrt: die Kurbel c ertheilt der
Kurbel a bei jeder ganzen Drehung zwei Umdrehungen. Dieses
Getriebe ist von Galloway zuerst angegeben worden, und zwar
unter der Angabe des Kraftschlusses durch Schwungmassen als des
Mittels zur Ueberschreitung der Wechselpunkte. Auch nahm Gal-
loway an, dass die Längen der Kurbeln a und c sich wie 1 :2 ver-
halten müssten, was, wie man sieht, eine unnöthige Einschrän-
kung ist.
Behufs Paarschliessung der Kette ist die Kenntniss von deren
F*olbahnen erforderlich. Da die gegenüberliegenden Gliederpaare
2. 3 und 1, 4 gleich den Gliedern 4, 3 und 1, 2 sind, so fallen die
beiden Polbahnenpaare identisch aus, weshalb in Fig. 159 (a. f. S.)
nur eines dieser Kurvenpaare eingetragen ist. Die beiden Kurven
haben eine nahe Verwandtschaft mit den einfacheren Polbahnen
des vorigen Falles, indem sie sowohl ebenfalls innere Rollung
haben , als auch in ihren Umfangslängen sich wie 1 : 2 verhalten ;
dagegen bekunden sie sofort das ungleichförmige Geschwindig-
keitsvörhältnisR der beidenjrotirenden Stücke a und c. Der leicht
^f'hraffirte und grössere Ast 2-4 2 der Polbahn zu a rollt in dem
Bogen ECF der Polbahn zu r, die Schleife 2jB2 in dem Bogen
192 V. KAP. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEN'.
ED F. In den Wechsellagen sind die Scheitel A und C, bezie-
hungsweise B und D in Berührung. Indem wir daselbst Zähne
Fig. 159.
J ^-.W.Ut.H...tU..>.......' .. I,.,U.|.|| h.ll...lh. .]^. 1 I,.,.-' I ■.■Ill-|.l> '.'IM... . . .! ■■
3 ' ^
|_. , ' j 1)1 tt.i.uiti I Hl ll' "•',! H'Jf.ljit". .'.■('! ■ I I MiL I ! !■! ■LiiÜüij-'i,'' IjIILl' 1
und Zahnlücken anbringen, erhaltt»n wir auch hier vollstündi^»'
Paarschliossung. Der Grundriss zu unserer Figur zeigt, wie roii«
etwa die konstruktive Ausführung, soweit es die Anordnung Ix*-
P0BT8CHRITT DES KETTENSCHLUSSES*. 193
trifft, vornehmen, und die von Galloway empfohlene Kraft-
schliessimg mit Vortheil würde ersetzen können. Es soll übrigens
damit hier nicht für die praktische Verwendbarkeit des Mechanis-
mus eingetreten werden; bisher erscheint er nicht über das, aller-
dings grosse, theoretische Interesse hinaus gelangt zu sein. In-
dessen kann man ja immerhin nicht wissen, ob nicht noch eine
nützliche Verwendung auftaucht. Es braucht wohl nur eben be-
merkt zu werden, dass ähnlich wie oben bei dem Mechanismus in
Fig. 154, auch das zweite Polbahnenpaar bei der PaarscUiessung
hätte benutzt werden können.
Zu den Vorrichtungen, welche wesentlich den Zweck haben,
die Todpunktüberschreitung zu bewirken, gehört auch der Wind-
kessel der Feuerspritzen, Dampfpumpen, Wassersäulenmaschinen,
ebenso derjenige des Blasebalges, sowohl des einfachen Handblase-
balges, als des Schmiedeblasebalges und der Windbälge der Kirchen-
orgel, auch sogar der sogenannte Regulator der Cylindergebläse
für Hochöfen und andere metallurgische Anlagen; Der Windkessel
erfüllt gleichzeitig — ganz entsprechend dem Schwungrade der
Kurbeldampfmaschine — den Zweck, die Bewegung des abströmen-
den Druckkrafborgänes gleichförmig zu machen, d. h. er wirkt auch
über den Todpunkt hinaus und bereits vor Eintritt desselben. Seine
Wirkung beruht, abermals wie die des Schwungsrades, auf dem
Kraftschluss; nur geht sie in dieser Beziehung noch weiter, indem
auch dasjenige Organ, vermittelst dessen die Wirkung ausgeübt
wird, die Luft, selbst noch kraftschlüssig ist.
Im allgemeinen ist in der Maschinenpraxis die interessante
Beobachtung zu machen, dass die kettenschlüssige Ueberschreitung
der Tod- und Wechselpunkte in Mechanismen mehr und mehr an
die Stelle der kraftschlüssigen gesetzt wird. Zu ganz bedeuten-
dem Theil baut man jetzt unsere Dampfmaschinen, namentlich
diejenigen, welche umgesteuert werden müssen, als sogenannte
gekuppelte oder Zwillingsmaschinen, d. h. als solche mit ketten-
schlüssiger Todtlage. Dies hat sich sogar auf jene gröbsten aller
unserer Dampfmaschinen, diejenigen der Walzwerke, ausgedehnt,
wo man früher die Schwungmassen als conditio sine qua non ansah.
Die Nothwendigkeit des Umsteuerns bei Herstellung der Panzer-
platten hat zunächst dahin gedrängt, um wahrscheinlich viele Nach-
folge auch ohne diesen Zwang nach sich zu ziehen. Auch auf
nicht umzusteuernde Landdampfmaschinen hat sich das Zwillings-
prinzip ausgedehnt; die Lokomotiven und Schiffsmaschinen schei-
Beulesux, KinemaÜk. * 13
194 V. KA^. UNSELBSTÄNDIGE KINEMATISCHE KETTEK.
nen den Anlass gegeben zu haben, die Zweckmässigkeit der Ein-
richtung erhält und verbreitet sie. Nicht minder als bei den Dampf-
maschinen sehen wir bei den obenerwähnten Gebläsemaschinen
durch Vermehrung der Cylinderzahl, durch Zufugung besonderer
Regulircylinder, deren Kolben durch Kurvenscheiben getrieben
werden, sowie durch Anbringung anderer Vorrichtungen das Be-
streben bethätigt, den Kettenschluss an die Stelle des Kraftschlusses
zu setzen. Ohne Zweifel haben wir durchweg hier eine deutlich
erkennbare Neigung des Maschinenwesens vor uns, seine älteren
Formen zu verlassen, um zu solchen überzugehen, welche eine
strengere Lösung der gestellten Aufgabe, nämlich eine bestimmtere
Erzeugung der beabsichtigten Bewegungen ermöglichen.
SECHSTES KAPITEL.
BLICK AUF DIE ENTWICKLUNGS
GESCHICHTE DER MASCHINE.
„Wie viele Schöpfungen der Kunst, wie viele Wunder des Fleisses,
welches Lieht in allen Feldern des Wissen», seitdem der Mensch in der
traurigen Selbstvertheidigung seine Kräfte nicht mehr unnütz verzehrt,
seitdem es in seine Willkür gestellt worden , sich mit der Noth abzu-
finden, der er nie ganz entfliehen soll; seitdem er das kostbare Vorrecht
errungen hat, über seine Fähigkeit frei zu gebieten, und dem Ruf sei-
nes Genius zu folgen ! Welche rege Thätigkeit überall , seitdem die
vervielfältigten Begierden dem Rrfindungsgeist neue Flügel gaben , und
dem Fleiss neue Räume aufthaten!" Schiller.
„Im Besitze des Gedankens der Weltentwicklung ist uns die Ge>
schichte nicht mehr ein abgegrenzter Horizont, es wiederholt sich in
ihr nicht mehr in ermüdendem Gleichmaass von Jahrhundert zu Jahr-
hundert das Nämliche; sondern in unermessener Tiefe folgt eine Da-
seinsform der andern, die Natur enthüllt uns in unendlicher Reili^ ihre
Wunder, und die Seele erhebt sich, ein himmlischer Genius, und rauKcht
mit gewaltigem Flügelschlag durch die Aeonen!** Geiger.
§.48.
Anfänge und Fortbildung der Maschine.
Die Untersuchungen, welche uns in den beiden letzten Kapi-
teln beschäftigt haben, fuhren uns unwillkürlich in ein Gebiet, das
zwar mit einer deduktiven Theorie des Maschinenwesens nicht
nothwendig zusammenzuhängen scheint, welches aber wegen der
Entstehung der Maschine im Menschengeist unser InteresHe aufs
196 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
höchste beanspruchen darf, daneben aber auch thatsächlich für
das Verständniss unseres Stoffes von wesentlicher Bedeutung ist:
in das Gebiet der Entwicklungsgeschichte der Maschine.
Freilich wage ich den Leser nur wenige Schritte In dasselbe hin-
einzuführen. Einestheils weil die Sache selbst, wie gesagt, nicht
gerade mitten im Wege liegt, anderntheils weil zu wenig geord-
nete historische Forschung vorhanden ist, um mit der erwünsch-
ten Sicherheit das Bild überall konstruiren zu können.
Uebrigens ist Entwicklungsgeschichte hier nicht zu verwech-
seln mit Geschichte. Geschichte giebt uns in zeitlicher Folge die
Reihe der individuellen Erscheinungen, die auch Rückschritt und
Untergang sein können. Entwicklungsgeschichte dagegen sucht
nur die Vorstufen zum bekannten Zustande; sie hebt in jedem sich
entwickelnden Volke aufs neue an; ja sie spiegelt sich wieder in
der Entwicklung jedes einzelnen menschlichen Individuums. Die
Geschiclite der Maschine lässt sich schon mit einiger Vollständig-
keit geben, wenigstens für einzelne Abzweigungen, wie z. B. die
Mühlen, die Fuhrwerke, die Dampfmaschine, und es geschieht auch
in erfreulicher Zunahme immer mehr und mehr in dieser Richtung.
Die Entwicklungsgeschichte der Maschine hingegen ist nicht mög-
lich ohne vorhergehende Gestaltung der Begriffe von der Maschine,
also gerade unseres Grundthemas, und aus solchen erst hervor-
gehende, noch unausgeführte Forschungen. Immerhin indessen
lassen sich durch Reflexion aus dem Bekannten und dessen, was
um uns herum vorgeht, einige Schlaglichter auf das Vergangene
werfen. Dies ist es auch vorwiegend, was ich von dem gewonnenen
Standpunkte aus jetzt versuchen möchte.
Wer die Entwicklung der Maschine verstehen lernen will,
muss sich vor allem darüber klar werden, was wir vollkommen oder
unvollkommen an der Maschine nennen. Von der Güte des Erzeug-
nisses der Maschine darf man auf ihre Vollkonmienheit nur dann
rückwärts schliessen, wenn man die Thätigkeit der Menschenhand
ausscheidet Gewisse indische Gewebe z. B. sind von ausgezeichneter
Güte und Feinheit, obwohl sie auf einem sehr mangelhaften Web-
stuhl erzeugt sind; bei ihnen spielt vom Anfang der ganzen Her-
stellung an die Gescliicklichkeit der mitwirkenden Menschenhand
die bedeutendste Rolle. Die Menschenhand wird man aber bei
keiner Maschine je ganz entbehren können, sei sie auch nur zum
Einleiten oder Abbreclien des machinalen Prozesses erforderlich.
F^s bleibt demnach übrig, duss die vollkommenere Maschine den ihr
URANFÄNGE DER MASCHINE. 197
zugewiesenen Antheil an der Aufgabe besser erfülle, und dass
dieser Antheil selbst ein grösserer Bruchtheil der ganzen Auf-
gabe sei. In diesen beiden Richtungen, der intensiven und der
extensiven, sucht in der That die heutige Maschinen-Industrie vor-
anzuschreiten. Beide • wirken zudem aufeinander ein, so zwar,
dass nach Erzielung jeder besseren Erfüllung des gegebenen
Zweckes alsbald, wie durch Naturtrieb, auch eine Ausdehnung des
Antheils an der Aufgabe folgt.
Das Ziel, welches wir uns hier zu setzen haben, ist nun nicht
sowohl dasjenige, die allmähliche Zunahme der Leistungen der Ma-
schine und die Erweiterung ihres Anwendungskreises festzustellen,
als vielmehr dasjenige, ausfindig zu machen, welche Mittel die Be-
fähigung der Maschine so gesteigert haben, wie wir es vor uns
sehen, d. h. welches der allgemeine Inhalt ihrer Verbesserungen
gewesen ist. Noch genauer gesprochen handelt es sich für uns hier
darum, worin die allmähliche Verbesserung der machinalen Mittel
ihrem Wesen nach bestanden hat. Je« klarer wir uns dieses machen
können, je mehr wir die Vorstellung hiervon aller NebenbegriflFe
zu entkleiden und für sich objektiv hinzustellen vermögen , um so
eher kann es uns künftig gelingen, bewusst auf dem Wege der Ver-
vollkommnung der Maschine voranzuschreiten.
Wir müssen, um unsem Zweck zu erreichen, die Maschine wo-
möglich von ihrer Entstehung an verfolgen.
Sucht man historisch nach den Anfängen der Maschine, so
wird man immer weiter und weiter in die Vergangenheit zurück-
geführt Alle Völker, welche in die Geschichte eintreten, zeigen sich
mehr oder weniger mit Maschinen, wenn auch von unvollkomme-
ner Art, ausgerüstet. Die wirklichen Anfange finden wir bei ihnen
nicht, nur von Fort- und Ausbildungen geben ihre Ueberlieferun-
gen uns Auskunft. Wir sind daher gezwungen, das historische
Gebiet zu verlassen und auf das vorhistorische zurückzugehen. Zu-
nächst kann dies künstlich dadurch geschehen, dass wir das ethno-
graphische Gebiet betreten, nämlich auf das Studium der Natur-
völker eingehen, welche nach unserer berechtigten Annahme auf
Entwicklungsstufen stehen, die von allen kultivirten Bevölkerungen
des Balles einst durchlaufen worden sind. Denn mehr und mehr
führt die Forschung zu derUeberzeugung, dass die menschliche Art
im grossen Ganzen auf gleicher Stufe überall Aehnliches hervor-
bringt, dass sie nach grossen ihr innewohnenden Naturgesetzen vor-
schreitet««). Je weiter wir indessen hier eindringen, und wenn wir (hw
198 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
Gefundene zusammenhalten mit den uns jüngst zugänglich gewor-
denen Resten gänzlich untergegangener und vorgeschichtlicher
Kulturen und Halbkulturen, um so deutlicher wird uns, dass wir
nicht das Maschinenwesen allein rückwärts zu verfolgen vermögen,
sondern dasa dasselbe sich verflicht mit der Gesammtheit der Ent-
wicklung der Völker, ja des Menschengeschlechts. Wir bemer-
ken, mit anderenWorten, dass die Forschung genöthigt ist, in die
dunkelen Fernen der Entwicklungsgeschichte der Menschheit hin-
aufzusteigen, um die ersten Keime, die ersten Wurzelfaden der
Begriffe aufzufinden, welche im Laufe ungezählter Jahrtausende
sich langsam fortgebildet haben , bis in entwickelte Zivilisationen
hinein, durch hohe Kulturen und zwischen untergehenden hindurch,
um dann endlich bei den Abendländern in den letzten zwei Jahr-
hunderten ihren bis heute im Steigen gebliebenen Aufschwung zu
empfangen. Es ist deshalb theils beim Archäologen, theils beim
Philologen, theils beim Ethnographen und Anthropologen, dass wir
unserem Gegenstande nachzugehen haben.
Neben dem Studium der gefundenen oder bloss durch Ueber-
lieferung erhaltenen Reste hat man noch das viel feinere, mittel-
bare der in der Sprache selbst erhaltenen Spuren des Entwick-
lungsganges der menschlichen Fähigkeiten zu Hilfe genommen und
ist in der sogenannten linguistischen oder glottischen Archäologie
zu namhaften Resultaten gelangt Einem Linguisten verdanken
wir auch einen beachtungswerthen und eindringenden Versuch, die
ersten Anfänge der Maschine aufzuspüren. Der seiner Wissenschaft
leider schon durch den Tod entrissene Sprachgeschichtsforscher
Geiger hat in zwei veröffentlichten Vorträgen über die Entste-
hung des Werkzeuges und die Entdeckung des Feuers*)
einige Grundlinien gezogen , welche der Fachmann , der dem vor-
historischen und historischen Fortgang bis heute folgen will, nicht
ausser Acht lassen sollte. Geiger zieht in seiner gedankenreichen
kleinen Schrift aus vielseitigen und tief gehenden Erwägungen den
Schluss, dass die Drehbewegung die erste gewesen, welche der
Mensch durch Einrichtungen, die ich machinale genannt, erzeugt
habe. Das Reibholzfeuerzeug, welches bei den religiösen Hand-
lungen des indogermanischen Urvolkes als „Doppelholz" eine he-
deutendo Rolle spielt, und dessen sich wilde Völkerschaften noch
heute so vielfach bedienen, ist nach ihm eine der ersten, wenn
*) Geiger, zur EntwicklungH^eHchichte der Menschheit. Stuttj^rt 1H7!
BAS REIBHOLZFEUEKZEUG.
199
Fig. 160.
nicht die allererste Maschine oder erste Vorrichtung, welche diesen
Namen verdient, gewesen*), und zwar in einer so frühen Zeit,
dass in ihr wahrscheinlich das Feuer noch nicht zu häuslichen
Zwecken, sondern nur zu kultlichen verwendet wurde. Denn wich-
tige Gründe sprechen mehr und mehr dafür, dass das Menschen-
geschlecht eine feuerlose Zeit insofern durchlebt hat, als es „das
freundliche Element" noch nicht in seinen Wohnstätten sich
dienstbar machte, während es schon an heiliger Stätte in ihm die
hohen waltenden Mächte verehrte.
Ein am untern Ende roh zugespitzter Holzstab wird senkrecht
auf ein anderes Holzstück in eine leichte Anbohrung desselben
gesetzt und schnell zwischen den Handflächen quirlartig hin- und
hergedreht, bis die sich abreibenden Holzspähnchen, beigestreute
Baumwollfasem oder Markstückchen Feuer fangen, Fig. 160**).
Die Hände treiben dabei nicht
bloss das (in unserer Zeichnung
etwas zu sehr europäisirte) Roll-
holz um, sondern sie drücken es
auch abwärts gegen das liegende,
mit den Zehen oder den Knieeu
festgehaltene zweite Holzstück,
so dass eine allmählich abwärts
gehende Bewegung der Hände ent-
steht. Bei schwer entzündlichem
Holz müssen deshalb zwei Men-
schen zusammen arbeiten, von
denen der zweite den Stab oben
zu quirlen beginnt, wenn der erste
unten angelangt ist **). Sehr ähnlich scheinen den Beschreibungen
nach die noch heute von den Bramahnen benutzten Feuerquirle
beschaflFen zu sein, obwohl gewisse, nicht ganz gleichgültige Unter-
schiede vorhanden sein mögen.
In späterer Zeit, welche wohl schon sehr weit von der Ent-
stehungsperiode des Doppelholfes, dieses ersten Erzeugnisses des
erwachenden MachinalbegrüTes abliegt, wird eine Schnur einigemal
um das Reibholz gewunden, an ihren Zipfeln mit den Händen ge-
••'i
*) Auch Klemm spricht sich vorüber^irebeiid (K. W. III. §. 392) hierfür aus.
') Siehe: Tylor, Early history of mankind. London 1870. §. 241, auch
Klemm, allgemeine Kulturwissenschaft, Leipzig 1858. II. Bd. §. 66.
200 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DEE MASCHINE,
ftisst, und liin- und hei^ezogen, so dass erst durch ihre Vermitt-
lung dem Stabe die Quirldrehung ertheilt wird, Fig. 161.
Fig. 161.
Das obere, nun ebenfiills 2ugesi)itzte Ende des RollUolzes »ini
diilwi vennittelst eines dritten, dem unteren ähnlichen Holzstückt-s
in seiner La^e gehalten, welches der Gefiihrte des Quirlenden ft'>t-
li:ilt uiul nach unten presst *). Man muss sich, wenn man einigcr-
iHiUsson in unsere Urgeschichte eindringen will, darüber klai'
werden, dass als Veranlassung zur anderartigen Verwendung und
VorK'sserung einer so merkwürdigen Vorrichtung die weitest-
gehende (lewiihnung vorauszusetzen ist Von dieser letzten 1*-
kommt man eine Vorstellung, wenn man er^rt, dass bei den Indem,
■lern Stammvolke der Bewohner Euro|>as. im letzten Monnt Aei
i:n>sscn Oplcrffstes an jedem Tage 3G0maI mit neun verschiedenfn
Ui>l.'arten, woUbe ritu;disch Toi^esi.hrielien sind, das beilige Feuer
eut.'üiidet winL
Die in den .Vusgrabnugen gemacht.^n Funde lassen mit grosser
Sicberheit scblieiisen, dass die rmiensclien ähnlich, wie eben be-
schriobeii. jene IWir»>r j-otrielvn h;iWn. mit welchen sie zu nnsenn
*l l>ii- t'lvi«tei;fi;il^ Fi.r.ir uutU'-hn;«' kh wi» die TorliPiyehpnde dnn ol^u
,i'ii:r':i!Ttrii Wrrke ivn Tylor. Si* «flli na.h »in^r BU» d«n voriprn J*!ir-
BOHREN IN HARTE STEINE. 201
Staunen in Holz, Knochen, Hirschhorn und sogar sehr harte Steine
liöcher zu bohren verstanden. Die Wilden verschiedener Erdstriche
bedienen sich auch heute des Quirlgetriebes zum Bohren. Ja es
hat sich neuerdings herausgestellt, dass die von Humboldt und
ßonpland in Südamerika vorgefundenen tief ausgebohrten und
in Thiergestalten fein skulpirten Smaragde, Bergkrystalle und
Nephrite, deren Herstellung die Reisenden einer imtergegangenen
höheren Kultur zuschrieben, mit dem einfachen hölzernen Bohr-
quirl nach Fig. 160 oder vielleicht auch einem solchen nach
Fig. 161 hergestellt worden. Das Geheimniss war; dass dabei der
bohrenden Spitze Schleifsand und Wasser zugeführt werden. Ein
einziges Stpck erfordert freilich Jahre, ja ein bis zwei Menschen-
alter, um fertig zu werden**). In ein noch ganz anderes Licht
tritt diese ganze Frage durch den Umstand, dass die heutigen
Wörter für bohren keineswegs ursprünglich den Begriff des Her-
steUens einer runden Vertiefung oder Durchdringung, den wir
heute so bestimmt mit ihnen verbinden, an sich tragen. Sie gehen
rielmehr alle mehr oder weniger deutlich auf reiben, wühlen,
nagen zurück, womit das Abschleifen, Glätten, durch Reiben Ge-
stalten in nahem Zusammenhang steht*).
Welche Zeitläufte dahinflössen, bis man von der hin- und her-
gehenden Drehung des Bohrquirls auf die dauernde, nicht ab-
setzende kam, bleibt der blossen Vermuthung anheimgegeben.
Auf jeden Fall müssen diese Zeiträume von einer Grösse gewesen
sein, welche die unserer historischen weit hinter sich zurücklässt.
Gewiss ist, dass die unterschlächtigen Wasserräder, welche wohl
die ersten Repräsentanten dauernd umlaufender Maschinen sind,
aus uralter Zeit stammen, dennoch aber eine nicht geringe Kultur
verrathen. Da wenigstens, wo sie zur Bewässerung benutzt wer-
den, setzen sie bereits sesshafte, den Boden bebauende Bevölkerun-
gen voraus. Ueberlieferungen über ihre in Mesopotamien gebräuch-
liche, mit der heute dort erhaltenen merkwürdig übereinstimmen-
den Form, wo das aus Holz gebaute Rad mit thönemen Schöpf-
zellen ausgerüstet war, sind uns erhalten**). Die in China noch
heute üblichen Schöpfräder ältester Art, deren Fig. 162 (a. f. S.)
eines darstellt, bestehen mit Ausnahme der aus Holz gefertigten
*) Siehe Geiger, Ursprung und Entwicklung der menHchlichen Sprache
und Vernunft. (1872.) II. 8. 54.
•*) Plinius, XIX. 22.
202 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
Achse ganz aus Bambus und Stuhlrohr ohne jede Metallzuthat
und sind auf hölzerne oben gabelförmig ausgearbeitete Pfosten
gelagert. Sie haben 6 bis 12 Meter Durchmesser und giessen das
beim Eintauchen der Bambuskübel geschöpfte Wasser in einen
Fig. 162.
weiten Trog, aus welchem
eine Rinne nach dem Lande
zufuhrt. Geiger, der von
diesen Rädern nicht spricht,
stellt ihnen an Alter die in
thibetanischen und japani-
schen Buddah-Tempeln noch
heute gebräuchlichen Gehet-
räder voran. Sie sind theils
Windräder, theils unter-
schlächtige Wasserräder ;
ihren Kultusgebrauch weist
Geiger mit Feinheit als aus
der ehrfurchtigen Betrach-
tung gerade der unablä.<si-
gen Drehbewegung quellend
nach. Auf weitere uns hier
vor der Hand interessireude
Beispiele geht dieser Schrift-
steller nicht ein.
Die Töpferscheibe, den
Pfahlbauern noch unbekannt,
ist wahrscheinlich jenen
Wasserrädern nicht vorzu-
datiren, stellt aber jeden-
falls eine frühe Anwendung
der mehr oder weniger
dauernden Drehbewegung dar; wir haben vielleicht anzunehmen,
dass der Benutzung der die eingeleitete Drehung erhaltenden
Schwungmasse die Methode vorangieng, dass ein (ieliilfe des Topf-
machers die Scheibe mit den Händen quirhirtig unitrieb.
Hoch interessant ist die Frage nach der Entstehung dt>^
Wagens und der Wagenräder, da letztere als kinematische Vor-
richtungen wichtige Rückschlüsse auf das Vorhandensein anderer
machinaler Einrichtungen erlauben. Bei Griechen, Aegyptem uml
Vorderasiaten finden wir sclum sehr früh den Wagen, namentlich
DAS WAGENRAD. 203
den zweirädrigen , in Anwendung '«). Seine Einführung schritt
ersichtlich von Osten nach Westen fort; lange diente derselbe bei
den Aegyptem und Griechen als der vornehmste, beinahe der ein-
zige Vermittler des Transportes durch Pferde überhaupt, sei es im
Kampf, sei es im Verkehr und öffentlichen Aufzug. Denn das
Reiten kam bei diesen Völkern erst spät, und zwar von Osten und
Norden her, in Gebrauch. Die homerischen Helden sind nicht
beritten, sondern kämpfen zu Wagen; ja die Reiter werden in der
homerischen Zeit noch als wilde ungesittete Naturmenschen auf-
gefasst, wie der Kentaurenmythus andeutet. Die Assyrer dagegen
gebrauchen nach dem Ausweis der uns erhaltenen Reliefdarstellun-
gen schon früh das Pferd sowohl zum Fahren als zum Reiten. Der
Streitwagen ist in jener Zeit ein kostbares Kriegsgeräth , dessen
Mehrbesitz, ähnlich unseren heutigen Geschützen, einem Heere von
Haus aus Vortheil über das gegnerische gibt. Wir wissen z. B.
aus der Bibel (Richter I, 19), dass die Israeliten beim Eindringen
in Palästina den Mangel an Wagen schwer empfinden mussten.
Obgleich Juda das Gebirge in Besitz nahm, konnte er dennoch die
Thalbewohner nicht vertreiben, „darum dass sie eiserne Wagen
hatten** (vergl. auch Richter IV, Debora's Sieg). Erst 200 Jahre
später wurde durch David, welcher u. a. den Syriern in einem
grossen Siege 700 Wagen abnahm (2. Sam. X, 18), dem Mangel
(lauernd abgeholfen *').
Aegyptische und altassyrische wie griechische Bildwerke und
Aufzeichnungen, neben einzelnen erhaltenen Wagen und Resten
von solchen, geben uns vielfach Gelegenheit, die nähere Beschaf-
fenheit der antiken Räderfuhrwerke kennen zu lernen. Die Assy-
rer und Aegypter benutzten meistens Räder mit sechs, bei grösse-
rem Durchmesser und gröberer Ausführung mit acht, zehn und
zwölf Speichen, die Griechen vorzugsweise solche mit vier Speichen.
Die Konstruktionsweisen mit wenig Speichen sind die ausgebil-
deteren und feineren, und gehen aus dem ursprünglichen Holzbau
durch einen Mischbau aus Holz und Metall endlich ganz zum
Metall- (Bronze-) Bau über '«). Einfach scheibenförmige, also roher
hergestellte Räder werden in den erwähnten Abbildungen den
weniger ziviUsirten Völkerschaften Kleinasiens zugeschrieben. Auch
im heutigen Indien £nden sich fin den Wagen der Hindus neben
sehr vielspeichigen auch rohe scheibenförmige Räder,- welche auf
eiserne oder hölzerne Achsen gesteckt sind. Bei der älteren Foim
des antikrömischen Fraclitwagens, Plaustrum genannt, waren eben-
204 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE,
falls scheibenförmige Wagenräder angewandt, und zwar mit der
bemerkenswerthen Eigenthümlichkeit, dass die beiden Räder mit
vierkantiger Mittelhöblung auf die hölzerne Achse ge-
steckt waren, welche letztere sich mit runden Zapfen am Wagen-
gestell drehte. Noch bis heute soll diese Bauart sich in Portugal
erhalten haben '^). Auf Formosa bauen die Eingeborenen eben-
falls ihre Wagen so •<*).
Schwerlich höheren Alters, wenn nicht jünger als die ange-
führten antiken Fahrzeuge, sind diejenigen bronzenen Miniatur-
wagen, welche in Grabhügeln der norddeutschen Ebene, auf
Schonen u. s. w. gefunden worden sind, und von denen u. a. da$
römisch-germanische Museum in Mainz treffliche Nachbildungen
enthält Man nimmt sie für Abbilder von Wagen für den Kultus-
gebrauch*), und zieht sie in Parallele mit den Kesselwagen im
salomonischen Tempel; doch sprechen gewichtige Stimmen sich auch
völlig abweichend aus. Merkwürdig ist, dass ihre Rädchen meist
vier Speichen, wie die Mehrzahl der griechischen Wagen, haben.
Aber auch schon vor den Zeiten, aus welchen die besproche-
nen Fahrwerke stammen, war der Wagen bekannt. Die älte>te
indische Literatur erwähnt seiner wiederholt So heisst es in der
Riksanhita unter anderem:
(X, 89, 4) Zwei Bäder gleichsam mit der Aclue machtvoU
Trennend befestigt Himmel und Erde Indra . .
und an einer anderen Stelle:
(VIII, 6, 38) Wie nach dem Rosse roUt das Bad, so beide Weiten bin
ter dir . .
und femer bei Schilderung von Tag und Nacht«
(I, 185, 2) Sie tragen durch die eigene Kraft das Weltall, es dMifo
gleich zweien Rädern Tag und Nacht sich . .
Sie zwei, nicht gehend, füsselos, besitzen vielfache geben i*-
fu8sbegabte Sprossen . .
u. 8. f., welchen Stellen solche über reiche Schmückung des Wagens
über Pflege und Züchtung des Pferdes sich mehrfach anreihtMi
Hessen. Aus diesem Reichthum poetischer Verwendung des BiW»*^
vom beräderten Wagen lässt sich schliessen, dass derselbe zur Zeit
der Yedendichtung (vor 1700 v.Chr.) bereits von hohem Alter war.
So geht denn, wenn man die unerlässlichen ZwischenstutVn
einschaltet, der Gebrauch des Wagens immer höher hinauf, hinauf
•) 8. Linch, über die ehenieu Wagenb<*cken der Bronzezeit, Sdiwerin !*"■
BOHREN UND DBECHSELN. 205
bis in die grauen Zeiten, welche weit vor der geschichtlichen
Periode liegen, und welche nur durch die einsame Leuchte der
sprachlichen Forschung zur Dämmerung aufgehellt werden kön-
nen. Diese Forschung ihrerseits scheint dahin zu fuhren, dass der
Wagen nicht aus der Schleife, dem schlittenartigen, kastenförmigen
Bauwerk, sondern aus dem rollenden Körper, dem Rade selbst,
ausgebildet worden sei ^^). Man hat sich vielleicht zu denken, dass -
aus dem rollenden Baumstanmi, dann der unter Lasten gelegten
Walze, welcher das scheibenförmige Rad und insbesondere das
formosanische Räderpaar noch nahe steht, die allmähliche Entwick-
lung stattgefunden habe »a). Hiermit rückt aber der Wagen in die
Anfänge alles Kulturlebens, in die Zeit der ersten geselligen Her-
stellung künstlicher Wohnstätten hinauf, und reiht sich somit den
urältesten Erfindungen des Menschengeschlechtes an.
Im historischen Alterthume setzte sich die oben besprochene
Art des Bohrerbetriebes fort. Homer gibt uns Od. IX, 384 ff. eine
deutliche Beschreibung davon:
... Wie mit dem Bohrer ein Mami den Balken des Schiffes
Bohrt; und jene von unten herum ihn drehen mit dem Biemen
Fassend an jeglicher Seit', und stetiges Laufs er hineindringt. . . .
Also . . . dreheten wir . . .
Diese offenbar zur homerischen Zeit sehr gebräuchliche Arbeits-
weise der antiken Zimmerleute erfordert drei Arbeiter, was wir
wahrscheinlich auch für die Bohrung der grossen Steinbeile bei
den Torgeschichtlichen Menschen anzunehmen haben.
Es verdient hier hervorgehoben zu werden, dass die Erzeu-
gung einer cylindrischen Bohrung, also des Hohlcylinders, ungleich
älter sein muss, als die des Volley linders oder überhaupt eines
seine Fläche nach aussen kehrenden Drehkörpers. Die Bildung
eines Bohrloches gelingt selbst bei sehr unvollkommener Gestalt
des schneidenden Werkzeuges, da der Hohldrehkörper imgefähr
gleich leicht entsteht, ob seine Erzeugende (die Schneidekante des
Werkzeugs) regelmässig gestaltet ist oder nicht Ein beliebiger
Feuersteinsplitter war deshalb schon zum Bohren in Holz, Knochen
oder Hirschhorn geeignet, wenn er nur scharf war und sich erträg-
lich befestigen liess^^). Das Abdrehen eines Körpers dagegen erfor-
dert schon, ehe ein Meissel nur mit Erfolg angesetzt werden kann,
eine machinale Lagerung des abzudrehenden Stückes, welche die-
sem die Drehung um eine feste geometrische Achse ermöglicht.
Es war, wie mir sehr wahrscheinlich vorkommt, die Töpferscheibe,
206 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DEB MASCHINE.
welclie den Weg zur Drehbank gewiesen hat. Erwiesenermaassen kt
das Bohren am grosse Epochen älter, als der Gebrauch der Töpfer-
scheibe und diese jedenfalls früher vorbanden, ais die Drehbank.
Wohl eine der ältest«n Formen dieser letzteren Maschine ist
in der bei den Kalmücken noch heute gebräuchlichen Drehbank zu
finden. Sie hat, wie die folgende F'igur darstellt*), eine horizon-
tal gelagerte hölzerne Spindel, welche mittelst eines zwischen tiin
Pig. 183.
Lagern um sie geschlungenen Riemens ganz wie der Feuerquirl in
Fig. 161 durch einen Gehilfen des Drechslers in Bewegung gesitzt
wird. An dem freitragenden Ende der tSpindel wird der zu drwli-
selnde Gegenstand befestigt. Der Drehkünstler ptliickt scim'
Maschine einfach in den Boden, setzt die wie ein kleiner Stiel' 1-
knecht geformte „Vorlage" heran, und beginnt seine Arbeit. F.r
fertigt Te rhu Ulli ssmiissig sehr sauber gearbeitete Geräthe auf seimr
einfachen Vorrichtung**). Benchtungswerth ist, dass er Torziia--
weise Schalen ans Holz, Hörn, Metall u. s.w. herstellt Dies liüii^i
eng zusammen mit der Bauart seiner Drehbank, indem der MaiiLiri
der zweiten Stütze für das abzudrehende Stück, des sogenannlin
Ileitstockes, ihn auf niedrige, gedrängte, auch flache und gehüMl'
Gegenstände hinweist. Zugleich aber deutet beides , Bauart uml
Ei-zoupniss, wohl entscliiedcn auf die Tüpferscheibe als Multor <iir
Drehbank hin. Zu demselben Sclüusse führt der Umstand, il:i^-
bei den Kömem") der Drechsler ausser Tornator aurh Vascuhi-
rius^**), also Schalenniacher oder Schälcheuraacher hii—
•) Nrtoli Kit- mm 's Kii1tiirni!n«nM-liaft I, S. ^S7. — ") Siehe BerKmann
Nom!>.I.Sir-ifrri'ieiiii,ii.K..lii.iKkeii(Hi),'al?'04VII. 171. — ""jCir.Verrin. lV,-.'4,
ÄGYPTISCHE DREHBANK. 207
.(a sollten auch die beiden Ausdrücke nicht fiir einander gebraucht
wurden sein, so wissen wir wenigstens, dass der Vascularius sich
der Drehbank vielfach und mit grossem Geschicke bediente, wie
erhaltene Gefässe und Bruchstücke von solchen zeigen. Somit
zeigt sich dann die Schalecdrehbank als das Mittelglied zwischen
der Töpferscheibe und der Drehbank für stabformige Gegenstände
ans beliebigem Material. Neuerdings hat sich der kalmückische
Drechsler von seinem oben erwähnten Gehilfen emanzipirt, wonlg-
stCDs für leichtere Arbeiten, indem er den einen Zipfel der Treib-
schnur mit der linken Hand, den anderen mit den Zehen des lin-
ken Fusses regiert, während er mit der Rechten den Meissel führt
Die römischen Drechsler trieben ihre Kunstfertigkeit sehr weit,
indem sie z. B. äusserst dünnwandige steinerne Schalen herzustel-
len wusaten, ja auch Glasgefasse zu drechseln verstanden, wie aus
antiken Gefässbruchstücken der Minutoli-Sammlung hervorgeht.
Doch darf man ihre Meisterschaft nicht bloss in der Geschicklich-
keit suchen, wie daraus hervorgeht, dass sie grosse steinerne Säulen
oder Trommeln zu solchen auf der Drehbank bearbeitet haben *).
Dass die alten Aegypter sich der Drehkunst und gedrehter
Gegenstände bedienten, steht fest, weniger ihre Arbeitsweise ä»). Viel-
leicht dürfen wir die heute noch in Aegypten gebräuchliche Dreh-
bank, welche in der folgenden Figur dargestellt ist, als in gerader
Fig. 164.
Liuic aus dem alten Pharaonenreiche abstammend ansehen. Diesen
seltsame Geräth ist von urthümlicher Einfachheit a ist das zu drech-
selnde (Holz-) Stück. Es dreht sich bei b und c zwischen eisenien
Spitzen, und zwar wird es vermittelst des Fidelbogcns d quirlartig
nragctricben. Der höLceme Quer^teg bei b ist an der tiscbartigen
« Arcliäul-igip der KunM n«f.li Klei.^« in »■"<»-
208 VI. KAP. ENTWICKLUNaSGESCHICHTE BEB MASCHINE.
Unterlage e befestigt; der zweite Quersteg c dagegen ist verstell-
bar, und zwar steht er einfach lose auf der Planke c. Er wird in
seiner richtigen Stellung durch das Gewicht der Eisenstange /.
die noch durch einen Stein g belastet ist, festgehalten« Die Stange/
selbst ist neben dem Querholz b mittelst eines Stiftes h eingelenkt
Die eisernen Spitzen bei h und c sind ohne weiteres wie Nägel in
die beiden Querhölzer eingeschlagen. Was die Anwendung be-
trifft, so hockt der Drechsler hinter seinem Geräth am Boden nnil
bewegt mit der Linken den Fidelbogen d, während er mit dtr
Rechten den Meisselgriff t gefasst hält Bei Ic drückt er das Werkzeuc
mit der grossen Zehe des rechten Fusses auf die Vorlage /. Seine
Geschicklichkeit wird sehr gerühmt*). Bei diesem merkwürdijreu
Geräth, bei dem der Kraftschluss in weitgehender Weise ausgebeu-
tet ist, kann ein unmittelbarer Uebergang zwischen TöpferscheiU'
und Drechselbank allerdings nicht gefunden werden. Indessen ist
es auch wiederum unwahrscheinlich, dass. Südeuropa die ägyptiMlt
Drehbank irgendwie zum Vorbild genommen habe, weil deren Bau-
art unmittelbar mit der hockenden Stellung des Arbeiters zusam-
'menhängt, die den Gewohnheiten des Abendländers nicht entspricht
Im Mittelalter findet sich eine ohne Zweifel aus der Antike
stammende Drehbank, bei welcher die Betriebsweise zwar aarb
an die des Feuerquirls angelehnt, aber doch schon bedeutend ver-
bessert ist. Sie ist bis heute in Italien oder überhaupt in Süd-
Europa im Schwange geblieben. Die Einwirkung der Menschen-
kraft ist auch hier von der zweimännischen auf die einmänrnsib^
zurückgeführt Der Drechsler arbeitet nämlich so, dass er eint'
Sclmur oder einen Biemen um die Drehbankspindel, oft auch um
das zu drehende Stück selbst geschlungen hat — letztere Form i^^
ohne Frage als die ältere anzusehen — welche oben an der P*^ '«^'
an einem federnden Holzstab, unten an einem kunstlosen Tntt
befestigt ist, Fig. 165. Das Trittbrett wird mit dem Fusse abwärt'-
gedrückt, vermittelst der Schnur aber durch die Holzfeder »i^*-
der in die Höhe gezogen ; das zu drehende Stück macht dabei «lif
Quirlbewegung, bei deren Vorwärtsgang der Drechsler den Mei»»^ ^
einwirken lässt **). Eine italiänische Drechslerwerkstatt macht anf
den modernen Ingenieur einen seltsamen Eindruck mit ihrer uut
Holzfedeni und Stricken labyrinthisch bespannten Decke; sie «lii^l
•) Hiehe Dhhct. de TEprypte (II. Aufl., 182a), Btl. Xu, 8. 452, T»/. ^^
••) Von Laboiilnye, Cin. K41, 8. 463, wird die vorliegende IhvbU«''*
„tour eti Tair" ßeuHunt.
ITALIAN1&CHF. DREHBANK.
aoo
mathmaasslich als eine ziemlich getreue Kopie einer wirklich an-
tik-romischen Werkstalt angesehen werden.
Für kleinere Dreh- und Bohrarbeiten benutzen wir auch
heute bekanntlich noch die Quirlbewegung. Die beiden Enden
der Betriehsschnur sind dabei an einem stählernen „Fidelbogon"
Fig. 165. befestigt, die Schnur
um einen kleinen Wir-
tel geführt. Das ein-
fache Hin- und Her-
ziehen des Fidelbogcns,
dessen Federkraft im
Gegensatz zu dem obi-
gen Federbnlkcn nun
immer gleich Htark ge-
spannt ist, bewirkt die
Quirldrehung des Wir-
teis. Letzterer wird
beim „Drehstühlchen"
des Uhrmachers zwi-
schen Körnspitzen oder
auch von Lagern ge-
tragen , heim blossen
Bohren aber auch nur
gegen das ursprüng-
lichere „Brustbrett"
, gestemmt Der Fidel-
bohrer muss von hohem Alter sein, da er bei den Chinesen in einer
«ehr schlichten Form*) durchaus verbreitet ist, auch bei den Kal-
mücken in zwei verschiedeneu Formen vorkommt**), nicht minder
die Aegypter denselben nachweislich schon um 1500 v, Chr. ge-
hraucht haben***). Ja, neuere Entdeckungen haben es hÖcIiHt
wahrscheinlich gemacht, dass die untergegangenen Völkerschaften,
welche vor den uns bekannten Indianern Amerika bewohnten,
ebenfalls damit bekannt und vertraut waren f). Beim Drehstühl-
') Siehe Klemm, K. W. L 8. »M3.
**) 8. Bergmann, Nomftd. Btrdfem»!n, fl, B. »n.
'") 8. WeiBi, EoMömkd«. L (IBM), H. »»; »ach Wilkiimnn, Ancifml
E^jptUna (1871), I. S- S«.
t) 8. Bau, DriUing 8ume vithont Metiü, HmiihtonUn RTprirt IHflH,
S. 39S, wo tteinerne and beioeni« Wiri^l äer Bohnipiiiileln am 'W Kciiiz^lt
nachgewiMCD «ind.
H
210 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MA8CHISE.
chen unBereB Uhrmachers und Präzisionsmechaniker« verschwindet
der Fidelbogen heute langsam, um dem Schnurtrieb nach Art des
in Fig. 142 dargestellten Riementriebes Platz zu machen. Mail
erkennt aber aus dem Ganzen, wie schwer der Uebergang von der
Quirlbewegung zu der dauernden Drehbewegung mittelst Schnur-
und Riemenbetriebes gewesen sein mag.
Um welche Zeit diese letztere Betriebsweise aufgekommen ist,
scheint noch nicht festgestellt zu sein. Jedenfalls spricht die Ver-
breitung des Schnurtriebes zur Bewegung der Spindel bei fast
allen asiatischen Völkern fiir sein hohes Älter. Allem Anscbtin
nach war der gekreuzte Riemen, Fig. 16G, der ältere, und gifiis
diesem wieder die F.inrichtung voran , dass der Riemen oder die
Schnur, gekrouüt o<ler offen, um beide Rollen mehrmals gewun-
den wanl, Fig. 1C7, damit kein Gleiten eintreten könne"). B«'i
der lotitoreu Einrichtung reichte ein selbst nachlassig und nnvull-
Kounneu gebautos Gestotlo aus. »im die Bowegungsülicrtragung zo
imnoiiliihou. da die nu'hrf:u-h unigcschlunirene Schnur liekannüich
«•ino au>.>,'n*nloutli.h !:n»sso Reibung auf der Rolle hat. Der Telwr-
gung Tcn der olH'uf;i!ls niclirm;»ls umgelegten Quirlschnur zu unse-
ix'm heutigen onitloiou Kicuieu mag wohl hier zu tinden sein, I*i''
Willen li.y.'.en in Fis. li'-T sind daim zwei Quirlstäbe, deren Schnüre
veibund.n si-.-.d. .Mlm.tili.h Vinl die Äihl der l'nischlingurpen
Hill eine u:;.l g,»r auf eine i|-"'-i bullH' vermindert, wie in Fig. It'.ti.
DIE HANDSPINDEL. 211
Damit ist denn zugleich die Anwendung des flachen breiten Ban-
des statt des schmalen oder runden Riemens angebahnt. Endlich
taucht das Wagniss auf, den Riemen ungekreuzt aufzulegen. Ver-
gessen wir dazu nicht, wieviel man bis in unsere Epoche hinein von
der Spannrolle hielt, die noch zur Stunde in den Lehrbüchern
der angewandten Mechanik als ein auffallend beliebtes Beispiel
figurirt. Ja ich rufe endlich dem Leser, um ihm die Allmählichkeit
der Umgestaltung begreiflich zu machen, ins Gedächtniss, wie
schwierig noch heute vielen das Verständniss des Umstandes wird,
dass beim Drahtseiltrieb das Treibseil locker auf die Rollen
gelegt wird, womit das bei der Quirlschnur angewandte Prinzip bis
zur äussersten Grenze getrieben erscheint.
Eine sehr wichtige Anwendung der Drehbewegung, welche
wohl als eine frühe Stufe zum dauernden Drehungsbetrieb ange-
sehen werden darf, ist diejenige auf das Zwirnen der Fäden , das
Spinnen. In der Urzeit mag das Zusammendrehen der Fasern
durch zwei Personen vorgenommen worden sein; dann gieng es
auf eine über, welche den zu bildenden Faden mit der Handfläche
auf dem Schenkel zusammenwrillte, wie es noch heute bei Indianer-
stämmen gefunden wird. Hiemach schien die Einfülirung der
Spindel, und zwar zunächst der Handspindel, ^iner späteren, viel-
leicht schon historischen Epoche anzugehören. Indessen haben
die Funde in den Pfahlbauten uns eines Besseren belehrt. Man
hat daselbst vollständige Handspindeln aus der Steinzeit gefunden.
Die Figur 168 1 (a. f. S.) stellt eine solche dar. DerWirtel ist aus
gebranntem Thon hergestellt und findet sich in zierlicher und ge-
schmückter wechselnder Form vor, was einerseits den alten, mit
Behagen behandelten Besitz, andererseits übrigens auch die jüngere
Periode der Steinzeit andeutet.
Bei der Handspindel tritt die bedeutsame Entdeckung in Kraft,
dass die irgendwie einmal eingeleitete Drehbewegung durch eine
8ch\iiingmasse für einige Zeit erhalten werden kann. Die in Böhmen
und Schlesien noch hier und da im Gebrauch befindliche Hand-
spindel stammt, wie man sieht, aus vorgeschichtlicher Zeit. Sie hat,
s. Fig. 1 68 2, einen hölzernen, zinnernen oder thönemen Schwung-
wirtel und endigt unten wie oben in eine Spitze. Die obere wird
von der Spinnerin mit zwei Fingern gefasst, um die drillende Be-
wegung einzuleiten und durch wiederholtes Nachdrehen zu erhal-
ten, bis die Spindel den Boden erreicht, eine Antriebsweise, welche
bekanntlich nach dem Märchen für Prinzessin Domröschen ver-
212 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHIXE.
hängnissvoU wurde. Diese Handspindel der deutscheu Wirklichkeit
und Sage ist indessen keineswegs die einzige, die in Europa erhalten
blieb; in Unteritalien und Griechenland befinden sich vielmehr
noch andere, jedenfalls auch sehr alte Arten bis heute in vollem
Gebrauch. Zunächst die toskanische Spindel, Fig. 168 3, welche
< \
statt des Wirteis eine beträchtliche Verdickung in der Mitte hat
übrigens wie die deutsche gebraucht wird, und dann die in mehre-
ren Variationen vorkommende unteritalische. Die Handspindel der
neapolitanischen und der sicilischen Bäuerin, welcher unser Spinn-
rad völlig unbekannt ist, besteht aus Holz. Sie ist, abgesehen von
kleinen örtlichen Verschiedenheiten, ein cylindrischer Stab mit
zwei Scheiben, einer oben, einer in der Mitte, welche das fertige
Gespinst zwischen sich fassen, Fig. 168 4. Die Spinnerin verrich-
tet ihre Arbeit meist sitzend , indem sie den Spindelschaft zuerst
aufs Knie legt und ihn mit der flachen Rechten rasch darüber Iiin-
roUt. Die entstandene Drehung benutzt sie alsdann, um ein neucN
Fadenstück aus dem Rocken nachzuziehen, welches durch die
Spindel vermittelst eines kleinen Drahthäkchens, das auf dem
oberen Wirtel sitzt, gezwirnt wird. Allmählich hört die Drehung
auf, während die Spindel tiefer und tiefer sinkt! Dann wird cLhs
gesponnene Fadenstück aufgewickelt, in das Häkchen geschlagen,
und der frühere Vorgang aufs neue eingeleitet. Auch in Aegypton
ist die Handspindel noch im Gebrauch. Fig. 168 5 zeigt ihre dort
übliche Form, die mit einer der im alten Aegypten gebriiuchlicli
gewesenen fast gänzlich übereinstimmt '^^), Sie winl, entsprechend
der hookenden Stellung des Spinnenden (in Aegygten spinnen auch
ÄGYPTISCHE SE1LEB8TATTE.
213
die Männer) von unten mit den Fingern der rechten Hand ange-
trieben, während die Linke die Kunkel in die Höhe hält
Die hier benutzte Art und Weise, eine einigermaassen dauernde
nnd immer im selben Sinne erfolgende Drehung hervorzubringen,
Bteht -in beiden der Erzeugungaweise der urthüralichen Quirl-
drehung noch sehr nahe.
Zum Spinnen im weiteren Sinne gehört auch die Seilerei. Als
sehr interessant für uns kann die in folgender Figur dargestellt«
ägyptische Seilerei -Vorrichtung gelten, welche zugleich eine be-
Fig. 189.
merkenswertbe Zwischenstufe zwischen unserem Riementrieb und
dem uralten Quirl - Schnurgetriebe darstellt. Dieselbe wird noch
heut« ?on den Aegyptem bei dem sogenannten Zusammenschlagen
214 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
der bereits fertig gewirkten Litzen zu einem Seil, hier einem vier-
litzigen, gebraucht, ist aber wahrscheinlich uralt. Die Litzen laufen
von dem zweifiissigen Gestelle a, welches durch ein starkes Halte-
tau nach rückwärts verspannt ist , zu der Stelle hin , wo sie zum
Seil zusammengedreht werden. Der europäische Seiler führt dort
die Litzen über einen hölzernen, mit Leitkerben versehenen Konus
den sogenannten Seiltopf, hinter welchem die Verseilung vor sich
geht, indem der fertige Theil des Seiles fortwährend um seine
Achse gedreht wird. Der ägyptische Seiler indessen leitet die vier
Litzen mit den Händen, indem er sie äusserst geschickt zwischen
den Fingern durchgleiten lässt, und dabei langsam nach dem Spin-
delstocke a zu vorschreitet. Die vier Spindeln, an welchen die
Litzen befestigt sind, müssen inzwischen, damit sich ihre Zwimung
nicht ändert, fortwährend wie das Seil um ihre Achsen gedreht
werden. Dies gescliieht vermittelst des zweimal um sie herum-
geführten endlosen Seiles c, welches von zwei Männern stetig ge-
zogen wird. Bei d passirt das Seil einen Ring, durch welchen dem
aufsteigenden Seiltrum ein gewisser Widerstand geleistet wird, wa^^
zur Folge hat, dass das Seil stets genügend angespannt bleibt.
Das Handspinnrad ist bei den Indem, Chinesen, Japanern
und den Völkern des malayischen Archipels so verbreitet, dass ihm
ein hohes Alter zugeschrieben werden niuss; auch den Römeni
war dasselbe nicht fremd. . Bei uns hingegen ist das Spinnen, wie
es scheint, nicht vor dem Mittelalter auf das Spinnrad, im 16. Jahr-
hundert erst auf das zum Treten eingerichtete, übertragen worden,
wobei eine veränderte Methode angewandt, immer aber der Men-
schenhand noch ein grosser Theil der Arbeit belassen wurde.
Die Verarbeitung des Gespinstes zum Gewebe geschah bereit^
bei den Pfahlbauem erwiesenennaassen auf einem Webstuhl. Der-
selbe ist indessen nicht eine Maschine in unserem Sinne. Er ist viel-
mehr gemäss der vorzüglichen Rekonstruktion des Herrn Fabrikan-
ten Paur in Zürich ein Geräth ähnlich dem Spitzenklöppelzeug, bei
welchem die eigentlich machinale Bewegung erst im Keime liegt.
Eine sehr alte, obwohl schwerlich in die Vorgeschichte di»>
Menschengeschlechtes zurückgreifende Maschine ist die in Fig. 170
dargestellte Picota oder Kuppilai der Inder. Hier ist die „Hel>ol-
bewegung" benutzt. An einem Wippbaum oder Schwengel, auf gabel-
förmige Stützen gelagert, und dort mit Stricken noch angebunden,
hängt an einem Ende eine Stange, welclie einen Wasserkübel trä^t,
am anderen Ende eine Art Gegengewicht Die obenstehendeu MäuntT
INDISCHER SCHWINGBBÜNNEN. 215
setzen durch Vor- uud Rückwärtsschreiteii auf der Wippe diese in
auf- und niederachwingende Bewegung, wobei der Kübel von dem
dritten Manne in das Wasser des Brunnens gelenkt und danach
Pig. 170.
oben in eine Rinne entleert wird, welche das Wasser auf die Fel-
der leitet Die Picota ist bis heute ausser in Indien auch iu Nord-
afrika, in Spanien, auch in Belgien bei den Ziegclstreichem , ja
auch hier und da in Deutschland in Gebrauch. Ihr sehr ähnlich
ist die Vorrichtung, mittelst welcher die Chinesen mit dem soge-
Daanten Seilhohrer ihre erstaunlichen artesischen Brunnen stossen.
Die Aegypter benutzen seit dem hohen Alterthum eine der euro-
päischen Picota ähnliche Vorrichtung, Schaduff ^i^) genannt, welche
aber nur einmännisch ist, und deren Schwengel wesentlich durch
'la^ Gegengewicht wirkt. Der am Kübel stehende Mann bedient die
Ma.schine. Eine grössere Sdiadufi- Anlage mit drei Absätzen stellt
"!ie umstehende Figur dar.
216 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DEE MA8CHISE.
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SCHLBtlDBBOEBCHÜTZE DEE ALTEN. 217
Die geradlinige Bewegung sehen wir in einer jedenfalls
sehr ^ten Form in Pfeil und Bogen angewandt, zugleich unter Zu-
hilfenahme eines elastischen Kraftsammlers , des Bogenjoches.
Sicherlich haben wir in der klugen Benutzung der Elastizität des
Bogens, welchem die ursprünglichere Schleuder lange vorausgegan-
gen sein mag, das Ergebniss einer schon vorgeschrittenen £nt<
Wicklung zu erblicken. Jünger als der Bogen, obschon gewiss sehr
alt, ist wohl das Blasrohr, das bei den Wilden Südamerikas in der
Form der bis 12 Fuss langen „Sabarkane" im Gebrauch ist. Es
werden mit derselben Thonkugeln und befaserte Pfeile mit grosser
Sicherheit geschossen; der Betriebsart des Geschosses nach ist das
Blasrohr eine Vorstufe zum Pulvergewehr.
Beide Anwendungen der geradlinigen Bewegung laufen auf
das Werfen von Geschossen hinaus, welche alsbald die Maschine
verlassen, um ihre Bewegung ausserhalb derselben, den kosmi-
schen Kraftwirkungen überlassen, fortzusetzen, so dass der macbi-
nal geleitete Theil der Bewegung bei weitem der kleinere ist
l'eberhaupt sind die Veranlassungen zur geradlinigen Bewegung,
welche unseren geometrischen Begriffen so naheliegend scheint, in
der sich erst bildenden Kultur selten. Je näher vielmehr die Natur,
um so weniger wird die Geradlinigkeit gefordert, so dass wir auch
hier wiederum lernen müssen, unser Urtheil über das Nahe- und
Femli^ende aus unseren heutigen Vorstellungen herauszulösen.
In dem Kriegsgerathe der Griechen und Römer, bei welchem
bemerkenswerth ist, dass es aus dem Orient herübergekommen
war, zeigt sich die machinale Seite schon ganz bedeutend ent-
wickelt, namentlich die Ansammlung der Kraft zum Schleudern
tier Geschosse bereits anf eine sehr hohe Stufe gebracht. Bei den
Ballisten and Katapulten ist im allgemeinen die Armbrustform, in
welche die des Flitzbogens über-
gegangen war, Grundlage; statt
der elastischen Bogenhömer sind
aber steife Arme angewandt,
welche durch die im <;. 42 be-
sprochene Wriilfeder aus Thier-
sehnen oder Haaren, F'ig. 172,
geschnellt werden 'j. Die N«br;n-
•) Siehe W. BfiHtow« und H. K&ohly, G^MbicIite .I-ti ktuhU. KHkk"-
218 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
theile an GeradfUhrungen, Windwerken, Spannvorkehrungen il&w.
sind mit vielem Geschick und grosser Kunstfertigkeit angeordnet
Wann das Elementenpaar „Schraube und Mutter** aufgekom-
men ist, bleibt noch aufzuhellen; den Griechen und Römern war es
jedenfalls völlig bekannt, z. B. für den Wagenbau, wenn auch nicht
besonders geläufig. In unseren Antiquarien gehört die Schraube —
wohlverstanden diejenige mit Schraubenmutter — zu den grössten
Seltenheiten. Sehr auffallend und der näheren Untersuchung
werth ist der Umstand, dass so durchstehend die Rechtsschraube
vor der Linksschraube den Vorzug erhalten hat Ich enthalte mich
des Versuches der Erklärung, für die nur wenig Anhalt vorUegt.
Dass es zwar immer so gewesen sei, wie heute, wo z. B. der Laie
kaum eine Vorstellung von der Existenz der Linksschraube hat
ist mir unwahrscheinlich. Alte Abbildungen zeigen auch Links-
schrauben. So ausser manchen mittelalterlichen auch diejenige
der Walkerpresse aus der pompejanischen Fullonica, an welcher
eine Rechts- und eine Linksschraube thatsächlich dargestellt ist.
Der Weg, auf welchem man zu dem merkwürdigen Elemeu-
tenpaare gelangte, ist einstweilen jedenfalls schwer zu bestimmen.
Für unzutreffend halte ich die Meinung, dass eine unmittelbare
Nachahmung der Natur, beispielsweise der Form des Schnecken-
hauses, den Anlass gegeben habe. Für dieselbe scheint zwar
mancherlei zu sprechen. Zunächst der Umstand, dass die
Schneckenhäuser mit wenigen Ausnahmen rechts gewunden sind.
Sodann; dass im Griechischen die Wörter für Schraube und für
Schnecke (kochlias, koehlion, kochlos) nahezu oder ganz überein-
stimmen. Allein beides ist keineswegs entscheidend. Denn die
irgendwie erfundene Schraube kann wegen ihrer Form sehr wohl
nachträglich nach der Schnecke benannt worden sein ; auch ist das
griechische Wort für Löffel (kochliarion) ebenfalls aus dem Namen
der Schnecke gebildet, wobei offenbar die hohle Form an sich, nicht
aber die schraubenförmige Gestalt die Veranlassung bot Die Erklä-
rung aus der unmittelbaren Formnachahmung würde einen Sprung
in dem machinalen Entwicklungsgange annehmen heissen, welcher
dem sedimentartigen Absetzen der Ideen, das wir an anderen Stel-
len allein beobachten, durchaus widerspäche. Ausserdem bot da>
Schneckenhaus nur das Vorbild einer konischen, nicht einer oylin-
drischen Schraube, hätte also erst in letztere Form übersetzt wer-
den müssen. Vor allem aber liefert dasselbe nicht ein Bei>pi»'l
der gepaarten Elemente mit deren eigenthümlicher RelutivlK^we-
SCHBAUBE UND 8CHBAUBBNMUTTER. 219
gung und der so hervortretenden Fähigkeit zur Ausübung von
Druck.
Die Mutterschraube muss aus Vorbildern hervorgegangen sein,
bei welchen unbeabsichtigter Weise die Schraubenbewegung erzeugt
worden war. Ich wage die Vermuthung — allerdings auch nicht
mehr — dass der Bohrquirl nach Fig. 161 mittelbar den Weg zum
Schraubenpaar gewiesen habe. Der um das Rollholz gelegte Strick
mag bei längerem Gebrauch schraubenförmige Rillen in den Stab
eingepresst und eingerieben haben , welche beim etwaigen Heraus-
drehen des Holzes aus der Umwicklung als Schraubengänge wirk-
ten, während die umhüllende Schnur als Mutter diente. Die
Häufigkeit dieser Beobachtung mag allmählich dazu angeleitet
haben, nützliche Anwendungen von dem absichtslos erzeugten
machinalen Gebilde zu machen. Die Formen des Wortes Schraube
ifl den germanischen Sprachen unterstützen meine Vermuthung
sehr. Mit nichten will ich für dieselbe anführen, dass in den roma-
nischen Sprachen und im Englischen der Schraubengang noch
heute Faden oder Schnur (filo, filet, thread) heisst, denn diese Be-
nennungen konnten immer nachträglich entstehen. Schwierig wird
es sein, darüber klar zu werden, ob die Absicht der Fortbewegung,
ob die der Befestigung, ob die der Ausübung von Druck die ersten
Antriebe zur Benutzung gegeben habe; schwierig bleibt auch zu
erklären, auf welche Weise zuerst die Schraubenmutter, die
Hub Ischraube, hergestellt worden sein mag. Dem Linguisten wie
dem Urzeitforscher sei die Frage nach der Urschraube und Ur-
^^'b^aube^mutter ans Herz gelegt.
Neben der zunehmenden Mannigfaltigkeit der Bewegungen
entwickelte sich langsam diejenige der Kraftwirkungen und -Ur-
sachen in der Maschine. Die oben angeführte Anschauung, dass
der Feuerquirl, bei welchem der Kraftaufwand unbedeutend ist,
«lie erste Maschine gewesen wäre, widerspricht der sehr populären
Annahme, als ob dem „Hebel" diese Auszeichnung zuzuerkennen
sei. Abgesehen davon, dass die Vorstellungen von dem, was man
den Hebel nennt, noch sehr der Klärung und Vertiefung bedürfen,
verkennt man nach meiner Ansicht hierbei den Weg, den die
menschlichen Fähigkeiten in ihrer Ausbildung überhaupt nehmen
und von jeher genommen haben müssen. Bei der Annahme des
Hebels als Urmaschine denkt man an den Versuch des Menschen,
grosse Kräfte zu überwinden. Nicht aber diese sind es, welche
dem erwachenden Bewusstsein zuerst entgegengetreten, sondern
220 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHI^T:.
vielmehr das, was sie verursachen, die Bewegung. Das Kind
wird lebhaft angeregt durch die Windmühlenflügel, durch die Mühl-
räder, durch Pochwerkstempel und andere, ihre regelmässigen Be-
wegungen so deutlich bekundende Maschinenwerke; an die dabei
aufgewandte, mittelbar zur Wirkung gebrachte Kraft denkt es vor-
erst gar nicht. Die begrifiFliche Loslösung der Kraft von der Be-
wegung ist schon eine sehr schwierige Verstandes-Operation, nud
fand deshalb verhältnissmässig spät und allmählich statt Deshalb
sind die ersten Maschinen, die aus der ungeübten Hand des Men-
schen hervorgiengen, solche, bei denen die Kraft eine untergeord-
nete Kolle spielte, indem sie die gleichsam unbewusst ausgeül)-
ten Anstrengungen der Glieder nicht überstieg.
Aus demselben Grunde verfällt das ungeschulte Begriffsver-
mögen noch heute immer wieder auf das Problem des Perpe-
tuum mobile; immer lockt und reizt den Naiven unwiderstehUcli
die Bewegung, der Augenschein, das durch den Gesichtssinn ver-
mittelte erste Verständniss, dessen bestrickender Gewalt nicht
irgendwie unterworfen zu sein, sich übrigens auch der ausgebildotste
Verstand nicht rühmen kann. Aus den Versuchen, Bewegung
hervorzubringen, entwickelte sich langsam und schrittweise die
Erzeugung der mittelbar erreichbaren Kraftwirkungen. Die
populäre Annahme, welche die umgekehrte Folge voraussetzen
will, begeht den Fehler, uns ä la Robinson mit der Kenntniss vom
modernen Zustande in die Rolle des Urerfinders zu versetzen, wäh-
rend in diesem erst das Bedürfniss nach Besserem und der Begriff
von der Möglichkeit desselben entstehen musste, ehe es ihn zum
Suchen trieb.
Gewiss hat der Mensch lange lange Zeit gebraucht, ehe er
dazu übergieng, die motorische Seite der Maschine daliin zu ent-
wickeln , dass er an die Stelle seiner Muskelkräfte im Betrieb der
Urmaschinen andere Naturkräfte zu setzen vermochte. Zuerst
mag er wohl zu denjenigen neben ihm lebender Geschöpfe, zu den
Thierkräften gegriffen haben, dies aber nicht eher, als bis die
lange Periode der allmählichen Heranziehung des Hausthie^e^
durchlaufen war. Inzwischen bemühte er sich mit Erfolg, dunh
Verbesserung seiner machinalen Vorrichtungen, die mehreren Per-
sonen übertragene Arbeit für eine einzige ausführbar zu machen,
dadurch also die Leistungsfähigkeit der einzelnen zu steigern**»
Die in der leblosen Natur thätigen , ihm unverständlichen Gewal-
ten flössten ihm anfänglich nur Furcht ein; sehr allmählich er^t
BENUTZUNG DER NATURKRÄFTE. 221
legte er die Scheu ab, um dann zu dem Versuch überzugehen,
ihnen Nutzen abzugewinnen. Lange schon betrieb er, wie E. Cur-
tius scharfsinnig liguistisch nachgewiesen, die RuderschiflFahrt,
ehe er die so nahe sich darbietende Kraft des Windes zum Segeln
benutzte.
Als am nächsten an die belebte Natur anschliessend erschien
ihm wohl der dahin strömende Wasserlauf, zuerst nur ihn anziehend
durch seine rastlose Bewegung, deren scheinbare Ewigkeit und
Unendlichkeit ihn zu den, einem heute verknöcherten Kultus ge-
weihten Rädern Thibets führte. Nach und nach erst wagte sich
in ihm der Gedanke hervor, aus der mühelos gewonnenen Bewe-
gung die Kräftewirkung zunächst "im Schöpfrade zu ziehen.
Inzwischen hatte ihn die Erfahrung zu dem inhalt- und fol-
genreichen Prinzip geführt, welches wir oben beim Bogen schon
berührten: demjenigen nämlich, die ausgeübte Muskelkraft aufzu-
sammeln, um sie im gegebenen Augenblick in ihrer Gesammtheit
zu verwenden.
Der Bogen des Pfeilschützen ist das machinale Organ der
Eraftaufsammlung ; in seinen Hörnern wird die sensible Kraft der
Muskeln latent gemacht; die latente Kraft der Bogenhömer, später
des Armbrustbogens, ist es, welche den Pfeil schleudert. Im Bal-
listen und Katapulten ist dieses Prinzip schon beträchtlich gestei-
gert, indem in ihnen schon die Kraft mehrerer Männer durch kine-
matische Mittel geborgen wird, um darauf konzentrirt mit bedeu-
tendem Erfolge abgegeben zu werden. Später dehnt sich dieses
Prinzip des Aufisammelns ohne Unterscheidung auch auf elemen-
tare Kräfte aus und ist bis heute in voller Anwendung geblieben,
vom kleinen Werke der Taschenuhr und des Gewehrschlosses
an durch zahlreiche Spannmechanismen hindurch bis zu den
Dmcksammlem der Armstrong'schen Wasserkrane und zu den
Windkesseln des Mont-Cenis-Bohrapparates.
Spät erst wird die motorische Kraft des Wasserdampfes ent-
deckt, vorher schon diejenige schnell entzündlicher oder explo-
sibler Stoffe, in beiden eigentlich nur die latente Kraft, welche die
Natur in den zersetzbaren Stoffen auf dem Erdball in ungeheuerer
Menge angehäuft hat Damit war dem Menschen eine Kraftquelle
bekannt geworden, deren Grösse er anfangs nicht ahnte, die ihm
aber in der Maschine zu einer Macht über die Natur verhalf, welche
den grössten je geschehenen Umschwung im Leben des Menschen-
geschlechtes ins Werk gesetzt hat.
222 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DEB MASCHINE.
§. 49.
Kinematisches Prinzip in der Vervollkommnung der
Maschine.
Was denn aber ist, muss man fragen, das eigentliche kine-
matische Merkmal der Vervollkommnung der sich ausbildendeB
Maschine in den angeführten wie anderen Beispielen? Was ist
das Nahe- und was das Femerliegende gewesen für den Erfindnngs-
geist, wenn man so von Anfang an das sich klärende und schär-
fende Bewusstsein für das Mechanische in der Maschine nennen
soll? Ich glaube, man hat diese Frage dahin zu beantworten,
dass der Fortschritt in der Art der Anwendung des Kraft-
schlusses zu suchen ist, und zwar insbesondere: in der abneh-
menden Verwendung des Kraftschlusses bei zunehmen-
der Ersetzung desselben durch den Paarschluss und den
Schluss der sich dabei bildenden kinematischen Kette.
Was der zum Bewusstsein erwachte Mensch bei Schafiung der
Maschine dunkel wollte, ist die Erzwingung bestimmter Bewegun-
gen an leblosen Körpern für seine Zwecke. Die Kräfte zur Ver-
ursachung dieser Bewegungen sucht er zuerst nur in sich und
seines Gleichen. Fem noch liegt ihm die Unterjochung der Natur-
kräfte ausser ihm. Er ist befriedigt, glücklich, sein Vorhaben
unter eigener Anstrengung auch nur nothdürftig gelingen zu sehen.
Dabei ist ihm der Kraftschluss das nächstliegende Hilfsmittel, um
die versuchte Aneinanderreihung von Körpern zu der erwünschten
Zusammenwirkung zu bringen.
Das Reibholz des Feuerquirls, dieses Uranfanges des von ubj^
Drehkörperpaar genannten Elementenpaares, sehen wir kraft-
schlüssig sowohl in der Längenrichtung angepresst, als in allen
Querrichtungen gehalten, kraftschlüssig auch mittelst der beidt-n
Handflächen in Bewegung gesetzt, kraftscldüssig nicht minder da>
liegende Holzstück festgehalten. Später wird die Schnur und mit
ihr das obere Lager zu Hilfe genommen, was schon einen grossen
machinalen Fortschritt bedeutet, indem durch Zufügung zweier
neuen kinematischen Elemente die Benutzung der Muskelkraft des
Treibenden auf ein blosses Hin- und Herziehen der SchnurzipM
zurückgeführt ist , während früher die Hände zugleich angepres>l
VERBESSERUNG DES QÜIRLGETRIEBE8. 223
und Irin- und herbewegt werden mussten. Die Schnur selbst a])er,
(las hinzugekommene Neue, ist selbst wieder ein kraftschlüssiges
Element, und kraftschlüssig wird es mit dem umspannten Holze
in kinematischer Verbindung erhalten.
Verfolgen wir das Quirlbewegungsgetriebe weiter vom Bohr-
zeug des Pfahlbauers und der SchilFszimmerleute Homers, wo es
sich so zu sagen ungeändert erhalten hat, zu der antiken Dreh-
bank, so sehen wir dasselbe bedeutend vorangeschritten. Zunächst
ist der doppelte Kraftschluss an den Lagerungen des umzutreiben-
den Stückes beseitigt, indem durch Zufugung der zweiten Dreh-
bankspitze die Lagerung paarschlüssig gemacht ist. Sodann ist
die Bewegung der Treibschnur günstig abgeändert. Nicht nur ist
der obere Schnurzipfel durch den Federbalken, der untere durch
den Tretschemel in leidlich bestimmter Bahn geführt, zu welchem
Ende die kinematische Kette um zwei Glieder bereichert
wurde, sondern auch die Rückwärtsbewegung beider der in der
Feder aufgesammelten Kraft übertragen. Demzufolge hat der
Arbeitende nur noch die Vorwärtsbewegung zu erzeugen. Indem
letztere geschickter Weise dem Fusse übertragen ist, bleibt den
Händen die Freiheit, noch das Schneidewerkzeug, den Drehmeissel,
zu führen. Kraftschlüssig ist aber wieder das neu liinzugekom-
mene Element, die Feder, krafbschlüssig die einmal nachlassende
einmal treibende Wirkung des Fusses auf den Tretschemel. Als
eine der uns nur mangelhaft bekannten Zwischenstufen des Fort-
schrittes von dem homerischen Bohrer zu der italiänischen Dreh-
bank ist wohl die oben erwähnte kalmückische Drehbank anzu-
sehen, wennschon die Ausscheidung fremder und neueren Epochen
angehöriger Einflüsse hier schwierig sein mag. Bemerkenswerth
ist aber, dass die kinematischen Mittel es ermöglicht haben, die
Maschine durch einen statt durch zwei und drei Menschen betreib-
bar zu machen.
Etwas Aehnliches gilt von der Handspindel. Obgleich noch in
fast allen Richtungen kraftschlüssig, ist sie doch als eine machi-
nale, aus den Elementen Spindel und Faden (Zugkraftorgan) be-
stehende Vorrichtung anzusehen; sie hat aber das mühsame frühere
Zusammendrehen der Fasern, welche« nach des Seilers Art von
mindestens zwei Personen vollzogen werden musste, durch eine
von nur einer Person ausgeübte Operation zu ersetzen ermöglicht,
oder wenigstens die unvollkommene Fadenzwimerei der Indianer
durch ein schnelleres und besseres Verfahren ersetzt.
224 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE I>EB MASCHINE.
Bei der indischen Picota können wir, obgleich diese Maschuie
weit jüngeren Ursprungs als das Reibholzfeuerzeug und wohl auch
die Handspindel ist, verwandte Vorgänge beobachten. Schon sind
die überwindenden Kräfte grösser — es gibt Picoten mit sechs bis
acht Tretem und entsprechend schwerem Kübel — allein Kraft-
schluss herrscht überall: an der Lagerstelle des Balkens, wo das
Zapfenlager in senkrechter Richtung durch die Schwere geschlossen
ist, die Seitenbewegungen theils durch Stricke, namentlich aber
durch die passend gewählte Druckrichtung der Füsse verhindert
werden; Kraftschluss an der Anknüpfungsstelle der Tragstange,
wie an dem Bügel des Wassereimers; Kraftschluss überdies in dem
zu fördernden Körper, dem Wasser selbst. Auch herrscht doppel-
ter Kraftschluss in der Betriebsweise der Wippe, indem von deu
beiden Männern immer der eine den vor ihm schwebenden Schen-
kel des Baumes abwärts treibt, während sein Gefahrte, mit dem
Fusse nachgebend und sich dabei an dem Bambusgitter festhal-
tend, den aufwärts steigenden Schenkel nur richtig leitet Bei dem
ägyptischen Schaduff ist das Gelenk des Wippbaumes meist durch
eine hölzerne Achse gebildet, also schon paarschlüssig gemacht,
und durch ein Gegengewicht die Beförderung leichterer Eimer
durch nur einen Mann, der an dem Hängeseil anfasst, ermögUcht.
Beim Flitzbogen, an welchem die geradlinige Fortbewegung
machinal eingeleitet wird, während bei der Schleuder noch in allen
Punkten Kraftschluss herrschte, ist der mit dem gekrünmiten Fin-
ger geleitete Pfeil noch wesentlich kraftschlüssig gefuhrt; Bogen
und Sehne selbst sind kraftschlüssige Elemente. An der Balli>te
und der Armbrust ist hinwiederum ein grosser Theil des Kraft-
schlusses beseitigt, indem der Pfeil in einer geraden Rinne gefuhrt
wird ; auch tritt hier eine Windevorrichtung, also eine vermittelnde
kinematische Kette, an die Stelle des die Sehne spannenden Kraft-
schlusses durch Menschenhand. Beim Blasrohr ist das Prismen-
paar zur Führung des Pfeiles schon bedeutend vervollkommnit ;
beim Pulvergewehr ist es glatt ausgebohrt; bei der modenun
Büchse sind Geschoss und Rohr als genau hergestelltes „Schrau-
benpaar" ausgeführt, also der Kraftschluss für das Geschoss end-
lich ganz beseitigt.
Das chinesische Schöpfrad, weldies wir oben besprachen,
trägt den Stempel der Urthümlichkeit in der überwiegenden Ver-
wendung des Kraftschlusses an sich. Kraftschlüssig ist das trvi-
bende Element selbst, sowohl in dem Strombette, in welches da-
DAS MAURISCHE BEWA8SERÜNGSRAD.
225
R<id eiu taucht, als an den geflochtenen Schaufeln, die es vor sich
hertreibt; krafbschlüssig in den Bambuskübeln, die es nach oben
befördern, wie in der Rinne, die ihm den Weg aufs Feld vorschreibt;
kraftschlüssig liegt die Achse des Rades in den gabelförmigen
Stützen. Wie sehr die blosse Gegenwirkung gegen die störenden
Bewegungen, der blosse Kampf mit denselben der Grund zur
Erfindung des kinematischen Schlusses gewesen, sehen wir u. a.
an den sehr alterthündichen Noria «®) genannten Schöpfrädern Spa-
niens*). Die Achsen dieser Räder liegen auf den etwas geneig-
ten Deckbalken des Radstuhles ohne jede Einkerbung auf, Fig. 173.
Fip. 178. .
Bei der Vorwärtsdrehung des Zapfens sucht derselbe weiter zu
rollen, wird aber hieran durch eine kleine eingezapfte Stütze ver-
hindert Wir wissen, dass diese und ähnliche Lagerungen nach
und nach in sorgfältig gearbeitete Drehkörperpaare übergegangen
sind, dass das Wasser durch Einfassung in ein Gerinne, dann in
einen das Rad umfassenden Kropf u. s. w. mehr und mehr paar-
schlüssig gemacht worden ist. Doch ist nicht zu verkennen , dass
beim Wasserrade im allgemeinen die Spuren des ehemaligen Ueber-
^iegens des Kraftschlusses noch sehr deutlich sind.
An mittelalterlichen Pumpwerken, Mühlen und anderen Ma-
schinen finden wir sehr vielfach Kurbelgetriebe angewandt, also
Mechanismen, an welchen Gelenke, Drehkörperpaare, häufig sind.
Betrachtet man diese näher — und hierzu geben die erhaltenen
Zeichnungen Gelegenheit — so findet man an ihnen den Kraft-
schluss in voller Entfaltung. Die Gelenke der Kurbeln und Pleuel-
stangen sind runde Stäbe, welche von weiten runden Augen, ähn-
lich den Gliedern einer gewöhnlichen geschmiedeten Kette, umfasst
*) Siehe Moncrieff, Irrigation in Southern Europe. Jjondon 1868.
Benleaux, Kinematik. ]5
226 VT. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
werden. Grobe, weit auseinander stehende Knäufe verhindern all-
zuweit gehende Seitenverschiebungen. Die Spielräume erlauben
zugleich, wo es die Anordnung erfordert, Drehungen um Achsen.
welche quer zu den Stabaclisen gerichtet sind; es sind dies solche
Stellen, wo wir ein Kreuz- oder Univei^salgelenk anbringen würden,
beziehungsweise heute angebracht haben , wo also die ältere Form
ärmer an Theilen ist, als die neuere.
In übermächtiger Fülle sieht man den Kraftschluss an einzel-
nen Ueberständern aus den letzten Jahrhunderten, den alten
Baumkeltern, die sich im Rhein- und Moselthal, auch in der
Schweiz, wo die Kelter Trotte heisst, hie und da noch erhalten
haben. Zum Zusammenpressen dient ein sich überall kraftsehlüvsi«^
anlegender Hebel, aus einem Eichbaum hergesteüt — der viel be-
sungene Kelterbaum — der bei der ältesten Form am freien Ende
mit Mühlsteinen belastet ist. Eine Schraube (aus Holz) ist dann
auch vorhanden, dient aber nicht zur Ausübung von Druck, son-
dern zum Heben und Sinkenlassen des belasteten Hebelendes ••).
Bei der rheinischen Baumkelter, die jedenfalls als die jüngere an-
zusehen ist, dient die Schraube indessen zum Abwärtsziehen des
Baumes; die ganze Maschine ist hier eine Einrichtung etwa wie
ein Schraubstock, bei welchem aber die Druckstelle statt jenseit>
Schraube und Gelenk zwischen denselben, ganz nahe dqm letzteren
angebracht ist.
Sehr merkwürdig sind auch die sehr urthümlichen Eisenhäm-
mer, auf welche der Fusswanderer in den betriebsamen kleinen
Thälern des bergischen Landes und der Eifel stösst Ein roh f^e-
zimmertes kleines Wasserrad treibt einen Schwanzhammer, ein
anderes die Blasebalgvorrichtung, im bergischen Lande Kuckuck
genannt. Wie der Hammer, so werden auch die Bälge dunh
Hebedaumen, also kraftschlüssig, betrieben, ihre obere Platte
nämlich durch die Daumen abwärts gedrückt, worauf eine an ilei
Decke befestigte Holzfeder sie wieder in die Höhe schnellt Es i^t
fast kein einziges Elemcntcnpaar in diesen, wohl die Erbschaft von
Jahrhunderten bewahrt haltenden Einrichtungen , das nicht kraft-
schlüssig wäre. Langsamer Uebergang hat aus dem „Kuckuck"
das fein eingerichtete Cylindergebläse unserer Tage gestAltet
Wir sehen in allen diesen Beispielen aus dem alten Maschi-
nenwesen den Kraftschluss allmählich weichen, um dem Paar- und
Kettenschlnsso Platz zu machen. Dieser Prozess hat vom allseiti-
gen Kraftschluss zum kraftschlüssigen Elementenpaai*e, von diesem
SCHULE DES N0THBEHELF8. 227
zum mehr und mehr geschlossenen und endlich ganz zwangläufigen
Paare, und unbemerkt zur Icinematiechen Kette geführt. Inzwischen
half eines dem andern, indem mit der Vervollkommnung irgend
einer Hilfsmaschine fiir der Hände Werk ein auf derselben herge-
stellter Theil einer neuen Maschine an Vollkommenheit zunahm.
Dabei bestimmt, wie wir gesehen haben, nicht die Einfachheit
im Sinne des Bestehens aus wenig Theilen die Güte der Ma-
schine, sondern die sich steigernde Bestimmtheit der erzielten
Bewegungen bei Verminderung der Anforderungen an die Intelli-
genz der Kraftquelle, und dies selbst auf Kosten einer beträcht-
lichen Vermehrung der Theile, oder, wie wir uns auszudrücken
haben, der Gliederzahl der kinematischen Verkettung.
Aus dem Ganzen geht für uns, wenn wir das kinematische
Prinzip auf die höhere Einheit der menschlichen Entwicklung zu-
rückfuhren, die Erkenntniss hervor, dass die ersten machinalen
Vorrichtungen auf eine Weise hergestellt wurden, welche wir als
den Nothbehelf bezeichnen können. Gewisse Bewegungserzwin-
gungen wurden Bedürfniss. Man half diesem so gut es gehen
wollte ab und. gerieth dabei durch eine innere Nöthigung — weil
nämlich, wie unsere Untersuchungen ergaben, andere gleich einfache
Lösungen nicht möglich sind — auf die Elementenpaare in deren
ersten unvollkommenen Anfängen. Gewöhnung und Uebung be-
wirkten dann allmählich , dass die Erfindimg auf andere als die
ersten Zwecke übertragen wurde, und veranlassten dadurch, dass
die Anforderungen an die Güte und Brauchbarkeit der Vorrich-
tungen sich steigerten. Diesen Anforderungen gerecht werdend,
also gleichsam einer äusseren Nöthigung folgend, krystallisirte sich
langsam der machinaJe Gedanke heraus, und gewann allmählich
80 deutliche Formen, dass man begann, absichtsvoll mit ihm an
die Lösung neuer Aufgaben heranzutreten. Bei diesen Versuchen
ergab sich stets wieder die Verbesserung des Apparates als Wir-
kung, um darauf wieder Ursache zu neuer Verwendung und Wei-
terbUdung zu werden.
Wir erkennen hier den wunderbaren Trieb nach Ausdehnung
der menschlichen Machtsphäre , der den verschiedenen Menschen-
Rassen ungleich zugemessen scheint und sie deshalb ungleichartig
zur Entwicklung hat kommen lassen. Die einen besitzen diesen
Trieb in geringem Maasse; sie haben durch Jahrtausende nur
kleine Schritte auf dem Entwicklungswege zurückgelegt; sie sind
der Allmutter treuer geblieben und unterwerfen sich ihr williger,
16*
228 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
als die anderen ; diese dagegen, wie getrieben von immer neu ent-
stehenden inneren Kräften , hsfben der Natur ein Gebiet nach dem
anderen streitig gemacht, haben dabei ihre Fähigkeiten entwickelt
und dieselben zu den höchsten Leistungen erstarken sehen.
§. 50.
Entwioklungsweise des modernen MaBcMnenwesena
Das moderne Maschinenwesen datirt von der Erfindung der
Dampfmaschine her, und hat mit ihr, und veranlasst durch sie,
sich mit einer Schnelligkeit entwickelt, welche in früheren Perio-
den nicht entfernt ihres Gleichen hat. Dennoch ist nach meiner
Ansicht nicht von einem eigentlichen Sprunge, einer Unstetigkeit
in der Fortbildung der Ideen die Rede; es tritt nur eine grössere
Beschleunigung in der Aufeinanderfolge ein. Die Kurve nimmt
einen schneller aufsteigenden Verlauf, ohne indessen ihr inneres
Gesetz zu ändern. Wir dürfen zwar nicht vergessen, dass es in
Fragen jeglicher Art ungemein schwer ist, sich ein Urtheil über
dasjenige zu bilden, was gerade in unserer Gegenwart geschieht,
weil wir selbst aus den Trieben der Gegenwart handeln und darum
auch empfinden und urtheilen. Indessen unterstützt uns hier die
grosse Zahl der Fälle und die Genauigkeit unserer Kenntniss von
denselben. Eine aufmerksame Betrachtimg der heutigen Art, die
Maschinen zu vervollkommnen, lehrt aber, wie wir sogleich sehen
werden, dass der ganze Prozess der Ablösung des Kraft-
schlusses durch Paar- und Kettenschluss bis zur Stunde
seinen Gang ruhig weiter geht. Wir dürfen ihn deshalh
als den tiefern und allgemeinen Inhalt der gesammten
bisherigen Entwicklung der Maschine ansehen; ja wir
werden ihn auch ferner noch als eine wesentliche Form
der weiteren Entwicklung derselben zu betrachten haben.
Die Newcomen'sche Dampfmaschine, Fig. 174, ist no<h
überwiegend krafischlüssig und erhielt sich so durch das ganze
achtzehnte Jahrhundert; kraftschlüssig im Pumpwerk, in den
Balancierketten, im Dampf kolben, auch in der Steuerung, obwohl
hier die Potter'sche Erfindung das intellektuelle Eingreifen durth
maclnnales ersetzt hatte. Watt führt erst nach und naeh den
einen Paai*schlu8S und Kettenschluss nach dem andern ein. I)al>ei
NEWCOMEN B MASCHINE. 229
weichen u. a. die kraftschliissigen Balancier- Ketten (lern ungleich
verwickeiteren, aber kinematisch auch weit vollkommen eren Mecha-
Fig. n*.
nismus des Wattischen
„ParallelograinrnB", Bis
zum heutigen Tage ist
die ehrwürdige Wasser-
hebungsmaschine unserer
Bergwerke in den Fesseln
des Kraftschlusses noch
theilweise stecken geblie-
ben ; in der jüngsten Zeit
ei-st scheint ein ernsthcher
Kampf gegen dieselbe
durch die neuen direkt
wirkenden Dampfpumpen
eröffnet worden zu sein.'
Ein interessantes Bei-
spiel des Ueberganges
liefert uns das vielge-
nannte Wat tische Plane-
230 VI. KAP. JENTWICKLDNOBGESCHICHTE DER MASCHINE-
tenrad. Die Form, in welcher Watt den Mechanismus ans' Licht
brachte, war zuerst nicht die bekannte in Fig. 175, sondern die
ganz andere in Fig. 176*), Um das Rad c unter steter Erhaltung
des Eingriffes um d benmizutiibren , wandte er ganz dieselbe Idne-
matisclie Paarung an, welche wir in g. 43 besprachen. Offenbar leitete
ihn dabei der Gedanke, dass eine Konstruktion um so „einfacher'^
Fig. ITB.
sei, je weniger Theile sie habe. Später erst gieng er zu der Ein-
richtung in Fig. 17.5 über. Bei dieser erhielt die Kette froihch in
dem Verbindungssteg e ein Glied mehr, allein die Bcstimmtlicit
der Bewegimg hatte gewonnen , und der wegen der rasch cintn'-
tcnden Abnutzung erforderliche Kraftscliluss, den die Schwungrad-
masse zu bewirken hatte, kam in Wegfall.
Am Fuhrwerk erleben wir bis in die jüngste Zeit den IVber-
gangsprozess von Kraft- zu Paarschluss. Nach sehr guter Ilerstcl-
•) biel.e MiiiriiBHil, Iiiv^nti.mK of J. Watt, 111. 8. äli.
EISENBAHN UND STRASSE. 231
lung des Wagens, Begabung desselben mit einem ausgebildeten Vor-
dergestell, bester Ausführung der Strassen etc. herrschte immer
noch der Kraftschluss überwiegend vor, namentlich in der Inne-
haltung der Fahrrichtung, welche eingeübte Zugthiere und eine
intelligente Führung derselben erforderte. Da kommt man auf
den Gedanken, den Kraftschluss in der Leitung des Fahrzeuges
durch Paarschluss zu ersetzen. Die Schiene, die Eisenbahn, wird
als Element mit dem Rade gepaart, der Kraftschluss nur noch für
die senkrechten Stöi:ungskräfte belassen. Der Schritt in der Rich-
tung der machinalen Vollkommenheit, dessen volle Aufnahme in
das Verständniss allerdings anderthalb Jahrhunderte in Anspruch
nahm*), war ein ungeheuerer; es war derjenige, welcher Wagen
und Weg zur Maschine vereinigte. Die Schiene ist ein Theil
(lieser Maschine, nämlich das festgestellte Element der dem
Mechanismus zu Grunde liegenden kinematischen Kette. Der fer-
neren Verbesserung des Paarschlusses in derselben, der Beseiti-
gung des noch störenden Restes des Kraftschlusses im Gleis, in den
Achsenhaltem, in den Federgehängen • der Wagen wie der Loko-
motive sehen wir zur Stunde die grösste, Aufinerksamkeit zuwen-
den. Dem gegenüber zeigt sich das in den letzten Jahren wie-
der fiebrisch aufgenommene Problem der Strassen -Lokomotive zu
ewiger Un Vollkommenheit seiner Lösungen verurtheilt, da es an
einem inneren Widerspruche krankt. Es will eine Maschine her-
vorbringen, und doch gleichzeitig auf die innerste Eigen thümlich-
keit der Maschine, die Elementenpaarung, verzichten. Anderer-
seits erscheinen Bestrebungen, wie die bei Boydell's Strassen-
fahrmascbine, wenigstens ein Stück transportablen, mijb dem Rade
paarbaren Elementes mitzuführen, als Aeusserungen des allgemei-
nen Triebes der Kraftschluss-Beschränkung. Auch das Thomp-
son'sche Gummi-Triebrad für Strassenlokomotiven zählt im Grunde
genommen hierher. Denn der sich äusserlich abplattende, schief
pressende, dem Strassenpflaster anschmiegende Gummiring bietet
in seiner Innenfläche dem starren Theile des Radreifens eine
schlichte gleichförmige Lauffläche, die derjenigen der Bahnschiene
entsprechend ist.
Auch die Turbine in ihrer zunehmenden Vervollkommnung
ist hier anzuführen. Aus dem Strauberrad der Tiroler und
*) Holzbahnen waren auf den Gniben von Newcastle sclion 1676 im Oe-
branch, die ersten eisernen Schienen datiren von 1738.
232 VI. KAP. EKTWICKLUNOSGEBCHICHTE DEE MABCHINT.
Schweizer HochgebirgHthäler hat sie der Mechaniker unseres. Jahr-
hunderts gestaltet. Die umhersprüheiiden Wasserstrahlen stürmten
und wirbelten gegen dessen unregelmässige Schaufeln in un^o-
stümem Kraftschlnss; bei der Turbine aber sind sie mit bereits
hoher Vollkommenheit mit dem lein gearbeiteten Rade zu einem
■ Elementenpaare vereinigt. Der Weg, welchen die Steinzerkleiiie-
rung durchlaufen hat, vom alten Pochwerk zu den Quetschwalzen,
mit welchen sie sich eine Zeitlang begnügen zu wollen schien,
um dann mit heinahe plötzlichem Entschluss zur St«inbrechina-
schine überzugehen, ohne welche heute kaum ein Hochofen bestehen
kann, ist der vom Schlüsse durch die sensiblen Kräfte der gebohi-
nen und niederfallenden Massen zu den latenten Kräften eines zu-
sammengesetzten Hebelwerkes, Aehnlich ist der Weg von der
alten Eisenschmiederei mit Schwanz- und Aufwerfliammcr zur
heutigen Arbeit mit Quetsclie, Walzwerk und Schmiedeprcssc fie-
wesen.
Das landwirthschaftliche Maschinenjvesen zeigt als eine noch
junge Gattung überall den schwierigen Versuch, einen höchst vit*
wickelten Kraftschlnss durch Paar- und Kettenschluss zu venlran-
gen oder wenigstens einzuschränken.
Wie solir wir noch beschäiligt sind, aus dem Kruftscliluss her-
aus zum kinematischen zu gelangen, und wie sehr wir empliu-
den, dass darin zu etwas Neuem, zu einem besseren Zustande hiu-
gestrcbt wird, zeigte am Schluss des vorigen Jahrhunderts die
hydraulische Presse, deren unmittelbaren Parallelismus zu dem
uralten "j Flaschenzuge ich §. 43 nachwies, und über welche man
noch heute nicht aufhören will, sich zu verwundem, ohwolil man
den Flaschenzug dieser Aufmerksamkeit nicht mehr würdigt; ganz
dasselbe zeigt das ing.44 besiu-ochene Aufkomnien und dit- wiinm
Aufnahme des sogenannten Wiissergestiingt-s, Fig. 177. Ich wi.-
schon dort darauf liiii , dass dit-ser Mechanismus völlig :iu;ilo;
VIELTHEILIGKEIT DER MODERNEN MASCHINE.
233
dem Riementriebe Fig. 178 ist, neben dem er erst so spät auf-
taucht.
Dieser grosse Altersunterschied zweier dem tiefem Grundgedan-
ken nach einander so nahestehenden Vorrichtungen beweist recht
Fig. 178.
deutlich, wie die Erfindung ihren Weg
noch ohne Stetigkeit, in Sprüngen,
aus undeutlich empfundenen Antrie-
ben heraus macht.
Das immer weitergehende Bestre-
ben, den Kraftschluss wegzuschaffen,
zeigt sich in interessanten Formen in
gewissen feinen Ausläufern unserer
modernen Konstruktionen, so den
mechanischen Oelungsap para-
ten und den sogenannten Siche-
rungen an Verschraübungen, Kei-
lungen und dergleichen.
Die mechanischen Oeler ersetzen
die kraftschlüssige Zufuhr der Flüs-
sigkeit durch eine solche mittelst oft
sehr verwickelter kinematischer Ketten, welche die Aufgabe manch-
mal mit wahrem Raffinement lösen; die Sicherungen der Schrau-
ben- und Keilverbindungen setzen an die Stelle des Schlusses durch
Reibung und Schwere den sorgfältig ausgebildeten Paar- oder
Kettenschluss.
Die Zahl der Konstruktionstheile der modernsten Dampfma-
schinen gegenüber älteren hat dadurch ganz beträchtlich zuge-
nommen. So bedingen z. B. bei einem gewöhnlichen Kriegsdampfer
flie Schraubensicherungen allein eine Vermehrung der Zahl der
Theile um 200 bis 400 Stück.
Als weiteres Beispiel seien die Zahnräder angeführt^^J. Seit
Jahrtausenden bekannt, wie sie sind, hat ihre Verbesserung bis
heute wesentlich an der Beseitigung des Kraftschlusses gearl)eit<*t,
<ler namentlich in dem sogenannten Spielraum*; der ZalniHanken
noch immer steckt und oft genug störend fühlbar wird. Wäh-
rend bei der chinesischen Göpelmühle und bei dem ägyptisi Infii
Wa«sergöpel, der sog. Sakkiah **j, weite Spielräume die als blosMi»
*) Vou den Eugländeru für uiim \jt^\*iui uiitf avtpU ^J''r»-ili»'jt'' (fn-'-dom; u*'
nanut, also al» „der koHiiiiKcheu F'reiheit näli^r y^ttfhcMtl'' , ♦'ik.uiiit.
234 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASrHl>T.
Pflöcke ausgeführten Zähne trennen, diese also nur der alleraoss^r-
sten Nothwendigkeit des gegenseitigen Mitnehmens gentigen*),
sehen wir im Mittelalter und den letzten Jahrhunderten die Spitl-
räume kleiner und kleiner werden, indem man mit zunehmendtr
Sorgfalt den kinematischen Formgebungsbedingungen Folge leistet,
bis wir sie heute schon auf einen kleinen Bruchtheil der Theiluni:
herabgedrückt haben. Man hat sich im letzten Jalirhundert gan?
allmählich daran gewöhnt, das Rad und seine Zähne als eine Ein-
heit, ein Ganzes zu verstehen, und demgemäss die Zahnprofile im
Zusammenhang aufzufassen. Nach meiner Ueberzeugung winl
nach wenig Jahrzehnten das spielfrei arbeitende Zahnrad die
Regel sein**).
In voller Thätigkeit endlich beobachteten wir auch bereit>
oben (§. 46) den Kampf zwischen Paarschluss und Kraftschluss auf
dem Gebiete der Kraftmaschinen, da wo sichs um die Mittel zur
Ueberschreitung der Todpunkte in Mechanismen handelt Wir
bemerkten, wie in zunehmendem Maasse dieZwillingsmascliine üUt
die einfache die Oberhand gewinnt. Noch vor zwanzig Jahn-L
konnte man tüchtige und verurtheilslose Praktiker sich bestimmt
dahin äussern hören , dass für die Förderung auf den Gruben cli»'
Zwillingsdampfmaschine nicht das. Richtige sei ; die einfache Ma-
schine sei ilir eben wegen der „Einfachheit" ohne Frage vono-
ziehen ; man werde sich bald besinnen und von diesen Neuerun^tn.
welche nur Modesache seien, zurückkommen. Heute aber triumphirt
die ungleich melirtheilige Zwillingsmasclüne auf den Gruben sch<»ri
so viel wie überall. In den Walzwerken wandte und wendet man
noch dem Kraftschluss zur Liebe die kolossalsten Schwungräder
an, die sich bekanntlich öfter geradezu lebensgefährlich erwei^u.
Wie schon in §. 47 besprochen, ist auch hier def neueste Fort-
schritt der, dass an die Stelle der einfachen die Zwillingsmaschine
gesetzt worden ist. Ja es darf angenommen werden, dass di»-
auch in den Spinnereien, Webereien, Mascliinenfabriken und Ma-
nufakturen aller Art ihr bereits begonnenes siegreiches Vordrinjr«*.
in vielleicht schon einem Jahrzehnt vollendet haben wird. Hitr
also, wie allerorten, verliert der Kraftschluss immer nur an IMv: .
_ _ •
*) 8. u. a. Eyth'H Agrikultur-Maschiuenweseu in Aei^ypt^n. Stuttgart l*»'
•*) Nachdem die obi^^e Bemerkung bereit« ein halbe« Jahr veniffeiii"
war, erschien auf der Wiener WeltausHtelhing als unen»'artet frühe IW*-'-
gung die Hellem'Bche Rädei*Hchnoidma8rhiue, welche Zahnnliler mit nur'
Tlieihing Spielraum liefert.
DIB MODEBNE MASCHINE. 235
um dem wenn auch zusammengesetzteren, so doch kinematisch
vollkommeneren Paar- und Kettenschluss das Feld zu räumen. —
Neben der inneren Vervollkommnung, welche die moderne
Maschine von der früheren unterscheidet, hat dieselbe auch eine
wesentliche und sehr wichtige äussere aufzuweisen. Diese besteht
in der besseren Herstellung der einzelnen Theile der Maschine,
i i. der Glieder der kinematischen Kette, aus welcher sie gebildet
ist. Die im vorigen Jahrhundert stattfindende Einführung des
Gusseisens als Materials der Maschinenstücke an Stelle des Holzes
brachte es allmählich dahin, dass Balanciers, Zahnräder, Hebel,
Gestelle u. s. w. aus immer weniger Stücken , womöglich endlich
aus einem einzigen gebildet werden. In ähnlicher Weise hat in
unseren Tagen der Gussstahl auf die Schmiedeisenbauten einzuwir-
ken begonnen. Mit immer weiter eindringendem Studium passt
dabei die Maschinenbaukunde die latenten Kräfte der Theile mit
zunehmender Genauigkeit den sensiblen an und bringt dadurch die
Abmessungen auf das geeignetste Maass. So hat denn hier neben
der Verminderung der Abmessungen wirklich eine Verminderung
der Zahl der Theile, oder richtiger der Stücke, also eine Verein-
fachung stattgefunden, welche sich äusserlich auffallend bemerk-
bar macht Aus diesem Grunde erscheint die moderne Maschine
oft einfacher als die ältere, obwohl ihre Zusammensetzung in der
That im allgemeinen ungleich reicher ist. So z. B. sind die alten
Uferkrane, mit welchen nur recht bescheidene Lasten gehoben wer-
den konnten, bedeutende, ja grossartige Bauten zu nennen im
Vergleich mit unseren so schlicht aussehenden und doch viel stär-
keren neueren, die innerlich so wesentlich komplizirter sind. Aehn-
iiches gilt von den alten Pumpwerken, Mühlwerken, Dampfmaschi-
nen u. 8. w. im Vergleich zu den modernen. Diese bedeutende
äussere Vereinfachung der Maschine, welche noch in steter Fortbil-
dung begriffen ist, hat es ermöglicht, die Ausführung der Maschine
mehr und mehr zu erleichtem. Man darf nicht vergessen, dass
diese Erleichterung auf der in den Hilfsmitteln der Werkstätten
au%espeicherten kolossalen Masse von Arbeit beruht. Es sind die
Zinsen dieses Arbeitskapitals, was wir in der äusseren Verein-
fachung der Maschine geniessen. Für uns darf sie die beobachtete
Zunahme der innerlichen Komplizirtheit nicht verdunkeln. Dass
letztere nicht ohne Grenzen gesteigert werden kann und wird, viel-
mehr einer erkennbaren , im Wesen des kinematischen Zusammen-
banges liegenden Grenze sich bereits allgemein annähert, werden
236 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
wir weiter unten linden. Einstweilen muss ich diese höchst merk-
würdige und wichtige Frage noch auf sich beruhen lassen.
Fassen wir aber die Ergebnisse unserer Umschau nunmehr
zusammen , indem wir zurückgehen auf die allgemeinen Grundbe-
griffe, welche wir zu Anfang dieses Kapitels, gebildet haben, so kön-
nen wir sagen , dass die Kraftschlussbeschränkung wesenthch das
Mittel gewesen ist, die Maschine geeignet zu machen, den ihr zu-
gewiesenen Antheil an der Aufgabe besser zu erfüllen.
Diese Beschränkung gestaltete allmählich aus den Nothbehelfeu
der ersten Versuche die sicher wirkenden Elementenpaare und
einfacheren Getriebe. Dabei entstand aber zugleich die Mögücli-
keit und Veranlassung, den Wirkungskreis der Maschine auszudeh-
nen, das intellektuelle Einwirken des Menschen erfolgreicher zu
machen, oder wie wir es oben ausdrückten, herbeizufuhren, da'*>
der Antheil der Maschine ein grösserer Bruchtheil der
ganzen Aufgabe werde.
Dieses letztere Bestreben rief sodann auch die Erfindung neuer
Mechanismen hervor. Auch hierbei aber tritt der Kraftschluss ;d>
das Näherliegende, als Uebergangsstufe auf. Dies zeigt sich noch
heute auffallend stark an denjenigen Maschinen, welche vom Arbei-
ter, vom krassen Empiriker, erfunden werden. Solcher MaschiiuMi
kommen ja immer noch manche vor; sie sind nicht selten Pioniere
gewesen, die ein neues Gebiet aufschlössen. Es ist als ob man dii
Entwicklungsstadien der Maschine wie durch ein umgekehrte«^
Fernglas auf ein kleines Bildchen zusammengedrängt vor sich sülie.
so viele Gewichte, Federn, Hebedaumen, Klinken, StemjHl.
Schwungräder u. s. w. sieht man da vereinigt, um ihren kratt-
schlüssigen Gang rasselnd und prellend zu vollziehen. Erst der
geübte und ausgebildete Konstrukteur beseitigt lächelnd das UeUr-
maass an Unsicherem und ersetzt dasselbe durch Sicheres. -Vber
auch selbst dieser Geübte und Ausgebildete, wenn er eine gaii/
neue Maschine entwirft, wendet beim ei-sten Anlauf noch manch-
mal den Kraftschluss an, wo er ihn füglich hätte durch Paarsehlu^^
ersetzen können, und bei späterer Müsse auch ersetzt Ein schlapn-
des Ik»ispiel hierzu liefert die Corliss-Steuerung der Dampfmaschiin ;
bei ihr ist der Kraftschluss in der üppigsten Blüthe; alle Verbt*^M -
rungsvoi-schläge für dieselbe laufen im Stillen mehr oder weniu*'!
auf Beseitigung desselben hinaus. So sehen wir denn auch in »lei
intensiven Vervollkonnnnuni:: der Maschine die Verdrängung; d« -
KraftNchlussts immer noch vor sich gehen, um ihn auf sein !•• -
DIE MODERNE MASCHINE. 237
schränktes Grenzgebiet, das wir ihm weder nehmen w^oUen noch
dürfen, zurückzudrängen.
Nicht übersehen dürfen wir, dass bisher die allgemeine Ent-
wicklung der Maschine gewissermaassen unbewusst bewirkt wor-
den ist, und dass diese Unbewusstheit der älteren Erzeugungsweise
einen besonderen Stempel aufgedrückt, ja sie dem scharfen Ver-
ständnisse sogar entzogen hat. Daneben aber steht heute diejenige
Erzeugungsweise der modernen Maschine, w^elche von vornherein
in den oben erwähnten sehr geübten Händen liegt. Hier ist schon
manches, wenn auch nicht gerade vieles, klar und absichtsvoll
erfjisst. Hier sehen wir nicht sowohl alte mangelhafte Vorrichtungen
Tcrbessem, als vielmehr neue Einrichtungen fertig ins Leben setzen,
welche der Maschine solche Thätigkeiten unterwerfeil, die bisher
deren Herrschaft entzogen geblieben waren. Hier tritt uns denn
alsbald der fertige, obwohl neue Mechanismus, die tadellos ge-
schlossene zwangläuiige Körperverbindung entgegen, um sich der
praktischen Prüfung darzubieten, wie man bei den Nähmaschinen,
den neuen Gewehren und Geschützen u. s. w., stellenweise beob-
achten kann. Es ist unverkennbar, dass in manchen dieser neuen
Einrichtungen Geist von einem neuen Geiste, ein besonderes, uns
frappirendes, von dem älteren Maschinenwesen fast scharf ge-
schiedenes Wesen steckt. Es unterscheidet sich von jenem dem
Karakter nach etwa so, wie das Integriren vom DiflFerenziren. Dort,
hei der älteren Form, bildet das unausgesetzte „Verbessern", das
Jmpravement^^ was, wie wir sehen, nicht ohne tiefere Ursache
ziehende Redensart geworden ist, den Grundzug. Hier dagegen
wird Neues unmittelbar erzeugt; hier bemerken wir mitunter das,
wie mit einem scharfen Klang einsetzende Aufkommen von sofort
>^<*hr vollkommenen Maschinen. Hier sind wir in die Anfange
«iner Auffassung eingetreten, welche wahrscheinlich einmal die
allgemeine unter den eigentlichen Fachleuten sein wird. Auf sie
wird sich auch nach meiner Ueberzeugung unser polytechnischer
Maschinenbau-Unterricht mit zunehmender Bestimmtheit hinw^en-
den. Die Art der menschlichen Anlagen ist indessen im grossen
^ianzen unveränderlich. In jedem Individuum rauss die Entwick-
lung der Begriffe mikrokosmisch von Anfang an wieder durchge-
macht werden. Aus diesem Grunde, und weil unvollkommene
Lö^sungen doch immerhin Lösungen sind, wird die jeweilige (»eg-
Ji'?rschaft von Paarschluss und Kraftschluss niemals eigentlich
♦^löschen.
238 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DEB MASCHINE.
Das ganze innere Wesen der Maschine ist, wie aus unseren
Untersuchungen allmählich zur vollen Klarheit hervorgegangen
ist, das Ergebniss einer planvollen Beschränkung, ihre Vervoll-
kommnung bedeutet die zunehmende kunstvolle Einengung der
Bewegung bis zum völligen Ausschluss jeder Unbestimmtheit An
dieser Steigerung der Beschränkung hat die Menschheit durch
Aeonen gearbeitet Suchen wir eine Parallele hierzu auf anderen
Gebieten, so können wir sie wohl in dem grossen Problem der
menschlichen Qesittung finden. Dieser gehört im Grunde genom-
men die Entwicklung des Maschinenwesens als ein Faktor an, indem
sie zugleich ihr verschärftes Gegenbild vor Augen führt Wie uns
der Dichter die mildgesitteten und darum uns so liebenswerthen
odysseischen Irrfahrer gegenüberstellt der zügellosen Naturkraft
des Kyklopen, des „gesetzlos denkenden Scheusals'', so steht für
uns das ungebändigte Walten der Naturkräfte, welche in schran-
kenloser Freiheit aufeinanderprallen, um im. Kampfe aller gegen
alle das unbekannte Erzeugniss der Nothwendigkeit hervorzubrin-
gen, gegenüber der durch Beschränkung auf ein einziges und beal)-
sichtigtes Ziel gelenkten Kräftewirkung in der Maschine. Weise
Beschränkung schuf den Staat, sie allein erhält ihn und befiihifft
ihn zu den grössten Leistungen; Beschränkung hat uns in der
Maschine allmählich die gewaltigsten Kräfte unterworfen und lenk-
sam an unsere Schritte gefesselt
•
§. 51.
Die Antriebe zur Entwicklung der Maschine.
Ich bin im Vorstehenden der hergebrachten und sehr verbni-
teten, man muss wohl sagen herrschenden Ansicht entgegengetn-
ten, als ob die Maschine aus dem Bedürfhiss der Kraftleistunc
hervorgegangen sei, und habe gezeigt, wie aus inneren Gnimlrn
diese Ansicht aufzugeben ist Es war vielmehr, wie wir gesoht*i.
haben, das Bedürfhiss der Bewegtmgs-Erzeugung, was den maohi-
nalcn Gedanken zuerst einfiösste. Damit war indessen durchaii-
nicht gesagt, dass das Kraftbedürfhiss einflusslos geblieben '^i'-
Wir fanden vielmehr im Gegentheil, dass die Kraflfrage entschi»^
den in die Entwicklungsgeschichte der Maschine eingreift, obw^!..
sie sich immer wieder in der kinematischen, welche die iniitr
eigenthümliche Entwickking der Maschine ist, ausprägt
ENTDECKUNG ITND ERFINDUNG. 239
Zwei Linien also sind es, in welchen sich die äusseren treiben-,
den Anlässe zur Entwicklung der Maschine bewegen: die erste
und am frühesten begonnene ist die der Ansprüche an die Bewe-
gungsmannigfaltigkeit, die andere diejenige der Forderungen an
die Kraftleistung. Diese Antriebe laufen neben einander her, ver-
einigen sich hie und da, um sich auch gelegentlich wieder zu tren-
nen, beide unaufhörlich auf die Vervollkommnung der Maschine
hinwirkend. Das Kriegs- und das Bauwesen, überhaupt die Lasten-
befbrderung, drängten auf Vergrösserung der geleisteten Kräfte;
die Manufakturen , die Zeitmessungs- und andere Instrumente for-
derten die Bereicherung der erzielten Bewegungen. Noch heute
sind die beiden Richtungen trotz unserer vorgeschrittenen Abstrak-
tion , welche Bewegung und Kraft nie getrennt betrachtet wissen
möchte, deutlich zu unterscheiden, denn immer ist in der einen
Maschinengattung die Kraftfülle, in der anderen der Bewegungs-
reichthum vorwiegend. Verschieden auch ist der geistige Vorgang
in dem sich entwickelnden Menschengeist hinsichtlich beider Fragen
gewesen.
Die motorischen Kräfte findet der Mensch in dem Haushalt
der Natur thätig vor; allein sie sind dort, soweit sie ausser ihm
selbst sind, für ihn zunächst nicht vorhanden, ihm unbekannt; er
muss sie erst von der Gesammtheit der begleitenden Erscheinun-
gen unterscheiden lernen, sie von ihnen ablösen, sie entdecken.
Darum hängt die Vervollkommnung der Maschine hinsichtlich der
Kraftfrage innig zusammen mit der Kenntniss des Menschen von der
Natur, später der Naturwissenschaft, um bei deren Entfaltung sich
ihr nur immer enger anzuschliessen. Papin war, als er die Dampf-
maschine erfand, ebensoviel oder mehr Naturforscher, als prakti-
scher Mechaniker, Watt nicht weniger, als er mit seinem durch-
dringenden Genius in das Getriebe eingriff. So werden auch heute
<lie Kraftquellen mit den höchsten Mitteln des experimentellen
und rechnerischen Naturstudiums nach vollendet wissenschaftlichen
Metlioden aufgesucht, entdeckt und genauer ergründet.
Bewegungen in grosser Mannigfaltigkeit sind in der Natur
ebenfalls vorhanden und werden vom Menschen alsbald wahrgenom-
men; allein es sind dies entweder kosmisch freie Bewegungen oder
solche, welche durch den Willen des beseelten Wesens geleitet
sind, nicht aber, oder nur in äusserster Seltenheit, jene eflg ge-
bundenen und gesetzmässig aus einander hervorgehenden Bewegun-
gen, welche wir durch die Maschine erzwingen. Diese Erzwingung
240 VT. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHIKf!
ist das Erzeugniss menschlicher Denkkraft; sie musste der Moiisoli
durch den werkthätigen Verstand erst schaflFen, er musste sie
erfinden. Also Entdeckung auf der einen, Erfindung auf der
anderen Seite , durch diesen Gegensatz unterscheiden sich die mo-
torische und die kinematische Entwicklungsrichtung der Mascliine.
Sie sind unabhängig von einander, wirken aber vereint auf die
Vervollkommnung der Maschine ein. Der Entdeckung jeder neuen
Kraftquelle schliesst sich die Erfindung der Mittel, sie zu verwor-
then, an. So war die Entdeckung der motorischen Eigenschaften
des Dampfes nicht sowohl der Fortschritt selbst, als die Anregung
zu demselben. Sie rief die lebhafteste Thätigkeit der Kombination,
das angestrengteste Nachdenken hervor, um durch Erfindung die
Mittel zu schaflFen, vermöge welcher die neue Kraftquelle nutzl)ar
gemacht werden kotinte. Die Verwerthung solcher neuen Quellen
zu steigern, blieb die Erfindung unausgesetzt thätig, und verfuhr
in ihrem Bestreben je länger je mehr mit Bewusstsein ihrer
Zwecke, bis sie heute theilweise schon in die volle AbsichtUchkeit
und Erkenntniss derselben eingetreten ist. Dass es die Aufgabe d«T
wissenschaftlichen Kinematik ist, das Gesetzmässige in den Mit-
teln zu diesem Zwecke festzustellen, ist schon früher angeführt
worden. —
Haben wir in derjenigen besonderen Weise, kinematische Ele-
mentenpaare zu bilden, welche wir Kraftschluss genannt babon.
die Form kennen gelernt, in welcher ein Rest kosmischer Freihut
den machinalen Systemen beigemengt ist, welchen zu verkleiuen.
und zu bekämpfen ein vieltausendjähriges Bemühen des Ert:n-
dungsgeistes gewesen ist, und nach dessen gänzlicher Beschrüi.-
kung er sich um so entschiedener neuen Aufgaben zuwenden wiid.
so sehen wir in ihm andererseits auch das llebergangsiiebi« t,
welches aus dem ideal machinalen System in das kosmi>rli''
überleitet. Der Kraftschluss bildet jene, l)ei der Besprechung dn
Grenzen des Maschinenproblems (s. §. 1) angeführte, zwar diat-
liche, aber nicht scharfe Grenzlinie, welche zwischen den hv'uh:
Systemen hinläuft. Dem künftigen Geschichtschreiher der Ei.t-
wicklung der Maschine ist, wie ich annehme, in der Linie »1"^
Widerstreites zwischen Kraftschluss und Paarschluss der Ariaihu^
faden gegeben, der ilni die verworrenen und doch niolit plan-
losen Gänge der geschehenen Entwicklung führt Daneben wird
♦'S für die fernere Ausbildung des Maschinenwesens vom ffriUstii
Nutzen sein, wenn mit dem klaren Bewusstsein an die Aufii.ii«
AUFGABE DBB WISSENSCHAFT. 241
herangetreten wird, dass in der Ablösung des Kraftschlusses durch
den kinematischen Schluss überall der Kerngedanke, die inner-
lichste Leitlinie des Fortschrittes liegt, dass also, je entschiedener
man auf diesem Wege voranschreitet, man um so eher am Ziele
anlangen wird. Dieses Verständniss der Vorgänge überall zu ge-
winnen und klar hinzustellen, sollte daher meines Erachtens die
polytechnische Schulwissensßhaft sich zur Aufgabe machen. Wir
haben ja unzweifelhaft hier einen der den Erfinder treibenden,
drängenden, aber von ihm nicht verstandenen Gedanken, heraus-
gelöst aus seiner Verknüpfung mit anderen , vor uns. Es ist des-
halb vollauf gerechtfertigt, eingehende Studien darauf zu verwenden.
Durch solche kann aber auch noch eine andere wichtige Auf-
gabe' erfüllt werden. Es kann vermöge ihrer gelingen, für den
Maschinenbildner das Gemeingefühl mit der Gesammtheit der gan-
zen praktischen Mechanik, und darüber hinaus mit der Gesammt-
heit der menschlichen Thätigkeit überhaupt, theils festzuhalten,
theils wieder herzustellen. Denn dieses Gemeingefühl ist in Folge
der bislierigen Richtung bedenklich schwach geworden, ja stellen-
weise schon ganz verschwui^den. Hierzu hat das so populär ge-
wordene Feldgeschrei „Theilung der Arbeit" ganz wider die Ab-
sicht derer, die es verbreiteten, vor allem beigetragen.
Missverständlich wird heute dieses Prinzip über die Grenzen
hinaus angewandt, innerhalb deren seine guten Wirkungen allein
hegen. Eine förmliche Theilung des Wissens versucht sich darauf zu
begründen. Wir sind schon so weit gekommen, dass ganze Gebiete
des Maschinenbaues einander kaum noch verstehen; dass aber die
praktischen Mechaniker von jenen Gebieten menschlicher Thätig-
keit, welche ausserhalb der industriellen liegen, etwas wissen,
fängt schon an, zu den Seltenheiten zu gehören. Und doch ist
nichts gewisser, als dass die ohne Ende fortgesetzte Vereinzelung
der Bestrebungen nur zum Nachtheil des Ganzen ausschlagen
könnte. Die Wissenstheilung wird man nie ungestraft ins Absolute
weiter treiben dürfen; man wird nie unterlassen dürfen, die „ge-
theilten" Gebiete immer wieder zusanmienzufassen, und auf höhere
Einheiten zurückzufuhren, damit der Zweck des Ganzen nicht aus
dem Auge verloren werde. Nicht bloss in dem wissenschaftlichen
Bewusstsein, Einzelner, sondern auch in der Form, in welcher die
Erkenntnisse verbreitet und gelehrt werden , sollte das Gefühl der
Gemeinsamkeit der menschlichen Bestrebungen seinen Ausdruck
finden.
Bcaleaax, Kinematik. ]g
242 VI. KAP. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER MASCHINE.
Eine wesentliche Stärkung dieses Gefühles ist in dem Gedan-
ken zu finden, welcher der vorliegenden Skizze einer Entwicklungs-
geschichte der Maschine als Voraussetzung diente: in dem Ent-
wicklungsgedanken selbst. Unsere ganze neuere Forschung
hat sich mehr oder weniger denselben zu eigen gemacht, sowohl
auf dem historischen, als bekanntlich auch sogar auf dem Natur-
forschungsgebiet, wo er die Geister so lebhaft beschäftigt Er
allein ermöglicht und erfordert zugleich die AuflFassung eines gan-
zen Gebietes als eines Ganzen. Er zwingt zum Weithinschauen,
zum Erheben über den Moment. Er vertieft und erhöht gleich-
zeitig die Auffassung der einzelnen Erscheinung. In ihm liegt
eine Stärke der heutigen Wissenschaft, die vor zwei Menschenaltern
noch kaum gedacht wurde. Dem Forscher von ehedem stellte sieh
die Reihe der Erscheinungen nur wenig anders, als in begrenzten
Momenten dar. Diese reihten sich wie zu einer Perlenschnur anein-
ander, in welcher der Kausalzusammenhang nur einen der verbin-
denden Fäden bildete. Heute dagegen fassen wir eben diesen
Zusammenhang und das Wachsthum und den ununterbrochenen
Fluss des Gedankens als das UreigeEtliche und Wesentliche auf;
wir sehen darin nicht sowohl die Verknüpfung der Erscheinun-
gen, als dasjenige, was ihnen ihr Leben und Dasein erst gibt.
Ich habe versucht, diesen Gegensatz dem Leser durch die bei-
den diesem Kapitel vorangestellten Mottos vor Augen zu führen.
Zwischen dem Worte Schillers und demjenigen Geigers besteht
der tiefe Gegensatz der ehemaligen und der heutigen Forschun^r.
Die zwar interessevolle, aber doch kühle und beschauliche Auffas-
sung Schillers streift nur leicht unser Inneres; packend aber,
und unseren Empfindungen Form und Farbe verleihend, schlagen
Geigers Worte an unser Ohr. Sie sind im tieferen besten Sinne
modern, und darum noch besonders wirksam. Sie sind zugleich
so wahr und allgemein, davSs sie, obwohl von einem ganz anden»n
Forschungskreise ursprünglich ausgesagt, doch auch für das al>-
strakte Gebiet unserer vorliegenden Untersuchungen ihre voUf
Gültigkeit behalten.
SIEBENTES KAPITEL.
KIIfEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
§. 52.
Nothwendigkeit der Bildung einer kinematisohen
Zeiohenspraolie.
Die in den letzten Artikeln beendigten Untersuchungen haben
uns durch die niederen und höheren Elementenpaare hindurch
wiederum bis zur kinematischen Kette hingeführt, als zu der-
jenigen Einrichtung, in welcher wir früher, §. 3, die allgemeine
Losung des Maschinenproblems vorgebildet erblickten. Was wir
dort als unmittelbare Schlussfolgerung aus einfachen Grundsätzen
zogen, haben wir inzwischen auf dem Wege der genetischen Entwick-
lung mittelbar zum zweitenmal gefunden, und zwar haben wir zu-
gleich die Anwendbarkeit der kinematischen Kette sich in über-
raschendem Maasse steigern sehen. Der Blick, den wir auf die
Entwicklungsgeschichte der Maschine geworfen haben, Hess uns so-
dann das Zusammenwirken der geistigen Hilfsmittel erkennen, wo-
dnrch die kinematische Kette hervorgebracht wurde, und wodurch
dieselbe muthmaasslich auch noch femer weitergebildet werden
wird. Es tritt nun die Aufgabe an uns heran, uns dem Gegen-
stande selbst unmittelbar zuzuwenden.
Mittlerweile hat sich indessen eine so grosse Mannigfaltigkeit
der abgeleiteten und ableitbaren einzelnen Fälle ergeben, dass die
16*
^244 KINEMATISCHE ZEICHENSPBACHE.
Ueberschauung schwer und schwerer geworden ist; namentlich bat
die sprachliche Feststellung der einzelnen Eigenthümlichkeiten
und die Unterscheidung der begriflFlich zu trennenden Fälle an
Schwierigkeit fühlbar zugenommen, und verspricht wegen der For-
menfiille, welche die Gesammtheit der kinematischen Ketten augen-
scheinlich besitzen muss, nur noch schwieriger zu werden. Und
doch hat sich gleichzeitig das Bedürfhiss, die inneren Verwandt-
schaften der Mechanismen überblicken zu können, in gesteigertem
Maasse fühlbar gemacht. Unwillkürlich sind wir hierdurch in die
Lage gekommen, nach einer Erleichterung für den Ausdruck
suchen zu müssen.
In ähnlicher Lage hat die Mathematik und nach ihr die Chemie
zu dem vorzüglichen Hilfsmittel der Zeichensprache gegriffen,
welche alsbald in beiden Wissenschaften ein so wesentliches För-
derungsmittel geworden ist, dass beide ohne sie nicht mehr zu
denken sind. Beide griffen zu ihr in dem Augenblicke, wo die
begriffliche Feststellung ihrer Grundoperationen gelungen war.
Die für unsem Gegenstand gewonnenen Begriffe haben sich nun
so deutlich gestalten und scharf sondern lassen, ihre gegenseitigen
Beziehungen konnten so bestimmt angegeben werden, dass die
Verkürzung des Ausdruckes durch Anwendung einfacher Zeichen
sowohl gerechtfertigt, als auch ausführbar erscheint Wir wollen
uns deshalb zuvörderst mit diesem wichtigen Hilfsmittel ausrüsten.
Man wird sich sehr bald überzeugen, welch ein Gewinn in der
Möglichkeit liegt, einen zusammengesetzten Begriff* da, wo er neWn
anderen von derselben Gattung als eine Einheit gebraucht winl
auch durch ein einziges Zeichen darstellen zu können. Man erspart
sich dadurch das jedesmalige Zurückkommen auf bereits detiuirte
Eigenschaften , und gewinnt wegen der Knappheit des Ausdrucke>
Urtheile über den Zusammenhang und die Gegenseitigkeit der ver-
bundenen Ganzheiten, welche bei der gewöhnlichen Ausdrucksform
kaum erhaltbar und namentlich kaum mittheilbar sind. Möge dalier
der Leser die abermalige Abweichimg vom Hergebrachten, welche
ihm wegen der Aneignung der zu besprechenden Abkürzungswei>e
zugemuthet wird, nicht scheuen. Denn eine Abkürzungsweise,
und nichts anderes,, nicht ein hieroglyphisches Versteckspiel ^^r
dem Uneingeweihten, ist eine jede wissenschaftliche Zeichensprache.
Uebrigens wird ihre Erörterung auch hier kein aufhaltendes Ein-
schiebsel sein, sondern uns vielmehr Gelegenheit geben, ben^it^
über mehrere wichtige kinematische Ketten Klarheit zu erwerWn.
ZEICHEN PUB DIB BÄDEBWEBKE DEB TJHBEN. 245
§. 53.
Bisherige Versuche.
Es fehlt nicht ganz an Versuchen, die Zusammensetzung der
Maschine abgekürzt auszudrücken. Unter anderem bedienen sich
die Uhrmacher und die in diesem Zweige der Technik thätigen
Schriftsteller mitunter einer Art von Notirung, welche den Zweck
hat, die Aufeinanderfolge der Zahnräder und Achsen des Uhrwer-
kes anzugeben. Willis geht auf diese Bezeichnungsweise etwas
näher ein. Eine Form; welcher er sich selbst anschliesst, ist z. B.
die folgende, für das Räderwerk einer gewöhnlichen Pendeluhr be-
stimmte :
48
6 45
6 30
wobei die Zahlen Zähnezahlen, die Striche das Festverbundensein
zweier Räder durch eine Achse, das Uebereinanderstehen zweier
Zahlen das Eingreifen der beiden zugehörigen Räder bedeutet.
Setzt man die Namen der Räder ihren Zähnezahlen bei, so hat man:
Grosses Rad 48
Trieb 6 45 zweites Rad
Trieb 6 30 Steigrad.
Andere haben verschiedene von der vorstehenden abweichende
Schreibweisen angewandt*). Man sieht indessen alsbald, dass es
sich hier nur um die Darstellung eines Theiles eines ganz verein-
zelten Falles, und weniger um das Wesen des kinematischen Inhal-
tes der Zahnräder, als um eine an sich gewiss recht zweckmässige
Methode handelt, die Uebersetzungsverhältnisse derselben über-
sichtlich zusammenzustellen.
Bemerkenswerther und in der That für die allgemeinste Anwen-
dung beabsichtigt ist die von dem Engländer Babbage, dem be-
rühmten Erfinder der bewunderungswürdigen Logarithmen -Rechen -
*) Z. B. Rchreibt nach Willisens Mittheilung im vorliegenden Falle:
Ougfatred Derham Allexandre
30 48)6— -45)6— 30 48
6)45 45—6
6)48 ' 30—6
246 KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
maschine oder Tabellenrechenmaschine aufgestellte „Methode, die
Thätigkeit einer Maschine durch Zeichen auszudrücken". Bab-
bage, wohl durch die unendlich schwierige Konstruktion seiner
Rechenmaschine dazu veranlasst, hat seine Methode in einer beson-
deren, wenig gekannten kleinen Schrift dargelegt*) und darin auf
zwei grössere Beispiele, nämlich eine Wanduhr mit Geh- uiul
Schlagwerk und einen hydraulischen Widder angewandt. Im gan-
zen läuft das Verfahren darauf hinaus, dass sämmtliche bewegten
Theile der zu notirenden Maschine vorerst in eine Tabelle in der
Ordnung ilirer Aufeinanderfolge mit ihrer Benennung eingetragtn
werden, worauf zu jedem Theile tabellarisch geordnet dessen Be-
wegungen, durch Zeichen ausgedrückt, notirt werden. Al>
Zeichen dienen Pfeile von verschiedener Koim, ganze Striche, ge-
brochene Striche, Klammem, Winkelhaken, Kreuzchen u. s. w. In
der That ist es möglich, unter Zuhilfenahme der Zeichnung;
die Thätigkeit der so notirten Maschine zu verstehen, wenn man
sich vollständig auf die Bedeutung der Zeichen eingeübt hat Den-
noch ist die Methode nicht irgendwie gebräuchlich geworden. Ih^
technische Publikum hat keine Notiz von derselben genommen und
dadurch unwissentlich zu der tiefen Verstimmung beigetragen , dii'
sich in Babbage's kurz vor seinem Ableben erschienenen Werk»-
kundgibt. In diesem schlägt er , wie Timon von Athen mit seinti
Schaufel, heftig um sich, die Zeitgenossen des Mangels an Ver-
ständniss und Würdigung seiner Werke beschuldigend. Bei all» r
Fülle seiner wirklich bedeutenden Verdienste in anderen Richtun-
gen ist doch die Nicht -Aufnalmie seiner Notirungsmethode olnw
Zweifel in deren eigenen Mängeln und nicht im Publikum zu suclmi.
Denn das, was Babbage mit seiner Notenschrift ausdrückt
und ausdrücken will, ist nicht die eigentliche Zusammensetzmu'
der Maschine aus wissenschaftlich definirteu und in den stenogra-
phischen Zeichen erkennbaren Stücken, sondern bloss eine imimr-
hin nur höchst allgemeine Andeutung von der Bewegung die^^tr
Stücke, welche letztere er durch die gewöhnliche Schrift und Ueil<-
weise bezeichnet. Man erfährt, ob ein so imd so benanntes Stink
sich vorwärts oder rückwärts dreht, absetzend oder ununterbroilien.
gleichförmig oder ungleichförmig läuft, und in Fällen, wo es ^u*-
um Achsendrehungen handelt, auch noch in welchem Uebersetzuni!'*-
♦) A Methüd of Kxpressing by Sign» the Action of Machiupn . l'^
C. Babbage, London 1826.
VERSCHIEDENE ARTEN VON ZEICHEN. 247
verhältniss u. s. w. es sich dreht. Es liegt aber auf der Hand, dass
bei diesem System eine und dieselbe Notirung völlig verschieden-
artig gebildeten Mechanismen zukommen kann. Die Notirung
erstreckt sich bloss auf eine Aeusserung der dem einzelnen
Organe innewohnenden Eigenschaften, nicht auf deren vollen In-
halt; sie ist nichts anderes als eine verkürzte Beschreibung
der Thätigkeit der Maschine, nicht aber eine Zurückfuhrung
ihrer Zusammensetzung auf allgemeine Grundgesetze. Trägt man
die von Babbage vorgeschlagenen Zeichen in die immerhin unent-
behrliche Zeichnung selbst ein, so wird an Deutlichkeit gewiss sehr
und weit mehr gewonnen werden, als durch die gewaltsame Ab-
straktion auf die Tabelle.
Für unser Vorhaben, die kinematische Verkettung durch
Zeichen darzustellen, leistet Babbage's Methode keinerlei Dienste;
ich übergehe deshalb auch die Vorschläge von Willis*), sie durch
gewisse Abänderungen noch etwas besser anwendbar zu machen.
§.54.
Verschiedene Arten der erforderliclien Zeichen.
Die zu bildende kinematische Zeichensprache hat mit der
mathematischen die Aufgabe gemein, gewisse Operationen,
welche mit den bezeichneten oder benannten Körpern vor sich
gehen sollen oder vorgehend gedacht werden, anzudeuten ; andern-
theils ist ihre Aufgabe derjenigen der chemischen Zeichensprache
ähnlich, indem sie über die Qualität der benannten Dinge eine
gewisse und zwar thunlichst weit gehende Auskunft geben soll.
Die Zeichen für die kinematischen Körper dürfen also nicht an sich
bedeutungslos, wie in der Mathematik sein, wo verschiedene Buch-
staben nur die Verschiedenheit der Grösse der benannten und
hinsichtlich ihrer Messbarkeit gleichartigen Dinge angeben, son-
dern es wird jeder Buchstab, wie in der Chemie, eine bestimmte
Körpergattung, und zwar eine Gattung von geometrischen Kör-
pern anzugeben haben. Der Buchstab wird also zunächst für den
Namen des Körpers, d. i. des zu bezeichnenden, mit bestimmten.
*) Siehe Willifl, Principles of niechauism, I.Auflage, 8.343. II. Auflage,
S. 292.
248 KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
durch den Namen mitbezeichneten Eigenschaften begabten kine-
matischen Elementes zu setzen sein. Wir wollen den Buchstab in
dieser seiner Verwendung das Gattungs- oder Namenzeichen
für das Element nennen.
Das Zeichen für den allgemeinen Namen eines kinematischen
Elementes, wie z. B. ein Zeichen für „Schraube", „Drehkörper",
„Prisma" u. s. w. genügt aber selten ohne weiteres. Es bedarf
vielmehr gewöhnlich noch näherer Angaben über die besondere
Art oder Form des Körpers, so z.B. einer Angabe darüber, ob die
Schraube auf der Aussen- oder auf der Innenseite eines Körpers
angebracht ist, also ob die Schraubenspindel oder die Schrauben-
mutter gemeint sei. In beiden Fällen ist die geometrische Grund-
figur dieselbe, der Unterschied ihrer Anwendungsformen aber
wesentlich. Die zur näheren Angabe der besonderen Form dienen-
den Zeichen, welche wir mit den Namenzeichen zu verbinden haben
werden, nennen wir Art- oder Formzeichen.
Ausser den beiden genannten werden sodann noch Zeichen
einer dritten Gattung erforderlich sein, diejenigen nämlich, welche
angeben, in welcher gegenseitigen Beziehung zwei oder mehrere
Elemente im Mechanismus stehen , ob zwei benachbarte Elemente
gepaart oder ob sie zu einem Gliede festverbunden sind, auch
in welcher geometrischen Lage letzteres stattfindet, ob ein Ketten-
glied beweglich oder festgestellt ist, also welche Beziehung es zum
ruhenden Raumsystem hat u. s. w. Wir wollen die hierfür dienen-
den Zeichen Beziehungszeichen nennen.
Je schärfer und je ausführlicher die Zeichen über die kinema-
tischen Elemente und deren Verkettung Aufschluss geben, um so
besser wird es sein. Man wird sich indessen bei einem gewissen
Maass von Vollständigkeit genügen lassen können , um Weitläufig-
keiten zu vermeiden; das eigentlich Wesentliche und Allgemeine
indessen muss auf alle Fälle durch die Zeichen ausgedrückt werden.
§. 55.
Gattungs- oder Namenzeichen.
Die Namenzeichen sollen zur Bezeichnung kinematisch definir-
barer Körper dienen, und werden am besten so gewählt, dass sie,
dem Beispiele der Chemie folgend, an die sprachlichen Namen an-
OATTUNGS-' UND ARTZEICHEN. 249
knüpfen. Wir wählen, wie dort nach Möglichkeit geschehen ist,
grosse lateinische Buchstaben oder Versalien. Die folgen-
den zwölf Zeichen wollen wir für die mit Namen beigeschriebenen
Elementengattungen gebrauchen.
S Schraube, O Kugel (Globus),
R Dreh- (Rotations-) Körper, A Bogen (Arcus),
P Prisma, Z Zahn, Vorsprung,
C Cylinder, V Gefäss,
K Kegel, T Zugkraftorgan,
U Hyperboloid, Q Druckkraftorgan.
Es wird auffallen, dass die Zahl der Elementengattungen so
gering ist. In der That ist aber das Gebiet der kinematischen
Formen so begrenzt, dass eine grössere Zahl von Zeichen nicht
erforderlich ist; ja es hat sogar hier eine gewisse Verschwendung
in der Aufnahme der Zeichen stattgefunden, nämlich in derjenigen
Ton A um Z^ von denen das erstere ein Stück eines Drehkörpers,
das letztere, wenn man will, ein Stück eines Prismas, eines Kegels,
CyUnders u. s. w. bezeichnet. Es ist auf alle Fälle günstig, mit so
wenig Zeichen auskommen zu können. Die Buchstaben sind mit
Sorgfalt so ausgewählt, dass sie möglichst naheliegende Gedächt-
nissbrücken bilden, auch so, dass ihre Benutzung in anderen euro-
päischen Sprachen kaum schwerer sein wird, als in der unsrigen.
Ich kann aus Erfahrung berichten, dass dieMemorirung der Zeichen
sehr leicht gelingt.
§. 56.
Art- oder Formzeiolien.
Bei Feststellung der kinematischen Formzeichen stösst man
alsbald auf eine gewisse, hinsichtlich unserer Aufgaben vorhan-
dene Unzulänglichkeit der gebräuchlichen Auffassungsweise der
Geometrie. Diese versteht unter irgend einer, von ihr mit einem
Xamen belegten Körperform einen begrenzten Raum von einer
durch den Namen ausgedrückten Gestalt. Diesen Raumtheil nennt
«e den Körper, und wählt mit Vorliebe hierfür denjenigen Ab-
schnitt des Raumes, welcher von dem gegebenen geometrischen
^Jebilde eingeschlossen ist. Offenbar aber herrscht doch hier eine
250 KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
gewisse Willkür, indem ein innerer Grund nicht vorliegt, weshalb
nicht die beiden Abschnitte, in welche das geometrische Gehildf
den gesammten Raum oder einen gegebenen Theil desselben ein-
theilt, gemeint seien.
Für unsere Zwecke ist es aber erforderlich, beide Raum-
abschnitte genau bezeichnen zu können, sowohl denjenigen,
welchen die körperliche Figur einschliesst, als den ausserhalb
gelegenen. Werden z. B. zwei parallele Ebenen von einem Nor-
malcylinder rechtwinklig durchsetzt, so ist der innerhalb der Cylin-
derfläche und der beiden Ebenen gelegene Raumabschnitt für uii>
zu unterscheiden von demjenigen, welcher zwischen den Ebeiun
ausserhalb des Gylindermantels sich betindet; mit anderen Wtirteu.
wir müssen unterscheiden, auf welcher Seite des CylindermaDt« K
das Stoflfliche, das Material des Körpers, welches als Element auf-
tritt, gelegen ist Wir nun nennen hier den im Innern des Man-
tels anbringbaren Körper VoUcylinder, den im Aeussem gelegeneu
Hohlcylinder. Als Formzeichen für den Voll- und den Hohlkörper
gebrauchen ^r das Plus- und das Minuszeichen.
Die ebene Begrenzung eines Drehkörpei^s bedarf auch ein»T
Bezeichnung. Sie liegt gleichsam auf der Grenze zwischen ■*■
und — ; es dient uns daher passend die Null.
Für die kurvenförmige Profilirung, d. i. die nicht genul-
linige oder kreisförmige, wenden wir den Circumflex ( " ) an.
brauchen also:
+ für Vollkörper, o für plane Körper,
"" für Hohlkörper, '^ für kurvenförmig profilirte Körper.
Diese Formzeichen werden den Namenzeichen iu kleinem
Maasstab oben rechts beigefügt, mit Ausnahme des Circum-
rtexes, welcher über den Buchstab gesetzt wird.
Somit bedeutet beispielsweise:
C^ VoUcylinder, C~ Hohlcylinder,
S^ Schraubenspiudel, S~ Schraubenmutter,
K^ Vollkegel, K" Hohlkegel,
K^ Plankegel (Kegel von 180® haltendem Spitzen winkel),
C CyUnder von allgemein kurvenfiirmiger Basis,
^> »^
C^ einen solchen vollen, (7~ einen solchen Hohlcylinder,
P Prisma von allgemein kurvenfcirmiger Basis.
Mit V haben wir oben ein Gefäss bezeichnet; das Zeidi
lehnt an das deutsche „Vase", das lateinische „vas", das engh^eln
ABT- ODEB FORMZEICHEN. , 251
„vessel" u. s.w. an. Wir haben hier die Möglichkeit, seinen Begriff
bei der Bezeichnung für besondere Fälle noch zu verschärfen; wir
wollen nämlich unter F^ einen Gegensatz zum Gefäss, d. i. einen
das Gefäss im Innern ringsum berührenden Körper verstehen, worauf
dann das Gefäss selbst nothwendig V" heissen muss. V'^ kann
also einen Kolben, V" den zugehörigen Cylinder bedeuten.
Als fernere Formzeichen dienen uns Minuskeln oder Klein-
buchstaben der Namenzftichen. Sie werden den letzteren rechts
unten als Zeiger angehängt, und gestatten eine deutliche Sonde-
rung besonderer Elem^ntenformen. Es ist einleuchtend, dass Mehr-
deutigkeiten durch Uebereinkunft auszuschliessen sind Wir wäh-
len folgende Sonderbezeichnungen:
C cylindrisches Zahnrad oder Stirnrad, somit
et aussenverzahntes Stirnrad,
Cz innenverzahntes oder Hohlstirnrad,
Kt Kegelzahnrad, aussenverzahnt, K\ Planrad*),
Et hyperboloidisches Zahnrad,
H\ hyperboloidisches Planrad**),
et unrundes aussenverzahntes Stirnrad,
P, Zahnstange,
et cylindrisches Schraubenrad, aussenverzahnt,
Tp prismatisches Zugkraftorgan, also Band, Riemen,
Tt sich aufwickelndes, 1^ sich abwickelndes Band,
T, Seil, T, Drath, T. Gliedkette, T, Gelenkkette.
Für die Druckkraftorgane bedarf es besonderer Zeichen für den
Fall, dass man flüssige und gasförmige unterscheiden will. Wir wählen
die griechischen Zeiger X und y hierfür, wonach denn bedeutet:
Qx flüssiges Druckkraftorgan, Flüssigkeit,
Qy gasförmiges Druckkraftorgan, Gas, Luft, Dampf.
In einzelnen Fällen besteht das Druckkraftorgan aus Körnern
von n;iehr oder weniger rundlicher Gestalt. Wir dürfen diese
letztere als der Kugel (6r) sich annähernd ansehen, und bezeichnen
deshalb mit:
Q^ oder noch genauer Q^ ein aus kugeligen Körnern ge-
bildetes Druckkraftorgan.
Andere als die bereits angeführten Zeichen Verbindungen wer-
den wir bei geeigneter Gelegenheit bilden.
•) Siehe meinen Konstrukteur, III. Aufl. 8. 435.
•*) Siehe meinen Konstrukteur, III. Aufl. 8. 451.
252 . KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
§.57.
Beziehungszeiclien.
Unter den Beziehungen, welche zwei Elemente zu einander in
der kinematischen Kette haben, sind die wichtigsten die der Paar-
bild ung und Gliedbildung. Erstere bezeichnen wir durch ein
Komma. C, C bedeutet demnach zwei aufeinander rollende Cylin-
der, C"*", C"*" zwei aufeinander rollende VoUcylinder, C", C^ einen
vollen und einen Hohlcylinder zu gegenseitiger Rollung gepaart
Dabei soll sogleich die Uebereinkunft gelten, dass die Einschiebung
des Kommas auch die richtige Paarbildung und die MögUchkeit
derselben voraussetzt. Deshalb braucht bei C^C"*" nicht beson-
ders angegeben zu werden, dass die Achsen der Cylinder auch
parallel sind; auch ist C~, (7~ von Haus aus unrichtig, da sich
zwei negative oder Hohlcylinder nicht kinematisch paaren lassen.
Die Gliedbildung wird durch den Punkt oder vielmehr
durch die Punktreihe bezeichnet C+ C"*" bedeutet also
zwei mit einander festverbundene VoUcylinder, C^ C' zwei
desgleichen Hohlcylinder.
Die Feststellung eines Gliedes wird durch Unterstreichung
der Punktstriche bezeichnet. P+ 6'+ bedeutet ein aus einem
Vollprisma und einem VoUcylinder bestehendes, festgestelltes Glied
einer kinematischen Kette.
Soll, was selten nöthig ist, deutlich gemacht werden, dass ein
Kettenglied elastisch, also eine Feder ist, so wird ein welliger
Zug über die Punktreihe gesetzt rrT^rrTrTrr-.
Eine Reihe anderer Beziehungszeichen sind theils übereinstim-
mend, theils ähnlich gebildet, wie die in der Arithmetik gebräuch-
lichen. Sie sind folgende:
= gleich, >> grösser, •< kleiner, oo unendlich;
I konaxial, || parallel, Z geneigt, J. normal;
/- geneigt geschränkt, -|- normal geschränkt; *
4: gleich und konaxial, 4t gleich und parallel;
c^ zusammenfallend (kongruent),
D komplan, in eine Ebene fallend,
z antiparallel (im Vierq/ck),
^ gleichschenklig oder schenkelgleich (im Viereck).
BEZIEHÜNGSZEICHEK. 253
Die Beziehungen, welche durch diese Zeichen ausdrückbar
sind, können zwischen den Elementen sowohl der Paare als der
Glieder einer Kette bestehen. Ist eines der Zeichen im Paare
selbst anzubringen, so bleibt das Komma weg; wobei indessen
für das eingeschobene Beziehungszeichen ein kleiner Maasstab
gebraucht werden soll.
Ein Hohlcylinder und ein ihm geometrisch gleicher Vollcylin-
der werden, wenn sie zu einem Elementenpaar zusammentreten,
gleich und konaxial sein, also durch 4= statt durch das Komma
zu paaren sein. Da aber diese beiden Körper, wenn sie gleich
sind und gepaart werden, auch von selbst konaxial werden, so darf
diese eine Beziehung unbeschadet der Deutlichkeit unausgedrückt
bleiben; wir können das Paar also schreiben: CiC*". Damit das-
selbe aber, wenn es ganz für sich allein besteht, auch ein ge-
schlossenes Drehkörperpaar sei, müssen die in §. 15 ausführlich
erörterten Bedingungen wegen der Ergänzungsprofile, welche
die Querverschiebungen ausschliessen , erfüllt sein. Wir wollen
nun hier von vornherein annehmen, dass die durch ein
Paarungszeichen verbundenen Elemente, wenn*nicht das Gegentheil
ausdrücklich gesagt wird, geschlossene Paare liefern. Es
wird sich später zeigen, dass im /Falle der NichtSchliessung die
Schreibung der Kette selbst immer die Möglichkeit gibt, dies anzu-
deuten. Demnach haben wir die drei niederen Paare: Schrau-
benpaar, Drehkörperpaar und Prismenpaar zu schreiben:
StS- RtBr P+F-
Die Bogenscheiben in den dreiseitigen, vierseitigen u. s. w^
Hohlprismen (Kap. III.) werden allgemein zuschreiben sein mit der
Formel: C^^F~ oder C^^P~\ sie fallen demnach alle in eine und
dieselbe Gattung von Paaren. Hinsichtlich des einfachen Dreh-
körperpaares Rtlt~'t bei welcliem die Protilform an sich, so lange
nur der Paarschluss erhalten bleibt, irgend eine beliebige sein
kann, ist zu bemerken, dass es sich, was die entstehende Relativ-
bewegung angeht, nicht vom geschlossenen Cylinderpaar
CtC" unterscheidet. Wir dürfen uns deshalb erlauben, für
die gewöhnlichen Fälle statt RtBr zu schreiben: CtC~-
Die Schreibung ist sowohl etwas leichter, als auch namentlich der
Name: „Cylinderpaar" statt „Drehkörperpaar"; überdies bedient
sich ja die Maschinenpraxis selbst ebenfalls in der Regel des Kör-
pers C für den Körper li. Nur in ganz besonderen Fällen wer-
den wir zum ganz strengen Ausdruck zurückzukehren haben.
254 KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
Das Beziehungszeichen der zum Ketten g 1 i e d e vereinigten Ele-
mente wird in die Punktreihe gesetzt. So bedeutet C"*"... || ... C^
zwei parallele festverbundene VoUcylinder, also etwa eine Kurbel
C" . . . II . . . C?~ zwei parallele festverbundene Hohlcylinder,' also etwa
eine Pleuelstange , C^ . . . j . . . C+ ein Stirnrad mit einer konaxial
mit ihm verbundenen voUcylindrifechen Achse, C^... | ...C7~ ein
Stirnrad mit konaxialer cylindrischer Bohrung.
Eine besondere Schreibung wird hie und da für unselbstän-
dige Paare erfordert. Zunächst ist es zweckmässig, der Unvoll-
ständigkeit der angewandten Elemente einen Ausdruck zu geben.
Wir wählen dafür im allgemeinen das Symbol der Division, haben
es aber dabei in der Hand, durch den Nenner des Bruches die
Schliessungsweise anzudeuten.
Ein überhaupt nur als unvollständig zu bezeichnendes Stück
kann durch den Nenner 2 als gleichsam halbirt bezeichnet wer-
den. Ist es kraftschlüssig in seiner Paarung erhalten, so wählen
wir den Nenner /, was (wegen „fortis", „force") lautlich an die
Kraft Schliessung erinnert. Soll eine Schliessung durch eine kine-
matische Kette angedeutet werden, so wählen wir den Nenner i*;
wenn noch kurz ausgedrückt werden soll , dass in der Kette etwa
eine elastische Feder das eigentlich schliessende Stück ist, den
Nenner Z, endlich wenn Schliessung durch ein Paar stattfindet
(s. §. 47) den Nenner j>. Daher bedeutet z, B.:
C~
— einen nicht vollständig ringsum ausgeführten Hohlcylinder,
— einen kraftschlüssig angepressten VoUcylinder,
C+
-jT einen kettenschlüssig in der Paarung erhaltenen VoUcylinder,
-j- einen durch eine Feder angedrückten VoUcylinder,
(74-
— einen durch ein Elementenpaar angeschlossenen VoUcylinder.
Führt ein zur Schliessung benutztes Kettenglied einen be-
sonderen Benennungsbuchstaben, wie a, ft, c u. s. w. (siehe unten),
so kann auch dieser in dem Nenner angebracht, und dadurch so-
fort eine deutliche Bezeichnung der Schliessungsweise bewirkt
werden. Anwendungen dieser Bezeichnungsweisen werden weiter
unten wiederholt vorkommen.
ANWENDUNGEN DER ZEICHENSPRACHE. 255
§. 58.
Sclireibiiiig einfacher kinematlsclier Ketten und
Mechanismen.
Soll eine vollständige kinematische Kette durch die Zeichen-
prache wiedergegeben werden, so muss man wegen der zeilen-
eisen Anordnung der Zeichen auf die durchweg ausdrucksvolle
arstellung des ümstandes, dass die geschlossene Kette in sich
!bst zurückläuft, verzichten, und sich mit der blossen Andeutung
selben begnügen. Die chemischen Formeln leiden übrigens an
aselben üebelstande, wenn man von einem solchen hier sprechen
, der indessen beim Lichte betrachtet, unbedeutend ist Wir
^'en beim Niederschreiben einer Kette mit irgend einem Gliede
Kette an, so dass zu Anfang der Formel ein Element aus einem
e zu stehen kommt, und schliessen die Formel demzufolge mit
Partner des Anfangselementes, indem wir die Schliessung
ette durch das dem letzten Buchstaben angehängte Paarungs-
m andeuten.
'in Beispiel wird die Sache am besten klar machen. Es sei
Fig. 179 dargestellte, uns bekannte Kette zu schreiben. Den
Pig.U79.
paaren sind in der Figur die Bezeichnungen 6c, de, fg^ ha
die wir vorerst der Deutlichkeit wegen noch hinzufugen
Mit bc anfangend haben wir nun zu schreiben:
I ... CS C-... II ... cto^-... II ... ctc-... II ... Ci
c de fg na
lieder erscheinen bis auf die oben angehängten Form-
ntisch. Ist die Kette so aufgestellt, wie Fig. 180 (a.f. S.)
liat die Formel bei Weglassung der besonderen Benen-
Glieder zu lauten :
. . C/Jl O . . . I . . . C/_ 0 . • • II ... 0_L O . . . II . • . O—
256
KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
Auf den er6t«n Blick mag es beü-emdlich uod als empfindUchtr
Mangel unserer Anschreibungsweise erecbeinen, dass die nerGUedci
in der Form sich nicht unterscheiden. Ich sage nicht; denn wij
wissen aus §. 16, dass die Fonnzeichen — und -|- in den niederem
Paaren jederzeit ohne Aenderung des Paares miteinander Ter-
tauscht werden dürfen , wonach es ein Leichtes ist, in der vor aa-
Fig. ISO.
stehenden Formel alle Glieder auf buchstäblich gleiche SchreiW;
zn bringen. Bei näherer Betrachtung aber verwandelt sich i"
ficheinbaie Mangel in einen Vorzug. Die Glieder erstheinen nä&-
licb in der Formel deshalb gleich, weil sie wirklich gleich^»
allgemeinen Inhaltes sind. Diese klare Uebenengmig i-i
nothwendig, um zur Abstraktion, zum Absehen von ZufäUigem i»
gelangen. Welcher empiri»che Mechaniker ahnt in dem Getii«^
ANSCHBEIBÜNG KINEMATI8CHEB KETTEN. 257
Fig. 180 den „Balancier nebst Kurbel", während doch Punkt für
Punkt /^ der Balancier- Arm, de die Treibstange oder Pleuelstange,
bc die Kurbel, und ah das in yielfach veränderter Gestalt, aus
Säulen und Gebälk, aus „Pyramiden", aus gemauertem Funda-
ment u. 8. w. gebildete Maschinengestell ist. In der Maschinen-
praxis ist dieses Gestell, dieses festgehaltene Glied der Kette, der-
gestalt durch Aussen werk verbrämt, so mit den Gebäudetheilen
verwachsen, so vielfach zusammengesetzt, um doch immer nur ein
festes Stück vorzustellen, dass es der Beobachtung seiner Einfach-
heit sich förmlich entzieht, ja dass viele, sehr viele Mechaniker
von „Balancier und Kurbel" die Vorstellung in sich tragen, als ob
dieser Mechanismus nur aus drei Theilen, Balancier, Pleuelstange,
Kurbel bestehe. Ja dies geht so weit, dass man in Lehrbüchern,
welche den Mechanismus schematisch, also recht abstrakt durch
Zeichnung wiedergeben wollen, das vierte Glied aAgarnichtin
die Zeichnung aufgenommen findet Es läuft dabei offen-
bar die gleichsam unbewusste Vereinbarung unter, als ob das
Zeichenpapier so zu sagen das Gestell für die bewegt gedachten
drei genannten Theile abgebe.
Dieses Vorurtheil, oder richtiger diese Befangenheit des
Urtheils aufzuheben, ist die obige Anschreibungsweise des Mecha-
nismus vorzüglich geeignet. Man könnte indessen fragen, ob es
sich nicht empfehle, in die Formel auch noch die Beziehungen
zwischen den Längen der einzelnen Glieder aufzunehmen. Dies
liesse sich allenfalls ausführen; allein es würde doch immerhin
schwierig sein, da die vier Längen eine grosse Zahl von verschie-
denen numerischen Beziehungen haben können, sodann aber würde
es auch ziemlich nutzlos sein, da wenn diese Beziehungen auch
eingeschrieben wären, ohne ein besonderes jedesmaliges Studium
des Getriebes nichts aus ihnen gefolgert werden könnte. Wir wer-
den übrigens unten auf eine andere Art der Verdeutlichung solcher
Abmessungsverhältnisse stossen, die sich leicht und einfach anbrin-
gen lässt
Als zweites Beispiel möge uns die Kreuzgelenkkuppelung,
auch Cardanische Kuppelung oder der Hooke'sche Schlüssel ge-
nannt, dienen, wovon Fig. 181 (a. f. S.) eine schematische Dar-
stellung gibt. Die hier zur Verwendung kommende Kette hat vier
Glieder, die in der Figur mit den Buchstaben a, fc, c, d bezeichnet
sind Das Glied fc ist mit a mittelst eines Cylinderpaares , in der
Figur mit 2 bezeichnet, gepaart Normal zu diesem Cylinderpaar
BeaUanx, Kinemmtik. 17
258 VII. KAP. KINEMATISCHE ZEICHENBPKArHE.
steht ein zweites, Nr. 3, welches in der Gabel von b einen Hnhl-
cylinder, in dem schräg gezeichneten Arme des Stückes c seinen
Vollcylinder hat; das Glied b heisst also C^...±...C~. DaWi
Fig. 181.
ist zu merken, dass daa untere Gabelende mit dem oberen ein
Stück bildet, also nicht besonders zählt; dasselbe gilt von dem uu-
teren Zapfen des schrägen Armes von c, indem er mit dem obon-n
kinematisch zu einem einzigen Elemente zusammentritt. Das Stürli
c bestellt aus zwei Vollcjlindem 3 und 4, deren Achsen sich recht-
winklig kreuzen , ist also zu schreiben ; C^ . . . J. . . . C^. Das dritti'
Glied, die Gabel d nebst Achse, ist wie b beschaffen, also aai'li
ebenso zu schreiben. Das vierte Glied o endlich besteht aus twei tu
einander geneigten Hohlcylindern 1 und 2, heisst also 6"-... Z....'' -
und ist überdies fest aufgestellt, was in der Figur durch die Form
des Stuckes angedeutet sein soll. Hiemach lautet die Gesanimt-
foi-mel, welcher nochmals die in der Figur gebrauchten Benennun-
gen der Glieder und Paare angefugt werden mögen:
C'-...±...Cr-C"-...±...CtO-...±.,.ctG-...^...Cz
2 3 4 1-2
Eine gewisse geometrische Eigenschaft der Kette bczeiclm*)
unsere Formel nicht; es ist diejenige, dass der Schnittpunkt vini '•
und 4 mit demjenigen von 1 und 2, sowie von 1 und 4 zusaronnr-
filllt. Allein ohne diese Annahme würde die vorliegende Kitt''.
deren Paare wir ja alle als Rescblossen voraussetzen, nicht möglif'i
sein. Deshalb kann für gewöhnlich die besondere Hervorhebun;:
dieser Eigenschaft unterbleiben. Unsere Formel zeigt nun. d:i—
die drei Glieder b, c und d wieder ganz gleichen Inhaltes ^iml-
Diener Umstand ist sehr bemerkenswerth. und wird uns später mv h
ANBCHREIBUNG KINEMATISCHER KETTEN. 259
in anderer Form beschäftigen, die gewöhnliche Ausfuhrung des
Kreuzgelenkes verbirgt ihn so sehr, dass er dem praktischen
Mechaniker bisherigen Stils nichts weniger als bekivnnt ist
Fig. 182.
Der Riementrieb, Fig. 182, den wir schon anderweitig aus
DDseren Gesichtspunkten kennen gelernt haben, wird wie folgt zu
schreiben sein:
!$...& Z....7?,B+... I ...C+0-...\]...CzC^...\ ...E,
Das zur Anwendung kommende Zugkraftorgan T ist ein
Kiemen, und deshalb mit dem Zeiger p (, prismatisch") versehen;
ier Riemen wickelt sich auf jede der beiden Rollen R auf und
Ton derselben ab, und war deshalb mit den Zeichen ± und T ver-
seben. Das zweite Zeichen steht umgekehrt, weil das sich auf die
eine RoUe aufwickelnde Riementrum sich von der anderen Rolle
abwickelt. Der Riemen- für die Scheibe a ist mit demjenigen für
die Scheibe b identisch, mit ihm zusammenfallend, hatte also in
der Punktreihe das Zeichen ^ zu empfangen ; er ist endlich offen,
und seine Trümer schliesseu wegen der Ungleichheit der Rollen
einen Winkel ein, weshalb dem Zeichen ^ noch das Zeichen für
geneigt, Z., anzufügen war. Wäre der Riemen gekreuzt, d. i. ge-
schränkt gewesen, so hätt« man das Zeichen /— anzuhängen ge-
habt. Die übrigen Theile der Formel sind aus dem Früheren klar.
In Worte übersetzt lautet dieselbe als Ganzes: „Kinematisches
Getriebe, bestehend aus zwei mit einem endlosen Riemen mit
äosserer Berührung «umspannten Drehkörpern von ungleicher
Grösse, jeder mit einer zu seiner geometrischen Achse konaxialen
Drehachse versehen, welche Drehachsen in einem ruhenden Ge-
stelle parallel gelagert sind."
Der einfache Stirnrädertrieb, Fig. 183 (a. f. S.), ist zu
schreiben :
C+... I ...Ct^C*... I ...CtC-...\\ ...Cz
260 V[[. KAP. KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
Die beiden ersten Glieder der Formel bezeichnen die beiden
Stirnräder o und b mit ibren Achsen, das letzte das festaufgestelll
■./^nJVJ
^^■j^j
gedachte Lagergestell. Der Hohlstirnrädertrieb, Fig. 184, ist zu
schreiben :
C'*-... I ...c^,Cr,...| ...C1C-... \]...az
Tig. 1K4.
Das erst« Glied stellt das aussonverzabntc Bad n, das zwciti'
das Ilohlrad b, das dritte wieder das Lagcrgest«ll c dar. Letzten-*
ist fest aufgestellt gedacht.
Abgekürzte Sohreibimer.
Für mancherlei Verwendungen der kinematischen Fonnclu
kann, wenn einmal die Trennung und besondere Untersuchung «Icr
einzelnen Glieder einer Kctto bereits stattgefunden bat, wenn al>o
diese letztere bereits als bekannt angesehen wird, die Schreibung
ABGEKÜRZTE SCHREIBUNG. 261
mitunter bedeutend abgekürzt werden. Der statthaften Abkürzung
sind mehrere, die wir nacheinander betrachten wollen.
Zunächst kann man für die niederen Paare und einige andere,
in welchen die Partner gleiche Nameuzeichen fuhren , oftmals mit
nur einem Buchstab für das Paar ausreichen, wenn man diesen mit
einem besonderen Kennzeichen versieht. Als solches wollen wir
die Einklammer ung benutzen, und wollen gelegentlich abge-
kürzt bezeichnen :
^ das Schraubenpaar StS" durch (S)
„ Cylinderpaar CiC" „ (C)
„ Prismenpaar PtP" „ (P)
„ Stimräderpaar C„C, „ (CJ
„ Kegelräderpaar -ST^Ä, „ (K,)
und so weiter. Dies gestattet uns z. B. die Kette, welche in P'igur
179 dargestellt wurde, zu schreiben:
C+... II ...(C)... II ...(C)... II ...(C)... II ...c=
Nur das erste und letzte Glied waren hier noch einzeln und
mit ihren Formzeichen versehen zu schreiben. Der einzelne Buch-
stab in der Klammer bedeutet also ein Paar von Elementen.
Diese Schreibweise können wir noch weiter durchführen. Sie
ermöglicht uns nämlich, gewisse einfache kinematische Ketten in
noch mehr zusammengezogener Form zu schreiben, indem die
Klammem bei der Schf eibung von Ketten es gestatten, die Punkt-
reihe wegzulassen, sobald sich nur die Beziehung der aufeinander-
folgenden Paare noch übersichtlich ausdrücken lässt. Dies ist
ohne Zweifel bei der obigen Formel der Fall, indem daselbst die
Beziehung der gliedblldenden Elemente immer dieselbe — nämlich
Parallelismus — ist. Ja wir können unter diesen Umständen die
Einklammerung auf mehrere oder gar auf alle Kettenglieder aus-
dehnen. So können wir denn die obige Formel für gewisse Fälle,
ohne undeutlich zu werden, zusammenziehen auf das Symbol (C^'),
aasgesprochen „(7 parallel vier" oder „C vier parallel", und be-
deutend: „eine Kette aus vier parallelen Cylinderpaaren (also aus
vier Gliedern, jedes nus zwei parallelen Cylindem bestehend) ge-
bildet". Eine solche konzentrirte Abkürzung setzt allerdings die
vorangegangene Kenntnissnahme von der Bildung der Kette vor-
aus, ist aber schliesslich von einer Knappheit, die nichts zu wün-
schen übrig lässt. Die Kette des Kreuzgelenkes, Fig. 181, um ein
anderes Beispiel anzuführen, kürzt sich ab auf : {OfC^), gesprochen:
262 VII. KAP. KINEMATISCHE ZEICHEN SPRACHE.
„C normal drei C geneigt"; die Kette für den Rädertrieb aus
Fig. 184 schreibt sich hier (CtC^)', sprich: „Cs plus C parallel
zwei" u. s. w.
Diese konzentrirte symbolische Schreibweise eignet sich zu-
nächst nur für die kinematische Kette, nicht für das durch Fest-
stellung eines Gliedes gebildete Getriebe; weiter unten werden
wir indessen noch Mittel finden, sie auch dafür innerhalb^gewisser
Grenzen geeignet zu machen.
§. 60.
Sohreibung zusammengesetzter Ketten.
t
Schon bei der einfachen kinematischen Kette, welche in der
Zeichensprache wiedergegeben werden soll, zeigt sich eine gewis>^
Willkür hinsichtlich desjenigen Gliedes, bei welchem die Schrei-
bung beginnen soll. Noch stärker tritt diese bei den zusammeo-
gesetzten Ketten auf, und macht es sogar einigermaassen schwierig:.
auf den ersten Griff die erwünschte Uebersichtlichkeit zu erzielen.
Doch gelingt dies nach einiger Einübung auch hier, wie an einigen
Beispielen gezeigt werden möge.
Die in Fig. 185 dargestellte, aus 7 parallelen Gylinderpaaren
bestehende Kette haben wir schon früher, in §. 3, kennen gelenit.
Fig. 185.
Sie ist aus der bekannten Kette (C") und zwei weiteren Gliedern
von der Gestalt C...\\.,.ü zusammengesetzt, und besitzt im
Grunde genommen eine bemerkenswerthe Symmetrie der Anord-
ZU8AMHENGE8ETZTE KETTEN.
263
Fig. 186.
nung, indem zwei einander gegenüberliegende dreicylindrische
Glieder zweimal durch je zwei zweicylindrische Glieder, im Ganzen
also durch vier derselben, verbunden sind. Dies wird aus der fol-
genden schematischen Fig. 186, in welcher auch die Abmessungen
symmetrisch gewählt sind, vollstän-
dig deutlich werden. Die Cylinder-
paare sind hier von 1 bis 7 numerirt.
Man kann die ganze Kette als aus
zwei fünfgliedrigen Cylinderketten
— 1, 2, 3, 4, 5 und 1, 2, 6, 7, 5 —
gebildet annehmen, in welchen die
Glieder 1 , 2 und 1 , 5 gemeinschaft-
lich, und die Cylinder 2, 3, 6 und
5, 4, 7 je zu einem drei Elemente
enthaltenden Gliede vereinigt sind.
Ein derartig aus drei Elementen gebildetes Glied kann gegenüber
dem aus zwei Elementen gebildeten binären Gliede ein ternär^s
genannt werden.
Wir verfahren nun so, dass wir diese beiden fünfgliedrigen
Cyluiderketten , welche an sich nicht zwangläufig geschlossen sein
würden, vorerst einzeln schreiben, und dann so zu sagen addiren,
d.h. die gemeinschaftlichen Stücke bei einer zweiten Anschreibung
auch nur einmal schreiben, und die temär zusammengetretenen
Elemente durch Parenthesen verbinden. Wir erhalten, indem wir
die inneren Paare in der Formel schon sofort verkürzt schreiben,
folgendes:
1
C+...
1
2
2
l|...{C).
6
||...(C)...
7
5
5
1
... O-
. • • C/~
1
C^...I|...(C).
3 4
..(Oj... II «..(OJ..
6 7
1
... (C ) .. . II .. . Cj,
Die zusammengesetzte Formel, welche die Addition geliefert
hat, und welcher der Erläuterung halber die Nummern der (!ylin-
derpaare beigeschrieben sind, darf als eine recht übersieh tlichrj
bezeichnet werden, indem sie die Symmetrie der Anordnung der
264 VII. KAP. KINEMATISCHE ZBICHEN8PBACHE.
Kette deutlich wiedergibt. Indessen ist es möglich, sie in eine
stellenweise brauchbare, noch weit übersichtlichere Form zu bringen.
Beachtet man nämlich, dass die von den Parenthesen eingeschlosse-
neu vier Cylinderpaare 3, 4, 6, 7 für sich eine einfache ge-
schlossene Cylinderkette (C") bilden, so bemerkt man, dass
diese Kette gleichsam die Stelle eines einfachen Kettengliedes ver-
tritt, und dass demnach die ganze Formel auch geschrieben Ver-
den kann:
1 2 3,4,7,6 5 1
<^...\\...(c)...{\-«^:)--\\-iC)...\\...cz
womit die Weitläufigkeit der Schreibung wieder völlig beseitigt
ist. Steht die Aufgabe so, dass eines der Glieder 1.2, 2.3, 1.5, 5.7
im Mechanismus feststeht, so ist die Formel jo der vorliegenden
Gestalt auch iiir die Schreibung des Mechanismus brauchbar; da-
gegen würde man allerdings auf die obige weitläufigere Fonn
zurückgehen müssen, wenn eines der beiden inneren Glieder aus
der Gruppe 3, 4, 7, 6 als festgestellt hervorzuheben wäre.
Als weiteres Beispiel sei ein Räderwerk gewählt. Fig. 1^7
stellt ein aus zwei Räderpaaren a, b und c, d zusammengesetztes
Stiniriiderwerk diir. Das Rad c ist an £ befestigt; die drei mit
den Itiidorii k(maxinlen Drehachsen sind in dem temären Cjlin-
dorglieiie 1.2.3 gelagert. Dieses letztere Glied ist das festgestellte.
Miin kann die Schreibung der Formel auf verschiedene Art zweik-
niiissig bewerkstelligen.
Vom C'vlinderpaar '2 ausgehend hat man zunächst nach l>eiiiiii
Seiten ein i'iiifaches RJiderwerk vor sich. Wir schreiben bei'le
firi/*'ln und addircn wie folgt:
ZUSAMMENGESETZTES BÄDEBWERK. 265
2 b,a 12
C ... ( ... G,, G, ... I ...(G^...|j... G_
(J^ ... I ... G, , CJJ" ... I . . . ( G ) . . . II . . . G_
2 c,d 3 2
c?<-...|
6,a 1 2
G^^C^ . , > I >.. (C/)...
... C/-
GviG, ... I ,,.(G)...,
c,d 3
Es zeigen sich zwei binäre Glieder, a, 1 und d. 3, und zwei
temäre, 2. 6. c und 2. 1. 3. Letztere sind die gekuppelten Räder
b und c mit ihrer gemeinschaftlichen Achse und das Lagergestell,
welches wie die Unterstreichung andeutet, festgestellt ist.
Eine andere Schreibung erhalten wir wie folgt Beim Rade
a beginnend, schreiben wir das Rad b mit seinem Anhang sofort
als temäres Glied, gehen zu d über und schreiben dessen Verbin-
dung mit 3, und vereinigen darauf den zweiten Cy linder von 3
ebenso wie den von 2 mit demjenigen von 1. Der Deutlichkeit
halber wollen wir die unverkürzte Schreibung anwenden.
1 a,& 2 1
C+ C~ .
C+...I ...C:+,(7+... j " ll|.--C^
c,d 3
Diese Formel hat ganz dieselbe Bedeutung wie die vorige. In
der Parenthese aber enthält sie, übersichtlich angeordnet, eine
einfache kinematische Kette, diejenige nämlich, welche aus den
Rädern c und d und deren Yerbindungsstege 2.3 besteht. Schreiben
wir sie verkürzt wie in §. 59 gelehrt wurde , und verkürzen auch
wieder das Paar a, 6, so kommt :
1 a,b c,d,3,2 1
G ... I ... ( Gx J * • • i • • • ( Gx Gq ) • » ' II • • • G-a
Noch kürzer und für einzelne Fälle völlig ausreichend lässt
sich nunmehr gemäss unserer obigen konzentrirtesten Abkürzung
schreiben: (C^J"j Cg ) oder bei einem nfachen Räderwerke: (C,„ C!l'+i),
indem bei n Räderpaaren allgemein n + 1 Achsen oder vielmehr
Cy linderpaare (G^ vorhanden sind.
VII. KAP. KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
§.61.
Sohreibnng von Ketten mit Z>ruokkraftorganen.
Um eine Kette, welche ein Druckkraftorgan enthält, zu schrei-
hen, ist es mitunter recht zweckmässig, sich dasselbe vorerst durch
ein festes Organ ersetzt zu denken , behufs dessen Anwendung die
Paarung selbstverständlich etwas zu ändern sein wird, und die
Formel, welche man nun erhält, durch Wiedereinführung des
Druckkraftorgans umzugestalten.
Um z. B. das früher behandelte Wasserrad, Fig. 188, durch
eine kinematische Formel auszudrücken, ersetzen wir vorerst das
Wasser durch eine Zahnstange mit prismatischer Führung, Fig. IS!»,
Fig. IHM. Fig. lue.
welche, wie sofort einleuchtet, hei Einwirkung der Schwere d:is
Zahnrad a ebenfalls anzutreiben im Stande ist, also das Wasser
vertreten könnte. Die Formel wird lauten:
c^...\...cr,p....\\...PiP-...-\^ ...Cz
Verwandeln wir nun das Glied P, . . . || . . . i"" in Qi Vi-
indem wir die Substitution des Wiissors durch einen feston Kursier
wivilcr aufheben, so haben »ir für P" das Zeichen für GifÜ^^-
K~, /u setzen, und erhalten als Formel für das Wasserrad;
C»... I ...r.M?i ft.F-... + ...C:.
Sollte noch angedeutet werden , dass das Gerinne oben offen.
das WiissiT also durch die t^chwere kraflschlüssig mit dem Gerinne
WA88EEBAD, WUBPRAD, RUDEBBAD. 267
verbunden ist, so hätte man — statt V" zu setzen. Das hier an-
geschriebene Getriebe stimmt seiner Zusammensetzung nach über-
ein mit demjenigen des Wurfrades, welches etwa dazu bestimmt
wäre, Wasser aus dem Untergraben die Gefällschwelle hinauf zu
befördern. Stellt man die Kette auf das zweite Glied , d. h. löst
man das Glied Fr ... -f ... C" ab , und stellt statt seiner das Glied
Qx Qx fest, so entsteht ein anderer, ebenfalls bekannter Mecha-
nismus. In dem als ruhend betrachteten Wasser bewegt sich jetzt
das Glied F~... -|- ... C~. Das Getriebe ist dasjenige des Ruder-
radbootes. Es versteht sich, dass für diesen Fall angenou^men
werden muss, dass das Glied c schwimmfähig gebaut sei.
Wir wollen hier sogleich noch die abgekürzte Schreibung an-
zuwenden suchen. Eine gewisse Schwierigkeit bereitet uns in der
ersten der beiden Formeln das Paar C7„P„ indem wir dasselbe,
wenn immer möglich, nicht mit zwei grossen Buchstaben in die
Formel bringen sollten, damit die Täuschung vermieden werde, als
ob die beiden Buchstaben jeder ein Paar bedeuteten. Denn die
konzentriile Schreibung soll womöglich die Zahl der Paare, welche
die Kette bilden, alsbald erkennen lassen, was am besten durch
geeignete Wahl der grossen Buchstaben unter Anfügung er-
läuternder Zeiger erreicht wird. Wir müssen deshalb liier zu
einer üebereinkunft unsere Zuflucht nehmen. Das Paar C„ P,
lässt sich aber, ohne dass Missverständnisse zu befürchten wären,
mit dem Zeichen C^ schreiben, worauf wir denn als Ausdruck für
die Kette in Fig. 189 erhalten: (C"C,pP+). Hierbei ist dem Zeichen
für das Prismenpaar (P) noch das Zeichen für „geschränkt"
angefügt, um die Lage des Paares recht augenfällig zu machen.
Bei der zweiten Formel stossen wir zweimal auf die Schwierig-
keit der Doppelbuchstaben, können aber, entsprechend der vorigen
Auskunft, setzen:
(C^) für C^,Qx
und
{Vx) für V-,Qx
Der Zeiger A steht als Abkürzung für q;t? ^^^ genügt, um die
Paarung von 6',, beziehungsweise F mit einer Flüssigkeit deut-
lich zu machen. Für die kinematische Kette in Fig. 188 erhalten
wir hiemach die konzentrirte Formel: (CCa^Fi), welche nach
dem Obigen sowohl im Wasserrade, als im Wurfrade und im
Ruderradboote zur Verwendung kommt.
268 VII. KAP. KINEMATISCHE ZEICHENSPRACHE.
§•62.
Konzentrirte Sohreibung einzelner Mechanismen.
Die eng zusammengezogene Schreibung einer ganzen kine-
matischen Kette Hess sich nicht ohne weiteres auf den Mechanis-
mus übertragen, da die kurze symbolische Formel nur Paare, nicht
Glieder notirte, die Bezeichnung der Feststellung eines Gliedes
der Kette also nicht angieng. Es ist jedoch ausserordentlich' wiin-
schenswertli , jene knappe und für viele Zwecke doch schon aus-
reichende verkürzte Schreibung auf den Mechanismus ausdehnen
zu können.
Lässt sich nun dies auch nicht mit der logischen Allgemein-
heit ausführen, welche sich oben als anwendbar herausstellte, si>
kann man doch im besonderen Falle, bei der besonders zu studi-
renden Kette, zum Ziele gelangen. Dadurch nämlich, dass man
den Kettengliedern bestimmte, in jedem einzelnen Falle durch
Uebereinkunft auszumachende Namenzeichen gibt. Thut man dies
und bringt das Zeichen des festgestellten Gliedes, als desjenigen»
von welchem etwas Besonderes auszusagen ist, an schickUcher
Stelle in der symbolischen Formel an, so ist die verkürzte Schrei-
bung des Mechanismus erreicht.
Für die Gliedbezeichnung wählen wir Kleinbuchstaben des
lateinischen Alphabets, in jedem Falle mit a beginnend und der
Reihe nach fortfahrend, wonach denn die Buchstaben hier an sich
keine Qualität oder Form mehr bezeichnen. Um Verwechslung» n
mit den Formzeichen vorzubeugen, geben wir ihnen aber einen
ungewöhnlichen, auffallenden Platz, nämlich den eines Exponen-
ten ausserhalb der das Paarungszeichen einschliessenden Paren-
these. An diese Stelle kommt aber in der Regel nur ein Buchsüib.
da nur jedesmal das eine festgestellte Glied der Kette auszuzeich-
nen ist. Ein Beispiel wird das Verfahren vollends deutlich machen.
Gesetzt wir wollten diejenigen Mechanismen konzentrirt sclirei-
ben, welche aus der viercylindrigen Kette, Fig. 190, zu bilden sind,
so geben wir zuerst den vier Gliedern die willkürlich gewählten,
aber nach einmal getroffener Uebereinkunft festzuhaltenden IV-
zeichnungen a, &, c, ä in derjenigen Vertheilung, wie sie in der
schematischen Fig. 191 angebracht sind. Die Längen der (ilie<l»'r
FORMELN FÜB MECHANISMEN. 269
sind SO gewählt, dass bei Feststellung von d das Glied a (die Kur-
bel) sich ganz im Kreise drehen kann, während c in Kreisbogen
Fig. 190.
schwingt. So lange die Kette unbefestigt ist, haben wir sie nach
dem Bisherigen im verkürzten Ausdruck mit dem Zeichen (CJ[) zu
Fig. 191.
Äa"
schreiben. Soll nun d als festgestellt bezeichnet werden, was in
der Figur durch die etwas abweichende Form dieses Gliedes ange-
deutet ist, so hat die Formel zu lauten: (CJ[)<*, gesprochen: „C pa-
rallel vier auf d". Die Partikel auf macht hierbei deutlich, dass
die j^ette gleichsam auf das Glied d gestellt, dieses als Aufstel-
lungsbasis gebraucht ist. Würde etwa d abgelöst und a festgestellt,
^ hiesse das neue Getriebe (CJf)*? ^^^^ Wasserrad aus §. 61 heisst
nun (C"(7,aFa)S das Ruderradboot: (C'C^xT^x)\ u. s. w. Wie man
sieht, ist die Bezeichnungsweise kurz und ganz deutlich und ermög-
licht uns die Unterscheidung der Symbole solcher Mechanismen,
welche "aus einer und derselben Kette gebildet sind. Sie hat aller-
dings die innere Beschränkung, dass hier die Buchstaben a, 6, c
und d keine ganz allgemeine qualitative Bedeutung mehr haben,
ihre Bedeutung ist eine mehr zufällige, zu vergleichen mit derjeni-
gen der Eigennamen. Jedoch nimmt dieselbe dadurch wieder einen
theilweise allgemeinen Karakter an, dass die Reihenfolge der
alphabetischen Zeichen, also ihre Ordnung, nicht bedeutungslos
ist. Man wird zudem mit a womöglich an einem auffallenden
Gliede, wie z. B. oben die Kurbel eines ist, beginnen, und dadurch
auch die Memorirung der getroffenen Uebereinkunft erleichtem.
270 VII. KAP. KINEMATISCHE ZEICHENSPEACHE.
Die Anwendungen dieser verkürzten Schreibung sind äusserst
fruchtreich, wie die Folge zeigen wird.
Endlich erlaubt die gewählte Bezeichnungsweise, noch eine
weitere , sehr nützliche Angabe in die Formel zu bringen. Es ist
nämlich manchmal wichtig, dasjenige Kettenglied hervorzuheben,
durch welches die treibende Kraft oder die Bewegung in
das Getriebe eingeleitet wird. Denn es ist einleuchtend, da^s
ein grosser Unterschied zwischen zwei Getrieben besteht, wenn
dem einen derselben durch das Glied 6, dem anderen durch da>
Glied a die Bewegung zugeführt wird. Wir hatten ein auffallen-
des Beispiel bei dem Mechanismus des Wasserrades und des Wurf-
rades vor uns. Beide sind unserer bisherigen Symbolik nach mit
derselben Formel (C"C.;t^A)*' zu schreiben, obwohl sie sich der
stattfindenden Bewegungsübertragung nach wesentlich unter-
scheiden.
Bei Lichte betrachtet stellt sich diese Formel offenbar als
eine beiden Mechanismen eigene allgemeine oder unbestimmte
Formel heraus, welche für jeden der beiden Fälle in eine beson-
dere oder bestimmte Formel überzufuhren wäre. Die hierfür
noch fehlende Angabe können wir aber dadurch bewirken, dass
wir das krafleinleitende oder treibende Glied als Bruchnenner
in den Exponenten setzen. Letzterer wird dann in der all-
gemeinen Formel nur das Aufstellungsglied angeben, in der be-
sonderen Formel aber sich als Quotient darstellen, dessen Zähler
das Aufstellungsglied, dessen Nenner das treibende Glied angibt
Die Wahl der Quotientenform rechtfertigt sich aus der Analogie mit
der Bezeichnung des Kraft- und Kettenschlusses, die in §. 57 fest-
gesetzt wurde.
Hiernach wird denn z. B. das Getriebe (C^')^ wenn es durch
das rotirende Glied a (die Kurbel) umgetrieben wird, zu schreiben
d
sein: (C7)"^i gesprochen: „C parallel vier auf d durch a**, wobei
man in Gedanken ergänzen mag: „gestellt auf rf, getrieben
durch a". Dasselbe Getriebe, wenn durch das schwingende Glicil
c betrieben, heisst in der besonderen Formel: (CJ)r; beiden Mecha-
nismen gemeinsam ist nach wie vor die allgemeine Formel {(^)*-
Das obige Wasserrad ist nunmehr zu schreiben: (CCja^i)»^» ^^'^^
Wurfrad: (CC,xVx)t das Ruderradboot: (CCu^iO'- Die Nütz-
lichkeit der Formel- Anschreibung an sich kommt bei diesen let7ten
Beispielen bereits in hervorragender Weise zur Geltung. Denn
FORMELN FÜR MECHANISMEN. 271
durch das blosse Anschreiben ergibt sich hier einestheils die enge
Zusammengehörigkeit von Maschinen, welche in der Maschinen-
praxis weit auseinander stehen; andemtheils stellen sich ihre
wahren Unterscheidungsmerkmale bestimmt und einfach heraus.
Die besondere Formel eines Mechanismus kommt namentlich
bei der Analysirung vollständiger Maschinen, überhaupt den An-
wendungen der Mechanismen zur Geltung, während bei abstrak-
ter Darstellung der Getriebe meist die allgemeine Formel genügt.
Indessen ist auch hier die besondere Formel manchmal sehr werth-
ToU, indem sie erkennen lässt, welche der Gliedbewegungen als die
Urveränderliche anzusehen ist. Wir werden in der Folge von
beiden Formeln einen vielseitigen Gebrauch machen und können
nun zu der regelrechten Anwendung der kinematischen Zeichen-
sprache übergehen.
ACHTES KAPITEL.
KINEMATISCHE ANALYSR
§. 63.
Aufgabe der kinematischen Analyse.
Die Analysirung einer kinematischen Vorrichtung als solcher
besteht in der Zerlegung derselben in diejenigen Theile, welche
kinematisch als Elemente anzusehen sind, und in der Feststellung
der Ordnung, in welcher dieselben zu Elementenpaaren und kine-
matischen Ketten zusammentreten. Alles konstruktive Beiwerk
bleibt dal^ei ausser Betracht. Das Resultat der Zerlegung können
wir vermöge der Zeichensprache, die wir uns gebildet, in Übersicht,
lieber, das Bildungsgesetz ausdrückender Form darstellen. Wir
wollen nunmehr eine Reihe solcher Untersuchungen vornehmen,
theils um die Methode anwenden zu lernen , theils und namentlich
aber, um über einzelne von der Maschinenwissenschafb beherrschte
Gebiete ins Klare zu kommen. Dabei wird sich zeigen, dass man
bisher über manche Grundbegriffe, mit denen man leicht operiren
zu können glaubte, keineswegs im Reinen war. Wir werden manche
der gebräuchlichen Anschauungen zu berichtigen haben; ja es wird
nicht ohne Zertrümmerung oder wenigstens gänzliche Verschie«
bung einiger, scheinbar „für eine Welt gebauten" Grundsätze ab-
gehen. Zum Ersätze dafür wird es uns indessen gelingen , andere
Vorstellungen von um so grösserer Bedeutung und Tragweite wirk-
lich wissenschaftlich fest zu begründen.
BEGRIFF DEB EINFACHEN MASCHINE. 273
§. 64.
Die sogenannten einfaolien MasoMnen.
Die mechanischen Vorrichtungen, welche den Namen der ein-
fachen Maschinen oder auch mechanischen Potenzen fuhren, sind
jedem Mechaniker bekannt. In der Mehrzahl, der Lehrbücher
werden sie seit Galilei, oder noch früher, mehr oder weniger als
diejenigen Einrichtungen angegeben, auf welche man alle Maschi-
nen zurückfuhren, nämlich als aus welchen man sie alle zusam-
mengesetzt nachweisen könne. Volle Uebereinstimmung herrscht
indessen über das wie und sogar auch über das ob nicht; nament-
lich ist zu bemerken, dass die höhere Auffassung der Mechanik
sich von der ganzen Anschauung mehr und mehr lossagt, und dies
muss billig in Erstaunen setzen. Denn wenn wirklich jene Gebilde
die angegebene Bedeutung haben — und den Gegenbeweis findet
man trotz der Skepsis nirgends geführt — so muss ihnen ja ein
sehr hoher Werth beigelegt werden. Die höchste Wissenschaft
dürfte sich nicht zu vornehm dünken, sie anzuerkennen, so schlicht
und gering sie auch erscheinen mögen, während es jetzt den An-
schein hat, als wollte die Ansicht die Herrschaft gewinnen, dass
die „einfachen Maschinen" zwar für die elementare Mechanik
gut genug, für die höhere aber werthlos seien.
Sieht man sich die Frage etwas näher an, indem man die
Lehrbücher unter einander vergleicht, so entdeckt man bald aller
Orten 'eine bedenkliche Unbestimmtheit der AuflFassung auch bei
solchen, welche der Sache selbst treu bleiben *3). Gleich über die ,
Zahl der „mechanischen Potenzen" ist man nicht recht einig. Die
einen sprechen von sechs:
Hebel, Schiefebene, .Keil, Rolle, Radwelle, Schraube;
die anderen wollen unbedingt die „Seilmaschine" als siebente
mitgezählt wissen. Schlimmer aber noch steht es mit der Definition
des Begriffes der einfachen Maschine. Es finden sich kaum zwei
Bücher, welche eine und dieselbe Definition davon geben. Auch
der Platz, den man ihnen unter den Lehrsätzen anweist, ist sehr
verschieden. Bald werden sie zu Anfang, bald in die Mitte, bald
ans Ende gestellt, bald auf verschiedene Kapitel vertheilt; manch-
mal werden sie zwar abgehandelt, aber gar nicht bei dem her-
Reuleauz, Kinematik. 1^
274 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
gebrachten Namen genannt, gleichsam um den Verdacht, als ob
man sie anerkenne, ja nicht aufkommen zu lassen. Kurz, an eiue
wirklich gemeinsame AuflFassung kann man nach Anstellung eines
solchen Vergleichs eigentlich nicht mehr denken, da die Verschie-
denheiten über das Aeusserliche hinausgehen; eher könnte man
durch ihn dazu gefuhrt werden, an der Existenz der einfachen
Maschinen als solcher zu verzweifeln.
Und doch liegt ein eigenthümlicher Zug in diesen Gebilden,
wenigstens in einzelnen derselben, wie z. B. dem Hebel und der
Schiefebene, die ja sogar aus dem Fachgebiete in die gewöhn-
liche Redeweise übergegangen sind. Sie haben etwas Anheimeln-
des an sich ; ein Gefühlinteresse, möchte man sagen, zieht zu ihnen
hin. Ist dies der rein menschliche Zug der Jugenderinnerung des-
jenigen, der die Mechanik früh zu studiren begann, oder ist es der
Hauch der Jugendlichkeit der Wissenschaft selbst, der aus ihnen
leise zu uns herweht? Oder ist nicht doch wirklich ein innerer
tieferer Grund für diese Sympathie vorhanden, welche selbst der
den wolkenhöchsten Problemen allein zugewandte Theoretiker im
Stillen nicht läugnen wird? — Auf diese Fragen muss uns die
kinematische Analysirung eine entscheidende Antwort geben; sie
muss uns zeigen, ob wir diese alten Familienstücke der Mechanik
wirklich aufzugeben, dann aber auch gründlich zu beseitigen haben,
oder ob irgend etwas Unzerstörbares in ihnen steckt. Gehen wir
deshalb zu dieser Untersuchung über.
Der Hebel. Ein stabförmiger oder auch knieformiger Kör-
per, der auf eine schneidenartige unbewegliche Unterlage drehhjir
gestützt ist, Fig. 192, zwei zu beiden Seiten der Stütze angreifen-
Pj J92 den Kräften ausgesetzt
gr deren Gleichgewich t^-
B, \ bedingung gelehrt wird,
so hat sich seit A r ch i -
med es' Zeiten diese>
Problem erhalten. —
^^ In den meisten Fällen
ist die Beschreibung nicht genau. Es wird zwar angenommen,
aber nicht deutlich gesagt, dass die Stützung so eingerichtet sei,
dass die Hebelarme nur ebene Bewegungen auszuführen vermoch-
ten; es bleibt unausgesprochen, dass in dem Falle, wo die Kräfte
vermöge ihrer Richtung den Hebel von der Schneide abheben könn-
ten, dies nicht geschehe, mit anderen Worten, dass die Einrichtung
HEBEL. 6CHIEFGBBKE. 275
der Stützvorkehrung diesem vorbeuge. Also eine für einen wich-
tigen Fnndamentalsatz gewiss auffallende Unvollständigkeit in der
Beschreibung der Voraussetzungen. Ergänzen wir aber diesen
Mangel, so haben wir den Körpern Hebel und Stütze eine Einrich-
tung zu geben, vermöge deren sie sich zwangläufig gegeneinander
so bewegen, dass der eine gegen den anderen nur Kreise
beschreibt, was aber keine andere Einrichtung ist, als diejenige
dos Drehkörperpaares RtST, oder auch (nach §. Ci7) des
Cylinderpaares Ct.C~. Die Vorrichtung wird dann also nach
Feststellung des einen der beiden Element« heisscn:
BZR*- oder BtST
oder auch:
CZC^ oder CtC
und die „Gesetze des Hebels' sind in ganzer Ausdehnung nichts
anderes, als die Gleichgewichtsbedingungen der Kräfte
am Drohkörperpaar. Die gebräuchliche Darstellung des Paares
ist aber diejenige eines unselbständigen, insbesondere kraft-
schlüssigen Drehkörperpaares, etwa nach Fig. 193, zu schrei-
Fig. 194.
Die Schiefebene. Eine gegen den Horizont geneigte
Fläche, auf welcher ein durch die Schwere getriebener Körper,
welcher die Flache mit einem ebenen Abschnitt berührt, abwärts
zu gleiten sucht, Fig. 194; es wird gelehrt, mit welcher Kraft dies
geschieht — Auch hier lässt die Beschreibung mehreres zu wün-
schen übrig. Es wird in der Regel unausgeführt gelassen, dass
der Körper nur parallel der Einfallrichtung der Ebene gleiten
kann, d. h. körperlich dem entsprechend gestützt gedacht winl,
auch dass er sich vermöge geeigneter ähnlicher Einrichtung nicht
von der Ebene entfernen kann. Mit anderen Worten wird im
18*
276
VlII. KAP. KINEMATIBCUE ANALYSE.
Stillen vorausgesetzt, dass der Körper mit seiner Unterlage für
geradlinige Bewegung gepaart ist, und zwar ist das in
Gedanken als vorhanden betrachtete Paar ein Prismenpair.
geschrieben bei FeststeUuug des einen Elementes:
PtP~ oder PZP^.
Das vollständige „Gesetz der Schiefebene" gibt die Gleich-
gewicbtsbedingungen der am Prismenpaar angreifen-
den Kräfte an. In der herkömmlichen Darstellung aber haben
wir ein unselbständiges, kraftschlüssiges Prismenpaar, in
schreiben — ""-7-, 'or uns.
Der Keil. Diese Vorrichtung wird mit Vorliebe in einer
urwüchsigen, an die Strenge der Maschinenbewegungen am wenig-
sten erinnernden Weise dargestellt, nämlich als Mittel, einen der-
ben Baumstamm zu spalten, Fig. 195. Es wird an dieser ländlich
heiteren Vorrichtung das Verhältniss der eintreibenden zu den
beiden widerstehenden Kräften an den Keilflanken kennen gelehrt —
Vervollständigen wir die Beschreibung , welche in der K^el fast
Rg. 195.
Fig. les.
aller Schärfe entbehrt so weit, dass wir einen machinalen Vorgsne
in ihr ermöglicht sehen, so haben wir in Kürze zu sagen, dass die
beiden Keiläächen mit den beiden Gegentlächen prismatisch gt-
paart gedacht werden, wonach aber die beiden BaumstammhäUlen
als getrennte, sich gegenseitig geradlinig bewegende Körper,
somit ebenfalls als prismatisch gepaart zu denken aind. Ihu
. Ganze stellt mithin einen Mechanismus vor, welcher aus einer
dreigliedrigen Prismenkette, Fig. 196, gebildet zu denken
ist, geschrieben bei der Reihenfolge a, b, c:
F*...^...Ptp-...^...PZF^...äL...PZ.
FESTE UND LOSE BOLLE. 277
Das „Gesetz des Keiles" gibt, wenn genügend allgemein auf-
gestellt, die Gleichgewichtsbedingungen der Kräfte an
dieser Kette. Die hergebrachte Darstellung bietet eine viel-
faltig kraftschlüssige Körperverbindung, welche sich der eigentlich
gemeinten nur annähert.
Die Rolle. Eine auf einem feststehenden Zapfen drehbar
gelagerte, an ihrem Umfang ausgekehlte Scheibe, über welche ein
an beiden Enden belastetes Seil geht, Fig. 197; gelehrt wird das
Fiff 197. Geichgewicht der an den Seilenden und
dem Zapfengestell angreifenden Kräfte. —
Die Rolle nimmt eine bemerkenswerthe
Stellung unter den einfachen Maschinen
ein. Zunächst sind es wiederum nicht
zwei, sondern drei Körper, welche zur
Maschine zusammengefugt sind. Unaus-
gesprochen bleibt in der Regel die Vor-
aussetzung, dass die Lagerung der Rolle
so beschaffen sei, dass sie die letztere an
Querbewegungen hindert Bemerkens-
werth ist sodann, dass ein kraftschlüssiges Element, das Seil, auf-
taucht, ohne dass indessen die merkwürdige Eigenschaft der ein-
seitigen Widerstandsfähigkeit genügend hervorgehoben wird.
Schreibt man die Kette kinematisch an, so kommt, wenn das Rol-
lengestell als befestigt angenommen wird:
U^ O . . • I . • . x(, JL , , ,
f
f
ein aus drei Gliedern gebildeter Mechanismus von sehr unbe-
stimmter Bewegungsweise, welcher sich der machinalen Strenge
nur in Folge des Kraftschlusses annähert.
Die übliche Betrachtung der Rolle bleibt aber hierbei nicht
stehen, sondern wendet sich alsbald noch zu einer anderen Anwen-
dung derselben, welche als Mechanismus der losen Rollle be-
kannt ist, Fig. 198 (a. f S.), und welcher gegenüber der soeben be-
sprochene Mechanismus die feste Rolle heisst Hier ist das
■
Rollenlager beweglich und belastet, das eine Seilende aber fest-
gehalten, was wie folgt anzuschreiben ist:
278 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANÄLT8B.
ßCC... I ...Ji»,T...I ^
Die Formel unterscheidet sich von der vorigen nur dadurch,
dass ein anderes Glied der Kette zum festgestellten gemacht ist.
Wir finden also hier die älteren Mechaniker damit beschäftigt, die
Umkehrung einer kinematischen Kette auszuTühreu !
Auch bei der losen IloUe ist der Kraftschluss in weitester Aus- ■
dehnung angewandt,
Fig. 189.
Die Radwelle. Zwei konaxial aneinander befestigte Trom-
meln von verschiedener Grösse, jede mit einem belasteten, an ilir
befestigten Seile versehen, mit gemeinsamer Achse, welche auf
einem ruhenden Gestelle gelagert ist oder oft auch nur gelaßort
gedacht wird, weshalb es in der Zeichnung häutig ganz fehlt.
Fig. 19!); man lehrt das Gleichgewicht der angreifenden Kräfte. —
Eine seltsamlich unklar gehaltene Aufgabe, welche bloss durch
künstlich hineingelegte, aber meist unausgesprochene Abstraktion
brauchbar gemacht wird. Die Kette lautet, durch die Zeichen-
Sprache wiedergegeben, unter Zufiigung dos Gestelles:
CZC^...\ f
f
8CHBAUBB. 279
Alle Mängel der Unbestimmtheit der Voraussetzungen, die im
vorigen Beispiel vorhanden waren, bestehen auch hier. Sie sind
noch gesteigert durch das schraubenförmige Auf- und Abwickeln
der beiden Seile, welches obendrein noch so stattfindet, dass die
Seilseelen höhere Schraubenlinien besctireiben müssen, wenn nicht
künstliche Nebenvorrichtungen hinzugedacht werden, oder wenn
uicht durch Abstraktion auf unendlich diinne Seile die Schwierig-
keit umgangen wird. Letzteres geschieht gewöhnlich. Manche
lassen statt dessen im Gefühl der Unstatthaftigkeit solcher schwer
begründbaren Aenderungen die Seile gleich ganz weg und ersetzen
sie durch blosse Tangentialkräfte an den Trommelumfängen. Da-
mit verwandeln sie aber das Problem wieder in das des Hebels,
was nicht in der Absicht der Aufgabe liegt.
Die Schraube. Eine senkrecht aufgestellte Schraube, in
einer festgestellten Mutter gelagert, und durch ein Gewicht be-
Pi 2(,(j last«t, Fig, 200; gelehrt wird das
Verhältniss einer zum Drehen der
Schraube aufzuwendenden , der
Belastung das Gleichgewicht hal-
tenden Kraft, welche an einem
exaxialen Punkt der Schraube
angreift und normal auf einen
Radius gerichtet ist — Wir er-
kennen alsbald , dass wir daa
Schraubenpaar vor uns haben;
dasselbe ist bei Festhaltung eines
der beiden Elemente zu schreiben :
S; S+ oder St S~.
Das „Gesetz der Schraube" ist
eine sehr beschränkte, ja unvoll-
ständige Angabe der Gleichgewichtsbedingungen für die
am Schraubenpaar angreifenden Kräfte.
Die Seilmascbine. Diese endlich ist ein Problem, welches
— abgesehen von seinem bei geeigneter Abstraktion eintretenden
hohen Werthe fiir die reine Mechanik — wegen der weitgehenden
Kraftschlüssigkeit und Beweglichkeit dem machinalen Begriffe
schon sehr ferne steht, so dass wir diese angebliche einfache
Maschine, welche ohnedies nicht das volle Bürgerrecht unter den
übrigen geniesst, hier ausser Betracht lassen dürfen.
280 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Das Gesammtresultat unserer Untersuchungen ist ein sehr
merkwürdiges. Wir finden in den einfachen Maschinen, welche
doch in der kinematischen Beziehung am allerersten eine harmo-
nische Verwandtschaft zeigen müssten, ein sonderbares Gemisch
kinematischer Probleme: ungeschlossene und geschlossene Paare,
missverständlich für Paare gehaltene Ketten, meistens kraftschlüs-
sige Vorrichtungen, darunter die so schwierig zu behandelnden
Zugkraftorgane, eingefügt auch einen Versuch der Umkehrung
eines Getriebes. Leider mussten wir in der Behandlung
meistens eine auflFallende Ungenauigkeit in der Stellung der Auf-
gabe konstatiren, wBlche nicht geeignet sein kann, dem Anfanger
klare Begriffe beizubringen. Als Erklärung für alle diese Sonder-
barkeiten bietet sich uns die Art des Entwicklungsganges der Ideen,
die wir in der Entwicklungsgeschichte der Maschine im allgemeinen
oben herausfanden : das Geboren werden der Maschine aus der kraft-
schlüssigen Aneinanderreihung beweglicher und ruhender Körper.
Die Entwicklungsgeschichte der Maschine spiegelt sich in den ein-
fachen Maschinen als dem ersten Versuch, das Vorhandene wissen-
schaftlich zu ordnen, wieder; dieselbe Ideenfolge, die in der Summe
der Erscheinungen stattgefunden, wiederholt sich in verkleinertem
Maasstab in dem Entstehungsprozess der wissenschaftlichen Fest-
stellung dessen, was empirisch entstanden war.
Abgesehen hiervon können wir uns jetzt die andere Frage
vorlegen, ob denn nach Herstellung der erforderlichen Strenge
in der Auffassung und Definition die „mechanischen Potenzen** die
Eigenschaft haben, als elementare Theile aller Maschinen angesehen
werden zu können. Die Antwort lautet ganz entschieden verneinend.
Zwar enthalten drei der einfachen Maschinen nach Heraus-
schälung aus dem Nebenwerk die drei niederen Paare (R), (P)
und (/S), und noch das höhere Paar iZ, T\ aber es fehlen doch alK*
übrigen höheren Paare, und auch gegenüber den Zugkraftorganen
die Druckkraftorgane, von den Federn nicht zu sprechen. Wie
darf man angesichts der Dampfmaschinen und Pumpen, diestT
Triumpfe der Druckkraftorgane, behaupten, dass alle Maschinen
auf die hergebrachten einfachen Maschinen zurückfuhrbar seien!
Es scheint kaum begreiflich, wie so etwas immer noch gesagt wer-
den kann. Man könnte sich so weit zurückziehen, dass man sagte,
alle stiltischen Probleme der Maschinen seien in den einfachen
Maschinen enthalten , und in diesem Punkte liege ihre Bedeutung
und der Grund ihrer Zusammenstellung. Aber auch dies ist nicht
DIB EINFACHEN MASCHINEN. 281
richtig. Das Hebelgesetz lehrt nicht das Kräfteverhältniss im
höheren Cylinderpaar; dafür miisste vorerst auf unendlich kleine
Bewegungen zurückgegangen werden. Es lehrt gar nicht das Kraft-
verhältniss im hyperboloidischen Körperpaar; die einfachen Maschi-
nen lehren nicht die Probleme für Vielheiten von Kräften, welche
so häufig in den Maschinen vorkommen ; sie lehren an sich nichts
von den Kräftepaaren; sie lassen die Verwendung der Flüssigkeiten
zur Kraftwirkung in der Maschine ganz ausser Betracht, obwohl
sie auf die Zugkraftorgane, welche die Gegenstücke jener sind,
mehrfach eingehen. Kurz die Behauptung von der Zurückfuhr-
barkeit aller Maschinen auf die „einfachen" zeigt sich in keiner
Weise gerechtfertigt.
Hieraus köünen wir sehr wohl die zunehmende Scheu der
Lehrbücher erklären, die historisch so fest eingewurzelten ein-
fachen Maschinen anzuerkennen, und erscheint auch die Zurück-
weisung, die sie seitens der höheren Mechanik erfahren, begrün-
det und dennoch ist etwas anderes aus unseren Unter-
suchungen hervorgegangqp , was die Anhänglichkeit an die alten,
so viel gepflegten Probleme erklärt: dies ist vor allem der eine
Umstand, 'dass drei derselben, der Hebel, die Schiefebene und die
Schraube, Elementenpaare darstellen, und sodann der andere,
dass ein schüchterner Schritt zu der freien und erschöpfenden Be-
handlung einer kinematischen Kette, bei der Rolle nämlich
darin vorkommt
Es war mithin in erster Linie der dunkle Drang, die Maschi-
nenbewegungen auf solche an Körperpaaren zurückzuführen, was
auf die „einfachen Maschinen" geführt hat. Man hatte mit ihrer
Aufstellung thatsächlich einige tastende Schritte in der zum Ziele
fuhrenden Richtung gethan. Dies war es auch, was den Hebel,
die Schiefebene und die Schraube, welche wir aprioristisch als die
einzigen Umschlusspaare nachweisen konnten (§. 15), so fest hat
einwurzeln lassen. Anziehend und verwunderlich wirkte die leise
Spur des Gesetzes der kinematischen Kette aus dem Rollenpro-
blem heraus. Soweit also müssen wir die ehrwürdigen Probleme
sogar rechtfertigen. Dass aber im allgemeinen dieses ganze Ge-
biet der niederen Mechanik in den Lehrbüchern und im Unter-
richt, auch demjenigen der Physik, wo die „einfachen Maschinen**
nicht wenig fest eingesessen sind, einer eingehenden Revision be-
darf!, muss nach meiner Ueberzeugung zweifellos aus der angestell-
ten Kritik gefolgert werden.
282 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
§. 65.
Das oylindrisolie Kurbel Viereck (C^).
Die aus vier parallelen Cylinderpaaren gebildete kinematische
Kette (C^')^ ^® ^^s schon wiederholt beschäftigt hat, ist eine der
wichtigsten, welche der praktische Maschinenbau besitzt Der
Analysirung derselben wollen wir uns jetzt zuwenden. Ilire ganz
vollständige Behandlung ist indessen Sache der angewandten, nickt
der theoretischen Kinematik; unsere jetzige Aufgabe ist nicht die
erschöpfende Behandlung, sondern nur die Untersuchung, in welchen
verschiedenen Formen die Kette zum Mechanismus wird. Die sich
hierbei darbietende Mannigfaltigkeit ist sehr gross.
Wir heben zunächst die in §. 62 besprochene besondere Art
der Kette heraus, Fig. 201, bei welcher die vier Glieder so be-
messen waren, dass bei ^esthaltung von d sich a im Kreise drehen
Fig. 201.
\
>«•
kann, während c in Kreisbogen schwingt Dies gelingt immer,
wenn (unter der Voraussetzung, dass die Buchstaben a, ft, c und d
auch die Längen der genannten Glieder, gemessen zwischen den
Zapfenmitteln, bezeichnen):
a '\- b + c >^ d a + <^ + c>ft?
welche Bedingungen diejenigen für das Bestehen des Vierecks
1, 2, 3, 4 sind, und wenn ausserdem: a ^ c.
Wegen des Parallelismus der vier Cylinderpaare sind alle Pol-
bahnen ebene Figuren, alle Axoide Cy linder. Es kann deshalb,
da das rotirende Glied a in den Anwendungen eine Kurbel ge-
nannt wird, die Kette ein cylindrisches Kurbelviereck otlor
auch eine viergliedrige cylindrische Kurbelkette ge-
nannt werden. Die Mechanismen, welche durch die Feststellung
der einzelnen Glieder entstehen, heissen dann (viergliedrige) cylin-
DAS KUKBELVIEBECK. 283
drische Kurbelgetriebe. Die Bezeichnungen bedürfen des Bei-
wortes cylindrisch, weil wir später noch andere Kurbelgetriebe
kennen lernen werden. Der Getriebe sind hier zunächst vier, nach
der konzentrirten Schreibweise aus §. 62 zu schreiben: (C")\ (C")\
{C1)\ (C^'Y' Sie sollen nach einander kurz betrachtet werden.
Das Getriebe (C"y. Dieser Mechanismus ist uns schon
wiederholt begegnet, so dass wir schon ziemlich mit ihm vertraut
sind. Seine Glieder haben so deutlich unterscheidbare Funktionen,
dass wir ihre bisher nur zufallig und nebenher gebrauchten Be-
nennungen zu bestimmtem erheben können, was die anzustellen-
den Betrachtungen wesentlich abkürzen wird. Es heisse im vor-
liegenden Getriebe:
a die Kurbel, c die Schwinge,
b die Koppel, d der Steg.
Diese Namen, deren nähere Begründung wohl nicht nöthig ist,
da sie sich aus Früherem ergibt, werden wir unter geeigneten
Nebenbezeichnungen auch noch bei andern Kurbelgetrieben ver-
werthen können.
Im vorliegenden Getriebe, Fig. 201, schiebt bei ihren Drehun-
gen die Kurbel a mittelst der Koppel b die Schwinge c in Kreis-
bogen hin und her; wir können deshalb den Mechanismus eine
rotirende Bogenschubkurbel nennen.
Das Getriebe (C^'y. Kehren wir das Getriebe nunmehr
auf b um, oder „stellen" es auf ft, d. L stellen wir nach Ablösung
des Steges d die bisherige Koppel b fest, Fig. 202, so erhalten wir
Fig. 202.
or
ein Getriebe, in welchem a abermals rotirt, jetzt aber um die
Achse 2 statt um 1, und bei welchem c wiederum schwingt, nun
aber um die Achse 3 statt um 4; der Steg d ist in eine Koppel
übergegangen, und die ehemalige Koppel zum Stege geworden.
Das Ganze ist also ebenfalls eine rotirende Bogenschubkur-
bel, welche sich nur in den Dimensionsverhältnissen der Koppel
und des Steges von dejfi obigen unterscheidet. Der Art nach
284 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
sind die beiden Getriebe nicht verschieden, so dass wir haben:
Das Getriebe (C")\ Wird das Glied a zum Stege gemacht,
Fig. 203, so entsteht ein von den beiden vorigen völlig verschie-
Pig. 203.
"«.
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\ *
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% V
\ «
k « *
\
••■■-- ' /
/
/ :
denes Getriebe, welches wir übrigens in §. 9 bereits vorläufig unter-
sucht haben. Die Glieder h und d rotiren um die Achsen 2 und 1,
werden also beide zu Kurbeln, c dagegen dient als Koppel Die
Praxis kennt dieses Getriebe unter dem Namen Kniekuppelunt!:
wir wollen dasselbe rotire'nde Doppelkurbel nennen. Die
Rotationen der beiden Kurbeln gehen mit veränderlichem Oe-
schwindigkeitsverhältniss vor sich, was wir oben durch die reduzir-
ten Polbahnen Fig. 25 in einer übersichtlichen Form versinnlicht<ii.
Die Getriebe {C'IY- Bei dieser vierten Feststellung schwin-
gen die Glieder h und d um die Achsen 3 und 4 hin und her;
c ist zum Stege, a zur Koppel geworden. In der punktirten Lajre
4 1' 2' 3 befindet sich h nach rechts ausgeschoben, d wird aber,
wenn nun h zurückgeht, noch etwas nach rechts, und dann el)on-
falls zurück nach links schwingen, um bei l" in die äusserste Stel-
lung zur Linken zu gelangen. Wenn d\von da zurückschwiujrt^
DAS KUBBELVIEBEOK.
285
geht nun seinerseits b noch etwas nach links, und kehrt dann nach
rechts zurück. In der Zwischenstellung 4 1"' 2"' 3 zeigen sich die
Glieder b und d gekreuzt. Wir können dieses Getriebe, welches
in der Maschinenpraxis bei Geradführungen mannigfach angewandt
Fig. 204.
ist, dabei aber nicht bis zu den Grenzen seines Spiels gebraucht
wird, eine schwingende oder oscillirende Doppelkurbel nen-
nen. Dadurch stellen wir es in den richtigen Gegensatz zu dem
Getriebe (C^)', bei welchem dieselben Arme b und d rotiren statt
zu öscilliren.
Hiermit haben wir die Feststellungen der gegebenen Kette
erschöpft, und drei von den gefundenen vier Mechanismen als ver-
schiedenen Gattungen angehörig gefunden. Die drei verschiedenen
Bewegungsweisen derselben sind; wie wir wissen, nichts anderes
als die Relativbewegungen der Kettenglieder, von welchen wir je
nach der Feststellung diejenigen gegen das vierte (d), zweite (6),
erste (a) oder dritte (c) zur absoluten, oder strenger gesprochen:
für uns absoluten Bewegung gemacht haben (vergleiche §. 3).
Am meisten angewandt von den vier gefnndenen Getrieben ist
(C^y = (C^y, oder, indem wir die beiden Formeln in eine zusam-
menziehen: (C^Y"^.
§. 66.
Die Parallelkurbeln.
Es ist einleuchtend, dass bei Abänderungen der Längenver-
hältnisse der Glieder in der Kette (CJ') die aus derselben erhalt-
baren Getriebe sich ändern können, und zwar auch der Bewegungs-
286 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
gattung nach , indem schwingende Relativbewegungen durch Aus-
dehnung des Oscillationswinkels in rotirende überführbar sind und
umgekehrt. Bei solchen Abänderungen entstehen besondere Fälle.
von denen wir die wichtigsten betrachten wollen. Führt man zu-
nächst das Verhältniss der Längen von a und c, welche wir vorhin
so voraussetzten, dass immer a<;c, bis zu der Grenze, wo der
Unterschied verschwindet, setzen also a=c, und machen ausser-
dem noch 6=d, so geht das Kurbelviereck in ein Parallelo-
gramm über, Fig. 205. Die Schwinge c wird dabei eine Kurbel.
Fig. 205.
T la. N
A —. —
welche der Kurbel a ganz gleich ist und bei Feststellung von d
dieselben Winkel durchläuft wie a. Wir schreiben die Kette, da
die Glieder paarweise parallel sind, in der konzentrirteu Form:
(CjIICJ). Das Zeichen || genügt, und braucht nicht auf # ver-
vollständigt zu werden, da || den Antiparallelismus , welcher nach
§. 47 auch eintreten könnte, ausschliesst. Das Gleichheitszeichen
allein würde nicht genügen, zumal die paarweise Gleichheit auch
so stattfinden könnte, dass a = 6, c = d.aber a<^c oder ]>c, was ja
den Bedingungen widerspricht Das Zeichen # kann für den Fall
aufgespart bleiben, wo das Parallelogramm ein Rhombus wird.
Wenn das Getriebe auf d gestellt, also d zum Stege gemacht
wird, wie die Figur andeutet, so lautet seine Formel: (Callf's'r
Unter dieselbe hierbei erhaltene Gattung fallt aber das Getrieln?.
wenn die Kette statt auf d, auf b oder a oder c gestellt wird. Hier
fallen also die sämmtlichen vier Getriebe, welche die Kette 7\\
liefern vermag, gleichartig aus. Wir nennen sie Parallelkurbeln.
In den Todtlagen 2' 1 3' 4 und 1 2" 4 3" ist, wie in §. 46 bereit^
besprochen wurde, die Kette nicht zwangläufig geschlossen. Soll ^v
also so gebraucht werden, dass die Punkte 2' und 2" durchlauft:,
werden, so muss eine besondere Schliessung stattfinden. Wir hab^n
dazu oben eine wiederholte Anwendung derselben Kette geeinii^t
befunden, und zwar in den zwei Formen, welche die Figuren 2""
und 207 zeigen. Es fragt sich, wie wir diese Verbindungen kin»-
matisch anzuschreiben haben.
PARALLELKÜBBELK.
287
Wir baben KettenBchluss vor uns. Demnach lässt sich nach
g. 57 die Schliessung durch Untersetzung dea Zeichens h in der
Pig 208. Form eines Bruchnen-
ners bezeichnen, wo-
nach beide Ketten in
der Form
(c;\\c'i)
k
zu schreiben wären. Da
aber hier insbesondere
die schliessende Kette
der zu schüessenden
gleichartig ist , lässt
sich durch Zufiigung
eines Gleichheitszei-
chens zu dem Nenner
k und Einklamm ening
beider eiue grossere
Deutlichkeit herbei-
führen. Die Formel
wird dann lauten:
(c;\\ct)
(k=) '
in Worten: ein Paar
von Parallelkurbeln
geschlossen durch ein
anderes Paar von Pa-
rallelkurbeln. Indessen
lässt sich hiemach eine
noch bequemere Schreibweise wählen, eine solche nämhch, bei
welcher die Verbindung der beiden gleichartigen Ketten, die doch
ohnedies reziprok wirken, durch Zufügung des Faktors 2 zu der
Formel für die Parallelkurheln deutlich gemacht wird: 2(C'^\\C^)_
Nun ist endhch noch ein letzter zweifelhafter Punkt zu erledi-
gen, derjenige nämlich des Unterschiedes zwischen den Anordnun-
gen der Figuren 206 und 207. Im ersteren Falle sind die beiden
nKurbeln" der Schliesskette mit den Kurbeln der ersten zu
schliessenden Kett« zu festen Gliedern verbunden; im zweiten
Falle scheint eine der Kurbeln der Schliessungskette mit einer der
Hanptkette znsammenfallend, die andere für sich hergestellt, dafür
288 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
aber mit der zweiten Hauptkurbel durch eine Koppel verbuBden
zu sein. Vergleicht man indessen sorgfältiger und mit mögUchsti^r
Abstraktion die beiden Ketten, so findet man eine bessere Deutuns
dessen, was eigentlich vorliegt: man findet, dassdie beiden KettiMi
— nicht die Mechanismen oder Getriebe — identisch sind. That-
sächlich entsprechen die temären Glieder ad und cd der Kette
Fig. 206 den temären Gliedem a a' und c c* in Fig. 207, und eben-
so die gewöhnlichen binären Glieder d, h und V der ersten Anord-
nung den ebenso benannten der zweiten. Somit ist denn, wenn.
wie die Figuren andeuten, die Ketten zu Mechanismen mit den
Stegen d beziehungsweise aa! gemacht werden, der zweite Mecha-
nismus nur eine Umkehrung des ersten , so dass wir nunmehr da>
Getriebe in Fig. 206 durch die Formel 2{Cl\\Ciy, und das Ge-
triebe in Fig. 207 durch die Formel 2(C;'||CJ')' War darstellen
können: sie sind beide aus derselben funfgliedrigen Kette gebildet
und zugleich Beispiele der einzigen beiden Gattungen von Getrie-
ben, welche sich aus der Kette herstellen lassen.
§.67.
Die Antiparallelkurbeln.
Wie wir in §. 47 gesehen haben, können wir durch Paar-
schliessung das Kurbelparallelogramm in ein A n t i p a r al 1 e 1 o g ra nun
Fig. 208.
verwandeln, welches durch alle seine Stellungen gefuhrt werdtn
kann, ohne aus der Zwangläufigkeit zu fallen. Fig. 20d und 2<''*
stellen die beiden oben betrachteten Formen der paarschlü>Nii:t :
ANTIPARALLELKUBBELN. 289
Kette dar. Wir nennen die aus der Kette zu bildenden Getriebe
Antiparallelkurbeln. Es sind zwei Auf Stellungsarten von ver-
schiedenem Resultat möglich: die eine, bei welcher d oder b fest-
Fig. 209.
• »
gestellt ist, die andere, bei welcher c oder a zum Stege gemacht
wird. Wird d festgestellt, wie beide Figuren andeuten, so laufen
die beiden Kurbeln a und c in entgegengesetztem Sinne um,
oder sind gegenläufig, weshalb ich das Getriebe früher mit
dem Namen Gegendrehungskurbeln belegte (vergl. §. 47 bei
Fig. 155). Wird aber a festgestellt, Fig. 210, wobei c zur Koppel
**-''-.:^-.^^-rrrrr— -"' /
Bcaleaax, Kioematik.
19
290 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
wird, die ehemalige Koppel b aber ebenso wie der fiühere Steg d
in eine Kurbel übergeht, so drehen sich b und d ebenfalls ununter-
brochen, laufen aber dabei in gleichem Sinne um^ sind gleich-
läufig. Das Antiparallelogramm liefert also bei der ersten Auf-
stellungsart die gegenläufigen Antiparallelkurbeln, bei
der zweiten die gleichläufigen Antiparallelkurbeln.
Sehr bemerkenswerth ist, dass das Drehungsgesetz in beiden
Fällen dasselbe ist. Dies geht daraus hervor, dass wegen des
Antiparallelismus Winkel 1, 2, 3 = 1, 4, 3. Wollte man also die
schwierig überschaubaren hyperbolischen Polbahnen, welche den
Gliedern b und d nach §. 47 zukommen, auf gegenläufige Pol-
bahnen reduziren (siehe §. 9), so würde man wieder ein Paar kon-
gruenter Ellipsen erhalten.
Die konzentrirte Schreibung der beiden gefundenen Mechanis-
men wird zunächst den Antiparallelismus anzugeben haben, wes-
halb wir das Zeichen dafür zwischen die Cylinderzeichen einschie-
ben. Die nicht festgestellte Kette wird also zu schreiben sein
(CgZCa'). Die gegenläufigen Antiparallelkurbeln werden heissen
(C^'zC;')' oder (CJ'zC^jN von welchen Schreibungen wir nur
eine, es sei die erste, beizubehalten brauchen, wenn wir sie nicht
in die eine: (CJzCj/^*' zusammenziehen wollen. Die gleichläufigen
Antiparallelkurbeln heissen : (CJz Cg )% wenn wir wieder die gleich-
werthige Schreibung mit den Exponenten c als überflüssig weg-
lassen, oder auch {Cl'Z.C^y^^ wenn wir die Gleich werthigkeit
von a und c ausdrücken wollen.
Noch ist die Paarschliessung anzudeuten. Diese selbst winl
nur dann erforderlich sein, wenn der Mechanismus bei seinem
Spiel überhaupt die Todpunkte passirt. Ist sie vorhanden, und
nach der in Fig. 208 angegebenen Weise bewirkt, so lautet die
Formel: ^ . — ^ und, wenn nach Fig. 209: / .. j— , woWi
das p die Paarschliessung an sich bezeichnet (siehe §. 57 zu Ende k
und wo die Einklammerung imd Anfügung der Zeichen der ge-
paarten Glieder mit ausreichender Genauigkeit darstellt, was vor-
liegt. Vielfach wird es nicht einmal erforderlich sein, die Paiir-
schliessung hervorzuheben, da die Erhaltung des Antiparallelismus.
also die als dauernd angenommene Gültigkeit des Zeichens it
sie schon voraussetzt. Die Antiparallelkurbeln finden hie und da
Anwendung, ohne erkannt worden*zu sein; eine solche ist die in
der D üb s' sehen Kuppelung für Fairlie-Eisenbahnwagen, wo unsere
Ellipsen als Profile für die Bufferbohlen dienen«
DAS KÜRBELVIERECK.
291
§. 68.
Das gleiohsolienkllge Eiirbelgetriebe.
Ein theoretisch sehr bemerkenswerther besonderer Fall der
Kette (C") wird erhalten, wenn a=^d^h = c und wie früher a<;c
Fig. 211.
-»t «
f3-
Fig. 212.
gemacht wird. Wir haben ein aus der so gestalteten Kette gebil-
detes Getriebe, mit höherem Paarschluss in §. 47 besprochen.
Fig. 211 und 212 stellen das Getriebe zuerst ohne, und dann mit
19*
292 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Paarscilluss dar. Eine die Punkte 2 und 4 verbindende Diagonale
des Vierecks 12 3 4 theilt dasselbe immer in zwei gleichschenk-
lige Dreiecke. Wir wollen deshalb das Kurbelgetriebe ein gleich-
schenkliges nennen. Die Schreibung der Kette ist nach dem Vor-
hergegangenen leicht Sie hat unter Benutzung des in §. 47 ge-
wählten Zeichens für die Gleichschenkligkeit zu lauten: (CJ^C").
Soll die höhere Paarung, die Fig. 212 angibt, in der Formel aus-
gedrückt werden, so ist zu schreiben ^r^-r — ^ • Aehnlich wie bei
den Antiparallelkurbeln könnte auch hier die höhere Paarung
statt zwischen a und c zwischen d und 6 geschehen, was nichts
Neues liefern würde: auch könnte man ^e Paarschliessung zu
einem Theil zwischen a und c und zum andern Theil zwischen h
und d bewirken.
Die Kette liefert zwei Arten von Mechanismen, die erste bei
Feststellung von d oder o, die andere bei Feststellung von e oder h.
Das Getriebe in Fig. 211, wo die Feststellung von d angedeutet
ist, hat die Formel (C'^^C'^\ Die Bewegungsübertragung auf c
hat die merkwürdige Seite, dass c nicht bloss schwingt, sondern in
Drehung versetzt wird, und zwar durchschnittlich mit der halben
Winkelgeschwindigkeit der Kurbel a, wie in §. 47 gezeigt wurde.
Bei Feststellung von c (oder b) entsteht das Getriebe, welches
Fig. 213 darstellt. Bei Mitandeutung des Paarschlusses ist der
Fig. 213.
Mechanismus zu schreiben: •^— r-r — — - Seine Bewegung ist nicht
minder eigenthümlich, als die des ersten Getriebes. Sie hat Aehn-
lichkeit mit derjenigen des Bogenschubkurbelgetriebes (C*)^. Per
ehemalige Steg d ist nämlich jetzt Kurbel, das Glied a Kopiul
DAS KÜBBELVIERECK. 293
geworäen, b aber osciUirt um die Achse 3 symmetriscti zu c hin
nnd her, und zwar um einen Winkel von solcher Grösse, dass das
Maximum 2* ebenso wie das Minimum 2" je um 2 X " 'Oi * ab-
hegt Die Punkte 2' und 2" liegen demnach annähernd um vier
Kurbellängen auseinander, während bei dem Getriebe (C")' der
Endpunkt 3 der Schwinge nur annähernd zwei Kurbellängen
durchläuft. Wir kommen weiter unten auf diesen interessanten
Fall nochmals zurück.
Die eyllndrlsohe Sohubkurbelkette iC;P-^).
Indem wir in der Kritik der Kette (C") fortfahren, wollen wir
vorerst eine kleine Umgestaltung mit ihr vornehmen. Wir verwandeln
die Schwinge e in einen Cylinderring-Ausschnitt, welche wir in eine
kreisförmig gebogene Schleife, die mit der Zapfenhülse 1 fest ver-
pig 2n bunden ist, einschlies-
sen, Fig. 2U. Wenn
wir den Mittelpunkt M
der Schleife und des
Sektors c ebensoweit
von 1 und 3 ablegen,
als oben der Mittel-
punkt. 4 von diesen
Pnnkten abstand, so macht das Gleitstück e ganz dieselben Rela-
tivbewegangen , als ob es der Schwinge c angehöre. Wir können
dasselbe demnach die Schvringe vertreten lassen; spater wird sich
noch herausstellen, dass es kinematisch mit derselben- geradezu
identisch ist. Die omgeformte Vorrichtung können wir nun, bei a
beginnend, wie folgt schreiben :
C^...\\...CtC-...\\...CZC*...\\...AZA-...\\...CZ
mdem nach §, 57 das Zeichen A (Arcus) einen Ringausscbnitt be-
zeichnet. Die zusammengezogene Schreibung wäre (C'^Ä"). Deiit"
hcher als bei der früheren Schreibung ist hier zu erkennen, dass
die Verhältnisse so gewählt dein müssen, dass das Glied c einen
bogenförmigen Hin- und Herachnb vollzieht, da ja sonst das Paar
AtA~ nicht genügen würde.
Die Halbmesser des Bogens ^ können wir aber nun, ohne
Schwierigkeiten in der Konstruktion zu begegnen, beliebig gross
294
VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
wählen; die Schleife des Gliedes d und der Gleitblock c werden
dabei nur flacher als jetzt. Ja wir können den Halbmesser bis zur
Unendlichkeit zunehmen lassen. Hierbei wäciist aber auch
nothwendig der Abstand des Mittelpunktes 4 vom Punkte 1, d. h.
die Länge des Gliedes d, bis zur Unendlichkeit. Wir wollen in
der That annehmen, dass die Glieder c und d, d. h. die Längen 3.4
und 1.4 beide gleichzeitig unendlich gross würden, also dass:
Dann aber hört die Gültigkeit imserer letzten Formel auf, wio
denn auch die kinematische Kette selbst eine andere wird, indem
Fiir. 215. ^®^ Bogen J. in ein Prisma P übergeht, das Paari4^.4~
sich in ein Prismenpaar PiP~ verwandelt Wegen der
Gleichheit von c und d geht die Gerade, in welcher sich
nunmehr der Punkt 3 gegen d bewegt, in ihrer Verlän-
gerung durch den Punkt 1 , und steht ausserdem senk-
recht auf der Achse 3 wie auf der Achse l. Wir haben
demnach die neue Kette, welche in nebenstehender
Figur dargestellt und uns übrigens schon bekannt ist
zu schreiben:
O ...||...G-:G ...||...G_G . . . 1 ... Jr—Jr . . , JL . . . '
oder kürzer:
C . . . II . . . (0) ... II ... ((/) . . . _L . . . (x ) . . . J. . . . C -,
oder ganz zusammengezogen: (CJ'P-*-). Bei dieser merk-
würdigen und wichtigen Kette vollzieht das Glied c statt
eines bogenförmigen Schubes, wie in der Kette (T*)
einen geradlinigen Schub. Wir können sie deshalb
eine cylindrische geradlinig schiebende Kur-
belkette oder kürzer einfach cylindrische Schubkurbel-
kette nennen. Ihre verschiedenen Feststellungsarten, deren vier
sind, sollen nun näher betrachtet werden.
Das Getriebe (C^P-^y. Stellt man, wie Fig. 216 andeutet dio
Kette auf das Glied rf, so entsteht bei der Drehung der Kurbel a
ein geradliniger Hin- imd Herechub des Gliedes c, und es liegt eini-r
der bekanntesten Mechanismen vor uns, derjenige, welcher in dti
gewöhnlichen Kurbeldampfmaschine eine so grosse Bolle spielt, K i
so vielen Pmnpen, bei Durchstossmaschinen, Prägepressen und
vielen anderen Maschinen Verwendung findet Das (ilied c wollen
wir den Schieber, das Glied d gelegentlich den Lenkstab nennen,
namentlich, wenn es beweglich ist, D;is ganze Getriebe kann wejin.
der Drehbewegung die rotirende Schubkurbel heissen. Bei dt*r
DIE SCHUBKXTBBELKETTE. 295
Anwendung auf die Kurbeldampfmaschine wirkt als treibendes Glied
der Schieber c, wonach die allgemeine Formel {C'^P-^y in die be-
sondere (C^P^)7 übergeht In den übrigen soeben als Beispiele
Fig. 216.
i*
/A><i, j^
herangezogenen Maschinen treibt die Kurbel a den Mechanismus;
die Formel heisst dort also (CgT-^-jm. Die Koppel b macht ver-
wickelte Bewegungen, welche durch die Polbahnen genauer be-
stimmt werden können. Letztere wollen wir einstweilen noch
unerörtert lassen. So viel ist übrigens voraus zu sehen, dass die-
selben zur Achse 3.1 symmetrisch ausfallen werden.
Das Getriebe (C'^P-^f. Die bei der Kette (C;) beobachtete
Reihenfolge innehaltend, stellen wir nunmehr die Kette auf ft,
Figur 217*). Die Kurbel a dreht sich nun um die ehemalige
Fig. 217.
Kurbelwarze 2 als Achse; der LenkstalK d wird durch sie ver-
mittelst des Schiebers c oscillatorisch vor- und rückwärts bewegt.
Wegen seiner in der Figur angegebenen Form ist das Glied d eine
(geradlinige oder gerade) Schleife genannt worden. Hiemach
wollen wir das Getriebe die schwingende oder oscillirende
Kurbelschleife nennen. Es darf übrigens nicht vergessen wer-
den, dass wegen der ohne Aenderung des Bewegungsgesetzes statt-
*} Bei der Ton mir gewählten DanteUnng der ans (CSP*^) zu bildenden
Getriebe darch HodeUe wiiti die Kette mit dem festztuteUenden Oliede in
den in Fig. ii und 180 angegebenen Schraubstock eingespannt.
296 VIII, KAP. KINEMATISCHE ANALrSE.
haften Umkehrbarkeit aller niederen Paare (siehe §. 16) auch die
in Fig. 218 dargestellte Form für Schieber und Schleife gewählt
p. 2jg werden kann. Der Me-
chanismus, zu welchem
wir gelangt sind, ist
ebenfalls sehr bekannt
obwohl er nicht so
zahlreiche Verwendun-
gen findet, wie ( CrP-Lj-,
Eine bekannte Anwen-
dung ist diejenige bei der „oscillirenden" Dampfmaschine, an welche
Fig. 218 am ersten erinnert. Hier ist der Lenkstab d in der Form
des Dampfkolbens das treibende Glied; die Formel geht also in
die besondere Form (Cg'P-^)d über. Man hat sich verschiedentlich
bemüht, den Zusammenhang der oscillirendcn Dampfmaschine mit
der gewöhnlichen Kurbeldampfinaschine darzuthun, indem man die
Entstehung der einen aus der anderen durch Dimensionen-Aende-
rung zu erklären suchte. Man nahm z. B. an, dass bei Verkürzung
der Pleuelstange (Koppel) auf Null die Dampfinaschine mit roti-
render Schubkurbel in die oscillirende übergehe, wenn man, damit
die Bewegung möglich bleibe, den Dampfcylinder um eine Achse
drehbar mache. Offenbar liegt hierin viel mehr als eine Dimen-
sions-Aenderung; derUebergang selbst bleibt aber dennoch dunkel.
Wir sehen hier, welcher ganz andere, völlig klare Zusammenhang
zwischen den beiden Mechanismen besteht, dass es sich nämlich
um eine Umkehrung der ihnen beiden zu Grunde liegenden kine-
matischen Kette handelt. Auf die Verwandtschaft zwischen den
beiden Dampfinaschinen selbst können wir erst weiter unten, §. 80,
näher eingehen.
Eine andere Verwendung hat das Getriebe (C^P-^y in der
Form (CgP-^)r bei Hobel- und Stossmaschinen gefundejn. Man be-
nutzt dabei die Eigenthümlichkeit in der Bewegung des Gliedes €>
wonach dieses von der gleichförmig umlaufenden Kurbel ungleich-
förmig bewegt wird. Die Kurbel a als treibendes Glied ertheilt
ihm in der Stellung 1', wo sie sich am fernsten vom Stege oder in
der Stegferne befindet, ein relatives Minimum, in der Stegnähe
1" ein relatives Maximum von Winkelgeschwindigkeit. Bei Kop-
pelung des Gliedes c mit dem Schneidwerkzeug, siehe Fig. 219,
erhält man demzufolge einen durchschnittlich langsamen Vorgau g
8CHWIN0ENDE KUB^ELSCHLBIFE. 297
desStichelsgegeuUber ^em durchschnittlich BchneUenllückgang
liesselbeo. MechaniBmen tou dieser Bewegungsart werden als solche
Pig. 21».
für „schnellen Kückgang" bezeichnet. So. und anderweitig ist das
Getriebe (CJ* /*-'-)'' dem Maschinenpraktiker bekannt und geläufig.
Das Getriebe (C^'P^)'. Ein dritter Mechanismus wird durch
Stellung der Kette aui' a erzielt, Fig. 220. Jetzt macht die bis-
Fig. 220.
298 VIII. KAP* KINEMATISCHE ANALYSE.
herige Koppel b Rotationen um die Achse 2, ist also, da sie aus
zwei parallelen Cylindem wie die Kurbel besteht, in eine solche
übergegangen; die Kurbel a dagegen ist zum Steg geworden. Der
Lenkstab df, vom Schieber c gefasst, beschreibt vollständige Drehun-
gen um die Achse 1. Diese gehen, wenn die Kurbel 6 sich gleich-
förmig bewegt, ungleichförmig vor sich, indem die Kurbel dem
Lenkstabe in der Stegferne 3'" eine Minimalgeschwindigkeit, b der
Stegnähe 3' eine Maximalgeschwindigkeit ertheilt. Wegen dieser
Eigenschaft ist der Mechanismus von Whitworth und anderen in
der Form (C'^P-^)h als Getriebe lur „schnellen Rückgang'^ benutzt
worden. Nach Goodeve*) sollen schon die Alten den Mechanis-
mus gekannt und zwar zur Darstellung der Bewegung des Mondes
gegen die Erde benutzt haben. Wir nennen ihn die rotirende
Kurbelschleife.
Das Getriebe (C"P-^y. Die vierte und letzte Aufstellung
erhalten wir durch die Feststellung des Schiebers c statt des Glie-
des a, Fig. 221. Die Koppel b macht nunmehr Schwingungen um
Pig, 221.
•>'^^^y/J'#
r
die feste Achse 3, der Stab d bewegt sich geradlinig in dem zum
Stege gewordenen Schieber hin und her, ist also zum Schieber
geworden, die Kurbel a endlich ist in eine Koppel übergegangou
und macht verwickelte oscillatorische Bewegungen. Wir nennen
das Getriebe wegen der schwingenden Bewegungen des Gliedes h
eine oscillirende Schubkurbel. Das Getriebe ist wenig l>e-
kannt, doch finden sich hie und da Anwendungen desselben vor.
Unter anderem ist dasselbe in dem in Fig. 222 skizzirten Apparat
zum Schleifen der Kratzenwalzen benutzt, und dient dazu, eine
Schleifwalze während ihrer Drehung axial hin und her zu bewege».
Da das Glied a die Bewegung einleitet, lieisst die besondere For-
mel (C"P-^)7, Eine andere Anwendung, ebenfalls in der Form
*) Goodeve, Eiern, of mechanism, London 1860, 8. 68.
OSCILLIRENDE BCHDBKÜEBEL. 299
{C'P-'-jT, hat das Getriebe in einem von mir angegebenen Mecha-
nismus, damals Zahnexzentrik*) genannt, gefunden; auf eine
dritte sehr merkwürdige komme ich weiter unten zurück.
Unsere Analysirung hat also ergeben, dass aus der Kette
{Cj?-*-) vier Mechanismen hervorgehen, von denen der erste
Fi„ 222. sehr, der letzte nur
wenig bekannt ist,
deren hier erörterte
Zusammengehörigkeit
aber bisher völlig un-
bekannt war. Zugleich
haben wir aber auch
die Kette, wie sie vor
uns liegt, erschöpft;
wir wissen, dass nicht mehr als diese vier Mechanismen aus ihr
zu bilden sind. Betrachten wir dieselben jetzt noch einmal neben-
einander, so geben uns die erhalteneu Formeln Gelegenheit, Ver-
wandtschaften näherer Art unter den gefundenen Getrieben ken-
nen zu lernen. Schreiben wir zu dem Ende die Formeln der Reihe
nach an, so können wir sie bequem untereinander vergleichen.
Wir haben:
a h c d
fc:p-'-)^=c^..ii...(C)...ii...(C)...-L...(P)-..i..-c:
(C^p^y=c^...\\...(C)...\\...(C)...x-..(p)...x...ci.
(c;p-^)^=c^...\\...(C)...\\...(C)...±...(F)...i...cz
(C:P^)'t=C*...\\...(C)...\\...(C)...±...(P)-..J.-.-CZ
Bedenkt man, dass die Formeln in sich selbst zurücklaufende
Ausdrücke sind, dass sie also sowohl von rechts als von links ge-
lesen (oder auch umgeschrieben) werdep können, so entdeckt man,
dass das zweite und das dritte Getriebe ganz dieselbe Formel
haben. Beide haben nämlich ein festgestelltes Glied von der Form
C... II ... C, daneben auf der einen Seite ein Glied C...\\...C, und
auf der anderen ein Glied C L.-.P, letztere beiden durch ein
Glied C...±...P verbunden. Der Unterschied der beiden Mecha-
nismen, der doch, wie wir sahen, gross ist, liegt nur in dem Ver-
hältniss zwischen den Längen a und 6, Dieser Verwandt-
schaft der beiden Mechanismen ist in den gewählten Namen „oscil-
*) B, Gvilingenioar, Bd. IV. (1858) 8. '
300
VIII. KAP. KINEHATISCHlS ANALYSE.
lirende" und „rotirende*' Kurbelschleife Ausdruck gegeben
worden.
Zwischen dem ersten und dem vierten Mechanismus besteht
eine ganz analoge Verwandtschaft Das Gestell heisst bei beiden
C..J P: bei beiden schliesst sich zur einen Seite C..||...f,
zur anderen P. . . i. . . . C an; zwischen den letzteren liegt ein Glied
C. .. II . . . C Auch hier ist die vorhandene beträchtliche Verschie-
denheit der beiden Mechanismen in dem Verhältniss der Längen
a und b begründet. Die Verwandtschaft wurde in den Namen
„rotirende'^ und „oscillirende'^ Schubkurbel zum Ausdruck
gebracht.
Endlich fällt noch auf, dass in allen vier Getrieben die beiden
mit einander gepaarten Glieder von der Form C... J P, welche
der Schieber c und der Steg oder der Lenkstab d sind, ganz gleich-
artig auftreten, dass also zwischen denselben eigentlich gar kein
kinematischer Unterschied besteht. So sonderbar dies für
den ersten Augenblick auch klingt, so ist es doch richtig, und ver-
dient genau gemerkt zu werden, wenn man ausgeführte Mechaniä-
men rasch verstehen lernen wilL Man prüfe z.B. nochmals Fig. 219.
Die Ketten, welche in den folgenden vier Figuren dai^estellt sind.
Fig. 223.
Fig. 224.
Fig. 225.
Fig. 226.
sind kinematisch durchaus identisch. Ihr äusserer Unterschied
beruht bloss auf der jederzeit statthaften Umkehrbarkeit der
niederen Paare, welche in §. 16 so nachdrücklich, und wie sich
hier zeigt, mit Grund hervorgehoben worden ist
DAS CYLINDRieCHE EÜRBELVIERBCK.
Die gleioluohenklige Sohubkurbelkette.
Wir fanden vorhin, dase die Mechanismen (C'^'P-^y" und (C^P^y
m\i nur dadurch unterscheiden, dass i[>a angenommen wurde;
genau derselbe Umstand macht den Unterschied zwischen den
beiden anderen Getrieben derselben Kette, (ClP^y und (CgP-'-y,
ans. Demzufolge müssen wir je eine Zwischenforra für jeden der
beiden DoppelMle finden, wenn wir a^b wählen. In der That
ist diee der Fall, und zwar gelangen wir dabei zu der schon in g. 47
besprochenen Kette, welche in Fig. 227 abgebildet ist. Die Glieder
Pig. 227.
a QQd b sind, wie gesagt, gleichlang; dasselbe gilt aber auch von
den Gliedern c und d, indem dieselben allgemein in der Kette
(C^P-^) gleich und nnendlich lang sind. Die paarweise gleich
grossen Glieder sind benachbart; demnach liegt ganz dieselbe all-
gemeine Anordnung vor, welche wir in dem gleichschenkligen
Kurbelgetriebe Fig. 211 vorfanden. Von der diesem Getriebe zu
Grunde liegenden Kette ist die vorliegende ein besonderer Fall,
nnd wir haben sie deshalb als gleichschenklige Schubkurhel-
kette zn bezeichnen.
Ihre Polbahnen wurden bereits oben (§. 47) besprochen. Sie
sind zwei Paare Cardanischer Kreise, die kleineren zu a und b, die
302 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
grösseren zu c und d gehörig. Das Verhältniss 1 : 2 znischeo deo
UmfängeD erscheint hier als allgemeine Eigenschaft des gteich-
scheakligeQ Kurbelvierecks, indem wir es oben ja ebenfalls bei dem
letzteren vorfanden, obwohl dessen Polbahnen eine ungleich ver-
wickeltere Fomi zeigten; der Grenzfall, nach welchem die Form
hinstreht, liegt hier in seiner Einfachheit vor uns.
Die vier Getriebe der Schubkurbelkette fallen hier in zwei
zusammen. Das erste ist das in Fig. 227 dargestellte. Lassen wir
in der Schreibung den Schluss durch das höhere Paar unaus-
gedrückt, so lautet die Formel: (C^^ CP-^y^'. Das Stellen der
Kette aiif c liefert denselben Mechanismus, wie das Stellen auf d.
weshalb die beiden Zeichen im Exponenten gleichgesetzt wurden.
Was den Namen des Getriebes betrifft, so können wir es im An-
schluss an dos Frühere als gleichschenklige rotireode
Schubkurbel bezeichnen.
Wird die Kette auf a oder b gestellt, so entsteht das zweite
der möglichen Getriebe.' Seine Formel: {C'^^C"P^Y=^. Es ist
in Fig. 228 dargestellt Die Kurbel a ist zum Stege, b zur Kurbel
Pj„ 22g geworden; der Schieber c übertrügt
die Drehbewegung der letzteren auf
den rotirenden Lenkstab d. Wir nen-
nen den Mechanismus die gleich-
schenklige rotirendeKurbel-
schleife.
Die Glieder b und d drehen
sich im Kreise, und zwar in gleichem
Drehungssinne mit dem konst^ten
Winkelgeschwindigkeits - Verhaitni»
2:1, gerade so, als ob b und d zwei
Zahnräder mit innerem Eingriff vom
Zähnezahlverhältniss 1 : 2 wären. In
der That hat auch das Zahnräder-
getriebe, Fig. 229, bei welchem dem kleineren, zweizähnigen Rade«
cylindrische Zahnpro61e gegeben sind — sogenannte TriehstiKk-
verznhnung — grosse Aehntichkeit mit dem vorstehenden Getriehe,
obwohl es ein Glied weniger besitzt Das vierzälinige Rad b ent-
spricht der rotirenden Schleife d. Die Aehnlichkeit verschwindet
schon mehr, wenn die Zähnezahlen 3 und (1 angewandt wenlen,
wie in Fig. 230, und hört fast ganz auf, wenn man nur aiiilen'
Zahnfonnen zu Grunde legt Uebrigens ist die Verwandtschaft ja
ZAPFENERWEITEBDNQEN. 303
auf der Hand liegend, da die Polbahnen der verglichenen Stucke
übereinstimmen. Daneben ist das Ganze ein interessantes Beispiel
Fig. 22B. Pig. 230.
von der Lösung einer und derselben kinematischen Aufgabe durch
verschiedene Mechanismen.
Bemerkenswerth ist noch die Bewegnng des Schiebers c. Der-
selbe hat gegen b zur Polbahn einen grossen Cardanischen Kreis,
beschrieben aus 3, dessen halb so grosser Partner mit dem Stege a
fest verbunden zu denken ist, und in 2 sein Zentrum hat. Der
letztere Kreis deckt sich also mit dem kleinen Gardankreise des
Gliedes b. Man hat, um sich die Bewegung von c deutlich zu
machen, sich vorzustellen, dass der grosse Cardankreis 3 um den
feststehenden kleinen Kreis aus 2 rollt. Alle Bahnen des Schie-
bers e sind demnach Peri-Kardioiden.
Zapfenerweitenmsren in der Sohnbkurbelkette.
Wir haben uns bisher um die Durchmesser der Cylinderpaare,
welche in den Kurbelgetrieben vorkommen, nicht bekümmert In
der That haben auch Aenderungen in den Abmessungen der Ele-
mente keinen EUntiuss auf die Bewegungsgesetze, wenn die Pol-
bahnen davon unberührt bleiben. Dennoch verdient die Dimen-
sionenfrage hier einer besonderen Besprechung, da sie in der bisher
304
VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
gebräuchlichen Auffassung der Kinematik Btellenweise durch Ver-
deckung und Verbrämung des wirklichen Inhaltes der Mechanismen
die Ursache mancher Unklarheit geworden ist Wir wollen uns
bei der folgenden Untersuchung vorerst auf die Schubkurtteltotte
(CjP-^) beschränken, and an ihr insbesondere auch zunächst nnr
€lie Wandlungen der Dimensionsverhältnisse der drei Cylinder-
paare näher verfolgen. Die Uebertragung auf andere Fälle wirJ
uns danach leicht werden.
Die drei Oylinderpaare I, 2 und 3, welche an der Schnbkur-
belkette (C'^P-'-) Fig. 231 vorkommen, gehören allen vier Glieiiern
Fig. asi.
mehr oder weniger an, und wirken deshalb durch ihre Ansfiih-
rungsgrösse auf deren Gestalt ein, ohne indessen dadurch, wie
gesagt, ihre Bewegungsgesetze zu beeinäussen. Offenbar ändeni
wir daher kinematisch nichts in der Kette, wenn wir z. B. den
Voll-Cylinder oder Zapfen bei 1, welcher der Kurbel, a .angehört
so gross von Durchmesser annehmen, dass das Profil 2 innerhalb
des Protiles von 1 fällt, Fig. 232. Wir haben hier den Zapfen 1 so
Pig. 282.
weit auseinander gezogen, wir wollen es nennen soviel „erweitert- *1.
dass dass Profil des Zapfens 2 in seinen inneren Ranm fällt. Der
*) Vergl. den BegrilT der Er'
iitfiiJtieliiing in §. .15.
t dpinjenigen dfr AfajniJi-
ZAPFEN - ERWEITBEUNO. 305
all d befindliche Hohlcylinder musa nun auch genau auf das Maass
des Cylindeft I erweitert werden, damit er denselben nach wie vor
umschliesse. Diese Einrichtung, von der wir kurz sagen können,
dass bei ihr „2 in 1 liegt", kommt in der Maschinenpraxis vor an
gewissen Durchstossmaschinen, Eisenscheeren und dei^leichen, wo
eiue Kurbel von geringer Annlänge a mit ihrer Achse aus einem -
und demselben Block hergestellt wird.
Erweitert man statt des Zapfens I den Zapfen 2, und zwar in
solchem Maasse, dass 1 hineinzuliegen kommt, so entsteht die in
Fi^. 233 dargestellte Form der Kette. Ist dieselbe auf d gestellt
Fig. 233.
und a das treibende Glied, so dass das Getriebe (CJ'P-'-JT entsteht,
so haben wir eine sehr gebräuchliche Einrichtung vor uns, in
welcher die Kurbel a gewöhnlich das Kreisexzentrik oder kurz-
weg Exzentrik, exzentrische Scheibe genannt wird. Man
•iieht, dass sich dieselbe einzig und allein in konstruktiver Bezie-
hung von der gewöhnlichen Schubkurbel unterscheidet Bei Stel-
lung auf ffl, wobei die rotirende Kurheischleife (C'^P^)' entsteht,
i-t dieselbe Erweiterung ebenfalls von der Praxis benutzt worden,
und zwar in der von Wbitworth eingeführten, in Fig. 234 {a. f. S.)
(liirgestellten Form, bei welcher b die Rolle des treihenileu Gliedes
spielt, die bestimmte Formel also (CJ'P-^)t heisst Der Mechanis-
mus dient zur Herbeiführung eines „schnellen Rückgsinges" (siehe
(ihen) und wurde von Redtenbacher in seinen „Bewegungs-
Mechanismen" maskirte Kurbelschleife genannt Die Pleuel-
stange nebst ihrem Verstellungsmechanismus und Anhang gehören
nicht zu imserer Kette, ebensowenig wie das Zahnrad. Dagegen
ist in dem Körper des Zahnrades die Koppel b zu erblicken,
welche einerseits den (Hohl-) Zapfen 2, andererseits den Zapfen 3
B.ole.a.. Klnemiltk. 20
306
VJIl. KAP. K1NKMAT18CHE ANALYSE.
an sich trägt Mit letzterem gieift sie in die Gleitpfanne c, ^en
Schieber, ein. Dieser seinerseits gleitet in dem Holilprisma der
Schleife d.
Kg. 234.
Wird der Zapfen 2 soviel erweitert, daas 3 hineinfällt, so ent-
steht die in Fig. 235 dargestellte Einrichtung. Hier ist, was jn
Fig. S35.
durchaus statthaft ist, der der Kurhel a augehörige Cylinder 2 al-
Hohldrehkiirpur ausgeführt. Die Koppel 6 hat hier die Gotil'
ZAPFEN - ERWEITERUNG. 307
einer exzentrischen Scheibe, welche um den Vollcylinder 3 des
Schiebers c oscillirt, während sie von der runden Hülse 2 der Kur-
bel o rings umfahren wird.
Man kann aber auch, statt 3 in 2 zu legen, 2 in 3 hineinfallen
lassen, Fig. 23fl. Die Koppel b ist wiederum eine exzentrische
Fig. 236,
Scheibe, die nunmehr in dem mit dem Schieber c verbundenen
Ringe oscillirt, während der Kurbelzapfen 2 in sie hineingreift.
Die Verfolgung der eingetragenen Mittellinien wird dem Leser die
uiigewohnhche und deshalb einem Auge, welches noch nicht durch
scharfe Abstraktion geschult ist, nicht sofort verständliche Form
des Getriebes klar werden lassen.
Wir haben hiermit vier Weisen der Zapfen-Erweiterung in der
Schubkurbclkette gebildet, indem wir legten:
2 in 1 (Fig. 232) 3 in 2 (Fig. 235)
1 in 2 (Fig. 232) 2 in 3 (Fig. 236)
Die paarweise stattfindenden Umfassungen der Zapfen 1, 2, 3
sind damit erschöpft. Wir können aber noch weiter gehen, indem
wir Umfassungen zu dreien anordnen. Da nämlich 1 in 2 und
ausserdem auch noch 2 in 3 liegen kann, so können wir auch bei-
des zugleich eintreten lassen, und also legen:
1 in 2 in 3,
und ebenso 3 in 2 in 1.
Diese beiden Einscbachtelungen sind in den Figuren 237 und
238 (a. f. S.) dargestellt, welche beide wieder so gezeichnet sind, nls
308 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
ob die rotirende Schubkurbel (CJ'P-^)' gemeint, d. i. als ob der
Steg d festgestellt sei.
Es macht vielleicht auf den Leser den Eindruck, als ob diese
systematische Durchführung des Verfahrens der Zapfenerweiteniii^'
Fig. 237.
sich vom praktischen Gebiete allzusebr entferne, um für die kiue-
matische Praxis eine wesentliche Bedeutung zu haben. Dies ist
indessen nicht der Fall, wie die folgende Betrachtung zeigen wird.
Kehren wir noch einmal zu der vierten Erwoiterungsweise zu-
rück, bei welcher 2 in 3 lag, so sehen wir bei oälierer BetrachtuiiR.
dass wir das Glied c auch mit einem cylindrischcn .Mittelvorspruni;
ZAPFEN - EBWBITEEUNGEN. 309
versehen können, welcher in eine entsprechende Aushöhlung des
Gliedes b hineingreift, Fig. 239. Das Glied d Dehmea wir dabei
immer noch als festgestellt an. Die Koppel b ist jetzt in einen
Ring von rechteckigem Querschnitt übergegangen, welcher nun-
Plg .119
mehr seine osci Ilatorischeu Bewegungen in einer ringtormigen
Aushöhlung des Schiebers c vollzieht. Wir haben taa ganzen Ge-
triebe nichts damit geändert, da das Elementenpaar 3 ja im all-
gemeinen nnr ein geschlossenes Drehkörperpaar ist, dessen Pro-
lilirung ganz in unsere Hand gegeben bleibt, wenn wir nur das
Paar stets so ausführen, dass es geschlossen ist. Ja diese Be-
dingung erlaubt uns sogar, noch weitere Veriiuderungen an dem
Paare vorzunehmen. Wenn zunächst angenommen wird, dass die
Triebkraft in die Kurbel a eingeleitet werde, die bestimmte For-
mel des Getriebes also (C"P-^)7 sei, so handelt es sich um Hin-
und Herbewegung des Schiebers c. Beachten wir nun, dass die
Koppel b sich beim Rechtsschub sowohl an dem Cylindertlächen-
>tiick A, als bei D anlegen wird, und beim Linksschub an der
Stelle B und zugleich an der Stelle C, so sehen wir bald ein, dass
diese jedesmal stattfindende doppelte Stützung auch wohl durch
eine einfache ersetzt werden kann; diese lässt sich auf verschie-
dene Weise ausführen. Recht bequem kommen wir zum Ziel,
wenn wir um den Zapfen 2 herum einen Sektor aus dem Ringe b
ausschneiden, den die Figur punktirt andeutet, und diesen allein
übrig lassen. Derselbe wird dann beim Rechtsschieben sich an
der Stelle A gegen den Schieber stemmen, beim Linksschieben
, aber an der Stelle B, und sich im Ganzen oscillatorisch in dem
Hohlringe c bewegen. Von diesem letzteren gebrauchen wir dem-
310 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
nach kuch nur ein Stück, welches gross genug ist, um dem Sektor b
nach beiden Seiten den nöthigen Spielraum zu gewähren.
Die so abgeänderte Vorrichtung ist in Fig. 240 dargestellt
Wir dürfen nicht vergessen, dass b nach wie vor die Koppel ist
Fig. 240.
welche vermöge ihrer Einreihung in die Kette vollständig
geschlossen geht, oder vollständig zwangläutig ist, und ebenso dass
der Schieber c noch seine früheren kinematischen Theile besitzt.
b ist nach wie vor ein Glied von der Form C...||... C, von welchen
Cylindern der eine als Hohlcylinder den Kurbelzapfen 2 umfasst
während der andere mit ausreichender Stützung in den Holüdreh-
körper am Schieber c eingreift, und sich gegen c ganz wie vorher,
nämlich um dieselbe Achse schwingend bewegt. Wollen wir die
beiden Gliedör b und c so schreiben, wie sie ausgeführt sind, so
h<aben wir in beiden statt des vollständigen Cylinders bei 2 einen
Cylindersektor oder „Arcus" zu setzen, und haben also:
Hiermit ist denn zugleich bewiesen, dass ein Paar von der
Form CtC~ oder CIC^, sobald es sich nur in Oscillationen von
kleinem Winkel bewegt, iminer durch ein Paar von der Form
AtAT oder AZA^ ersetzt werden kann, dass also in einem solchen
Falle:
(C) = (A)
Diese Ersetzung eines Cylinderpaares durch ein Arcuspaar
oder eine bogenförmige Schleife nebst Gleitstück haben wir oben,
zu Anfang des §. 68, bereits einmal vorgenommen. Hier sehen wir,
dass die Berechtigung dazu vollständig vorhanden war, dass näm-
lich durch diese Ersetzung thatsächlich die Kette nicht verändert
worden ist.
Die Praxis macht von diesem Umstände einen ausgedehnten
ZAPFEN - KRWKITKRUNGKN. 3 1 1
Gebrauch, bedient sich also mit anderen Worten der Zapfen-
erweiterung sehr häufig. Das obige Getriebe, Fig. 240, ist be-
kannt und angewandt, obwohl man es bisher nicht für die gewölm-
liche rotirende Schubkurbel hält. Man hat nachgewiesen*), dass
sich der Schieber in Folge der Kurbeldrehung gerade so bewegt,
als ob er mit der Kurbel durch eine Pleuelstange verbunden sei,
(leren Länge gleich dem Krümmungshalbmesser der Schleife sei.
Man hat aber dabei nicht bemerkt, dass das kleine Gleitstück wirk-
lich diese Pleuelstange oder Koppel selbst ist. Die Kleinheit des
räumlichen Umfanges, auf welchen sie zusammenschrumpft, macht
den Schleifbogen zu manchen Anwendungen im Kurbelgetriebe
ungemein geschickt. Als an ein sehr* bekanntes Beispiel darf ich
an die Schleif bogen der Lokomotivsteuerungen von Stephenson,
Gooch u. a. erinnern, welche Getriebe zwar an sich nicht hier-
hergehören, da sie zusammengesetzte, nicht einfache Kurl)el-
getriebe sind, bei denen aber die Ersetzung von (C) durch (Ä)
wesentlich ist und in verschiedenen Abänderungen vorkommt (ver-
gleiche §. 16).
Ein anderes Beispiel der Zapfenerweiterung bietet der in fol-
gender Figur dargestellte Mechanismus, welcher in Durchstoss-
Pj 241, maschinen vorkommt, dar. Das Ganze
ist eine rotirende Schubkurbel von
der Fonnel {C^P-^F- Das Glied b
oder die Koppel ist, was den Cy lin-
der 3 betriift, in ähnlicher Weise
wie oben ausgeführt. Nur ist sowohl
zur einen, als zur anderen Seite "des
Zapfens 2 ein konkaves Bogenstück
als Profil benutzt, und zwar bei IJ
ein solches von grossem, bei D eines
von sehr kleinem Halbmesser, beide
berührt von den entsprechenden
Gegenformen, welche am Schieber c
zur Ausführung zu bringen waren. Der Schieber c ist ausserdem
Yom Stege d derart umschlossen, dass der aus den beiden Stücken
bei B und D bestehende Zapfen 3 innerhalb des Prismas 4 liegt.
Wir haben demnach hier eine Elementen -Einrichtung des Schub-
kurbelgetriebes vor uns, bei welcher 2 in 3 und ausserdem 3 in 4
*) Sielie z. B. Oiulio, Ciueinatlca, S. lOD.
312 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
liegt, ein Beispiel von der Art und Weise, wie auch das vierte Paar
in das Verfahren der Erweiterung mit hineingezogen werden kann.
Um zu zeigen, wie auch umgekehrt 4 in 3 gelegt werden kaim,
sei noch das in Fig. 242 dargestellte Beispiel angeführt Hier ist
Fig. 242.
der Zapfen 3 des Gliedes c so gross gemacht, dassjdurch ihn hiu-
durch das zum Paare 4 gehörige Hohlprisma gefuhrt wenlvu
konnte. Um den Schieb.er c oscillirt nun der zur Koppel h ge-
hörige Hohlcylinder 3, welcher aber mit Ausschnitten versehen ist
die seinem Zusammenstossen mit dem Stege A vorbeugen. Man
findet die erforderliche Grösse dieser Ausschnitte, indem man, wie
in der Figur angedeutet, den Steg d in den beiden Stellungeu
seiner stärksten Abweichung von 6 verzeichnet. Diese treten ein,
wenn die Kurbel a rechtwinklig zum Stege d kommt Auf Anwen-
dungen dieser Erweiterungsform werden wir weiter unten stossen.
Im allgemeinen gibt die Zapfenerweiterung, wie man gesehen
hat, Anlass zu aufiallenden Formänderungen des KurbelgetrielK»*,
Aenderungen, welche einestheils den ursprünglichen und eigent-
lichen Inhalt des Mechanismus vielfach zu verdecken vermocht
haben, andemtheils dem Konstruirenden häufig grossen Vortht^il
gewähren. Auch von anderen Mechanismen gilt dieses. Manclu
bekannte Vorrichtung tritt in em neues unerwartetes Licht, wenn
man die an ihr vorkommenden Bogenschleifen auf ihre reine Form
C..||...C zurückführt; wieder andere gewinnen durch das um-
gekehrte Verfahren eine für die praktische Verwerthung geeigne-
tere Form, als man ihnen sonst zu geben im Stande ist *).
*) Von dem Begriffe der Erweiterung der Elemente habe ich in meiii«*nj
Konstrukteur schon längere Zeit Gebrauch gemacht, ohne seine Einfuhrun.
raotiviren zu können , da dieses , wie man gesehen hat , grosse WeitläDfigL'-i-
ten erforderte. Ich habe mich deshalb nicht wundern dürfen, daM der B«-
griff vielfach unverstanden gebHeben und für unwichtig, ja für nb<»rfl"**»-:
^rehalton word<»n ist.
DIE KBEÜZBCHLEEFE. olö
§.72.
Die rechtwinklige Kreuzsohlelfenkette (C^Pi).
Die Engräumigkeit, auf welche die Ersetzung eines schwin-
genden ((?)-Paare8 durch das Paar (^) ein schwiugendeB GUed der
Kurbelkette zu hringen verstattet, hahen wir hereits oben, §. (iS,
Fig. 24.1.
gut verwerthet, indem wir die unendlich lang angenommene
Schwinge c auf die Form des Schiebers zusammendrängten. Wen-
den wir dasselbe Verfahren auf die Schubkurbelkette hinsichtlich
der Koppel b an, so können wir auch diese, die in der Anordnung
i'ig. 240 bereits als Gleitstück in der Bogenschlelfe erscheint, un-
endlich lang machen. Die Schleife des Schiebers c wird dann ge-
radlinig und rechtwinklig zur Verbindungslinie 1.3, die Koppel
ein prismatisches Gleitstück mit rechtwinklig darauf steheudem
Cjlinder 2, wie vorstehende Figur darstellt. Schreiben wir die
umgewandelte Kette vollständig an, so haben wir, bei der Kurbel o.
d
C*...\\...atC~...±...PlP''...±...PlP~...±...CZ
Der Schieber c ist in ein rechtwinkliges Prismenkreuz über-
gegangen, welches, da eines der Prismen, wie in unserer Figur,
oder auch beide, wie unten in Fig. 248, oft in Hohlprismenform
ausgeführt werden, eine Schleife genannt worden ist ; wir wollen es
eine KreuzBchleife, insbesondere eine rechtwinklige oder ge-
314 Vlll. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
rade Kreuzschleife, und die ganze Kette die rechtwinklige
Kreuzschleifenkette nennen. Die Kurhel a ist geblieben wie
sie war, die Koppel b aber in die Form C...±...P übergegangen.
Wollen wir zunächst die Formel auf die zusammengezogene
Form bringen, so haben wir zu beachten, dass die Kette aus zwei
parallelen Cylinderpaaren und zwei zu einander normalen Pris-
menpaaren besteht, mithin zu schreiben ist: (CJ'P^).
Das Getriebe (C!IP-^y°^. Hinsichtlich der aus ihr zu bil-
denden Mechanismen beginnen wir wieder mit der Feststellunu'
von d, können aber alsbald bemerken, dass die Koppel b dem SteL'f
d kinematisch völlig gleich ist und auch ganz vrie d in der Ketti
liegt, nämlich zu einer Seite ein Glied C..||..C, zur andern ein
solches P . . . J_ . . . P hat. Demnach sind die beiden Getriebe (C^Pt i
und (ajF-^y identisch. Denkt man sich in Fig. 243 den Lenk-
stab d festgestellt, so stellt sie das Getriebe dar. Seine Benennung!
wird nach dem Bisherigen rotirende Schleifenkurbel sein, da
das Getriebe aus der rotirenden Schubkurbel durch Unend-
lichniachung der Koppel entstanden ist. Das Getriebe (C^Pr)"
dagegen wird, als aus der oscillirenden Kurbelschleife ent-
standen, oscillirende Kreuzschleife zu benennen sein. l>ie
erzeugte Bewegung ist einfacher Natur. Die Polbahnen zwisch»u
a und c werden Cardanische Kreise, der kleine über a oder 1.2
jils Durchmesser, der grosse aus der Mitte der Kreuzschleife <•
mit a als Halbmesser beschrieben, siehe Fig. 243. Für b und d
werden die Polbahnen unendlich gross und sind durch sekunJän-
Polbahnen zu ersetzen, welche ausdrücken, dass b gegen d niit
allen seinen Punkten gleichgrosse Kreise beschreibt, sich also stet^
parallel zu seinen früheren Lagen bewegt. Hier sind diese sekur«-
dären Polbahnen weggelassen.
Die rotirende Schleifenkurbel wird nicht selten angewandt
Namentlich hat sie als Bewegungsmechanismus der Dampfpanjp»^
zahlreiche Anwendungen in der Form (Cj-Pa")' gefunden. Sthr
dienlich ist manchmal der Umstand befunden worden, dass l-i
gleichförmiger Drehung der Kurbel diese dem Schieber ceine ,reiL'
einfache Schwingungsbewegung" ertheilt.
Das Getriebe (C^Pj-y. Wird die Kette auf a gestellt. -'
erhalten die Glieder b und d feste Drehachsen bei 2 und 1; di*'
Kreuzschleife c wandert um a herum, und zwar indem der ihr .«•
gehörige grosso Cardankreis um den fo^jtstehendou kleinen heruui-
DIE KREUZSCULEIFENKETTE.
315
nilli Unsere Fig. 244 stellt das Getriebe dar. Wir wollen es die
rotirende Kreuzschleife nennen. Die Glieder l und d sind
kinematisch gleich, obwohl sie ungleich dargestellt sind; beide
drehen sich stets um gleiche Winkel,
Fg 24*
Fig. 245.
Das vorliegende Getriebe wird mehrfach praktisch verwendet.
Kine interessante Benutzung desselben ist diejenige in der bekann-
ten Oldham'schen Kupplung*) Fig 245 welche zur gleichför-
migen Drehungsübertragung
zwischen parallelen Wellen
dient, also zu schreiben wäre:
(C;'PJ-);oder(C;'P^)r. Das
.- Lagergestell für die beiden
a Wellen ist der Steg a; die
Zwisclienscheibe ist das Glied
c, die Kreuzschleife
P-J-...J....PJ-;
die beiden Wellen nebst
ihren Kupplungsscheiben
sind die Stücke b und d. Die
drei letzten Glieder sind der Deutlichkeit halber in Fig. 246 (a. f. S.)
nochmals einzeln herausgehoben. Die Eigenthümlichkeit des Getrie-
bc-s (6'JP^)', welche in der Oldham'schen Kupplung wesentlich
verwerthet ist, ist die Gleichförmigkeit der Drehbewegung der
Stücketund d. Eine originelle Verwendung hat die Oldham'sche
Kupplung in dem abenteuerlichen halbunterseeischen „Cigarren-
schiff" der Gebrüder Winan gefunden**).
*) Siebe meinen KoDstraktenr, m. Aufl. B. 2S0.
**) Bivhe Pract. Mecb. Journitl XIX (ISflfl — 67), 8. 271.
316 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Eine ebenfalls sehr merkwürdige Anwendung des TorliefeniWii
Getriebes ist das in Fignr 247 dargestellte Ovalwerk, welch-
so viel man weiss von Leonardo da Vinci, dem grossen Könstlcr.
erfunden, wenigstens von ihm studirt worden ist Hier Ltt itic
EigenthUmlichkeit der Kette verwerthet, dass alle Punkte, welibi-
mit dem kleinen Cardankreise, also hier dem Stege n festverbnnJrL
Fig. 2*e.
sind, gegen den Träger des grossen Cardankreises Ellipsfn'i
beschreiben. In dem Apparate selbst sehen wir in dem KÖrptr '
der Planscheibe die Kreuzschleife vor uns, auf der Rücksfite <!:■■
einander kreuzenden Prismen tragend. In das eine derselben anir.
das mit der Drehhankspiudel b festverbundene Vollprisma 3 ti:--
Das Lagergestell oder der Spindelstock a bildet mit der SpiniM '•
das Cylinderpaar 2, An dem Lagergestell (mit Schraul>en) li-
festigt ist der a angehörige Cylinder aus dem Cylinderpaare I ; vi
hat die Form eines Ringes , durch welchen die Spindel b frei !■': -
durchgeht, ist also soviel erweitert (g. 70), dass 2 in 1 lifs--:'
kann. Das Stück rf, welches zunilcbst den Cylinder I mit dem r",-
gehürigen Hohlcylinder umfasst, trägt andererseits das VoUprisnui I.
zum Eingriff in das zweite Hohlprisma der Kreuzschleifc c bestiuii; i
DerZeichenstift oder das Werkzeug i' bildet einen Thcil des ruhe!.-
den Stuckes oder Steges a. Die Ellipsen, die die Spitze von P fi-'
die Planscheibe beschreibt, haben, wenn P ausserhalb a liegt. '-'
Differenz ihrer Halb-Achsen die Länge a; liegt P zwischen I unJ .'
so ist a die Summe der Halbachsen. Die Grösse a ist, soweit -
die Erweiterung des Zapfens 1 gestattet, verstellbar, was im Vrr-
ein mit der Veratellbarkeit von P die grösste Mannigfaltigkeit il-f
*) Lalioulay«!, Cin«iiititii|ue (Ititll) S. Via will iMweiMn. du» dir ■■
Leonftrito'scben Ovalwerk lie!u:l>riebeu«n Kurven keine EllipMDw-i#D. 1»^'
iiirh Hber im Irrtlmm. Auf die el)eiii]ARell)iit ilarireitteUt«, von der >'t'U'-
etwHS ftbweirliende Porni des HirliHniniiiuii knmme ich aiilen. ^ TS. lar l
I>AS LEONARDO'eCHE OVALWEHK. 317
auf dem Apparat erzeugbaren Ellipsen ergibt. Da das Glied b die
Bewegung einleitet, heisst die vervollständigte Formel: {C,'P^)T,
Man hätte auch die Aufstellung so wählen können, dass das Glied d,
welches h völlig gleich ist, treibend gewesen wäre {vergl. §. 76).
Vergessen darf man nicht, dass die Punkthahnen der Scheibe c
als vom grossen Cardankreise beschrieben, Kardioiden, beziehungs-
weise Trochoiden derselben sind. Der Mittelpunkt der Schleife
Fig. 247.
tiiuft dem kleinen Cardankreise nach, und zwar durchläuft er ihn
zweimal bei jeder Drehung von 6 und d.
Das Getriebe {C'iPi)'. Wir haben nun noch die Stellung
der Kette auf das Glied c, die Kreuzschleife, übrig. Dieselbe liefert
die osciltirende Kreuzschleifenkurbel, häufig angewandt in
318 . Vlll. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
einem bekannten Ellipsenzirkel, der in mehreren Formen für
den Gebrauch auf dem Zeichenbrett oder der Kupferstichplatte,
sodann auch in gröberen Ausfuhrungen, Fig. 2i8, als Stuckat<»ur-
Pj 248. Zirkel *) u. s. w. in der Praxis
/ -- umgeht Seine bestimmte
_.^sÄ Formel heisst(C:T^)f.Dass
^^ÜflHHflB^^^T^ ^ zwischen diesem Instrument
^-"^ApSai^^Mp und dem Leonardo'schen
^^^tnOK^^^^^^ Ovalwerk der Zusammen-
hang besteht, welchen wir
den der Kettenumkehrung nennen, hat Chasles entdeckt, wie idi
schon in §. 3 anmerkte, worauf ich hier wieder verweise. I)a>
eigentlich zu Grunde liegende Gesetz entgieng indessen diesem
Forscher.
Die Kette (Cg'P^) ist wie wir sehen, eine vielfach benutzte:
mehr als manche andere aber ist sie durch die Nebenformen der
Ausführung verdeckt ,und der Erkenntniss des Zusammenhanges
mit anderen Ketten bisher entzogen geblieben.
§.73.
Die geschränkte Sohubkurbelkette.
Der bereits sehr ansehnliche Gestaltenreich thum der KurKl-
kette erfährt noch eine beträchtliche Vermehrung dadurch, d;i>-
bei der Schubkurbelkette (C'^P) und ihren ferneren Umbildungtr.
die gleichzeitig unendlich lang angenommenen Glieder keineswoj>
nothwendig auch gleich lang zu sein brauchen. Dies hat semv.
Grund darin, dass die Ausgangspunkte der unendlich lang geflach-
ten Stücke im Endlichen, nämlich in unserem Mechanismus sell»-t
liegen, und demnach ilie Unterschiede der Lagen dieser Ausgangs-
punkte durch die unendliche Grösse selbst nicht aufgehoben wer<Un.
Wir wollen uns bei der näheren Betrachtung der entstehendtn
GesUiltungen kurz fassen.
Macht man in der Kurbelkette (T^) Fig. 249, die Gliedern
und (dann nothwendig) d unendlich lang, aber c grösser als rf, v»
ent^steht die in den Fig. 250 und 251 dargestellte Kette. Die Iliv!.-
*) Von lieu Fnin/osen auch Compas de nienuisier genannt.
GESCHBÄNKTE SCHUBKUBBELKETTE. 319
tung des Schubes, in welchem sich der Zapfenpunkt 3 gegen das
Glied d bewegt, geht nicht mehr durch den Punkt 1, sondern in
einem Abstände gleich der Differenz c — d daran vorüber. Aus-
Fig. 248.
7
/~j=fer-
ÄTH?,
" ,' -T~!-
r ' '
v_
Fig. 251.
,.••' /
X_-/
T?^s^
teiL
fdhrlich geschrieben heisst die entstehende „geschränkte" Schub-
kurbelkette:
C*...\\...CtC-...\\...CZC*...j-...PLP^...±...CZ
oder auch:
c*...{\...cicr...\\...czc*...±...PtF~...i...cz,
indem an die Stelle eines der Zeichen fiir „rechtwinklig" im
Gliede c oder d das Zeichen für „normal oder rechtwinklig
geschränkt" zu treten hat
In der zusammengezogenen Gestalt lautet diese Formel : (C'^P* ).
Die Kette liefert, wie die einEsichere (C'^P-^), vier Mecliamsmen,
je nachdem sie nämlich auf d, b, a oder c gestellt wird; die Namen
können die früheren sein, nur sind sie durch das Beiwort ge-
schränkt näher zu bestimmen. Wir erhalten demnach: die go-
e<hränkte rotirende Schubkurbel (C^P*^)', die geschränktfl oK^il-
320 vm. KAP. KINEMATISCHE ANALT8E.
lireDde Kurbelachleife (CjP*)' o. 8, w. Die Bewegungen, welche
in diesen Getrieben vor sich gehen, sim! verwickelter, als die in
den früheren Fällen, da die Unsymmetrie der Glieder einen be-
deutenden Einfluss ausübt, haben aber nothwendig einen eogen
Zusammenhang mit jenen. Die Anwendungen sind ungleich seltener.
Ein originelles Beispiel einer solchen liefert der in Fig. 252 dar-
gestellte Schwartzkopff sehe Schraubenschlüssel. Derselbe dient
Fig. 252.
als selbstthiitigcr , tl. b. sich selbstthätig einstellender Uuiversai-
Schraubenschlüssel. Zum Andrücken der beweglichen Backe t in
der Mechanismus der geschränkten rotirenden Schubkurbel ( C^f) .
und zwar in der Form (C^ptjr gebraucht Das Stück o, welche*
als Handgriff dient, ist die Kurbel, mit dem Zapfen I im Stege d
drehbar. Es greift bei 2 mit einem dort befindlicheu Zapfen .n-
die Koppel 6, welche bei 3 in den Schieber c eingelenkt ist. un.!
diesen in der Schubrichtung CD verschiebt. 4 ist das IVismen-
paar zwischen den Gliedern c und d. Wird der Griff a in »irr
Pfeilrichtung gedreht, so klemmt der Mechanismus die Schraul>en-
mutter zwischen den Schieber c und den Steg d ein, und zwar am
so fester, je stärker auf a gedrückt wird. Mutt«r und Schlü«.-!
gelien dadurch in eine so zu sagen starre Verbindung über, s'
dass der Stiel u gleichsam einen Arm der Mutter bildet, mit
welchem man sie herumführen und festdrehen kann. WinI <)■ r
Schlüssel umgekehrt aufgesetzt, so kann man mit ihm die MuHit
losen. Bei jedem neuen Ansetzen des Schlüssels tritt das GelrieU'
(C7P+) auf kurze Zeit in Thätigkeit
Geringere Wichtigkeit als bei der symmetrischen Sc hubknibel-
kette haben die gleichschenklige geschränkte rotirende SchuhknrM
(C'^^C'pt)'"' und die gleichschenklige g^chränkt« oscillimiil''
Kurbelschleife (C^^CP^y^', welche beiden Getriebe sich naih
Analogie der iu §. C9 besprochenen bilden lassen.
DIE SCHABKEEUZBCHLEIFE. 321
Bemerkenswerth sind aber noch die besonderen Fälle, welche
entstehen, wenn auch noch 6=0= genommen wird. Die rechtwink-
lige Kreuzachleife geht dann in eine schiefwinklige über, Fig. 253,
Fig. 253.
die wir schiefe Kreuzschleife oder auch Scharkreuzschleife
nennen wollen*). Die Kette ist zu achreiben:
a 6 c d
c*...\\...ct(r...±...pip-...L...PtP~...±...cz.
Das Zeichen für geschränkt verschwindet wieder, und macht
demjenigen für geneigt Platz. Heben wir in der verkürzten
Schreibung wieder wie bisher die karakteristischen Beziehungs-
zeichen der Glieder hervor, so hat die zusammengezogene Formel
zu lanten: (C'^F^). Wir erhalten aus dieser Kette, da b und d
wiederum völlig gleich, und auch gleich angeordnet sind, ganz wie
oben drei Getriebe, nämlich:
die rotirende Scharkreuzkurbel 1 ^^„ni.vd=.
oder osciUirende schiefe Kreuzschleife . . j ^ * ' '
die rotirende schiefe Kreuzschleife .... (C^PJ-)*
die osciUirende Scharkreuzkurbel .... (f^i'-PJ')'
Neben diesen besonderen Fällen besitzt die geschränkte Schub-
kurbelkette endlich noch zwei besondere Gestalten, die einer
Erwäbnnng ebenfalls bedürfen. Es sind solche, welche erhalten
werden, wenn nicht nur drei der Glieder, sondern sogar alle vier
unendlich gross genommen werden.
9 ücliierwjnhligen Krfiix
322 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Macht man c = d = oo wie oben dann auch noch 6 = x und
a = oo, letzteres aber < ft, so entsteht die in Fig. 254 dargestellte
Kette :
Wir können sie die einfach geschränkte Winkelschlei-
fenkette nennen, und verkürzt (CP^CF-^) schreiben. Sie liefert
da alle vier Glieder verschiedenartig liegen, vier GetrieW.
Macht man auch noch c und d verschieden gross, z. B. d^e^ and
ausserdem auch die Differenz von a und b verschieden von der
Differenz von c und d, so erhält man die doppelt geschränkte
Winkelschleifenkette (CP+jj, welche die Fig. 255 darstellt.
Fig. 255.
Die Glieder a und c liegen gleichartig in der Kette, ebenso dir
(ilieder b und d] deshalb liefert die Kette nur zwei Mechanismin.
In den Mechanismen, welche aus beiden Ketten zu bilden siu«!.
kommen keine geschlossenen Polbalmen mehr vor, die Polbahn«n
haben sämmtlich unendlich ferne Punkte. Die einfache geschränkt»'
Winkelschloifonkette ist nicht ohne praktische Anwendungen.
§.74.
Zusammenstellung der oylindrisohen Kurbelgetriebe.
Die Ziüil der wiihtigon Getriebe, welche sich aus der Kettt
{C^) thoils bilden, thoils ableiten lassen, hat sich als so gross ori:«-
ben. dass eine übo laicht lii*be Zu<nmnionstellung derseU>en >i'li
TABELLE DER KUBBELGETRIEBE.
323
empfiehlt. Dieselbe folgt hier unter HinzofUgung kleiner schema-
tischer Skizzen zu den Getrieben, wobei das festgestellte Glied
stets durch Anschrafßrung hervorgehoben ist. Die etwa erforder-
liche höhere Paarung u. s. w. ist dabei indessen weggelassen.
A. Kurbelviereck (C^).
1) Rotirende Bogenschubkurbel (C^')
d»b
2) Rotirende Doppelkurbel . . (C'^y
3) Oscillirende Doppelkurbel . . (C^)'
4) Parallelkurbeln (CJ'||C;' )""''""
5) Antiparallelkurbeln, gegenlfg. ( CJ' "Z. CJ' )
ds=b
6) Antiparallelkurbeln, gleichlfg. {C":z,C;y
7) Gleichschenklige rot Doppel- X^n** / ri'\A^*.
kurbel |(^2^^2)
8) Gleichschenklige ose. Doppel- y/n»/ nfi \b=r
kurbel
\{C'iLC';f
21
324
VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
B. Schubkurbelkette (C;'P-L).
9) Rotirende Schubkurbel . . (C'^P-^y
10) Oscillirende Kurbelschleife (C^P-^y
11) Rotirende Kurbelschleife . (CJT-»-)'
12) Oscillirende Schubkurbel . (C^P-L)«
1 3) Gleichschenklige rot. Schub-
rleichschenklige rot. Schub- \((j»/ Qffp±\M^h A^
14) Gleichschenklige rot. Kur-\ ,^,, / xi,/t>i v^b ^^
beischleife ...... .|(^^^ ^ ) yi^f^
C. Rechtwinklige Kreuzschleifenkette {C'^P^-y
IRot. Kreuzschleifenkurbel]
oder (C;'P^)*'
Oscillirende Kreuzschleife J
16) Rotirende Kreuzschleife . . {C^P^Y
17) Ose. Kreuzschleifenkurbel . {C'^P^y
a
TABELLE DEB KURBELGETRIEBE. 325
D. Geschränkte Schubkurbelkette (CJ'P^).
18) Geschränkte rot. Schubkurbel . (QP^)
19) Geschränkte ose. Kurbelschleife (CJT^)'
^Jxmamam.
20) Geschränkte rot. Kurbelschleife (CJT*)*
21) Geschränkte ose. Schubkurbel . (C^^P^*
E. Schiefwinklige Kreuzschleifenkette (CJ'P^).
22)
[ Rotirende Scharkreuzkurbel
oder
Oscillirende Scharkreuzschleife
(c^pf)*=
= b
23) Rotirende Scharkreuzschleife . . (CJ'P^)*
24) Oscillirende Scharkreuzkurbel . (C'^P^y
F. Einfach geschränkte Winkelschleifenkette (CP^CP-^),
I
25) bis 28) vier Mechanismen.
G. Doppelt geschränkte Winkelschleifenkette (CP+)2.
29) bis 30) zwei Mechanismen.
I
I
326 VIII. KAP, KINEMATISCHE ANALYSE.
Diese Zusammenstellung wird am besten die Ueberzeugung
liefern, dass die vorgenommene kinematische Analysirung nothwen-
dig war, um selbst eine so einfach scheinende Kette, wie die Kette
(C") und die aus ihr abgeleiteten, kennen zu lernen. Auch zeigt
sich hier, wie unabweisbar es war, bestimmte Namen für die am
häufigsten vorkommenden der durch die Analyse gefundenen Ge-
triebe zu wählen. Diese Namen sind mit Sorgfalt systematisch
gebildet und prägen sich deshalb leicht ein, namentlich, wenn sie
von der Formel begleitet sind. Das Abstrahiren vom Unwesent-
lichen, zu welchen sie Veranlassung geben, fördert den Einemaüker
am ersten in der Erkenntniss des eigentlichen Inhaltes der in der
Maschinenpraxis sich darbietenden vielgestaltigen Ausführungen.
Wir werden übrigens im Folgenden alsbald sehen, dass wir, trotz
der ausgeübten Beschränkung auf das Nothwendige, den Reichthmn
der aus vier Cylinderpaaren herstellbaren Mechanismen noch kei-
neswegs erschöpft haben , vielmehr noch eine neue grosse Familie
der letzteren kennen lernen müssen.
§.75.
DaB konische Eurbelviereok (C^).
Legt man die Achsen der vier Drehkörperpaare, welche die
Kette (C") bildeten, nicht parallel, sondern so, dass sie einander
in einem und demselben Punkte schneiden, so bleibt die Kette
nach wie vor beweglich und bei übrigens gleichen Umständen auch
geschlossen. Die Axoide aber werden dann keine Cylinder, son-
dern, da sie sämmtlich den Durchschnittspunkt der Drehachsen
gemeinschaftlich haben, Kegel; die sämmtlich en Glieder bewejien
sich in „konischer Rollung" gegeneinander, derjenigen Bewegung,
welche wir für blosse Körperpaare in §. 10 allgemein betrachtet
haben. Bei der Voraussetzung, dass die Gliedlängen — hier ge-
messen auf einer aus dem Schnittpunkt M der Achsen beschrieW-
nen Kugel als Stücke grösster Kreise — die in §. 65 für die Kette
(67) angenommenen Verhältnisse haben, wonach
und a ^ c,
geht die Kette in eine Gestalt über, von welcher Fig. 256 ein Bild
ü;ibt. Wir können eine solche Kette ein konisches KurbelvieriM k
KONISCHE KURBELGETRIEBE. * 327
oder eine viergliedrige konische Kurbelkette nennen. Sie
hat mit der cylindrischen einen engen Zusammenhang, ja kann ihr
übergeordnet werden, als diejenige Kette, aus welcher die cylin-
Fig. 256.
(Irische Kurbelkette entsteht, wenn der Schnittpunkt M der Achsen
in unendliche Ferne fällt**). Die Formel für die Kette lautet:
a b c d
,/\m
Auf die engste Form zusammengezogen, nimmt sie die sehr
einfache Gestalt (Cf-) an, bei deren Anwendung wir voraussetzen
wollen, dass nicht bloss alle vier Achsenpaare überhaupt gegen-
einander geneigt seiep, sondern ihre Neigungswinkel auch einen
gemeinsamen Scheitel haben, wie oben in Figw 256 angenommen ist.
Die bei dem Zylindrischen Kurbelviereck erörterten besonderen
Gestaltungen der Kette lassen sich beim konischen Kurbelviereck
ebenfalls aufsuchen, treten indessen hier in einigen Beziehungen
anders auf als oben. Zunächst wird man für die Gliedlängen
a^h^c^d bei ungeändertem Mechanismus immer andere Maasse
erhalten, wenn man den Halbmesser des sphärischen Schnittes, auf
welchem jene Längen als Bogen grösster Kreise zu messen sind,
anders wählt. Konstant bleiben aber dabei die Verhältnisse
zwischen den gemessenen Gliedlängen und dem Halbmesser der
Sphäre. Diese Verhältnisse sind die den Gliedlängen zukommenden
Winkel 1 M2, 2 JI/3, 3 Jf 4, 43/1. Statt der Gliedlängen haben
wir deshalb die ihnen zukommenden Winkel, die wir auch wieder
mit a^b^c.d bezeichnen können, in Betracht zu ziehen.
Die Wandlungen der Gliedlängen, welche wir oben durchführ-
ten und bis zur Unendlichkeit derselben trieben , haben hier ihre
328 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
entsprechenden Winkelgrössen. Der unendlichen. Länge eines
Gliedes entspricht hier der Winkel von 90^ Demzufolge aber
wird die oben gefundene Eigenthümlichkeit, dass zwei Glieder
zwar beide unendlich lang, aber um eine endliche Grösse Ter-
schieden waren (§. 73), darin seinen Ausdruck finden, dass das eine
Glied rechtwinklig, das andere stumpfwinklig ist. Da aber
die Achsen der Glieder immer über das Sphärenzentrum hinaus
verlängert zu denken sind, so entspricht dem stumpfen Winkel
zwischen zwei Gliedachsen auf der Gegenseite ein spitzer Winkel
wonach denn ein Unterschied zwischen stumpf- und spitzwinkhgen
Gliedern nicht besteht. Ene ähnliche Vereinfachung gilt von den
Polbahnen und Axoiden. Den unendlich fernen Punkten der Pol-
bahnen in der Kette (C^'), von welchen wir in §. 8 Beispiele vor
uns hatten, entsprechen hier solche Punkte, welche um 90»von
den Drehachsen abstehen. Demzufolge werden die Axoide hier
durchweg allgemeine Kegel von geschlossener Basisfigur.
Unter Beachtung dieser Vorbemerkungen können wir nun die
aus dem konischen Kurbelviereck zu bildenden Getriebe unter
möglichster Beibehaltung der im vorigen Paragraphen eingehal-
tenen Ordnung folgendermaassen zusammenstellen.
A. Konisches Kurbelviereck (Cf-). Fig. 257. AlleGüeder
sind kleiner als 90^. Als besondere Formen ergeben sich ebenso
wie bei (C^') acht Mechanismen, deren Namen die früheren,
näher bestimmt durch das Beiwort „konisch^, sind. Auch die
Formeln übertragen sich analog, indem immer nur das Formzeichen
für geneigt an die Stelle desjenigen für parallel tritt. An-
wendungen der Mechanismen sind mir nicht bekannt, obwohl zu
vermuthen ist, dass Ausfuhrungen, welche unter konstruktivem
Beiwerk versteckt sind, vorkonmien.
Man hat nicht zu übersehen, dass die besonderen Fälle der
Parallelkurbeln und der Antiparallelkurbeln u. s. f. auch übertrag-
bar sind. Die Ueberschreitung der Todpunkte würde ähnliche
Vorrichtungen wie oben erforderlich machen. Vereinigte man,
entsprechend der Kettenzusammensetzung in Fig 206, zwei konische
Parallelkurbelketten, so würde man damit einen Mechanismus
erzielen können, welcher eine gleichförmige Drehungsübertraguns:
zwischen zwei Wellen, die einen Winkel einschliessen, herbeiführte.
Man hat bekanntlich nach Lösungen dieser Aufgabe gesucht V\^
Formel wäre 2(C^||C^/.
KONISCHE KURBELGETRIEBE.
329
B. Konische Schubkurbelkette (C^Ci). Fig. 258. Die
Glieder d und c sind rechtwinklig , also die Winkel zwischen den
Achsen 1 und 4 und zwischen 4 und 3 = 90^. Das für den Anfang
Fig. 257.
dem Maschinenpraktiker wohl etwas schwierige Verständniss wird
gewinnen, wenn Fig. 259 fa. f. S.) zu Hilfe genommen wird. Indem
wir nämlich das Prinzip der Zapfenerweiterung zur Anwendung
bringen, können wir statt des Armes Jlf 3, welcher senkrecht zu der
in M normal zur Papierfläche zu denkenden Achse 4 steht, den
Cylinderabschnitt 4 benutzen, der auf dem ihm gleichen Abschnitt
an dem Gliede d gleitet, ^c ist nun der Schieber, d der Steg, a die
Kurbel, b die Koppel- wie früher. Die unterhalb der konischen
Schubkurbelkette in die Figur eingetragene cylindrische Kette
kann man sich nun sehr deutlich so entstanden denken, dass an
derselben der Mittelpunkt M in unendliche Feme gerückt ist. Die
Torhegende konische Schubkurbelkette (C^C-^) liefert wie die ent-
sprechende cylindrische Kette vier Hauptformen und zwei Neben-
formen von Getrieben, also wie oben sechs Mechanismen. Ihre
Namen sind wieder die früheren, nur durch das Beiwort „konisch"
näher bestimmt. Anwendungen scheinen nicht vorhanden oder
doch selten zu sein.
C. Rechtwinklige Kreuzgelenkkette (Cj-C^). Fig. 260.
IHe Glieder b , c und d rechtwinklig , a allein spitzwinklig. Diese
Kette entspricht der Kreuzschleifenkette des cyUndrischen Kurbel-
vierecks, ja lässt sich bei Anwendung der Zapfenerweiterung auch
auf eine jener sehr ähnliche Form bringen, Fig. 261. Dem Wesen
330
yill. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Fig. 259.
Fig. 260.
Fisjj. 259. Kon. Sihuhkurbelkette
(^^HY^' verglichen mit der cv-
limlrischen Kette iC"?-^).
Fig. 2()0. Keohtw. Kreiizsjjelenk-
kette (r|C-).
Fig. 2{M ulul 2(;2 de^gl. (C^-C' ).
Fig. 261.
Fig. 262.
KONISCHE KURBELGETRIEBE.
331
Dacli identisch mit dem vorigen ist das Getriebe in Fig. 262. Die
Sclileife d ist nichts anderes, ein Abschnitt des Cylindera, welcher
in Fig. 261 als gerader Stah ausgeführt ist. Hinsichtlich des Glie-
des b ist nicht zu vergessen , dass es 90o umfasst, wonach es denn
identisdi ist mit der Gleitpfanne b in Fig. 2C1. Statt des Namens
„konische rechtwinkUge Kreuz schleife" können wir den kürzeren
„rechtwinkliges Kreuzgelenk" wählen, da die kreuzförmige
Stellung der Achsen 1 and 4 karakteristisch hervortritt. Die Kette
Uefert analog der Kreuzschleifenkette drei Mechanismen, näm-
lich, indem wir die Numerimng von 14 ab fortsetzen:
,_, (die rotirende Kreuzgelenkkurbcl I
^ 1 oder das oscillirende Kreuzgelenk j
16) das rotirende Kreuzgelenk ....
17) die oscillirende Kreuzgelenkkurbcl .
(CiC-)'-'
Von diesen Getrieben bietet die Maschinenpraxis mehrere Aus-
führungen. Eine allgemein gekannte ist die von Nr. 16 in der
Form des sogenannten Hooke'schen Schlüssels oder der Car-
danischen Kupplung, auch Universalgelenk, von mir ins-
hcBondere Kreuzgelenkkupplung genannt*). Schreiben wir
nämhcb die Formel ausführlich an, so haben wir bei Stellung der
Kette auf a:
b c d a
c*...x...cic-...±...czc*...±...c*cr...^...c-.
Diese Formel, welche der Kette Fig. 260 entspricht, haben wir
bereits in §. 58 für die Kreuzgelenkkupplung, Fig. 263, aufg
Fig. 263.
*) Siebe meiaea Konstrukteur, III. Afifl. S. 2S0. Erst hier koun
u aem dort »chon angewandteo Nameu (He Motivirung mitlheilen.
332
VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Da entweder b oder d als treibend auftritt, lautet die bestimmte
Formel {C^C^Ji oder (C-^C^)ä, Zu bemerken ist wieder, dass die
Glieder 6, c und d völlig identisch sind, was auch in Fig. 26U
ersichtlich ist, in den praktischen Ausfuhrungen der üniTersal-
kupplung aber meistens sehr verdeckt ist Weiter unten kommen
wir noch auf mehrere andere sehr merkwürdige Anwendungen der
vorliegenden Kette zurück.
D. Geschränkte konische Schubkurbelkette (C^CH
Die Schränkung der Schubkurbelkette drückt sich hier dadurch
aus, dass nur eines der Glieder, in Fig. 264 der Lenkstab d^ recht-
winklig wird. Wir erhalten wie oben vier Mechanismen, Nr. lö
bis 21, von denen Anwendungen sehr selten sein mögen.
Fig. 264. Fig. 265.
E. Schiefwinklige Kreuzgelenkkette (C^C-L), Fig. 2C5.
a und c sind spitzwinklig, b und d rechtwinklig. Die Kette ent-
spricht der schiefwinkligen Kreuzschleifenkette und zugleich den
Winkel-Schleifenketten unter F und G des vorigen Paragraphen.
Es bilden sich drei Mechanismen, Nr. 22 bis 24, deren Anwendun-
gen selten sind, obwohl vereinzelte derselben vorkommen.
In Summa hat das konische Kurbelviereck hiemach 24 Ge-
triebe, welche 5 Klassen angehören, geliefert Die grössere Mehr-
zahl derselben ist bisher unbekannt gewesen. Ob diese nicht an-
gewandten Getriebe praktisch oder unpraktisch zu nennen siuiL
ist in diesem Augenblicke gleichgültig. Sie werden uns wegen der
Sicherheit unserer Analysirung weiter unten noch wichtige Auf-
GLIEDER - VEEMINDEEUNG. 333
Schlüsse verschaffen. Rechnen wir die hier gefundenen Getriebe
zu den im vorigen Paragraphen zusammengestellten hinzu, so
erhalten wir insgesammt 54 Mechanismen, die 12 Klassen ange-
hören, als die wesentlichen aus der vollständigen viercylindrigen
Kette zu bildenden Getriebe.
§. 76.
Verminderung der OliederzaM einer kinematisohen
Kette.
Wenn man eine vollständige kinematische Kette vor sich hat,
nnd es sich darum handelt, mittelst eines der aus ihr herstellbaren
Mechanismen eine Bewegung zu erzeugen, ohne dass es nöthig
wäre, die ganze Beihe der im Mechanismus vorkommenden Bewe-
gungen zu benutzen, so kann unter Umständen ein Glied der
Kette weggelassen, und dafür Paarung zwischen den ge-
bliebenen Gliedern eingeführt werden. Die Gliederzahl der
Kette hat dann abgenommen, ohne dass die geforderte Bewegung
dadurch berührt worden wäre. Offenbar kann dieses Verfahren
mitunter von Vortheil sein. Gehen wir sofort zu einem Beispiel
über.
Gesetzt, es sei mittelst der rotirenden Schubkurbel (Cg'P-^)**,
Fig. 266, eine Schubbewegung zu erzeugen, und es soll nur allein
Fig. 266.
diese Schubbewegung des Schiebers c verwerthet werden, so kann
die Koppel b allenfalls weggelassen, und dafür Paarung zwischen
der Kurbel a und dem Schieber c angewandt werden. Diese lässt
sich z. B. so bewirken, dys man nach wie vor bei 2 einen cylin-
drischen Zapfen von geeigneter Dicke anbringt, ausserdem aber
dessen Umhüllungsfigur an dem Schieber, eine mit letzterem fest-
verbundene Bogenschleife, welche den Zapfen beiderseits berührt.
334 VIII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
Fig. 267, zur Ausfuhrnng bringt Sie ist die Umhüllangsfignr
des Zapfens, bildet also mit ihm ein Elementenpaar, und zwar ein
höheres. Es wird am einfachsten sein, gerade diese Bogenschleire.
Fig. 267.
beschrieben aus dem Drehpunkt der Koppel, und den geniuiiitfD
Zapfen anzuwenden, da Schleifen fiir weiter ab vom Zentrum 1 ge-
legene Zapfen sehr komplizirt ausfallen würden, wie die punktirte
Bahn des Punktes 2' z. B. andeutet. Wird die Kette in der ge-
dachten einfachen Weise bei Weglassung des Gliedes b zum Schlo"*
gebracht, so lautet ihre vollständige Formel bei Stellung auf d:
a c d
&..^\\...'(^,A^...±...PZP^...L...CZ
Man kann diese Kette als wesentlich verschieden von ilpr
früheren für {C'^P-^)':
<^...||....ctc~...||...c:c^...i...p:p^...x...c:
bezeichnen. Indessen, da sie keinerlei neue Bewegung liefert, viel-
mehr nur weniger leistet, als jene, so wollen wir fiir sie nicht
eine neue Klasse schaffen, sondern sie so ansehen, als sei sie nus
der viergliedrigen Kette entstanden, und zwar dadurcli,
dasB das Glied h aus ihr herausgenommen worden. Wir wollen
dieses Herausnehmen eines Gliedes und die Ersetzung seiner Funk-
tion durch höhere Paarung eine Verminderung der vollständlgr-
ren Kette nennen, und wollen dies auch in der konzentrirten For-
mel der neuen Kette andeuten, indem wk sie schreibea:
(C,"P-J-) — br
Die so verminderte Kette hat also nur drei Glieder; sie ksim
demnach auch nur auf drei Weisen aufgestellt werden, d.h. liefert
VEKMINDERTE KETTEN.
335
nur drei Mechanismen. Sie sind: (C^'P-J-)'» — 6, (C^'P^-)' — 6,
und (C'^P-^y — 6, in Worten: die rotirende Schubkurbel, die roti-
rende Kurbelschleife und die oscillirende Schubkurbel. Alle drei
Mechanismen kommen in der besprochenen Form wirklich vor.
Es kann indessen auch jedes andere der vier Glieder statt des
Gliedes b weggenommen werden, vorausgesetzt, dass man die da-
durch ausfallende Bewegung nicht zu verwerthen beabsichtigt. Die
folgenden beiden Figuren zeigen zwei Ausfuhrungen der um den
Fig. 268.
Fig. 269.
«
Schieber c verminderten Kette (CgP-^), stellen also die Kette
(C^P-^) — c dar. In der ersten der beiden Ausführungen ist die
Paarung, welche den Ausfall von c zu decken bestimmt ist, so ge-
wählt, dass am Schieberende der Koppel ein mit dem Zapfen 3
konaxialer Cy linder angebracht ist, dessen Umhüllungsfigur am
^tege eine prismatische Schleife ist, also als negatives Prisma
ausgeführt ist. In Fig. 269 dagegen ist der Steg d mit einem
positiven Prisma versehen, und dessen Umhüllungsfigur am Kop-
pelende angebracht. Letztere gestaltet sich als eine X-förmige
Höhlung, welche nur in den Punkten des stärksten Ausschlages
'1er Koppel schliessend anliegt, in den übrigen Stellungen aber
dem Prisma des Steges etwas Spielraum lässt, also dann kraft-
schlüssig ist Wäre das Prisma an d unendlich dünn, so würde
der Paarschluss vollkommen sein. Die in Fig. 269 dargestellte
Ausfuhrungsform findet sich in der Praxis vor, meistens indessen
mit einer starken Abrundung der Kanten an 6. Man kann sich
diese Abrundung, deren genauere Formgebung nicht unwichtig ist,
336 Vril. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
auf folgende Weise entstanden denken, Fig. '270, Hat man zaeret
für das positive Prisma am Stege d eine ziemlich grosse Breiten-
abmessuDg
und dafür die X-fönnige
Spalte am Koppelende auf-
gesucht, HO kann man nach
den Regeln des §. 35 sorh
Aequidistanten der gefan-
denen Profile, und unter die-
sen solche zur Ansfnhnuif
bringen, welche ein gchinäle*
res Prisma, als das erstge-
wählte , für d ergeben. Die
Aequidistante für das X-tormige Profil an der Koppel ei^bt abrr
dann die kreisförmige Abrundung an jeder der beiden inneren
Kanten des Profils, wie die Figur deutlich erkennen lässL Aach
hier bleibt indessen die Unvollkommenheit der Ausrülimng l*-
stehen, wonach in allen ausser den Stellungen des stärksten Aii>-
schlages zwischen b und d ein Spielraum vorhanden bleibt
Ein bemerkenswerthes Beispiel einer verminderten Korbcl-
kette, welches praktisch sehr verbreitet ist, sei hier noch angeführt;
es ist die gewöhnliche Ausfiihrungsform des Leonardo'schen OtüI-
Werkes, von welcher schon §. 72 die Rede war, und die in Fig. 271
dargestellt ist Die Verminderung, welche hier stattgefunden baL
ist die der rotirenden Kreuzschleife um den Schieber b, liefert alvj
diejenige Form des Mechanismus, welche man aus demjenigen in
Fig. 267 erhalten würde, wenn man daselbst den KrümmoDgühalk-
messer der bogenförmigen Schleife unendlich gross nähme. Dif
abgekürzte allgemeine Formel lautet (CJ'P^)' — 4, die besonden'
{OiP-t)* — *i indem durch die Schleife d, welche sich um den
Zapfen \ dreht, die Bewegung eingeleitet wird (vergl. das Ovalwt-rk
in §. 72, wo b statt d als treibendes Glied dient). In der Thal
sehen wir in dem Ende Oj des Spindelstockes und dem nutteti
der beiden Kömerschrauben daran befestigten Stückes a, die lam
Stege gewordene Kurbel a vor uns. In ihr ist mit dem Zapfen I g«^
lagert die Schleife d mit dem Hohlprisma 4, geschrieben C*..,X...P ■
Die Krenzschleife c, geschrieben P*... J.-.-JP~, besteht hier an-
dern in 4 gleitenden Vollprisma und den beiden, ein Hohlprionu
bildenden Rackenstückcn 3, 3 und 3, 3, welche namenÜicb in d«'t»
LEONABDO'a OVALWBBK. 337
beiden untereo Theilen der Figur deutlich erkennbar sind. Sie
nmschliessen den erheblich erweiterten Zapfen 2 des Steges a,
Fig. 271.
welcher Zapfen nach Wegminderong des Schiebers b mit dem
Prisma 3 zu einem höheren Paare znsammengetreten ist. Zapfen-
erweiteruDg und Kettenverminderung finden also hier gleichzeitig
33H Vin. KAI'. KINKMATlöClIE ANALYSK.
Anwendung. Vermöge der beiden Kömerschrauben und der an-
gebrucliten Skala kann man mit Leichtigkeit die Länge desStückt?
u nach Wunsch eiimtellcn; der längliche Ausschnitt des Stucki» U;
lässt der Spindel l,d, i den nüthigcu i^iiielraum. Vonic eodigl
die Kreuzschleifc c in ein Gewinde, auf welches in der gebräath-
lichcn Weise die Drehfutter und dergleichen aufgebracht werden.
Das vorliegende Beispiel zeigt iu hohem Grade, wie durch konstruk-
tives Ueiwerk der eigentliche Inhalt verdeckt werden kaun. Man
kann wohl behaupten, doss dasLeouardo'scheOvalwerk, sohauä;'
es auch angewandt ist, bisher wenig verstanden worden ist Auf-
fallend ist das zähe Festhalten an der für die dauernde Erhaltung
des Werkes wirklich ungünstigen Verminderung um b. Der Cylin-
der 2 sowohl, als die Gleitbacken 3, 3 nutzen sich wegen ihrer zu
geringen Beruh rungstiiiohe sehr bald ab, worauf die Beweguni:
ungenau wird. Die in Fig. 247 dargestellte Einrichtung*;. In'i
welcher die Verminderung nicht angewandt ist, also diejenige, aui
welche unsere theoretische Untersuchung unmittelbar und iu erstiT
Linie geführt hat, ist dem Uebelstande nicht ausgesetzt Sie i^t
auch wohl anderweitig noch betiuemer als die hcr^ebr^iciiti',
namentlich was die ungezwungene Verlegung der l'rismen 3 und 4
auf den Rücken einer Planscbeibe betrifft.
Lässt sich, wie wir gesehen haben, in einer viergliedrigen Kitiv
die Gliederzahl auf drei vermindern, so muss sich eine dreigliedri.'
unter Umstäuden auf zwei Glieder vermindern lassen. Ja dii'>
muss auch mit einer bereits von vier auf drei Glieder vermindiTtv»
Kette, z. B, mit einer der vorhin betrachteten, angehen, iu dir
That ist dies der Fall, wovon wir uns au Beispielen sofort üIrt-
zeugeu können. Fig. '272 tührt die in Fig. 26ö dargestellte Kclti-
Fig. -^7^.
KETTENVEEMINDERUNQ. 339
nm abeniials ein Glied, Dämlich um die Kurbel a vermiudert, vor.
Es Iiat zu dem Ende Paarung eines VoUcyliuders am Ende 2 der
Koppel mit einem bohlen Cylinderring um Stege, bescliriebeu aus
ilem Mittelpunkt von 1, stattgefunden. Die Kette beisst nunmehr:
(C'^F-^) -a-c.
Sie ist nur noch zweigliedrig, d. h. mit anderen Worten: sie ist
uuf ein Elementenpaar herabgemindert, bestehend aus den Elemen-
leo b und d. Es können demnach auch nur noch zwei Aufstellun-
gen mit ihr vorgenommen werden, die anl' d und die auf b. Erstere
üefiirt die rotirende Schubkurbel (ü'^JP-^y — a — c, und würde
etwa da anwendbar seiu, wo man bloss die Bewegungen der Koppel
sollte Verwertben wollen; die andere Aufstellung liefert die oscil-
lirende Kurbelschleife, von welcher nur die Schleife d als be-
nutztes Stück übrig ist.
Ein anderes Beispiel liefert uns Fig. 27ct, eine Vorrichtung
darstellend, welche uns ganz im Anfang unserer Untersuchungen
Fig.' 273.
schon einmal beschäftigt hat. Wie man sieht, handelt es sich um
eine nur theilweise ausgeführte zweimal verminderte schiefe Kreuz-
schleifenkette nach Fig. 253. Das mit aa dd bezeichnete Stück
ist die Scbarkreuzschleife , das mit bpc bezeichnete die Kurbel.
I'ie Formel würde lauten:
iC'^P^)-b — d.
Wir wissen, beiläufig bemerkt, aus den inzwischen angestellten
Untersuchungen, dass dieKarve, in welcher sich der Punkt p gegen
•id bewegt, eine Ellipse ist Die hier wie vorhin -zum Ersatz des
weggefallenen Gliedes angewandte Paarung ist eine höhere, also
da.s ächliesslich durch die Verminderung erhaltene Paar ein böherea
Elementenpaar. Die Verminderung noch weiter zu treil»en, ist
340
P. KINEMATISCHE ANALYSE.
) ZU dem Minimum der machinalen Körper-
unmÖglich, da wir )
Verbindung gelangt sind.
Von der Kettenverminderung macht die Maschinenpraris amb
bei anderen kinematischen Ketten Gebrauch. Um noch ein Beispiel
anzuführen, verweise ich auf die Zahnräderkette Fig. 274, welche
Fig. 274.
^_rfo
wir durch Ketten Verminderung in das blosse höhere Paar, welrli
Fig. 275 darstellt, übergeführt denken können. Während die w
Fig. 275.
ständige Kette die Formel (C*C^) hat, haben wir das naoh li'i
Wegminderung des Steges c übrig bleibende Paar zu schreilfü
(c;f,")-».
Es soll nicht behauptet werden, dass die verminderten Kttii::
wirklich aus den vollständigen entluden seien. Im Gegen'!»''
haben wir Ursache anzunehmen, wie oben (Kap. VI.) gezeigt wur.l'
dass der eigentliche Entwicklungsgang im grossen Ganzen il'f
umgekehrte war. Das darf uns aber nicht lündem, die vorließ''"''
deduktive Auffassung, welche geeignet ist, den reberliliek /n
KETTENVEBMEHBÜNG. 341
erleichtem und endlose Wiederholungen äuszuschliessen, zur An-
wendung zu bringen. Wollte man nämlich die verminderten Ket-
ten immer wieder für sich als besondere kinematische Gliederungen
betrachten, so würde man, namentlich bei der Vielartigkeit, in
welcher die höhere Paarung der übrigbleibenden Glieder vollzogen
werden kann, eine ungeheure Fülle von Kombinationen erhalten,
welche schliesslich doch keine einzige Bewegung verwirklichen
könnten, die nicht schon in der vollständigen Kette enthalten wäre.
Somit hat die grundsätzliche Aufnahme der Kettenverminderung
in die kinematischen Verfahrungsweisen thatsächlich eine grosse
Vereinfachung der Systematik zur Folge. Bei zusammengesetzten
Mechanismen kommt die Kettenverminderung oftmals sehr vor-
theilhaft zur Verwendung. Es ist eine interessante und sehr lehr-
reiche Aufgabe der angewandten Kinematik, die Analyse solcher
Verbindungen genau durchzuführen *••).
§. 77.
Vermelirung der Ollederzahl einer kinematlsolieii Kette.
Der soeben behandelten Kettenverminderung steht logisch als
Gegensatz die Ketjtenvermehrung gegenüber. Zunächst kann
eine thatsächlich verminderte Kette durch Vermehrung ihrer Glie-
derzahl wieder auf ihren vollständigen Stand gebracht werden.
Aber auch über diesen hinaus lässt sich oflFenbar das Verfahren
fortsetzen, und zwar dadurch, dass man ein vorhandenes Paar
durch Einschiebung eines Gliedes, welches die Bewegungsweise der
beiden Körper nicht ändert, mit dem eingeschobenen Stück ver-
kettet. Hatte die Kette vorher schon das Maximum der Glieder-
zahl, bei welcher sie noch geschlossen bleibt, erreicht, und soll
dennoch vermehrt werden, so muss die neue Kette eine zusam-
mengesetzte werden. Im allgemeinen führt demnach dieser Weg
in das Gebiet der zusanmiengesetzten Ketten, die uns für den
Augenblick noch weniger zu beschäftigen haben. Als Beispiel sei
nur angeführt, dass die sQgenannten Gelenkgeradführungen,
durch welche man in Kurbelgetrieben die Prismenfuhrungen ersetzt,
solche Kettenvermehrungen sind: Die Wattische Geradführung,
die Evans'sche u. a. m. ersetzen ein Prismenpaar durch eine kine-
matische Kette, welche nur Achsendrehungen hat, also nur Dreh-
342 VTII. KAP. KINEMATISCHE ANALYSE.
körperpaare enthält, im Grunde also nichts anderes ist, als wieder-
um ein Kurbelgetriebe. Auch kann es eine Kettenvermehning
genannt werden, wenn ein Zahnräderpaar von sehr grosser Teber-
Setzungszahl durch mehrere zu einer Kette vereinigte Räderpaare.
auf welche das Uebersetzungsverhältniss vertheilt worden, ersetzt
wird. Die Praxis macht, wie schon aus diesen Beispielen hen er-
geht, von dem Prinzip der Vermehrung der KettengUeder einen
weitgehenden Gebrauch. Hier wollen wir zunächst nicht weiter
auf den Gegenstand eingehen, nachdem wir den zur Anwendung
kommenden Grundsatz allgemein festgestellt haben. In der Tliat
ist die weitere Ausführung auch mehr Sache der angewandten, al^
der theoretischen Kinematik.
I
j
NEUNTES KAPITEL.
ANALYSIRUNG DER KURBEL-
KAP SELWERKE.
„Zahllose Versuche sind (gemacht, da«
Problem der rotirenden Dampt'tnaflchine zu
lösen, jedoch bis zum heutijjpii Tajfo ohne
zufriedenstellenden Erfoljr."
Karmarsch.
§.78.
Verkettung der Kurbelgetriebe mit Druckkraft-Organen.
Nachdem wir im vorigen Kapitel bereits die Anwendungs-
weisc der kinematischen Analyse an dem durchgeführten Beispiel
des reinen Kurbelgetriebes kennen gelernt haben, wollen wir hier
die Untersuchung ganz derselben ^lechanismenklasse noch um
einen Schritt weiter in die Sphäre der Anwendungen lenken, um
zu ermessen, welchen Werth die Analysining für das praktische
Jlaschinenwesen haben könne. Erst nach voller Durchführung
eines solchen Versuches wird die Bahn zur Benutzung derselben
genügend geebnet sein.
Die Kurbelgetriebe mit ihrem bunten Formenreichthum finden
in der Maschinenpraxis zahlreiche Verwendungen. Eine ganz beson-
dere Rolle unter diesen spielen diejenigen, bei welchen ein Druck-
kraftorgan — Wasser, atmosphärische Luft, WasserdampC, Leucht-
gas u. s. w. — mit dem Kurbelgetriebe kinematisch vereinigt wird,
sei es um eine Maschine zur Fortbewegung des Druckkraft-Organe«,
eine Pumpe, zu erzeugen, sei es, um das Gegenstück, eine durch
das Druckkraft-Organ betriebene Kraftmaschine, hcrvorzubrin-
344 IX. KAP, ANALYSIBUNG DER KURBEL-KAPSELWERK£.
gen. Für beide Zwecke, welche einleuchtendermaassen eine enge
Verwändtschaft der zu bildenden Kombinationen voraussetzen, hat
die bisherige Maschinenpraxis eine grosse Mannigfaltigkeit der
gedachten Verkettungen verwirklicht Zugleich aber gibt es viel-
leicht kein Gebiet, auf welchem dieselbe unklarer, unsicherer ge-
schaflFen hätte, als gerade hier. Ihr Verfahren ist beinahe voll-
ständig ein Tappen im Finstem zu nennen, ohne jedes Prinzip,
ohne Verständniss ihres Weges, ohne Verständniss dessen, was sie
gefunden hat So hat sie geschaffen und schafft täglich noch eiue
solche Menge von Vorrichtungen immer für denselben Zweck, dass
es fast unmöglich scheint, das Aufgespeicherte auch nur zu ordneu
oder dasselbe in dem Gedächtnisse eines Einzelnen unterzubringen.
Vieles zu der Massenhaftigkeit hat die leidenschaftliche Richtung;
auf die „rotirende" Dampfmaschine oder Pumpe beigetragen. Diese
Richtung hat manches Nutzlose oder nutzlos Erscheinende hervor-
gebracht und viel Denkkraft und Kapital verzehrt Häufig ist des-
halb auch schon von ihr abgemahnt worden, ohne dass es eigent-
lich Erfolg gehabt hätte. Vom Standpunkt der Kinematik indessen
kann in den Warnungsruf nicht unbedingt eingestimmt werden.
Zunächst wird dieser Ruf von den eifrigsten Grüblern nicht ver-
nommen oder überhört. Sodann kann das Aufsuchen der mögUchen
Kombinationen im Grunde nicht schaden, wennschon der Nutzen
weit hinter der Erwartung der Suchenden zurückbleiben mas:.
Endlich aber ist es so lange ungerechtfertigt, den empirischen
Versuchen Zügel anlegen zu wollen, als nicht die theoretibilie
Auffassungsweise im Stande ist, ebensoviel oder mehr selbst her-
vorzubringen, oder doch dei> Werth oder Unwerth des Erreich-
baren mit Sicherheit zu beurtheilen.
Hierzu aber liefert die Kinematik die ersten und wichtigsten
Auhaltpunkte, indem die kinematische Analyse im Stande ist, den
eigentlichen Inhalt der Mechanismen anzugeben. Dieser Aufgaln'
wollen wir uns jetzt hinsichtlich der mit den Kurbelgetriel)en ge-
bildeten Druckkraftorgan-Maschinen zuwenden.
Das Verfahren zur Bildung einer solchen Maschine zerfällt in
zwei Theile. Der erste besteht a) in der Bildung eines GefäsNe*
oder einer Kapsel aus einem der Kettenglieder und b) eines hinein-
passenden Verdrängers oder Kolbens aus einem oder auch «wei
anderen Kettengliedern, welche Theile bei ihrer relativen Bewegung
das Druckkraftorgan bald zwischen sich treten lassen, bald witnler
verdrängen. Der zweite Theil des Verfahrens besteht in der An-
BILDUNG DER KAP8ELWERKB. 345
bringung kinematischer Einrichtungen zum periodischen Oefihen
und Schliessen der Gefassräume. Diese letzteren Einrichtungen
können, wie es bei der Dampfinaschine immer schon geschieht, für
die ganze Reihe der zu betrachtenden Maschinen unter dem Namen
der Steuerung zusammengefasst werden.
Kapsel und Verdränger oder Kolben bilden mit der (tropf-
baren oder gasförmigen) Flüssigkeit eine kinematische Verkettung,
welche sich mit der des Kurbelgetriebes zu einer zusammengesetz-
ten Kette vereinigt, die unter Umständen eine weitläufige Schrei-
bung erfordern kann. Wir können diese letztere aber hier um-
gehen, indem wir zunächst nur die Bildung von Gefäss und Kol- .
ben ins Auge fassen, die Flüssigkeit selbst aber ausser Betracht
lassen. Es wird dies für unsere Betrachtung vollkommen genügen,
und zugleich dieUebersichtlichkeit des Ganzen wesentlich erhöhen.
Ein Kurbelgetriebe, dessen Glieder so gestaltet sind, dass sie die
zur Flüssigkeitsbergung und -Bewegung geeigneten Formen von
Kapsel und Kolben an sich tragen, wollen wir ein Kurbel-Kap-
selwerk nennen. Hinsichtlich der Steuerung können wir uns
überall sehr kurz fassen, da dieselbe das Wesen der einzelnen Ma-
schine nicht bestimmt; kurze Andeutungen über ihre allgemeine
Einrichtung werden durchweg für das zu erzielende Verständniss
aasreichen. Auf die eigentliche kinematische Bedeutung derselben,
sowie auf die wahre kinematische Rolle des Druckkraftorganes in
den vorliegenden Fällen werden wir erst weiter unten (Kap. XI
und XII) eingehen.
§.79.
Kurbel-Eapselwerke aus der rotlrenden Sohubkurbel.
Taf. IV. Fig. 1 bis 8. Taf. IV.
Als die Ordnung , in welcher wir die Kurbel-Kapselwerke be-
sprechen können, bietet sich die in §. 74 innegehaltene systema-
tische Reihenfolge der Mechanismen so zu sagen von selbst dar.
Dennoch will ich einen andern Weg einschlagen, nämlich den, mit
der bekanntesten Anordnung, die jedem der Leser geläufig ist, der-
jenigen der gewöhnlichen Dampfinaschine, zu beginnen, um die
Schwierigkeiten der in der That nicht leichten Analysirung mög-
lichst zu vermindern. Wir stellen deshalb die Kette (Cg'P-^) voran.
Die erste der Aufstellungen dieser Kette ist die auf d; sie liefert
346 IX. KAP. ANALYSIRÜKO PER KURBEL-KAPSELWEBKK.
den Mechanismus der rotirenden Schubkurbel, geschrieWn
(C*^P-^y. Acht .Kurbel-Kapselwerke, welche aus diesem Getriebe
gebildet sind, stellen die Figuren 1 bis 8 unserer Tafel IV schema-
tisch dar. Wir wollen dieselben einzeln besprechen.
Fig. 1 zeigt eine ganz gebräuchliche Anordnung für Dampf-
maschinen oder Pumpen. Das Glied, welches zum Theil zur Kapsel
ausgebildet ist, ist der Steg d\ oberhall) ist es als Führungsprisma
für den Schieber c, unterhalb als Hohlcylinder fDampfcylinder.
Pumpenstiefel) gestaltet. In ihm bewegt sich dicht schliessend
das als Stempel oder Kolben ausgebildete untere Ende des Schie-
bers c. Die. gefiederten Pfeile deuten hier wie in den folgenden
Figuren die Zu- und Abströmungsrichtung der Rüssigkeit an, wenn
die Kurbel a sich in der Richtung des beigefügten ungefiederten
Pfeiles bewegt. Die Steuerung geschieht, wenn die Maschine als
Pumpe dienen soll, fast immer selbstthätig, indem man durch den
Flüssigkeitsdruck die Ventile, welche den Kapsel-Inhalt von den
übrigen Theilen der Flüssigkeit trennen, öfihen und schliessen lässt.
Soll dagegen die Maschine als Kraftmaschine wirken, so müssen
die Ventile durch eine besondere kinematische Kette, das Steue-
rungsgetriebe, bewegt werden. Manchmal auch hat man bei Pum-
pen, den sogenannten Schieberpumpen, diesen besonderen Steue-
rungsbetrieb benutzt. Es darf nicht vergessen werden, dass die
kinematische Grundbedingung für die Form der Kapsel nur die ist.
dass dieselbe prismatisch sein muss; deshalb ist die Anwendunir
des Kreiscylinders als Grundform nebensächlich und Bequemlich-
keitsrücksichten zuzuschreiben. Nichtsdestoweniger hat aus dieser
Nebenform sich der gebräuchliche Name des Stückes „ Dampfcylin-
der", „Pumpency linder", etc. gebildet. Bei den Kastengeblä'^cn.
die aus Brettern zusammengefügte Kapseln besitzen , sind es eben-
falls die Bequemlichkeitsrücksichten , welche dort auf das Prisma
von quadratischer Grundfläche geführt haben. Auf die Stellunir
der Kette gegen den Horizont, die Horizontirung wollen wir e<
nennen, kommt es nicht an. Deshalb zählt Fig. 1 auch für du*
liegenden Dampfmaschinen und Pumpen, auch für die schräge li«^
genden, kopfüber gestellten u. s. w., welche zwar in der Praxis ce-
logentlich als gesonderte „Systeme" gezählt werden, kinemativa
indessen nicht von einander zu trennen sind. Bemerkenswert}! i^t
aber noch ein besonderer Punkt; dies ist die sogenannte Doppelt-
wirkung des Kolbens. Für unsere Zwecke müssen wir diosrÜM»
j^onauer begriflilich feststellen: sie besteht darin, da5vs derVcnlnin-
DOPPKLTWIRKUNG. 347
ger c bei seiner periodischen Bewegung nicht nur auf einer, son-
dern auf beiden Seiten mit der Flüssigkeit gepaart wird, was zur
Folge hat, dass bei jedem ganzen Spiel des Mechanismus
zwei Füllungen des Kapselraumes mit Flüssigkeit statt-
finden. Bei Pumpen mit Tauchkolben oder sogenannten einfach
wirkenden Kolbenmaschinen ist dies nicht der Fall ; die Maschinen-
praxis hebt also mit Recht den Umstand hervor.
Unserer Figur ist die konzentrirte bestimmte Formel des
Mechanismus, welcher, wie man sieht, durchaus keinen neuen Theil
zu seinen bekannten vier Gliedern hinzubekommen hat — da wir
von der Flüssigkeit und der Steuerung verabredetermaassen ab-
sehen — beigesetzt. Der Schieber c erscheint in derselben als trei-
bendes Glied, in der Voraussetzung, dass der Mechanismus einer
Dampfmaschine angehöre. Wird er als Pumpe gebraucht, so lautet
die Formel (CgP-^)!. Ausserdem ist durch den Zusatz (F±) = c^d
angezeigt, dass der Kolben F+ und die Kapsel F", also das Paar
(F±) aus den Gliedern c und d, dem Schieber und dem Stege der
rotirenden Schubkurbel, gebildet sind. In ähnlicher Weise ist
allen folgenden Maschinenschemas sowohl die Hauptformel^ als die
der Kapsel- und Kolbenbildung beigeschrieben.
Fig. 2 stellt die Dampfmaschine in der ihr durch Broderip Taf. iv
1828 und Humphreys 1835*) verliehenen und namentlich durch
Penn ausgebildeten Form dar. Das obere Stück des Prismas c ist
soviel erweitert, dass der Zapfen 3 hineinfällt, also das Paar 2 in
3 Hegt (§. 71). Auch ist c so gestaltet, dass die Koppel b an ihrer
Bewegung nicht gehindert wird (vergl. Fig. 241), obwohl der Mit-
telpunkt von 3 tief herabverlegt ist. Die Aufstellung ist unter
dem Namen der Tronkmaschine (trunh engine) bekannt. Der
Tronk verengt nicht unbeträchtlich die obere Kapselhöhlung;
prinzipiell unterscheidet sich indessen die vorliegende Einrichtung
nicht von der vorigen, da dort die Kolbenstange ebenfalls eine
Verengung der oberen Kapselhöhlung bewirkte.
*) Von den angefithrten Kamen der Erfinder oder ersten Erbauer nnd
vuD den mitgetheilten Jahreszahlen bemerke ich hier im allgemeinen, dans
ich nicht in jedem Falle für die Priorität der Genannten einstehen kann,
obwohl ich hei jeder Maschine so gut als möglich die ersten HersteUer zu
ermitteln gesacht habe. Hinsichtlich der Qnellen habe ich mich mit solchen
ani» zweiter nnd dritter Hand begnügt, wenn die aus erster zu schwer zu
erlangen waren. Eine Oeschichte der Erfindung der rotirenden Dampf-
maschinen nnd Pumpen soll also nnd will das Obige nicht sein.
348 IX. KAP. ANALYSIRÜNG DER KCRBEL-KAPREL WERKE.
Taf. IV. Fig. 3. Anordnung von Hastie*) für die Dampfinascliine be-
stimmt. Die Maschine ist nur einfach wirkend, die Kapsel aber
über die Kurbel hin ausgedehnt. Der Kolben ist so schwer ge-
macht, dass sein Gewicht die einseitige Kraftwirkung theilweise
ausgleicht. Neuerdings hat Ricks dieselbe Anordnung bei hori-
zontaler Aufstellung des Steges d wieder einzufuhren gesucht und
damit auf der Pariser Ausstellung ein wohl nicht ge^echtfe^tigte^
Aufsehen gemacht. Er stellt behufs Ausgleichung der einseitigen
Dampfwirkung und wegen der üeberschreitung der Todpunkte vier
Stück oder besser zwei Paar Mechanismen der vorliegenden Gat-
tung zusammen — Kettenschluss nach §. 46 — und bewirkt durch
die beiden Kolben des einen Paares die Steuerung des Dampfes für
das andere**).
Taf. IV. Fig. 4. Pattison's Pumpe ***). Diese 1857 in Englan«!
patentirte Einrichtung ist nichts anderes als ein Getriebe (fgP-^)-.
bei welchem die Koppel h als treibendes Glied dient, nämUch al>
Kolben ausgebildet und mit einer aus dem Stege d gestalteteu
Kapsel gepaart ist; (F±) = c,d. Die Kapsel ist ein Hohlcyhnder.
konaxial zum Cylinder 1, während die Umfläche des Kolbens k
soweit sie mit d einen dichten Verschluss zu bilden hat, konaxial
zum Cylinder 2 geformt ist. Nach dem Prisma 4 hin bildet der
Schieber c in Gestalt eines prismatischen Kölbchens einen Ab-
schluss, ganz wie bei dem vorigen Beispiel. Doch wird seine Oszil-
lation nicht zur Beförderung von Flüssigkeit benutzt, indem di»'
hierfür nöthigen Ventile weggelassen sind. Der Kolben 6, von dem
beträchtlich erweiterten Zapfen 2 der Kurbel a herumgeführt,
saugt an der einen Seite Wasser an, während er an der andeni
welches austreibt. Das verfügbare Kapselvolumen — der Raum-
inhalt der ganzen Kapsel vermindert um die des Kolbens — wini
bei jedem ganzen Spiel einmal gefüllt und entleert; die Pumpe i-^t
also nach dem Obigen eine einfach wirkende. In der untersten
Stellung angelangt, lässt der Kolben für kurze Zeit Verkehr
zwischen dem Saug- und Steigrohr entstehen, was aber bei eiuiger-
*) Siehe Johnson, Imp. Gyclopaedia, Steam engine, S. LX; auch B<rr-
noulli, Dampfmascbinenlehre, 1854, S. 321.
**) Siehe u. a. den offiziellen öster. Ausstellangsbericht , 1868, Hotvrti
ttnd Maschinen der allgem. Mechanik. 8. 118. — Eine fernere Anwendoi^
der Fig. 3 ist in der Dampfpumpe von Kittoe und Brotherhood, ^\^h*
Dingler'H Journal, Bd. 191 (1869) 8. 440, sa finden.
•••) Propagation industrielle. 1869, 8. 178.
LAMB's DAMPFMASCHINE. 349
maassen rascher Bewegung keinen störenden Einfluss ausübt. Die
Paarung zwischen b und d ist an den Endflächen eine niedere, an
den Umflächen aber eine höhere, was die Erhaltung des dichten
Verschlusses daselbst erschwert. Die Pumpe bedarf keiner Ven-
tile, wenigstens keiner solchen, welche die Flüssigkeit zu steuern
haben.
Fig. 5. Lamb's Dampfmaschine*), in England patentirt 1842, Taf. iv.
auch bestimmt für den Betrieb durch Luft, Gas oder Dämpfe irgend
welcher Art, öbwie zimi Pumpen von Flüssigkeiten. Wenn die sehr
dunkle Be3chreibung des Erfinders auf das Wesentliche zurück-
geführt wird , so läuft die Einrichtung auf das in unserer schema-
tischen Figur Angedeutete hinaus. Das Getriebe ist das der roti-
renden Schubkurbel, vermindert um den Schieber c; die unbestimmte
Formel lautet also: (C'^P-^y — c. Als Kolben ist wiederum die
Koppel 6, als Kapsel der Steg d ausgebildet. Die bestimmte For- *
mel lautet hiemach: (C'^F-^)h — c. Der abschliessende Schieber c
fehlt; dafür ist bei 3' die in §. 76 bei Fig. 269 und 270 erörterte
Paarung zwischen b und d angewandt, welche allerdings kaum
irgendwie auf dampfdichten Verschluss hoflfen lässt. Der Erfinder
bringt deshalb daselbst ein aus der Beschreibung nicht deutlich
werdendes Verschlussstück an, welches hier weggelassen ist. Der
Verschluss ist indessen auch unwichtig, wenn nur derjenige an den
beiden Berührungsstellen der Koppel mit den Ringwänden der
Kapsel d gut ist. Lamb lässt nämlich aussen sowohl als innen
Dampf eintreten. Der äussere Ring schliesst bei der gezeichneten
Stellung zur Linken zwischen sich und der Aussenwand des Kol-
bens einen halbsichelfbrmigen schon ziemlich grossen Raum ein,
während zwischen der Innenwand von b und dem festen inneren
Vollcylinder von a sich soeben ein Spalt zu öffiien begonnen hat,
in welchen ebenfalls Betriebsdampf eingeführt wird. Die Wirkung
beginnt hier, wenn der äussere Raum gerade zur Hälfte gefüllt ist,
die Kurbel nämlich im oberen Todpunkte steht. Aus den beiden
komplementären Räumen ausserhalb und innerhalb b entweicht
der gebrauchte Dampf. Mit dem Schlitze bei 3' steigt der Kolben
h an dem Mittelstege von d bei den Rotationen der Kurbel a auf
und nieder, gerade so wie der Zapfen 3 und der Schieber c im
vorigen Beispiel. Wird keine Expansionswirkung erfordert, so be-
*) Siehe über diese und die folgende Maschine: Bepertory of patent in«
ventions. 1843. Enlarged Series. Vol. I. 8. 98.
350 IX. KAP. ANALYSIRUNG DER KURBEL-KAPSELWERKK.
darf es nur insoweit einer Steuerung, als in der untersten Koppel-
stellung, wie bei Pattison, der Ein- und der Ausweg auf knnr
Zeit nicht durch den Kolben geschieden werden, der DunMus-
also durch ein Ventil verhütet werden muss.
Taf. IV. In Fig- 6 ist eine zweite Maschine von Lamb dargestellt, in
welcher zwei Einrichtungen der eben beschriebenen Art ineinander
geschachtelt sind. Die Kolben bi und b^ wirken getrennt von ein-
ander; sie werden nur von einer gemeinsamen Kurbel a henmi-
gefuhrt; sie sind zwei Koppeln von • verschiedener Länge. Die
Pfeile , welche die Dampfströmung anzeigen , sowie die Oefl&iungen
für die Treibtiüssigkeit sind in beiden Figuren bloss an der äussern
Wand von d angegeben, für die inneren Räume aber der Einfach-
heit der Zeichnung wegen weggelassen. Herr Lamb behält sicli
vor — fast möchte man sagen: droht uns r- noch mehr als zv»i
der ringförmigen Kammern und zugehörigen Kolben ineinander-
zuschachteln. Der obige zweite und die folgenden sollen zur
Erzielung der Expansionswirkung dienen. Da das verfügbare
Kapselvolum sowohl innerhalb als ausserhalb des Ringkolbt*n> b
bei jedem ganzen Spiel einmal gefüllt und einmal geleert winl.
kann man wohl die vorliegende Maschine eine doppeltwirkend •/
nennen.
Taf. rv. Fig. 7 zeigt eine wiederholt vorkommende rotirende Dampf-
maschine, 1847 von Bährens (Köln) ausgeführt, 1851 dem D. Na-
pier in England hinsichtlich gewisser Verbesserungen patentirt \.
1867 von Bompard in Italien (Piemont) abermals erfunden* •.
Unsere Figur stellt die zweimalige Anwendung des Mechanismus»
(C'^P-^y dar, wobei das Glied a als Kolben, d als Kapsel gestalt»-:
ist. Das Glied b wirkt mehr nur als Mittel zimi dichten Abscldu^s
als Kettenglied ist es unvollständig geschlossen. Nach wie v»r
besteht es zwar aus zwei Cy lindern oder Cylinderabschnitten, dt-r
eine beschrieben aus der Achse von 2, der zweite beschrieben an-
der Achse von 3; sein halbmondförmiges Profil ist aber nicht gt-
eignet, eine zwangläutige Paarung mit a sowohl als mit c einzu-
gehen. Der kinematische Sclduss wird daher hier durch di»
Schieber c bewirkt. Dieses Glied kann indessen , da das Glieil '*
unvollständig ist,, nur unter Zuhilf enalime fremder Mittel di:-
Schluss herbeiführen. Zunächst haben wir demnach die Fomnl
*) Rep. üf pat. inventions, Eular^ed Serioi*. Bü. XX (lh:**J). S. .<•••
*•) Gt'uie iiuiuKtnel, Bd. XXXIV (IStJT) S. 17lh
BÄHBENS, NAPIEß, BOMPARD. 351
SO ZU schreiben , dass die Un Vollständigkeit xon h und c zum Aus-
druck gelangt. Dies geschieht (indem die zweifache Anwendung der-
selben Kette durch den Faktor 2 angezeigt wird) beider Schreibung:
2[(0."J'-K-|-|}
Wollte man noch in der Formel andeuten, dass die Glieder a
und d beiden Ketten gemein sind, also je nur einmal vorkommen,
so hätte man noch ausserhalb der Klammer a und d mit Minus-
zeichen anzuhängen.
Bährens wandte nur einen Schieber an, liess die Kette also
einfach, und erzeugte den Schluss des Schiebers c durch ein Ge-
wicht, welches denselben stets abwärts trieb. Napier dagegen
benutzte einen für uns nicht fernliegenden und vollkommen rich-
tigen Kettenschluss. Zunächst wandte auch er die Kette nur ein-
fach an, liess nämlich, wie Bährens, den unteren Schieber nebst
Dampf kanälen weg, versah aber den oberen Schieber aussen mit
zwei Zapfen, welche, zum Zapfen 3 konaxial gestellt, zu beiden
Seiten der Kapsel d hervorstanden , und hier je von einer Koppel
gefasst wurden, welche die Länge der Koppel b hatte; diese Kop-
peln endlich wurden von zwei exzentrischen, zu dein Cylinder 2
konaxialen Scheiben herumgeführt. Mit andereu Worten: es sind
von Napier zwei ganz gemeinsam wirkende gleiche Ketten von der
Form (C'^P-^y zu Hilfe genommen, welche sowohl alle Längenver-
hältnisse, als auch das festgestellte Glied d mit der gekapselten
Hauptkette gemein haben. Dass dieser Kettenschluss den ge-
schlossenen Gang des Schiebers c und des Sichelcylinders b zur
Folge haben muss, ist einleuchtend.
Bompard wendet zunächst in der Kapsel die doppelte Kette, *
welche unsere Figur andeutet, an, bewirkt aber sodann den Schluss
der beiden Schieber c mittelst einer mehrglicdrigen besonderen
Kette, deren Beschreibung hier zu weit führen würde. Zu sagen
ist nur, dass dieselbe nur annähernd die gewünschte Bewegung
hervorbringt, also hinter der von Napier angewandten hinsichtlich
der Vollkommenheit der Lösung zurücksteht.
Fig. 8. Rotirende Dampfmaschine von Yule*) (1836) und von Taf. iv.
Hall**) (vor 1809) vorgeschlagen und beidemal auch wohl aus-
*) BataÜIe et Julllen, mach, k vapeur (1Ö47) Bd. I. S. 449; siehe aach
Berliner Yerhandlangeii 1838. S. 233.
••) Propag. iadustrieUe. IV (1869) 8. 340; auch Gönie industriel. Bd. 35
(lb*>«) S. 82.
352 IX. KAP. ANALYSIBUNO DER KUEBEL-KAPSELWEBKE.
geführt. Wir haben die rotirende Schubkurbel vermindert um die
Koppel 6, und mit Kraftschluss für den Schieber c versehen, vor
uns, weshalb die Kette zu schreiben ist:
Als treibendes Glied und Kolben ist wieder das Glied a, als
Kapsel d ausgebildet. Yule ordnete die Dampfkanäle so an, wie
unsere Figur andeutet; Hall lässt den Austritt wie hier, den Ein-
tritt des Dampfes aber durch eine Höhlung des Schiebers selbst
erfolgen, weshalb er die Kapsel über den Schieber hinausführt
(vergl. Fig. 4) und oberhalb des Schiebers das Eintrittsrohr in die-
selbe einmünden lässt. Den Kraftschluss des Schiebers c bewirkt
in beiden Ausführungen das Gewicht desselben. Die Paarung
zwischen a und c ist eine höhere, daher für das Erreichen eines
dampfdichten Verschlusses wenig geeignet.
Die vorgeführten acht Kurbelkapselwerke sind, was bisher
nicht bekannt war, sämmtlich auf den sehr gebräuchlichen Mecha-
nismus des ersten Beispieles gegründet, und zwar immer nach
demselben, im vorigen Paragraphen erörterten Prinzip der Bildung
von Verdränger und Kapsel aus dafür passend erachteten GUederu,
und Zufugung einer Steuerung, wo diese sich als nöthig ergibt
Die Frage nach dem praktischen Werth der einzelnen Maschinen
wollen wir hier noch ausser Augen lassen ; dann aber stehen alle
acht liösungen als gleichberechtigt da, und verdienen deshalb die
Aufmerksamkeit des kinematischen Analytikers in gleichem Maas>e.
Die Bildung von Kolben und Kapsel fand statt aus den Ghedem
c und ä, b und ä, a und d.
Jedesmal war d die Kapsel. Diese Wahl erscheint natürhch, da
d zugleich das feststehende Glied war, ihm also die Dampf- oder
Wasserröhren leichter zuzuführen sind, als jedem beweglichen Gliede.
Doch wird sich im Verfolg zeigen, dass die Praxis dessen ungeach-
tet auch bewegliche Glieder des Mechanismus zur Kapsel gestaltet
hat. Die möglichen Kombinationen von Kolben und Kapsel im
Getriebe (C'^P-^)\ also die Zahl der daraus zu bildenden Kap«!-
werke, ist somit durch das Gegebene noch nicht erschöpft; es würde
nicht schwer sein, noch andere Kombinationen zu bilden. Aeusser-
lich am wenigsten erinnern an das Kurbelgetriebe die Lamb*-
schen Maschinen, Fig. 5 und 6; sie erscheinen auf den ersten Blick
äussei-st fremdartig und erfordern für den in der neuen Auffassung
Ungeübten eine scharfe Abstraktion, um richtig aufgefasst /u
MASCHINE VON DAWB8. 353
werden. Doch. ist unsere Analyse ganz zwanglos, ganz ohne Kunst-
griffe zu dem erhaltenen Resultate gelangt, welches thatsächlich
den wirklichen Inhalt des Mechanismus aufklärt. Zugleich hat
wohl der Leser hei dieser Gelegenheit die Ueberzeugung gewonnen,
wie nothwendig die Allgemeinheit der früheren Untersuchungen
war; wie wesentlich es war, die Vertauschbarkeit von + und —
im niederen Paare, die Erweiterungen der Elemente, die Ketten-
Yerminderung und -Vermehrung u. b, w. von einem allgemeinen
Standpunkt« aus zu erörtern, und die in diesen Verfahrungsweisen
steckende Gestaltungskraft grundsätzlich vor Augen zu fuhren.
EorbelkapBelwerk aus der glelohsohenMigen rotlrenden
Sohubkurbel.
Der in § 70 besprochene besondere Fall der rotirenden Schub-
kurbel, welcher entsteht, wenn die Koppellänge b ^ der Kurbel-
f 2T3 läQge a gemacht wird, ist
ebenfalls schon Öfter als
Kapsel werk ausgebildet
worden. Fig. 276 stellt
die im Jahre 1816 von
Dawes*) damit konstru-
irte Dampfmaschine dar.
Den Mechanismus nann-
ten wir die gleichschenk-
lige rotirende Schubkur-
bel. Hier ist der Lenkstab
d zum Stege oder festge-
stellten Gliede gemacht;
die allgemeine Formel
lautetalso: (CJ'^ CP-^f.
Sodann ist c zum Kolben,
{2 zur Kapsel ausgebildet,
also: (Vt) = c, d. Die
besondere Formel wird
■) S. Severiu's Abband-
lungen (Mitth.ilen tpdiii. Dep.
r. Gewerbe, I82ä) H. S«.
354 IX. KAP. ANALY8IBÜNG DER KUBBEL-KAPSELWEBKE.
hiernach lauten: (Cg^CP-*-)". Die verlängerte Koppel trägt an
ihrem oberen Ende noch einen zweiten Schieber Ci, welcher in einer
mit d verbundenen Schleife di sich führt. Hier ist also statt des
in §. 47 und 70 besprochenen Paarschlusses die Schliessung durch
eine zweite, der Hauptkette gleiche kinematische Kette angewandt
deren Schubrichtung rechtwinklig zur ersteren steht
Anlass zur Anwendung des vorliegenden Mechanismus gab das
Bestreben, die Kurbelachse der Dampfmaschine dem Cylinder recht
nahe zu bringen. Bei näherer Untersuchung findet man bald, dass
die Anordnung wegen der in ihr liegenden konstruktiven Schwierig-
keiten keinen praktischen Werth hat. Sie taucht indessen immer
wieder hie und da auf, so 1851 auf der Londoner Weltausstellung*),
ebenso 1868 auf der Petersburger Ausstellung. Hier hatte Pro-
fessor Tchebischeff ein gangbares Modell ausgestellt, an welchem
die zweite Prismenführung bei Ci durch eine Kettenvermehrang
(§. 67), nämlich eine neue Gelenkgeradfuhrung von seiner Erfin-
dung ersetzt war ♦♦).
§.81.
Kurbelkapsel werke aus der osoillirenden Kurbelsohleife.
Taf. IV. Fig. 9 bis 14.
Das zweite der vier Getriebe, welche wir oben aus der Ketto
(CJ'P-*-) bildeten, war die oscillirende Kurbelschleife, derjenigo
Mechanismus nämlich, welcher bei Stellung der Kette auf das
Glied b erhalten wird. Seine verkürzte Formel ist (CgP-^)*. Er
ist ebenfalls auf mehrere Arten zimi Kapselwerk gestaltet worden.
Taf. IV. Wohl die älteste Form ist die von Murdock 1785***) erfun-
dene sogenannte oscillirende Dampfmaschine, Fig. 9. Die ehema-
lige Koppel h ist zum Stege oder festen Gestelle gemacht; die
Kurbel a dreht sich um die ehemalige Kurbelwarze als Achse; der
frühere Schieber c ist zur cylinderfömig gestalteten Kapsel, die
Schleife d zum Kolben ausgebildet Die Kapsel- und Kolbenbödun?
ist also durch (F±) = d, c zu bezeichnen, die bestimmte Formel
*) Maschine von Booth, s. Off. Catalog^ne £zhibition 1851, Voll S.:Mi>.
••) Siehe BerUner Verhandlungen, 1870, 8. 182.
•'•) Siehe Mnirhead, Invention» of J. Watt. Bd. UL Taf. 34,
OSCILLIBENDE DAMPFMASCHINE. 355
b
((7JT-^)I zu schreiben. Die Steuerung wurde von Murdock so
bewirkt, dass ein festgestellter, aber etwas federnder Arm die
Stange eines gewöhnlichen Muschelschiebers zwang, sich parallel
der Kolbenstange hin^ und herzubewegen, wobei nothwendig der
Muschelschieber sich gerade in der mittleren Stellung befindet,
wenn die Kurbel in einem Todpunkt steht. Später hat man die
Steuerung durch die Oscillation des mit geeigneten Ausschnitten
versehenen hohlen Cylinderzapfens 3 oder eines damit konaxialen
Drehkörperabschnittes gegen sein feststehendes Gehäuse bewirkt,
und wendet dieselbe Methode auch heute in dem Falle an, wo der
Mechanismus als Wasserkraftmaschine oder als Pumpe dienen soll;
die Steuerung heisst dann Hahnsteuerung. Soll hingegen die
Expansionswirkung der Flüssigkeit in Benutzung gezogen werden,,
so bedient man sich mehr zusammengesetzter Mechanismen.
Ein Vergleich zwischen Fig. 9 und Fig. 1 unserer Tafel zeigt,
dass — abgesehen von der Steuerung — die oscillirende Dampf-
maschine eine Umkehrung des Mechanismus der direkt wirkenden
ist. Nur ist dabei der sehr passende Kunstgriff gebraucht, bei der
Kapselbildung auch das Paar 4 noch mit umgekehrten Zeichen
auszuführen, so dass der Kolben von Fig. 1 hier als (Hohl-) „Cylin-
der", der „Cylinder" von dort hier als Kolben erscheint. WoUtie
man die Maschine ohne diese Paarumkehrung auf die oscillirende
Knrbelschleife umkehren, so käme man in die Schwierigkeit, den
Dampfraum mittelst eines beweglichen Rohres mit dem Kessel ver-
binden zu müssen. Aenderte man indessen die Steuerung so ab,
dass die Dampfkanäle in die mit geeigneten Aushöhlungen ver-
sehene Kolbenstange verlegt würden, so liesse sich mittelst der
Hahnsteuerung die Zu- und Ableitung in nicht ganz unpraktischer
Weise bewirken. Ich will nur anfuhren, dass sich auch wirklich
jemand gefunden hat, der diese Idee zur Ausfuhrung gebracht
hat. Herr E. Jelowicki liess sich eine so eingerichtete Dampf-
maschine, beziehungsweise Pumpe, 1836 in England patentiren *).
Es liegt nicht ferne und ändert am Prinzipe nichts, wenn, wie TaF. iv
in Fig. 10 angenonmien ist, die Kapselung so vorgenommen wird,
dass der Drehzapfen 3 in die Gegend des Endes des Cylinders c
fällt, statt genau in der Mitte zu liegen, wie in Fig. 9. Die
Dampfinaschinen von Alban, Farcot und anderen, auch die klei-
*) Siebe Newton, London Journal of Art« etc. Conjoined Series, (1837).
Bd. rx. 8. 34. ^
28^
356 IX. KAP. ANALY8IKUNG DER KÜRBEL-KAPSELWERKE.
neren Wassersäuleumaschineii von Armstrong zeigen diese Ein-
richtung.
Statt eines der beweglichen Glieder kann auch das ruhende 4
zur Kapsel gemacht werden. Um dies zu zeigen und damit die
Lösung der vorliegenden Aufgabe npch etwas zu verallgemeineni,
füge ich in Fig. 11 eine etwa als Pumpe ausfuhrbare Konstruktion
bei , in welcher das Glied c — der „Cylinder" von Fig. 9 — als
Kolben gebildet ist. Dieser letztere pendelt in der Kapsel b um
^den Zapfen 3 hin und her. Es soll durchaus nicht gesagt sein.
dass die Konstruktion Anspruch auf praktische Bedeutung hal)e;
indessen hat man wirklich Pumpen ausgeführt, welche einige Aelm-
lichkeit mit der vorliegenden besitzen. Man vergleiche nur Fig. 7
auf Taf. VL
Interessanter ist die Dampfmaschine von Simpson & Ship-
Taf. IV. ton*), welche Fig. 12 schematisch wiedergibt. Sie ist in vorzün-
licher Ausführung 1848 praktisch geprüft und angeblich bewährt i!i
befunden worden. Wenige Beispiele sind indessen wie Jir^'^
geeignet zu zeigen, einestheils wie leicht ein Gefühlsinteresse amli
tüchtige Ingenieure dazu bringen kann, mehr zu sehen als da i-t.
und andemtheils, wie dunkel und verworren die bisher üblichen kiiu-
matischen Anschauungen waren. Die Erfinder selbst sowohl wie ihre
Interpreten zeigen sich völlig befangen von der Sonderbarkeit d* r
sich vor ihren Augen vollziehenden Bewegungen der Maschiiie.
Die gewöhnlichen Bewegungserläuterungen wollen nicht aus-
reichen; sie sprechen, indem sie den Kolben a und sein eig^i.t-
liches Spiel beschreiben wollen, von einem „Exzentrik, welchf>
sich in seinem eigenen Durchmesser umw^älzt". Welche ^oxzoi:-
trische** geometrische. Phantasie! In seinem eigenen Durchme>Mr
sich umzuwälzen!! Dass diese quasi-Erläuterung ganz ohne Sim
ist, ein Wort ohne jeden Begriff, blieb unbemerkt, auch von soU Im :
welchen das Nebelhafte in dem Ausspruche hätte verdächtig ^« •
müssen. Es blieb darum von ihnen unbemerkt, weil sie el>cn seH»-:
kein Licht in die Sache zu bringen wussten, weil unserer bi^i. :
gebräuchlichen Bewegungsschilderung die prinzipielle Unterl ,:•
wirklich zum grossen Theil fehlt.
Was wir vor uns haben, ist die oscillirende Kurbelschlr.:'
vermindert um das Glied d. mit Kapselung von a in c bei trtili--
*) Siehe Johnson, Imp. Cyclopaedia, Descr. of the PIfttes, 8. *.'•*: x
Newton, London Journal of Arts etc., Bd. 37 (18:»o). 8. 207.
knott's pumpe. 357
b
dem Gliede a. Die Formel für das Getriebe lautet: (C"P^)l — d^
und die für Kolben und Kapsel: (r±) = a, c. Unsere Figur 226
stellte die Kette in der unverminderten, die Kapselung ausser Betracht
lassenden Gestalt dar. Gegen c beschreibt a ganz ähnliche Oscil-
lationen wie der Kolben d in Fig. 9 und 10; die Rotation von a
kommt nur zu der Oscillation noch hinzu. Bei der Ausfuhrung
lässt eine geeignete Steuerung den Dampf in den Raum zwischen
der Kapselwand und dem Kolben a eintreten, beziehungsweise dar-
aus entweichen, ganz wie es oben bei den in Fig. 9 und 10 dar-
gestellten Mechanismen geschieht. Es liegt auf der Hand, dass
die Verminderung der Kette um d, welcher zufolge zwischen c
und a eine höhere Paarung statt einer niederen stattfinden musste,
die Erhaltung des dampfdichten Verschlusses ungemein erschwert.
Ich will nicht unerwähnt lassen , dass der vorstehende Mechanis-
mus auch zu einer Wasserpumpe verwendet worden ist (Formel:
{ClF^)l — (I), und zwar von dem Amerikaner Broughton*). Die
Steuerung hat derselbe als Hahnsteuerung, und zwar an der Achse
2 des Kolbens a angebracht.
Fig. 13. Pumpe von Knott**), in England patentirt 1863. Taf. iv.
Hier ist das Glied d zum Kolben, h zur Kapsel gemacht, im übrigen
die Kette wieder vollständig. Das Prisma 4 des Gliedes d, welches
nach dem Schema Fig. 242 in 3 gelegt ist, schliesst dicht im Schie-
ber c, ebenso der äussere Umfang der Zapfenhülse 1 an der cylin-
drischen Wand der Kapsel. Bei der obersten Stellung von d findet
auf kurze Zeit freier v Verkehr zwischen Saug- und Steigrohr statt,
ähnlich wie bei Pattison's Pumpe, Fig. 4; sonst aber wird fort-
während, ohne dass eine besondere Steuerung erforderlich wäre,
an der einen Kolbenseite Saugung, an der andern Austreibung der
Flüssigkeit durch die Rotation von a bewirkt. Dieses Glied ist als
das treibende in die Formel aufgenommen. Nach der früheren
Definition müssen wir die Knott'sche Pumpe eine einfach wir-
kende nennen, während die vier vorhergehenden Vorrichtungen
doppeltwirkende waren.
•) Siehe Propag. industrielle IV. (1869). 8. 145. Das französ. Patent
'iatirt von 1856.
•*) Siehe Newton, London Journal of Arts etc., New Series. Bd. XIX.
ft8«>4); anch König, Pumpen (Jena, 1869). S. 103, wo aber die Abbildung
«ine Unrichtigkeit enthält.
358 IX. KAP. ANALYBIRIING DER KURBEL-KAPSELWERKE.
• Fig. 14. Gebläse, dem Maschinenfabrikanten Wedding 1868
in Preussen patentirt. Die Kette (C'^P-^) ist hier um das Glied c
vermindert, im übrigen ihre Anwendung derjenigen in der Knot ti-
schen Pumpe ähnlich; auch hier ist (F±) = d, b und die Kurbel o
auch wieder treibendes Glied. Die höhere Paarung, welche wegen
des Wegfalls von c zwischen d und b hergestellt werden musste,
ist die von Fig. 270, ganz dieselbe also, welche bei Lamb, Fig. 5
und 6 unserer Tafel, angewandt ist. Für die geringen Spannmigen.
welche bei der Luftbewegung in Gebläsen gewöhnlich nur gefordert
werden, ist der Verschluss bei 3 völlig ausreichend; ebenso ist der
Verkehr zwischen Saug- und Druckrohr beim oberen Todpunkt
ohne wesentliöhen Nachtheil*). Die Verwandtschaft des vorlie-
genden Mechanismus mit dem Lamb^schen, Fig. 5, muss sich noch
weiter verfolgen lassen. In der That entspricht der innere Cylin-
der d mit dem senkrechten prismatischen Fortsatz 3' der Lamb'-
sehen Maschine dem Kolben der Wedding'schen, und der dortige
rotirende ringförmige Kolben der hier vorliegenden KapseL Deut-
lich wird hier wieder, dass bei Lamb doppelte Wirkung, hier aber
nur einfache stattfindet. Herr Wedding macht darauf au&nerk-
sam, wie man durch passende Profilirung des oberen Gehäu8etheile>
aus diesem und dem Prisma an d eine zweite Kapsel nebst Kolben
bilden könne , welche sich gerade in der stärksten Wirkung befin-
den würde, wenn in der ersten Kapselung der Todpunkt einge-
treten ist. Auch wegen dieses Punktes vergleiche man die Lamb'-
sche Maschine, wo zwischen der Wirkung innerhalb und ausserhalb
des ringförmigen Kolbens b dieselbe Wechselbeziehung stattfindet.
Wirft man noch einen vergleichenden Blick auf die beiden
letzten Mechanismen und den ersten, Fig. 1, so wird man es aller-
dings nicht verwunderlich finden, dass e*^ erst nach sorgfältiger und
mit eindringender Kraft ausgestatteter Analyse uns gelingen konnte,
in dem eigenthümlich geformten Gehäuse b nur die umgestaltete
Pleuelstange der Dampfmaschine in Fig. 1, in dem raketförmigfi.
Kolben d das Maschinengestell derselben wieder zu erkennen.
*) Die beiden In der Spandaiier Artillerie- Werkstätte thfttigenWeddinc -
8chen Ventilatoren von je 6 Pferdestärken bewährten sich angeblich sehr ga:.
(Der Kolben ist dort von Holz ausgeführt, die Platte an d ein dünnes Brvtt ■
Neuerdings sind indessen beide Ventilatoren durch gewöhnliche Flügeln« i*-'
ersetzt worden, weil die bei der Ueberschreitong des Todpnnktes ent«t^b«»ii'''
Spannun^sverminderung an den Schmiedefeuem zu störend empftmden ««t
den Hein soll.
WABD, MOULINE, SCHNEIBEB. 359
§. 82.
Eurbel-Kapselwerke aus der rotirenden Kurbelsohleife.
Taf. V. Fig. 1 bis 18.
Keines der Kurbelgetriebe ist so oft, d. h. auf so viele Arten
zur rotirenden Dampfmaschine oder Pumpe gestaltet worden, als
die rotirende Kurbelschleife (CjP-^)'. Sie besitzt nämlich zwei
rotirende Glieder, die Schleife d und die Koppel 6, und ein roti-
rendes und zugleich oscillirendes, den Schieber c, wonach also
sämmtliche beweglichen Glieder Rotationsbewegung haben. Alle
drei sind bei den fieberhaft-grüblerischen Versuchen, eine rotirende
Maschine hervorzubringen, als Kolben ausgebildet worden. In
Fig. 1 bis 10 ist c der Kolben; in Fig. 11 bis 16 ist es (2, in den
beiden letzten h.
Fig. 1. Dampfinaschine, 1821 von Ward zum Ruderradbe- Taf. v.
trieb*), vor 1847 von Mouline**) und 1862 von Schneider***)
zum gewöhnlichen Maschinenbetrieb benutzt. Zu Kapsel und Kol-
ben sind d und c ausgebildet, demnach die Maschine eine unmittel-
bare Umkehrung derjenigen in Fig. 1, Taf. IV. Die Dampfzu- und
Ableitung geschieht mittelst Hahnsteuerung, wozu der Zapfen 1
sich bequem darbietet. Das Schwungrad sitzt auf &, als demjeni-
gen Stücke, dessen Drehung möglichst gleichförmig gemacht wer-
den soll. —
Fig. 2. Dampfinaschine, 1819 von S. Morey zum Ruderrad- Taf. v.
betriebt), ^^34 von Gramer unter Vereinigung dreier Cylinder
nebst Zubehör ff) und 1862 wieder mit nur einem Cylinder von
Schneider zum Betrieb von beliebigen Arbeitsmaschinen benutzt.
Hier ist zum Unterschied von der vorigen Anordnung das Glied d
zum gleichförmig rotirenden gemacht. Morey, Ward und Schnei-
der sind Amerikaner; man erkennt, wie mit Vorliebe auf dem zu-
*) Beverin's Abhandlungen. 8. 114; auch Dingler's p. J. Bd. IX.
a 291.
**) Bataille und Jnllien, Mach, k vapeur (1847). Bd. II. B. 241.
*••) Polyt. Journal. Bd. 163 (1862). S. 401.
t) Severin's Abhandlungen. 8. 110.
tt) Newton, London Journal of Artsetc., Oonjoined Series, Bd. XVin.
(1M2). 8. 454.
360 IX. KAP. ANALYSIBUNG DER KURBEL-KAPSELWERKE.
erst gelockerten Boden sich die Idee fortgebildet hat Als Vortheil
der Anordnung wird der Umstand angeführt, dass alle beweglichen
Organe rotirende Bewegung haben und demzufolge ohne Schwierig-
keit eine grosse Spielzahl gestatten*).
Taf. V. Fig. 3. Pumpe von Emery (Amerika**). Sie ist eine Verbin-
dung von vier rotirenden Kurbelschleifen, also allgemein zu schrei-
ben 4 (Cj'P-^)'. Der Steg a ist zur Kapsel, die vier Schieber c sind
zu Kolben gemacht. Sie legen sich an die innere Kapselwand mit
höherer Paarung an; eine in der Zeichnung weggelassene Aus-
kerbung verhütet, dass in den beiden unteren Quadranten Vakumn-
bildung oder Einsperrung der Flüssigkeit entstehen könne. Die
Triebkraft wird durch das Glied d eingeleitet Emery lässt in
späteren Ausführungen die Koppeln b weg, d. h. vermindert die
Kette um 6, und wendet dafür die Paarung der Zapfen 2 mit der
im Hintergrund der Figur sichtbaren kreisringformigen Rinne an.
Er hat den Apparat u^ a. auch als Flüssigkeitsmesser benutzt.
Taf. V. Fig. 4. Dampfinaschine , angegeben, von Lord Cochrane
1831***). Der Schieber c ist wieder Kolben, diesmal aber das
drehbare Glied b als Kapsel gestaltet. Die Dampfzu- und Ablei-
tung findet durch den gehöhlten Zapfen 1 und die punktirte Höh-
lung des Kolbens c statt. Das Glied d berührt unten die Kapsel-
wand wieder mit höherer Paarung.
Taf. V. Fig. 5 zeigt die sehr verbreitete Gaspumpe von Bealef). Sie
besteht aus zwei vereinigten rotirenden Kurbelschleifen; ihre all-
gemeine Formel lautet also : 2 ( CJ' P-^)% ihre besondere 2 ( C^P-^fi-
da durch d die Triebkraft eingeleitet wird. Das ruhende Ghed a
ist Kapsel, c Kolben; die Koppel b ist als Kreisringsektor ausge-
führt (vergl. §. 71), welcher in einer kreisringförmigen Rinne an a
gleitet, und einen genügend grossen Winkel umfasst, um das un-
zeitige Entweichen von Gas durch die ringförmige Rinne 2 stet>
zu verhüten.
Taf. V. Fig ß Rotirende Dampfinaschine von Davies (England), IHm
*) Eine dreicyllndrige Maschine der vorliegenden Gattung ist die tod
Gramer (1834), siehe Newton, London Jonmal of Arte etc., Coiy. Serie*.
Bd. XX. (1842). S. 454.
') Propag. industrielle. Bd. IV. (1869). 8. 335.
*) PropRg. industrielle. Bd. III. (1868). 8. 180.
t) Schilling, Gasfahrikation , 1 866 , 8. 204 ; auch G 1 e g g , Maouf. of
t'oalgas, isr>9, 8. 190.
DAVIE8. RAMELLI. 361
patentirt*). Hier sind drei der Mechanismen {C'^P-^y verbunden,
c ist Kolben und treibendes Glied , a Kapsel. Die Koppel b ist
auf einen cylindrischen Stab mit kreisförmig profilirter Abplattung
zusammengeschrumpft; letztere ist aber nichts anderes als ein
Bnichstück des Cylinders 2, aus der Achse der Kapsel a beschrie-
ben, entspricht also der Kurbelwarze im Getriebe (C'^P-^y. Die
Koppel b geht wegen dieser unvollständigen Ausführung des Zapfens
2 nicht zwangläufig. Deshalb musste Davies einen anderen
Schluss anbringen. Er that es durch Zufügung der kreisringför-^
migen, in der Zeichnung punktirten Rinne, in welche die Schie-
ber mit runden Zapfen eingreifen, also durch Anbringung einer
höheren Paarung zwischen c und a. Genau ist dieser Schluss
nicht, weil bei den cylindrischen Vorsprüngen an c die Rinne nicht
kreisförmig sein dürfte, wenn sie den Schluss bewirken soll, oder
bei kreisförmiger Rinne die Zapfen an c nicht die angedeuteten
CyUnder, vielmehr Bruchstücke vonCylindem sein müssten, welche
aus der Achse von 3 zu beschreiben wären.
Fig. 7 zeigt eine sehr alte rotirende Pumpe, diejenige von
Ramelli, 1588 von ihm veröffentlicht**). Es sind vier rotirende
Kurbelschleifen, betrieben von d aus, vermindert um die Koppel 6,
und kraftschlüssig hinsichtlich des Schiebers c, vereinigt, was die
der Zeichnung beigeschriebene Formel
4[(C;T-^)l-6-i]
ausdrückt. Als Mittel zum Kraftschluss habe ich zwei Federn an-
gedeutet, die sich öfter vorfinden; Ramelli selbst stellte die Ma-
schine so auf, dass der Mittelpunkt der inneren Trommel d nach
oben kam, und begnügte sich mit dem einigermaassen ausreichen-
den Schluss durch die Schwere der Schieber. Die Kapsel a ist
cylindrisch gehöhlt, die Paarung zwischen ihr und den Schiebern
eine höhere. Die Wiedererfindungen der Ramelliane sind zahl-
reich. Ich führe an: die Dampfmaschine von Borrie, vierflüglig,
mit Federn***), und die Pumpe von Camere, welche nur zwei
Flügel hat, die aber ebenfalls durch Federn auseinander getrieben
werden f).
*) Propag. industrielle. Bd. IV. (1869). S. 276; sehr ausfuhrl. Mittheilung.
1 Bamelli, Arteficiose Machine (1588). 8. 58 und 167.
) Bataille und JuUien, Mach, k vapeur (1847). I. S. 445. Taf. XI.
t) Propag. industrieUe. Bd. IV. (1869). 8. 337.
362 IX. KAP. ANALYSIRÜNG DER KÜRBEL-KAPSELWEBKE.
Grosse Aehnlichkeit mit Ramelli^s Maschine hat diejenige in
Tat*. V. Fig. 8. Sie ist von Jones & Shirreff (England) 1856 als Dampf-
maschine und Pumpe*), von Ortlieb & White (Amerika) 181)7
als Dampfinaschine angegeben worden. Hier ist die dreimal an-
gewandte Kette (CgT-*-)' ebenfalls um h vermindert. Die höhere
Paarung , welche c an Stelle der weggefallenen Koppel b zu leiten
bestimmt ist, ist ganz richtig ausgeführt. Bei Jones & Shirreff
ist der Cylinder 2 beweglich (rollend) gelassen, um die Reibung
zwischen ihm und den Schiebern klein zu halten.
Tat*. V. Fig. 9 zeigt eine andere Ausführung desselben Mechanismus
Beale hat denselben als Dampfmaschine angegeben und für ein
DampfschiflF zur Ausführung gebracht**), Dalgety & Ledier
haben ihn 1854 zu einer Pumpe benutzt***). Hier sind die Schieber
c vollständig cylindrisch ausgeführt; zugleich ist ihnen eine rol-
lende Bewegung gestattet. Dass Beale's Dampfinaschine einen
schlechten Eflfekt gegeben hat, kann nicht Wunder nelmien, da die
zahlreichen höheren Paarungen den dampfdichten Verschluss fast
unmöglich machen.
Taf. V. Fig. 10 zeigt eine Dampfinaschine besonderer Art, von Smyth
angegeben f ), welche zeigt, wie weit der unklare Wahn, dass in der
rotirenden Dampfmaschine absonderliche Vortheile steckten, führen
kann. Es sind vier Getriebe von der Gattung (CJ'P-L)' — J ver-
einigt, die Schieber c ausgeführt, die für das entfallene Glied h
eingetretene höhere Paarung durch einen Kreisring und darin
gleitende Cylinder bewirkt, die Dampfwirkung aber nur in der
Expansion des zwischen den aufeinander folgenden Cylindera U}
eingeschlossenen Dampfvolums gesucht. Die Unzweckmässigkeit
liegt auf der Hand; erstaunlich ist nur, dass ein Journal wie Tr.
Mech. Joum. die Mittheilung in seinen Spalten ernsthaft behandtlu
konnte.
Tal'. V. Fig. 11. Dampfmaschine, aus zwei Getrieben von der Art
(C'^P-^y gebildet. Zum erstenmal sehen wir darin d als Kolbtn
ausgeführt; die Koppel b bildet eine Trommel, welche wieder die
Kapsel innen berührt und sich ausserdem um den Zapfen 2, de^^en
• Lager verdeckt ist, dreht; der Schieber c bildet das Verschlii*^>-
*) Newton, London Journal of Arts etc., New Series. Bd. VI. ll^'H.
8. 9; auch Schweizerische polyt. Zeitschrift. Bd. II. (1857). S. 8.
**) Bataille und Jullien, Mach, k vapeur. Bd. L (1847). H. 444.
•**) Propagr. industrielle. Bd. IV. (1869). S. 84.
t) Pract. Mech. Journal. Bd. XVII. (1864 bis 1865). 8. 261.
HICK. COOHEANE. DÜNDONALD. 363
stück an der Stelle, wo d die Trommel b durchdringt. Lechat
hat diese Maschine unter Anwendung nur eines Kolbens, also nur
eines Getriebes (C"P-^y im Jahre 1866 angegeben und auch voll-
ständig durchgeführt*). Hick in Bolton hatte aber schon 1843
auf dieselbe Maschine ein englisches Patent erworben **). Beiden
voran war längst schon Lord Cochrane gegangen, welcher 1831
die Maschine sowohl unter Anwendung zweier Kolben, wie in un-
serer Skizze angenommen ist, als auch nur eines Kolbens ausführte;
an derselben brachte Lord Dundonald 1833 kleine Verbesserun-
gen an ***). Ausserdem hat der Amerikaner Ro o t dieselbe Maschine,
der er drei Kolben statt eines oder zweier gab, 1863 abermals
erfunden f).
In Fig. 12 sehen wir dieselbe Maschine, dreiflüglig, als Gebläse Tat*, v.
behandelt Es rührt von Bellford her, welcher 1855 die Vorrich-
tung in England patentiren liessff). Ganz neuerdings hat der
oben genannte Root abermals dasselbe Gebläse, ebenfalls dreiflüg-
lig hergestellt, wieder neu ans Licht gebracht ff f). Wir haben
also hier ein schlagendes Beispiel der wahrhaften Vergeudung von .
Erfindungskraft vor uns, die das Problem der rotirenden Dampf-
maschine und Pumpe bewirkt hat, und welche zu. verhüten die bis-
herige Auffassung der Kinematik kein Mittel bot.
Fig. 13 zeigt eine weitere Schöpfung der fruchtbaren Erfin- Tat*, v.
dungsgabe des Lord Cochrane §), wiederum zur rotirenden
Dampfinaschine bestimmt. Man erkennt, dass es sich um eine
Kettenverminderung handelt. Das Glied c der vorigen Maschinen-
gattung ist weggemindert, der Mechanismus {C'^P^y — c übrig
geblieben, und die Paarung nach Fig. 269 angebracht, was für den
dampfdichten Verschluss wehig Hofi&iung gibt.
Der unermüdliche Lord war mit der Reihe der erhaltenen
Kombinationen nicht zufrieden. Wir sehen in Fig. 14 eine weitere
von ihm angegebene Form immer desselben Mechanismus, als
•) G^nie industr. Bd. XXXn. (1866). B. 27.
♦•) 8. Pract. Mech. Journal. Bd. XIX, (1866 bis 1867). S. 249.
*••) Propag. industrielle, in. (1868). B. 181; Newton, London Journal
of Art« etc., Conjoined Series Bd. VHI. (1836). S. 404 und Bd. IX. (1837).
S. 216.
t) Scientific American, New Series. Bd. Vin. (1863). S. 63.
tt) N e w ton, London Journal of Arts etc. New Series. Bd. V. (1857). 8. 121 .
-J+t) Scientific American, 1872, November. S. 354.
Propag. industr. a. a. 0.
364 rX. KAP. ANALYSIRÜNG DEB KURBEL-KAPSEL WKBKE.
Pumpe gedacht *). Auch hier ist die Kette um c vermindert die*;-
mal aber ist nicht a, sondern b als Kapsel gestaltet (F-)=rf, l.
Vergleichen wir Fig. 14, Taf. IV. mit der vorliegenden Figur, so
bemerken wir, dass — abgesehen von der Anbringungsweise der
Kanäle — eine Umkehrung des dort angewandten Mechanismus
vor uns liegt.
Der Erhöhung des Verständnisses wegen führe ich in Fig. 13
das um das Glied c wieder vermehrte Getriebe vor; dasselbe ist
wie einleuchten wird, eine Umkehrung der Knott' sehen Pumpe.
Fig. 13, Taf. IV.
Schon bei Fig. 10 besprachen wir jene Eigenthümlichkeit der
mehrfachen rotirenden Kurbelschleife, die zwischen den rotirendon
Kolben bestehenden Räume abwechselnd zu vergrössem und ver-
Taf. V. kleinern. Dieses Prinzip ist in dem Mechanismus Fig. 16 dahin
ausgebeutet, dass die besagten Räume sich bis auf nahezu Null
verringern, um darauf bis zu einem Maximum zuzunehmen. Es
sind zwei der Ketten (C*^P-^y vereinigt, und d als Kolben, a ah
Kapsel ausgebildet. Die Verkleinerung der Kolbenintervalle auf
Null gelingt durch passende Annahme des Winkels, bis auf welchen
die Sektoren d ausgedehnt werden. Die eigentlichen LenkstälK» d
nebst Koppeln und Schiebern sind ausserhalb der Kapsel a verle^i.
Minari wandte 1838 die Kette (C'^P-^Y dreifach an**) und ge-
staltete das Ganze als Dampfmaschine; Stocker, 1872, benutztr-
den Mechanismus nur zweifach, wie es unsere Skizze angibt***»:
auch er benutzt die Vorrichtung als Dampfmaschine. Der Ex]»«»-
nent der Formel bei Fig. 16 gibt d als treibendes Glied an; dieit
die Maschine als Pumpe, so kann auch b als treibendes Stück die-
nen. Wie man bemerkt, besteht zwischen Kolben und Kapsel nur
niedere Paarung; der dampfdichte Verschluss lässt sich deshalb
hier unschwer herstellen. Smy th wandte vier vereinigte rotirendt^
Kurbelschleifen an f ) , und verlegte die Koppeln wieder in das In-
nere der Kapsel a. Die Fig. 277 zeigt die als Pumpe gedachte
Vorrichtung. Die Schieber c fehlen, und es ist dafür die Paaruriü
der verminderten Kette Fig. 268 benutzt. Die Formel lautet al*-»
4[(C':P^)\-c).
*) Propag. indastr. a. a. O.
*) Propag. industrielle. Bd. m. (1868). 8. 276.
*) Baierisches InduBtrie- und Gewerbeblatt^ 1872. 8. 167.
t) Dingler, polyt. Journal. Bd. 199 (1861). 8. 483; auch EDgioe^r.
Januar 1871. 8. 56.
8MYTH. FLETCHEH.
A'on Lord Cochrane muss endlich noch e
365
3 letzte Form des
Kapselwerkes aus (CJ'P-'-)* angeführt werden, siehe Fig. 17 unserer
Pig. 277,
Tafel V. Hier ist das Glied d als Kapsel und, wenn man will, auch
zugleich als Kolben gebildet. Doch kann man auch die als cylio-
drische Trommel gestaltete Koppel b als den Kolben ansehen, was
auch der Zeichnung beigeschrieben ist
Die Koppel b kann auch mit niederem Paärschluss als Kolben
gestaltet werden. Ich füge, um dies näher zu zeigen, in Fig. 278
Fig. 278,
eine Lösung dieser Art bei
d ist als Trommel, c als Ver-
schlussstiick gebildet. Die Ma-
schinenpraxis hat indessen auch
eine verwandte Lösung hervor-
gebracht Es ist die in Fig. 18
der Tafel V. dai^estellte roti-
rende Damp&naschine von
Fletcher (AmerikaV) 1843,
die ich nur aus schriftlichen
Quellen kenne. Es sind der
Getriebe (CgP-"-)' drei vereinigt.
Merkwürdig ist die Form, in
welcher die Koppe) b hier zur
Ausrührung gekommen ist. Es '
366 rX. KAP. ANALYSIRUNG DER KIIBBEL-KAPSELWEKKE.
war Yomehmlich, um diese yerständlich zu machen, dass ich die
Konstruktion Fig. 278 beigefügt habe. Statt b einen zentralen
Zapfen 2 von gewöhnlicher Form zu. geben, ist der Zapfen 2 bis
an den inneren Umfang der Kapsel a erweitert worden, und an a
als kreisringformige Rinne, an den Kolben b als kurzes Rmgstück
(A*) ausgeführt Diese seltsame Formung verdeckt den eigent-
lichen Inhalt des Mechanismus ausserordentlich; nach ihrer Analy-
sirung reiht sie sich aber ungezwungen an die übrigen Ausfühmngs-
weisen an^«).
§.83.
Kurbel-Eapselwerk aus der osoUlirenden SohubknrbeL
Fig. 1. Taf. VI.
Wie die oscillirende Schubkurbel (G^P-^y auch als blosser
Bewegungsmechanismus das am seltensten angewandte von den
vier Getrieben ist, welche aus der Kette (C^P-^) hervorgehen, so
hat sie auch die seltenste Anwendung als Kapselwerk gefunden.
Mir ist nur ein einziges dergleichen bekannt. Es ist von Simp
son & Shipton 1848*) zu einer Dampfmaschine verwendet wor-
den, die auf der Weltausstellung in London 1851 thätig war und
ein nicht geringes Aufsehen verursachte. Die Erfinder sind die-
selben, welche die in Fig. 12, Taf. IV. dargestellte Maschine erfan-
den; sie haben die dort erwähnten Dunkelheiten der Vorstellung
in fast noch erhöhtem Maasse bei der vorliegenden Einrichtung
vorgebracht. Dies erklärt sich daraus, dass sie veranlasst waren,
einen besonderen Hilfsmechanismus zur Ueberleitung der Bewe-
gung des Gliedes a auf eine in ruhenden Lagern rotirende Achse
anzubringen. Dieser Hilfsmechanismus besteht aus einem Parallel-
kurbelpaare, welches einerseits an a, andererseits an einer zum
Zapfen 3 konaxialen Drehachse, der Schwungradachse, angreift.
Die beiden Koppeln dieses Parallelkurbelpaares sind parallel zur
Hauptkoppel b und bilden so zu sagen mit ihr zwei Paare von
Parallelkurbeln. Sie sind in der That ganz geeignet, die Lagen-
*) Johnson, Imperial Cyclopaedia; auch Newton, London Jonroal of
Art« 7. Conjoined Seriea 27 (1850). 8. 207; auch Bepertory of Patent invfn-
tion», Enlarged Serie«. Bd. XIII. (1849). 8. 287.
MASCHINE VON SIMPSON UND SHIPTON. 367
Wechsel von a, welche, wie wir wissen, 360® und Vielfache davon
durchlaufen (siehe §. 69), auf die durch 3 gehende Achse zu üher-
tragen. Was nach deren Weglassung ührig bleibt, ist eine um d
verminderte, auf c gestellte Kette (CJ'P-^), bei welcher die Kurbel a
als cylindrischer Kolben und treibendes Glied, der zum Stege ge-
wordene Schieber c als Kapsel ausgebildet ist. Die Gesammtfor-
mel des Mechanismus lautet hiemach: (CgP-^)« — d + (C'i')i ^^^
der Ausdruck für die Kapselungsweise: (V^) = a^ c. Bei näherer
Betrachtung und Vergleichung mit Fig. 12, Tafel IV. wird man
auch leicht verstehen, warum ein und derselbe Erfinder in beiden
Fällen uns entgegentritt; denn das Getriebe (C'^P-^y — d ist
eine reine Umkehrung des obigen {d^P-^y* — d*). Die Paarung
zwischen c und a ist eine höhere, die Herbeiführung des dampf-
dichten Schlusses also schwierig. Leicht hätte man niedere Paa-
rung und damit gute Dichtungsfahigkeit herbeiführen können,
wenn man nur d nicht weggemindert hätte. Auch hätte sich dann
die gewöhnliche Form des Dampfcylinders nebst Kolben, welcher
etwa zweitheiUg auszufuhren gewesen wäre, anwenden lassen. Ich
darf es nach allem, was wir bereits verhandelt, dem Leser anheim-
geben, diese weit praktischere Form aufzusuchen, ohne indessen
dazu ermuntern zu wollen, dass man die Dampfmaschine so ver-
bessert wieder aufs Tapet bringen solle. Wie die Maschine hier vor
uns hegt, ist sie in hohem Grade unpraktisch, jedenfalls viel un-
praktischer als die alte gewöhnliche direkt wirkende Dampf-
maschine. Was soll man aber zu der merkwürdigen Begriffsver-
schiebung sagen, wenn Herr Shipton sich in seinem Vortrage
vor den Maschinen-Ingenieuren in Birmingham folgendermaassen
äussert: „wenn (wie hier) der Dampf so zur .Wirkung gebracht
werden kann, dass er auf die Kurbel unmittelbar einwirkt, so gibt
das ein einfacheres und geeigneteres Mittel (zur Aus-
nutzung der Dampfkrafb) ab, als das jetzt gebräuchliche^? Dies
sagt er in demselben Augenblicke, wo er zwischen Kolben und
Schwungradachse das konstruktiv so schwierig herzustellende
Parallelkurbelgetriebe eingeschaltet hat!
Die Maschine hat gut gearbeitet; aber es hat, wenn dies lobend
anerkannt und für sie angeführt worden ist, eine Verwechslung
*) Pur die kinematische Sammlung der königlichen Gewerbe-Akademie
habe ich anch die beiden Mechanismen durch ein und dasselbe Modell, eine
in ihren ümkehningen aufstellbare Kette, dargestellt.
368 IX. KAP. ANALYSIKÜNG DER KÜBBKL-KAPSELWEBKE.
zwischen der Bravour der Maschinenbaukimst und dem eigentlichen
praktischen Werthe der Leistung stattgefunden, eine VerwechsluBg.
welche nur zu oft schon bei dem Problem der rotirenden Dampf-
maschine für das Urtheil gewiegter tüchtiger Männer verhängniss-
voll geworden ist.
§. 84.
Kurbel-Eapselwerke aus der rotirenden Erenzschleifen-
kurbel oder oscillirenden EreuzscMeife.
Taf. VI. Fig. 2.
Die rotirende Kreuzschleifenkurbel (siehe §. 72) eignet skh
gar nicht übel zur Bildung der Dampfmaschine und Pumpe. Ja.
sie ist zu beiden zugleich in der Form einer sogenannten Dampf-
pumpe sehr häufig verwendet worden. Fig. 2, Taf. VL führt eint»
solche in schematischer Darstellung vor Augen. Die Kreuzschleiiv
c ist oben und unten als Kolben, der Steg d entsprechend als Ka{>-
sei gestaltet; für die Dampfmaschine ist doppelte Wirkung, för tbc
Pumpe einfache gewählt, im übrigen der Mechanismus normal aitr
gefuhrt Seine unbestimmte Formel ist deshalb die früher (§. 72»
erörterte: ((^'P^)^ die bestimmte: (C5T^)f.
Betrachtet man die Hin- und Herbewegung des Schiebers h m
der Schleife c etwas näher, so bemerkt man, dass er in derselbt^n
wie in einer Art Kapsel nach Kolbenart hin- und hergeht and zwar
mit demselben Schübe, mit welchem c sich gegen a bewegt Bildett-
man also b mit dem Prisma 2 an c als Kolben und c selbst Kap^I
aus, so könnte man auch hier allenfalls ein Druckkraitorgan wir-
ken lassen, und solchergestalt eine kettenschlüssige Todpunktüber-
schreitung (vergl. §. 46) erzielen. Es wäre zu verwundem, wenn
nicht schon ein kombinatorischer Kopf auf diese Idee verfidleti
wäre. In der That hat der Amerikaner Root eine Dampfinaschitio
auf diesen Gedanken gegründet*). Fig. 279 zeigt das Schenu
derselben. Die beiden Kapseln d und c bieten prismatische Räamt-
von rechteckiger Grundfläche, so dass alle Dichtungsflächen Eben<t
werden, ihre Einschleifung also immerhin nicht ganz leicht i«*
Doch sind sie jedenfalls niederen Paaren angehörig, lassen aL<<-
*) Scientiac Americao, New Series. Bd. X. (1S64), 8. 193.
DAMPFMASCHINE TON HOOTB. "369
mit Sicherheit einen dichten Verschluss zu. In der bestimmten
Fonnel haben wir sowohl c als h als treibende Glieder zu bezeich-
nen, und haben deshalb: (C^Pf)n~: Unsere Quelle hält die Ma-
, Fig. 279.
wliine für „die wahre Quintessenz von Einfachheit", ein Urtheil,
flem man nur sehr bedingt beistimmen kann, wenn man den
MaasBstab der praktischen Brauchbarkeit ernstlich mit anlegt
§. 85. .
Korbel-Eapselwerke aus der rotlrenden Kreuzsohleife.
Taf. VI. Fig. 2 bis 6.
Aus der Kette des vorigen Mechanismus wird durch Stellung
auf a die rotirende Kreuzschleife (CjP^)' erhalten, deren Ver-
wendung zu Bewegungszwecken wir in §. 72 besprochen haben.
Auch dieser Mechanismus ist als Kapselwerk, und zwar für die
Dampfin aschine ausgebildet worden.
Fig. 3 zeigt die Dampfmaschine von Witty, 1811 ausgeführt*). Tat.
Denkt man sich aus der Maschine Fig. 2 die Pnmpe entfernt, so
liisst sie sich durch Umkehrung des Getriebes unmittelbar in die
*) Sielie B«vi
s Abhandlungen (18
370 IX. KAP. ANALYSIKÜNG DER KÜKBEL-KAPSELWEBKE.
Maschine Witty's verwandeln. Die Kurbel a wird zum Stege
oder Gestell, der Cy linder d und der Schieber b rotiren, die Kreuz-
schleife c macht ihre uns bekannte!! kardioidisehen BeweguDgen.
Wie wir nämlich aus dem Früheren wissen, sind die Polbahnen
zwischen ihr und a Cardankreise, deren grösserer eben der Schleife
c angehört. Die Kreise sind in Fig. 3 eingetragen. Da wo die
Kreuzschleife c mit d gepaart ist, also im Paare 4, ist sie einer-
seits als blosse Prismenführung , andererseits als Kolben, d.i. als
treibendes Glied ausgeführt, wonach c in den Nenner des Expo-
nenten der Formel zu setzen ist.
Witty scheint die Bewegungsform mit Interesse verfolgt, und
die Punktbahnen der Kreuzschleife aufgesucht zu haben. Denn
Taf. VI. wir sehen ihn eine zweite Maschine, Fig. 4, ausführen (in Hüll),
bei welcher die Kette um den Schieber b vermindert und dafür
mit höherer Paarung zwischen c und a ausgeführt ist Der Steg a
ist mit einem Kahmen ausgerüstet, der nach einer Aequidistanten
einer (verlängerten) Kardioide profilirt ist (vergl. §. 22 und 35).
Die durch den -Mittelpunkt von 1 gehenden Durchmesser der Kar-
dioide sind konstant, weshalb die Stange c mit ihren beiden cylin-
drischen Rollen stets den Rahmen berührt, also in ihm geschlossen
geht. Praktisch brauchbar kann man die Witty'sche Maschine
Fig. 4 gewiss nicht nennen; dennoch ist sie 1858 in fast unver-
änderter Form durch Andrew wieder von den Todten erweckt
worden *).
Beachtet man die exzentrische Stellung der Drehachse 1 in
dem kardioidisehen Ringe, so sieht man, dass es nicht schwer sein
wird, das Glied c als Kolben innerhalb einer Kapsel von kardioidi-
schem Profil wirksam zu machen. Dies ist mehrfach geschehen, u. a.
Taf. Yi. von Franchot in Paris. Fig. 5 zeigt das Schema seiner Maschine.
Das Glied d ist zur Trommel ausgebildet, c ist Kolben, mit seinen
beiden halbcylindrischen Enden an der Kapselwand anli^end
Eine sehr ähnliche Maschine stellte Serkis-fiallian in Paris
1867 aus**).
Woodcock verband wieder zwei d^r in Rede stehenden Ket-
ten mit einander***), siehe Fig. 6, so dass die allgemeine Formel
••^
*) Newton, London Journal of Arts 7. New Serles, Bd. 9 (1859), 8. 3t^-
^) 1861 erhielt er ein franz. Patent auf eine Anwendung der ▼orliegen>
den Maschine als Pumpe, siehe Ihropagation industrieUe, Bd. 4 (1S69) 8. 241 ;
femer über die Bampfinagchine: G^nie industriel Bd. 29 (1865) B. 203.
') Newton, London Journal of ArU 7, Coi^oined Seriei Bd. 23 (1843) 8. »i-
••*^
ROTIBENDE KREUZSCHLEIFE. 371
2 [(CjPJ-)' — 6] ZU lauten hat Das Profit der Kapselhohlung ist
wieder als Aequidistante einer Kai^ioide auszuführen, da die
durchgehenden Schieber von unveränderlicher Länge, und aussen
cylinderformig gerundet sind. Woodcock scheint, den Zeichnun-
gen in unserer Quelle nach, statt der Kardioide einen Kreis ge-
wählt zu haben. Die Annäherung lässt vieles zu wünschen übrig,
wird aber bei etwas elastischen Dichtungstheilen um so genauer,
je kleiner die Exzentrizität oder Kurbellänge a gewählt ist. Wood-
cock hat dieselbe sehr klein gemacht.
Von den vier besprochenen Maschinen haben die drei letzten
die geringste Bedeutung, da die Schwierigkeiten der Herstellung
des kardioidischen Profils sich nicht durch irgend welche damit
erzielte Vortheile rechtfertigen lassen; auch die erste Maschine,
obwohl der dampfdichte Schluss bei ihr nicht schwierig zu bewirken
ist, überhaupt nur niedere Paare in ihr vorkommen, gewährt keine
praktischen Vorzüge.
§. 86.
Kurbel-Kapselwerke ans der rotirenden Bogensohub-
kurbel.
Taf. VI. Fig. 7 bis 12.
Auch'das Kurbelviereck (C^) ist mehrfach als Kraftmaschine
und Pumpe ausgebildet worden, indem man einzelne Glieder zu
Kapsel und Kolben gestaltete. Zunächst sind hier mehrere Ma-
schinen dargestellt, bei welchen die rotirende Bogenschubkurbel
{C'^y als Grundlage dient
Fig. 7 zeigt einen Mechanismus, welcher von Bramah als Taf. vi.
Pnmpe*), von Morgan 1830**) als Dampfmaschine und von Eric-
son ebenfalls als solche ausgeführt wurde***). Die Schwinge c
ist in allen drei Fallen zum Kolben, der Steg d zur Kapsel ge-
macht Die Kolbenbewegung ist eine Oscillation in Kreisbogen um
die Achse 4. Bei Benntzong der Maschine als Pompe hat die For-
mel zu lauten: (C")Z.
*) Laboalaye, dD^maUqne (1S64) 8. 776,
**) Propag. industrielle, Bd. HL (18«S) 8. 151,
***) Johnson, Imperial Cydopacdia: Ericton't feDucylinilrjcal Maria«
Engine, Bescription of the plates, 8. 5.
24*
372 IX. KAP. ANALYßlRÜNG DER KURBEL-KAPS EL WEBKE.
Statt den Kolben aus einem einzigen Sektor zu bilden, kann
man auch gleichzeitig zwei (oder mehr) solche Sektoren anwenden.
Taf. VI. Gray, Fig. 8, gab dem Sektor in dem äusseren Umfang Kugel-
zonengestalt und entsprechend der Kapsel d Kugelform, weshalb
seine Maschine auch sphärische Dampfmaschine genannt worden
ist*). In dieser Formgebung ist irgend ein Vortheil nicht zu
erblicken. Thompson, welcher eine Zwillingsdamp&nASchine
mittelst des Mechanismus bildete **), machte das Glied c zur Kap-
sel, d zum Kolben, ( F-) = d, c Hess aber den Kolben stille stehen,
die Kapsel oscilliren.
Degrand gestaltete den Kolben c als Sektor eines sogenann-
ten cylindrischen Ringes („Globoid-Ring")***), welcher an zwei
Mündungen der Kapsel. cZ durch Stopfbüchsen abgedichtet wurde,
Taf. VI. siehe Fig. 9 f). Die Herstellung bleibt immerhin sehr schwierig.
Fig. 10 stellt die rotirende Dampfinaschine von Dundonald
dar ff). Hier ist die Kette ganz anders verwendet, nämlich die
Kurbel a zum Kolben , sodann aber d wieder zur Kapsel gemacht
Der Mechanismus ist doppelt angewandt, um das unzeitige lieber-
strömen von Dampf nach dem Ausweg hin zu verhüten. Die Kop-
pel b ist in ein bronzenes Dichtungsstück zusammengezogen, nnd
sowohl beim Zapfen 3, als beim Zapfen 2, der Kurbelwarze, nicht
kinematisch geschlossen, vielmehr nur durch den Dampfdruck oder
durch ausserhalb angebrachte Belastung geschlossen. Die Schwinge
c bildet einen in der Kapsel oscillirenden Flügel. Wegen der Kraft-
schlüssigkeit von b hat dit Formel zu lauten: 2l(C7)* — -^U wid
femer (V^)=^a^ d. Man hat nicht zu vergessen, dass die Kurbel
a sowohl seitlich an den Wänden, ab auch aussen am Umfang als
die Kapsel dampfdicht berührend angenommen ist Die Ueinem
Dichtungstheile sind nicht in die Zeichnung eingetragen.
*) G^nie indastriel, Bd. 12 (1856) S. 15; Schweizeriflcb« polyt. Zeitschrift
Bd. I (1856) S. 140; ferner Wood-Gray's Maschine, Genie indnstriel 6d.U
(1859) 8. 317.
**} Newton, London Journal of Arts 7. Conjoined Serie«, Bd. m (l«>^^)
8. 125.
***) Vergl. Berliner Verhandlungen, 1872, 8. 248, Anmerkung 3.
t) Propag. industrielle Bd. 3 (1868) 8. 245; das tnsa. Patent datirt tod
1837.
tt) Bataille & Jullien, Machines A vapeur, Bd. I (1847) 8. 445; fet-
ner Bepertory of Patent inventioni, Snlarged Beries, Bd« II (1^^^'
8. 198.
BOTIBENDE BOGENSCHTJBKUBBEL. 373
Cochrane*hat auch dieser Form der rotirenden Dampf-
maschine seine Aofinerksamkeit zugewandt; Fig. 11 stellt die von Taf. vi.
ihm gewählte Anordnung dar *). Hier sind der Mechanismen drei
vereinigt; die Koppel 6 ist völlig weggemindert, die Schwinge c
selbst auch ähnlich wie vorhin kraftschlüssig mit a zusammen ge-
halten. Den Dampf Uess er durch Kanäle, welche im Innern von
a ausgespart und mit Höhlungen der Achse 1 in Verkehr standen,
ein- und austreten.
Cooke bildete 1868 den Mechanismus (C'IY zunächst als
Dampfmaschine*'"), bei welcher ebenfalls a Kolben, d Kapsel ist,
die Schwinge c aber als gebogener Schieber durch die Gehäuse-
wand aus- und eingleitet, mit dem Ende kraftschlüssig auf. dem
Kolben a aufliegend [Formel: {C"y — b], später aber als Gebläse
in der in Fig. 12 dargestellten Form***). Hier ist die Kette wie- Taf. vi.
der vollständig, indem Kurbel, Koppel, Schwinge und Steg ausser-
halb der Kapsel vollständig ausgebildet sind; ausserdem ist d zur
cylindrischen Kapsel, a zum Kolben ausgebildet, an dessen Umfang
sich ein Fortsatz der Schwinge c stets anlegt Die Berührung
zwischen beiden ist durch ein c angehöriges, aus der Achse 3 be-
schriebenes Cylinderstück vermittelt. Das Cooke' sehe Gebläse
ist in grossen Abmessungen ausgeführt, und dient als Grubenven-
tilator.
Die letztgenannte Maschine ist wohl die einzige unter den in
Fig. 7 bis 12 dargestellten, welche als praktisch bezeichnet werden
kann, weil sie nicht schwer auszuführen und bei den verhältniss-
mässig geringen Druckunterschieden, welche die Grubenventilation *
erfordert, auch leicht genügend dicht zu halten ist.
§. 87.
Korbel-Eapselwerke aus der rotirenden Doppelkurbel.
Taf. VI. Fig. 13 bis 16.
Die rotirende Doppelkurbel (C'^Y ist mehrfach zum Kapselwerk
gestaltet worden; hier sind vier Maschinen dieser Art. vorgeführt.
*) Propagation induBtrielle, Bd. 3 (1868) S. 182; Patdnt vom Jahre 1831.
**) Propagation indostrieUe, Bd. 4 (1^69) S. 337.
•*•) Engineering 1869, 8. 269 und 271.
374 IX. KAP. ANALY8IBIING DER KUItBEL-KAPSELWERKE.
Fig. 13 stellt eine Pumpe, konstruirt von Heppel (Schweiz),
dar *). Sie besteht aus vier vereinigten rotirenden Doppelkurbeb.
Der Gedankengang, der zu der Konstruktion gefuhrt haben mag,
hat eine unverkennbare Aehnlichkeit mit demjenigen, welcher zu
der Maschine Fig. 16 Tafel V. geführt hat. Das ruhende Glied o
ist als Kapsel, die eine der rotirenden Kurbeln, df, als Kolben aus-
gebildet, während die zweite rotirende Kurbel, fe, in Gestalt einer
um den Zapfen 2 drehbaren Scheibe mittelst der Koppel e die an
Geschwindigkeit periodisch ab- und zunehmende Drehung der Kol-
ben vermittelt.
Eine nahe Aehnlichkeit mit der vorstehenden Maschine bat
der vielfach praktisch verwendete Ventilator von Lemielle**K
Taf. VI. Fig. 14. Hier ist auch a als Kapsel, aber nicht d, sondern c als
Kolben gestaltet, und die Kurbel b als eine die Hohlräume in an-
gemessener Weise trennende Trommel ausgeführt Dieselben
Gründe, welche für Cooke's Gruben Ventilator sprechen, gelten
auch für den Lemi eile 'sehen, welcher, in grossen Abmesaungen
ausgeführt, in Belgien und England viele Freunde hat.
Tat'. VI. In Fig. 15 sehen wir eine uralte Pumpe, wiederum von Kä-
me lli herrührend***), dargestellt. Sie besteht aus drei vereinig-
ten Getrieben der vorliegenden Gattung, und könnte so angesehen
werden, als sei sie durch Kettenverminderung aus dem Lemi eil er-
sehen Bade gebildet. Es fehlt ihr nämlich deren Fühning8kiirbel(/.
und auch die höhere Paarung, welche dieselbe ersetzen könnte^ so
dass der Kolben c aussen nur kraftschlüssig anliegt. Die allge-
meine Formel lautet hiemach:
3[(67)--d-£].
Das Ganze ist, mit dem Lemielle'schen Rade zusammen-
gehalten, ein interessantes Beispiel zu der in Kapitel VI besproche-
nen Entwicklungsweise der Maschine, indem die neuere Form de^
Lemielle die kinematische Vervollkommnung der alten des Ra-
melli darstellt.
*) Propagation indiutrielle, Bd. 4 (1869) 8. 85; franz. Patent Ton
Jahre 1855.
**) Siehe Weisbach's Mechanik, Bd. 3, 2. Abth., 8. 1118, wo ein iw«i-
flügliges Lemielle'sches „Kolbenrad** behandelt ist; aach Bin gier, poht.
Journal Bd. 150; sowie Civil • Engineer 'and Architects- Journal 1859. Scft.
(dreiflügliges Bad); auch Civil-Ingenieur I. (1854) 8. 83 (Bechsflugligei BadK
•**) Ramelli, arteftciose Machine (1588), 8. 60.
BOTIRENDB DOFPELKÜBBEL.
375
Fig. 280.
In Fig. 16 tritt uas endlich wieder der nimmer müde Lord Taf. vi.
Cochrane mit einer ah Dampfmaschine gedachten Umgestaltung
der Ramelli'scben Pumpe entgegen. Auch hier fehlt das Glied d
ganz und ist das Glied e wieder kraftechlössig. Die Maschine ist
auf alle Fälle sehr nnvollkommen.
Aus schriftlichen Quellen ist mir endlich noch eine andere,
unstreitig weniger unvollkommene Form der rotirenden Dampf-
maschine bekannt, welche aus
(C^)' gebildet ist Es ist die
in Fig. 280 dargestellte Ma-
schine von Rösky in Elbing.
Die Kette ist nur einmal an-
gewandt, was dazu zwingt, durch
den SteuerungsBchieber den un-
zeitigen DurchiluBB des Dampfes
zu verhindern. Das Glied d ist
kraftschlüBsig an die innere
Kapsel wand angeschlossen. Die
Formel haben wir also, da c
treibendes Glied ist, zu schrei-
ben: (C^)7 — -; für die Kap-
sel- und Kolbenbildung gilt:
(V±) = e,a.
Eapselwerke ans den konischen Kurbelgetrieben.
Unter den zahlreichen Damp&naschinen und Pumpen, welche
wir bis hierher besprochen und analysirt haben, waren viele, welche
sich nach der älteren Methode nur schwer hatten erklären, schwer
beschreiben lassen, und die deshalb sehr vielen Mechanikern mehr
oder weniger dunkel geblieben waren. Neben diesen aber steht
eine Maschine, oder vielmehr eine kleine Reihe von Maschinen, welche
hinsichtlich des Unverstandenseins alle übrigen noch weit hinter
sich zurückgelassen haben. Ich meine die sogenannte Scheiben-
maschine, ^sc-engine ," und die mit ihr verwandten rotirenden
Dampfinaschinen oder Pumpen. Diese Maschinen führen seit ihrer
376 IX. KAP. ANALTSIBUKG BEB KUBBEL-KAPSEhWEBKE.
Erfindung, das ist nun über 40 Jahre, ein räthselyoUes Dasein vor
unsem Augen. Ein berühmter Philosoph der verflossenen Jahrzehnte
soll am Abend seines Lebens von seinen Schülern gesagt habeo,
dass sie ihn sämmtlich, einen ausgenommen, nicht verstanden hät-
ten, jener eine aber — habe ihn falsch verstanden. An diese Anek-
dote wird man bei dem Studium der genannten Maschinen unwill-
kürlich erinnert. Denn auch von ihnen kann man sagen, dass nur
wenige sie verstanden haben, diese wenigen aber, die Erfinder mit
eingeschlossen, falsch !
Diese Maschinen sind nicht ganz selten. Eine derselben stand
1867 auf der Pariser Weltausstellung zur Schau; eine andere Ter-
breitet ihre Wirkungen durch die von ihr umgetriebenen Schnell-
pressen der Times alltäglich über die Welt. Wo aber auch vou
denselben eine erklärende Beschreibung bis jetzt versucht worden
ist, findet man nach meiner Erfahrung ein herakleitisches Dunkel
über das eigentliche Wesen des Mechanismus ausgebreitet Die
sonderbarsten Wendungen und Windungen werden von den Pateüt-
beschreibem gemacht, um von dem, was ihnen eine glückliche
Eingebung geschenkt. Andern eine Vorstellung zu geben ; mit sicht-
licher, manchmal recht verlegener Eile, oft aber auch mit dem ge-
raden Zugeständniss, die Sache nicht verstehen zu können, geht
der Theoretiker, dem die Maschine unter die Feder geräth, üIkt
das kinematische Wesen derselben hinweg.
Die Ursache dieser Unklarheit liegt ganz allein in der bisher
heri^chend gewesenen Methode, die Bewegung selbst beurtheileu
zu wollen, ehe man die sie bedingende Zwangläufigkeit untersucht
hatte. Was wir aber in der Scheibenmaschine und ihren Abarten
vor uns haben, ist nichts anderes als eine Reihe von Kapselwerken,
welche aus dem konischen Kurbelgetriebe gebildet sind. Indem
man ganz so verfuhr, wie wir es oben bei den cylindrischen Kur-
belgetrieben (§. 78) erörterten, nämlich indem man geeignete Ket-
tenglieder als Kapsel und Verdränger gestaltete und die erforder-
liche Steuerung zufügte, erhielt man, und erhält man bis in die
neueste Zeit die verschiedenen Abarten der konischen Kurbel-
Kapselwerke, welche bis jetzt aus der von uns allgemein übersth-
bai-en Reihe zur Erörterung gekommen sind. Bemerkenswerth ist
dass die empirische Findung sich bis jetzt nur innerhalb des be-
schränkten Gebietes bewegt hat^ wo in der Kette (Cf) dreiGüeder
rechtwinklig sind, die Kette also die besondere Form (C^C^) be-
sitzt Es ist die Kette, welche wir oben (§. 75 C) die rechtwink-
DIE SCHEIBENMASCHINE. 377
lige Kreuzgelenkkette genannt haben. Wir stellten dort fest, dass
sich aus ihr drei Mechanismen bilden lassen; zwei derselben sind
von der Spürkraft der empirischen Suche in Kapselwerkform gefun-
den, und mit jener Energie, welche das Problem der rotirenden Ma-
schine einzuflössen yermag, in mehreren Formen auch ausgeführt
worden.
§. 89.
Eapselwerke aus der rotirenden KreuzgelenkkurbeL
Taf. VII. Fig. 1 bis 3.
Die Yorzugsweise mit dem Namen Scheibenmaschine belegte
rotirende Dampfmaschine ist in Fig. 1 dargestellt. Sie wird ge-
wöhnlich als die Davies'sche*), oder auch nach ihrem Verbesse-
rer in jüngerer Zeit die Bishöp'sche Scheibenmaschine genannt.
Die ersten Erfinder sind gemäss den gedruckten Quellen die Brüder
Dakeyne (England), welche 1830 sich die Maschine patentiren
Hessen, und sie sowohl als Dampfoiaschine, wie auch als Pumpe
konstruirten **). Mittheilungen über dieselbe finden sich häufig;
sehr YoUständig ist die bei Johnson***) über die durch Bishop
mit Verbesserungen ausgeführte, oben erwähnte Dampfmaschine,
welche die Times-Druckerei treibt. Wir haben nichts anderes Yor
uns, als das Getriebe {CfC^Y^ oder die rotirende Ereuzgelenk-
kurbel (siehe §. 75, Nr- 15), in welcher das feststehende Glied d als
Kapsel, das Glied 6, die Koppel, als Kolben ausgebildet ist. Es ist
ganz dieselbe kinematische Kette , welche , wenn sie auf a gestellt
wird, die Cardanische oder Kreuzgelenk-Kupplung, auch Hooke'scher
Schlüssel genannt, liefert.
Die Kurbel a ist leicht zu erkennen ; sie dreht sich um den
Zapfen 1 und greift mit dem Zapfen 2 die Koppel h an. Diese
trägt in einem Abstände Yon 90<^ ihren zweiten Zapfen, Nr. 3,
*) In Folge eines bei BernouUi stellenden Druckfehlers, der schon fünf
Aaflagen erlebt hat, nannte man sie bei ans Jahre lang die Darries'sclie
Maschine.
**) Beportoryof Patent inventions, Bd. II. (1831) 8. 1; Newton, London
Joomal of Art« etc. Second Series, Bd. 9 (1834) 8. 19.
***) Johnson, Imperial Cydopaedie, Steam engine, 8. 19, Tafel XII
bis XIV.
378 IX. KAP. ANALYSIBUNG DBB KT7BBEL-KAP6ELWEBKE.
welcher in den Schieber c eingreift. Letzterer seinerseits dreht
sich um eine, normal zur Bildebene gerichtete, also ebenfalls um
90® von 3 abstehende Achse. Das Cylinder- oder, allgemeiner ge-
sprochen, Drehkörperpäar zu dieser vierten Achse ist bei dem
Schieber c nur in Sektorform vorhanden, nämlich einestheils ak
Profilirung des Schiebers c, andemtheils ^als die auf dem Scheitel
der Kapsel angebrachte Gleitbahn desselben. Wir sehen also in
den Gliedern a, 6, c, d die kinematische Kette
vor uns, welche auf das rechtwinklige, dem spitzwinkligen GUede a
benachbarte Glied d gestellt ist.
Wichtig ist nun vor allem das Verständniss der Kapsel- und
Kolbenbildung. Als Kolben ist das Glied b ausgebildet Es hat
die Form einer ebenen Scheibe erhalten, welche zunächst aussen
und innen mit kugelförmigen Schlussflächen die Kapsel d berührt:
ausserdem beschreibt sie bei ihrer Bewegung mit ihren ebenen
Hauptflächen geometrisch zwei Normalkegel als Umhüllungsfiguren
am ruhenden Gliede d. Diese Normalkegel sind als innere Kapsel-
wände-ausgeführt, die in der Nebenfigur bei AUQ und CIK
deutlich erscheinen. Sie werden von den Flächen AB und CD
des Kolbens immer in je einer Erzeugenden berührt, da die Achse
2 stets denselben Winkel a, das Komplement des Kegelspitzenwin-
kels, mit der Achse einschliesst.
M^n darf nun nicht vergessen, dass die geometrische Achse
des Zapfens 8 sich stets in einer Ebene — es ist die Bildebene der
Figur zur Linken — bewegt Parallel zu derselben Ebene ist aber
eine Scheidewand, 4, in die Kapsel hineingesetzt Sie ist von
ebenen Flächen begrenzt, stellt aber nichts anderes vor, als einen
Drehkörper zu einer zur Bildfläche senkrechten Achse, die durch
die Kapselmitte geht Sie ist mit anderen Worten nur eine Fort-
setzung des Drehkörper-Bingstückes 4, in welchem der Schieber c
gleitet. Ja die Fortsetzimg des Schiebers c ist neben ihr ebenfalls
vorhanden, wie die Nebenfigur deutlich macht Letztere Figur ist
eine Projektion auf eine gegen den Horizont der ersten Figur etwas
geneigte Bildfläche; sie lässt deshalb von der genannten Scheide-
wand noch eine Flanke sichtbar. Ausserdem zeigt sie in i^ den
fortgesetzten Schieber e in der Form zweier Cylinderabschnitte,
welche einerseits die Wand EF berühren, andererseits in der
Scheibe h ihren Hohlcylinder finden. Beide Paarungen sind nie-
DIE BCKBIBENMASGHIKE. 379
dere, so dass diese Fortsetzung des Schiebers d geeignet ist, als
Dichtungskörper zu dienen. Zwischen ihm und dem auswendig
liegenden Schieber c besteht kinematisch kein Unterschied; das
Paar 4 ist nur aussen in der Form B^K" (oder CiC"), innen in
der Form HIB"*" (oder CZC^) ausgeführt; und-ebenso ist das Paar
3 aussen als CIC"^, innen als CtC" gestaltet.
Nimmt man nun an, dass die zwischen der Scheibe AB CD
und den Kegelflächen der Kapsel stattfindende höhere Paarung
einen dichten Verschluss abgebe, so ist die periodische Durch-
laufong des Kapselraumes durch den Kolben, geeignet zur Einwir-
kung eines Druckkraftorgans, alsbald einleuchtend. Allgemein
nämlich trennt die Scheidewand EF den huSormigen Raum,
welcher sich auf jeder Seite der Scheibe befindet, in zwei Theile,
von denen der eine Ton Null bis zur ganzen Grösse des Hufes zu-
nimmt, und dann wieder auf Null abnimmt, während ihn der an-
dere Theil ergänzt, also die entgegengesetzten Wandlungen durch-
läuft. Eine passende Steuerung macht demnach die Maschine, sei
es zur Pumpe, sei es zur Ejraftmaschine, und zwar zur doppeltwir-
kenden, geeignet
Ich muss hier einschieben, dass ich den geschlitzten Cylinder L,
welcher kinematisch mit dem Schieber c identisch ist, auf eigene
Gefahr eingetragen habe, indem in den Beschreibungen regel-
mässig nur von einer Liderung oder Packung, und auch von dieser
nicht immer in klarer Weise, die Rede ist. Auch in den oben an-
geführten schönen Zeichnungen bei Johnson fehlt gerade dieser
eine wichtige Punkt. Nach mehreren der
Patentzeichnungen möchte man annehmen,
dass in der Scheibe nur ein radialer Schlitz
von dem hiemeben angedeuteten Querschnitt
angebracht sei. Dies würde der Verminde-
rung der Kette um den Schieber c und der
dafür zugefügten Paarung nach Fig. 270 ent-
sprechen, also analog sein der Verminderung,
welche bei Lamb's Maschine, Fig. 5 Taf.IV,
besprochen wurde. Femer ist zu bemerken,
dass in den ersten (Dakeyne'schen) Aus-
führungen, und auch noch vielfach nachher,
der äussere halbkreisförmige Bügel an 6 nebst
dem Zapfen 3 und dem äussern Schieber c
380 IX. KAP. ANALYSIBÜNG DBB KÜBBEL-KAPöEL WERKE.
ebenfalls fehlt, wo dann die Kette des Gliedes c ganz entbehrt Da
b das treibende Glied ist, hat die bestimmte Formel des Mechanis-
mus zu lauten: (C^C^)^,
Der dampfdichte Schluss an der höheren Paarungsstelle
zwischen Scheibe und Kegelmantel ist schwer herzustellen. Bishop
hat die widerstrebende Aufgabe dadurch zu lösen gesucht, dass er
jeden der Kegelmäntel mit einem vollständigen Panzer von ebenen
Dichtungsplättchen belegte, welche auf die Scheibe aufgeschliffen
sind, und von rückwärts durch nachstellbare Federn angepres>t
werden. Die Bravour der Ausfuhrung scheint über alle Schwierig-
keiten triumphirt zu haben. Man erkennt aber hieran, wie weit
der Reiz des Ungewöhnlichen und Sonderbaren, der die Maschine
umgeben hat und für Viele noch umgibt, zu fuhren vermocht hat
Suchen wir unter den Kapselwerken, welche aus den cylin-
drischen Kurbelgetrieben gebildet worden sind, ein Gegenstück zu
der Scheibenmaschine, so könnte es bei der rotirenden Schleifen-
kur^el (C?J'P^)'* sein, da bei ihr drei unendlich lange Glieder vor-
kommen, welche den drei rechtwinkligen des vorliegenden Mechanis-
mus entsprechen. Indessen ist die Rechtwinkligkeit im konischen
Kurbelgetriebe nicht so entscheidend für die Gliedform, wie die
Unendlichkeit bei dem cylindrischen. Deshalb können wir auch
das entsprechende Beispiel unter den Getrieben (C^P-^)* suchen,
und haben in der L am b' sehen Maschine, Fig. 5 Tafel IV., in der
That etwas ganz Aehnliches wie hier vor uns. Auch dort ist b der
Kolben und das treibende Glied, d die Kapsel; auch dort hat der
Kolben b wegen Wegminderung des Schiebers c den Spalt, welcher
auf dem geraden Stege hin- und hergeht; auch dort konnten wir
das fehlende Glied c durch einen ähnlichen geschlitzten Cylindor
wie hier ersetzen. Es ist sehr belehrend, diesen Vergleich aus-
zufuhren.
In Frankreich hat die Scheibenmaschine durch Bouche*) und
durch Molard**) in einer von der besprochenen etwas verschiede-
nen Form Einfuhrung gefunden ; namentlich der letztere Maschinen-
bauer bemüht sich noch immer, sie als Dampfmaschine zu verbrei-
Taf. vn. ten. Die von beiden gewählte Form ist die in Fig. 2 angedeutete.
Hier ist die Kapsel d über den Cylinder 2 des Gliedes b hinaas au'--
gedehnt, einen an a angebrachten Konus noch mit einschliesseud
*) Propagation industrielle, Bd. III (1868) 8. 244; Patent von lt^35.
*) Rapport du Jury international 1868, Bd. 9, 8. 82.
DIE SGHEIBENM ASCHINE. 381
Letzterer ist übrigens nichts anderes^ als ein zu a regelrecht ge-
höriger Drehkörper, nämlich der Drehkörper 1. Es fehlt Bishop^s
äusserlich angebrachte Koppel b nebst Schieber c. Innerlich am
Spalt der Scheibe scheint aber ein dem Schieber c entsprechendes
Metall-Liderungstück angebracht zu sein *). Der dichte Verschluss
zwischen Scheibe und Kegelmantel ist nur durch sorgfältige Her-
stellung der Flächen erzielt
Fig. 3 zeigt eine ältere Form der Scheibenmaschine, von Taf. vii.
Davies 1837 angegeben und zur Pumpe bestimmt '*'*). Hier ist
das Glied c gänzlich weggemindert, ja auch die Kurbel a wegge-
schafit, dafür aber ein anderes Hilfsgetriebe, welches die Kurbel
ersetzen soll, zugefugt Es besteht aus einer zur Kapselachse nor-
mal gelegten Kurbel mit kugelförmiger Warze, welche mittelst
einer gabelförmig gestalteten Koppel an einer auf b befestigten
Querachse angreift. Die Querachse ist aus konstruktiven Rücksich-
ten nicht normal zum Schlitze der Scheibe gesetzt, ein Fehler, der
sich leicht hätte vermeiden lassen. Es entsteht eine grobe An-
näherung an das genaue Getriebe (Cj-C^y^ welche allenfalls für
eine Pumpe von geringer Druckhöhe ausreicht Die ganze Kon-
struktion ist ziemlich werthlos.
§.90.
Eapselwerke aus dem osoillirenden Kreuzgelenk.
Taf. Vn. Fig. 4 bis 6.
Das oscillirende Kreuzgelenk (Cj-C^y gibt kinematisch Resul-
tate, welche von denjenigen der rotirenden Kreuzgelenkkurbel
(Cj-C^y nicht verschieden sind. Dies wurde §. 75 bereits hervor-
gehoben. Hier habe ich dennoch die beiden Mechanismenklassen
getrennt gelassen , weil wir dabei natürlicher zu den drei folgen-
den Mechanismen gelangen, indem sich dieselben fast ganz wört-
lich als Umkehrungen der vorhin behandelten darstellen.
*) Siehe Tresca, Bapp. s. one machme locomobUe de M. Molard,
Balletin de la soc. d'encooragement , 2. S6rie, Bd. 19 (1872) S. 49. Auch
Tresca nimmt an, dass die Sonderbarkeit ihrer Wirknngsweise dem „vor-
übergehenden Erfolge" der Scbeibenmaschine nicht ftemd gewesen sei.
*^y Newton, London Journal of Arts etc., Gonjoined Series, Bd. XEC
(1842) 8. 18.
382 IX. KAP. ANALY8IEUNG DER KUBBEL-KAP8ELWERKE.
Taf. VII. Zunächst zeigt Fig. 4 eine nur der Erläuterung wegen ein-
geschobene wirkliche Umkehrung des Mechanismus in Fig. l", b steht
fest, die Kapsel d bewegt sich, a dreht sich um 2 statt um 1; der
Schieber c steckt als Liderungscylinder in dem Schlitze der Kol-
benscheil)e an 6. Die Figur wird die Maschine von Duncan*).
Fig. 5, klar machen. Bei dieser ist ebenfalls b feststehend, die
Kolbenscheibe aber als doppelkonischer Körper ausgebildet und
mit einer kugeligen Kapsel ausgerüstet. Femer ist der Drehkör-
per 1 an o, welcher in Fig. 4 als einfacher Cylinder ausgeführt ist
hier als Doppelkegel zur Achse A A gestaltet, welcher das 6hed d
ebenso oscilliren macht, wie dies bei Fig. 4 geschah. In der Mit-
telwand von b hat man sich wieder den Schieber c als Liderungs-
cylinder, mit senkrechter Achse versehen, untergebracht zu den-
ken. Duncan scheint ihn durch eine Hanfpackung ersetzt zn
haben.
Tai*. VII. Fig. 6 zeigt wieder eine Methode, bei der vorliegenden Anord-
nung oder vielmehr derjenigen in Fig. 4, die Kurbel durch eine —
mangelhaftere Einrichtung zu ersetzen. Sie ist von Davies 1837
neben der obigen Pumpe, Fig. 3, angegeben imd besteht ans einem
Cylinderpaar und vier Kugelgelenkpaaren, also einer Kette {Cdl
welche das Glied a zu ersetzen bestimmt ist Von Gossage ist
1838*'*') in Frankreich auf eine ähnliche Einrichtung, welche als
Dampfmaschine dienen sollte, ein Patent genommen worden.
Hätten Davies und Gbssage bemerkt, wie viel leichter die in
Fig. 4 angedeutete blosse Umkehrung der Kette zum Ziele führte,
so hätten sie wohl nicht zu den verwickelten Ersatzmitteln der
Kurbel gegriffen.
§. 91.
Eapselwerke aus dem rotirenden Ejreazffelenk.
Tafel Vn. Fig. 7 bis 12.
Von den noch übrigen beiden Feststellungen der Kreuzgelenk-
kette hat die auf das Glied c keine Liebhaber unter den Erfindern
rotirender Dampfmaschinen gefunden, wohl aber, und zwar ent-
*) Clark*s Table of mechanlcal motions, Nr. 61 und 62.
**) Propagation induBtrieUe, Bd. 3 (1668) B. 246.
YEBSCHIEDENE ROTIRENDE DAMPFMASCHINEN. 383
sprechend reichlicher, die dritte der Feststellungen, diejenige,
welche das Getriebe {C^C^y liefert Es ist dies der Mechanismus
der Kreuzgelenk-Kuppelung oder des Hooke'schen Schlüssels, der
unerkannt zu den folgenden sechs Maschinen gestaltet worden ist.
Fig. 7, rotirende Dampfmaschine von Taylor und Davies*). Taf. vii.
Die Kapsel- und Kolbenbildung ist zunächst ganz wie in Fig. 1 aus-
geführt, das Liderungsstück c, nehmen wir an, mit einbegriffen.
Es ist aber die Kurbel a zum Stege gemacht, worauf nun sowohl
der Kolben 6, als die Kapsel d, den Schieber c mit herumführend,
reine Drehbewegungen machen. Sie entsprechen thatsächlich den
beiden Wellen der Kreuzgelenkkupplung, der Schieber c aber,
welcher bekanntlich aus zwei rechtwinklig gekreuzten Drehkörpern
besteht, dem Gelenkkreuze.
Fig. 8, rotirende Dampfmaschine von Lariviere und Braith- Taf. vn.
waite "*"*). Hier ist a, das feststehende Glied, als Kapsel ausgebil-
det und über die beiden rotirenden Glieder h und d sowie den
Schieber e hingeführt Von beweglichen Gliedern ist nur d äusser-
Uch sichtbar gelassen. Die Scheidewand an d, entsprechend dem
Drehkörper 4, ist diametral durchgeführt, was eine Doppeltwirkung
des Dampfes ermöglicht, ohne dass die zweite, hier zur Linken
gelegene Seite der Scheibe h benutzt wird.
Du clos '*'**) formte, siehe Fig. 9, ebenfalls das Glied a als Taf. vn.
Kapsel, liess aber die Achse von h nach aussen treten und gestal-
tete das Glied d bloss als rotirenden Flügel. Man vergesse nicht,
dass der Doppelkegel 1 an a den einen Drehkörper, das Ebenen-
paar, welches den Flügel d begrenzt, den zweiten Drehkörper dar-
stellt, aus welchem das Glied d besteht
Sehr ähnlich mit Duclos^ Maschine ist die, mir nur aus
schriftlichen Mittheilungen bekannte Maschine von Küster,
Fig. 10. Hier ist die Kapsel nur, statt ein Doppelkegel mit sphäri- Taf. vn.
sehen Begrenzungen zu sein, ein Globoidring oder sogenannter
cjlindrischer Ring, der Kolben d ein ebener Sektor eines solchen.
lieber die Liderung, welche in dem Schlitze der Scheibe an h den
Kolben d umschliesst, liegen mir keine näheren Einzelheiten vor;
sie scheint sehr mangelhaft
*) Newton, London Jonmal of Arts etc., Conjoined Beries, Bd. 18
(1841) 8. 97, Patent vom Jahre 1836; femer dasselbe Werk Bd. XIX. 8. 18
kleine Yerbessenmgen angebend.
') Propag. industrieUe, Bd. 3 (1868) 8. 211.
**) Propag. indostrieUe, Bd. 4 (1869); Patent vom Jahre 1867.
**\
384 IX. KAP. ANALYSIRUNG DER KÜRBEL-KAPßELWEBKE.
^ Fig. 11, rotirende Dampfmaschine von Wood*). Sie ist sehr
nahe verwandt mit der Maschine von Duclos, Fig. 9. Nur ist hier
das Kreuzgelenk c nicht als Liderungskörper, sondern als Mitneh-
mer ausgeführt. Deutlich wird seine Zusammensetzung ans zwei
einander kreuzenden Drehkörpern 3 und 4 erkannt; die Scheibe h
hat einen nach Fig. 281 profilirten Schlitz zum Durchlassen des
Kolhens d. Die Kapsel a hat als ersten Drehkörper den Doppel-
kegel 1 zur Achse A -4, als zweiten die Lagerung 2 der Triebachse
an b. Ich muss hier bemerken, dass ich von der Wood'schen
Zeichnung etwas ahgewichen bin. Diese zeigt statt des Kreuz-
armes 4 die beiden konvergenten Kreuzarme 4', welche in der
Nebenfigur angedeutet sind. Der Mechanismus ist aber bei dieser
Einrichtung nicht beweglich, indem der Kolben c*, so wie er ist
am Scheitel und im Grunde der Kapsel nicht durchschlüpfen kann.
Denn da c' vermöge der Achse 3, welche Wood ausdrücklich sehr
fest baut, gezwungen ist, immer in der Ebene der Achse 2 zn
bleiben, müsste die Breite des Kolbens periodisch bis auf die wahre
Kapselweite ab- und wieder auf die gezeichnete Breite zimehmen.
um überall zu schliessen. Aus dem Vorhandensein dieses Fehlers.
zu welchem sich bei näherem Eingehen noch andere gesellen wür-
den, geht hervor, dass die Maschine trotz ihrer breiten und sehr
zuversichtlich ins Einzelne gehenden Darstellung bei Bataille nie-
mals in Betrieb gewesen ist.
Fig. 12 zeigt als letztes Beispiel eines der jüng^sten Erzeug-
nisse der schaffenden Erfindungslaune , welche durch das Problem
der rotirenden Maschine stets noch wach erhalten ist Es ist die
rotirende Dampfmaschine von Geiss in Gebweiler**), wo dieselbe
in dauernder Thätigkeit sein soll. Die Kapsel a ist halbkugelltir-
mig. Das Glied 6, dessen Fortsetzung als Schwungradachse dient
endigt in einem Kegel mit kugelförmigem Knopf. In diesem ist
das normal zur Achse 2 gerichtete Gelenk für die Kolbenscheibe c
angebracht, welche die Halbkugel quer durchsetzt Was wir vor
uns haben, ist das rotirende Kreuzgelenk, bei welchem die Achsen
der Drehkörper 1 und 2 einen Winkel von 45® einschliessen.
Deutlich ist das Drehkörperpaar 2 erkennbar, weniger leicht das
Paar 1; von diesem ist indessen auch nur ein Drehkörper vor-
*) Aasführlicb beschrieben bei Bataille u. Jullien, Mach, k va^^eir
(1847) Bd. I. S. 447.
*) Propag. industrielle, Bd. 5 (1870) 8. 132.
*•^
BOTIBENDE DAMPFMASCHINE YOK OEISS. 385
banden, und zwar in der ebenen Abschlussscheibe, einem Plan-
kegel zur Achse 'A A, Somit hat das Glied a denn die Form :
CT. . . Z . . . C"" oder strenger JST®. .. jL...C~
Das Glied b besteht aus zwei zu einander rechtwinkligen Dreh-
körpern 2 und 3, letzterer in den kugelförmigen Knopf eingebettet.
Das Glied d fehlt; die Kette ist also um dasselbe vermindert, und
die allgemeine Formel demnach zu schreiben: (Cj-C^y — d. Eben
wegen dieses Mangels von d fehlt auch der zweite Drehkörper zu 1.
Die Wegminderung des Gliedes ist durch eine höhere Paarung
zwischen c und a ausgeglichen und zwar in Gestalt der Ab-
stumpfung der vorderen Kante des Kolbens c gepaart mit einem
Plankegel an das Glied a. Der hierbei erzielbare dichte Verschluss
kann kaum anders als mangelhaft sein. Leicht wäre es gewesen,
durch Beibehaltung von d als Liderung8ki)rper den Schluss mit-
telst niederer Paarung zu bewirken ; die beiden Nebenfiguren zeigen,
wie man etwa d anordnen könnte. Uebrigens lässt meine Quelle
an Genauigkeit zu wiinschen übrig, so dass die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen ist, dass an der Maschine etwas Aehnliches wirk-
Uch vorhanden wäre.
In den letzten sechs Maschinen haben wir als Kolben einmal ft,
viermal d und einmal c, als Kapsel einmal d und fünfmal a an-
wenden sehen.
Die Form der Kapsel haben wir einigemal wechseln sehen,
obwohl im allgemeinen die Doppelkegelform den Vorzug erhalten
hat und wohl von vielen für wesentlich und unerlässlich angesehen
worden ist Diese Form hat ohne Zweifel den Erfindern und Ver-
besserem viel zu denken gegeben. Es wurde ihnen ungemein
schwer, sich von der ungewöhnlichen halb rollenden, halb gleiten-
den Bewegung der Scheibe eine befriedigende Vorstellung zu
machen. Davies glaubte eine wirklich rollende Bewegung wie
bei den Zahnrädern vor sich zu haben. Wir können dies daraus
entnehmen, dass er 1838 sich eine als Pumpe dienende Scheiben-
maschine patentiren liess, in welcher sowohl die Platte als die
Kegelmäntel wie konische Räder verzahnt waren *). Er rechnete so-
mit die Maschine in die Klasse der im folgenden Kapitel zu besprechen-
den Kapselräder. Die Scheidewand gestaltete sich dabei gleichsam
als ein Radzabn, welcher einem der beiden Kegel angehörte, der
*) Newton, London Journal of Arts 7. Gonjoined Beries, Bd. 19 (1842)
Seite 153.
Renleans, Kinem*tlk. 26
386 IX. KAP. ANALYSIEUNG DER KURBEL-KAPSEL WERK«.
Schlitz in der Platte als eine Zahnlücke in dem Doppelrade L Bald
hat Da vi es aber wohl bemerkt, dass dabei an einen guten Schluss
zwischen Schlitz und Scheidewand nicht zu denken war, was aii<
der besonderen sphärisch cykloidischen Form, die 4Üe Radzähn»»
erhalten müssten, folgt; er hat denn die ganze Idee auch augen-
scheinlich rasch wieder fallen lassen. Interessant ist es immer-
hin, sich zu fragen, wie der Kolben und die Kapselwäude protilirt
sein müssten, xlamit sie nur gegenseitig rollen. Diese Frage bt
keine andere, als die nach den Axoiden zwischen den Gliedern b
und d der Kette (Cj-C^).
Die fraglichen Axoide sind aus den sehr bekannten Formeln
für die Relativbewegungen in der Kreuzgelenkkupplung unschver
zu bestimmen. In letzterer ist das Glied a festgestellt; die GUetler
b und d drehen sich mit solchem Winkelgeschwindigkeitsrerhäh-
niss, dass, wenn die zusammengehörigen Drehwinkel mit o und »i
bezeichnet werden,
~^ = cos a
ig o
ist, wenn noch a den Winkel zwischen den Achsen von b und </.
d. i. den Winkel des Gliedes a bezeichnet*). Hieraus berei-hnt-t
sich das Verhältniss der Winkelgeschwindigkeiten w und ffj d»T
beiden Achsen wie folgt:
w?i cos a
w 1 — sin ^a sin *a
Diese Formel drückt zugleich das Verhältniss der Abiitüiuli'
der einander berührenden Axoidpunkte von ihren )>ezüglicbeD
Drehachsen aus. Verfahren wir zunächst so, als ob nicht zvei
konvergirende , sondern zwei parallele Wellen Axoide trügen,
welche Fahrstrahlen von dem genannten Verhältniss besäsMn.
oder mit anderen Worten, reduziren wir zuvörderst die Axoide aal
parallele Achsen (vergl. §. 9), so erhalten wir als Polbahnen od»r
Normalschnitte der Axoide Kurven von der in Fig. 282 dargestell-
ten Gestalt. In der gezeichneten Lage ist das Verhältniss irpr
in einem Maximum, bei der Berührung von B und Bi wird es »nb
in einem Minimum beAnden, nach einer weiteren Drehung um *»*
tritt wieder ein Maximum , nach dem dritten Rechtwinkel wieder
ein Minimum ein.
Siehe meinen Konttruktenr, III. Aufl. 8. 261.
AXOIDE HEB KHEUZGELENKE8. 387
Die Polhabnen lassen sich ohne grosse Schwierigkeiten aut
die zu suchenden Axoide übertragen <'). Dies ist in Fig. 283 ge-
#1^. 282.
schehen. Die heiden Axoide ABC und Ai Bi Ci sind der Form
nach kongruent, stehen aber in der gezeichneten Lage um 90«
Flg. 283.
verschieden gegen die Bildebene. Es soll durchaus nicht empfoh-
len werden, bei der Scheibenmaschine etwa die Kolben- und Kap-
selprofile nach diesen Ajcoiden zu gestalten; vielmehr soll nur eine
Vorstellung von der jeweiligen Gleitung zwischen h und d gegeben
werden. Die Starke dieser Gleitung ist aus der Figur zu ermessen,
wenn man bedenkt, dass man bei der gewöhnlichen Scheiben-
maschine b als Planscbeibe, d als Kegel vom Spitzeuwinkel 90 — a
profilirt hat ~ Ebenso interessant wie das vorliegende ist das den
Gliedern a und c zugehörige Axoidenpaar ; seine Profile stehen dem
Cardanischen Ereispaar der Kreuzschleifenkette (C'^P^) als ana-
log gegenüber.
388 IX. KAP. ANALYßlBUNG DBB KUBBEL-KAPSELWEBKE.
§. 92.
üeberbliok über die gewonnenen Resultate.
Die Fülle der Formen, in welchen, wie wir gesehen haben, ein
einziger Grundgedanke bei den Kurbel - Kapselwerken in die
Erscheinung tritt, zeigte sich so gross, dass unsere Untersuchang
nothgedrungen weitläufig geworden ist. Ja, ich kann mich sogar
für die Vollständigkeit der gemachten Aufzählung nicht einmal
verbürgen. Ich könnte mit Uhlands Karlsritter sagen:
Wer suchen will im wilden Tann,
Manch' Waffenstück noch finden kann,
I«t mir zuviel gewesen.
Obendrein zeigt eine Vergleichung der wirklich vorhandenen
und geschilderten Maschinen, dass nicht einmal sämmtliche noch
leicht ausführbaren Umkehrungen der vorhandenen Formen statt-
gefunden haben und noch lange nicht alle Analogien ausgeführt
worden sind: wir haben somit die Aussicht, die rastlose Empirie
noch eine Reihe neuer Kurbel-Kapselwerke ans Tageslicht fordern
zu sehen.
Was dem gegenüber . unsere Analyse uns geleistet hat, ist
nicht unerheblich. Sie hat uns vor allem zu dem leitenden Ge-
setze geführt, welchem die sämmtlichen Erfinder und Verbesserer
der betrachteten Maschinen unbewusst, ahnungslos gefolgt sind.
Warum sie gerade in so grosser Mehrzahl, ohne es zu bemerkeu,
das Kurbelgetriebe als Grundlage gewählt haben, bleibt einer
spätem Untersuchung aufbehalten. Einstweilen haben wir es
erreicht, den grossen Wirrwarr, welcher in dem aufgehäuften Stofte
entstanden war, in Ordnung und Gesetzlichkeit aufzulösen. I>ie>e
letztere wurde dabei nicht willkürlich oder äusserlich gewählt« sod-
dem aus dem eigentlichen Wesen der Maschinen entwickelt; deshalb
gilt sie auch von den noch kommenden Formen derselben Maschinen-
gattung, die sogar sich auch wissenschaftlich jetzt schon bestim-
men lassen ^^). Zugleich ermöglicht uns die gefundene Gesetzlich-
keit, uns ein klares Urtheil über den Werth der einzelnen Maschinen
zu bilden. Einige wenige unter der grossen Menge erwiesen sich
als praktisch werth voll; viele dagegen sind für die ihnen gegebene
Bestimmung nicht geeignet oder stehen doch anderen Lösungen
EN T WICKLUNG 8 VERFAHREN. 389
hinsichtlich ihres praktischen* Werthes bedeutend nach. Die voll-
ständige Wahnhaftigkeit der angeblichen Vortheile mancher Maschi-
nen hat sich klar herausgestellt Aber selbst die praktisch werth-
losen Maschinen haben der wissenschaftlichen Kinematik, und
damit dem grossen Ganzen, einen Dienst erwiesen. Denn erst die
grosse Zahl der Fälle war es, welche einestheils nachdrücklich
zur Aufeuchung des allgemeinen Gesetzes aufforderte, andemtheils
die unerlässlichen Beispiele lieferte.
Ich glaube dass wir hoffen dürfen, nach Erkenntniss der Ge-
setzmässigkeit und nach Verbreitung dieser Erkenntniss die Plan-
losigkeit des Suchens nach neuen Lösungen sich vermindern und all-
mählich verschwinden zu sehen, und dass die wissenschaftliche Beur-
theilung der rotirenden Dampfmaschinen und Pumpen aus den vor-
stehenden Untersuchungen eine Verschärfung gewinnen könne. Aus-
serdem haben wir in den beiden letzten Kapiteln bereits lehrreiche
Einblicke in das Verfahren gethan, auf synthetischem Wege un-
mittelbar zu neuen Maschinen zu gelangen. Bei der Ausführung
der Analyse ergaben sich unwillkürlich einzelne Anwendungen der
Synthese. Es wurde also theilweise schon jene in der Einleitung
besprochene Möglichkeit, dass das Erfinden im bisherigen Sinne
durch ein wissenschaftliches Entwicklungsverfahren ersetzt werden
könne, thatsächlich nachgewiesen. Wir werden weiter unten,
Kap. XIII, hierauf zurückkommen.
ZEHNTES KAPITEL.
ANALYSIRUNG DER KAPSELRÄDER
WERKE.
§.93.
Verkettung der Zahnräderwerke mit DruckkraftorganeiL
Die zwangläufige Bewegung eines Druckkraftorgans vermöge
Einschliessung desselben in ein Kapselwerk ist nicht auf den Kreis
der Kurbelgetriebe, wo wir das Prinzip in voller Entvidcklung fan-
den, beschränkt, sondern ist auch auf andere Getriebe anwendbar
und hat daselbst zahlreiche Verwendungen gefunden. In der
That können auch sehr verschieden geartete Mechanismen sich
dazu eignen, dass man eines der als feste Körper ausgeführten
Kettenglieder durch ein Druckkraftorgan ersetzt. Das oben (§. Tj^I
besprochene Prinzip der passenden Bildung einer Kapsel tritt da-
bei ganz wie früher in Kraft und kann unter Umständen zu recht
günstigen Resultaten und für die Praxis recht geeigneten Maschi-
nen führen. Eine interessante Reihe von Erfindungen , welche aui
diesem Wege zwar nicht entstanden sind, aber so entstanden ge
dacht werden können, haben wir in denjenigen Maschinen vor uurs
welche man aus der Kette (JB.C,) bilden kann. Die früher un-
bekannt gebliebene Verwandtschaft einer grösseren Anzahl der-
selben untereinander habe ich seiner Zeit nachgewiesen und dio
[
METHODE DER RÄDERKAPSELÜNG. 391
Maschinen dieses Kreises Kapselräder oder Kapselräderwerke
genannt*).
Ein Kapselräderwerk entsteht aus der in geeigneter Weise
zum Getriebe gemachten Kette (B.Cj) dadurch, dass man mit dem-
selben ein Druckkraftorgan verkettet, indem man eines der Glieder
zur Kapsel ausbildet, das Druckkraftorgan in die Zahnlücken
eintreten und mit denselben fortschreiten lässt, und darauf das-
selbe vermöge des ZahneingrifiTes wieder daraus verdrängt. Als
Kolben oder Verdränger tritt demnach eines der beiden Zahnräder
oder treten beide Zahnräder auf, während der Steg G C sich
zur Bildung der Kapsel darbietet Diese allgemeine Aufgabe lässt
Dothwendigerweise eine Menge von Lösungen zu. Das entstehende
Getriebe kann alsdann, wie wir bereits bei den Kurbelgetrieben
fanden, eben sowohl zur Beförderung des Druckkraftorgans (Pumpe)
wie auch als Kraftmaschine, welche durch dasselbe betrieben wird,
dienen, oder auch zu noch anderen Zwecken gebraucht werden.
Der allgemeine Karakter des Getriebes wird bei den verschiedenen
Benutzungen immer derselbe sein, die besondere Einrichtung in-
dessen von dem jedesmaligen Zwecke abhängen. Einige der wich-
tigsten Kapselräderwerke wollen wir nun hier in Kürze besprechen.
§. 94.
Das Pappenheim'sohe Kapselrad.
Taf. VIII. Fig. 1 und 2.
Am nächsten bietet sich zum Kapselräderwerke dar das Stirn-
rädergetriebe {C^C'^)% Fig. 284 (a. f. S.), der geometrisch einfachste
F'all von {R^C*i)<i und zwar in der Form, dass man die Räder
a und b gleich gross macht und den Steg c zu einer die Räder bis
auf einen Ein- und einen Auslasskanal rings umfassenden Kapsel
gestaltet. Als Urbild des Kapselräderwerkes oder älteste Form
desselben finden wir daher die in Fig. 1 und 2, Taf. VIII, schenia-
♦) Siehe Berliner Verhandlungen, 1868, S. 42, Die Abhandhing über
die Kapselräder legte ich damals vor, ohne mich der kinematischen Zeichen-
sprache bedienen zu können. Der Leser wird beim Vergleicli bemerken, dass
<Ue damalige Mittheilung sich ihrem Inhalt und Sinne nacli eng an die vor-
iie(i:enden Erörterungen auschlieast, obwohl ich liier Iwträchtlich weiter gehen
darf, aU es dort möglich war.
392 K. KAP. ANALTBIRDHG DEB KAP8ELBÄDEB WERKE,
tisch dargestellte Konstruktion. Zwei kongruente Stimrädera und 6,
deren Verzahnung ohne Spielraum ausgeführt ist, sind in me
Fi);. 284.
-■^Tvrö
Kapsel eingeschlossen, welche die Räder an den Zahnscheiteb mit
zwei halbcylindriscLen Kröpfen umfasst, mit zwei auf verschiede-
nen Seiten der Eiugriffstelle liegeiiiieu Kanälen c' und c" versebcn
ist, und die Räder an den Endflächen dicht schliessend herülirt.
Die Achsen der Räder gehen mit dichtem Verscliluss nach ansseu.
und sind dort mit zwei gleichen Stirnrädern «i und &, Idnematiscti
verbunden. Wird nun eine der beiden Achsen, z. B. die von a in
Umdrehung versetzt, so dreht sich die von b mit gleicher Winkel-
geschwindigkeit in entgegengesetztem Sinne mit. Findet die Dre-
. VIII. hung in dem in Fig. 1 durch Pfeile angedeuteten Sinne statt, und
denkt man sich den Kanal c" mit einem Wasserbehälter in Ver-
bindung, so werden durch die beiden Rüder a und b die Was>er-
inlialte der Zahnlücken von cf nach c" hin fortbewegt Wogen des
dichten Verschlusses an der Eingrifistelle bei mn kann dasellist
kein Wasser rückwärts treten; also muss solches hei c" hinaus-
getrielieu werden. Die Maschine kann daher als Pumpe dienen,
und bietet als solche die Bequendichkeit dar, sowohl keine Ven-
tile zu haben, als nur rotirende bewegliche Theile zu besitzen.
Die Zahnformen von a und b köunen ohne Schwierigkeit *■>
gewählt werden, dass immer in der Gegend von mn wenigstens in
einem Profilpunkte Berührung stattfindet, nnd dass dieser Punkt
olinc abzusetzen das ganze Radprotil durcldäufl. Unter dieser
Voraussetzung, welche durch das in Fig. 1 angegebene Zahni-mhl
erfüllt wird, gelangt kein Wasser von c" zwischen a und b liiu-
durch nach c* zurück. Die Wasserlorderung von c* nach c" liin
finilet dann aber proportional der Drehung der beiden Räder st,itt.
Wird diese gleichförmig ausgefülirt, so tritt bei c" ein stetifiiT
Wasserstrahl aus, weshalb das Pumpwerk recht gut als Sprilw
gebraucht werden kann.
DAS PAPPENHEIM'sCHE KAPSELBAD. 393
Das Wasservolumen, welches bei einer Umdrehung gefordert
wird, ist gleich dem Inhalt der Zahnlücken beider Räder, oder, da
die Zahnlücken hier sehr nahe denselben Körperinhalt haben wie
die Zähne, annähernd glerch dem Inhalt des Cylinderringes,
welcher zwischen dem Zahnsoheitelcylinder und dem
Zahnfusscylinder oder Badboden eines Rades liegt. Die-
ser Inhalt heisse kurz der Zahnringinhalt.
Will man also die Wasserforderung gross machen, so kann
dies bei Erhaltung aller Durchmesser durch Verbreiterung der
Pumpräder a und b in der Achsenrichtung geschehen. Eine sorg-
faltige Herstellung vermag die durch Unrichtigkeiten herbeigeführ-
ten Wasseryerluste auf ein unschädliches Maass zurückzuführen,
namentlich wenn die Druckhöhe nicht gross und die Winkelge-
schwindigkeit der Räder nicht zu klein ist Hiemach liefert also
die vorliegende Einrichtung eine in manchen Fällen recht brauch-
bare Wasserpumpe.
Als solche ist die Maschine schon beträchtlich alt. Weis-
bach nennt sie*) die Bramah'sche Rotationspumpe, welche von
Leclerc verbessert sei (durch Einsetzung von Dichtungskeilen an
den Zahnscheiteln); andere nennen sie die Leclerc'sche Pumpe.
Hiemach würde ihre Erfindung auf das Ende des vorigen Jahr-
hunderts zurückzufuhren sein. Aber schon 1724 wird die Pumpe
von Leupold**) als alt beschrieben und „Machina Pappenheimiana''
betitelt, und zwar unter folgender Ueberschrift: „Eine Capsel-
Kunst mit zwei gehenden Rädern, von D. BechernMachina
Pappenheimiana genannt" Nun ist das Becher'sche Werk***)
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erschienen; ausserdem
aber beschreiben Kircher, Schott f), Leurechin, und nach die-
sem Schwenter in seinen „mathematischen Erquickstunden" vom
Jahre 1636, S. 485, dieselbe Maschine mit der Abänderung, dass
die beiden Pumpräder vier statt sechs Zähne haben, ohne Anfüh-
rung des Namens Pappenheim. Hiemach ist die Maschine heute
*) WeiBbach, Mechanik, III. S. 843.
**) Theatrum mach, hydraal. Tom. I., S. 123.
***) Trifolium Becherianum, welches auf der Königl. Bibliothek in
Berlin leider nicht zu finden.
f) Kaspar Schott, Mechanica hydraulica pneumatica, Mainz 1657.
Die in einem kleinen Kupferstich wiedergegebenen Räder haben hier 19 Zähne;
der gelehrte Pater hat den „Wasserspeier** als Pumpe in „römischen 0 arten",
wörtlich „in hortis romanis" (?) in Anwendung gesehen.
394 X. KAP. ANALYSIEUNG DER KAP8ELBÄDEBWERKE.
schon Über 230 Jahre alt; sie war zur Zeit des 30jährigen Krieges
schon bekannt, und scheint nach allem eine deutsche Erfindung.
Ob ihre Erfinder Pappenheim geheisson, oder ob sie nur nach
irgend einem Pappenheimer benamset* worden, bleibt noch festzu-
stellen; ohne Frage kann man sie die Pappenheim'sche Pumpe
auch ferner nennen. In Frankreich nennt man als Erfinder den
Grollier de Servieres mit dem Datum 1719*). Doch ist die<f
Jahreszahl nur die des Erscheinens der Beschreibung, welche der
jüngere Grollier de Servieres von dem mechanischen Kabinet
seines Grossvaters gibt , ohne diesen als den Erfinder zu bezeich-
nen**). Das genannte Kabinet scheint in den 30 er Jahren des
17. Jahrhunderts begründet worden zu sein.
Ich will noch bemerken, dass die beiden aussenliegenden Zahn-
, rüder ai und bi sowohl in dem schönen Kupfer bei Leupold als in
dem winzigen Holzschnitt bei Schwenter fehlen, bei Bramah und
Ledere übrigens auch. Dieselben können zur Noth wegbleil^en.
da die Pumpräder einander allenfalls auch gegenseitig mitnehmcu
können; indessen entstehen dabei doch in der in Fig. l gezeichne-
ten Stellung Klemmungen, welche die Zähne bald beschädigtn.
Deshalb ist durchweg zu empfehlen, die Triebräder «i und bi an-
zubringen; ihr Vorhandensein ist auch bei den übrigen auf
der Tafel dargestellten Kapselrädern angenommen. Wie
die Zahnprofile der Pumpräder a und b zu formen sind, lehrt die
Theorie der allgemeinen Verzahnung ***). Hier sei nur soviel be-
merkt, dass in Fig. 1 die Zahnkopfprofile (wie in Leupolds Zeich-
nung) als Halbkreise angenommen, und die Zahnfussprofile dazu u«'-
sucht sind; auch sie untei-scheiden sich nur sehr wenig von Kreisbogen.
Ausser als Wasserpumpe oder Pumpe für tropfbare F1üv>il'-
koiton kann man die Pappeuheim'sche Maschine auch für da^
Fortbowoj^en gasförmiger Körper gebrauchen, z. B. als Luftpump*
oder Windrad, als Gaspumpe u. s. f. Auch kann man ihreThäti'.:ktit
umkehren, sie durch die Flüssigkeit treiben lassen, ansUitt let/t»T»
durch sie fortzubewegen. Die Ma>chine dient dium als Kra:t-
masohine, uiul zwar als Wasserkraflmaschine (Kapselradturbine vk
•) Si»'lio rn>pa:r. imhi^trielle (l^^i^) III. 8. *J0.
•') Sioht* K\\)taiik, Ii\«li-;uiIio auil otlier Diachiues, IH. Auflas»* (!•*'
•••) Siohe X. B. inoineii Ki>ii>ti'uktt'ur. S. 4li» der iJ. Auflag«*,
t) Kino Ain\oi)«iuii>j: lUiulitcn ii. a. Renaiid, Blancliet und Itift.
r.urtii \oin .iO. Äl.ii IM 7» 5«ioht» HrtMeis d iiixoiitioii, T. XXIV. Vatk 1^
DAS PAPPBNHEIM'sCHE KAPSELBAD. 396
wenn sie durch Wasser bewegt wird, als Dampfinaschine (rotirende),
wenn Dampf die Treibflüssigkeit ist Die letztere Anwendung hat
Murdock, ein Zeitgenosse Watt's, versucht, indem er die Zahn-
köpfe mehr den Kapselwänden anschliessend formte, und Dich-
tttngstheile an den Zahnscheiteln einsetzte. Die Wii*kung kann
nur gering sein, weil der Verschluss an der Eingriffstello mn für
eine gasförmige Flüssigkeit von hoher Spannung nicht genügt; die
Murdock'sche Kapselrad -Dampfmaschine ist deshalb nicht in die
Praxis eingedrungen.
Eine dritte Anwendung liegt zwischen der Pumpe und der
Kraftmaschine. Das Kapselräderwerk kann nämlich wie jede Pumpe
auch als Messwerkzeug gebraucht werden ; es gibt bei guter Ausfüh-
rung einen Wassermesser ab, indem die Zahl der Umdrehungen,
welche die Pumpräder, getrieben von einem durchfliessendon
Wasserstrom, machen, dessen Inhalt gemessen durch den Zahn-
ringinhalt als Einheit angibt. Wir werden weiter unten eine der-
artige Anwendung des Kapselräderwerkes finden.
Eine vierte Anwendung erhält man bei Anbringung eines ver-
engbaren Ausflusskanales. Schliesst man diesen mehr oder weni-
ger, so dient das mit Wasser oder Oel gehende Kapsclräderwerk
als Bremse, die man durch Zufügung eines Ventils zu einer ein-
seitig wirkenden, durch Zufügung zweier Ventile zu einer zwei-
seitig wirkenden vorrichten kann. Die Flüssigkeit beschreibt dabei,
wenn man die Kanäle passend anordnet, einen Kreislauf; sich ab-
nützende Theile, wie an den Backenbremsen, kommen bei einer
solchen Bremse nicht vor. Die in einem Drehungssinne wider-
stehende, im anderen nicht hindernde Kapselradbremse kann so-
dann als sogenannter Katarakt dienen, und an solchen Stellen
nützlich sein, wo die Kataraktwirkung auf Drehbewegungen ange-
wandt werden solL
Man sieht, dass das Kapselräderwerk eine sehr grosse Ver-
wendbarkeit besitzt. Da es in seiner einfachen Gestalt keiner
Ventile bedarf, kann es, wie gezeigt wurde, ohne irgend eine
Aenderung als Pumpe, welche sich auch als Spritze eignet, als
Kraftmaschine und als Flüssigkeitsmesser dienen; eine geringe
Zuthat macht es als Katarakt and als Bremse brauchbar; (^ eig-
net sich gut für den Betrieb von und durch Wasser oder tropf-
bare Flüssigkeiten überhaupt, halbflüshigr* und blr^ss phistiH^'lie
Massen mit eingerechnet (weshalb es vielleicht als ThouprcHM* und
Knetmaschine dienen könnte), sowie zur Förderung von niedrig
396 X. KAP. ANALTSIBÜNG DEB KAPSELBÄDEBWEBKS.
gespannten luftformigen Flüssigkeiten, als atmosphärische Luft
Leuchtgas u. s. w., in der That eine Reihe von nützlichen An-
wendungen, wie sie selten bei einer und derselben Maschine Tor-
kommen.
§. 95.
Das Fabry*sohe Wetterrad.
Tafel VIII. Fig. 3 und 4.
Diese bekannte Maschine ist ein als Windpumpe dienendes
Kapselräderwerk. Der belgische Ingenieur, dessen Namen es trägt
hat es als Sauggebläse zur Grubenlüftung eingerichtet und mit
grossem Erfolg eingeführt; noch heute ist er thätig, seinen „Venu-
Tai. VIII. lator" fortwährend zu verbessern. Fig. 3 zeigt das Profil des älteren
Fabry'schen Rades *). Die Pumpräder a und b sind hier dreizähnig.
ihre Zahnprofile bei tnn und mitii nach Epicykloiden der Theilkreise
oder Aequidistanten derselben geformt; bei op berühren sich die
Profile zu beiden Seiten der Zentrale so lange, bis die Profile bei m
und n oder mi und ni zusammentrefiTen. Ein Durchströmen von Luft
zwischen den Rädern ist deshalb nicht möglich, ohne dass indessen
wie bei Pappenheim der Berührungspunkt stetig das Radpnitil
durchläuft. Das Ausschneiden der Zahnprofile bringt es aber mit
sich, dass bei jedem Zalm Wechsel ein kleines Quantum Luft von c"
nach (/ zurückgeschafft wird. Denkt man sich die Zähne zuerst für
stetige Berührung eingerichtet, und dann ausgeschnitten, so i>t
der Inhalt der Ausschnitte gerade derjenige der zurückgeschafften
Luftmenge. Es bleibt demnach auch hier der Satz bestehen, da^^
die geförderte Luftmenge für jede Umdrehung sehr annäheni'l
gleich dem Inhalt eines Zahnringcylinders ist Das Ausschneiden
des Zahnprofils ändert also nichts an der Fördermenge; es hebt
aber die volle Gleichförmigkeit der Förderung auf,
indem das Wiederzurückführen nicht stetig geschieht Ein Nach-
theil möchte hieraus selten erwachsen; nur bei starker WasMT-
durchfuhr ist die Ungleichförmigkeit wohl nachtheilig, da sie eiii'-
stossende Bewegung der Räder bewirkt; die Luftförderung indes^i;
wird dadurch, namentlich wenn die Geschwindigkeit des Lufbitn^m»*^
klein, und dessen Spannung nicht hoch ist, nicht störend beeinflu<>t
•) Siehe Laboulaye, Oiu^matique, 2. Aufl. 8. 793.
VENTILATOEEN. 397
Um den dichten Verschluss an den Zahnscheiteln genügend
lange bestehen zu lassen, brauchen die Kropfwände sich nicht auf
einen vollen Halbkreis zu erstrecken; es genagt, wenn sie ungefähr
dem Winkel einer Zahntheilung entsprechen. Sie dürften also bei
der Einrichtung in Fig. 3 bei s und t schon aufhören; oder auch Tar. vm.
man dürfte bei halbkreisförmigen Kröpfen , die Pumpräder zwei-
zähnig machen. Solches ist bei dem in Fig. 4 dargestellten späte-
ren Fabry'schen Bade geschehen. Die epicykloidischen Profile sind
an kleinen, von Fabry auch bei den dreizähnigen Rädern schon frühe
angewandten Schaufeln bei op, ^r u. s. w. angebracht; bei mn
berührt die Mittelwand des Bades b den Radboden von a. Zwischen
dem Radboden und dem Kropf liegt der Zahnringcylinder, dessen
Inhalt wieder mit grosser An;näherung demjenigen des bei jeder Um-
drehung geförderten Luftquantums gleich zu setzen ist. Die Fabry'-
schen Wetterräder sind mit 3 bis 4 Meter Durchmesser und 2 bis 3
Meter Breite ausgeführt, und bewegen sich ziemlich langsam, mit
30 bis 60 Umdrehungen in der Minute*). Der Radkörper wird
meist aus Holz gezimmert, dabei die Abschliessung der Zahnlücken
von einander durch aufgenagelte Blechtafeln bewirkt, so dass
schliesslich das ganze Bauwerk einem Zahnrade so wenig wie mög-
lich ähnlich sieht. Daher ist es denn sehr begreiflich, dass der
theoretische Zusammenhang des Fabry'schen mit dem Pappenheim'-
schen Mechanismus in praktischen Kreisen übersehen werden konnte.
•
§. 96.
Der Roots'sohe Ventilator.
Tafel Vin. Fig. 5* und 6.
Der in Fig. 5 im Profil dargestellte Ventilator des Amerika-
ners Roots war auf der Pariser Weltausstellung 1867 zur Schau ge-
stellt '^). Die Pumpräder hatten etwa 0*9 Meter Durchmesser und
über 2 Meter Breite; sie wurden mit grosser Schnelligkeit betrie-
ben und lieferten eine bedeutende Menge Luft von beträchtlicher
*) TergL Zeitschrift dee Vereins deutscher Intrenieure , Bd. L H. 140;
femer Ponsou, traii^ de TezpL des mines de boaUle; Polyt Ceotralblatt
1858, 8. 506; auch CivU-Ingoiieiir.
*) Eine Beachreibnog siebe im Engiaeer, 1867, August, 0. 146.
—y
398 X. KAP. ANALYSIBUNG DEB KAPSELBÄDEBWEBKE.
Pressung. Das Profil pwr ist kreisförmig; das entg^enstehende
qmo berührt das erstere beim Eingriff stetig. Man sieht, da«is
das Ganze ein Pappenheim'sches Kapselräderwerk mit zwei ZähDen
ist Boots führte die Mantelflächen der Zähne anfangs ans Holz,
später aus Eisen aus. Der Roots'sche Ventilator hat inzwischen
eine grosse Verbreitung gefunden und wird an vielen Stellen ge-
baut; die Wiener Weltausstellung 1873 zeigte mehrere Exemplare.
Es muss indessen hier hervorgehoben werden, dass Roots nicht der
erste Erfinder des vorliegenden Kapselräderwerkes ist, dass dasselbe
nämlich schon 1859*) als Gaspumpe, von Jones gebaut, angeführt
wird, aber auch damals schon nicht als neu angesehen wurde <').
Taf. VIII. Fig. 6 zeigt das Profil eines zweiten Roots'schen Ventilators,
Hier sind die Zahnformen geändert. Aehnlich wie bei dem erwähn-
ten Murdock'schen Kapselräderwerk haben hier die Zähne am
Scheitel cylindrische , an die Kapsel anschliessende Profile nr^ so.
uw. Diese erstrecken sich auf einen Viertelkreis, d. i. auf eine
halbe Theilung. Dasselbe gilt von den Radboden -Profiltheilen
wg, pt^ vxy welche die Scheitelprofile bei Durchgang durch die
Zentrale berühren; dabei gleitet mq auf nr, ui€ auf t?a: u. s. w.
Die Flankenprofile p«, mo u. s. f. sind hier verlängerte Epicy-
kloiden oder Aufradlinien der aufeinander rollenden Theilkrei^.
Das Profil mo wird von dem Eckpunkte n des Rades b gegen da.«
Rad a beschrieben, also in der Ausführung berührt, wenn die
Räder in den Pfeilrichtungen gehen. Roots fuhrt nicht diese ge-
nauen Profile aus, sondern solche, welche hinter dieselben in div
Räder hineinfallen, und mit Recht. Er gibt zwar dabei den zwei-
ten Schlusspunkt auf, vermeidet aber auch dadurch die Verdiin-
nungen und Verdichtungen , welche bei der zweifachen Berühninc
in den Räumen, die sich zwischen den Berührungspunkten bildt«,
entstehen würden. Die genannten Profile sind auch hier nur der
einfachen Darstellung wegen gezeichnet; sie müssen beim Entwer-
fen auf alle Fälle gesucht werden, um die Grenze, hinter welcher
das auszuführende Profil bleiben muss, zu bestimmen. Von deii
binden Roots'schen Vorrichtungen ist die erstere die vorzüglichen\
weil sie einen gleichförmigen Flüssigkeitsstrom liefert, was die
zweite aus den bei Fig. 3 erwähnten Gründen nicht thut Beid«*
Roots'sche Ventilatoren haben eine Fördermenge, deren Inhalt dem
eines Zahuringoylindei's für jede Umdrehung sehr nahe gleich i^t.
*) 8. Cl^gg. manufacture of coal^ as. 8. 190.
RÄDER MIT EVOLVENTEN VERZAHNUNG. 399
§. 97.
Der Payton'sohe Wassermesser.
Tafel VIII. Fig. 7.
Fig. 7 ist das Schema eines in der englischen Abtheilung der
letzten Pariser Weltausstellung 1867 zur Schau gestellten Wasser-
messers*). Derselbe ist ein zweizähniges Kapselräderwerk, des-
sen Zähne nach Kreisevolventen profilirt sind. Die Berührungs-
nonnale und Eingriflflinie NN hat in unserer Figur eine Neigung
von Ib^ gegen die Zentrale, und zwar ist dieser Winkel deshalb
klein zu wählen, damit die Eingriffdauer genügend gross heraus
gebracht werden kann. Die einander in op berührenden Evolven-
tenbogen gehen von m bis q und von r bis w ; innerhalb der durch
m und r gehenden Kreise sind die Zahnproüle mit einer beliebigen
Kurve, welche aber den Eingriff nicht stört, an den Radboden an-
geschlossen. Auf den Bückseiten sind die Zähne nach einer der
Evolvente nahe parallelen Kurve profilirt, welche der Haupt-Evol-
vente recht uahe liegen muss, um den Eingriff nicht zu stören,
d. h. imi nicht von der Spitze des Gegenzahnes getroffen zu wer-
den. Dadurch erhalten die Zähne die etwas ungewöhnliche schau-
felfönnige Gestalt.
Bei jeder Umdrehung wird von jedem Bade die hinter die
Zahnrückenflächen fallende Flüssigkeitsmenge wieder von oben
nach unten zurückbefordert, es findet also auch hier, ähnlich wie
bei den Fällen in Fig. 3, 4 und 6, keine gleichförmige Fortbewegung
statt, was auch schon daraus hervorgeht, dass der Eingriffpunkt
das Badumfangsprofil nicht stetig durchläuft Die auf jede Um-
drehung entfallende Fördermenge ist wieder sehr nahe dem Zahn-
ringcylinder inhaltgleich.
Ob der wasserdichte Verschluss selbst bei recht genauer Aus-
führung ausreicht, um den Apparat als Wassermesser tauglich zu
machen, ist erst durch die Erfahrung zu bestätigen. In England
scheint die Einführung des ohne Zweifel sehr einfachen Instrumen-
tes mit Eifer versucht zu werden.
*) Eine Bescbreibong des , von den Engländern ^epiofcloidal^ ' water meter
genannten Instrumentes siebe Engineer, 1868, Februnr) 8. 92.
400 X. KAP. ANALYSIBÜNG DEB KAPSELBÄDER WERKE.
§. 98.
Das Evrard'sohe Kapselräderwerk.
Tafel VIII. Fig. 8.
Die belgische Abtheilung der 1867 er Pariser Ausstellung ent-
hielt einen in sehr bescheidener Form ausgeführten , aber beach-
tenswerthen Ventilator von Evrard, der ebenfalls hierher gehört
Tut. vin. und dessen Schema Fig. 8 zeigt.
Die Wiener Weltausstellung führte, ebenfalls in der belgischeu
Abtheilung, eine aus demselben Mechanismus gebildete Wasser-
pumpe vor. Es handelt sich um ein zweizähniges Kapselräder-
werk , bei welchem die beiden Pumpräder zwar wie bisher gleich
schnell umlaufen, aber nicht kongruent gestaltet sind. Das Rad a
hat zwei ganz innerhalb seines Theilkreises r fallende Zahnlücken,
das Rad b zwei ausserhalb seines Theilkreises r liegende Zähne.
Die Zähne an a haben Aehnlichkeit in der Form mit denen bei
Roots, Fig. 6, sie liegen aber innerhalb des Theilkreises, die Lücken
an & dagegen ganz ausserhalb des Theilkreises. Die Kurte mfo
ist die von der Zahnspitze n gegen das Rad a beschriebene ver-
längerte Epicykloide oder Aufradlinie der beiden Kreise vom Halb-
messer r. Die Kurve pn ist die gemeine Epicykloide oder Auf-
radlinie (hier insbesondere eine Kardioide), welche der Punkt o de?
Rades a gegen das Rad b beschreibt Der Punkt o verlässt hier
das Rad b in demselben Augenblicke, wo n in m anlangt Si>U
dies stattfinden, so muss der Winkel mao so gross sein, wie der
dem Zahnfuss an b entsprechende Winkel, oder doppelt so gn^is
Taf. vm. als der in Fig. 8 mit a bezeichnete.
' Beide Lückenräume schafi*en beim Drehen in den Pfeilrichtun-
gen Luft oder überhaupt Flüssigkeit von unten nach oben. Der
Lückeninhalt von a wird aber bis auf den Abschnitt von dem liu-
senförmigen Querschnitt mnpo wieder nach unten zurück geschah.
Hiemach wird bei jeder Umdrehung ein Volumen, welches etwa>
weniges kleiner als der Zahnring-Cylinder des Rade<
6 ist, von unten nach oben befördert. Der Eingriff besitzt eine
günstige Eigenschaft in dem Umstände, dass die Zahnscheitel von
a auf den Radbodenabschnitten von b ohne Gleitung rollen. Der
in Paris ausgestellte Ventilator hatte, so viel sich an der etväs
DIE EEPSOLD'sCHE PUMPE. 401
schwer zugänglichen Maschine ersehen Hess, statt der epicykloidisch
profilirten Zähne an b nur gerade Schaufeln an der Stelle der
Zahnachse t unserer Figur, was für die praktische Ausfuhrung ge-
nügt und dieselbe noch bedeutend erleichtert. Wegen des Zurück-
führens eines Theiles des fortbewegten Lückeninhaltes ist die
Förderung nicht gleichförmig , was aber namentlich bei Luftförde-
nmg keinen wesentlichen Nachtheil hat. Somit ist im Ganzen
das Evrard'sche Gebläse als ein Kapselräderwerk von recht zweck-
mässiger Konstruktion zu bezeichnen. Um die Förderung bei ihm
gleichförmig zu machen — wobei seine Brauchbarkeit als Wasser-
pampe und als Wasserkraftmaschine erheblich zunehmen würde —
hätte man nur die Zähne an b nach einem Kreisbogen zu profi-
Uren, und der Lücke an a die entsprechende ümhüUungskurve zum
Profil zu geben.
Die besondere Form, welche Evrard den Kapselrädem in
seinem Gebläse gegeben hat, ist übrigens schon früher benutzt
worden, und zwar an dem in §. 101 zu beschreibenden älteren
Kapselräderwerk. Die auf der Wiener Weltausstellung vorgeführte
Wasserpumpe nach vorliegendem Prinzip war vom Baron Grein dl
als dessen Erfindung ausgestellt*).
§. 99.
Die Hepsold'solie Pumpe.
Tafel VIII. Fig. 9.
Wir haben gesehen, dass die Pappenheim'sche Erfindung in
Bezug auf die Zähnezahl und die Zahnform vielerlei Wandlungen
durchlaufen hat Die Zähnezahl der Pumpräder ist unter allerlei
Abänderungen in den Zahnprofilen von 6 und mehr auf 4, 3 und 2
gesprungen. Es erübrigt nur noch, diese an sich wohl nützliche
Verminderung bis an die äusserste Grenze zu treiben. Solches
ist der in den vierziger Jahren von dem bekannten Hamburger
Hause Repsold ausgegangenen rotirenden Pumpe geschehen.
Di^e viel genannte, seiner Zeit Aufsehen erregende Pumpe ist ein
*) In England werden Ton Laidlow & Thomson^rotirende Pampen ge-
baut, "welchen das KapMlräderwerk ganz üi der Ton Evrard benutzten Form
zu Gmnde liegt. Siehe Engineer, 1868, Hay 29, 8. 394.
Benleanz, Kiii«in«tik. 26
402 X. KAP. ANALT8IBÜNG DEB KAPSELRÄDERWEBKE.
Kapselräderwerk, dessen Pumpräder je einen Zahn haben.
Tai*. Yin. Fig. 9 zeigt dasselbe in schematischer Darstellung. Die Zahnprofile
sind hier ausserhalb der Theilkreise nach Aufradlinien oder Epicy-
kloiden mg, nty innerhalb nach Hypocykloiden oder Inradlinien
mSy nr gestaltet, erzeugt wie bei gewöhnlichen Satzrädem durch
Wälzen der gleich grossen Badkreise W und Wi auf und in den
Theilkreisen. Am Zahnfuss ist ein Profil-Stückchen su angesetzt
welches die relative Bahn der Zahnspitze t des Bades b (das so
genannte theoretische Lückenprofil desselben) ist; das Hypocy-
kloidenstück m $ entspricht der Wälzung des Badkreises Wi aof
dem Bogen mv. Die Zahnscheitel tp und qG sind cylindriscli,
ebenso die entsprechenden Badbodenstücke an beiden Bädern,
ganz wie es' bei gewöhnlichen Stirnrädern gemacht
wird. Bei der hier gewählten Zahnform ist die Förderung ein
klein wenig ungleichförmig, da der Eingrifipunkt nicht ganz voll-
ständig stetig den Badumfang durchläuft. Die Ungleichformigkeit
ist indessen vemachlässigbar klein; will man sie völlig beseitigen,
so braucht man nur das Zahnkopfprofil bei mg, n^ u. s. w. nach
einer stetig in den äusseren Cylinder übergehenden Kurve, z. B.
einem passend gelegten Kreisbogen, zu formen und das umhüllende
Zahnfussprofil entsprechend zu gestalten.
Die Pumpräder der Bepsold'schen Maschine werden gewöhn-
lich als nOigenthümlich geformte Exzenter*' oder dergleichen be-
schrieben; aus dem Obigen geht aber klar hervor, und ein Bück
auf die Zeichnung macht es augenscheinlich, dass sie nichts ande-
res sind, als einzähnige Stirnräder. Badboden und Zahnscheitel
gleiten auf einander, so dass an denselben eine anfängliche Ab-
nutzung unvermeidlich ist, ähnlich wie es bei dem zweiten Roots*-
Taf. vni. sehen Gebläse, Fig. 6, der Fall ist Der dichte Verschluss ist des-
halb an dieser Stelle schwer zu erhalten, niedrige Pressung der zu
fördernden Flüssigkeit also empfehlenswerte Die Kropfbogen EG
und FE müssen, um den Verkelir zwischen Zu- und Ableitttnj:>-
kanal hinter den Bädern her zu verhüten, grösser als ein Hal)>-
kreis sein. Bepsold hat innerhalb derselben abdichtende Leder-
streifen angebracht*). Der Inhalt der bei einer Umdrehuiii:
geförderten Flüssigkeitsmenge ist fast ganz genau gleich dem eines
Zahnringcylinders.
Die Bepsold'sche Pumpe ist als Wasserpumpe für Baugruben,
*) Berliner VerhHiidluiigen 1844, S. 208.
BEP80LD, LECOCQ, DART. 403
Überhaupt als Ausschöpfpumpe, ferner als Spritze angewandt wor-
den; auch als Kraftmaschine mit Wasserbetrieb (Kapselradturbine)
ist sie in England zur Anwendung gekommen*), und dient mehr-
fach als Leuchtgaspumpe in Gasfabriken. Bei ihr sind also drei
von den oben aufgezählten mannigfachen Anwendungen des Kap-
selräderwerkes mit dauerndem praktischen Erfolge verwirklicht.
Was das Erstlingsrecht der Erfindung angeht, wenn man von
einer solchen hier sprechen will , obwohl es sich nur um eine be-
sondere Form des Pappenheim'schen Kapselwerkes handelt, so
kommt dasselbe Repsold nicht zu, indem in Frankreich Lecocq
bereits 1832 ein Patent auf eine rotirende Pumpe von der beschrie-
benen Form genommen hat**); er nannte sie: Pumpe mit zwei
sich aufeinander abwälzenden Kolben.
§. 100.
Das Dart'sohe oder Ißelireiis'solie Kapselräderwerk.
Tafel VIII. Fig. 10.
Die amerikanische Abtheilung der letzten Pariser Weltausstel-
lung enthielt in zwei Anwendungen das in Fig. 10 dargestellte von
Behrens erfundene, von Dart & Comp, ausgestellte Kapselräder-
werk***). Die beiden Pumpräder a und h sind auch hier einzähnig,
wie im vorigen Beispiel. Sie sind an seitlich liegenden runden
Scheiben, welche hier weggeschnitten sind, befestigt. Dadurch ist
es ermöglicht, sie inwendig auszudrehen, so dass der Radboden
wegfällt. An seine Stelle sind die Cylinder Ci und c^ gesetzt und
unbeweglich im Gehäuse befestigt. Sie haben cylindriche Aus-
schnitte qr und ns, welche von den Zahnscheiteln bei deren Vor-
beigang berührt werden, und zwar so, dass ein dichter Verschluss
entsteht, welcher denjenigen der Zahnfianken unnöthig macht. In
unserer Figur berühren sich auch diese noch, indem tnjp als ver-
längerte Epicykloide oder Aufradlinie , beschrieben vom Punkte o,
geformt ist. Bei der praktischen Ausführung bleibt man mit der
Spitze 0 etwas von der Kurve weg (indem man bei o eine Abrun-
•) Pract. Mech. Journal, 1855 bis 1856, Bd. XVin, 8. 28.
**) Propagation industrieUe, Bd. m. (1868), 8. 182.
•••) Propag. induBtrieUe, Bd. n. (1867), 8. 116.
26*
404 X. KAP. ANALTSIRUNG DER KAPSELRÄDERWERKE.
dung anbringt), um das Einklemmen von Flüssigkeit in dem
Dreieckraume opq zu verhüten. Sobald der Punkt p bei q an-
langt, ist auch 0 dort angekommen, und geht nun von q nachr
hin. Dabei schliesst der Zahnscheitel von b immer noch an qr,
die Zahnsohle t an dem Cylinder c^» Kurz darauf kommt m nach
n hin, und es beginnt nun der Verschluss durch den Zahnscheitel
von a an n 5. Zugleich beginnt dann auch das Zurückfuhren der
abgeschnittenen Flüssigkeitsmenge nach IK hin. Inzwischen ist
von IK her die Flüssigkeit zwischen den Kropfrändem IK hin-
durch links um Ci herum nach oben zu gegangen, während gleich-
zeitig durch das Rad b rechts um c« herum die geschöpfte Flüssig-
keit zwischen den Kropfrändem EF hindurch aus der Kapsel her-
aus geleitet wurde.
Wie man sieht, ist hier ein neuer Gedanke in das Kapselräder-
werk eingeführt, derjenige des Verschlusses des Mittelkanales
durch niedere Paare, hier Cylinderpaare, während die vorhergehen-
den Abänderungen der Pappenheim'schen Pumpe denselben Ver-
schluss durch höhere Paare bewirkten. Den üebergang zu der
vorliegenden Abschlussweise kann man in dem niederen Paarschluss
Taf. VIII. der Zahnscheitel bei Repsold, Evrard und Roots, Fig, 9, 8 und fi,
erblicken. Des dichten Verschlusses halber könnten die Zahn-
profilirungen mp und ot u. s. w. wegbleiben; es ist aber doch gut
dieselben anzuwenden, um die zurückgeführte Flüssigkeitsmenge
und damit die Ungleichförmigkeit der Förderung klein zu halten.
Die Grösse der Förderung selbst entspricht auch hier wieder sehr
nahe dem eines Zahnringcylinders für jede Umdrehung.
Die Sicherheit des Verschlusses ist wegen der durchgeführten
niederen Paarung eine grössere, als bei den vorher besprochenen
Kapselräderwerken, weshalb die Behrens'sche Maschine sich als
Pumpe gut eignet. Der Fabrikant Dart (in dessen Hause in Nev-
York der Frfinder Behrens Theilhaber ist) hat sie vielfach als solche,
sowie auch als Wasserkraftmaschine (Kapselradturbine) ausgeführt
ja sie auch als Dampfmaschine angewandt Von einer solchen,
welche eine Behrens'sche Pumpe trieb, war ein Muster von der
angeblichen Stärke von 12 Pferden auf der Pariser Weltaosstellang
in Thätigkeit *). Es muss indessen bezweifelt werden, dass ein
dauernder Erfolg mit dieser Anwendung erreicht werden könne.
*) Siehe Motoren irnd Maschinen auf der WeltauasteUnng 1867, Wit'D.
1868, S. 124.
EVB, GANAHL. 405
da es unverhältnissmässig schwer ist, den dichten Verschluss
gegen hohen Dampfdruck auf die Dauer in dieser Maschine zu
erhalten. Wenigstens wird die Vollkommenheit der Cylinder-
maschinen von dieser Kapselradmaschine nicht von fem erreicht
werden können.
Die Wiener Weltausstellung brachte indessen eine Dampf-
spritze, an welcher Dampfmaschine, Spritzpumpe und Speisepumpe
nach Dart ausgeführt waren.
§. 101.
Das Eve'sohe Kapselräderwerk.
Tafel VIII. Fig. 11.
Die Grundform des von Evrard angegebenen Kapselräder-
werkes, Fig. 8, ist in dem weit älteren des Amerikaners Eve be-
reits benutzt gewesen. Diesem Kapselwerke, welches 1825 in Eng-
land patentirt wurde*), sind zwei ungleich grosse Stirnräder,
nämUch solche vom Verhaltniss 1:3, zu Grunde gelegt. Die Kör-
per a und 6, deren Achsen ausserhalb der Kapsel c durch zwei
gewöhnliche Stirnräder vom Verhaltniss 3:1 verbunden sind, rol-
len bei mn mit ihren cylindrischen Axoiden aufeinander; während
dessen befördern die Zähne des Bades a die Flüssigkeit in der
angegebenen Pfeilrichtung. Beim Ueberschreiten der Zentrale
passiren sie die Zahnlücke an b unter höherem Paarschluss, ganz
wie es bei Fig. 8 besprochen wurde. Taf. vin.
In Frankreich nahm Ganahl 1826 ein Patent auf ein dem
Eve'schen sehr ähnliches Kapselwerk, als Ejraftmaschine und als
Pumpe bezeichnet**), bei welchem das Bad b aber konisch, wie ein
Hahn, eingepasst ist. Man erkennt daran den Gedankengang, den
der Erfinder genommen hat: ihm war das Bad a ein Kolbenrad,
b die Steuerungsvorrichtung. In aller Strenge würde das GanahF-
sche Kapselräderwerk als aus dem Kegelräderpaar gebildet zu
bezeichnen sein; vergL §. 103.
*) Siehe Ewbank, hydr. and other machines, 1870, S. 287, auch ausführlich
bei Bataüle u. Jullieo, machines k vapeur, Bd. I. (1847 bis 1849), S. 440, wo
noch mehrere Abänderungen mitgetheilt sind.
**) Siehe Propag. industrieUe, Bd. IQ. (1868), S. 55.
406 X. KAP. ANALT8IBUNG D£B KAPS£LBÄD£BW£BK£.
§. 102.
. DaB Rövillion'solie Kapselräderwerk.
Tafel Vm. Fig. 12.
Die Allgemeinheit des in §. 93 ausgesprochenen Grundsatzes,
wonach zum Kapselräderwerk sich jedes Rädergetriebe (R,Ci)
unter Umständen eignet, schliesst ein, dass auch die Schrauben-
räder zu Kapselwerken verwendbar sind. Dies ist schon vor län-
gerer Zeit bemerkt und inzwischen wiederholt versucht worden.
1830 erwarb Re villion ein französisches Patent auf ein Schrauben-
Taf. viii. räderkapselwerk *). Fig. 12 stellt ein solches Kapselwerk dar.
Demselben ist hier (von Revillion etwas abweichend) diejenige
Form gegeben, welche ich zu einem Modell für das kinematische
Kabinet benutzt habe. Die Räder a und b sind Normal-Schrauben
von gleicher, aber entgegengesetzt gerichteter Steigung ; ihre Achsen
sind durch die gleichgrossen Stirnräder ai und bi verl)unden; der
Steg c ist als Kapsel ausgebildet. Die Schraubengänge, welche
aussen die Kapsel mit niederem Paarschluss berühren, gleiten bei
ü, mn, |)0 u. s. w. mit höherem Paarschluss aufeinander. Bei gr
und st habe ich ihnen (was bei den bisherigen Versuchen nicht
geschehen war) dasjenige Querschnittprofil gegeben, welches die
äusseren Schraubenkanten in stetiger Berührung mit den beiden
Wandflächen des Schraubenganges erhält. Die Profilbogen des
Gangquerschnittes sind Umhüllungsformen der SchraubenUnie.
Vermöge der Herstellung der Räder auf der Schraubenschneidbank
ist die Ausführung dieser genauen Profilformen keineswegs beson-
ders schwierig. Die Schraubengänge befördern, wie bei Pappenheim,
die Flüssigkeitskörper, welche die Zahnlücken ausfüllen. Eine solche
Lücke ist z.B. der zwischen mn und kl einerseits und der Kapsel r
andererseits befindliche Raum, der durch die Berührungen bei qr
und s t, sowie an den ähnlich liegenden Stellen neben m n von dem
übrigen Hohlräume gescliieden wird. Eine wesentliche praktische
Bedeutung ist dem Schraubenräder-Kapselwerk wohl nicht bei-
zumessen. Ich lasse deshalb auch die wiederholt von Einzelnen
gemachten Versuche, dasselbe als rotirende Dampfmaschine oder
als Pumpe auszuführen, auf sich berulien.
*) Sielie Propag. industrieUe, Bd. UI. (1S68). 8. 151.
EONISCHE KAPSEIiRÄDEBWEBKE. 407
§. 103.
Andere einfache Kapselräderwerke.
Die verschiedenen Formen, in welche das einfache Kapsel-
räderwerk gebracht werden kann, sind mit den vorstehenden Bei-
spielen nicht erschöpft, wennschon die wichtigsten der bekannten
herausgehoben sind. Wir sahen, dass neben den gleich grossen
Stirnrädern die ungleich grossen, neben den cylindrischen Stirn-
rädern solche mit schraubenförmiger Verzahnung aufkommen, da-
neben (§. 101) eine Andeutung vom konischen Räderpaar hervor-
treten. In letzterer Richtung ist noch weiter gegangen worden.
Der Mechanikus Lüdecke in Dransfeld bei Göttingen hat u. a.
ein — praktisch werthloses — Kapsel werk konstruirt, welches als
Pumpräder ^wei gleiche konische Räder von sehr stumpfem Achsen-
winkel h^; die Kapsel ist innen eine Kugelzone, und wird durch
zwei Scheidewände in der Achsenebene in Saug- und Druckraum
getheilt. Die Schwierigkeiten der Herstellung übersteigen bei
weitem diejenigen, welche bei Zugrundelegung von Stirnrädern
auftreten. Doch verdient es immerhin angeführt zu werden, dass
auch diese Konsequenz schon gezogen ist. Also Stirnräder, Schrau-
benräder, Kegelräder sind an der Reihe gewesen. Noch fehlt die
letzte Variation, die der Hyperbelräder, bei welchen die Schwierig-
keiten der Dichtung ihr Maximum erreichen würden. Wiegen wir
uns indessen nicht in Sicherheit, dass nicht dennoch eines Tages
eine „hyperbolische rotirende Dampfinaschine" am Horizont auf-
tauchen werde.
§. 104.
■
Die zusammengesetzten Kapselräderwerke.
Wir haben oben, §. 61, die zusammengesetzten Räderwerke in
einem Beispiele vorübergehend besprochen, und zwar in dem
Mechanismus {Ci'^C'l)\ welchen Fig. 285 (a. f. S.) darstellt. Auch
dieser Mechanismus ist als Kapselräderwerk ausgebildet worden,
u. a. von Justice, welcher dasselbe als Dampfmaschine verwer-
408 X. KAP. ANALYSIRUNO DEB KAPSELBÄDERWEBKE.
thete*). Justice, der auch ein zweiradnges Kapselwerk baute, macht
die Bäder a,b,c und d gleich groBS, wobei b und c in ein eia-
Flg 285
""^fJUif^
ziges Rad ühergehen , welches mit den beiden anderen Rädem im
Eingriff steht; der Steg e ist als Kapsel, welche aIle*Aei Räder
umschliesst , ausgeführt. Die Konstruktion ist von geübter Harn)
uud gut ausgeführt, die behauptete Vortheilhaftigkeit freilich nicht
erweisbar**). Ein zusammengesetztes Räderwerk aus vier koni-
schen Rädern ist ebenfalls, und zwar schon 1838, durch H. DaTies
hergestellt worden***). Es dient als Pumpe, sowie als rotireude
Dampfmaschine. Eines der Endräder, z. B. a, hat einen mächtige»,
bis zum gegenüberliegenden Rade, d, reichenden Zahn, das Doppel-
rad, b c, hat einen Spalt, welcher mit seinen Rändern an dem Zahne
schliesseiid gehen soll, was sehr unvollkommen gelingt Ich wies
bereis in §. 91 auf diese Maschine, welche erklärlicherweise der
Vergessenheit anheimgefallen ist, hin.
Macht man in dem zusammengesetzten Räderwerk (C„fj'')i'ie
Zentralen 1 .2 und 2.3 gleich gross, so kann mau ilie Drehaipft-u
1 und 3 konaxial machen und erhält dann die in Fig. 28l> darge-
stellte Kette; b und c bilden nach wie vor ein einziges (temäres)
Kettenglied, während a und d gegeneinander bewegUch bleilxfD.
') Bi^he prnct. mecli. JourniU Bd. XIX. (186S bis 1S6T), S. seo, lucL
Propft«. industrielle, Bd. IV. (1869), S. 34.
"I Ein ftlteres KapselräderwsTk »db drei Bttdem rieha bei Bataillt utn!
JnllieD, mBcbines i vap«ur, Bd. I. (1847 bis 1849), 8. 443.
"*) Newton, Lundon Journal of ortn and sciencca, Conjoined Srnit,
Bd. XIX. [IHi'2), S. Ihi.
BÜCKKEHBENDES bIdEBWEBK. 409
Wir wollen ein Räderwerk der vorliegenden Art, bei welchem das
Zentrum des letzten Rades (d) gleiclisam wieder an den Ausgangs-
Fig. 286.
punkt 1 zurückgekehrt ist, ein rückkehrendes Räderwerk nen-
nen. Dasselbe spielt in der Maschinenpraxis eine nicht unwesent-
liche RoUe. Unter anderem ist es auch zum Kapselwerk gemacht
worden, allerdings mit der Abweichung von der vorstehenden Form,
dusa man unrunde statt der cylindrischen Zahnräder benutzte,
also die Kette auf die Form (C.^Cj), das Getriebe auf die Form
(C+C,")' brachte.
Macht man nämlich nunmehr das durchschnittliche Ueber-
setzungsverhältniss von a auf d^l, so müssen zwei Radien der
Räder a und d wegen der unrunden Axoide der Bäder gegenein-
ander eine oscillatonBche Bewegung machen, während beide gleich-
zeitig im selben Sinne fortschreiten. Zwei mit den Rädern festver-
bundene Sektoren, in eine aus dem Steg e gebildete Kapsel ein-
geschlossen, können nun als Kolben gebraucht werden, d. h. als
solche auf ein passend zugeleitetes Druckkraftorgan einwirken
oder von diesem getrieben werden. Die Bewegung der beiden
Kolben gegeneinander geht dann ähnlich vor sich, wie die in der
Maschine Fig. 16 Tafel V, Als Beispiele unter mehreren nenne
ich: die rotirende Dampfmaschine von Smyth, 1829 patentirt,
welche anrunde Räder von verwickelter Gestalt hat *) , den Hoch-
*) Newton, London Journal of arts and Bcieuces, Becond Series, Bd. IX.
(1834), 8. 152.
410 X. KAP. ANALTSIBÜNG BEB KAP SELB ADEBWEBKE.
druckventilator von Ramej mit vier kongruenten ellipÜBchen
Kadern'*'), die Dampfmaschine von Thomson mit vier kongruenten
ovalen Rädern, auf der Pariser Weltausstellung 1867 in zwei
Exemplaren ausgestellt'*''*'). Die Schwierigkeiten der Ausführung
sind, namentlich wenn es sich um eine Dampfmaschine handelt, zu
gross, um diesen Maschinen eine praktische Bedeutung zukommen
zu lassen. Indessen sind doch hier wenigstens die Eolbendichtun-
gen gut herstellbar, da Kolben und Kapsel als Cylinderpaar aus-
geführt werden. Der Ramey'sche Ventilator soll gute Resultate
gegeben haben.
§. 105.
ümlaufiräder in Eapselräderwerkeiu
Es bleibt mir nun noch übrig, eine letzte Art von Kapselräder-
werk dem Leser vorzuführen, welche bisher den Erklärem so zu sagen
völlig dunkel geblieben ist, ja ich glaube annehmen zu müssen,
auch dem Erfinder selbst — es ist G all oway *'*'*) — nicht klar ge-
wesen ist; wenigstens ist in seiner eigenen Beschreibung der innere
Zusammenhang seiner Maschine mit bekannten Mechanismen nicbt
nachgewiesen. Ich bin indessen genöthigt, um diesen Nachweis
führen zu können, etwas weiter auszuholen.
Aus der einfachen Stimräderkette (C.CJ' ), welche wir in §. 94
an die Spitze unserer Analysirung stellten, können ausser dem gt^
wohnlichen Rädergetriebe (C^C'^y noch zwei andere gemacht wer-
den , indem statt des Steges c eines von den beiden Zahnrädern a
und b fest aufgestellt wird. Man erhält die Getriebe (C,C^y und
(C^C'^y. Beide fallen gleichartig aus, weshalb wir nur das eine,
und zwar das erstere, betrachten wollen. Fig. 287 stellt dasselbe
so dar, wie es sich bei Einspannung des Rades a in unseren Schraul>-
stock ergibt Der Verbindungssteg c kreist jetzt als kurbelartiger
Arm um die Achse 1 herum, während das Rad b sich auf a ab-
wälzt. Um den Zusammenhang zwischen dem Drehvmikel &* (let$
*) G^nie industriel, Bd. XXX. (1865), 8. 254. (HodeU im kmem»ti«cbeo
Kabinet der königl. Gewerbe-Akademie in Berlin.)
**) Rapports du Jury international, Bd. IX., 8. 81, auch Propag. io*! i
Btrielle, Bd IV. (1869), 8. 339.
***) Siehe Bataille und Jullien, machines k vapeur, Bd. I. (1847 bis I**4''.
ö. 431.
ÜMLÄUFBADBE.
411
Bades b und demjenigen 0 des Armee c zu ermitteln , denken wir
uns vorerst das Kad a ebenfaÜB um 1 drehbar, bewegen es mit
dem Lenker c um den Winkel a, und drehen darauf, c an seinem
Pig. 28T.
t^ -..
Ort belassend, a wieder in seine Befestigungslage zurück. Dann
entfernt sich der anianglich senkrechte Halbmesser des Rades b
zuerst ebenfalls um co aus der Anfangslage, und wird alsdann
wegen des Zälinezahlverhältnisses r um r x lo noch weiter vor-
412 X. KAP. ANALT8IBUNG DEB KAPSELBÄBEBWEBO.
wärts gedreht, so dass schliesslich der Drehwinkel, den b znräck-
gelegt hat, ist:
Ist (0 in einer gegebenen Zeit, z. B. der Minute, =:n.2]r und
ai'=n'. 2ä, so erhalten wir daraus das Verhältniss der gleichzeiti-
gen Umdrehungszahlen:
n ' 6
Wäre eines der Räder ein Hohlrad, so würde sich bei der
Rückführung des Rades a in die Anfangslage statt einer Venneh-
rung eine Verminderung des zurückgelegten Drehwinkels o' erge-
ben, also geworden sein:
fi!_ - a
n b'
Das vorliegende einfache Getriebe wollen wir ein Umlauf-
getriebe nennen. Es findet vereinzelte Anwendungen in der Ma-
schinenpraxis. Letzteres ist aber in besonders reichhaltiger Weise
der Fall mit einem anderen, nämlich einem aus dem rückkehren-
den Räderwerke herstellbaren Umlaufgetriebe.
Stellen mx nämlich das in §. 104 herangezogene ruckkeh-
rende Räderwerk (C^^C^) auf a, wie es Fig. 288 andeutet, so
erhalten wir zunächst für das temäre Glied b c dasselbe Umlaof-
zahlen verhältniss, wie vorhin. Wichtig ist aber nun, die Umlaufeahl
des neben a auf der Achse 1 befindlichen Rades d kennen zu ler-
nen. Es ergibt sich aber alsbald, dass bei der Zurückfuhrung des
anfänglich um o aus seiner richtigen Lage gedrehten Rades a
sich d, welches ebenfalls zuerst um cd vorschritt, nunmehr am
•r3 mal o rückwärts dreht, so dass schliesslich der Drehwinkel
b d '
G>i des Rades d wird:
oder das Verhältniss der gleichzeitigen Umlaufzahlen des Rades d
und des Lenkers e:
Wi - __£^
n~ bd
m
Das Getriebe (C.jCj)', welches wir hier vor uns, und anf dem
nommlon theoretischen Wege der Kettenumkehrung erhalten haben,
ist 4"sjenigo, welches in der Maschinenpraxis gewöhnlich Diffe-
ÜML A UFOETHIEBE.
413
renzialräderwerk genannt wird. Dieser Name ist wahrschein-
lich des Umstandes wegen gewählt worden , daes in der vorstehen-
Flg. 2»B.
den Fonnel ein MloiiBzeiclien TorkommL Wir wollen indessen bei
diesem Namen, der zn Missdentnngen Anlass geben kann, nicht blei-
ben, Sonden den Mechanismaa ein zasammengesetztes Um-
414 X. KAP. ANALY8IRÜNG DER KAP8ELRÄDBRWERKE.
laufgetriebe oder Umlaufräderwerk nennen. Das Beiwort
„zusammengesetzt^ kann für gewöhnlich sogar auch wegbleiben.
Enthält eines von den beiden Räderpaaren a,& und c^d ein
Hohlrad, so lautet die Formel für das Verhältniss der Drehungen:
^ = 1 + ^1
Enthalten beide Paare je ein Hohlrad, so heisst sie wieder:
Hl - a £
n b d
Nennen wir also das Umsetzungsverhältniss t- ^ ini allgemei-
nen f, so lautet die Formel allgemein:
n
wobei zu merken, dass g selbst positiv ist, das Minuszeichen also
bestehen bleibt, wenn kein Hohlrad, oder wenn zwei derselben
im Getriebe vorkommen, dass aber ( negativ wird, das Zeichen sich
also umkehrt, wenn ein Hohlrad im Getriebe steckt
Das vorliegende Getriebe ist reich an Formen und namentr
lieh Anwendungen. Bemerkenswerth ist, dass, wenn das Minus-
zeichen gültig bleibt, und ^ > 1, die Drehung von d deijenigen tod
e entgegenläuft. Der leichteren Besprechung halber wollen wir
die beiden Räder a und d Zentralräder, und zwar a das erste, d das
zweite Zentralrad, dagegen b und c Umlaufräder, und zwar b das
erste, c das zweite Umlaufrad nennen.
Sehr merkwürdig sind gewisse Grenzfälle, welche erbalten
werden, wenn einzelne der vier Räder unendlich gross werden.
Von diesen Grenzfallen muss ich einen besonders hervorheben.
Es ist folgender. Nehmen wir zunächst an, es sei eines der Rader
im Paare a, 6, sei es a oder i, ein Hohlrad, wie die folgenden Zu-
sammenstellungen der vier Theilkreise andeuten, so wird {, wie
wir wissen, negativ; die Formel für «titn lautet also dann:
n~ '^bd'
Es werde aber nun das Hohlrad unendlich gross, so muss mit
ihm, damit der Eingriff erhalten bleibe, auch das eingreifende VoU-
rad unendlich gross werden. Die Mittelpunkte der beiden ins
Unendliche gewachsenen Räder liegen aber nach wie vor im End-
lichen, nämlich bei 1 und 2. Der Eingrifijpunkt selbst indesseo
UMLAUFGETBIEBE. 415
und beide Zahnkränze entziehen sich unserer Beobachtung; sie
verschwinden aus dem Getriebe, und es bleiben nur die
beiden endlichen Räder c ufld d übrig. Das Umlaufräder-
Pig. 289.
i^--..
werk vermindert also sich auf nur zwei Räder, von denen das eine
um 1 kreist, das andere dasselbe umläuft, indem es vom Lenker e
um 1 herumgeführt wird. Wir sind damit nicht etwa auf den Fall
von Fig. 287 zurückgekommen; denn dort war das Zentralrad a
fest aufgestellt; hier hingegen ist das gebliebene Zentralrad d um
seine Achse drehbar. Damit aber nun die Kette geschlossen bleibe,
muss der Mechanismus eine Vertretung der verschwundenen Räder
a und b erhalten. Diese hat, da der Eingrifijpunkt oder Pol im
Unendlichen liegt, in einer Einrichtung zu bestehen, vermöge
deren das Rad c keine Achsendrehung im Räume voll-
ziehen kann, d. h. vermöge deren es mit jedem seiner Radien
irgend einer Anfangslage desselben stets parallel bleibt. Es
wäre also eine kinematische Verkettung zuzufügen, welche diesen
Bewegungszwang für e mit sich brächte. Eine derartige Verket-
tung können wir eine Parallelführung nennen.
Es liegt aber auf der Hand, dass für die totalen Umdrehungen
von d anch eine solche Führung von c ausreichen würde, \m
welcher die Radien dieses Rades nur Oscillationen, nie aber Ilota^
tionen vollziehen könnten. Dies ist geschehen bei dem WsLÜinchnn
Mechanismus des Planetenrades Fig. 290Ca. f. 8.), wo die Pleuel-
stange b zum Balancier hinangeht, and immer dem mit ihr fr^t
Terbundenen Rade e nur OscillatioDen, nie aber Drehungen gadat-
416 X. KAP. ANALT8IRDNG DER KAPSELBA DES WERKE.
tet. Wir haben somit in dem Wattischen Planetengetriebe emv
besondere Fonn des Umlaufräderwerkea (C,^C'^y vor uns. Watt
' machte gewöhnlich c—d,
wonach sich denn eifibl:
5 = 2.
~ Es ist uns nan noch
unbenommen , in dem
Räderpaar c, d ein Hohl-
rad anzubringen. Ge-
schieht dies, so wird {
negativ. Wird insbeson-
dere das Umlaufrad cmm
Hohlrade gemacht, so ist
der absolute Werth von
g = -T immer grösser als
die Einheit, und es Hillt
die Umdrehungsrichtnng
des Zentralrades d nega-
tiv, d. h. derjenigen des
Lenkers « entgegengesetzt
aus *).
Die noch zu besprechende Galloway'sche rotirendf
Dampfmaschine ist nichts anderes, als ein KapselrUder-
werk, gebildet aus einem Planetenräderwerk mit hohlom
Umlaufrade.
Die folgenden drei Figuren stellen drei von Gallowaj ange-
gebene Formen seiner Dampünaschine, welche er für Schrauhen-
schifHictricb bestimmte, dar. Ich habe den Figuren unsere Buch-
Fig. 291. Fig. S92. Fig. 293.
1 tei Iwmerkt . dns» b«rvits Watt splb«!, and xwmr aogltHcb in H'-m
liicIirb^D Psi^nip^ucli, dip AnwMulbiiTkeit einei HohlndM im Plin^
W hervorhob; »ttiir Huirhpad ». m. O. S. &0.
galloway's Dämpfmaschine. 417
*
stabenbezeichnung beigesetzt. Man erkennt in Fig. 291 in dem
dreiflügligen „Kolben" ein dreizähniges Zahnrad, das Zentralrad d
des Planetengetriebes, und in c das zugehörige vierzähnige Umlauf-
rad, welches ein Hohlrad ist. Galloway wandte eine wirkliche und
strenge Parallelfiihrung an, indem er das Rad c, welches zugleich
Dampf kapsei ist, von drei gleichlangen parallelen Kurbeln eee
führen liess. In diesen Kurbeln erkennen wir den in §. 66 analysir-
ten Mechanismus wieder, für welchen wir dort die Formel 2 (C'^W C'^Y
ermittelten. Das eigenthümliche innere Profil der Kapsel machte
dem Erfinder viel zu schafifen. Es ist nichts anderes als die Ver-
zahnung des vier^Sähnigen Hohlrades c, welches mit dem dreizähni-
gen Triebstockrade d im Eingrifi" stehen (und zwar unter dichtem
Verschluss im EingrüF stehen!) soll. Der Erfinder, der in seiner
Erläuterung von dem Hohlradeingrüi* wirklich ausgeht, hält die
Körper c und d nicht für Zahnräder, sondern sagt ausdrücklich:
„. . . Was ich mir aber vorsetze, ist, in der Mehrzahl der Fülle
die gezahnten Räder durch die in den Figuren angegebene Ein-
richtung zu ersetzen, von welcher ich nunmehr eine Erklärung
geben werde. . . .". Die Figur zeigt deutlich genug, dass die Räume
zwischen den Zähnen von d und c zwischen einem Maximum und
einem Minimum wechseln, demgemäss zur abwechselnden »Auf-
nahme und Entlassung eines Druckkraftorganes geeignet sein
können. Das Verhältniss der Umdrehungen von d und e ist:
ni:n=l — V3 = — Va,
d. h. bei drei Umläulen des Kapselzentrums, oder, was damit über-
einstimmt, der kleinen Leitkurbeln e, läuft d im entgegengesetzten
Sinne einmal um. Galloway will die eine der Leitkurbeln mit der
Schraubenachse des Schiffes verbunden wissen, um dieser bei einer
gegebenen Umlaufzahl des Kolbens eine dreimal so grosse Umdre-
hungszahl zu verleihen. Bei Fig. 292 ist ni : n = 1 — V21 ^^^^
Fig. 293: 1 — ^4. Der Erfinder bemerkt, dass man auch dem „Kol-
ben" d die Leitkurbeln, der Kapsel die gelagerte Rotationsachse
Reben könne, wir würden sagen: dass man 0 zum Vollrade, d zum
llohlrade machen könne, worauf 1 — t wieder positiv wird.
Es ist wohl keine Frage , dass die vorliegende Galloway'schc^
Maschine für die Dampfmaschinenpraxis ohne Bedeutung ist, wenn-
schon Galloway die Ausführung für eine SOOpferdige Schiffsmaschinc
vorbereitet hatte. Für die Kinematik aber ist sie lehrreich. Die
vorgenommene Analyse ist nach meinem Dafürhalten abermals in
HcoUaaz, Kinematik. 27
418 X. KAP. ANALYSIRÜNü DER KAPSELRADERWEBKJJ.
i
hohem Grade dazu angethan , das Räthsel volle in manchen Kon-
struktionen als lösbar erscheinen zu lassen. Zugleich liefert uns
die ganze Reihe der in diesem Kapitel betrachteten* Beispiele wie-
der ein Zeugniss von dem merkwürdigen Trieb der Maschinen-
praxis, den Kreis der Lösungen eines und desselben kinematischen
Problems zu durchlaufen und zwar in vereinzelten von einander
gänzlich unabhängigen Anläufen. Diese führen, wie wir sahen.
eben wegen ihrer Vereinzelung oft zu den wunderlichsten Aiifcssuo-
gen und sonderbarsten Umwegen. Dass die Schwierigkeiten so
bedeutend grösser sein mochten, als das gefundene Resultat ver-
diente, begreifen wir in vollem Maasse, trotzdem unsere Analyse
uns die Einfachheit des inneren Zusammenhanges klar gelegt
EILFTES KAPITEL.
ANALYSIRUNG DER BAULICHEN
ELEMENTE DER MASCHINE.
§. 106.
Zusammensetztiiig der Maschine aus baulichen
Elementen.
Nachdem wir uns in den letzten Kapiteln mit den Mechanis-
men beschäftigt hatten, aus welchen die Maschinen bestehen, wol-
len wir uns jetzt zu den einzelnen Theilen wenden, aus welchen
die Maschine selbst zusammengesetzt wird. Scheinbar greifen wir
hierbei hinter dasjenige zurück, was wir bereits untersucht haben.
Allein thatsächlich schreiten wir auf dem eingeschlagenen Wege
nur vorwärts. Denn das Verständniss der praktischen Wirklich-
keit der Maschinenausfiihrungen ist theilweise schwieriger als das-
jenige der schematischen Abstraktionen, auf welche ^r oben die
verwickelten mechanischen Bauwerke zurückgeführt hatten. Erst
nachdem wir unsere allgemeinen Anschauungen an grossen Grund-
Eigenschaften der Maschine geklärt, theilweise ganz neu gestaltet
haben, kann es uns gelingen, in den verwickelten Bildungen der
einzelnen Theile das unverrückbar Gesetzmässige aufzufinden und
dasselbe von dem Zufälligen zu scheiden. Diese Aufgabe ist in
der That sehr schwierig; nach Gewinnung der Einsicht kann man
27*
420 XI. KAP. ANALYSIBUNÖ DER MASCHINENELEMEKTE,
sich nicht wundern, dass die Auffindung der Wahrheit so grosse
Vorbereitungen erforderte. Erst die weitest vorgeschrittene chemi-
sche Wissenschaft wagt den Versuch, die für elementar geltenden
Stoße zu spalten ; so auch bedarf es der von Vorurtheilen geläuter-
ten kinematischen Wissenschaft, um den Inhalt der vereinzelten
ßautheile der Maschine vollständig zu verstehen.
Man hat bisher auf dem Gebiete der Maschinenbaukunde quasi
durch Beobachtung das Bestehen der Maschine aus sich wieder-
holenden Theilen erkannt, und dieselben als „Maschinentheile*,
„einfache Maschinentheile", „Maschinenbestandtheüe", „Maschinen-
details", „Maschinenelemente", oder, wie ich mich seit einer Reihe
von Jahren ausdrücke, als die „baulichen Elemente der Maschine"
bezeichnet. Diese Theile sind sorgfältig studirt und in Lehr-
büchern behandelt worden.
Der ganzen hierbei zur Geltung kommenden Auffassung ist
eine grosse Zurückhaltung nicht abzusprechen. Es wird nicht, we
hinsichtlich der „einfachen Maschinen" geschehen ist, die Zusam-
mensetzbarkeit aller Maschinen aus den „Maschinenbestandthei-
len" behauptet, vielmehr nur auf die Häufigkeit des wiederholten
Vorfconmiens hingewiesen. Verborgen unter der Oberfläche schlum-
mert allerdings ein derartiger Gedanke; allein er wird nicht zur
Klarheit entwickelt, weil die allgemeinen Anschauungen über die
Maschine nicht zur Fassung positiver Grundsätze aufforderten, auch
die fortschreitende Entwicklung des Maschinenbauwesens eine miss-
trauisch machende Wandelbarkeit der „Elemente" erkennen liess.
Aus diesen Gründen ist man auch nicht zu einer bestimmten klan'n
Aufzählung der „Maschinendetails", und ebensowenig zu eigent-
lichen Definitionen derselben vorgegangen. Nur das Gefühl, der
Instinkt, wenn ich es so sagen darf, hat eine mehr oder weniger
bestimmte Begrenzung der Elementenzahl angenommen; wenig-
stens ist im allgemeinen so verfahren worden, als ob eine solche
bestehe.
Die folgende Aufzählung der Maschinendetaila ist deshalb
weder allgemein angenommen, noch auch ernstlich bestritten; sie
gibt nur in Hauptzügen die durchschnittlich gültige Ansicht von
dem wieder, was man Maschinentheile nennt Es werden als solche
angesehen :
Schrauben u, Verschraubungen, Zapfen (Drehzapfeu),
Keile und Keilverbindungen, Achsen,
Nieten und Nietungen, Wellen,
DIE BAULICHEN MASCHINENELEMENTE. 421
Kupplungen, Hebel,
Zapfenlager, Kurbeln,
Lagerstühle, Gestelle, Pleuelstangen,
Seile und Riemen, Querhäupter u. Führungsgleise,
Ketten und Zubehör, Sperrräder und Sperrwerke,
Reibungsräder, Bremsscheiben u. Bremswerke,
Riemscheiben und Riementrieb, Röhren u. Röhrenverbindungen,
Seilscheiben und Seiltrieb, Dampf- und Pumpencylinder,
Zahnräder, Ventile,
Kettenräder, Kolben und Stopfbüchsen,
Schwungräder, Fedefn.
Neben diesen Konstruktionstheilen, welche alle eine sehr häufige
Anwendung haben, konunen andere vorzugsweise nur an einzelnen
Maschinen, z. B. solchen zum Spinnen, zum Weben, zum Bearbeiten
von Metall u. s. w. zur Verwendung, sind aber hier wiederum so
häufig im Gebrauch, dass man versucht ist, auch sie zu den „Ma-
schinendetails" zu zählen. Man hat gelegentlich die Unterschei-
dung eingeführt, jene oben aufgezählten Maschinentheile „allge-
meine", die letzterwähnten „besondere" zu nennen, was als
gerechtfertigt angesehen werden kann. Ohne indessen Beispiele
dieser zweiten Gattung heranzuziißhen, wollen wir uns jetzt zur
Einzeluntersuchung der ersteren wenden, um vor allem diese hin-
sichtlich ihres kinematischen Inhaltes genau kennen zu lernen.
§. 107.
Schrauben und Versohraubimgen.
Hinsichtlich der gewöhnlichen Mutterschraube, Fig. 294 (a. f. S.),
besteht kein Zweifel, dass wir das Elementenpaar (S) oder StS"
vor uns haben. Ebendasselbe gilt von anderen Anwendungen der
Schraube, wo, wie bei dem Bohrgestänge, Fig. 295, Mutter und
Schraube je einem von zwei zu verbindenden Stücken angehören.
Anders aber steht es bei den sogenannten Schraubenverbindungen
oderVerschraubungen, deren Fig. 296 eine einfache und gebräuch-
liche darstellt.
Hier sind zunächst vier Stücke, a, 6, &i und c vorhanden; der
Zweck des Ganzen ist die feste Verbindung von bi mit c. Wir
bemerken alsbald, dass die Schraube b mit dem Stücke 6, vermöge
des prismatischen Ansatzes über dem Schraubenkopfe undrehbar
422 XI. KAP. ASALTSIBÜSO DEK MASCHINEN ELEMENTE.
verbunden ist (vergL §. 19), wonach hinsicbtlicli der Drehbewegon-
gen b nnd 6, wie ein Stück zu betrachten sind. Wird dieSchran-
fig. 294. Fig. 295. Fig. 296.
1
benmuttur a fest auf die Schraube b gedreht, so legt sich der
iSchraubenkopf fest gegen das Stück bi. Dies geschieht durch die
Vermittlung des Paares (S), also, wie wir uns früher (§, 47) aus-
drücken lernten, durch Paarschluss. Somit ist denn b mit b, gegen
Drehung durch geeignete Stützungsprotile, gegen Schiebung durch
Paarschluss gestützt; beide Tbcile bilden demnach kinematisch ein
einziges Stück.
Das Stück c würde, wenn unsere Figur die Verbindung schon
vollständig gäbe, gegen b drehbar sein. Bei vollständiger Aus-
führung aber ist dasselbe, sei es durch eine zweite, der dargestell-
ten parallele Schraube, oder anderweitig, an Drehungen um die
Schraubenachse gehindert; Bewegung ist ihm vor Schluss der Ver-
bindung nur in der Richtung der Schraubenachse gestattet. Mit
anderen Worten, c ist gegen bbi prismatisch geführt, oder mit
6 bi durch ein zur Achse von b paralleles Prisma gepaart Dem-
nach besteht im Grunde das Stück b bi aus zwei fest verbundeneu
kinematischen Elementen : einer positiven Schraube, S*, und einem
zu derselben parallelen Prisma, P* oder P".
Die Schraubenmutter a besitzt ausser dem Elemente S".
welches durch ihre innere Höhlung dargestellt wird, noch ein
zweites kinematisches Element in ihrer plankegelförmigen Grund-
tläclie, mit welcher sie auf c aufliegt, oder richtiger, mit letiterem
gepaart ist. Die Form dieser Paarungstläche könnte auch andi-r-
als plan sein ; sie ist im allgemeinen richtig, wenn sie einem thrli-
körper angehört . der mit der Schraube konaxial ist Hier ist d.*-
Drehkörijerpaar zwischen « und c unselbständig und zwar psar-
sclilüssig. Indessen ist dies nebensächlich, und wir finden, da«-
DIE SCHRAUBEN VERBINDUNG.
423
daa Stück a aus einem Elemente S~ und einem zu S~ konaxialen
Drehkörper R besteht, dessen Partner dem Stücke c angehört
Letzteres Stück beSiteht hiernach ebenfalls aus zwei Elemen-
ten, nämlich dem oben erwähnten Prisma, welches mit demjenigen
an bhi gepaart ist, und dem soeben gefundenen Drehkörper, dessen
Aclise parallel zu dem Prisma steht.
Das Ergebniss unserer Untersuchung ist also, dass die Schrau-
henverhindung eine dreigliedrige kinematische Kette vor-
stellt, welche aus den Paaren (S), (B.) und (P) gebildet ist.
Schreiben wir dieselbe vollständig an, indem wir der Einfachheit
wegen die Unselbständigkeit von (R) unberücksicbtigt lassen, auch
für (R) wieder, wie nach g. 57 statthaft ist, (C) setzen, so erhalten
wir als Formel für die Kette :
c-...\...szs*.:.\\...pzp*...\\...ct
wofiir wir aber auch wegen der Umkehrbarkeit der niederen Paare
und weil hier | mit || gleichbedeutend ist, schreiben dürfen :
c*...\...s-LS~...\...ptp-...\...cz
Dann aber erkennen wir in ihr die uns bereits bekannte
Kette, welche Fig. 297 darstellt. Konzentrirt haben wir dieselbe
Fig. 297. - (S'P'C) zu schreiben. Soll
noch das Glied b als festgestellt,
das Glied a als treibend her-
vorgehoben werden, so hat die
(bestimmte) Formel des Mecha-
nismus zu lauten: (S'PC')T.
Bei den Anwendungen des Schraubenpaares zum Fortbewegen,
wie bei den Drehbänken, und denjenigen zum Ausüben von Druck, wie
Fig. 298.
Fig. 299.
bei den Schraubenpressen, tre-
ten die drei Glieder ab c deutlich
hervor, im ersten Falle in der
Ordnung {S'P'C')t, im letzte-
ren meistens in der Ordnung
(S'FCy:. Wiederholt stösst
man auch in Verscliraubungen
selbst auf die in Fig. 297 ge-
gebene Form der Kette, t. B. in
424 XI. KAP. ANALYSmUNG DEE MA8CHINEN£LE3[£NTE.
der schon früher einmal herangezogenen Verbindung mittelst der
Kopfschraube, Fig. 298 (a. v. S.); auch kommen allerlei bc^ndere
Gestaltungen in der Verbindung von b mit bi zur Anwendung,
vergl. z. B. Fig. 299. Immer aber finden wir in den sogenannU^u
Verschraubungen, die insbesondere ja hier zu untersuchen sind,
das Paar SIS" in die Kette (S'C'PJ eingereiht.
Die Wirksamkeit der Kette ist in den verschiedenen angezoge-
nen Beispielen verschieden. Bei dör Leitspindel-Drehbank und
der Schrauben-Presse, welche wir mit der Verschraubung in ge-
wisser Hinsicht vergleichen konnten, entspricht sie den allgemeinen
Aufgaben der kinematischen Ketten. Bei den Verschraubungen
thut sie dies allerdings auch, aber nur innerhalb eines sehr kleinen
Spieles — desjenigen nämlich, welches zur Aneinanderpressung
der Stücke b und c ausreicht — und hört alsdann auf, kinemati>ch
benutzt zu werden. In der fertigen , thätigen Maschine wirkt die
in der Verschraubung stehende kinematische Kette als solche nicht
mehr mit, und ist deshalb auch in der kinematischen Formel der
Maschine nicht besonders aufzuführen. Sie hat nur einen zeit-
weiligen Dienst geleistet: denjenigen, zwei oder mehrere Stücke s<>
fest miteinander zu verbinden, dass dieselben wie ein einziger
Körper gebraucht werden können, eine Aufgabe, welche auch bei
Bauwerken, die nicht Maschinen sind, häufig vorkommt.
Eine Schrauben Verbindung, welche etwa an dem Deckel eine*
Dampfcylinders gebraucht ist, oder ein Zapfenlager mit dem Ma-
schinengestell zusammenhält, hat liiernach in der Maschine nicht
eine machinale, sondern eine struktive, eine Bau-Funktion. Sie
bewirkt insbesondere diejenige Verbindung, welche wir durch tlic
Punktreihe in der ausführlichen kinematischen Formel an-
deuten; mit anderen Worten, sie dient in der kinematisch<M)
Kette zur Gliedbildung.
An diese letztere stellen wir vor allem die Forderung der FcMIl'-
koit. Ausserdem ist ihre Formgebung in kinematischer Beziehung
gleichgültig, wenn nur so verfahren wird, dass die Kettenglit^dtT
einander in ihrer gegenseitigen Bewegung nicht hindern. Hieraus
können wir uns die bestehende Vielgestaltigkeit der Verschmuhuii-
gen erklären, finden indessen in der obigen ausführlichen Formel
auch die Konstruktionsbedingungen aller Verschraubungen he-
stimmt angegeben.
Auf gewisse Nebenkonstruktionen der Verschraubungen. Au'
Schraubensicherungen, kommen wir weiter unten zurück.
DIE KEILVERBINDUNO. i2ii
S- 108.
Kelle und Keilverbindiuigeii.
Schon iD §. 64 haben wir gesehen, dass der Keil nicht ein
kinematisches Element iD unsenu Sinne ist, sondern dass er aus
zwei kinematischen Elementen, nämlich zwei Prismen besteht, und
in seinen bekannten Anwendungen als Glied einer dreigliedrigen
kinematischen Kette auftritt. Diese Kette, welche durch Fig. 300
dargestellt wird, hat die Formel :
P+...Z.
.(P)...Z.
.(P).
.A...PZ
Fiff. 300.
Fig. 301.
■^
..^
-^^.
,.
In
1
1**?
ii- -
^F^
welche in der konzentrirten Form (P^) lautet. Die Keilverbin-
dungen, die wir in den Maschinen anwenden, haben in der That
durchweg diese Zusammensetzung, abgesehen von der gelegent-
hchen Schliessung unselbständiger Paare durch Kräfte oder fremde
Paare.
Schon die gewöhnliche Aufkeilung einer Nabe auf eine Achse,
Fig. 301, zeigt die drei Keilkettenglieder o, b, c. Die Prismen-
paare 1 und 2 sind sofort zu erkennen, jedes einzeln unselbständig,
aber durch das andere geschlossen. Das Paar S fehlt Allein die
Sabe, die sich beim Aufkeilen nur senkrecht zur Aclise c bewegen
soll, wird kraftschlüssig an anderen Bewegungen verhindert.
Bei Befestigung einer runden Stange in einer Dille, Fig. 302
(!L f. S.), finden wir alle drei Glieder a, b, c und alle drei Paare.
Die Paare 1 und 2 nämlich an den schmalen Flanken des Keiles,
das Paar 3 an der cylindrischen Berübrungsfläclie von 6 und c und
ausserdem da, wo die beiden Keilflanken in c eingelassen sind.
Diese Einlassung bezweckt zugleich die Prismatisirung von h gegen c.
426 XI. KAP. ANALTSIRUNO DEE MASCHINEN ELEMENTE.
In der Keilung des Pleuelkopfes, Fig. 303, sind die Paare l
und 2 unselbständig, 3 aber selbetändig. Die Stücke hi und b, bildfn
beziehungsweise mit e und b kinematisch je ein und dasselbe Stuck.
Fig. 303.
PI|C. 302.'
Die Keilverbindung ist, wie aus dieseu Beispielen herrorgeLt,
im allgemeinen eine dreigliedrige kinematische Kette, welche altr.
ähnlich der Verschraubung , nicht kinematisch thätig iu der Ma-
schine auftritt, sondern zur Gliedbildung dient Neben die^ir
Funktion tiiidet übrigens die Kette (P^) in der Maschine ähnMi
der bei der Verschraubung benutzten Kette (S'PC'f mannifitiil-
tige Verwendungen zur Fortbewegung oder zur DruckansübuD::.
in welchen Fällen sie aber nicht zu den baulichen Elementea di-r
Maschine zälilt, sondern als Mechanismus betraclitet wird.
ITieten und Nietunsren, Sohwtmd- oder Zwäng-
verbindungen.
Eine einzelne Niete, welche zwei Platten verbindet, Fig. 3l'4,
könnte als die Verwirklichung eines Cylinderpaares 6';r" «>{:<-
sehen werden, wofern man die Niete mit einer der beiden T»f<'lii
fest verbunden annimmt. Die beiden Stucke beschreiben iiim.
wie die Elemente eines solchen Paares, gegeneinander reine Ihreli-
bewegungen. Derartige Anwendungen der Nieten sind in derTh.il
in Ocbrauch. z. H, bei den Golenkkettcu. Allein man hat <l'"h
ZWÄNGÜNG8-VERBINDUNGEN. 427
solche Konstruktionen eigentlich den Drehzapfen, von welchen
weiter unten zu handeln ist, zuzuzählen. Die eigentlichen Nietun-
gen oder Nietverbindungen sind mit mehr als einer Niete aus-
j». 3(^^ gerüstet und gestatten keinerlei relative
^^^^ Bewegung der beiden vereinigten Stücke.
'-^^^^<"P^^BB — . Sie haben im Grunde keine Bedeutung
^Hpr^"^^ als kinematische Elemente, indem sie
zudem auch plastische Umgestaltungen
der Stücke, Erzeugnisse des technischen Prozesses der Schmiederei
sind. Als bauliche Ekmente der Maschine dienen sie wie die Ver-
schraubungen und Keilungen zur Bildung der Glieder der kine-
matischen Kette. Mit Vorzug werden sie bekanntlich zur Herstel-
lung von Kesseln, Röhren, Behältern aller Art benutzt, d. i. zur
Bildung der Gefässkörper F~, welche dazu bestimmt sind, Druck-
kraftorgane, flüssige wie gasförmige, zu umschliessen.
Die Nietungen bewirken das Zusammenpressen der zu verbin-
denden Körper zu bedeutendem Theile durch, das Zusammen-
schrumpfen oder Schwinden beim Erkalten der heiss eingesetzten
Nieten. Aus diesem Grunde werden neben ihnen auch noch die-
jenigen Verbindungskonstruktionen unter den Maschinenelementen
behandelt, welche im Umgürten von Körpern mit Schwind- oder
Schwundringen, Schrumpfringen, Zwingen bestehen. Diese Ringe
werden gewöhnlich in erhitztem Zustande auf die zu verbindenden
oder auch bloss zu verstärkenden Körper aufgebracht, und wirken
in Folge ihrer Zusammenziehung beim Erkalten mit grosser Kraft.
In der neueren Zeit ist dieselbe Wirkung dadurch erzielt worden,
dass man die Schwundverbindung mittelst der Presse ohne vor-
gängige Erwärmung herstellt; man hat sie damit* auf eine Reihe
wichtiger Fälle ausgedehnt, wo sie ältere Formen mit Erfolg ver-
drängt hat, wie bei der Befestigung der Naben der Eisenbahn-
wagenräder, der Kurbeln der Lokomotiven, der Zapfen dieser Kur-
hein u. 8. w. Im Ganzen ist diese zweite Ausführungsweise der
ersteren sehr nahestehend; sie verhält sich etwa zu ihr wie kalte
Nietung zur heissen. Wir dürfen daher die beiden Arten nicht
trennen, und können* sie wohl als Zwängungs- oder Zwängver-
bindungen zusammenfassen. Auch erscheint es hiemach gerecht-
fertigt, wie einzelne Schriftsteller gethan haben, sie unter den Ma-
schinenelementen gesondert zu behandeln.
Kinematisch betrachtet stellen sich uns die Zwängverbindun-
gen als solche Körperverbindungen dar, welche den Cylinder- oder
428 XL KAP. ANALYBIRÜNG DEB MASCHIXENELEMENTE.
den Prismenpaaren, (C) oder (P), zuzuzälüen sind, bei denen aber
die Körper einander so streng berühren, dass gewöhnlichen Kräf-
ten gegenüber die Partner sich wie zu einem Körper vereinigt ver-
halten und deshalb zur Bildung von Kettengliedern dienen
können. Es ist wesentlich die durch den Zwängungsdruck erzeugte
Reibung, welche diese enge Verbindung aufrecht hält. Wir werden
später noch einmal auf diesen Punkt zurückkommen.
§. 110.
Zapfen, Achsen, Wellen.
Die Drehzapfen verschiedener Art erfordern einen nicht un-
bedeutenden wissenschaftlichen Apparat in der Konstruktionslehre.
Bei ihnen tritt die in §. 2 hervorgehobene Zweitheiligkeit in den
Berechnurigsunterlagen, welche einerseits die sensiblen Kräfte, ande-
rerseits die latenten Kräfte berücksichtigt, in ausgedehntem Maas-^e
in Kraft. Kinematisch betrachtet ist der Zapfen ein einzelue>
Element aus dem Paare (7iC, und zwar das Element C\ oder
allgemeiner JJ+, wenn man statt (C) das allgemeinere Zeichen (/«*i
gebraucht wissen will. Der Zapfen nebst seinem Lager, oder die
Elementen Verbindung RtR" kann als das allerverbreitetste Elenien-
tenpaar bezeichnet werden, indem dasselbe in fast allen kinemati-
schen Ketten zur Verwendung kommt, in grossem und in kleinem
Maassstab, unter geringen wie unter grossen Geschwindigkeiten,
den winzigsten wie den gewaltigsten Belastungen. Auf das Element
R~ kommen wir in §. 112 zurück. -
Achsen sind konaxiale Verbindungen von Zapfen, d. i. kine-
matische Kettenglieder von der Form C"^... | ...C"*". Trag-
achsen insbesondere sind Achsen, welche vorzugsweise biegen<lni
Kräften zu widersetzen haben.
Die Wellen sind ebenfalls Kettenglieder von der Fomi
C^ ... I ... (7^. Sie werden von den Tragachsen als solche Acl^* u
unterschieden, welche vorzugsweise verdrehende Kräfte aufzu-
nehmen haben, sind indessen, wie die Formel ausweist, kinemati^li
nicht von ihnen zu trennen.
Die drei genannten baulichen Maschinenelemente haben hier-
nach kinematisch eine durchaus klare Stellung in der Maschine.
VERSCHIEDENE KUPPLUNGSARTEN. 429
§. 111.
Kupplungen.
Unter Kupplungen werden gewisse Konstruktionen verstanden,
vermöge deren die Drehachsen oder Wellen einander ihre Bewe-
gung mittheilen. Die kinematische Stellung der Kupplung ist
nicht so einfach anzugeben , wie die der vorhin besprochenen Ma-
schinentheile , da man Einrichtungen sehr verschiedener Art unter
dem Namen Kupplung begreift. Denn zur Mittheilung der Dreh-
bewegung von einer Welle zu einer anderen dienen auch Zahnräder,
Riemscheiben oder Räderwerke überhaupt, werden aber nicht zu
den Kupplungen gerechnet. Nichtsdestoweniger sind die eigent-
lichen Kupplungen oftmals mehrgliedrige Mechanismen. Man
kann die Wellenkupplung dahin definiren, dass sie als Vermittlerin
solcher Drehungen von Welle zu Welle dient, welche in gleichen
Zeiten gleiche Umlaufzahlen haben, im selben Sinne stattfinden,
und nicht durch Räderwerke übertragen werden. Diese Definition
ist, wie gerne zugegeben wird, nicht scharf; allein ganz dasselbe
gilt von dem Begriff der Wellenkupplung selbst.
Die Kupplungen lassen sich in feste, bewegliche und lös-
bare theilen*). Wir wollen von diesen Klassen hier zunächst die
beiden ersten betrachten, und uns erst weiter unten zu der dritten
wenden.
Die festen Kupplungen verbinden zwei Wellen derartig, dass
dieselben vde ein einziger Körper anzusehen sind. Man fuhrt sie
Fig. 305. als Verschraubungen, als Keil-
verbindungen oder als beides
zugleich aus ; grundsätzlich
würde selbst die Nietverbin-
dung nicht ausgeschlossen sein.
Fig. 305 zeigt eine sogenannte
Muffenkupplung , bei welcher die drei Glieder und drei Paare der
Kette (P^) deutlich erkennbar sind. Die Scheibenkupplung,
Fig. 306 (a. f. S.), ist eine Vereinigung zweier Keilverbindungen
mit einer mehrfachen Verschraubung. Andere feste Kupplungen
*) Siehe meinen KouHtrukteur, III. Aufl., S. 253.
430
XL KAP. ANALY8IRUKG DBB MASCHINKNELEHESTE.
zeigen, noch reichere Verbindungen,
als Grundeigenschaft, dass nie zur
Fig. 306.
An allen aber bemerken vir
Gliedbildung dieueo, und
zwarinsbesondere akoGlied-
bildungen von der Fonn
C'^...|...C*8ind.
Die beweglichen Kopp-
lungen zerfallen vieder un-
ter sich in langsbewegliche.
querbeweghche und im Win-
kel beweghcfae oder gelen-
kige. Beispiel einer längs-
beweglichen Kupplung ist die S h ar p 'sehe Klauenkupplong.
Fig. 307. Sie ist als Priamenpaar PtP^ gebildet, indem die Klauen
p. ggy der Stücke A B prismatisch
,, , und parallel zur geometri-
schen Achse der Wellen o
und b in einander greifen.
Nebensächlich ist, dass ilif
Stücke A und B durch
Keilverbindungen mit a un<l
b fest verbunden sind.
Eine querbeweglicbe Kupplung ist die Oldham'sche, Fig. 30?.
welche wir schon im §. 72 ausfuhrlicher besprochen und als einen
Fig. 3U8. Mechanismus von der Fora
die rotirende Krenzschleifc
genannt, erkannt haben.
Eine gelenkige Kuppluni:
ist die Cardanische oder
da-s Universalgelenk, Fijiiir
.^09, Diese haben irir in
unseren fiüheren l'nler-
suchungen bereits wieder-
holt angetroffen und in ^. t'>2
als das rotirende Kreuzgelenk (Cj-C-): erkannt. Nicht zu üIht-
sehen ist, dass gewöhnlich, wie hier, das vierteGlied C~ ...Z...X''
nicht mit dargestellt wird.
Diese Beispiele miigon genügen, um zu zeigen, dass wir in
den beweglichen Kupplungen theils Elementenpaare, theil^
DA8 CABDÄNI8CHE GELENK. 431
ausgebildete Mechanismen oder Theile von solchen vor uns
haben, deren Glieder selbst wieder unter Umständen eine beson-
Fig. 309.
dere Ausbildung mittelst der Verschraabunjjen und Keilungen
erhalten.
Zapfenlager, Lagerstühle, Gestelle.
Das Zapfenlager ergänzt den Zapfen C'*' ^ dem vollständigen
Elementenpaare CtC~, ist also das einzelne kinematische
Element C~. Es wird in mannigfacher Weise mit Verschraubun-
gen, Keilungen und kleineren Hilfsmechanismen versehen, welche
ilazu bestimmt sind, theils die Bautheile zu verbinden, also die
Oliedhildung zu bewirken, theils die Oelung und Reinhaltung
zu erleichtem , wegen beider Umstände also in die kinematische
Hauptformel nicht eingehen.
In den Lagerstühlen, den Trägem von Zapfenlagern, erblicken
wir nichts anderes als die festgestellten Stege kinematischer
Ketten , vorgerichtet um die Elemente von der Form C~ oder C*
mittelst Verschrauhungen und Keilungen aufzunehmen; oftmals
)tind sie auch mit Haupttheilen derselben aus einem Stücke her-
gestellt. Tig. 310 {a. f. S.) zeigt einen Lagerstuhl für die paralle-
len \Vellen A und S. Denken vrir uns die beiden Lager hinzu-
gefügt, so haben wir in dem Ganzen nur die konstruktive Aue-
fubrung des durch Fig. 311 dargestellten Steges C~ ...\\...C~ zu
iTblicken.
432 XI. KAP. ANALYSIRÜNG PER MA SCHIS ES ELEMKSTE.
Der Lagerstubl für zwei rechtwinklige Wellen, Fig. 312. ki
Turbinen vielfach benutzt, ist, wenn tlie Lager bei E und f
Fig. 310.
hinzugedacht werden, kinematisch gleichwertliig mit dem Stc;
C~ ...±...C~ in Fig. 313, oder, da wir jederzeit die nieileni
l'jiare umkehren dürfen, mit dem Stücke C* . . . ±. .. C' <■'■
Fig. 314. Lagerschalen, Schrauben, Deckel, Ankerschrauben u-l
dienen nur zur konstruktiven Verwirklichung einestheils der l.t'-
mente G~, andererseits der Verbindung des Ganzen mit dem B"'!'!'
oder Gebäude, Den zusammengesetzten Lagcrstuhl, Fig. 315. ton-
nen wir — immer die HinKufiigung der Zapfenlager vorausgesetzt —
durch de» aus vier Elementen von der Form C~ bestehenden Si<i
Fig. 3 IC, ersetzen.
LÄGEB8TÜHLE. 433
Es ist mitunter dem Koostruirende^ sehr zu emplelilen , sich
in der angedeuteten Weise die Lagerstühle niid überhaupt die Ge-
Fig. 312.
btellbauten in ihrer ganzen kinematischen Emfacfaheit klar zu
machen, ehe er an den Entwurf geht Fr rwingt sich dadurch zur
Fig. 313. Fig. 314 Pig 31fl
Abstraktion; die Einfachheit und (lüte der Konstruktion kann da-
durch nur gewinnen. Im allgemeinen sind wir erst auf dem Wege,
Fig. 315.
434 XI. KAP. ANALYSIRUNG DEB MA8CHIKENELEMEKTE.
den 80 schlichten Gedanken , dass der festgestellte Theil der Ma-
schine ein wirklicher Theil der kinematischen Gliederung ist, klar
zu fassen und durchzuführen. Nur zu . leicht wird noch allermeisl
übersehen, dass die Mauer, der Balken, der Fussboden, auf welche
Zapfenlager oder Leitschienen und dergleichen befestigt werden,
dadurch zu einem Gliede der kinematischen Kette einer Maschine
wird. Ich machte schon früher (§. 58) darauf aufinerksam, wie in
Zeichnungen der ruhende Steg so oft weggelassen werde. Ohne
Zweifel hängt diese Auslassung zusammen mit der Unklarheit über
das festgestellte Glied, und wirkt dadurch auch zurück auf den
Beschauer der Zeichnung. Denn diese gibt keinerlei Veranlassung.
sich darüber klar zu werden, dass der weggelassene und doch so
wichtige Theil auch fest gebaut sein müsse. * Wer z. B. wird durch
die folgende, einem modernen kinematischen Lehrbuche entnom-
mene Darstellung einer oscillirenden Dampfmaschine, Fig. 317.
Fig. 317. ^^^ angeregt, sich deutlich vorzustellen,
dass die Zapfenlager A und B eine feste
Verbindung haben müssen? Sie sind an-
scheinend zusammenhangslos. Das vorUegeude
Beispiel ist aber nur eines unter vielen. Wir
dürfen uns daher nicht wundem, diese seihe
Verbindung auch in der Maschinenpraxi^
öfters unvollkommen ausgeführt zu finden.
Die älteren Fachgenossen werden sich n<xh
des Aufsehens erinnern, welches in engenn
Fachkreisen die Penn' sehe Konstruktion der
oscillirenden Schi£fsdampfmaschine bloss dar-
um machte , weil Penn durch eingeschalttte
Kreuzstreben gerade den genannten Gestelltheil der Maschine Iv-
sonders widerstandsfähig gemacht hatte. Und doch hatte Fenn
nur die ganz schlichte Forderung erfüllt, welche wir ganz zu An-
fang (§. 1) als eine solche erkannten, die an jedes Glied dir
kinematischen Kette gestellt werden müsse.
Heute sehen wir einen ganz ähnlichen Prozess sich bei der
liegenden Dampfmaschine vollziehen, für welche von Amerika au*^
die Anwendung eines schweren balkenförmigen Untergestells, d«^
den Cy linder und das Kurbellager trägt, eingeführt wurde. Die>a
Lagerbalken der Corliss'schen,Allen'schen, Tangye'schenu-s.w.
Dampfmaschinen, was ist er anderes, als der Aufstellungsstoj; d
unseres rotirenden Schubkurbelgetriebes (Cj'P-*-)* Fig. 318? Mai.
■^^S^^^N^N'i!*«^^
GESTELLE AÜTEN. 435
sollte kaum glauben , dass die Maschinenbauer von heute soeben
erst dazu gekommen sind, zu dieser Bauart überzugehen, dass sie
Fig. 318.
■♦►•
/ t*%?%»5'??99^<«<«!%ÄS^^
noch mehr oder weniger in der Bewunderung der darin enthalte-
nen „Verbesserung" begriffen sind, während doch dieselbe aus
unseren Grundsätzen als ganz selbstverständlich hervorgieng. Allein
der Maschinenbauer bisherigen Stiles hält vermöge der allgemein
gültigen Vorstellungen noch vieles für einfach und selbstverständ-
lich, was zerlegbar ist und sehr des Beweises bedarf, für verwun-
derlich aber, was eine unmittelbare Folgerung aus feststehenden
Sätzen ist Man erkennt in dem letzteren Umstände die überwin-
dende Kraft eines ächten logischen Zusammenhanges.
Aehnliche Beispiele wie das obige, welche den Mangel an
grundsätzlicher Auffassung des Gestellbaues ins Licht setzen,
liessen sich noch in grosser Zahl anführen. In engem Zusammen-
hange p^ diesem Mangel stand auch Redtenbacher's Versuch,
die Maschinen mit einheitlich konstruirtem Gestelle als besondere
Klasse aufzufassen, für welche er den Namen Möbelmaschinen
angewandt wissen wollte. Wir haben gesehen, dass die richtige
Behandlung der Aufgabe sehr einfach und verständlich ist und
einer solchen Ausscheidung nicht grundsätzlich bedarf, weshalb diese
fuglich unterbleiben kann.
§. 113.
Seile, Riemen und Ketten.
Dass die Seile, Riemen und Ketten kinematische Elemente
sind, haben wir in §. 41 bereits festgestellt. Sie sind die Zugkraft-
organe T., Tp und T.. Werden dieselben so benutzt, dass sie mit
Haken, Verschraubungen, Nieten u. s. w. entweder endlos, d. h. in
sich selbst zurücklaufend gemacht, oder mit anderen Körpern ver-
28*
436
XI. KAP. ANALYSIBTIKG DER MASCHINEN ELEMENTE.
bunden Bind, so Btelleo sie Glieder gewisBer IdnematiBcher Ketten
vor, von denen wir alsbald zu sprechen haben werden. Die Ge-
lenkketten oder Gallc'schen Ketten sind im Grunde genommen Vpr-
bindungen von zahlreichen kinematischen Kettengliedern von der
Form C*" ...\\..,C~, die in ihrer Gesammtheit durch die Einschal-
tung eines Steges zwischen die Kettenräder geschlossen werden.
Ü. 114.
Relbimgsräder, Riementrieb, Selltrieb.
Die Reibungs- oder Reibräder sind kinematische Elemente au»
kraftschlüssigen Elementenpaaren. Werden zusammengehörige, ein
Rädcrpnar bildende Ausführungen derselben betrachtet, vergloiihe
Fig. 319, so handelt es sich um vollständige und znar höhere F.le-
mentcnpaare von der Form B*,Ä* oder S'',R~.
Fig. 3te. Fig. 320.
fl|
Die Rolle, welche zur Leitung eines Seiles oder Riemens dient.
oier ein solches Organ durch ihre Drehung in Bewegung Bot/t
bildet mit demselben ein Elementenpaar R*,Ti, siehe Fig. 32ii
FiiC. 321.
Zwei solcher Paare, welche wie vdt wissen kraftecfalüssig sind liefi'n..
in geeigneter Weise vereinigt, den Riementrieb, beziehungs«tt-f
Seiltrieb, Fig. 321, wenn die RoUcnachscn und der AufcteHungs-t'r
RÄDEB. 437
hinzugefugt werden, vergleiche §. ii. Die einzelne Seilrolle, Riem-
scheibe, Seilacheibe mit ihrer Achse ist ein Glied der vorliegenden
kinematischen Kette, ebenso das endtos zusammengeschlossene Zug-
kraftorgan. Die Mafichinenbaukunde behandelt die Regeln für den
Bau dieser Kettenglieder.
Zahnräder, Kettenräder. '
Die Zahnräder sind Glieder aus der Kette (R.C^, von welcher
Fig.322 alsBeispiel die Stimräderkette (C*G^) vorführt. Der Bau
Fig. 322.
pjvi
des Steges c wurde bei den Lagerstühlen, siehe §.112, erledigt Die
Maschiuenbaidcundc lehrt sowohl die Bildung des höheren Paares
Pi„ 323 (fi.) als den Bau der Glieder
B....\...C. Wird ein Zahn-
rad mit einer Kette gepaart,
siehe Fig. 323, so entsteht das
Paar Ii„T^. Eine passende
Vereinigung solcher Paare lie-
fert den Kettentrieb.
Schwungräder.
Die kinematische Bedeutung der Schwungräder haben wir be-
reit« bei einer früheren Gelegenheit, g. 45, erörtert. Sie sind dreh-
körperiormig angeordnete Massen, welche auf Gliedern von der
438 XI. KAP. ANALYSIEUNG DEB MA8CHINBNELEMENTE.
Form C"*'...|...C'^ angebracht werden, um beim Gange vermöge
ihrer lebendigen Kraft die Ueberschreitung der Todpunkte in
Mechanismen zu bewirken oder auch nur deren Bewegung gleich-
förmiger zu machen. Eine besondere symbolische Bezeichnung als
Kettenglieder oder Elemente bekommen die Schwungräder nicR
da unsere Zeichensprache über die Massenhaftigkeit der Theile
keinen Aufschluss gibt.
§. 117.
Hebel y Kurbeln, Pleuelstangen.
Die Maschinenbaukunde unterscheidet einfache und zusammen-
gesetzte Hebel. Dieselben sind Kettenglieder, welche mit Zapfen
versehen sind und eine schwingende Bewegung vollziehen. Der
gewöhnliche einfache Hebel entspricht seiner Anordnung und An-
wendung nach der „ S chwinge " c = C"*" . . . || . . . C"*" in der Kette (CJ').
Der zusammengesetzte Hebel ist ein aus einfachen Hebeln zusam-
mengesetztes Kettenglied, z. B. ein solches von der Form
MI...C+
c+....
.||...(7+
Die Kurbel ist ein Glied von der Form C+...||...6*''", welches
zu vollständigen Drehungen um einen seiner Zapfen bestimmt ist
entspricht also nach Anordnung und Anwendung dem Gliede a in
der Kette (C") oder (C'^P-^) u. s. w. Die Pleuelstange endlich ist
ebenfalls ein aus zwei Cylinderelementen gebildetes Glied, meist
in der Form CT ...\\...Cr hergestellt. Sie entspricht der »Koppel"
b in dem Getriebe (C^'y oder (CgP-*-)'*. Der kinematischen Form
nach unterscheidet sie sich nicht von dem Lagerstuhl Fig. 310
in §. 112.
Wir haben somit hier eine ganze Reihe zwar konstruktiv ver-
schiedener, aber einzebi genommen kinematisch ganz gleicher
Kettenglieder vor uns, welche nur durch ihre verschiedene Lage
in der Kette eine verschiedene Bedeutung annehmen. Die zusam-
mengesetzten Hebel ihrerseits sind gleichbedeutend mit denjenigen
zusammengesetzten Lagerstühlen, §. 112, mit denen sie gleiche
gegenseitige Lage der Elemente C haben.
TBEILE DER KURBELQETBIEBE,
Querhäupter und Fülirungserlelse.
Das gewöhnliche Querhaupt, anch Kreuzkopf genannt, ist nichts
anderes als das Glied c der Kette (CjP-"-), von uns insbesondere
dort „Schieber" betitelt. Es hat die Fonnel C L.-.P. Zu ihm
gehört das Führungsgleis in mancherlei Ausiiibrungs-Formen. Es
ist das dem Stege d des Getriebes (C'^P-^Y angehörige Prisma 4,
Fig. 324, meistens in der Form P~, manchmal jedoch auch in" der
Fig. 334.
Form P*' ausgeführt. Fig 325 zeigt m dem rahmenformigen Kör-
per X> dieses Prisma, in dem Stucke C das zugehörige Querhaupt,
Fig. 325.
<1. i. den Schieber c aus Fig. 324. Das 'Querhaupt hat in der Ma-
scUinenpraxis historisch eine ungewöhnlich grosse Reihe von For-
men durchlaufen, welche den Stempel mühsamen Studiums an sich
tragen. Die theoretisch so einfach scheinende Aufgabe, eine ge-
radlinige Bewegung in einem gegebenen Getriebe zu sichern, bat
sich angemein lange der praktischen Lösung widersetzt (vergl.
.Sclüuss von §. 3). Im Ganzen sind nach alle diesem die' Kurbel,
die Pleuelstange, das Querhaupt, das Führungsgleis (wenn man
za letzterem noch das Lager der Kurbelachse hinzufugt) und der
Hebel die Glieder der Kurbelgetriebe (C^P-^y und (C;)".
XI. KAP. ANALY8IHUNG DEE MASCHINENELEMESTE.
Sperrräder und Sperrwerke.
Die Sperrräder werden nicht regelmässig za den nllgenieineii
Mas eil incntli eilen gezählt. Gewöhnlich rechnet man sie zu diTi
besonderen M aschinen theilen, vorzugsweise denjenigen der Aufzus-
maschinen. In der Tliat haben sie aber einen weit allgemeinen^
Kjirakter. Ihre genauere Behandlung führt zu sehr verwickellcu
und vielgestaltigen Problemen, ein Umstand, aus welchem sich liit*
geringe Neigung, sie zu den „einfachen" Maschinentheilen zu
ziihleii, erklärt. Wir müssen, ohne indesseu erschöpfend vlt-
fahren zu dürfen, auf einige wesentliche Fälle hier eingehen.
Unter den mancherlei Formen, in welchen die Sperrwerke zur
Ausführung kommen, ist die gebräuchlichste diejenige des Zahn-
rades mit Sperrklinke oder Sperrkegel, Fig. :i2(iu, 327. I>a>
Fig. .12fi. Fig. :i27.
(Jetriebe besteht beidemal aus drei Gliedern, nämlich dem Üiuli'
a=C..|...C„ der Sperrklinke h = Z..:\\..C, und dem Sto;;-'
r = C...\\...C, welches letztere Glied wir als festgestellt annebni' r.
wtdlen. Der Zahn Z legt sich, wie schon früher fg. 43) besiirmln »
wurde, kraftschlüssig in die Zahnlücken dos Rades a hinein, in>ii tu
die Klinke b durch die Schwere oder eine Feder angedrückt «"irA
Aus,serdem ist hervorzuheben, dass Ä nur bei der einen Drehriib-
tung des Rades — in Fig. 32G ist es die Linksdrehung, in Fig. :iJT
die Rechtsdrehung — mit a kinematisch gepaart ist, bei Drebunu-
in der anderen Richtung aber nach ganz kleinem Spiele das ILii
festhält, 'also dann mit ihm and dem Stege c gleichsam in ein^tiub
übergeht.
Der Unterschied zwischen den beiden dargestellten Getriili;'
scheint ziiniichst nur ein konstruktiver zu sein, indem im ei^t. i,
GESPERRE. 441
Falle der Sperrkegel auf Druck, im zweiten auf Zug beansprucht
ist Die nähere Vergleichung der eingetragenen Richtungspfeile
zeigt aber, dass im ersteren Falle, wenn das Rad rückläufig be-
wegt wird, Klinke und Rad entgegengesetzten Drehungssinn, im
zweiten dagegen gleichen Drehungssinn haben. Hiemach besteht
zwischen Druckklinke und Rad das Verhältniss aussenverzahnter
Räder, zwischen Zugklinke und Rad dasjenige des Hohlrades zum
eingreifenden Vollrade. Wir haben demnach den Zahn der Druck-
klinke mit Z^, den der Zugklinke mit ZT zu bezeichnen.
Eine zweite durch die Zeichensprache wiederzugebende Eigen-
schaft ist die einseitige Gangbarkeit des Sperrrades. Wir wollen
dieselbe dadurch andeuten, dass wir als Paarungszeichen statt des
blossen Kommas ein Semikolon zwischen C, und Z setzen. Unter
Andeutung des Kraftschlusses des Zahnes Z heisst nun das Paar
Z^ Z~
C'^—j oder C,;— . Der Punkt macht die Unbeweglichkeit der
Kette in der einen Bewegungsrichtung, das Komma die Gangbar-
keit in der andeilsn Richtung deutlich.
Bei Stellung der Kette auf c lautet nunmehr die ausfuhrliche
Formel:
a h c
G . * >|| . . . G^^i^. . . II . . . O— O ...||...0—
Hierbei ist, um den Ausdruck allgemein zu lassen, das Form-
zeichen bei Z nicht zugefügt Auct ist das Kraftschlusszeichen
daselbst weggelassen; dasselbe kann in der That für gewöhnlich
entbehrt werden, da das Semikolon schon auf die Aussergewöhnlich-
keit des Paares hindeutet Ja, dieser letztere Umstand ermöglicht
uns sogar, das Paar C,;Z in konzentrirter Form mit nur einem
Elementenzeichen zu schreiben, da wir mit ausreichender Deutlich-
keit setzen können: C;Z=(C,;). Diese abgekürzte Schreibung
ist auch im Hinblick auf das Zeichen ((7.) des Stirnräderpaares
C,C, logisch gerechtfertigt, indem die Klinke C/...||...Z thatsäch-
lich als eine Art von Ausschnitt aus einem Stimrade angesehen
werden kann.
Hiemach heisst das Stangengesperre mit festgestelltem Stege
Fig. 328 (a. f. S.) bei ausführlicher Schreibung:
a b c
p^...ll...f,;Z-^...ll...(;^C"..-'.±...pi
und bei konzentrirter: (CPP^'^y u. s. w.
442
XI. KAP. ANALTBIBUKO DEB HASCH INEN ELEMENTE.
Neben der betrachteten Gattung von Gesperren gibt es eine
zweite, velche sicli von ibr wesentlich unterscheidet. Fig. 329
Fig. 328. Fig. 32». P^t von derselben ein
BeispieL Hier haben
wir zunächst wie oben
Zahnrad , Sperrklinke
und Steg vor uns; allein
die Klinke greift hier
auf solche Weise in das
^'^SHBP»^ Rad, dass der Zahn das
Rad in allen beiden
Drehricbtungen sperrt. Die Klinke & ist ko
zu qagen eine Vereimgung derjenigen in
Fig. 326 mit derjenigen in Fig. 327, indem
sie der einen Drehung als Druckklinke, der
anderen als Zugklinke widersteht. Während
demnach das obige ein einseitig wirkendes
Gesperre war, ist das vorliegende ein zwei-
seitig wirkendes. Jenes kann man wegen
der Beweglichkeit des Sperrkegels beim Rück-
lauf des ßades ein laufendes, dieses da-
gegen ein ruhendes Gesperre nennen. Das ruhende Gesperre
findet u. a. Anwendung in dem sogenannten deutschen Schlag-
werke für Wand- und Thurmuhren,
Hinsichtlich des symbolischen Ausdruckes für die zweiseitig
wirkende Sperrung sind wir in die Nothwendigkeit versetzt, aber-
mals ein neues Beziehungszeichen einzufahren. Zunächst kann
■ der Zahn wegen seiner beiderseitigen Wirkung mit Z- bezeichnet
werden. Sodann lässt sich sehr gut im Anschluss an die obige
Wahl des Semikolons hier der Doppelpunkt benutzen. ^Vir
wollen das aus dem Zahnrade und der zweiseitig sperrenden Klinke
bestehende Elementcnpaar durch C,.Z^ bezeichnen und in der kon-
zentrirten Form durch das Symbol (C,:) darstellen. Hiemach
heisst denn das ruhende Gesperre Fig. 329 (C'^C,:)'.
Von dem laufenden Gesperre (CJ'C,;)' ist das ruhende Ge-
sperre (C'^C,:)' sehr verschieden. Bei dem ersteren kann man das
Rad a im Sinne dos Rücklaufes uubeliindert drehen; die Klinke
wird dabei selbstthätig gehoben und durch den Eraftschlnss
wieder gesenkt. Will man die umgekehrte Drehung bewirken oder
geschehen lassen, so muss durch besondere Mittel die Klinke
GE8PEBRE. 443
b Yorerst aus dem Eingriff entfernt, ausgehoben, das Gesperre
„ausgelöst" werden. Bei (C^C^^Y dagegen kann keine der bei-
den Drehungen ohne vorherige Auslösung des Gesperres
stattfinden. Ist eine solche Auslösung bei einem ruhenden Ge-
sperre geschehen und darauf die Sperrklinke nach Einleitung der
Drehbewegung wieder der Schlusskrafb überlassen, Fig. 330, so
Pig 33Q dauert die Drehung nur so
lange fort, bis die nächste
^■^■^^^^^ Zahnlücke dem Klinkenzahn
j^^^^^^^^^^^fc^ gegenübertritt. In diesem
^U^^B^^K^^j^^^j^^^ Augenblick schliesst sich die
^IHj^m^^^Bfl^ '4B^ Sperrung wieder, und Rad,
i^^^^^^ . Klinke und Steg wirken wie-
' derum wie ein einziges Stück.
Beim laufenden Gesperre, Fig. 331, legt sich unter gleichen Um-
ständen die Klinke allmählich und. schon vor dem Schliessungs-
^l^ 331 momente in die Zahnlücke,
da die Form der Zähne dies
mit sich bringt. Sie ver-
mag deshalb mit grosser
Sicherheit das Auffangen
der Radzähne zu bewirken.
Wird nach dem Auslösen
eines belasteten Gesperres,
(1. h. eines solchen, dessen Sperrstück a durch die Triebkraft vor-
wärts gedrängt wird, die Sperrklinke nicht sofort der Schlusskraft
überlassen, so bewegt sich das Sperrstück a alsbald weiter vorwärts,
und zwar um so rascher, je grösser die Belastung war. Diese Bewe-
l^ning im Gesperre möge dessen Rücklauf genannt werden. Der-
^011)6 kann dazu dienen, die Wirkung einer aufgespeicherten mecha-
nischen Arbeit in einem gegebenen Augenblick zur Wirkung gelan-
gen zu lassen. Man kann ein in solcher Weise benutztes Gesperre
ein Spannwerk nennen. Solche sind in mancherlei Formen im
Gebrauch. Ein ungemein verbreitetes ist das im Flintenschloss
benutzte. In diesem sind die beiden „Rasten" der Nuss die Sperr-
zähne des Sperrstückes; der „Drücker" vermittelt die Auslösung
<ler Klinke aus der „Spannrast". Schon bei den Armbrüsten des
Mittelalters und bei den Katapulten und Ballistcn des Alterthums
war das Spannwerk als Getriebe zur plötzlichen Verwerthung auf-
gespeicherter Kraft benutzt (§. 48). Auch in wichtigen modernen
444 XI, KAP. ANALTSmUNG DEB MASCBINENELEUESTE.
Maschinei] leistet dasselbe vorzägUcbe Dienste , so u. a. ita SeM-
spinner, wo sowohl laufende als ruhende Gesperre mehrfscb zu
Spannwerken benutzt sind, namentlich um im richtigen AngeDbliik
die erforderlichen Bewegungswechsel einzuleiten.
S- 120.
Der Büokgang Im laufenden Gesperre.
Die Anwendungen der beiden Gesperrarten sind, wie die vot-
stehenden Beispiele zeigen, äusserst mannigfach und wichtig, liil
wichtiger, als es auf den ersten Anblick scheinen mochte. Es ni:
deshalb unerlässlich , etwaa näher auf die daraus gebildeten Me-
chanismen einzugehen. Ana mehreren Benutzungen deRelb*»
lassen sich wesentliche Aufschlüsse über einzelne Ma9chinendeülil^
gewinnen. Dies nöthigt uns, den Rahmen der baulichen Ma.ilii-
nenelemente noch um ein Kleines weiter zu überschreiten, ab l>e-
reits geschehen ist.
Halten wir fest, dass die Gesperre sowohl rechtläufig al^
rückläufig gebraucht werden, so müssen wir zunächst eiüen It-
sonderen Theil der Bewegung im Getriebe, den Rückgang il--
Sperrstückes und die dabei erzeugte Bewegung der Sperrklict'
einer kurzen Untersuchung unterwerfen.
Wenn das Sjierrstück a ein Rad ist, so ertheilt dessen rüit-
gängige Achsendrehung der Khnke C...\\...Z ebenfalls ein-
Fiff. 332. Achsendrehung, welche ihrem Gestt;:
^^^^ ^^^ nach von der besonderen Form des 7a\a:-
^^^^H|^^^^ rückens abhängt. Thatsäclilich ist il<i
^^I^^H n^ Zahnrücken ein Stück einer im allgeiivi-
^^H^^^^^^^p nen nach einer beliebigen Kurve pmtüir-
^^Kgjßß ^^ jgQ Scheibe a, Fig. 332, welche, wenn -;■
^^^^ einen stetig profiUrtcn Umfang hat. n"-
Schwingung der Klinke um ihre Drehachse hervorruft. Hat lÜ^
Klinke einen unendlich grossen Halbmesser, so geht sie in ein':
Schieber ft, Fig. 3;W, über, welcher, unter Beibehaltung der \"i-
luissctzung dos Kmflsohlasses , durch die Kurvenscheibe a et»..
senkropht auf- und niederbewegt wird. Auch in diesem f"i!'
hnhou wir. wie ol>cn, eine dreigliedrige Kette vor uns; ihre Fomii
Inutot :
BEWEGUNG IM GESPERRB.
c*...\\...c,j...±...Ptp-...x-..cz
Das bei Feststellung von c daraus gebildete Getriebe gehört
einer sehr formenreichen Reihe vop MechaniBmen an, welche als
Fiff. 333. Fig. 334.
Kurvenschubgetriebe bezeichnet werden dürfen. Es gibt
verschiedene Methoden, den Kraftschluss bei Z durch Paarscbluss
zu ersetzen. Eines der Mittel ist u. a. das, an dem die Kurve be-
rührenden Ende des Schiebers oder der Klinke ein cylindriscb
profilirtes Element anzubringen, dessen Umfang eine Aequidistante
des genannten Endpunktes ist, und dasselbe in einer Rinne der
Scheibe a gleiten zu lassen, welche ihrerseits in ihren Profilen ein
Aequidistantenpaar der Urkurve vorstellt, Fig. 334 (vergl. §. 35}.
Hiernach ist die KraftschlüBsigkeit der Klinke oder des
Schiebers h nicht wesentliche Grundeigenschaft des Kur-
vengetriebes, sondern eine von ihm trennbare zufällige
Eigenschaft Wir waren demnach auch durch innere Gründe zu
der im vorigen Paragraphen beschlossenen gelegentlichen Weglas-
sung des KraftschlusBzeichens berechtigt. Hier dürfen wir der gan-
zen Frage zunächst nicht weiter nacligehen ; sie fuhrt in ein aus-
i;edehntes Gebiet der angewandten Kinematik. Nur soviel ist hier
festgestellt, dase das Sperrrad mit seinem zackigen Umfangsprofil
in aller Strenge den Kurvenschubgetrieben angehiirt, welche ihrer-
seits unter gewissen Umständen in die Zabnrädergetriebe übergehen.
Wenden wir uns aber nunmehr zu einigen zusammengesetzten
Mechanismen, welche aus den Sperrungsgetrieben gebildet sind.
446 XI. KAP. ANALTSIBÜNG BEB HABCHIKENELEMBKTS.
§. 121.
Sohalttmgen.
Die Schaltungen oder Schaltwerke spielen in ihren gewöhn-
lichen Formen eine scheinbar ziemlich untergeordnete RoHe im
Maschinenwesen ; sie werden zwar viel gebraucht, aber man möcbk
sagen, nicht recht für voll angesehen, wozu ihre krafkschlüssige
Bewegungsweise Veranlassung geben mag. Nichtsdestoweniger
verdienen sie die grösste Beachtung, wie ich weiter unten nach-
weisen werde, weshalb wir uns ihre Haupteigenschaften khir
machen müssen.
Wenn die Betreibung eines Maschinenorganes zwar fortschrei-
tend, aber nicht stetig, sondern in periodisch absetzender Weise
geschieht, so wird sie Schaltung genannt Der Mechanismus zur
Hervorrufung einer Schaltbewegung heisst insbesondere Schalt-
werk. Ein solches wiederholt periodisch seine fortbewegende
Thätigkeit und erfordert deshalb, dass in den grossem oder gerin-
gem Zwischenpausen das zu schaltende Kettenglied am Rückgang
verhindert werde, was in sehr vielen Fällen durch ein Gesperre
geschieht. Ein vollständiges Schaltgetriebe, auch kurzweg wie die
ihm eigenthümliche Bewegung selbst eine Schaltung genannt seUt
sich daher sehr häufig, obwohl nicht immer, aus einem Schaltwerk
und einem Sperrwerk zusammen.
Ein häufig vorkommendes Schaltgetriebe ist das in Fig. 3o'>
skizzirte, welches zum Aufwärtsbewegen einer Stange aai dient.
Als Gesperre wirkt das aus dem vorigen Paragraphen bekannte
Stangengesperre (CPP/^)% als Schaltwerk ein ganz ähnlich zusam-
mengesetztes aber auf a gestelltes Getriebe, dessen Zahnstange Ui
mit derjenigen des Sperrwerkes zusammenfallend hergestellt ist,
und welches relativ gegen den ruhenden Steg c bewegt wirJ.
Beim Abwärtsbewegen von Ci ruht die Stange a ai in dem Gesperre,
während die Schaltklinke bi eine Anzahl von Zähnen überhöpft;
beim Aufwärtsbewegen dagegen wirken 61 , Ci und ai wie ein ein-
ziges Stück, während b der Zahnstange die Fortschreitung gestitttt.
Gibt man jedem der beiden Stücke e und Ci unter Erhaltung
ihres relativen Spieles die Hälfte dieses letzteren als absolute
Bewegung, so entsteht die doppeltwirkende Schaltung, welche
8CHALTOETEIEBE. 447
Fig. 336 darstellt Hier sind die zu einem Körper verbundenen
Zahnstangen a und Oj zunächst nebeneinander anstatt ineinan-
der gelegt und sodann durch eine besondere ruhende Prismen-
Fig. 335. Fig. 336.
fdhrung gerade geleitet. Die beiden Klinkenachieber c und Ci wer-
den mittelst Koppeln von einem gleicharmigen Hebel aus in der
oben verlangten Weise bewegt (In der Maschinenprasis, wo die
doppeltwirkende Stangenschaltung nicht selten ist, setzt man wohl
die Klinken unmittelbar auf den Doppelhebel, wodurch sowohl die
Koppeln, als die Schieber c und Ci überflüssig werden.) Ein Sperr-
werk ist nun nicht vorhanden ; die beiden Schaltwerke lösen sich
vielmehr in ihrer Thatigkeit gegenseitig ab. Zu bemerken ist, dass
die beiden Klinken, trotzdem sie nur die Hälfte des Hubes der
obigen Schaltklinke Ci haben, bei ihrem jedeswaligen Ruckgange
dieselbe Weglänge auf der Zahnstange zurücklegen, wie oben bei
dem einfachen Schaltwerke, wenn dieses denselben Gesanunthub
in jeder Periode hat
Eine andere doppeltwirkende Schaltimg ist die in Fig. 337
(a. f. S.J dargestellte von Lagarousse. Hier werden eine Zug- und
Druckklinke von einem und demselben Schieber aus bewegt und
448
XI. KAP. ANALYSIRUHG DER MASCHINENELEMENTE.
Fig. 337.
wechseln in ihrer Wirkung auf das Schaltrad a ab. Je eine der-
selben bewegt bei jedem einfachen Spiel des Schiebers c den Radum-
fang um eine gewisse Zahl von Zahntbei-
lungen vorwärts, während eine doppelt so
grosse Zahl von Tbeilungen durch die
andere Klinke überhüpft wird. Diew
Eigenschaft verdient beachtet zu werden,
indem wir weiter unten auf dieselbe zo-
riickkommen müssen.
Wie wir bemerken, sind die laufeuden
üesperre sehr gut zur Bildung von Schal-
tungen zu verwenden. Ganz dasselbe pl'
hinsichtlich einer bemerkenswerthen lic-
sonderen Unterabtheilung der Schaltge-
triebe, der sogenannten Hemmungen
der Ulirwerke. Diese beruhen im all|ie-
meinen auf dem im vorigen Paragraphen
besprochenen Auslösen und Wiedereinlogf n
des Gesperres eines Sperrrades, welches durch die Betriebsknift
stets vorwärts gedrängt wird. Indem das Loslassen und Auffan-
gen in mögliclist gleich gross gemachten Zeitabschnitten bewirkt
wird, regelt die Hemmung den Gang des Uhrwerkes dergestalt,
dass dessen Räder in gleichen angehbaren Zeiten gleich grosM'
endliche Winkel durchlaufen.
Als Beispiel sei die so sehr verbreitete Graham'sche Anker-
hemmung für Pendeluhren angeführt, siehe Fig. 338. Bei ihr simi
zwei verbundene laufende Gesperre angewandt, und zwar so, das.-
die beiden Klinken b und 6i, eine Zug- und eine Druckklinke, zn
einem festen Gliede vereinigt erscheinen. Das Ulirpendel bewirkt
die regelmässige Auslösung und Einrückung des Klinken paares.
hier Anker genannt. Wenn die Klinke b ausgeschoben wird, tritt
b, in eine Zahnlücke hinein, und fängt alsbald das von derTrieh-
kraft voruärts getriebene Sperrrad, liier Steigrad genannt, auf
Heim RückwärtsscUwiiigen des Ankers wird 6| ausgehoben und ib-
Steigrad durch b aufgefangen. Jeder Sprung des Steigrades um-
fasst eine halbe Zahntheilung. Es ist eine Nohoneiiirichtung 'I'T
Uhr, dass der lljkdzahn alsbald, nachdem er von der Khnke \'>~
gelassen ist, vermöge des Vorbcisclilüpfeus an den sogenanniiii
UebeÜächen den Anker noch etwas nach aussen drangt, und dadnn h
dem Pendel ein kleines Manss von Beschleunigung mittheilt: im'
. UHBHEHHUNDEK. 449
der Hemmung selbst hängt diese Einricbtung nicht Dothwendig
1 und fehlt auch bei manchea, namentlich neueren Hem-
P^ gjiB mungSTonichtungen. Beige-
wissen sehr fein konstniirten
Hemmungen, wie den soge-
nannten Chronometerhem-
mungeu, ist nur ein einziger
Sperrkegel angewandt, wel-
cher bei jeder Doppelschwin-
gung des Pendels einmal
ausgelöst wird und alsbald
wieder in die Zahnlücke tritt,
um den herankommenden
nächsten Steigradzahn auf-
zufangen. Dasselbe gilt von
der mit ausserordentlicher
Geschwindigkeit wirkenden
Hemmung , welche bei dem
Wheatstone'schen, durch
Hipp verbesserten Chrono-
skop angewandt ist, Fig. 339.
Hier ist die Sperrklinke eine
Feder, welche dadurch aus-
und eingelegt wird, dass man
sie veranlasst, in Schwingung
zu geratben. Sie ist so ab-
gepasat, dass sie in der Sekunde 1000 Doppelschwingungen voll-
zieht. Bei jeder derselben lässt sie einen Zahn des Steigrades
Fig. 33».
durchschlüpfen , um alsbald den
nächstfolgenden wieder aufzufangen.
.^^^2 ** IKL^ ^'"^ sehen somit bei den delikatesten
^I^H^k^^^^t^ Maschinen , welche man gebaut hat,
J^^Hj^^^^^^^ eine Eigenschaft des Zahngesperres
^^^H^H|^t erfolgreich angewandt, welche auf
^^^H^^fP den ersten Blick beinahe plump und
^^^Hip^ für macbinale Genauigkeit nichts
weniger als geeignet erscheint.
Ein Beispiel einer Schaltung mit ruhendem Gesperre gibt
Fig. 340 (a. t S.}. Soll dasjlad a geschaltet werden, so muss noth-
wendig vorerst die Sperrklinke i ausgehoben, d. h. die Sperrung
450 XL kaf: ahaltsibunq der maschinekelehektk.
gelöst werden. Dies geschieht durch einen Zahn di, welcher mit
dem rotirenden Schaltzahne d verhunden ist, und die Klinke, bei
pj ^^(, &| angreifend, aushebt W^i-
^ rend dieses stattfiudet, tritt der
Schaltzahn d in eine Zahnlücke
^ \-- ^-^ ^^^^^fe^ ^^^ Rades a hinein und treibt
^ V i^^^ts darauf dieses um eine Zahnthei-
lung vorwärts. Beim Schlüsse
dieser Vorschiebung aher sinkt
^ / die Klinke wieder nieder, in-
dem der Zahn di den Vorsprang
6, wieder verlässt. Demznfolge
ist alsbald nach stattgehabter Schaltbewegung auch die Spermng
wieder geschlossen. Die Drehung des Schalters rfd, kann vor-
oder rückwärts vorgenommen , das Rad also vor- oder rückwärts
geschaltet werden.
Wählt man den Halbmesser des Rades a unendlich gross, so
geht dasselbe nach nns bekannter Weise (vergleiche §. 69 nnd 71)
in eine prismatische Stange über. Diese ist dann, nachdem auch
der Schalter ddi entsprechend umgeformt ist, eine vor- und rück-
wärts schaltbare Sperrstange mit ruhendem Gesperre,
Ohne hier auf andere Arten von Schaltungen mit derartigem
Gesperre einzugehen, will ich nur auf eine Anwendung- des soeben
beschriebenen Getriebes kurz hinweisen, welche von ganz ausser-
ordentlicher Häufigkeit ist Es handelt sich nämlich um nichts an-
deres, als die gewöhnlichen Schlosser für Thüren, Schränke u. s, w-
einfache' wie verwickelte, ganz schlichte Schlossereierzeagnisse, wie
sogenannte Kunstschlosser, an welchen der mittelst des Schlüssele
bewegte Riegel einem Schaltwerke der zuletzt besprochenen .\rt
angehört.
Zunächst ist der gewöhnliche, vermittelst des Drücken be-
wegte Thürverschluss an sich schon ein Gesperre nach ansorvr
früheren Definition, und zwar ein laufendes Gesperre. Sowohl dio
sogenannte Scliiessfalle, als die einfache Thürklinke bildet mit
Schliesskasten, Thürgesponst undThür ein Gesperre, welches zo der
bei Fig, 326 und 327 besprochenen Gattung gehört. Es findet nur
insofern eine Abweichung statt, als nach Einschiessung der F.1II0
oder Klinke die weitere Achsendrehung der Thür durch die Schl-ii:-
leiste verhindert wird, so dass also nach dem Zumachen der Thür
das laufende Gesperre in ein ruhendes übergegangen ist.
DIE 8ICHEHHEIT38CHLÖSBEB.
451
Der vom Schlüssel bewegte eigentliche Schliessriegel ist fast
immer eine Sperrstange a von der Form P...\\..,P,:, die soge-
nannte Zuhaltung ist die ruhende Sperrklinke b, bei Kunstschlossern
der Sicherheit halber in mehreren Exemplaren angewandt; der
Schlüssel ist der Schalter und Auslöser ddi, der Schlosskasten der
Steg c. Daneben bildet der Riegel a mit Tbür und Schliesskasten
wieder eine besondere, und zwar eine ruhende Sperrung. Bei den
sogenannten mehrtourigen Schlössern, also denjenigen, bei welchen
der Schliessriegel mit mehr als einer Schliisseldrehung vorgeschoben
wird, hat die Sperrstange a mehr als einen Schalt- und Sperrzahn.
Cm unbefugtem Bewegen des Riegele vorzubeugen, wird der Schal-
ter und Auslöser — der Schlüssel — aas dem Schlosse entfernt.
Manchmal ist der Schlüssel auch nur Auslöser der Sperrung,
während ein anderweitiger Schalter — Knopf, Griff — zum Be-
wegen des Sperrstuckes dient. Eine verwickelte Anordnung der
Sperrklinken b und deren Auslösungsbogen b, soll jede Betreibung
des Schaltwerkes mit einem anderen als dem Originalschlüssel
nntbjmlich machen oder doch sehr erschweren.
Eine Betrachtung der nachstehenden Sldzze eines Chubb-
schlosses, in welcher den entsprechenden Theilen unsere Buch-
Etaben [beigesetzt sind, wird diese Darlegung alsbald als richtig
erkennen lassen, Fig. 341. Mit den bekannten Kunstschlossern von
Fig. 341.
Bramah, Hohhs, Yale u. a. hat es dieselbe Bewandtniss. Wir
sehen also, dass die zur höchsten Verfeinerung getriebene Sicher-
heitsschlosserei, welche eine so grosse Zahl merkwünliger und
erfindungsreicher Erzeugnisse aufzuweisen vermag, streng im Geiste
der kinematischen Wissenschaft gearbeitet hat, indem sie deren
Gesetze mit der äussersten Genauigkeit befolgte.
AKALYSmCHO DEB HASCHtNBKELEHEKTE.
S. 122.
Bremssohelben und Bremswerke.
Die Brem&Bcheiben sind Glieder Iduematischer Ketten, vorzugs-
weise von der Form C..|...ü, welche dazu dienen, Yermöge der
an ihrer Umfläche erzeugten Reibung eine Mässigung derBeweipinp
oder ein vollständiges Stillsetzen der mit ihnen verbundenen Ket-
tenglieder zu bewirken. Die an ihre Umtläclien angepressteu
Backen oder Gurte nebst den zugehörigen Mechanismen bilden mit
der Scheibe zusammen ein Bremswerk. Auch geradlinig oder kur-
venförmig fortschreitende Maschinenorgane werden mit Breraswer-
ken versehen.
Eine bemerke nswerthe Seite bieten die Bremswerke in dem
Umstände, dass die Bremsbacken, -Schuhe oder -Gurte mit dem
Pj 342. Bremsstück, das ist der
Scheibe, Stange u. s. f.
vor Herbeiführung des
Stillstandes ein kine-
matisches Elemen-
tenpaar bilden. Bfi
der Bremsscheibe ist e*
das Paar {R}, bei di-r
Stange oder Schieue da,-
Paar (P) u. s. w. 0;^
Bremsen, welches bis zur
völligen Aufbebung ihr
Bewegung getrieben itinL
besteht demnach in der
Aufhebung der Wirk-
samkeit eines El<'-
nientenpaares, nnJ
zwar findet die Aufhfbuiii:
dadurch statt, dass di^
beiden Partner so raiti'in-
ander verbunden weniio,
dass sie kinematisch ein einziges Stück bilden. Die Bremswerke
wirken demnach unter Umstünden ganz ähnlich wie Spcrruffki',
AUS- UND BINBÜCKÜNGEN. 453
und werden gelegentlich auch geradezu Gesperre genannt. Sie
unterscheiden sich aber dadurch von denselben, dass der Zusam-
menfassung zu feinem Stück eine allmähliche Erschwerung der
Paarbewegung vorangeht, deren Maximum eben die völlige Auf-
hebung der Paarbewegung ist.
Mit den Sperrwerken haben die Bremswerke auch noch die
Aehnlichkeit, dass eine Gattung derselben in beiden Bewegungs-
richtungen gleich gut wirkt, wie die ruhenden Gesperre, während
eine andere Gattung, ähnlich den laufenden Gesperren, nur einsei-
tig wirkt oder doch eine ungleiche Wirkung nach der einen und
anderen Bewegungsrichtung ausübt, wie z. B. das Gurtgesperre in
Fig. 342. Diese Aehnlichkeitspunkte bedürfen einer mehr allge-
meinen Untersuchung, zu welcher wir im Folgenden Gelegenheit
erhalten.
§. 123.
Die Aus- und Elnrüokungen.
Unter den bis hierher besprochenen Maschinenelementen sind
mehrere, welche in der eigenthümlichen Weise vorgerichtet und
gebraucht werden, dass sie jeweilig die Thätigkeit eines Theiles
der Maschine aufzuheben und wieder herzustellen gestatten. Die
betreflFenden Einrichtungen werden Aus- und Einkehrungen oder
Aus- und Einrückungen genannt. Es ist offenbar wichtig, sich eine
bestimmte allgemeine Vorstellung von den Aenderungen, die damit
jedesmal in der kinematischen Kette vor sich gehen, zu bilden, so-
wie sich über die dabei zur Wirkung kommenden Mittel völlig
klar zu werden. Wir wollen die gebräuchlichen Methoden an Bei-
spielen untersuchen.
Eine oft angewandte Methode ist diejenige, die Elemente
eines bestehenden Paares von einander zu trennen, so dass
ihre Paarung dadurch aufgehoben wird. Reibungsräder, welche
nur wenig auseinander gerückt* werden, Riementriebe, bei denen
der Riemen durch Abrücken einer Spannrolle schlaff gemacht wird,
Fig. 343 (a. f. S.), Stirnräder, welche entweder in der Richtung der
Achsen oder in der Richtung der Radebenen aus»er Eingriff ge-
rückt werden, Fig. 344 und Fig. 345 — axiale und radiale Auskeh-
rung -j-, auch der Riementrieb, bei welchem der Riemen von einer
454 XI. KAP. ANALT8IBÜNO DER MAßCHINENELEMESTE.
oder beiden Scheiben abgeworfen wird, geben Beispiele faienn.
Nach Aufhebung der Paarungen kommt nothwendig das getriebene
Fig. S43.
Fig. 3*4.
Kettenglied ausser Thätigkeit, wenn auch das treibende seine Be-
wegung noch beliebig fortsetzt Die Einrückung besteht in inr
Wiedervereinigung der getrennten Elemente.
Eine andere Methode ist bei den Kupplungen in AnwendoD;.
Betrachten wir zunächst die Zahnkupplungen , von denen die UA-
Fig. 346. Fig. 347. Pijc- 3**-
gcnden Figuren die drei wichtigsten Arten darstellen (Fig. ■t^'V
347 und H48). Die Welle A nimmt mittelst des auf ihr befratijrtpn
ADS- UND EINEÜCKUNGEN. 455
Stückes a die Welle B mit, wenn das auf dieser prismatisirte Stück
b mit seinen Zähnen in die Ton a eingreift. Diese Zahne betreffend
fallt auf, dass dieselben wie Gesperrzahne gestaltet sind. In der
That bilden auch die Stücke a und b Theile eines Gesperres , und
zwar im ersten Beispiel eines ruhenden, im zweiten eines laufen-
den Gesperres (siehe §. 119), im dritten eines solchen, welches bei
halber Einrückung ein laufendes, bei ganzer Einrückung ein
ruhendes Gesperre vorstellt. Im ganzen also sind die Zahnkupp-
lungen Gesperre, welche, je nachdem die Bewegung des getriebe-
nen Theiles abgebrochen oder wieder aufgenommen werden soll,
ausgelöst und eingerückt werden, die aber zugleich sich dadurch
von den oben betrachteten Gesperren unterscheiden, dass bei
ihnen das ehranals ruhende Stuck in Bewegung ist. Indessen sind
die relativen Bewegungen im Getriebe genau die früheren.
Ganz ähnlich verhält es sich mit den sogenannten Kraft-
maschinenkupplungen, z. B. der Fouyer'schen und der Uhlhorn'-
schen Kupplung; nur ist es hier das getriebene Stück, etwa b in
Fig. 347, welches, indem es von einer zweiten Kraftquelle aus in
Bewegung erhalten wird, selbstthatig seine Verbindung mit a auf-
hebt, indem die Zähne des Stückes b von denen an a abgleiten.
bei den Reibungskupplungen, deren Fig. 349 eine darstellt,
wird durch Anpressung des Stückes & an a mittelat des angedeu-
Fig, 349.
teten Stellzeuges eine solche Reibung zwischen den beidenfTheilen
erzeugt, dass die treibende Welle Ä die getriebene B mit herum-
führt. Das Nachlassen der Anpressung hebt die Kupplung wieder
auf. Was wir hier, abgesehen von der Wirkung in der Kette, als
456 XI. KAP. ANALYSIRUNO DER MASCHINENELEMENTE.
Mechanismus vor uns haben, ist nichts anderes als ein Bremswerk.
Ganz dasselbe gilt von anderen Reibungskupplungen.
Wir sehen also zunächst, dass die Ein- und Ausrück-Kupplon-
gen als Mechanismen an sich betrachtet, Sperrwerke oder Brems-
werke sind, die indessen nicht ein bewegliches mit einem ruhenden,
sondern ein bewegliches Stück mit einem anderen beweglichen ver-
binden. Sodann zeigt sich ihre Wirkung im Gesammtmechanismus
insofern noch bemerkenswerth, als nach erfolgter Einrückung die
gekuppelten Theile ganz wie ein einziges Stück, ein einziges kine-
matisches Organ wirken. Die obigen gekuppelten Wellen Ä und
B bilden nach der Einrückung eine einzige Welle (7...|...C, wäh-
rend die beiden Theile A und B vor der Einrückung jedes eine
besondere Welle vorstellten. Die Einrüdnmg hat also die Theile
Ä und B zu einem Kettengliede vereinigt, die Ausrückung da-
gegen trennt die Theile oder Elemente dieses Kettengliedes wie-
der von einander. Hiemach besteht die Aus- und Einrückung
der vorliegenden Methode in der Trennung, beziehungsweise
Wiedervereinigung der Elemente eines Gliedes der kine-
matischen Kette.
Je nach der Art, wie die getrennten Theile des Kettengliedes
während des ausgerückten Zustandes femer bewegt oder unter-
gebracht werden, lassen sich Unterabtheilungen des Verfahrens
unterscheiden; dasselbe gilt auch von der zuerst betrachteten Me-
thode. Das Eingehen auf diese Besonderheiten ist Sache der an-
gewandten Kinematik; hier genügt die Feststellung der allgemei-
nen Fälle. Erwähnen will ich nur noch, dass die Sicherungen
der Schrauben- und Keilverbindungen Gesperre der hier behandel-
ten Art sind.
§. 124.
Zusaxnmeiifassiing der Methoden der In- und Aussergang^
Setzung.
Wir haben soeben gesehen , dass die Ein- und Ausrückungen
durch Einwirkung entweder auf die Paare oder auf die Glieder
der kinematischen Kette stattfinden. Der Zweck ist jedesmal
einen Theil des Mechanismus zum Stillstand zu bringen, bezie-
hungsweise wieder in Bewegung zu setzen. Beachten wir, dass
EIN- UND AÜSBÜOKUNQEN. 457
die Sperr- und Bremswerke ebenfalls häufig zu demselben Zwecke
hinsichtlich des ganzen Mechanismus dienen, so zeigt es sich uns
nützUch, die Methode der In- und Aussergangsetzung prinzipiell
einmal zusammenzufassen.
Schon vorhin aber bemerkten wir, dass die Gesperre und die
Bremswerke ebenfalls auf die Elementenpaare einwirken, und zwar
derart, dass sie die Elemente eines Paares wie zu einem Körper
vereinigen. Wir können eine «solche Vereinigimg der Partner eines
Paares eine übermässige Schliessung des letzteren nennen, und
sehen nun, dass die Aussergangsetzung eines Mechanismus oder
eines Theiles eines solchen bewirkt wird:
a) durch übermässige Schliessung eines Elementenpaares der
kinematischen Kette (Sperrwerke, Brems werke);
b) durch Lösung eines Elementenpaares der kinematischen
Kette (Auseinander-Rücken von Zahnrädern, Abwerfen des
Treibriemens, Ausheben von Hebelgelenken u. s. w.);
c) durch Lösung eines Gliedes der kinematischen Kette (Aus-
rückkupplungen, Auslösung von Pumpenstangen durch
Lösung einer Keilverbindung u. s. w.),
während die Ingangsetzung durch Wiederherstellung des normalen
zwangläufigen Zustandes bewirkt oder eingeleitet wird. Da, wie
sich weiter unten zeigen wird, diese Eintheilung auch für die
Druckkrafborgane gültig ist, so erstreckt sie sich über das ganze
in Betracht kommende Gebiet In der That ist auch bei einer
allgemeinen Prüfung der Möglichkeiten, eine kinematische Kette,
ohne ihre Theile zu zerstören, unwirksam und wieder wirksam zu
machen, ersichtlich, dass die vorgefundenen Verfahrungsweisen die
Heihe der sich darbietenden Mittel erschöpfen.
§. 125.
RölireiL-, Dampf- und Puinpenoylinder, Kolben und
Stopfbüohsen.
Die Röhren sind, wie wir bereits aus §. 41 wissen, die unent-
behrlichen Partner-Elemente zu den Druckkraftorganen ; ihre Ver-
bindtingskonstruktionen dienen zur Bildung der Glieder der kine-^
matischen Kette, in welche sie eintreten. In den Dampf- und
Pumpencylindem haben wir Kapseln V für die Druckkraftorgane,
458 XI. KAP. ANALYSIBÜNG DER MASGHINEN£L£M£)?TE.
also einzelne Elemente vor uns, zu welchen die Kolben die Partner
F+ darbieten. Die Stopfbüchsen und Kolbenstangen bilden theils
ebenfalls Elementenpaare mit Druckkraftorganen, theils treten sde
auch als blosse Prismenpaare PtP" auf. Man sieht, dass in deo
Röhren die nothwendigen, in den vier anderen Maschinentheilen
die meist gebräuchlichen Gefasskonstruktionen für Druckkraft-
organe, theils in der Form von einzelnen Elementen, theils in der-
jenigen von Gliedern der kinematischen Kette vorliegen, ürund-
sätzlich würden sich denselben die Kapseln für rotirende Pumpen
und Dampfmaschinen, die Gerinne der Wasserräder, die Gehäuse
der Turbinen u. s. w. anschliessen.
§. 126.
Ventile.
Die Ventile scheinen sich der kinematischen Definition am
hartnäckigsten zu entziehen. Der Mannigfaltigkeit ihrer Formen
nach scheinen sie unter eine ganze Reihe von Fällen zu passen
und doch auch wieder nicht ganz denselben anzugehören. Da
sind die Klappen, die Rundventüe, die kolbenartigen Ventile, die
Hähne, die Drehschieber, und zwar konische, flache und cylin-
drische, die geradlinig bewegten Schieber der Dampfmaschine, die
Entlastungsventile, sowohl zum Heben als zum Schieben einge-
richtete, die selbstthätigen, die nicht selbstthätigen Ventile, da
ist der Quetschhahn, die Drosselklappe, der Wasserradschützeiu
der Rollschützen für Wasserräder und Turbinen, das Schleusen-
tlior u. s. w., alles Konstruktionen, welche als Ventile, nämhch
zur zeitweisen Trennung von Gefässräumen dienen, und doch s<i
vielfältig, auch kinematisch von einander verschieden sind, d;u>>
ihre Vereinigung unter einem gemeinsamen kinematischen Gesichts-
punkt fast unausführbar erscheint Auch ist bisher meines WisseD>
nirgends ein Versuch hierzu gemacht worden. Diese auffallenJo
Erscheinung blieb wohl deshalb unbeachtet, weil die Flüssigkeiu-
maschinen fast überall von der kinematischen Behandlung über-
haupt ausgeschlossen wurden. Ich habe an einem anderen Ort<? * »
eine systematische Eintheilung der Ventile nach konstruktiven
*) Koiistruktionslehre für den Maschinenbaa (1862) S. 84« ff., «uch K<>a
»trukteur, HL Aufl. S. 58:^.
BINTHEILUNG DBB VENTILE. 459
Eigenschaften derselben versucht, welche immerhin einige Dienste
leisten kann. Danach wären zu unterscheiden:
1) GleitungsYentile, und zwar
a. Hähne und Drehschieber,
b. geradlinig bewegte Schieber;
2) Hebungsyentile, und zwar
a. Klappen oder Gelenkyentile,
b. geradlinig gehobene Ventile.
Als prinzipiellen Unterschied hob ich hervor, dass die Glei-
tungsventile durch den Flüssigkeitsdruck nicht von der zu ver-
schliessenden Oefihung weg oder über dieselbe hingeführt werden,
während dies mit den Hebungsventilen der Fall ist, indem diesel-
ben durch die Flüssigkeit bei deren Strömung in der einen Rich-
tung geöffiiet, der anderen geschlossen werden. Diese eigneten
sich deshalb als selbstthätige Ventile, wozu sich jene nicht eigneten.
Diese Eintheilung hat mancherlei für sich und geht einiger-
maassen in die Tiefe. Allein eigentlich erschöpfend ist sie doch
nicht Sie steht auf dem Standpunkt der Beobachtung von aussen,
schreitet aber nicht bis zur Entwicklung von innen heraus vor.
Selbst als Klassifikation ist sie nicht bis zu Ende durchführbar,
da z. B. diejenigen Hebungsventile, welche als vollkommene Ent-
lastungsventile gebaut sind, die letztangeführte Eigenschaft nicht
besitzen. Ausserdem steht die Eintheilung auch insofern auf dem
Boden der alten, beschreibenden Schule, als die ihr^ beigegebene
Definition nicht eigentlich erklärend ist, vor allem den Ventilen
nicht den ihnen zukommenden Platz in der B.eihe der kinemati-
schen Vorrichtungen zuweist. Hier, nachdem die kinematischen
Anschauungen durch eine Reihe analytischer Anwendungen durch-
geführt, also die prinzipiellen Grundlagen vorbereitet sind, ist es
möglich, eine den Kern der Sache treffende Definition zu geben.
Sie ist die folgende: Die Ventilvorrichtungen sind die
Gesperre und unter Umständen die Bremswerke der
Druckkraftorgane.
Auch hier haben wir laufende und ruhende Gesperre zu unter-
scheiden. Laufende Gesperre, also solche, welche die Bewegung
des Sperrstückes in der einen Richtung nicht hindern, sie in der
anderen aber aufhalten, sind die oben erwähnten selbstthätigen
Hebungsventile; ruhende Gesperre sind die Gleitungsventile und
die letzterwähnten Entlastungsventile, welche durch fremde Einwir-
kung aus und in die Verschlussstellung gebracht werden müssen«
460
XI. KAP. ANALTSIBÜNO DBB MASCHINEN ELEMENTE.
Die gewöhnliche Punipenklappe , Fig. 351, entspricht dem
laufenden Gesperre mit der gewöhnlichen Sperrklinke, Fig. 350.
Die Ventilklappe b ist die Sperrklinke, welche daa Sperrstück a.
Wasser, verhindert, sich abwärts zu bewegen. Das Rohr c, welches
Fig. :
auch das Gelenk für die Klappe h
an sich trägt, entspricht dem Stege
c des Stangengesperres. Es ist
nebensächlich, dass bei der Leder-
klappe das Gölenk des Ventils au^
einem biegsamen Körper, einem
bildsamen Elemente, hergestellt
ist; Klappen mit wirklieben Cjlin-
derpaar- Gelenken sind ja eben-
falls üblich. Die Bildsamkeit i<r>
Druckkraftorganes lässt an dem
Sperrstück oder zu sperrenden Wasserkörper a
die Sperrzähne in Wegfall kommen. Der Hahn-
verschluss, Fig. 352, entspricht einem ruhenden
Gesperre, z. B. dem in Fig. 329. Auch das Ge-
sperre in Fig. 353, in der Thomas'schen Ilechen-
maschine vorkommend, bietet eine genaue .Ana-
logie zum Hahn, a ist das (im Kreise oder Krei^
bc^n laufende) Sperrstück, entsprechend dem Wasser in Fig. 35J ;
b lässt, wenn um einen gewissen Winkel gedreht, (i unbehindert
sich fortbewegen, verhindert aber in der gezeichneten Stellung dii'
Drehung des Bades a in beiden Bewegungsrichtungen. Der Stei; f
Fig. M2. Fig. 353.
enthält zwei Elemente, das eine zur Führung von a, das ander*
zu der von b, ganz wie in Fig. 352, Der Schieber iu Wasser- uml
Dampfleitungen, Fig. 355, entspricht dem ruhenden Gesperre in
Fig. 354; a Sperrstück, b Schieber, Sperrklinko, c Steg zur Fübnni::
»IE VENTILE ALS OEßPERRE. 461
beider. Die Entlastungsschieber aller Art sind Sperrkörper, welche
von einem die Aus - and Einrückung liindemden resultirenden
Fliissigkeitsdruck möglichBt befreit sind. . Andere Analogien wird
der Leser noch in Menge auffinden können, indem es eich um wirk-
Fig. 354. Fig. 355.
Üche gegenseitige Entsprechung , nicht bloss nm eine bildliche Pa*
rallele handelt
"Wird ein Ventil nur soweit geöSiiet, dass das durchgelassene
Druckkraftorgan seinen Durchgang mit grosser Geschwindigkeit
nehmen muss, so wirkt das Gesperre als Bremswerk. Die beiden
Pig. 356, Fig. 3ö7.
462 XL KAP. ANALT8IBÜNQ DEH MABCHINENELEMES-re.
MecbanismengattuDgeD gehen also hier in einander über, was vir
oben (§. 122) auch bereits bei den aus starren Elementen gebfldeteo
Getrieben bemerkten.
In den Anwendungen der FliisBigkeitsgesperre in vollständigen
Mechanismen und Maschinen besteht die Analogie mit den Ge-
sperren fiir starre Körper fort. Der früher besprochenen Schal-
tung Fig. 356 entspricht der Mechanismus Fig. 357 (a, y. S,}, welcher
nichts anderes ist als eine gewöhnliche Hebepumpe. Das Kolben-
rohr c entspricht dem Stege c des Schaltwerkes, das Saugrenti!
der unteren Klinke ä, das Kolbenventil der oberen oder Schalt-
klinke bi, die prismatisch-cylindrische Zusammenpassung von Kol-
ben und Kolbenrolir der prismatischen Paarung- zwischen dem
Schaltschieber Ci und dem Stege c.
Das doppeltwirkende Schaltwerk Fig 358 , welches wir bereiu
kennen, hat sein genau entsprechendes Gegenstück in der »^e-
Fig. 358.
Fig. 3b9.
nannten Stoltz'schen Pumpe, Fig. 359. Theil für Theü der Pumpe
ist in dem Schaltwerk vorgebildet; die beiden Kolbea und Kolbt'D-
DOPPELTWIEKENDE PTIMPEfT.
463
Stangen e und Cj, entsprechen den beiden Schaltscbiebem c nnd c,
die Ventile b und bi den Sclialtklinken, die Pumpenstiefel nebst
Gestellbau d den Führungen und dem Gestelle des Schaltwerkes.
Auch der Rücklauf der Klinken über die doppelte Zahl der jeweilig
vorgeschobenen Zähne findet sich wieder, indem das Wasser dem
schöpfenden Kolben mit der doppelten Förderungsgeachwindigkeit
begegnet. Die Nebeneinanderlegung der Pumpenstiefel ist nicht
(Grundbedingung in der vorliegenden Pumpengattung; man findet
auch Anordnungen, bei welchen die Kolbenrohre konaxial über-
einander aufgestellt sind, wobei z, B. die eine Kolbenstange tob
oben, die andere von unten eintritt*).
Dem doppeltwirkenden Schaltwerk von Lagarousse, welches
Fig. 3G0 aofs neue darstellt, entspricht die doppeltwirkende
VoBe'ache Pumpe, Fig. 361. Die Analogien sind bis ins Einzelne
Fig. 300.
Fig. 361.
'^^ff
zu yerfolgen; es tindet sich auch wieder die, daas die rücklaufende
Klappe daa Doppelte ihres absoluten Weges an dem Schaltkörper a
entlang znrücklegt, d, h. dass die Geechwindigkeit jedes der beiden
Kolben gegen das Wasser gleich der doppelten absoluten Kolben-
geachwindigkeit ist
') TergL Künig'» Fompen (Jena, 1869) B. &2.
464 XI. KAP. ANALYSIRÜNG BEB MA8CHINBNBLEMBKTE.
In ähnlicher Weise lässt sich durch andere Pumpenkonstrak-
tionen die Analogie mit den Schaltwerken durchlaufen. Es treten
nur jeweilig diejenigen Umgestaltungen auf, welche durch die Büd-
samkeit des Druckkraftorganes gestattet oder gefordert werden.
Mit einem Worte also: die Kolben- und Ventilpumpen sind
Flüssigkeits-Schaltwerke.
Die Uebersicht, welche dieser Satz über die Pumpenkonstruk-
tionen gewährt, ist wie mir scheint, äusserst lehrreich und Terein-
facht die ganze Frage xmgemein. Es verdient, darauf hingewiesen
zu werden, dass die laufenden Schaltwerke ebenso wie die Ventil-
und Kolbenpumpen bereits vor Einfuhrung der Dampfinaschme
beträchtlich ausgebildet waren, was wieder damit zusammenhängt,
dass die Sperr- und Schaltklinken eben so, wie die Hebungsyentile.
als kraftschlüssige Vorkehrungen den natürlichen Vorgängen näher
stehen. Auch ist zu beobachten, dass die moderne Technik deut-
lich dahin strebt, die kraftschlüssige selbstthätige Bewegung der
Ventile durch eine zwangläufige zu ersetzen, wovon die sogenann-
ten Schieberpumpen und andere Konstruktionen redende Beispiele
sind*).
Die Wassersäulenmaschine und die gewöhnliche Kolbendampf-
maschine haben im allgemeinen die Einrichtung der Kolben- und
Ventilpumpen oder Flüssigkeitsschaltwerke, und zwar entweder
einfachwirkender oder doppeltwirkender. Im Betriebe unterschei-
den sie sich dadurch, dass bei ihnen das Druckkraftorgan nicht
mehr geschaltet wird, sondern umgekehrt den Mechanismus
treibt Demzufolge fällt die Selbstthätigkeit der Ventile weg.
Dieselben müssen kettenschlüssig bewegt werden. Diese Bewegmi?
hat indessen in demselben allgemeinen Zusammenhang mit der
Kolbenbewegung wie bei den Pumpen zu geschehen. Damit dies
ohne grosse Kraftäusserung bewirkt werden könne, werden ruhende
Flüssigkeitsgesperre, d. K entlastete Hebungsventile oder — und
bei der Dampfmaschine bekanntlich mit Vorzug — Gleitungsven-
tile angewandt, welchen man durch den Steuerungsmechanismus
eine passende Bewegung ertheilt. Wir können demnach sagen: die
Kolbeudampfmaschinen, Wassersäulenmaschinen u. s, w.
sind rückläufige Flüssigkeitsschaltwerke. Wir werden
hierauf weiter unten zurückkommen.
•) Wijrl. u. H. H&uers SHUjfveuiil iu ScIioU'h Fuhrer des MMchini^ter.
8. Aufl. S. 419.
WESEN BEB BAULICHEN ELEMENTE. 465
§. 127.
Die Federn als Maschinentheile.
Welche Rolle die Federn in der kinematischen Kette spielen,
wissen wir aus früheren Untersuchungen. Nach §. 42 gehören die
Federn an sich zu den kinematischen Elementen, und zwar zu den
duktilen oder bildsamen Elementen, und können für jede Schluss-
kraftrichtung eingerichtet werden, während die Zug- und Druck-
kraftorgane nur für je eine Kraftirichtung brauchbar sind. Werden
den Federn Anhängeösen und andere Befestigungstheile gegeben,
so sind sie Glieder der kinematischen Kette. Dass sie zu den bau-
lichen Maschinenelementen wirklich zu zählen sind, geht aus den
angestellten Betrachtungen unzweifelhaft hervor.
§. 128.
Folgerungen aus der vorgenonunenen Analysirung.
Die nunmehr beendigte Analysirung der baulichen Maschinen-
elemente hat uns mehrere nicht unwesentliche Ergebnisse geliefert.
Zunächst hat sie gezeigt, dass dasjenige, was man gemeinhin unter
Maschinentheilen , Maschinendetails oder baulichen Elementen der
Maschine versteht, ein Gemisch von kinematisch sehr verschiedenen
Dingen ist. Es handelt sich theils um wirkliche kinematische
Elemente (Zapfen, Zapfenlager, Röhren, Kolben, Stopfbüchsen,
Seile, Riemen, Ketten, Federn), theils um Glieder kinematischer
Ketten (Achsen, Wellen, Lagerstühle, Hebel, Kurbeln, Pleuelstan-
gen, Querhäupter, Dampfcylinder etc.), theils um vollständige
Elementenpaare (Reibungsräder, Zahnräder), dann wieder um
Bruchstücke kinematischer Ketten (Riementrieb, Seiltrieb,
Sperrwerke, Bremswerke, lösbare und bewegliche Kupplungen,
Ventile etc.), ja auch um vollständige kinematische Ketten
(Verschraubungen, Keilungen). Aus dem Ganzen geht indessen^
hervor, dass die Konstruktionslehre die Absicht hat, bei Behand-
lung der baulichen Elemente den Bau der gebräuchlichsten
Elementenpaare und der gebräuchlichsten kinemati-
schen Kettenglieder zu lehren. Denn die Verschraubungen,
Bevlcftaz, Kinematik. ^0
466 XI. KAP. ANALYSIRUNG DER MASCHINEN ELEMENTIS.
i
Keilungen, Nietungen, festen Kupplungen u. s. w. werden nicht
sowohl wegen ihres Inhaltes als bewegungserzwingende Zusammen-
stellungen, als vielmehr wegen ihrer Fähigkeit, feste Verbindungen,
Gliedbildungen zu liefern, behandelt; und beim Riemen- und Seil-
trieb stösst man deshalb auf nahezu vollständige kinematische
Ketten, weil die Benutzung der bildsamen Elemente in geschlosse-
nen Ketten nur unter Kettenbildung, Kettenschluss, möglich ist.
Mehr zusammengesetzt und eigentlich den vollständigen Ketten
zuzurechnen sind einzelne bewegliche Kupplungen, Brems- und
Sperrwerke. Indessen diese treten so häufig nur in untergeord-
neter Weise in grössere Ketten ein, dass sie diesen gegenüber wie-
derum wie elementare Theile erscheinen, somit ihre Einreihung
als gerechtfertigt angesehen werden darf..
Es fragt sich indessen, ob nicht von dem gewonnenen Stand-
punkte aus für eine rationelle Anordnung und Aneinanderreihung
der baulichen Elemente Gesichtspunkte gewonnen werden können.
Dies ist wohl in der That der Fall; der Gegenstand verdient auch
gewiss, hier einer kurzen Betrachtung unterworfen zu werden.
Vor allem ist der Gedanke an eine ganz streng systema-
tische Anordnung imd Behandlung fallen zu lassen. Vielmehr
muss besonnene Konnivenz das Ganze durchdringen : man hat a}>-
und zuzugeben, um sich darein zu fügen, dass mannigfache prak-
tische Fragen wiederholt den Rahmen der vorgezeichneten Orduuni:
durchbrechen. Ein eigentlicher Fehler ist dies aber nicht, da es
in der Natur des Gegenstandes tief begründet liegt, und man nicht>
desto weniger unter der Oberfläche die wissenschaftliche Grund-
lage, welche die Kinematik liefert, festhalten kann.
Man wird zunächst eine gewisse Souderung zwischen den
starren und den bildsamen Elementen eintreten lassen, und die-
selbe vollständiger durchführen können, als es bisher üblich war.
Beginnt man, wie sich wohl empfiehlt^ mit den starren Element^^n,
so wird man nicht pedantisch alles und jedes verbannen dürfen,
wa^ über die reine Einheit oder Zweiheit der Elemente hinausgeht,
vielmehr zu bedenken haben, dass die Gliedbildung an sich (wie
wir gesehen haben) bereits die Benutzung kinematischer Kettt^n
voraussetzt. Da aber die Gliedbildung zunächst in sich unbeweg-
liche Verbindungen liefert, so sind letztere den Elementenpaareu
gegenüber als das Einfachere anzusehen, und so wie bisher vielfai h
geschehen ist, zu Anfang zu behandeln. An sie können sich dann
die zu bowegliilien Verbindungen bestimmten kinematischen Ele-
ORDNUNG DER BAULICHEN ELEMENTE.
467
a. Verbindungen (Gliedbildungen)
b. Elemente, gepaart und zu Glie-
dern verbunden.
mente, Elementenpaare und Glieder anschliessen, an welchen zu-
dem die zuerst besprochenen Verbindungskonstruktionen bereits
vielfach Anwendung finden.
Hiemach wird sich eine erste Reihe baulicher Elemente wie
folgt bilden lassen.
I. Starre Elemente..
Nieten und Nietungen,
Keile und Keilverbindungen,
Zwängungsverbindungen,
Schrauben u. Verschraubungen,
übergehend zu :
Schraube und Mutter (zur Be-
wegungserzwingung)
Zapfen,
Lager,
Achsen,
Wellen,
Kupplungen, feste,
Hebel, einfache,
Kurbeln,
Hebel, zusammengesetzte,
Pleuelstangen,
Querhäupter u. Führungsgleise,
Reibungsräder,
Zahnräder,
V Schwungräder.
Ob bei den Kupplungen die lösbaren und die beweglichen den
festen anzuschliessen sind, bleibt fraglich, da, wie wir oben gesehen
haben, die eingerückten Kupplungen doch nur feste Glieder lie-
fern, also nicht ohne guten Grund den festen Kupplungen anzu-
schliessen wären, und die beweglichen Kupplungen alsdann der
Vollständigkeit wegen gleich angeschlossen werden dürften. Da-
neben ist aber wieder nicht zu vergessen, dass diese höheren Kupp-
lungen allerlei Nebentheile in der Gestalt von Hebeln, Sperrklinken,
Bremsklötzen und dergleichen haben, und deshalb auch dem Ler-
nenden grössere Schwierigkeiten verursachen; da die genannten
Nebentheile aber nach den Kupplungen noch grösstenthcils eine
besondere prinzipielle Behandlung erfahren, so empfiehlt sich wohl
die Hinausschiebung zu den vollständigen Getrieben, (iehen wir
30*
468
XI. KAP. ANALYSIRUNÖ DER MAfiCHnTEKBLEMENTE.
nun weiter, so kommen wir zu der zweiten Beihe der baulichen
Elemente und deren einfachsten Verkettungen.
n. Bildsame Elemente.
a. Zugkraftorgane und deren ket-
tenschlüssige Verwendung.
b. Partner der Druckkraftorgane.
c. Federn <
Biemen,
Riementrieb,
Seile,
Seiltrieb,
Ketten,
Kettentrieb,
Röhren,
Kolbenröhren,
Kolben,
Stopfbüchsen,
Ventile,
Zugfedern,
Druckfedeni,
Biegungsfedem,
Drehungsfedem,
Strebefedem.
Hier ist wiederum ein zweifelhafter Punkt geblieben. Das ist.
ob die Ventile unter 11, b bereits aufzunehmen oder ob sie weiter
zurückzuschieben seien , da sie doch , wie wir gesehen haben , den
Sperrwerken angehören und deshalb auch wohl erst nach den aus
den starren Elementen gebildeten Gesperren zu behandeln wären.
Indessen ist*das Belassen der Ventile bei Kolben und Stopfbüchsen,
welche übrigens ja im Grunde auch Sperr- und Schaltwerken an-
gehören, so natürlich, dass man bei der vorstehenden Ordnung.
welche ja ziemlich üblich ist, bleiben kann. Hier haben wir einen
der Punkte vor uns, wo die rücksichtslose Durchfuhrung der streu >»
theoretischen Auffassung nicht zu empfehlen ist
Die Federn gehören ordnungsgemäss an die ihnen oben zuge-
wiesene Stelle, vor allem dann, wenn ihre konstruktive Ausfuhrung
besprochen wird. Ihre Berechnung ist indessen so eng mit den
Aufgaben der Festigkeitslehre verknüpft, dass sie sich auch in die-
ser fast erschöpfend behandeln lassen. Es hängt demnach von
äusseren Umständen ab, ob die Federn an der einen oder anderen
Stelle zur Besprechung gebracht werden sollen.
OBDNUNG DER BAULICHEN ELEMENTE. 469
An die oben aufgezählten Muschinendetails lassen sich nun
zweckmässig jene mehrerwähnten Getriebe anschliessen , welche,
obwohl sie mehr oder weniger vollständige Ketten sind, als elemen-
tare Theilgruppen in die Maschine eintreten. Es handelt sich um
folgende.
ni. Getriebe.
Sperrwerke (die einfachsten),
Bremswerke,
^ Lösbare und /bewegliche Kupplungen.
Diese Gegenstände bilden eine Art von Uebergang zu den
YoUständigen Maschinen. Man hat zunächst nicht zu vergessen,
dass mehrere wichtige Getriebe, wie z. B. das Schraubengetriebe
(SP'C')% das Kurbelgetriebe (C'^P-^y^ bereits bei den starren
Elementen vorkamen, ohne dass besonderer Nachdruck darauf ge-
legt wurde. Vollständige Ketten und Getriebe wurden also neben-
her bereits besprochen. Dasselbe gilt von den Riemen-, Seil- und
Kettengetrieben. Unorganisch ist demnach die Vorführung der
obigen drei Getriebe nicht. Sodann wissen wir auch, dass die lös-
baren Kupplungen Sperr- und Bremswerke sind (vergl. §. 123).
Endlich gehören die beweglichen Kupplungen, wie wir gesehen
haben (§. 111), den aus den niederen Paaren gebildeten Mechanis-
men an, somit ist auch ihre Aufiuhrung an dieser Stelle gerecht-
fertigt.
Im Ganzen sehen wir, dass die Innehaltung des kinematischen
Gesichtspunktes uns äusserlich nicht sowohl zum Umsturz, als nur
zu einer Neuordnung der baulichen Elemente geführt, also keine
erheblichen Schwierigkeiten in Aussicht gestellt hat. Innerlich
dagegen hat sie weitreichende Aufklärungen geliefert, vermöge
deren nach meiner Ansicht die Behandlung der ganzen Frage in
mehreren Punkten wesentlich erleichtert wird.
Die Analysirung hat an mehreren Stellen Ergebnisse geliefert,
vermöge deren vielgebrauchte und scheinbar durch und durch be-
kannte Elemente in einem neuen, unerwarteten Lichte erscheinen.
In besonderem Maasse gilt dies von den Ventilen und der grossen
Reihe der damit ausgerüsteten Maschinen, wie den Kolbenpumpen,
-Gebläsen, -Dampimaschinen u. s. w. Die Aufklärung, welche wir
erlangten, lässt viele^ der diesen Maschinen eigenthümlichen Er-
scheinungen erstlich als eng zusammengehörig, dann aber auch
470 XI. KAP. ANAIiYSIKUNG DER MA8CHINENELEJUSXTE.
als leichter verständlich erscheinen , als dies bisher der Fall war.
Wir konnten Verwandtschaften bestimmt erklären , welche bisher
vielleicht empfunden, aber nicht erwiesen wurden« Wir haben
dadurch eine Vereinfachung angebahnt, allerdings indem wir
den Kreis des Zusammengehörigen erweitert, aber zugleich auch
eine Verminderung der Klassenzahl herbeigeführt haben. Die da-
mit erreichte Uebersichtlichkeit wird sich namentlich in der ange-
wandten Kinematik zu bewähren haben.
Noch eine andere Aufklärung hat unsere Analyse uns ver-
schafft, deren Bedürfniss vielleicht schon häufiger empfunden wor-
den ist. Es ist diejenige hinsichtlich der Schlösser. Bisher
wusste man nicht recht, wohin eigentlich diese Vorrichtungen ge-
hörten. Durch eine mehr zufällige als planmässige Stoffvertheilong.
welche den im übrigen verlassenen Karakter des Encyklopädischen
noch an sich trägt, sind sie der mechanischen Technologie ruge-
fallen. Was diese damit zu thun hat, ist kaum irgendwie erfind-
lich. Indessen die Schlösser irrlichterirten zwischen den verschie-
denen Gebieten hin und her, ohne dass man recht gewusst
hätte, warum und wohin mit ihnen. Sie haben bei der Technologie
eine liebevolle Aufnahme und Pflege gefunden, werden aber mit
der Zeit zur Kinematik, und zwar zur angewandten, hinüberzu-
nehmen sein. Dass ihre Grundprinzipien sich dort ungemein ein*
fach und übersichtlich gestalten, haben wir bereits gesehen.
Auch die Spannwerke — bisher nicht begrifflich ausgeson-
derte Einrichtungen — und die Hemmungen haben sich aus ihrer
Vereinzelung und Verwaistheit unter grössere Gesichtslinien brin-
gen lassen. Uebrigens werden wir uns mit den letztgenannten
Mechanismen weiter unten nochmals beschäftigen (§. 135 und 136 1.
Dasselbe gilt in besonderem Grade von den Wasserrädern, Dampf-
maschinen und anderen vollständigen Maschinen, welchen wir be-
reits mehrere allgemeine Gesichtspunkte abgewinnen konnten, deren
eigentliche grundsätzliche Erledigung uns indessen noch zur Auf-
gabe steht.
Bemerkenswerth ist endlich noch ein anderes Resultat unserer
Untersuchungen , welches eine weitergreifende theoretische Bedeu-
tung besitzt. Ich meine dasjenige über die allgemeine Natur des
Schliessens einer kinematischen Kette oder eines Elementenpaares.
Es hat sich gezeigt, dass wir drei Schliessungsarten der kine-
matischen Kette, von der vielgliedrigen bis herab zur zweif^Ue-
drigen oder dem Elementenpaare, unterscheiden können, nämlich
r
DHEI SCHLIESSUNGSWEISEN. 471
1) die normale zwangläufige,
2) die unvollständige oder zwanglose,
3) die übermässige Schliessung.
In allen drei Fallen ist die Bedingung erfüllt, dass die Kette
in sich selbst zurückläuft, und dass von Glied zu Glied Elementen-
paarung stattfindet.
Bei der zwangläufigen Schliessung sind alle Relativbe-
wegungen der Glieder bestimmte.
Bei der unvollständigen Schliessung, die man auch eine
zwanglose nennen kann, sind wegen Ueberzahl der Glieder die
Relativbewegungcn zwischen den Gliedern unbestimmte.
Bei der übermässigen Schliessung ist die gegenseitige
Beweglichkeit der Glieder aufgehoben.
Alle drei Arten finden ihre Anwendung. Die erste und wesent-
lichste in jeder Maschine. Sie ist das eigentliche Wesen derselben.
Die zweite Art kommt bei der Ausrückung, also der theilweise
stattfindenden Aufhebung der Wirksamkeit der Maschine, oder
der Negation derselben zur Anwendung. Die dritte Art dient
ebenfalls zu diesem und ausserdem noch zu dem anderen Zwecke,
innerhalb des einzelnen Gliedes die Beweglichkeit auszuschliessen,
überhaupt also das Glied zu bilden. Die normale zwangläufige
Schliessung zeigt sich als zwischen den beiden anderen Fällen
liegend, von ihnen gleichsam eingeschlossen, womit wir zugleich
einen Weg angedeutet sehen, auf welchem unter den möglichen
Fällen der geschlossenen Aneinanderreihung von Kettengliedern
der wichtige Fall der zwangläufigen Verbindung herauszufinden ist.
In der geläufigen und dem jeweiligen Zwecke geschickt ange-
passten Benutzung der drei Schliessungsweisen besteht äusserlich
die Thätigk^it des Maschinenbildners. Innerlich freilich ist sie ihm
nur das Mittel, um die Aufgabe, welche der vollständigen Maschine
gestellt ist, zu lösen. Welche allgemeinen Grundsätze hierbei
maassgebend sind, oder sich aufstellen lassen, werden wir nun
noch aufzusuchen haben.
ZWÖLFTES KAPITEK
ANALYSIRUNG DER VOLLSTÄNDIGEN
MASCHINE.
I, Altes Fundament ehrt man, darf aber nicht
das Recht aufgeben, irgendwo einmal wieder von
Torne zu gründen.'' Gothe.
§. 129.
Bisherige Anscliauiingeii.
Nachdem wir mit den Mitteln, welche die kinematische Ana-
lyse uns gewährte, sowohl die Zusammensetzung der Maschine aus
Gruppen von Bestandtheilen, wie auch das Wesen dieser Bestand-
theile selbst einer kritischen Untersuchung unterworfen haben.
tritt uns nunmehr die Aufgabe entgegen, die vollständige Maschine
als Ganzes zu untersuchen. Wir werden damit den Kreislauf voll-
ziehen, welchen wir im ersten Kapitel begannen, wo wir, von der
vollständigen Maschine ausgehend, die Zergliederung dersell>eD
vornahmen, um die Maschine von allen denjenigen Gesichtspunkten
aus zu untersuchen, welche wir als dem kinematischen Gebiete
angehörig erkannt hatten. Im Grunde genommen müsstea wir
bei dieser Untersuchung die Eigenschaften der vollständigen Ma-
schine bereits kennen gelernt haben. Ja, man darf in der That
sagen, dass dies auch wirklich geschehen ist Aber nur insofern«
als wir die erwähnten Eigenschaften einzeln, als näisjecta membnr,
jede losgelöst aus dem Zusammenhang mit den anderen, kennen
feruteu. In ihrer Vereinigung aber, und den dabei entstehendt*n
BISHERIGE ANSCHAUUNGEN. 473
gegenseitigen Beziehungen müssen sie nun nochmals einer Muste-
rung unterworfen werden, die namentlich über die schliessliche
Bestimmung und Verwerthung der Maschine uns noch Aufschlüsse
verschaffen soll, die wir bis dahin nicht in den Kreis unserer Be-
trachtungen ziehen konnten.
Zunächst liegt uns ob, die bisher gebräuchliche Anschauungs-
weise hervorzuholen, um zu sehen, wie weit dieselbe brauchbar
bleibt, oder ob sie zu berichtigen ist. Schon in der Einleitung
wies ich auf die ungemein verbreitete Anschauung von dem Inhalt
der vollständigen Maschine hin, welche namentlich durch den
unvergesslichen Poncelet getragen, überhaupt von der französi-
schen Mechanikerschule eingeführt worden ist. Es ist die An-
schauung, dass die vollständige Maschine im allgemeinen in drei
Theile oder Gruppen von Theilen, nämlich in
Bezeptor, Transmission und Werkzeug
zerfalle. Unter dem Bezeptor wird hierbei derjenige Theil ver-
standen, auf welchen die bewegende, treibende Naturkrafb unmit-
telbar einwirkt und demselben die zur Verfügung kommende
mechanische Arbeit überträgt; das Werkzeug gibt die Arbeit in
geeigneter Weise an den zu bearbeitenden Körper ab ; zwischen
Bezeptor und Werzeug, deren Bewegung in der übergrossen Zahl
der Fälle nicht übereinstimmt, befindet sich als Bewegungsvermitt-
1er die Transmission. Diese Anschauung hat etwas ungemein
Schlichtes, Einfaches, man möchte sagen Natürliches, was von vom
herein sehr für sie einnimmt. Poncelet selbst sprach sich mit über-
zeugender Buhe und logischer Sicherheit für sie aus*). Auch
sagte er dabei nicht sowohl etwas aus, was zu seiner 2ieit ganz neu
zu nennen gewesen wäre; vielmehr fasste er nur das Bekannte und
mehr oder weniger Anerkannte in bestimmte Sätze zusammen,
welche, wie ich schon früher andeutete, nachher zu wahren Grund-
säulen der Maschinenlehre erwachsen sind. In der That spricht
auch Vieles für die darin enthaltene schlichte und übersichtliche
Anschauung. Die Ursache, weshalb sie leicht für sich einnimmt,
ist wohl die, dass im Stillen Analogien mit anderen Forschungs-
•) Trait^ de m^canjque industrielle, HI. partie, §. 11: »La science des
michiiies, ainsi envisag^e, se compose donc de la science des outils, de
la science des motenrs et de la science des commnnicateu rs
oa modificateurs du mouvement ...''
474 XII. KAP. XnALYSIRUNG der MASCHINE.
gebieten mitempfunden werden , wozu die Dreitheilung oder Drei-
gliederung, das Bestehen aus Anfang, Mittel und Ende, aus zwei
Haupttheilen und einem Bindeglied u. s. w. Veranlassung geben.
Auch deckt die Erklärung in vielen Fällen den praktischen Vorgang,
hat also auch diese bedeutende Stütze für sich. Dennoch aber,
oder vielleicht gerade deswegen sind wir genöthigt, die dargel^te
Grundanschauung einer strengen Prüfung zu unterwerfen.
Folgen wir zunächst der alten Auffassung noch um einige
weitere Schritte, so erfahren wir, dass die um den Rezeptor henun
anzuordnenden Theile, behufs bester Verwendung der motorischen
Kraft, zu gewissen Theilgruppen zusammentreten, welche man als
„Kraftmaschine" aussondern könne. Solche Kraftmaschinen sind
z. B. die Dampfmaschine, das Wasserrad, die Turbine u. s. w., die
man auch, die Bezeichnung des bewegenden Körpers oder Motors
erweiternd, „Motoren" nennt. In ganz analoger Weise sollen sich
um das Werkzeug herum gewisse Theile gelegentlich zu einer
Gruppe zusammenordnen, welche die passendste Bewegung und
Verwendung des Werkzeuges sichert Man nennt diese Gruppe
„Arbeitsmaschine", auch „Werkzeugmaschine", oder — ebenfalls
unter Erweiterung der Benennung des wesentlichen Theiles —
„Werkzeug".
Beim Eingehen auf diese gebräuchlichen, und dem Fachmann
völlig geläufigen Ausdehnungen der Grundanschauung betritt mau
aber alsbald einen Boden von zweifelhafter Sicherheit. Denn wenn
jede vollständige Maschine einen Motor im oben angedeuteten Siane
(also in der Form von Dampf, Luft, Wasser, Gas etc.) haben muss,
so ist offenbar die Drehbank, so ist die Hobelmaschine keine voll-
ständige Maschine, so sind überhaupt alle Arbeitsmaschinen, welche
in irgend einer Fabrikanlage aufgestellt sind, einzeln nicht voll-
ständige Maschinen, sondern nur Theile von solchen, unser go
wohnlicher Sprachgebrauch, der mit Bestimmtheit alle diese Vor-
richtungen Maschinen nennt, begienge also einen groben Fehler,
oder befände sich jedenfalls im Widerspruch mit der fachwissen-
schaftlichen Definition.
Eine ganz ähnliche Beobachtung haben wir bei den Kraft-
maschinen zu machen. Diese haben zu sehr grossem Theile, für
sich beti;achtet, kein Werkzeug zum Bearbeiten irgend eines Kör-
pers. Auch sie wären demnach keine vollständigen Maschinen.
Unsere Maschinenbau-Anstalten, welche Dampfmaschinen, Turbiöeiu
Gaskraftmaschijien etc. mit allem Raffinement bauen , lieferten s^
BISHERIGE ANSCHAUUNGEN. 475
mit keine Yollständigen Maschinen; sie bauten nur Theile von Ma-
schinen. Die besondere Qualität, vollständige Dampfinaschinen zu
sein, hätten nur etwa die Dampfhämmer, Dampfquetschen, Dampf-
scheeren, direkt wirkende Walzwerke u. s. -w., während jene erst-
genannten Erzeugnisse trotz aller Vollkommenheit der Herstellung
erst nachträglich mit anderen Vorrichtungen zusammen das Bünd-
niss eingiengen , dessen Resultat den Namen der vollständigen Ma-
schine zu tragen berechtigt ist.
Dem allem aber widersetzt sich unwillkürlich die natürliche
unmittelbare Auffassung, welche wir zur Sache mitbringen, wenn
wir uns von theoretischen Definitionen unbehindert wissen — oder
vielleicht auch umgekehrt: unsere einfache unmittelbare Auffassung
lässt die Autorität der geltenden theoretischen Anschauungen eini-
germaassen fragwürdig erscheinen.
Noch ein dritter Punkt gibt ebenfalls zu erheblichen Bedenken
dieser Art Veranlassung. Betrachten wir einen Spinnstuhl, auf
welchem der Faden verschiedene Folgen von Bewegungen durch-
macht, die er nicht vollziehen konnte, wenn nicht er, der Faden
selbst, als Bewegungsübertrager wirkte, um z. B. gestreckt, ge-
zwirnt, aufgewickelt zu werden. Ist der zu bearbeitende Körper
nun dieses letztere, oder ist er „Transmission", oder gar „Werk-
zeug**? Und wo hört er auf oder fängt an, das eine, andere und
dritte zu sein? Aehnliche Ungenauigkeiten drängen sich bei ver-
wandten Maschinen auf. Was hat nun das zu bedeuten, dass diese
Spinnmaschine, dieser Webstuhl, überhaupt die ganze Faserstoff-
maschinerie nicht „korrekt" in die Theorie passen will? Liegt es
an den Maschinen, die doch jeder Mechaniker als sehr vollkommen
kennt, oder liegt es an der Theorie? — Ein anderes Beispiel.
Sehen wir den bekannten hydraulischen Widder oder Stossheber
an. Das Kraftwasser treibt hier einen Theil seiner eigenen Masse,
nachdem diese gewirkt hat, in das Steigrohr hinein und liefert ihn
oben ab. Die Maschine ist also oline Zweifel vollständig. Wo aber
steckt hier der „Rezeptor", wo das „Werkzeug", wo die „Trans-
mission"? Sollte hier der Wasserstrom alles das zugleich vorstellen?
Und was sind in diesem Falle die übrigen Theile der Maschine?
Oder hat uns der geniale Mongolfier in seiner Erfindung nur ein
neckisches Paradoxon, einen machinalen Irrwisch, nicht aber eine
ordentliche ehrsame Maschine, welche sich über ihre Existenz-
berechtigung gehörig ausweisen kann, hinterlassen *i)?
Wir sehen, Fragen über Fragen, Zweifel über Zweifel erheben
476 XII. KAP. ANALT8IBUKG DEB MASCHINE.
sich, wenn wir ernstlich versuchen, die als wissenschaftliche aner-
kannten Kategorien der bisherigen Schule an die Maschinenpraxis
anzulegen. Und doch handelt es sich nicht um eine Sache, bei weldier
es etwa gleichgültig wäre, ob man sie so oder so ansieht; fiehnehr
handelt es sich um einen der wichtigsten Faktoren des modernen
Lebens, um einen Zweig der menschlichen Thätigkeit, der in fast
alle Verhältnisse eingreift, und welchen wissenschaftlich mit Sicher-
heit zu erfassen, die bedeutendsten geistigen, wie materiellen An-
strengungen gemacht werden. Es liegt demnach der triftigste Gmnd
vor, diese Kategorien auf ihre innere Bedeutung hin zu anter-
suchen, und hierzu wollen wir nun übergehen.
§. 130.
Das Werkzeug.
Wir beginnen mit dem die Arbeit unmittelbar ausfiihrendeo
Körper, dem Werkzeug, und zwar in der Weise, dass wir bei eini-
gen Maschinen feststellen, welcher Theil als das Werkzeug anzu-
sehen ist Bei der Drehbank, der Hobelmaschine, der Bandsä^-
z. B. ist dies sehr leicht. Der Drehmeissel, der Hobelstichel, das
Sägenblatt, jedes tritt deutlich als das Organ der Umgestaltung de«
zu bearbeitenden Körpers hervor. Bei der Schraubenschneid-
maschine sind in der Regel mehrere Körper, die Schneidbacket
zum Werkzeug vereinigt, weshalb man die Backen zusammen mit
ihren Umfassungstheilen, die sogenannte Schneidkluppe, ak di^
Werkzeug bezeichnen kann und auch in der That bezeichnet Br;
Walzwerk sind es die beiden Walzen, welche als Werkzeuge dienen,
indem sie das auszuwalzende Metallstück umformen und fortbr-
wegen. Beim Mahlgang zerkleinem die Mühlsteine als Weriaeu."
das Getreidekom, indem sie dasselbe nebst dem von ihm abgelö9t'-L
Mehl nach dem äusseren Rande der Steine fuhren. Bei der Draht-
Stiftmaschine wirkt ein Werkzeug, und zwar ein zusammengesetzte«,
auf Festhalten des Drahtes, ein anderes, ebenfalls zusammei.-
gesetztes, auf Abschneiden desselben, ein drittes auf Anstauchen
des Kopfes, andere Theile bewirken das Herzufuhren eines neoet
Drahttrums, wieder andere die Wegführung des fertigen Suite«
Bei der Kratzenbandmaschine arbeiten mehrere Werkzeuge naii-
einander theils auf das Lederband, um es zu lochen, theils auf d«'0
DAS WERKZEUG. 477
Draht, um ihn abzuschneiden, wiederholt zu biegen, in das Band
zu fuhren, theils auf Band und Draht zugleich, um den eingefuhr*
ten Haken festzudrücken. Also ^eine Reihe von Werkzeugen Ton
yerschiedener Einwirkungsweise und verschiedenem Objekt, so zu
einander gesellt, dass es sehr schwer zu sagen ist, wo das eine auf-
hört und das andere anfangt.
Wir beobachten hier, dass die Einheitlichkeit des Werkzeuges
sowie auch die des zu bearbeitenden Körpers nicht als Bedingung
auftritt. Hierauf müsste man , um strenge zu sein , bei der defini-
torischen Feststellung bereits Rücksicht nehmen, was manche
Schriftsteller, welche die wissenschaftliche Strenge durchzuführen
suchten, wie z. ^. Redtenbacher, zwang, weitläufige Erklärungen
an die Stelle von Definitionen zu setzen. Gehen wir indessen,
ehe wir uns auf diese Frage einlassen, noch etwas weiter zu ande-
ren Beispielen.
Bei den Lastenhebungsmaschinen, dem Kran z. B., hat man
als Werkzeug den Haken, an welchen der zu hebende Körper an-
gehängt wird, bezeichnet. Dies ist nach der Definition auch rich-
tig, indem der Haken unmittelbar die Hebungsarbeit ausübt Allein,
denken wir uns einmal den Haken weggenommen, statt seiner aber
das Seil, an welchem der Haken hieng, um den zu hebenden
Waarenballen , Stein, Balken, herum geschlungen und daran fest-
geknotet, so wird die Maschine nach wie vor die Last heben, also
an derselben ganz wie ihre Bestimmung ist, arbeiten können; die
grössere oder geringere Bequemlichkeit der Anhängung kommt
dabei offenbar nicht in Betracht. Somit konnte der* Haken das
Werkzeug des Krans nicht sein, da ja zweifellos das Wegnehmen
eines wesentlichen, eines Kardinalbestandtheiles der Maschine die-
selbe unbrauchbar machen müsste. Nun denn — möchte einge-
wendet werden — in diesem Falle ist die improvisirte Schleife
oder Schlinge, die man aus dem Seil gemacht hat, jener Haken,
indem ja das Material zu letzterem und seine konstruktive Aus-
führung verschieden gewählt werden können, ohne dass sein Wesen
sich ändert. Das liesse sich hören. Wie aber, wenn wir nunmehr
die Last ablösen und das Seil schlicht herabhängen lassen — nehmen
wir an, in recht grosse Tiefe — und nunmehr das leere Seil in die
Höhe winden, wirkt da die Maschine Kran nicht ganz genau in der-
selben Art wie früher? Hat sie nicht eine Last zu heben wie
früher? Wirken nicht alle Räder, Rollen, Achsen, Klinken, Kur-
beln wie früher? Und nun ist doch weder Haken noch Schleife,
478 XIL KAP. ANALY8IBÜNG BEB MASCHINEN.
ja nicht einmal eine besondere Last, sondern nur das glatte leere
Zugkraftorgan an der Laststelle der Maschine vorhanden; der zu
hebende Körper ist nunmehr ein Glied der kinematischen Kett«
selbst. Das Werkzeug im Sinne" der bisherigen Definition ist uns
aber vollständig entschlüpft. Wir vermögen es nicht nachzuweisen.
Versuchen wir es mit der Lokomotive. Man hat gesagt, der
Kupplungshaken oder die Kupplungseinrichtung überhaupt, welche
den Zug mit der Maschine verbindet, sei hier das Werkzeug.. Auf-
fallend ist hier, dass es eine so grosse Menge von Kupplungs-
konstruktionen gibt, mit welchen doch immer eine und dieselbe
Maschine arbeiten und zwar immer einen und denselben Zweck
damit erfüllen soll. Wird nun jedesmal die Maschine als Ganzes
eine andere? Nach der bisherigen Schule müsste dies doch der
Fall sein, da nach ihr das Werkzeug ein wesentlicher, konstituiren-
der Theil der Maschine ist. Lösen wir aber, um dieser Frage völ-
lig auszuweichen, gleich den ganzen Wagenzug ab und lassen die
Lokomotive mit dem Tender allein fahren. Oder besser noch, um
nicht auf die Tenderkupplung zu stossen, laden wir Brennstoff und
Wasser auf die Lokomotive selbst, denken uns letztere also als „Ten-
derlokomotive" ausgeführt, so muss dieselbe, wenn sie nun eine
steile Rampe hinauffahrt, vielleicht genau so stark arbeiten, wie
früher in der Ebene, als sie noch den Wagenzug an sich hängen hatte :
der Kupplungshaken hat aber nun gar nichts mit dieser Erfüllan;;
ihrer machinalen Bestimmung zu thun, kann also nicht das Werk-
zeug sein. Man könnte einwerfen, dass nunmehr die Mascliine
auch unvollständig sei , nämlich keine Güter und Personen befiir-
dere. Wie aber, wenn dieselbe Maschine eine sogenannte Express-
maschine ist, welche auf übergebauten Sitzen die zu beförderndtii
Personen aufnimmt, oder wenn sie, wie die Fairlie-Lokomotive,
auf dem verlängerten Wagengestell den Raum für die Reisenden
bietet? Wo nun das Werkzeug steckt, ist nicht mehr zu sagen:
jedenfalls ist die Bedeutung des Kuppelungshakens als eines
solchen verschwunden. Ja selbst der zu bearbeitende Körper ist
nicht mehr neben oder ausserhalb der Maschine vorhanden, son-
dern ist in dieselbe übergegangen, da das Wagengestell gleichzeitig
Träger der Maschine ist.
Aehuliche Entdeckungen können wir an anderen Maöchioen
machen, z. B. am Dampf boot, wo das Werkzeug auf keine Weise
aufzufinden ist Auch ganz kleine Maschinen zeigen dieselbe
Erscheinung. So z. R. die TiLschenuhr. Welcher Theil liier Jas
DAS WERKZEUG. 479
Werkzeug sein soll, ist wohl schwer anzugeben. Sollten es die
Zeiger sein? — Wo ist dann aber der Körper, auf welchen diesel-
ben die mechanische Arbeit der Maschine unmittelbar übertragen?
Auch sind die Zeiger ja nicht imbedingt nothwendig; sie lassen
sich durch getheilte Scheibchen ersetzen , gegen welche eine feste
Marke weisen könnte; auch eine blosse Marke an einem sichtbar
gemachten Rade des Werkes würde allenfalls schon den Zweck
erfüllen; also sind weder die Zeiger das Werkzeug, noch auch kön-
nen wir dasselbe überhaupt mit Bestimmtheit angeben.
Unsere Untersuchung führt somit zu der Einsicht, dass das
Werkzeug keine allgemeine Kategorie in der Maschine
sein kann. Bloss bei gewissen Maschinen fanden wir das Werk-
zeug wirklich und deutlich erkennbar vor, bei anderen Maschinen
war die Deutlichkeit schon geringer, bei wieder anderen ist es gar
nicht vorhanden.
Suchen wir das den Maschinen der letzteren Art Gemeinsame
festzustellen t— die herangezogenen Beispiele waren Kran, Loko-
motive, Dampfboot, Uhr — so finden wir, dass es sich bei densel-
ben jedesmal um Ortsveränderung gewisser Körper bandelt,
dass die betreffenden Maschinen die Aufgabe haben, eine Ortsver-
änderung, einen Transport, zu bewirken. Kran, Lokomotive,
Dampfschiff sind Maschinen, welche Lasten von einem Orte zum
andern bewegen, sei es in senkrechter, sei es in waagerechter, sei
es in beiden Richtungen. Dasselbe gilt im Grunde vpn der Uhr,
wo indessen noch der besondere Zweck erfüllt werden soll, aus
der Grösse der stattgehabten Ortsveränderung auf die Länge des
dabei verflossenen Zeitabschnittes einen Schluss zu ermöglichen.
Die zuerst betrachteten Maschinen, bei welchen wir ein Werk-
zeug thatsächlich vorfanden, hatten dagegen alle die Eigenthüm-
lichkeit, die zu bearbeitenden Körper einer Formänderung,
nämlich einer Umgestaltung, Theilung, Trennung, Vereinigung etc.,
zu unterwerfen. Drehbank, Hobelmaschine, Schraubenschneid-
maschine, Bandsäge gestalten den zu bearbeitenden Körper um,
indem sie Theile desselben von dem Ganzen ablösen. Die Draht-
stiftmaschine, das Walzwerk gruppiren die Theilchen des zu bear-
beitenden Körpers anders, verbinden aber dies mit einem Trans-
port desselben. Aehnliches geschieht bei der Kratzenbandmaschine.
I>ie Mühle ihrerseits zerlegt den Körper, indem sie ihn transportirt,
in kleine Theilchen. Alle aber haben eines oder mehrere Werk-
zeuge. Die oben beobachtete Undeutlichkeit in dem Hervortreten
480 XII. KAP. AKALYSIRUNÖ DBB MA8CHIKEN.
derselben hängt zusammen mit dem Umstände, dass die Umfor-
mung mit Transport verbunden war. Sehen wir aber hienron ab.
so können wir nun die Maschinen hinsichtlich ihrer Zwecke in
zwei grosse Klassen theilen, nämlich in:
I. Maschinen für Ortsänderung, ortsändernde oder
transportirende Maschinen;
n. Maschinen für Formänderung, formändernde
oder transformirende Maschinen.
Die Grenzen zwischen diesen beiden Klassen sind nicht ganz
scharf, da wie wir sahen, manche Umformungen mit Transporten
nothwendig verknüpft sind, manchmal auch, wie bei der Mühle,
Transformirung und Transportirung nahezu gleich wesenÜich auf-
treten. Jedenfalls aber haben die umformenden Maschinen eine
Eigenschaft mehr als die ortsverändemden ; diese letzteren sind
also die einfacheren, weshalb sie oben vorangestellt wurden. In
ihrer Zusammensetzung unterscheiden sich die Maschinen der bei-
den Klassen dadurch von einander, dass die formändemden das
Werkzeug besitzen, die ortsändemden aber nicht
Die bisherige Auffassung, nach welcher jede Maschine als
wesentlichen Bestandtheil das Werkzeug besitzen sollte, hat also
nur einen Theil der Maschinen, nur die eine der beiden Haupt-
klassen derselben getroffen. Somit ist der Begriff des Werk-
zeuges nicht ein eigentlicher Stammbegriff der Maschine,
sondern nur ein zufälliges Merkmal derselben und kann
daher als Grundlage des Verständnisses der vollständigen
Maschine nicht dienen.
§. 131.
Elnematisclie Deutung des Werkzeuges.
Nachdem wir festgestellt, was das Werkzeug in der Maschine
nicht ist, stellt sich uns die Frage entgegen, welche kinematische
Bedeutung dann das Werkzeug in der Klasse der formändernden
Maschinen eigentlich habe, und welchen allgemeinen kinemaiischeB
Gesetzen dasselbe demzufolge unterliege.
Verfolgen wir, um dies zu erfahren, zunächst einmal die
Thätigkeit des Werkzeuges bei einer bestimmten Maschine. Es
sei die gewöhnliche Leitspindel - Drehbank. Auf einer solchen
werde ein 'Eisenstab cylindrisch abgedreht. Der Drehmeissel ist lo
KINEMATISCHE DEUTUNG DES WERKZEUGES. 481
den Drehstahlschlitten eingespannt und wird parallel der Drehbank-
spindel fortbewegt, während der abzudrehende Stab mit der im
Umlauf befindlichen Drehbankspindel gekuppelt ist, aber ebenfalls
umläuft, und zwar so, dass seine den Stichel berührenden Umfangs-
theilchen gegen die Schneide des Instrumentes anlaui'en. Die
Relativbewegung des Drehmeissels gegen den Stab ist die Normal-
schraubenbewegung ^ und zwar bewegt sich der Drehstichel genau
so, wie ein Abschnitt oder Ausschnitt einer Normalschraubenmutter
S" gegen den, die Stelle der Schraubenspindel S^ einnehmenden
Eisenstab. Meissel und Stab haben nach unserer Kunstsprache die
Bewegung des Paares SZS'*'. Dieses Paar selbst ist nicht von An-
fang an Torhanden. Aber, indem der Meissel aus härterem Mate-
rial gewählt ist als der Stab, drängt er bei seinem Fortschreiten
diejenigen Theilchen des Stabumfanges weg, welche der von ihm
umschriebenen Umschlussform 8'^ nicht angehören. So entsteht
auf demjenigen Theile des Stabes, welchen der Meissel überschrit-
ten hat, nothwendig das Element /S"*", zu welchem der Meissel das
zugehörige Element S~ in einem kleinen Ausschnitt an sich trägt.
Mit dem abgedrehten Theil des Stabes bildet also der Meissel
thatsächlich, z. B. auch, wenn man ihn rückwärts laufen lässt,
ein Elementenpaar von der Formel SIS"^. Die Elementen-
stützung zwischen Meissel und Stab ist dabei an sich nicht aus-
reichend (§. 18 ff.), allein der Mangel wird durch äen Ketten-
schluss (§.43), welcher in der Drehbank gegeben ist, ausgeglichen.
.Hierbei ist zu bemerken, dass der Drehmeissel von Haus aus be-
reits das Profil der Schraubenmutter S~ an sich trug, der Stab
aber erst zur Annahme der Form S"^ gezwungen wurde. Die bei-
den Körper gehen also erst während der fortschreitenden Be-
wegung die Paarung SZS^ ein, sind aber nach Vollendung der
Bewegung auch zu einem solchen Paare wirklich verbunden.
Ich sagte, dass der fertig werdende Stab von der Form S^
sei. Dies tritt deutlich hervor bei dem Abdrehen aus dem Rauhen,
dem sogenannten Abschruppen, wo dem Meissel eine spitzige
Schneide gegeben wird. Später, wenn behufs des Glattdrehens
oder Schlichtens das Meisselprofil als Stück einer Geraden, zur
Achse Parallelen gestaltet wird, zeigt der entstehende Körper
äusserlich die Form eines Cy linders (vergL §. 15); er ist aber that-
sächlich dennoch hinsichtlich seiner Paarung mit dem Meissel eine
Schraube.
Was wir hier an der Drehbank bemerken, dass nämlich das
Keuleauz, Kinematik. 31
482 XII. KAP. ANALYSIBUNG DER MASCHINE.
Werkzeug und der zu bearbeitende Körper zu einem Elementen-
paar zusammentreten , finden wir auch an der Hobebnaschine and
der Bandsäge, wo beidemal das Paar PtP" erzeugt wird; ferner
auch an der Schraubenschneidmaschine, wo sich das Paar SIS"
oder SZS^ bildet, ersteres beim Mutterschneiden, letzteres beim
Bolzenschneiden. Jedesmal sehen wir, dass der zu bearbeitende
Körper als kinematisches Element, als Theil eines kinematiseben
Kettengliedes oder als ganzes Kettenglied auftritt. Deutlich wird
uns dies namentlich bei dem Beispiel der Schraubenschneidmaschine,
wo in der Regel der durch die Maschine soeben erzeugt werdenden
Schraube alsbald die Fortbewegung der Schneidkluppe überlassen,
oder, besser gesagt, übertragen ist. Hieraus geht hervor, dass der
zu bearbeitende Körper nicht als ausser der Maschine bestehend
zu betrachten, sondern dass derselbe als in die Maschine eintre-
tend, zu derselben gehörig aufzufassen ist. Wir wollen daher
diesem Körper, von dem wir noch oft zu sprechen haben werden,
einen besonderen Namen geben, und zwar ihn als das Werkstück
bezeichnen.
Sahen wir in den vorgeführten Beispielen sich am Werkstück
nur Umschlussformen oder Elemente aus niederen Paaren bilden,
so lag das in der Art der betrachteten Maschine. Das höhere
Paar oder die allgemeine Umhüllungsform kommt ebensowohl vor.
Beim Walzwerk z. B. paart sich das Werkstück mit den beiden
Walzen je zu dem höheren Paare iJ^,P''", wobei der Walzstab ein
vollständiges Kettenglied wird. Bei der Wollkrempel zwingen die
Kratzenhäkchen, mit welchen die Trommeln besetzt sind, die
zwischen ihnen hindurchgefuhrten WoUfasem, aus der lockigen.
verschlungenen Anordnung in die der parallelen Lagerung über-
zugehen , welche die Umhüllungsform der regelmässig gestellten
Häkchen ist. Bei dem Mahlgang findet eine sehr verwickelv
höhere Paarung zwischen dem Getreidekom und den Steinen
statt, wobei der Krafbschluss eine nicht unwesentliche Rolle spielt.
Somit geht aus unserer Analyse folgendes Gesetz hervor: Das
Werkstück tritt bei der formändernden Maschine als ein
Theil eines Kettengliedes oder als ganzes Kettenglied in
die Maschine und geht mit dem Werkzeug eine kinemati*
sehe Paarung oder Verkettung ein, bei welcher es ver-
möge geeigneter Materialbeschaffenheit des Werkxcug«**
seine ursprüngliche Form mit derjenigen Umhüllung^-
KINEMATISCHE DEUTUNG DES WERKZEUGES. 483
form vertauscht, welche seiner Paarung oder Verkettung
mit dem Werkzeuge zukommt.
Dieses Gesetz ist frei von den Unklarheiten, welche sich der
älteren Auffassung überall entgegenstellen. Zunächst sehen wir,
dass die kinematische Kette der Maschine am Werkzeug oder am
Arbeitspunkt nicht unterbrochen ist, sondern ihren ungestörten
Verlauf daselbst behält. Die Kette ist dort nicht zu Ende; die
Arbeitsstelle ist nur ein hinsichtlich des Zweckes der Maschine
wichtiger, hervorragender Punkt sa). Sodann finden auch hier
mehrere Fragen, auf welche wir in §. 129 stiessen, ihre Beantwor-
tung. Der Spinnfaden im Spinnstuhl ist als Glied der kinematischen
Kette nothwendig der Träger von Kräften. Die Spindel, auf deren
oberes Ende er sich aufwickelt, um alsbald wieder abzufallen, ist
mit dem Faden an dieser Stelle zu einer höheren Paarung ver-
bunden und wirkt als Werkzeug. Aber auch die Fasern des Fadens
selbst wirken gegen einander als Werkzeuge. Denkt man sich der
Einfachheit wegen nur zwei solcher geraden Fasern von der Spin-
delspitze Sp. zum Streckwerk St. hingespannt und nunmehr bei
Sp. IIZZZZZIZZZZZZIZZ St.
der Spindelspitze zunächst nur um 180 <> gedreht, so entsteht zuerst
nur eine blosse Kreuzung der beiden Fasern, bei fortgesetzter
Drehung aber müssen sich die beiden Fasern schraubenförmig um
einander winden; jede Faser ist der andern gegenüber Werkzeug,
die Schraubenform jeder einzelnen Faser die Umhüllungs-
form derselben gegen die andere Faser. Wir sehen hier,
dass das Werkzeug nicht nothwendig härter sein muss als das
Werkstück; auch bemerken wir, dass die Unterscheidung dieser
beiden Stücke sich gelegentlich nicht durchführen lässt: unab-
änderlich aber bleibt der Satz stehen, dass das Werkstück als Glied
der kinematischen Kette, oder als Theil einer solchen dem Ganzen
angehört.
Femer sehen wir auch hier, dass die beiden grossen KlasHcii,
ortsändemde und formändemde ^laschinen, hinsichtlich des Werk-
stückes einen wesentlichen Punkt gemeinsam haben. Wenn }m
den ortsändemden Maschinen das Werkzeug der alUtn AuffasHung
rerschwand, so bemerkten wir dafür, dass der zu befördernde Kör-
per, das Werkstück, ein Theil der ^la^chine wurde, d, li. mit an-
31*
484 XII. KAP. ANALYSIEUNG DER MAßCHlKE.
deren Worten: auch bei den ortsändernden Maschinen ist
das Werkstück ein Theil eines Kettengliedes oder ein
ganzes Grlied der kinematischen Kette. In diesem Punkte
stimmen also die Maschinen beider Klassen vollständig mit ein-
ander überein.
Endlich geht aus dem Gesetze vom Werkzeug noch ein wich-
tiger Lehrsatz hervor, welcher in der angewandten Kinematik und
in der mechanischen Technologie die formenreichsten Anwendun-
gen findet. Dieser allgemeine Lehrsatz lautet: dem Werkzeug
einer Maschine ist behufs Erzeugung eines Körpers toh
gegebener Form die Umhüllungsform der letzteren zur
Form zu geben. Um diese Umhüllungsform zu bestimmen, be-
darf ßs der Kenntniss, beziehungsweise vorherigen Feststellung der
relativen Bewegung des Werkzeuges gegen das Werkstück; die
Aufgabe kann deshalb erstens auf verschiedene Weise gelöst wer-
den , und umschliesst zweitens in der Regel mehrere andere Auf-
gaben zur gleichen Zeit. Jedenfalls aber ist es von grosser Wich-
tigkeit, die Gesammtheit der zwischen dem Werkzeug und dem
Werkstück herzustellenden kinematischen Beziehungen in einen
einzigen bestimmten Begriff gefasst überschauen zu können.
§. 132.
Der Rezeptor.
Hinsichtlich des als Rezeptor aufgefassten Körpers sind die
Anschauungen auf ein engeres Gebiet beschränkt gewesen, als es
beim W^erkzeug der Fall war, indem die Zahl der motorischen
Körper sich nicht sehr gross zeigt Man führt gemeiniglich an:
Wasser, Wind, Dampf, Gase anderer Art, Gewichte, Federn, belebte
Wesen. Nach der bisherigen Anschauung ist die vollständige Ma-
schine mit dem Rezeptor als demjenigen Theile ausgerüstet,
welcher dem motorischen Körper die von diesem getragene Natur*
kraft auf geeignete Weise entzieht Es ist wichtig, die verschie-
denen Arten der Aufeinanderwirkung von Motor und Rezeptor.»
welche in den angeführten Fällen stattfindet, auf ihre Eigenthüm-
lichkeit hin zu prüfen.
Betrachten wir zunächst den Rezeptor bei den Wasserrädern
und Turbinen, so finden wir denselben deutlich in dem Sch&ulel-
DER REZEPTOR. 485
rade oder insbesondere den Schaufeln ausgeprägt Früher ange-
stellte Betrachtungen (§. 43) haben aber schon gezeigt, dass das
Kad nicht ein für sich bestehender und für sich brauchbarer
Apparat ist, sondern dass seine Schaufeln als kinematische
Elemente mit dem Wasser eine kinematische Paarung eingehen,
während andererseits das Wasser mit dem Gerinne, beziehungs-
weise der Röhrenleitung, gepaart ist. Somit ist der treibende Kör-
per hier ohne Frage ein Glied der kinematischen Kette. Ganz
dieselbe Bemerkung machen wir bei der andern wichtigen Wasser-
kraftmaschine, der Wassersäulenmaschine, in ihren verschieden-
artigen Formen. Auch hier tritt das Wasser bei seiner Vereini-
gung mit dem Kolben und in Berührung mit dem Gylinder, geleitet
Ton den Steuerungsventilen, als Glied in die kinematische Kette
ein, und zwar in einen Mechanismus, welchen wir weiter oben
(§. 126) bereits allgemein untersucht und als Schaltwerk erkannt
haben. Vom B^zeptor könnte man hier nun etwa sagen, dass er
durch den Kolben, oder durch den Gylinder, oder durch beide zu-
gleich, oder aber durch beide einschliesslich der Steuerung ver-
treten werde; eine logisch genaue Bestimmung desselben gelingt
aber nicht
Die Benutzung des Windes geschieht, obwohl unter Kraft-'
schluss des treibenden Druckkraftorgans, doch ebenfalls so, dass
das Flügelrad mit dem Windrade eine kinematische Paarung ein-
geht, welche diejenige eines höheren Schraubenpaares ist
Der Wasserdampf und die übrigen durch ihre Expansionskraft
wirkenden Gase lassen wir theils in Kolbenmaschinen, theils, ob-
wohl seltener, in turbinenähnlichen Einrichtungen zur Wirkung
kommen, stets aber so, dass der treibende Körper mit dem Rezep-
tor eine kinematische Paarung oder Verkettung eingeht, in welcher
schwer ein einzelnes Stück mit Bestimmtheit als der Rezeptor zu
bezeichnen ist
Die vier besprochenen Motoren: Wasser, Wind, Dampf und
andere Gase haben das Gemeinsame, dass sie Druckkraftorgane
sind. Suchen wir einen üeberblick über die ganze Reihe der mit
ihnen gebildeten Kraftmaschinen zu gewinnen, sie nach ihren Eigen-
thümlichkeiten zu ordnen, so tritt uns eine Thatsache entgegen,
welche wir nicht unbeachtet lassen dürfen. In der Benutzungs-
weise des Motors finden wir nämlich zwei deutlich unterscheidbare
Methoden neben einander im Gebrauch, welchen zwei Gattungen
von Kraftmaschinen entsprechen. Ueber die eine derselben, welche
486 XII. KAP. ANALY8IEUNÖ DBB MASCHINE.
die „Kolbenmaschinen'' umfasst, haben wir bereits im vorigen Kapi-
tel den allgemeinen Aufschluss erlangt, dass sie Schaltwerke, und
zwar wie wir uns ausdrückten: rückläufige Schaltwerke sind.
Die andere Gattung, welcher das Wasserrad, die Turbine, das Wind-
rad etc. angehören, zeigen die Eigenthümlichkeit einer stetigen
oder sich der Stetigkeit sehr annähernden Bewegung des Flüssig-
keitsstromes. Dieser letztere wirkt nicht absatzweise, ruckweise,
oder periodisch, sondern unter stetigem Eintritt an der einen Seite,
stetigem Austritt an der anderen , ersetzbar etwa durch die Zahn-
stange beim Wasserrad (siehe §. 61), durch die Schraube bei ein-
zelnen Turbinen und beim Windrade, durch ein hier auflaufendem
dort ablaufendes Seil bei anderen Turbinen, u. s. w. Wir können
den Unterschied zwischen den beiden Maschinengattungen, in An-
betracht dieser karakteristischen Bewegungsformen, wohl dadurch
deutlich hervorheben, dass wir gegenüber den als Schaltwerke
wirkenden Mechanismen diejenigen mit stetiger Bewegung des
wichtigen Organes Laufwerke nennen. In Schaltwerke und
Laufwerke lassen sich alle für den Betrieb durch Druck-
kraftorgane bestimmten Kraftmaschinen trennen.
Werfen wir hier einen Blick zurück auf die Kurbelkapselwerke
und die Kapselräderwerke, welche wir früher besprachen*), so
bemerken wir, dass dieselben theils der einen, theils der anderen
Gattung angehören. Die aus den Kurbelkapselwerken gebildeten
Maschinen, und zwar sowohl Pumpen als Kraftmaschinen, sind
theils Schaltwerke, theils Laufwerke, nicht ohne dass auch ver-
mittelnde Uebergänge zwischen beiden Gattungen auEsnweisen
wären; die Kapselräderwerke sind wesentlich eigentliche Lauf-
werke. Die Laufwerke bieten für die fernere machinale Verwen-
dung in sehr vielen Fällen eine grosse Bequemlichkeit in dem
Umstände dar, dass ihre rotirenden Bewegungen unmittelbar be-
nutzt werden können. Das Bestreben zur Herstellung der
rotirenden Dampfmaschine und Pumpe ist dasjenige, die
Schaltwerke für Druckkraftorgane in Laufwerke umzuge-
stalten, oder jene durch diese zu ersetzen.
Für den Betrieb durch Gewichte kann uns die gewöhnliche
Wanduhr als Beispiel dienen. An derselben tritt deutlich, nnd
wie es scheint unzweideutig, das Treibgewicht als Motor hervor,
als Rezeptor hat man darnach wohl die Schnur oder Kette, an
•) Kap. IX und X.
DEB BEZBPTOR. • 487
welcher es hängt, anzusehen. Prüft man indessen diese Frage
etwas schärfer, so tri» man alsbald auf ähnliche Bedenken, wie
wir deren oben (§. 130) beim Kran hinsichtlich des Werkzeuges be-
gegneten. Denken wir uns nämlich einmal das Gewicht weggenom-
men, zugleich aber die Schnur oder Kette um so viel verlängert,
dass das zugefügte Stück so schwer wäre wie das abgenommene
Gewicht, so würde die ühr durch die Schnur allein weiter betrieben
werden können. Hieraus aber geht hervor, dass das Gewicht nicht
der Motor sein kann, da es beseitigt ist, die Schnur aber auch nicht
der Rezeptor, da sie ihre Qualität nicht verändert hat. Wohl aber
ist die Schnur ein Glied der kinematischen Kette und ist gepaart
mit der Trommel, auf welche sie beim Aufziehen gewickelt wor-
den. Das also hat der Gewichtsbetrieb mit den oben besprochenen
Betriebsarten gemein, dass derjenige Körper, welcher als Träger
der treibenden Kraft dient, der kinematischen Kette als Glied oder
Element angehört.
Die gespannte Feder, welche zum Betrieb der Uhr und an-
derer kleiner Maschinen gebraucht wird, hat sich schon weiter
oben (§. 44) als ein kinematisches Element, beziehungsweise Ket-
tenglied herausgestellt. Auch hier wird der bisherigen Anschauung
der Nachweis des eigentlichen Rezeptors schwer, wenn nicht un-
möglich; unmittelbar aber tritt uns die Einreihung des Kraft-
trägers in die kinematische Kette, welche die Maschine bildet, ent-
gegen.
Während sich dieses letztere als allgemeine Eigenschaft aller
Kraftmaschinen herausgestellt hat, können wir in einer anderen
Beziehung eine Unterscheidbarkeit in zwei allgemeine Klassen
aus der angestellten Priüung folgern. Bei allen denjenigen Kraft-
maschinen nämlich, welche ein Druckkraftorgan zum Motor haben,
findet in den Kanälen, Röhren, Ventilen, Schaufelräumen u. s. w.
eine Formverwandlung statt, welche mitunter, wie bei der
Dampfmaschine, sehr weit geht, auch mehr oder weniger mit einer
Ortsveränderung verbunden ist. Letztere fallt indessen bei dem
Betrieb mittelst des bildsamen Elementes Feder weg. Bei dem
Gewichtsbetrieb dagegen findet nur eine Ortsänderung statt,
während die Formverwandlung unterbleibt. Offenbar liegt uns
hier derselbe spezifische Unterschied vor, welchen wir oben, §. 130,
hinsichtlich des Zweckes der Maschinen, oder wie wir nunmehr
sagen können: hinsichtlich der Behandlung des Werkstückes vor-
fanden. Wir können somit auch hinsichtlich des Vorgan-
488 XII. KAP. ANALY8IEUNG DEB MASCHINE.
ges, welchem der Motor in den Maschinen unterworfen
wird, dieselben in
ortsändernde Maschinen und
formändernde Maschinen
eintheilen. Dass auf der Seite der ortsändemden Maschinen die
Zahl so gering ist, thut nichts zmt Sache; die Unterscheidung an
sich ist bedeutungsvoll, weil sie eine scheinbar bestehende Unver-
einbarkeit der Kraftmaschinen und Arbeitsmaschinen aufhebt
auch fernerhin zur Erklärung bemerkenswerther Analogien dienen
wird.
Wenden wir uns nun endlich zu den belebten Motoren,
also zu den Anwendungen der Muskelkraft von Menschen und
Thieren zum Maschinenbetrieb, tmd zwar zuerst zu der durch
Menschenkraft bewegten Maschine. Die bisher übliche Auffassung
ist die, dass an der letzteren ein Rezeptor von schicklicher Form und
Bewegungsart angebracht werde, auf welchen der treibende Kör-
pertheil, die Hand, der Arm, der Fuss, u. s. w. einwirke. So sei z. H.
bei dem mittelst Kurbel und Tretschemel betriebenen Schleifstein
im Tretschemel der Rezeptor, im Fuss oder Bein des Tretenden
der Motor zu erblicken. Dies ist allerdings der äusserlich zu
beobachtende Vorgang; allein der innere tiefere Zusammenhang ist
ein ganz anderer. Ohne Zweifel würde der Schleifstein auch ver-
möge einer blossen Verlängenmg des Kurbelzapfens durch Drehen
mit der Hand bewegt werden können; auch ein um den Kurbel-
zapfen geschlungenes Seil, an welchem der Arbeiter mit der Hand
abwechselnd zöge, würde die Betreibung vermitteln können*).
Der Tretschemel ist also nicht ein unentbehrliches VermitÜungs-
glied. Das aber haben alle drei Betreibungsweisen gemein: dass
der menschliche Körper mit den Theilen der Maschine
eine kinematische Verkettung eingeht. Diese Verkettung
kann unter Umständen sehr verwickelt sein; im vorliegenden Falle
können wir sie indessen mit einiger Genauigkeit sogar angeben.
Zunächst bildet, Fig. 359, die Kurbel a der Schleifsteinachse mit
der Koppel 6, dem Tretschemel c und dem Gestell d das uns be-
kannte Getriebe (C[y, welchem wir oben (§. 65) den Namen roti-
rende Schubkurbel gaben. Dieses Getriebe soll so verwendet
werden, dass c der krafteinleitende Theil wird, die bestimmte For-
•) AVie 1. B. der kalni türkische Priester das Gebetrad, die JÄpaaivlie
DEB REZEPTOR.
489
mel also lautet: (C'^7. Indem nun der Arbeiter seinen -Fuss auf
die Verlängerung c' der Schwinge c setzt, und indem wir an-
nehmen, das8 der Arbeiter den Mittelpunkt 1' seines Hüftgelenkes
Pig. 359.
nicht aus seiner Lage
bringe , bildet er aus
seinem Oberschenkel a',
seinem Unterschenkel b'
und dem Tretachemel
c'=4.3' die drei Glie-
der: Kurbel, Koppel und
Schwinge einer zweiten
rotirenden Schubkurbel
(C"y, zu deren Steg d'
das ruhig stehende Bein
des Arbeiters e eh ort
Hierbei bildet das Knie-
gelenk des bewegten
Beines das Paar 2', das
Fussgelenk das Paar 3'.
Das Gelenk 4 ist den
beiden zu einem zusammengesetzten Mechanismus vereinigten Ge-
trieben gemeinsam, ebenso vermöge der von dem Arbeiter künst-
lich innegehaltenen festen Stellung des ruhenden Beines der Steg
(i=T4.1=d'=4. 1'. Durch das vom Willen geleitete Spiel seiner
Muskelkräfte bringt der Tretende die erforderlichen oscillatorischen
Bewegungen in den Gelenken 1' und 2', ja auch 3' hervor, indem
auch die Fussgelenkmuskeln allenfalls in Mitwirkung gezogen wer-
den können. Hierbei rechnet der Fuss zu der Schwinge <f. Die
besondere Formel des zweiten Mechanismus heisat demnach :
(C");r;, wobei aber zu beachten ist, dass das Glied a' nur oscilli-
rend, nicht rotirend bewegt wird. Wir finden also, dass der Tre-
tende aus seinem Körper einen für eich bestehenden Mechanismus
bildet, welchen er in Verbindung, d. i. in kinematische Verkettung,
mit dem zu betreibenden Mechanismus setzt.
Ein Arbeiter, welcher an einer Kurbel dreht, die er etwa mit
beiden Händen unter grösserem Kraftaufwand umtreibt, verkettet
den Mechanismus seiner Gliedmaassen in sehr verwickelter Weise
mit dem Getriebe, zu welchem die Kurbel gehört. Die Willens-
herrschaft ermöglicht ihm dabei ein wechselvolles Wirken de»
490 XII. KAP. ANALYSIBUNÖ DBB MA6CHIKE.
Eraftschlusses, welcher einzelne Gelenke in und ausser Gebraach
setzt, je naxshdem das Bedürfiiiss eintritt.
Aehnlich verwickelt ist die Bewegung des menschlichen Kör-
pers im Tretrade, noch mehr die des Zugthieres am Göpel u. a. w^
immer aber ist das Wesen der Vereinigung des animalischen Kör-
pers mit der Maschine das oben hervorgehobene der kinematischen
Verkettung. Hierbei ist das Wesen des B^zeptors, wie es bisher
angenonmien wurde, nicht mehr deutlich zu erkennen, wie denn
überhaupt die angestellten Untersuchungen erwiesen haben, dass
auch der Begriff Rezeptor nicht ein für die vollständige
Maschine wesentlicher Stammbegriff ist
§. 133.
Kineinatisolie Deutung der vollständigen Maschine.
Wir haben gefunden, dass das „Werkzeug*', welches man bis^
her als einen wesentlichen Bestandtheil jeder Maschine ansah, bei
der ganzen Hälfte der Maschinen nicht vorhanden ist Sodann
sahen wir, dass der zweite angeblich wesentliche Bestandtheil, der
„Rezeptor", ebenfalls in sehr vielen Fällen undefinirbar ist Hier-
nach sind die Aussichten, den Begriff der „Transmission*^ als einen
für die Maschine wesentlichen zu retten, sehr gering. In der That
lässt sich derselbe als überall ausscheidbar auch nicht nachweisen,
wennschon in einzelnen Fällen die blosse einfache Bewegungsüber-
tragung als einziger Zweck ausgedehnter Theilgruppen zu bezeich-
nen ist Aber alle Glieder der kinematischen Kette übertragen
mehr oder weniger Kräfte von einem Punkt der Maschine zum an-
dern, alle können als die Vermittler zwischen der Triebkraft and
den Widerständen angesehen werden, und es ist durchschnittlich
nicht anzugeben, wo die Vermittlerrolle anfangt oder aufhört, so-
dass auch diese dritte Kategorie nicht aufrecht erhalten werden
kann. Alle drei Kategorien: Bezeptor, Transmission und Werk-
zeug können in einer Maschine vorkommen und klar nachweisbar
sein, sind aber nicht logisch als wesentliche Theile zu bezeichnen;
sie rechnen zu den zufälligen Angehörigkeiten, für welche wir
weiter unten eine andere Eintheilung zu besprechen haben werden.
Was aber unsere Untersuchungen überall ergeben haben, was
stets als Grundeigenschaft sich aus den verhüllenden Nebenbegrif-
DIB VOLLSTÄNDIGE MASCHINE. 491
fen herausgeschält hat, ist: dass die vollständige Maschine
eine geschlossene kinematische Kette ist. In derselben ist
sowohl der treibende Körper, Motor oder „Treiber", wie wir ihn
nennen können, ein Kettenglied oder wenigstens ein kinematisches
Element, als auch der zu bearbeitende Körper oder das Werkstück.
Die Gesetze, nach welchen der Treiber seine Bewegungen in der
Maschine vollzieht, sind ihrem allgemeinen Wesen nach dieselben,
nach welchen das Werkstück und das allfällig vorhandene Werk-
zeug dies thut, sie sind dieselben, nach welchen alle Relativbewe-
gangen zwischen den kinematischen Elementen und Kettengliedern
der Maschine vor sich gehen.
Nur eine einzige Unterscheidung schien sich eben noch als
nothwendig herauszustellen, welche die Einfachheit des End-
Urtheils zu beeinträchtigen droht. Es ist die Unterscheidung
zwischen den formändemden und den ortsändemden Maschinen.
Der zwischen denselben bestehen gebliebene Gegensatz verdient
hier noch einer näheren Prüfung.
Wir fanden, dass die Paarung oder Verkettung zwischen dem
Werkzeug (in der formändernden Maschine) und dem Werkstück
eine solche sei, dass das Werkzeug dem Werkstück die Umhüllungs-
form der gegenseitigen Bewegung aufzwinge und diese Form als Re-
sultat aus derMaschinenthätigkeit hervorgehen lasse; ganz dasselbe
galt von dem Vorgange, welchem der Motor in den unter Formver-
wandlong wirkenden Kraftmaschinen unterliegt Sehen wir aber
auf diesen Umstand ein beliebiges Elementenpaar, niederer oder
höherer Art, etwas näher an — sei es ein Zapfen im Zapfenlager, eine
Schraube in der Schraubenmutter, ein Kolben im Dampfcylinder,
ein Zahnrad im Eingriff mit seinem Partner — so bemerken wir
überall, dass durch das Einwirken der gepaarten Elemente aufein-
ander Formänderungen am einen, andern oder an beiden entstehen.
Diese Formänderungen sind zweierlei Art: vorübergehende, welche
durch die unvermeidliche Nachgiebigkeit auch der festesten Kör-
per bei Einwirkung der sensiblen Kräfte stattfinden, und bleibende,
welche durch die Lostrennung kleiner Theilchen herbeigeführt wer-
den. Auf die letzteren kommt es an: die Abnützung gestaltet
die gepaarten Elemente allmählich um. Das Gesetz aber, nach
welchem diese Umgestaltung stattfindet, ist das: dass sich die
Elemente gegenseitig Umhüllungsformen der stattfindenden Rela-
tivbewegung ertheilen. Dieses Gesetz ist aber ganz dasselbe,
welches für die Formverwandlung zwischen Werkzeug und Werk-
ij
492 XII. KAP. ANALYSIBUNG DER MA8CHIKE.
stück gilt. Im letzteren Falle suchen wir die FormTenrandlting
schnell herbeizufuhren, sie ist der Zweck der eingeleiteten Zwangs-
bewegung. Im ersteren Falle, bei den die Kette bildenden, dauernd
der Maschine zugetheilten Elementenpaaren, stört uns die Form-
yerwandlung; wir suchen dieselbe auf das kleinste Maass einzo-
schränken. Beidemal ist sie aber vorhanden.
Es unterscheiden sich demnach die formändernden
Vorgänge zwischen Werkzeug und Werkstück einerseits
und den Elementen der übrigen Paare andererseits nicht
der Art, sondern nur dem Grade nach. Ein spezifischer
Unterschied findet zwischen denselben nicht statt
Somit sehen wir denn, dass die vollständigen Maschinen alle
ohne Ausnahme theoretisch eines und desselben Gesetzes sind.
Hiermit sind wir aber zugleich zu einer Erklärung gelangt, von
welcher aus wir eigentlich unsere ganze Untersuchung begannen,
nämlich zu der in §. I gegebenen Definition der Maschine, welche
hier ihrem Wortlaute nach wiederholt werden möge:
Eine Maschine ist eine Verbindung von wider-
standsfähigen Körpern, welche so eingerichtet
ist, dass mittelst ihrer mechanische Katar-
kräfte genöthigt werden können, unter be-
stimmten Bewegungen zu wirken.
Die hierin erwähnte „Einrichtung" der Körperverbindong ist
die kinematische Verkettung. Bewegung kommt in die Maschine
dadurch, dass Theile der kinematischen Kette in eine solche Lage
gebracht werden, welche einer verfügbaren, auf sie wirkenden
mechanischen Naturkrafb gegenüber unhaltbar ist Demzufolge
tritt Bewegung ein, welche aber wegen der angewandten Verkettung
eine bestimmte wird. Diese wird in den bloss ortsändemden Ma-
schinen zur Bewegung des Werkstückes in der durch die Verket-
tung vorgeschriebenen Weise benutzt; bei den formändernden Ma-
schinen erzwingt sie die durch die Verkettung vorgeschriebene
Formumwandlung. Beides, die blosse Fortbewegung in bestiinmten
Bahnen und nach bestimmtem Gesetze und die etwa gleichzeitig
stattfindende Gestaltumwandlung sind Formen, in welchen die
Maschine die verfügbare Naturkraft zu „wirken ** genöthigt hat
Einige allgemeine Beispiele werden hier am Platze sein.
Bei der Gewichtsuhr, die wir aufziehen, bringen wir die be-
schwerte Schnur in die Lage, niedersinken und von der Tromin^I
ablaufen zu können; hierbei ertheilt sie der ganzen kinematisdieit
DIE VOLLSTÄNDIGE MASCHINE. 493
Kette die dieser eigenthiimliche Bewegung. Die gewöhuliche Bau-
art der Gewichtsikhren bringt es mit sich , dass die Uhr während
des Aufziehens ausser Gang kommt, dass also das Herbeifuhren
der „unhaltbaren" Lage der kinematischen Kette auf alle Theile
derselben zurückwirkt. Grössere Thurmuhren sucht man vor dem
daraus hervorgehenden Gangfehler zu schützen, indem ein mit
einem Gewicht beschwerter Schalthebel vor dem Aufziehen in die
Lage gebracht wird, niedersinken und dadurch treibend auf das
Werk einwirken zu können. Es wird also hier, mit anderen Worten,
eine zweite kinematische Kette während des Aufziehens der ersten in
die erwähnte unhaltbare, d. i. zum Treiben geeignete Lage gebracht.
Bei dem unterschlächtigen Wasserrade geben wir durch Oeff-
nung des Schjitzens dem Druckkraftorgan Wasser Zutritt zu dem
Rade, mit welchem es vermöge der Anordnung der Theile sofort
eine kinematische Paarung eingeht, die aber alsbald Bewegung des
Rades mit sich bringt, weil das Wasser von der Schwerkraft ab-
wärts geführt wird. Bei der Schraubenturbine treibt die Schwer-
kraft das zugelassene Wasser, das sich mit der positiven Schraube,
als welche das Rad erscheint, zu einem Schraubenpaar StS~ paart,
abwärts und treibt dadurch das Rad um.
Bei der Kolben-Dampfmaschine tritt die durch das Absperr-
ventil nicht mehr gehinderte Dampfsäule alsbald in die Verkettung
ein, welche, wie wir wissen (§. 126), die eines Schaltwerkes ist, und
zwingt dieses letztere zu dem regelmässigen Spiel, welches durch
die Verkettung, in der die Dampfsäule ein Glied ist, erzwungen
wird. Die dauernde Zufuhr des treibenden Kettengliedes, der
Dampfsäule, bewirken wir durch Einleitung und Erhaltung eines
physikalischen Vorganges im Dampfkessel Bei den Wasser-
maschinen bewirkt ein meteorologischer Vorgang die stete Erneue-
rung des verbrauchten Theiles der Aufschlagwassersäule, scha£Et
gleichsam das abgelaufene Stück des treibenden Kettengliedes in
stetem Kreislauf wieder, nach oben.
Der in §. 129 erwähnte hydraulische Widder macht uns nun
keine Schwierigkeiten mehr. Das Wasser ist in demselben mit
den übrigen Theilen kinematisch verkettet, und zwar ebenfalls zu
einem Schaltwerk. Dieses letztere ist, soweit es durch die zu-
fli^ssende, von der Schwerkraft getriebene Wassersäule bewegt
wird, rückläufig, dagegen soweit es einen Theil derselben Wasser-
säule in die Höhe führt, rechtläufig. Die Bildsamkeit des Druck-
kraftorganes Wasser gestattet diese seine Trennung in zwei geson-
494 XII. KAP. ANALYSIBUNG DER MASCHINE.
derte Ströme. Auch ist es hier gleichgültig und yerstösst nirgend
gegen die Definition, dass der Wasserstrom sowohl treibend, als
auch getrieben, sowie vermittelnd wirkt. In allen angeführten
Fällen aber sehen wir, dass der treibende Körper, Treiber oder
Motor, als Glied in die kinematische Kette eintritt, entgegen der
älteren Auffassung, welche ihn als ausser der Maschine stehend
ansieht.
§. 134.
Kraftmasohliien und ArbeitsmasolilneiL
Wir sind nunmehr auch in den Stand gesetzt, jene in §. 129
angeregte Frage beantworten zu können, ob die Dampfmaschine,
das Wasserrad, die Turbine, femer die Drehbank, die Hobelmaschine,
der Spinnstuhl, der Kran, jedes für sich betrachtet ToUständige
Maschinen seien oder nicht.
Hinsichtlich der drei zuerst genannten Vorrichtungen können
wir die Frage alsbald dahin beantworten, dass dieselben toU-
ständige Maschinen sind; und zwar zählen sie zu den orts-
ändernden, eine bestimmte Bewegung an sich hervorrufenden Ma-
schinen. Sie ertheilen irgend einem durch kinematische Verkettung
ihnen angehörigen Maschinentheile Bewegung, welche zu einem
noch zur Wahl stehenden Zwecke verwendet werden mag. Eme
Dampfmaschine z. B. kann zum Betriebe der mannigfachsten Ma-
schinenwerke benutzt werden, ohne dass deshalb ihr eigener Betrieb
sich im mindesten zu ändern brauchte, oder Unterschiede aufwiese.
Die Lokomobile kann als ein Beispiel von der Gebräuchlichkeit des
fortwährenden Wechsels des Arbeitszweckes dienen. An die Stelle
der Betriebsmaschine einer Fabrik kann jederzeit eine andere ge-
setzt werden, ohne dass der Fabrikbetrieb zu ändern wäre, wenn
nur die neue Maschine die Triebwellenleitung mit derselben Kraft
und Schnelligkeit bewegt, wie die alte. Die Maschine erfüllt also
in diesen Fällen ihre Bestimmung dadurch, dass sie einem GUed
der kinematischen Kette eine drehende Bewegung ertheilt oder die
Punkte desselben einer Ortsänderung mit kreisförmigen Bahnen
unterwirft. Indem man die Maschinen dieser Gattung als fiir sich
bestehende vollständige Maschinen auffasst, denen man die Bezeich-
nung Kraftmaschinen, Umtriebsmaschinen oder Motoren gegeben
hat, verfahrt man mithin nicht bloss praktisch zweckmässig, son-
dern auch theoretisch vollkommen richtig.
KBAFT- UND ABBEITSMA8CHINEN.
495
Etwas weniger leicht zu beantworten scheint die Frage wegen
Drehbank, Hobehnaschine , Spinnstuhl zu sein. Alle drei können
wir so vorgerichtet annehmen, dass sie durch Riementrieb ihre Be-
wegung empfangen sollen , zu welchem Zwecke sie mit passenden
Riemenscheiben ausgerüstet sein mögen. Wir können aber in der
That sagen, dass sie nun vollständig werden, sobald der Treib-
Pig. 360. Fig. 361.
riemen mit den zum Anhaften genügenden Spannungen auf die
Treibscheibe gelegt wird Ob aber dieser Riemen endlos ist, oder
nicht, ob er durch Gewichte, durch Menschenkraft wie beim Ber-
thelot'sehen Knotenseile, Fig. 360*), oder bei Borgnis' „bieg-
samer Leiter", Fig. 361, oder von einer Triebwellenleitung aus be-
*) Es arbeiten drei und mehr Menschen nebeneinander an ebenso vielen
Seilen, deren Scheiben auf derselben WeUe a sitzen. Siehe Borgnis, m4ca-
nique appliqa^, composition des machines.
496 XII. KAP. ANALYSIBUNG DEB HASCHINE.
wegt wird , ist dann hinsichtlich der Verkettung und der Qualität
der Wirkung gleichgültig. Der Riemen ist jedesmal der Treiber
der Maschine, und zwar so gut, wie bei der Dampfmaschine der
Dampf. Ebensowohl , wie es bei dieser letzteren Maschine gleich-
gültig wäre , ob der Betriebsdampf aus einem Kessel , oder ob er
als Abdampf von einer anderen , mit hoher Spannung arbeitenden
Dampfmaschine herkäme — und es gibt ja derartige mit Abdampf
arbeitende Maschinen — ist es hier gleichgültig, durch welches
Mittel der Riemen bewegt wird: er ist und bleibt der Treiber der
Maschine. Gibt es doch auch in der modernen Bergwerksindostrie
viele mittelst gepresster Luft betriebene Kraftmaschinen, welche
ihre Betriebsluft irgend woher bekommen, sei es von einer hydrau-
lischen Luftpresse, wie die des Mont-Cenis-Tunnels, sei es von einer
Dampf-Luftpresse her: als KraftmascBinen sind sie vollständig, so-
bald sie nur mit ihrem gasförmigen Motor versehen sind. Bei ihnen
wird der Motor Luftsäule durch eine andere Kraftmaschine in Be-
wegung gesetzt. Die zwischen beide Kraftmaschinen gestemmte
Luftsäule verhält sich aber ganz so, wie der Riemen zwischen
Dampfmaschine und Spinnstuhl. Dass diese Aehnlichkeit eine
nähere als die bloss figürliche ist, haben unsere UntersnchnngeD
in §. 44 gezeigt.
Ob also nun eine Kraftmaschine auf eine andere Kraftmaschine
folgt, oder ob die letztere ein die mechanische Arbeit unmittelbar
verwerthendes Maschinenwerk umtreibt, ist an sich gleichbedeutend.
Somit sind auch unsere obigen Maschinen, vom Treib-
riemen ab, diesen mit eingerechnet, vollständige Maschi-
nen. Dasselbe gilt von einer für den Maschinenbetrieb vorgerich-
teten Pumpe, also einer nur transportirenden Maschine, von einem
derartig vorgerichteten Webstuhl, einer Fräsmaschine, einer Band-
säge, welche theils form-, theils ortsändemde Maschinen sind, vls. w.
kurz von allen für irgend einen Kraftmaschinenbetrieb passend
vorgerichteten Maschinen, welche man, wie wir sehen, sehr passend
Arbeitsmascliinen, auch Werkzeugmaschinen, nennt, also sprachlich
als selbstständige Maschinen auffasst Der praktische Maschinen-
bauer, welcher seit lange, im Widerspruch mit dem strengen Schal-
theoretiker, die genannten Vorrichtungen als vollständige Maschi-
nen ansieht, befindet sich deshalb in vollem, theoretisch enrei>-
barem Rechte.
Es sind uns nun noch diejenigen Arbeitsmaschinen übrig ge-
blieben, welche durch animalische Kraft betrieben werden, ^^ir
BELEBTE MOTOREN. 497
sahen oben, dass bei diesen Maschinen der menschliche oder thie-
rische Körper mit dem gegebenen Mechanismus eine mitunter sehr
verwickelte kinematische Verkettung eingeht. Allerdings aber liegt
die eigentliche Verwicklung in dem organischen Wesen, da die
Herbeiführung geeigneter Zwangläufigkeiten in dessen Glieder-
gebäude ein eigenthümlichcs Zusammenwirken der durch den
Willen geleiteten inneren Kräfte erfordert. Bedenken wir aber,
dass in den angeführten Beispielen — Schleifstein mit Tretschemel,
Kran u. s, w. — ebenso im Tretrade, bei der Handpumpe, dem Pferde-
göpel u. 8. f. der Mechanismus, welchen die animalische Kraft zu
bewegen hat, einer geschlossenen kinematischen Kette angehört,
80 können wir die Beziehung des motorischen organischen Wesens
zu dem Maschinenwerke ganz so wie dasjenige der Kraft-
maschine zu der von ihr betriebenen Maschine ansehen.
Das die Maschine betreibende organische Wesen ist als eine Kraft-
maschine anzusehen, die irgend welche ihrer Theile, Hände, Arme,
Fiisse, so bewegt, dass sie als Treiber für die künstliche Maschine
dienen. Hat man häutig schon die Lokomotive mit einem Ross ver-
ghchen und Dampfross genannt, so können wir unsererseits auch
einmal den Vergleich umkehren und das Pferd als die Lokomotive
am Pferdegöpel ansehen. In der That vollzieht auch das Pferd
am Göpel, Fig. 362, unmittelbar keine andere Arbeit als die, sich
Fig. 362.
den Widerständen zum Trotz fortzubewegen. Dasselbe gilt von
dem Mann im Tretrade und dem Kletterer auf Borgnis' Leiter; beide
klettern nur immer nach oben , sie heben nur immer wieder ihre
eigene Körperlast die Stufen oder Sprossen hinauf. Ihre Mitwir-
kung bei dem Arbeitsprozess ist nur eine physische nicht aber eine
intellektuelle; sie brauchen das auf der betriebenen Maschine her-
498 XII. KAP. ANALYSIRÜNO DER HASCHINE.
zustellende Erzeugniss nicht irgendwie zul^ennen, um die ihnen
aufgegebene Leistung vollziehen zu können. Diese selbst besteht
in nichts anderem , als worin auch diejenige einer leblosen Kraft-
maschine, die den Mechanismus triebe, bestehen würde.
Wir können hiernach auch die durch Menschen-
hand und Thierkraft betriebenen Maschinen, sobald
sie nur die Bedingung erfüllen, in sich geschlossene
kinematische Ketten zu sein, als vollständige Maschi-
nen ansehen, und^bemerken, dass dieselben nicht von
den durch Elementarkraft betriebenen Maschinen ge-
trennt zu werden brauchen.
Hier tritt uns nun aber eine wichtige Frage entgegen, welche
bisher nirgends als eine theoretische aufgefasst worden ist, obwohl
sie darauf wohl Ansprüche hätte. Es ist diejenige wegen der Mit-
wirkung der animalischen Kraft, oder für gewöhnlich der Men-
schenhand, bei der ausübenden Thätigkeit der Maschine. Wenn
die Maschinenlehre es sich angelegen sein liess, das lebende Wesen
in seiner Eigensohaft als Motor, als Kraftmaschine, zu studirtfn
und darauf mit einer unverkennbaren Breite einzugehen, so Ue;^
sich daraus auch ableiten, dass sie das machinale Eingreifen der
Menschenhand bei Fertigstellung des Erzeugnisses der Maschine
nicht unbeachtet lassen dürfte, dass sie, mit anderen Worten« den
Menschen auch in seiner Eigenschaft als Arbeitsmascbine
hätte studiren müssen. Hiermit will ich nicht zu einer derar-
tigen Erweiterung des Gebietes der Maschinenlehre auCTordero, denn
selbst die erstere Seite bedarf, wie wir sahen , einer von der bis-
herigen völlig verschiedenen AufiPassung; jedoch ist es nothwendii!.
einige Hauptgesichtspunkte festzustellen, hier zunächst denjenigen,
welcher über die Vollständigkeit der durch den Menschen in dt- r
Behandlung des Werkstückes unterstützten Maschine Aufschluss gibt
Bei einzelnen Maschinen ist die Mitwirkung der Menschen-
hand am Werkstück durchaus wesentlich. So beim Spinnrade. IHf
Spinnerin muss einen vnchtigen Theil der Formverwandlung, welche
die Spinnfasern erfahren sollen, herbeiführen und regeln. I^io
Menschenhand fügt sich dabei dem Maschinengetriebe als Organ
ein, indem sie als eine thatsächlich sehr verwickelte, von der Wil-
lenskraft geleitete kinematische Verkettung arbeitet Es findet
also hier ein Vorgang statt, welcher dem weiter oben, z. R beim
Schleifer, besprochenen dem Wesen nach völlig entsprechend i^.
Indem obendrein das Spinnrad mit dem Fuss betrieben wird, nimmt
BEB MENSCH AN BEB ABBEITBMA8CHINE. 499
es zwiefach die machinale Mitwirkung des Menschen in Anspruch.
Uebrigens findet bei unserem obigen Schleifer selbst ebenfalls eine
derartige zwiefache Betheiligung der menschlichen Maschine an
der Thätigkeit der leblosen statt.
Aehnlich die Nähmaschine. Bei einzelnen Arten derselben
leitet die eine Hand der Arbeiterin die Betriebskraft ein, während
die andere bei der Zeugfuhrung mitwirkt; bei den gebräuchlichsten
Arten sind bekanntlich die Füsse als Treiber, beide Hände aber
bei der Leitung des Stoffes thätig, und zwar in einer oftmals sehr
verwickelten Weise.
Ganz ausgesprochen machinal wirkt der Nähnadelschleifer
am Schleifstein, welchem er zwar nicht die Betriebskraft zufuhrt,
vor welchem er aber die dicht nebeneinandergelegten Nadelschäfte
hin- und herbewegt, sie zwischen Daumen und den zwei nächsten
Fingern regelmässig hin- und herrollend, und zwar derart, dass sie
gegen den Schleifcylinder eine solche ümhüllungsform beschreiben,
wie sie die sanft zulaufende konoidische Anspitzung der einzelnen
Nadel zeigt.
Die neuere Technik hat dem Schleifer diese machinale Thätig-
keit schon vielfach abgenommen, indem sie die Führung und Rol-
lung der Nadelschäfte einem besonderen Mechanismus übergab,
wobei sie dem Schleifstein die geeignete Umhüllungsform der
Nadelzuspitzung zu geben nöthig fand. Auch die Nähmaschine
-wird für mancherlei Arbeiten sowohl am Betriebspunkt als an der
Ausübungsstelle von leblosen Mechanismen bedient, und die Spin-
nerin hat nach langwierigen technischen Studien des Maschinen-
bauers allmählich in der Spinnmaschine ihre Vertretung gefunden.
Nichtsdestoweniger haben wir den blossen Schleifstein, die Näh-
maschine und das Spinnrad bereits als vollständige Ma-
schinen anzusehen. Alle drei können zur Vollziehung bestimm-
ter Arbeiten bereits« dienen , ohne dass die Menschenhand bei der
Fertigvrirkung mit thätig ist. Der Schleifstein kann Stücke cylin-
drisch ausschleifen, die Nähmaschine kann bandförmige Stoff-
streifen steppen, das Spinnrad den ihr in Luntenform vorgelegten
Faden zwirnen und aufwickeln. Der Mensch fügt nur seine eigene
Thätigkeit als diejenige einer vom Willen geleiteten Arbeitsmaschine
an diejenige der gegebenen Maschine an; beide zusammen, die
lebendige und die leblose Arbeitsmaschine, bringen dann eine Lei-
stung hervor, welche noth wendig die der letzteren an Mannigfaltig-
keit -weit übertreffen kann.
32*
600 XII. KAP. AKALTSIBÜNG BEB MASCHINE.
§. 135.
Besondere Theile der vollständigen Masohine.
Besohreibende Analysirong.
Die von uns vorgenommene Prüfung der Kategorien , i^elche
die bisherige Mechaniker-Schule für den Inhalt der vollständigen
Maschine aufgestellt hatte, ist dahin ausgeschlagen, dass wir die-
selben nicht anerkennen können. Wir fanden, dass jede derselben
in einer Reihe von Fällen nicht vorkommt, somit der allgemeinen
Gültigkeit entbehrt, sodass wir schliesslich überall auf die abstrakte
Vorstellung von der geschlossenen kinematischen Kette zurück-
verwiesen wurden, welche ausnahmslos gültig bleibt Es soll nicht
geläugnet werden, dass diese scharfe und strenge Abstraktion, wenn
man vor der einzelnen Maschine steht, etwas Unbefriedigendes« man
möchte sagen Trocknes hat, und namentlich den praktischen Ma-
schinenbildner weniger zu fördern verspricht, als zu wünschen ist
Allerdings ist es ja von der grössten Wichtigkeit, in jedem denk-
baren Falle^ mag er noch so verwickelt sein, das strenge allgemeine
Gesetz hinter sich zu wissen, ja auch im Hinblick auf dieses Gesetz
gewisse hie und da vorkommende Misserfolge versuchter Kombina-
tionen sofort aus einer Verletzung des Gesetzes vom Scfaluss dor
Rotte erklären zu können. Jedoch bleibt immer der Wunsch
übrig« nicht bloss das Allgemeine des Zusammenhangs der Maschine,
sondern auch das Einzelne in derselben hinsichtlich seiner Bestim-
mung nach gri>sseron Gesiohtslinien hin aufgehellt zu sehen. ViA
in dieser Beziehung haben die drei alten Kategorien immert:".
einiges geleistet* Es war indessen auch keineswegs die Absici.t.
dun^h die obige Kritik diesem Verlangen entgegenzutreten. Es
musste nxir luorst derlxvlon voUstiuidii: sieebnet sein: wir musst«*n
MUS eir»o feste logische Vr.tori.tge verschaffen, auf welcher wir mit
SivhorV.oit auoh dem pnikiis^^hen Ikslür&iiss ent^rc^eniukomm- n
xonnojion. Xunnuhr alvr kör.ncn wir uns wirklich dazu wend-n.
d\o rutcrschcidv.r.gcn rvischtn gcwi>iM-n Tfcii-en UTjd Gruppen t- i
rho;lon tVstjr.stcV.on , wclvho uns de^iüivh als einem allcei:;' :•
an^iobKin^n /wcvke ii:r.erl:..%Ib des >lÄ5<-ü:>er.£t'tritbes difnt:«i
out^c^jx^ntrct< n.
BESCHBEIBENDE AKALYSIBÜNG. 501
Zunächst hat unsere Kritik nachgewiesen, dass zwei gewisse
Theüe bei einer grossen Mehrzahl der Maschine deutlich hervor-
treten, welche man bisher gerade ausserhalb der Maschine zu ver-
setzen gewohnt war; es sind der Treiber und das Werkstück.
Bei der Dampfioiaschine erkennen wir als den Treiber alsbald den
gespannten Dampf oder die Dampfisäule, weniger leicht allerdings
das Werkstück, indem wir einmal die Schwungradwelle, ein
anderes mal ein darauf befestigtes Zahnrad oder eine Riemscheibe
als dasselbe anzusehen haben. Umgekehrt ist bei der Drehbank
das Werkstück unmittelbar angebbar, dagegen der Treiber weniger
leicht zu erkennen. Im allgemeinen wird bei der Kraftmaschine
der Treiber, bei der Arbeitsmaschine das Werkstück das leichter
nachweisbare Stück sein. Dies zeigt sich auch deutlich in den
gebräuchlichen Benennungen der Maschinen, indem wir von D ampf-
maschine, Wasserrad, Wassersäulenmaschine, femer von
Papiermaschine, Drahtstiftmaschine u. s. w. sprechen. Nebenbei
bemerkt zeigt sich hier, wie die Maschinenpraxis Treiber und
Werkstück zur Maschine rechnet, entgegen der bisherigen Theorie,
welche dieselben nicht dazu zählte. Auf eigene Hand hat also
die sprachliche AufiPassung bereits Theorie getrieben und sich rich-
tig leiten lassen.
Als ferneren wesentlichen Theil, oder richtiger als wesentliche
Theilgruppe, müssen wir dasjenige Getriebe bezeichnen, welches
die beabsichtigte Form- oder Ortsänderung, oder beides zugleich,
an dem Treiber einerseits oder am Werkstück andererseits vermittelt.
Wir unterscheiden z. B. die Kolben -Dampfioiaschine von dem
Dampf- Reaktionsrad, das Zellen -Wasserrad von der Wasser-
Turbine, und femer die Walzen-Walke von der Hammer-
Walke, die Luppen-Quetsche von der Luppen-Mühle u. s. w.
Wir wollen das Getriebe, welches diese hervorragende RoUe in
jeder Maschine spielt, das Hauptgetriebe derselben nennen. Die
angeführten Beispiele zeigen auch hier, dass die Maschinenpraxis
durchschnittlich Werth auf die begriffliche Aussonderung des
Hauptgetriebes legt, ja nach Feststellung der vorgängigen Genera-
lisirung sich zuerst gerade dieser Spezialisirung zuwendet
Bei der Angabe und genaueren Bestimmung des Hauptgetrie-
bes einer Maschine werden wir von selbst derjenigen Forderung
gerecht, welcher die bisherige Theorie durch Angabe des Rezep-
tors und Werkzeuges zu entsprechen suchte. In dem Haupt-
getriebe steckt allemal der Rezeptor, wenn er überhaupt angebbar
502 XII. KAP. ANALT8IBUNG DBB HA8GHIKE.
ist, oder das Werkzeug, wenn es sich bezeichnen lässt, und kann
denn auch, wenn man will, hervorgehoben werden. Ich glaabe
hier übrigens darauf hinweisen zu müssen, dass sich der praktische
Mechaniker bisher im allgemeinen blutwenig um die genaue Be-
stimmung des Bezeptors bekümmert hat; dagegen schwebt ihm
das, was wir soeben als das Hauptgetriebe ausgesondert haben,
alsbald lebhaft in seiner Gesammtheit vor, sobald von der bezüg-
lichen Maschinengattung gesprochen wird. Wir haben deshalb um
so mehr Ursache^ diesem Begriffe theoretisch eine feste Stellung
anzuweisen.
In unserer gewöhnlichen direktwirkenden Kurbeldampf-
maschine ist das Hauptgetriebe ein Schaltwerk, gebildet ans Kol-
ben und Kapsel nebst den zugehörigen Ventileinrichtungen und
dem Schubkurbelgetriebe (CgP-^)^. Bei dem gebräuchlichen Ufer-
kran ist das Hauptgetriebe ein Laufwerk, gebildet aus Kette iiiid
Trommel nebst Bädergetriebe; bei gewissen Flachshechelmaschinfn
ist es ein Hechelwalzenpaar mit dem sie betreibenden Mechani>-
mus; beim Selbstspinner setzt es sich aus Streckwerk und Spmdel
nebst den zugehörigen Betriebsmechanismen zusammen, u. s. w.
Viele Maschinen zeigen wie die letztangefiihrte die Eimich-
tung, dass in ihnen das Hauptgetriebe aus mehreren Theilen l>e-
steht, oder auch dass mehrere Hauptgetriebe vereinigt sind, welche
nacheinander zur Wirkung gebracht werden und unter Umständen
periodisch eine solche ausüben; ja auch selbst bei einfachen Haupt-
getrieben findet häufig eine periodische Aufeinanderfolge
einzelner Bewegungsphasen statt und wird durch besondere
Mechanismen geregelt. Diese Mechanismen kann man ab eine
gesonderte Gruppe von Theilen zusammenfassen. Sie bilden da&
was man bei vielen Maschinen bereits bisher die Steuerung
nennt, und füglich bei allen, wo dergleichen vorkommt, so nennen
kann. Die Steuerung ist hiemach die Vorrichtung zur Herbei-
führung der Bewegungsfolge in der Maschine.
Bei der obigen Dampfmaschine ist die Steuerung das bekannte
und auch längst so benannte Getriebe zur rechtzeitigen Bewegung
der Ein- und Auslassventile*); bei der Eisenhobelmaschine mit
Zahnstangenbetrieb bewirkt die Steuerung das periodische Um-
wechseln zwischen Hin- und Hergang des Hobeltisches; bei dem
*) B^lidor, Arch. hydrauliqne, 1729, Bd.U, 8.241. nennt die Steoennc
bei der Dampfmaschine und der Wasseraäülepmagch ine noch deren .RegnJftUir*-
BESCHBEIBENDE ANALYSIBUNG. 503
Selbstspinner ist die Steuerung ein nicht wdnig zusammengesetztes
Getriebe, welches, wie Stamm zuerst theoretisch dargelegt hat*),
die Aufeinanderfolge der vier Bewegungen: Ausfahrt, Nachdrehen,
Abschlagen und Einfahrt, sich aneinander anschliessen lässt.
Innerhalb der Steuerung ist sehr häufig eine gewisse Vor-
kehrung zu bemerken, welche für die regelrechte Zuführung des
zum Werkstück bestimmten StoflFes sorgt. Bei der Wollkrempel
geschieht dies durch ein Lauftuch nebst zwei sogenannten Speise-
walzen; bei Baumwoll-yorbereitungsmaschinen dienen Stachelwal-
zen, Kämme, Zangen zur Zuführung der Rohbaumwolle; beim Mahl-
gang wendet man gelegentlich Riffelwalzen zum regelmässigen
Zubringen der Getreidekömer an; bei der Nadelschleifinaschine
bewirkt ein gekerbtes Speiserad die Zufuhrung der Nadelschäfte.
Man kann diese Einrichtungen als Mechanismen zur Speisung
zusammenfassen. Unter dieselben rechnet man auch mit Recht
die Vorrichtungen zum Nachstellen der Stichel an Hobelmaschinen
und Drehbänken, der Bohrer an Bohrmaschinen, und bekanntlich
auch die Vorrichtungen, welche dem Dampfkessel das zu ver-
dampfende Wasser zufuhren.
Der Speisung gegenüber ist oftmals eine andere Transport-
vorrichtung in der Maschine besonders entwickelt, diejenige näm-
lich, welche aus der Arbeitsmaschine das umgearbeitete, fertig ge-
stellte Werkstück herausführt, fortleitet, abliefert. Man kann die
Einrichtung allgemein die Wegführungs- oder Austragevor-
richtung, oder kürzer die Austragung nennen. Beispiele lie-
fern: die Ziegelmaschine in dem Lauftuch, welches die fertig ge-
formten Ziegel austrägt, die Wollkrempel, bei welcher eine Aus-
tragetrommel das fertige Vliess wegführt; dieselbe Maschine in
ihren neuesten Abänderungen, wo eine zweite, sehr verwickelte
Austragung die Rückstände aus den sogenannten Deckeln entfernt;
die Nietnägelmaschine, bei welcher ein besonderer Mechanismus
die fertigen Nieten ausschleudert, u. s. f. Speisung und Aus-
tragung bilden häufig gleichsam das Ein- und das Ausgangsthor
der Maschine. Durch das eine tritt der rohe Werkstoff in das
Getriebe hinein, und verlässt dasselbe als vollendetes Fabrikat
durch das andere. Es sind begreiflicher Weise wesentlich die
Arbeitsmaschinen, bei denen die Austragung zur vollen Entwick-
lung gelangt.
*) Siehe Stamm, Selfactor, übers, v. Hart ig. Leipzig 1862.
504 XII. KAP. ANALYSIBUNG DEE MASCHINE.
Neben der Steuerung finden wir in sehr vielen yollständigen
Maschinen eine zweite Gattung besonderer, für sich eigenartig
ausgebildeter Mechanismen, welche dazu dienen, die Stärke der
Zuführung des TreibstoflFes oder des als Werkstück dienenden
Stoffes zu regeln, also das Maass der in der Zeiteinheit zu-
geführten, oder auch abgeleiteten Menge der genannten
Stoffe dem Bedürfniss anzupassen. Man kann diese Getriebe die
Regulirung nennen. Während die Steuerung die BeweguDgs-
folge ordnet, steht hiemach der Regulirung zur Aufgabe, das
Bewegungs maass zu regeln. Beispiele dazu liefern bei den
Kraftmaschinen in grosser Zahl die Regulatoren, als diejenigen
Vorrichtungen, welche die Bewegung oder Zufuhr des Treibers und
damit der ganzen Maschine in Bezug auf die Geschwindigkeit
regeln. Regulatoren der Dampfmaschinen, Wasserräder, Tur-
binen u. s. w. sind in vielen bekannten Formen in Anwendung.
Bei der kornischen Dampfinaschine ist der sogenannte Katarakt der
Regulator; bei den Gehwerken der Uhren sind es die Hemmungeu,
bei welchen wir bekanntlich Pendelhenmiungen, Unruhhemmun-
gen u. s. f. unterscheiden. Ausserdem gibt es auch in vielen Arbeiu-
'maschinen Regulatoren. So z. B. beim Webstuhl, wo durch einen
solchen die Zuführung der Kette, also des Werkstückes, von emem»
Regulator genannten Mechanismus geregelt wird, bei der Papier-
maschine, wo ein solcher den ZuÖuss des Papierzeuges gleichfir-
mig hält; die Druckregidatoren in den Röhrenleitungen für Lult
Dampf, Gas regeln die Zufuhr dieser Flüssigkeiten, indem sie den
Druck der abfliessenden Säule auf einer gewünschten Höhe erhal-
ten, u. s. w.
Mitunter ist es erforderlich, und zwar gilt dies namentlicb
bei Arbeitsmaschinon, dass die Regulirung die Einwirkung d^*^
Treibers gelegentlich ganz aufhebe, namentlich wenn grobe In-
n\i::elmässigkeiton im Erzeugniss der Maschine einzutreten droluii.
Die Regulirung wirkt dann in der besonderen Form, welche wir
Abstellung nonnou können. Abstellungen kommen inmancherKi
Austuhrung^weiNon vor. Es seien angeführt: der Sohusswächtor
beim Webstuhl, welcher die Maschine stille stellt, wenn der Eii:-
schlagfadon ausbleibt; der Fadenwächter bei den Rund- od» r
Flocht>tühlon, woUlier bei eintretendem Bruche eines der vivl u
zu voroiiHirondon Fäilon ilie Stillstellung des Stuhles herbeiführt,
die Vorrii'htuugon an hydmulisohen liebezeugen zum Abschlies^- :i
dos Was'^or/utUis>os, wenn das zu hebende Stück eine gewi^-«
BESCHBEIBENDE AKALY8IBUNG. 505
Höhenlage erreicht hat, die Abstellvorrichtung der hydraulischen
Oelpresse u. s. w.
Regulirang und Steuerung stehen oftmals in naher Verbindung,
indem, wie bei vielen modernen Dampfinaschinen, die Begulirung
zunächst auf die Steuerxing xind durch deren Vermittlung auf den
Gang des Treibers der Maschine einwirkt; doch lassen sich beide
auch dann immerhin getrennt auffassen. Sind Steuerung und Kegu-
lirung, oder überhaupt Nebengetriebe vorhanden, so erfordert deren
Betreibung häufig — obwohl nicht immer — Getriebetheile zur
blossen Bewegungsübertragung, also Triebzeug oder Triebwerk,
welches ausserdem ja auch zwischen Kraftmaschine und Arbeits-
maschine häufig eingeschaltet wird.
Indem wir absehen von anderen allenfalls noch ausscheidbaren
Hülfsgetrieben der vollständigen Maschine, die sich indessen
meistens ohne Zwang der einen oder anderen der behandelten
Tbeilgruppen zuordnen lassen, sehen wir, um zu wiederholen, dass
sich in sehr vielen Fällen neben
Treiber und Werkstück
a) das Hauptgetriebe, worin Rezeptor und Werkzeug
vorkommen können,
b) die Steuerung mit den Unterabtheilungen Speisung
und Austragung,
c) die Regulirung mit der Unterabtheilung Abstellung,
d) das Triebwerk oder die Transmission
als gesonderte Getriebe deutlich ausscheiden lassen. Wir können
eine solche Sonderung, welche, wie man sieht, die allgemeinen
Zwecke der in einer Maschine vereinigten Getriebe ins Auge fasst,
die beschreibende Analysirung der Maschine nennen.
Hinsichtlich des Gesammtzweckes der Maschine leistet die
oben nachgewiesene Trennbarkeit in orts- und formändernde Ma-
schinen gute Dienste, namentlich in den Fällen, wo sich die Orts-
oder Formänderung auf das Werkstück bezieht, während dieselbe,
wenn sie den Treiber betrifft (§. 132), eine geringere praktische
Bedeutung hat. Man kann die Eintheilung in der Maschinenlehre
mit Nutzen verwenden; es sollte aber dabei nie übersehen werden
dass der Unterschied nicht ein wesentlicher, sondern nur ein in
logischer Hinsicht zufälliger und zwar ein Grades-Unterschied ist.
Diesem letzteren Umstände zufolge bleibt die Bestimmimg, ob
eine Maschine der einen oder anderen Klasse angehöre, oftmals
506 XII. KAP. ANAI/YSIRUNG DEB HASCHINE.
schwankend. In jedem besonderen Falle bietet aber das Haapt-
getriebe den nöthigen Anhalt fiir diese Klassifizirung, ein Gnnd
mehr, dasselbe zuerst auszuscheiden.
Indem dieselbe im Vorstehenden in Bezug auf ihre Ziele ge-
nauer begrenzt worden ist, wurde im Grunde weniger etwas TöUig
Neues gesagt, als vielmehr nur ein in der heutigen Maschinenpraxis
gelegentlich bereits praktisch befolgtes Verfahren zum Prinzip
erhoben und in eine bestimmte Form gefasst Denn schon häufig
kann man finden, dass die Erläuterung mancher Maschinen unge-
fähr nach den obigen Gesichtspunkten geschieht. Ueberhanpt
scheint es mir in hohem Grade empfehlenswerth, bei der Beschrei-
bung einer Maschine die vorliegende beschreibende Analysimng
vorerst vorzunehmen. An dieselbe kann sich dann fuglich die voll-
ständige oder abstrakte Analysirung , welche die Mechanismen in
ihren Einzelheiten verfolgt, anschliessen. In vielen Fällen wird
dies sogar entbehrlich sein , vor allem dann , wenn die einzelnen
Mechanismen bereits für sich studirt und bekannt sind. Vergessen
dürfen wir indessen durchweg zweierlei nicht: erstens, dass die
oben aufgestellten Sammelbegrifife nicht durchstehende Kategorien
sind und sein sollen, daher keineswegs in jeder vollständigen Ma-
schine alle vorkommen müssen, und zweitens, dass, wie schon ge-
sagt, noch besondere Einrichtungen für Nebenzwecke gelegentiich
vorkommen können, welche nicht unter die aufgeführten Begriffe
zu fallen brauchen.
§. 136.
Beispiele zur beschreibenden Analysirung
vollständiger Maschinen.
Es wird nützlich sein, einige beschreibende Analysirungen
beispielsweise vorzunehmen, um dabei noch genauer zeigen zu kön-
nen, worin im einzelnen Falle die Aufgabe besteht, und wie weit
die dabei erreichbaren Aufschlüsse gehen. Besprechen wir zuerst
einige Kraftmaschinen.
Ein mittelschlächtiges Wasserrad oder sog. Kropfrad«
bestimmt zum Betrieb einer Fabrikanlage , hat zum Haaptgetriebe
einen Mechanismus von der Formel (C'C,xVx)^^ wie in §. 62 ermittelt
wurde, d. h. ein Zahnrad mit einer durch ein flüssiges Druckkr&ft*
BESCHBEIBBNDB ANALYSIBITNG. 507
Organ ersetzten Zahnstange, umgetrieben durch letztere, welche in
dem Gestelle des Rades ihre Führung (Kropf-Gerinne) findet. Da
die Bewegung stetig erfolgt, so ist das Hauptgetriebe ein Laufwerk;
Treiber ist das Wasser. Eine Steuerung oder deren Unterabthei-
lung Speisevorrichtung ist nicht vorhanden; die Speisung des
Rades mit dem zum Treiber verwendeten StofiF wird durch den
geregelten Zufluss des Aufschlagwassers, welcher den meteorolo-
gischen Vorgängen verdankt wird, ohne äusseres Zuthun bewirkt.
Eine Regulirung kann vorhanden sein , und zwar in der Form des
den Schützen stellenden Regulators.
• Jonvalturbine. Das Hauptgetriebe ist ein Laufwerk, und
zwar ein Schraubengetriebe, in welchem die Schraubenmutter durch
Wasser ersetzt ist. Treiber ist das Wasser. Steuerung nicht vor-
handen. Regulirung kann vorhanden sein wie beim Wasserrade.
Eine Abstellung kann angewandt sein, wie z. B. an der Turbinen-
anlage in den Stromschnellen des Rheins vor Schaffhausen, wo im
Falle des Bruches des die Kraft auf das jenseitige Ufer leitenden
Triebseiles der Regulator einen Schützen plötzlich niederfallen
lässt.
Dampfmaschine. Gewählt werde eine Hochdruck -Dampf-
maschine nach dem in Fig. 363 (a. f. S.) dargestellten Schema. Hier
haben wir deutlich neben dem Hauptgetriebe eine ausgebildete Steue-
rung und desgleichen Regulirung. Treiber ist die Dampfsäule, Werk-
stück die Schwungradwelle. Ä Hauptgetriebe (in der Form des
'mit Zu- und Ausgangskanälen versehenen Cylinders mit Kolben,
Querhaupt, Pleuelstange, Kurbel, Achse und Gestell) ein rück-
läufiges xmd zwar doppelt wirkendes Schaltwerk (§. 126), aus dem
Getriebe (C'^P-^)c nebst dem Steuerungsschieber gebildet. Schalter
ist die Dampfsäule, Schaltstück der Kolben. B Steuerung, aus dem
d
Getriebe (CjP-*-)! in der Form von Exzentrik, Exzenterstange,
Schieberstange und Gestell gebildet. Sie betreibt den Vertheilungs-
schieber, welcher eine Vereinigung der vier, die Schaltklinken ver-
tretenden Ventile ist, deren das doppeltwirkende Schaltwerk be-
darf; bei der Corliss-Maschine und ähnlichen Dampfmaschinen ist
man bekanntlich wieder auf die Vereinzelung der vier Ventile zu-
rückgegangen. C Regulirung, gebildet aus dem Schwungkugel-
regulator, dessen kinematische Zusammensetzung hier unerörtert
bleiben darf, und dem Drosselventil nebst Zubehör an Triebwerk
und GestelL
508 XII. KAP. ÄNALYBIBTTNO DER HASCHUTE.
Besondere Beachtimg verdient die Speisepampe D. Sie kuiD
als Maschine für sich betrachtet werden, welche voir der Dampf-
Pig. 393.
maschine als Kraftmaschine betrieben wird. Nehmen wir indessen
an, dasB die Dampfoiaschine ihren eigenen Kessel habe, so könoen
wir die Pumpe anch ganz zu ihr rechnen. Dann aber stellt ^f
jene Unterabtheilung der Steuerung dar, welche wir Speisune
Dennen. Die Speiaevorrichtung ist hier ein Schaltwerk, und i»«
ein rechtläufiges und einfach wirkendes, gebildet aus der Ketu
(C'^P-^)^ nebst Steig- nnd Säugventil als Schalte und SperrkÜDke.
Dieselben werden durch das sich bewegende Schaltstück ff»J«:^
rechtüeitig gehoben und gesenkt. Wir haben also hier ein iweilo
Schaltwerk vor uns, welches sich von demjenigen des flauptgeth-^
bes ausser durch die Einfacliwirkung dadurch unterscheidet, ias
es keine Steuerung bat. Wir könnten uns aber ganz ^t »■'^^^
diese noch hinzudenken, z. B. die Speifiopumpe als sogeoauntr
Scbiebcrpumpe ausgeführt annehmen. Alsdann würden wir J)'
BESCHBEIBENDE ANALY8IRUNG. 509
merkwürdige Einrichtung vor Tins haben, dass das Hauptgetriebe
ein rückläufiges, das Speisungsgetriebe ein rechtläufiges Schalt-
werk wäre, und dass beide mit geeigneten Steuerungsgetrieben
versehen wären. Im vorliegenden Falle bliebe noch der Unter-
schied, dass die Pumpe ein einfach wirkendes, das Hauptgetriebe
aber ein doppelt wirkendes Schaltwerk wäre, sowie dasa die Dampf-
säule gasförmig, die Wassersäule aber tropfbar flüssig ist. Aber
auch diese Verschiedenheiten könnten wir uns noch hinwegdenken.
Dann stiessen wir auf die bemerkenswerthe Frage, warum von
zwei gleichartigen Schaltwerken das eine rechtläufig, das andere
rückläufig ist, obwohl beide mit derselben Drucksäule (hier durch
den Dampfkessel vertreten) in Verkehr stehen. Allgemeiner noch
wäre die Frage dahin zu stellen, unter welchen Umständen ein
gesteuertes Schaltwerk rechtläufig oder rückläufig wird. Die Ant-
wort ist die, dass es rechtläufig wird, wenn die in diesem
Sinne treibelide Kraft die grössere ist, rückläufig im um-
gekehrten Falle. Das Hauptgetriebe, Dampfkolben und Anhang,
wird durch die Dampfsäule rückläufig (im Sinne des Schaltwerkes)
getrieben, weil die von dem Dampf geäusserte Kraft grösser ist,
als die seitens der Kurbel geleisteten Widerstände; das in der
Pumpe gegebene Schaltwerk aber wird rechtläufig betrieben, weil
hier die Kraft zum Umtreiben der Kurbel (des Exzentriks a")
grösser ist, als die seitens des Pumpenkolbens entgegen geäusserte
Kraft *). Wäre zu irgend einer Zeit die seitens der Kurbel a auf
die Pleuelstange durchschnittlich ausgeübte Kraft grösser, als die
seitens des Dampf kolbens entgegengestellte, so müsste die Maschine
rückwärts laufen, d. h. das Schaltwerk als solches würde rechtläufig
werden, den im Cylinder vorhandenen Dampf zunächst in den Kessel
zurückpumpen und darauf die durch das bisherige Auslassrohr her-
beiströmende Luft ebendahin treiben. Beispiele von diesem Vor-
gange erleben wir täglich bei der Lokomotive, und zwar beim
Fahren mit Gegendampf.
Lidem die Steuerung dem Schaltwerke, wie wir sahen, die
Eigenschaft verleiht, entweder rechtläufig oder rückläufig zu wir-
ken, je nachdem das Verhältniss der angreifenden Kräfte . es be-
dingt, gibt sie dem Schaltwerke diejenige Beweglichkeit, welche
*) Ich behalte mir vor, diese interessante Frage und andere, die sich
anmittelbar daran anschliessen , an einem anderen Orte ausführlich zu be-
handeln.
510 XII. KAP. ANALYSIBUNÖ DEB MASCHINE.
dem Laufwerke ohne weiteres Zuthun bereits zukommt Die
Steuerung gleicht also einen der zwischen dem Schaltgetriebe und
dem Laufgetriebe bestehenden Unterschiede aus, indem sie die
Eintriebigkeit (s. §. 41) des Schaltgetriebes aufhebt.
Behufs Stillstellung der Maschine wird die Dampfeäule Ter-
mittelst des Absperrventils E unterbrochen. Dasselbe bildet mit
seinem Stellzeug einen besonderen, und zwar für den Handbetrieb
bestimmten Mechanismus, in welchem mr einen Abstellmechanis-
mus vor uns haben; er gehört somit zur Regulirung. Alles in
allem haben wir somit an unserer Dampfmaschine, indem wir tod
den Nebentheilen an Schmierhähnen, Stellkeilen und dergleichen
absehen: ein Hauptgetriebe, ein Steuerungsgetriebe, ein Getriebe
für Speisung, eine selbstthätige Regulirung und eine Handregu-
lirung, im Ganzen fünf Mechanismen, vorgefunden.
Indem wir zu den Arbeitsmaschinen übergehen wollen, be-
trachten wir zuerst einen gewöhnlichen Uferkran mit drehbarem
Auslader. An demselben finden wir alsbald zwei Hauptgetriebe,
die unabhängig von einander durch Menschenkraft betrieben wer-
den, nämlich das Räderwerk nebst Kettentrommel und Leitscbeiben
zum Aufwinden der Last, und sodann ein Rädergetriebe zum Drehen
des Kraus um seinen Pfosten. Eine Steuerung ist nicht vorhanden,
wohl aber eine Regulirung, und zwar in der Form der Bremse,
mittelst welcher man die gehobene Last langsam niedersinken
lassen kann. Sodann ist noch das Sperrwerk zu beachten. Das-
selbe bildet einen Abstellungsmechanismus, indem es unbeabsichtig-
tes Niedergehen der Last verhindert. Es gehört somit zur Regu-
lirung , arbeitet aber selbstthätig , steht übrigens in Abhängigkeit
von dem ersten Hauptgetriebe.
Die Wanduhr mit Geh- und Schlagwerk besitzt zwei
Hauptgetriebe, das erste für den Zeigerbetrieb, das andere für die
Zeichengebung mittelst des Hammers. Beide Getriebe haben in
der Regel je ihren besonderen Treiber in der Form beschwerter
Schnuren oder beschwerter loser Rollen, stehen aber mit einander
in enger kinematischer Verbindung. Das Geh werk ist ein zusam-
mengesetztes Räderwerk. Sein Gang ist von einem Regulinmg>-
getriebe abhängig, als welches sich die Hemmung — im vorliegen-
den Falle sei sie eine Pendelhemmung — dai*stellt. Wir haK'n
schon in §. 121 gesehen, dass die Uhrhemmungen Schaltwerke sind,
welche durch periodische Auslösung von Gesperreu wirken. In dem
Schlagrade nebst zugehörigem Hebelwerk haben wir die Stenening
BEBCKREIBENDE ANALTSIBUNG. 511
der Maschine vor uns. Durch die Steuerung ist die über eine Um-
drehung des Stundenrades ausgedehnte Bewegungsfolge des Schlag-
werkes so geordnet, dass z. B. nach jeder Zwölftel -Drehung ein
Hammerschlag für die halben Stunden und mitten zwischen diesen
Schlägen in arithmetischer Zunahme von 1 bis 12 die sogenannten
Stundenschläge stattfinden, pie vom Gehwerk betriebene Steuerung
bewirkt zunächst im Schlagwerke periodisch die Auslösung eines
Gesperres, worauf das Hammergetriebe in Thätigkeit kommt. Da-
mit diese letztere gleichförmig erfolgt, ist dem Schlagwerk ein be-
sonderer B^gulator in der Form des Windflügelwerkes beigegeben.
Die Trommeln für die Treibschnüre sind beide mit laufenden Ge-
sperren auf ihre Achsen gesetzt, so dass sie von der Hand rück-
wärts bewegt, und dadurch die Treibgewichte nach dem Ablaufen
wieder in die Lage gebracht werden können, aufs neue zu wirken.
Wir haben in diesen Gesperren nichts anderes als Hilfsgetriebe zur
Speisung der Maschine mit dem Treiber vor uns. Endlich ist noch
ein von der Hand stellbarer Hebel vorhanden, mittelst dessen man
das Schlagwerk jederzeit in Wirksamkeit setzen oder auslösen
kann; dieser Auslösungshebel nebst Zubehör ist demnach ein von
der Hand beweglicher Steuerungsmechanismus. — Zählen wir die
in der Uhr vorgefundenen Mechanismen kurz auf, so haben wir:
zwei Hauptgetriebe, eine selbstthätige Steuerung, eine Hand-
steuerung, zwei Speisevorrichtungen für Handbetrieb und zwei
Regulirungsgetriebe, im Ganzen acht Mechanismen, von denen
fünf selbstthätig, drei auf den Betrieb durch Menschenhand ange-
wiesen sind.
Das Sägegatter, von irgend einer Kraftmaschine aus durch
Riementrieb bewegt, bietet zunächst sein Hauptgetriebe in dem
von der Kurbelachse aus mittelst Pleuelstangen betriebenen Gat-
termechanismus, gebildet aus (Cg'P-*-)!, dar. In dem Schieber c
ist das Werkzeug, das Sägenblatt, befestigt. Werkstück ist der
zu schneidende Block oder Stamm. Gegen denselben beschreibt
das Sägenblatt unter Wegtreibung der Materialtheile mittelst der
Zähne seine Umhüllungsform, den Sägenschnitt, wofern ihm nach
jedem Hube neuer SchnittstofiF zugeführt wird. Dieses geschieht
durch die periodische Vorschiebung des Wagens oder Schlittens,
auf welchem der Block befestigt ist, und zwar vermittelst eines von
der Kurbelachse aus betriebenen Schaltwerkes. Dieses also bildet
hier die Speisung. Als Regulirungsgetriebe ist nur die Abstell-
512
XII. KAP. ANALTeiRUHG DEE MASCHINE.
Vorrichtung vorhanden , mittelst welcher der Maschinenwärter den
Treibriemen auf die lose Rolle schiebt.
Beim Jacquard-Webstuhl sind zwei Hauptgetriebe, der
Mechanismus der Lade und derjenige zur Einführung des Ein-
schlagfadens vorhanden, femer eine sehr verwickelte Steuerung
in dem Jacquard-Mechanismus, ausserdem eine Speisevorrichtoog
für die Fortbewegung der Kette, daneben ein bereits oben erwähn-
ter Begulator für die Kettenspannung und endlich eine oder
mehrere Abstellnngsvorrichtungen in der Form der Schnsswächtsr
und Kettenwäcbter.
Der hydraulische Widder oder Stossheber, den wir be-
reits wiederholt zu erwähnen hatten, unterwirft sich leicht der
beschreibenden Analysirung. Treiber ist die Aufscblagwassersänle
HAB, Fig. 364, Werkstück eine Fortsetzung DE eben derselben
Fig. 364.
Wassersäule, beide in die entsprechenden GefiUskörper eing^
fasst. Das Hauptgetriebe selbst ist ein Schaltwerk mit zwei
Gesperren in der Form der Ventile K und D. Eine Steuerung
ist nicht vorhanden, wohl aber ein Regulator in der Form itc^
Windkessels R.
Die eigenthümliche Seite des Stosshebers, dass das Werkstürk
ein Theil des Treibers, also das gehobene Wasser ein Theil der
Aufschlag Wassersäule ist, findet sich auch hei anderen Maschinen.
80 bei dem früher (§. 48) erwähnten chinesischen Schöpfrade and
den damit verwandten Schöpfradkonstniktionen, wie der Noria
(§. 49), wo die Maschine durch ein olme Steuerung und Repi-
lirung wirkendes Hauptgetriebe, ein Laufwerk, gebildet wird. IHe
BE8CHBEI6ENDE ANALTSIBUNG. 513
diesen letzteren Maschinen zu Grunde liegende Kette ist nur drei-
gliedrig: Rad, Wasser, Gestell mit Gerinne.
Bei der beschreibenden Analysirung mancher Maschinenwerke
kann man die Kraftmaschine, wofern sie an sich schon bekannt
und analysirt ist, als Ganzes in die Beschreibung einführen, ohne
der Deutlichkeit zu schaden. So können wir im Ruderraddampfer
summarisch als Hauptgetriebe die (Zwillings-) Dampfmaschine mit
den beiden mit dem Wasser gepaarten Schaufelrädern bezeichnen;
das Steuerruder imd sein Triebwerk bilden hier den Mechanismus
zur Herbeiführung der Bewegungsfolge, also die Steuerung; eine
selbstthätige Regulirung ist selten angewandt, gewöhnlich nur die
durch Menschenhand bewegte auch zur Abstellung dienende Vor-
richtung. Ii^ der Dampfmaschine für sich betrachtet sind Steuerung
und Speisung, wie früher ausgeführt, vorhanden.
Diese Beispiele werden genügen, um zu zeigen, wie unsere Ana-
lysirung anzuwenden ist, und welches Ergebniss sie liefert Bei
den meisten der angeführten Maschinen würde die Anwendung der
alten Zerleg^g in Rezeptor, Transmission und Werkzeug völlig
fruchtlos sein. Man versuche nur, dieselbe auf die Dampfinaschine,
die Uhr, den Webstuhl anzuwenden, um alsbald zu sehen, dass sie
den Untersuchenden völlig rathlos dastehen lässt Bei einiger-
maassen zusammengesetzten Maschinen unternimmt übrigens auch
selbst der Theoretiker der alten Schule nicht, die drei Kategorien
durchzuführen.
Bemerkenswerth ist das Urtheil, welches uns die vorgeführten
Beispiele hinsichtlich der Mitwirkung der Menschenhand ermög-
lichen. Wir sehen, dass dieselbe gelegentlich noch in die Steuerung
und die Regulirung, seltener in das tijiuptgetriebe eingreift, sowie
dass bei zunehmender Vervollkommnung einzelner Maschinen auch
mehr und mehr sowohl die Steuerung als die Regulirung selbst-
thätig gemacht werden. Historisch haben wir vom Knaben Pot-
ter herauf, der die Newcomen^sche Maschine von Hand zu steuern
hatte und angeblich eine Art selbstthätiger Steuerung erfand, bis
zu dem „Engineer" des amerikanischen Salondampfers, der in
elegantem Anzug in feiner Kabine drei polirte Hebel kontrolirt,
haben wir von dem schon vorgeschrittenen Eisendreher von vor
sechszig Jahren, der den Drehstahlschlitten mit der Hand verstellte,
bis zu dem Arbeiter an der Revolverdrehbank, bei welcher eine
einfache Handhabung der Steuerung fünf bis sechs aufeinander-
folgende Bearbeitungen des Werkstückes herbeiführt, eine und
Bealeftuz, Kiuematik. 33
514 XII. KAP. ANALYSIBÜNG DEB MASCHINE.
dieselbe Erscheinung, nur in verschiedenem Grade ent-
wickelt, vor uns: diejenige, dass die Mitwirkung des Menschen
an der Maschine verringert, oder wenn man lieber will, die Selbst-
thätigkeit der Maschine erhöht wird. Im Grunde genommen be-
ginnt übrigens dieser Entwicklungsgang mit dem UranÜEuig der
Maschine selbst in der in Dunkel begrabenen Vorzeit Denn
zwischen dem ersten schüchternen Versuch des Menschen, zwei
ausser ihm stehende Körper zu einer bestimmten gegenseitigen
Bewegimg zu zwingen, und der höchsten heutigen Leistung des
maschinenbildenden Geistes besteht ein ununterbrochener Zusam-
menhang, wie mit feinen, aber an Stärke inmier zunehmenden
Fäden, welche die Folgerungen aus einem und demselben Grund-
gesetze sind.
Die vollkommenste oder vollständigste Maschine wird schliess-
lich diejenige sein, bei welcher mäh, wie wir bereits in Kapitel VL
besprachen, nur das Einleiten und Abbrechen des machinalen Pro-
zesses zu bewirken hat. Diesem Gipfelpunkte der Vervollkomm-
nung strebt die Maschine im allgemeinen sichtlich zu , ja hat sich
demselben stellenweise schon auf Sehweite genähert
§. 137.
Bedeutung der Mascliine für die OeseUsohaft.
Die letzten Bemerkungen fuhren uns wieder aus den beson-
deren Untersuchungen heraus auf einen allgemeinen und freien
Standpunkt der Maschine gegenüber, auf einen Punkt, wo die nüch-
terne Gegenwart mit ihren Forderungen uns schroff entgegentritt
auf den Punkt, wo wir sie in die brennende Frage unserer Zeit,
die Arbeiterfrage, verflochten sehen. So schwierig und ver-
wickelt diese Frage auch ist, so zeigt es sich doch unabweisbar,
der Sphinx des modernen Staatslebens ins Gesicht zu sehen; es
scheint mir deshalb hier eine Art von Pflicht vorzuliegen, die durch
unsere Untersuchungen gewonnenen Einblicke in die Gestaltbar-
keit der Maschine zu benutzen, um das Urtheil über deren Werth
für das soziale Leben vervollständigen zu helfen.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Industrie der Kultur-
völker die ausgeprägte Form, in welcher wir dieselbe kennen, erst
seit der Einführung der Dampfmaschine angenommen hat Zwar
DIE MASCHINE IN DER ARBEITERFBAGE. 515
betrieben auch die Alten bedeutende und gewinnbringende In-
dustrien, wie die Töpferei und Glasfabrikation, die Weberei, die Fär-
berei, die Lebensmittelindustrien; aber wenn auch die Gefasse von
Aegina und Athen, die thönemen Service von Sagunt, die ägyp-
tischen Gläser und buntgemusterten Wollenstoffe, die phrygischen
gestickten Gewänder, die kalabrischen Schafe ühd die lukanischen
Bratwürste berühmt waren, und viele andere Industrie-Erzeugnisse
aus einer Zeit aufzuzählen sind, die zwei und mehr Jahrtausende
hinter uns liegt, so haben wir uns doch den Gewerbebetrieb von
damals wesentlich verschieden von dem unsrigen vorzustellen.
Durchschnittlich war derselbe auf die einzelnen Hausstände der
arbeitenden Bevölkerung vertheilt, war sogenannte Haus- oder
Heimindustrie, wie wir sie ja noch heute bei denjenigen Völkern
finden, welche nicht in die Stromschnelle der modernen Kultur
hineingetrieben sind Die Heranziehung von Gehilfen legte in-
dessen schon damals die Keime zu eigentlichen Fabrikanlagen.
Solche sehen wir im Mittelalter schon in grösserem Maassstabe
sich bilden. Sie schliessen sich vorzugsweise an die Wasserläufe
an, seien es die stärkeren Gefalle an den weniger bewohnten Berg-
lehnen, seien es die breiten niedrigeren Wasser in der Ebene, wo
sich die Brücken der Städte mit Fabriken bebauen, die ihre Be-
triebskraft aus dem dahinschiessenden Flusse entnehmen. Die Zu-
sammenziehung aber steigert sich seit dem Ausgange des vorigen
Jahrhunderts mit zunehmender Schnelligkeit, bis sie zu der heuti-
gen Form unserer Fabriken gefuhrt hat, wo Gebäude von wahrhaft
kolossalem Umfang viele Hunderte von Menschen eng zur regel-
mässigsten Arbeit vereinigen. In gewaltigem Maasstabe ist damit
die Menge der Erzeugnisse gewachsen, die Erdreichthümer sind
dadurch nutzbar gemacht, die Bodenbebauung begünstigt und ent-
wickelt worden. Wohlstand und Nationalkraft haben sich im Zu-
sammenhang damit gehoben, so dass sich die Staatsverwaltimgen
mehr und mehr veranlasst gesehen haben, die Entwicklung der
Industrie zu ihren wichtigsten Aufgaben zu zählen.
Dabei gewann es den Anschein, als sei dieser bedeutende
Erfolg demPrinzipe der Arbeitsth eilung zuzuschreiben, und als
sei daher dessen Durchführung bis in die äussersten Konsequenzen
als Ziel zu erstreben. Allein neben den genannten Vortheilen
haben sich nach und nach auch Uebel aus der Industrie entwickelt,
die aus der massenhaften Zusammenziehung der Arbeitenden in
einzelne Gebäude, aus der Fesselung derselben an eine eintönige
83*
516 XII. KAP. ANALYSIKUNG DEB MA8CHINE-
und einseitige Beschäftigung unter oft drückenden Lohnverhältnis-
sen, aus der damit zusammenhängenden Entwerthung des Familien-
lehens hervorgegangen sind. Diese Unzuträglichkeiten haben sich
stellenweise zu Nothständen gesteigert, deren Hebung immer schwie-
riger geworden ist; der Gedanke der Selbsthilfe macht sich mehr
und mehr geltende So sehen denn Volkswirth und Gesetzgeber
sich einem Uebel gegenüber, das sie begünstigten, indem sie das
Gute schaffen wollten; beide bemühen sich, die hervorbrechenden
Schäden zu ergründen und zu verhüten. Aber die Schwierigkeiten
scheinen nur zu wachsen. So rege und mannigfaltig das moderne
Staatsleben auch ist: immer hockt hinter dem Reiter die schwane
Sorge in Gestalt der Arbeiterfrage.
Richten wir von unserem Standpunkte aus einen Blick auf die
Umwandlungen in der menschlichen Arbeit, welche die Maschine
überhaupt bewirkt hat, so sehen wir, dass dieselben sich in den
beiden uns bekannten Hauptrichtungen wie in zwei Strömen be-
wegen. Die eine Richtung ist die der Bewegungsform, die
andere die der Kraft*). In der ersten konnten für sich allein
mannigfache Fortschritte gemacht werden, was auch geschah nnd
sich in der späteren mittelalterlichen Industrie in gesteigertem
Maasse zeigte. Indessen hängen diese Schritte doch sehr enge
zusammen mit den Kunstfertigkeiten, welche die unausgesetzte
Mitwirkung der geschickten Menschenhand mit sich bringt, also
mit der Kunstindustrie. Die Industrie war damals zu sehr grossem
Theile nur Kunstindustrie. Die ganz reine Nutzindnstrie von
heute war fast unbekannt, ihr Begriff wenigstens nicht abgelöst
Wir sehen deshalb den meisten älteren Industrieerzeugnissen das
Kunstgepräge deutlich aufgedrückt Die alten Schlösser, Thür-
griffe, Klopfer, Thürgehänge z. B. sind, wo auf ihre Herstellung
überhaupt Sorgfalt verwendet werden sollte, vor allem in der freien
Formgestaltung ausgebildet Das „Kunst-Schloss" des Mittel-
alters dachte man sich nicht anders, als dass es neben verwickel-
ten Mechanismen auch eine reiche künstlerische Gestaltung — das
Wort im allgemeineren Sinne gebraucht — besitze. Dasselbe galt
von den Möbeln, Stoffen, Kleidungsstücken, von den Uhren, auch
^on astronomischen und mathematischen Instrumenten, überhaupt
(Y^n den Gebrauchsgegenständen aller Art.
j[.) Heute dagegen haben wir den Begriff der Nützlichkeitsform«
fff-TT
o^^iii^) Vergl. §. 51.
DIE MASCHINE IN DER ARBBITERFBAGE. 517
der Nutzindustrie, für sich entwickelt Es ist dies ein Begriff, den
sich erst unsere Zeit zu eigen gemacht hat. Haben wir in den
bildenden Künsten die Alten nirgends übertroffen, ja grösstentheUs
nicht von ferne erreicht, so dass ihre Schöpfungen für uns geradezu
als unerreichbare Ideale dastehen , so haben wir sie in der Nütz-
lichkeitsleistung weit hinter uns gelassen, und zwar wesentlich auf
der Unterlage und durch die Ausbildung der Maschine. Die Nütz-
lichkeits- oder Nutzform wird zu allererst bedacht, ihr wird die
Eunstform nachgestellt, ja vollständig geopfert (wenigstens schein-
bar , denn ein kleiner Rest von freier Gestaltung bleibt unbewusst
überall erhalten). Das „Kunst^-Schloss von heute ist in seinen
inneren Mechanismen höchst vollkommen ausgeführt, aber auf die
strenge Nutzform beschränkt, überdies meist absichtlich verdeckt.
Die Möbel, die Geräthe, die Gefässe haben ihre Kunstform häufig
fast ganz eingebüsst, indem sie zugleich aufs genaueste symmetrisch
und formenstreng gestaltet, genau gezapft, gefügt, gedreht sind, wie
es die Maschinenarbeit mit sich bringt Gerade dieser Prozess aber
wurde eingeleitet mit dem Augenblicke, wo in der Dampfmaschine
die Quelle gefunden war, welche die zweite der oben genannten
Entwicklungsrichtungen, die der Kraft, zu ungeahnter Bedeutung
bringen sollte.
War bis dahin die Industrie auf die bewegenden Kräfte des
menschlichen Armes, des Zugthieres, des Wassergefälles, des Win-
des angevriesen, welche die Natur auf einen engen, unveränder-
baren Bezirk eingeschränkt hatte, so trat nun mit einem Male
eine fast unbegrenzte Kraft in die Dienste des Menschengeschlechtes.
üeberblicken wir die Zeitperiode, die seitdem vorübergegan-
gen ist, als Ganzes, so bemerken wir, dass darin die zuströmende
Kraft die Maschine als solche ^reissend schnell zur Entfaltung
bringt. Und zwar steigert sich einerseits die Kraft in sich selbst,
indem die Dampfmaschine rasch an Grösse zunimmt und auch so-
gar die Wasserkraftmaschinen vermöge der grossen Erleichterung
der Herstellung entwickelt, andererseits begünstigt die Dampf-
maschine die Mannigfaltigkeit des Bewegungszwanges, indem sie
das Hindemiss des Kraftmangels hinwegräumt. So wird diese
eine Kraftmaschine, die Dampfmaschine, die Mutter einer Legion
von Arbeitsmaschinen, damit aber auch zugleich Herrin der Situation.
Dieses ist der Kernpunkt unserer heutigen Industrieentwick-
lang, der Quell ihrer Segenswirkungen und zugleich derKeimpimkt
ihrer Uebel.
618 XII. KAP. ANALTSIBUNQ DEB MASCHINE.
Zunächst bemächtigte sich die Dampfinaschine einer Industrie,
bei welcher die Kraft fraglos der Kunstfertigkeit überlegen war:
der Berg Werksindustrie, wo sie den Vertikaltransport, die Wasser-
und Lastenhebung übernahm, und damit u. a. auch ihre eigene
Nahrung, die Kohle, in Fülle herbeischaifte. Die Aenderung, die
hierdurch für den Bergbau eingeleitet wurde, ist ganz ausserordent-
lich. Wo früher auf einen Erbstollen hin, dem höchstens ein Was-
serrad aus geringen Teufen noch etwas Wasser zuhob, eine Menge
einzelner Gerechtsame ausgetheilt waren, ermöglichte die Dampf-
maschine den Tiefbau, dies aber allerdings nur unter der Bedin-
gung der Anlegung eines grossen Kapitals. Demzufolge verschwan-
den bald die einzelnen kleinen Gerechtsame gegen die der Ge-
werkschaft, welche den Betrieb grosser Bezirke konzentrirte. In
mächtiger Teufe werden grossartige planmässige Abbaue oi^anisirt,
in welche der frühere kleine „Kaulen^ -Besitzer seine Enkel als
Arbeiter schickt, und welche heute förmliche Bevölkerungen in einer
stellenweise (namentlich in England) beklagenswerthen Weise den
normalen Lebensbedingungen entzieht.
Ein zweites Gebiet, in dessen Besitz sich die Dampfinaschine
setzte, war das der Weberei und Spinnerei. Zunächst bemächtigt«
sie sich der einfachen Webstühle , die allmählich zu einer früher
kaum geahnten Produktionskraft gehoben wurden. Aber damit
auch Stühle für die reicher gemusterten Gewebe ihr überliefert
werden konnten, beeUte sich die TextiUndustrie, ihr den Kunstweb-
stuhl darzubieten. Das fein ausgedachte Schaltwerk, weldies Jac-
quard dem Webstuhl zum Steuerungsgetriebe gab, überlieferte die
Weberei im Prinzip gänzlich der mächtigen Dampfinaschine. Noch
ist der Prozess der gänzlichen Verschlingung hier nicht vollzogea,
obwohl er immer nur Fortschritte macht. Auf dem Gebiete des
Spinnens dagegen hat die Maschine bis auf verschwindende Reste
die Alleinherrschaft bereits erlangt. Die Zustände, welche sie auf
dem Gebiete der Fasersto£findustrie für die Arbeiter herbeigeführt
hat, sind vielfach trostlos. Schaaren jugendlicher Arbeiter und
Arbeiterinnen führen in den Riesengebäuden, in welchen eine ein-
zige gewaltige Dampfmaschine die Triebkraft in jeden Winkel sen-
det, eine Existenz, welche in ihren Nachtheilen zu schildern kaum
nöthig ist, auf welche ja auch die Gesetzgebung allerorten ilir
Augenmerk gerichtet hat.
Eine Reihe anderer Industrieen hat sich die Dampfmaschine
allmählich unterworfen, sich und der machinalen Arbeit überhaupt^
DIE GESCHICKLICHKEIT DER ABBEITEB. 519
und täglich greift sie auf neue Felder. Bei der grössten Mehrzahl
bemerken wir jedesmal, dass die Konzentration an die Stelle der
zerstreuten Arbeitspunkte gesetzt wird. Geschieht dieser Vor-
gang auf einem Gebiete, wo eine alte Gewerbthätigkeit bereits vor-
handen ist, so sehen wir fast jedesmal die übermächtige Wirkung
der Maschine sich in der schlimmen Form äussern, dass der Klein-
meister, der kleine Gewerbtreibende, der in seiner Behausung,
in unmittelbarer Nähe seiner Familie sein Tagewerk übte, ver-
schwindet, nämlich von der Fabrik aufgesogen wird. Und dieses
Aufsaugungsverfahren wendet sich naturgemäss zunächst dem ge-
schickteren Manne zu. Der ungeschicktere, schwächere, bleibt
übrig, bis auch er von der Fabrik verschlungen ist, wenn auch als
das geringer bezahlte, in eine tiefere Rangstufe gesetzte Element
des grossen Fabrikoi^anismus, in welchem seine Individualität
untergegangen ist. In grossen Städten, wie Berlin, wird der Mangel
an Handwerkern bereits so fühlbar, dass er auch denjenigen empfind-
lich wird, welche sich gerne gegen unsere sozialen Leiden blind
machen möchten.
Eine andere üble Folge, welche zum Theil in den eben erwähn-
ten Vorgängen bereits mitspielt, hat die machinale Industrie her-
vorgebracht und bringt sie in zunehmendem Maasse in der neuesten
Zeit hervor, auf welche ich glaube besonders hinweisen zu müssen.
Es ist die auffallende Abnahme der Geschicklichkeit der
Arbeiter. Dieselbe macht sich in vielen Industriezweigen bemerk-
bar, am meisten in denjenigen, welche sich vieler Arbeitsmaschinen
bedienen; dass die Erscheinung weit verbreitet ist, geht aus dem
Umstände hervor, dass an so vielen Orten darauf gedrungen wird,
es möchten Prüfungen für die Arbeiter eingeführt und den Geprüf-
ten der Vorzug bei der Anstellung gegeben werden. Ihre Erklärung
findet die Erscheinung wohl nur zum kleinen Theil in der Ge-
werbefreiheit; die eigentliche Ursache ist die zunehmende Herstel-
lung der Fabrikate auf der Maschine, derzufolge die Hand des
jungen Arbeiters weniger geübt zu werden braucht. Man hat im
letzten Jahrzehnt diejenige Gattung von Arbeitsmaschinen und
ganze Reihen von solchen Maschinen eingeführt, welche die Bearbei-
tung eines Fabrikates so zu sagen bis zur völligen Fertigstellung
treiben, bei denen die Steuerung, wie die Regulirung zum aller-
grössten Theil der Menschenhand abgenommen ist. Die Folge ist,
dass zur Herstellung eines hinsichtlich seiner Güte sehr hoch-
stehenden Fabrikates nur eine untergeordnete Arbeitskraft erfor-
520 XII. KAP. AKALTSIBUNG DER MASCHINE.
•
derlich ist Man hat es auf diese Weise dahin gebracht, den Arbei-
ter auf den blossen Wärter der betreffenden Maschine herabzu-
drücken, und es ist gelungen, durch jugendliche Arbeiter soklie
„Wärter^-Posten in sehr grosser Zahl zu besetzen« Ein Knabe an
einer dieser neueren Arbeitsmaschinen liefert bei der verhältniss-
mässig leichten Beschäftigung, welche ihm die Maschinenwartung
auferlegt, ein Fabrikat ab, welches dasjenige der frühem Methode,
bei welcher der Antheil des Arbeiters an dem Produkt der Ma-
schine ein viel grösserer war, weit übertriflFt. Ich habe auf das
lebhafte Hervortreten dieser Arbeitsmethode — welche allerdings
im Grunde genommen von der älteren nur dem Grade nach ver-
schieden ist — bei Gelegenheit der Pariser Weltausstellung auf-
merksam gemacht*) und dieselbe als die eigentliche Maschinen-
mache oder Machinofaktur der Manufaktur gegenüberge-
stellt, auch das Aufgreifen derselben als sehr empfehlenswerth
bezeichnet In der That ist sie das auch gewiss. Der Machino-
faktur verdanken wir z. B. die Verbreitung billiger und trefflieb
gearbeiteter Nähmaschinen; sie fuhrt sich ein für die Herstellung
aller Arten von Maschinen, welche nach einem und demselben
Modell oder doch einer begrenzten Zahl von Mustern ausgeführt
werden sollen ; sie hat geradezu Fabelhaftes den älteren Methoden
gegenüber geleistet bei der Waffenfabrikation, femer im Eisen-
bahnwagenbau, und dringt soeben mit raschen Schritten im lioko-
motivbau vor. Aber bei alledem setzt sie die Forderungen an die
Geschicklichkeit der Arbeiter herab. Ja, die Machinofaktur findet
in diesem durch sie selbst begünstigten Uebel neue Nahrung.
Denn der Fabrikbesitzer, welcher gute Arbeiter nicht mehr in ge-
nügender Zahl findet, oder dem die Arbeitseinstellungen das Fest-
halten derselben unmöglich machen, wendet sich in Zeiten der
aufgezwungenen Müsse zum Maschinenmarkte. Dieser liefert ihm
auf seine Nachfrage hin in kurzer Frist eiserne Arbeiter, deren
Thätigkeit niedriger im Preise steht und in den Leistungen meistens
noch weit besser ist, als die geschickten Leute von vordem, wenn-
schon der Kreis der zu erzeugenden Fabrikate etwas enger ein-
geschränkt ist, ein Umstand, über* den er bald hinwegkonunt Die
den Fabrikbetrieb kultivirenden Staaten bewegen sich
heute, daran ist nicht zu zweifeln, mit schnellen Schritten
in der Richtung zur vollendeten Machinofaktur.
*) Im offiziellen Bericht über die Pariser WeltaussteUung 1867. 8. 4vl ff.
DAS TELEOLOGISCHE DOGMA. 521
Die WeltauBstellungen sind, ohne dass man es in erster Linie
beabsichtigt, die grossen Musterungen der Maschinenarmeen; die
verschiedenen industriellen Heerkörper zeigen daselbst ihre Waffen
undEquipirungen vor. Diese aber beweisen die wahrhaft reissende
Geschwindigkeit, mit welcher die Machinofaktur voranschreitet
Ihre ungewöhnlich rasche Entfaltung in der neuesten Zeit ist einer
eigenthümlichen und richtigen Wendung in der Auffassung des
Maschinenerfinders zuzuschreiben, welche dann besteht, dass nicht
mehr die Maschine die Handarbeit oder gar die Natur nachzu-
ahmen sucht, sondern bestrebt ist, die Aufgabe mit ihren eigenen,
von den natürlichen oft völlig verschiedenen Mitteln zu lösen.
Lange Zeit hat man erfolglos versucht, die Nähmaschine hervorzu-
bringen, indem man die Handnaht zu erzeugen sich abmühte; das
gänzliche Verlassen dieses Weges, das Einführen neuer, der Ma-
schine eigenthümlicher Nähweisen, brach mit einem Male den Zau-
ber und liess die Nähmaschine in kurzer Zeit gelingen. Das Walz-
werk mit seiner von der Hammerschmiederei so sehr abweichenden
Arbeitsweise brachte die Schmiedeisenerzeugung zur eigentlichen
Entwicklung. Gewisse Mühlen, in welchen man durch Nachahmung
der Thätigkeit der menschlichen Zähne die alten Steinmühlen
überflügeln zu können wähnte, sind völlig misslungen. Diese ältere
Auffassung beruhte auf einem naturphilosophischen Hintergedan-
ken, dem teleologischen oder Naturzweokmässigkeits-Dogma. Seit
man dieses im Maschinenwesen gänzlich über Bord geworfen, ist
die Entwicklung in ihre jetzige Schnelligkeit eingetreten. Nur
Träumer imd Autodidakten erkaufen noch hie und da mit unver-
hältnissmässigen Opfern an Zeit und Geldmitteln die Erfahrung,
dass man die Natur genau studiren muss, um sich auf sie berufen
zu dürfen. Im grossen Publikum finden sie allerdings immer leicht
Sympathie, da diesem das Dogma so tief zu sein scheint und da es
leicht zu fassen ist; allein das fortschreitende Maschinenwesen als
Ganzes genommen ist über das Prinzip zur Tagesordnung über
gegangen.
Wir haben uns deshalb darauf gefasst zu machen, dass die
Machinofaktur in nicht zu langer Zeit die Regel geworden sein,
und die ganze Maschinentechnik umgestaltet haben wird. Allge-
meiner noch können wir sagen: dass die Konsequenzen, welche in
dem Prinzip der Maschine vom Uranfang an steckten, nunmehr
mit beschleunigter Schnelligkeit gezogen werden. Wir müssen,
nun sie eimnal so unleugbar deutliche Formen angenommen hat,
622 XII. KAP. ANALTSIBÜNG BEB MASCHINE.
dieselbe mit in jene Rechnung setzen, zu welcher die Arbeiterfrage
Veranlassung gibt.
Das eine aber ist bemerkenswerth, dass die^Machinofaktnr,
wie sie in den angeführten Fällen auftritt, den Uebelständen, welche
wir durch die Kraftfrage angerichtet fanden , nicht begegnet oder
ihnen ausweicht. Sie hebt vielmehr prinzipiell die Arbeitsmaschioe
auf diejenige Stufe der Leistungsfähigkeit, auf welche sie der Tor-
ausgeeilten Kraftmaschine wieder gleich wird. Hatte diese das
Kraftvermögen über alle früher gekannten Grenzen hinaus erweitert
wozu sie die kurze Periode von ein und einem halben Jahrhundert
gebrauchte, so thut nunmehr die Machinofaktur, welche sich bis
dahin langsam entwickelte, dasselbe hinsichtlich der Mannigfaltig-
keit des Bewegungszwanges. Beide aber scheinen dem Arbeiter
gegenüber ein völlig unwiderstehliches Bündniss eingegangen za
sein, welches die Gesellschafk einer unheilschwangeren Zukunft
entgegenzuführen droht
Es sei erlaubt hier einzuschalten, dass es der Volkswirthschafts-
lehre schwer fallen wird, die Machinofaktur unter den so ausgie-
bigen Begriff der Arbeitstheilung zu bringen, indem beide einander
wenigstens zum Theil widersprechen. DieThätigkeit des modernen,
an der Spezialmaschine thätigen Arbeiters hat nicht mehr die Form,
dass dem Arbeiter ein kleiner und kleiner gewordener Bruchtheil
an der Herstellung des Fabrikates zugemuthet wird, wie so häuäg
angenommen wird. Im Gegentheil, es findet zusehends eine Za-
sanmienfassung der Operationen, welche demselben Arbeiter zu-
getheilt werden, statt, immer in der Form, dass die Maschine den
grösseren Antheil der Arbeit vollzieht, der Arbeiter aber deren
Wärter wird. Ueberhaupt wird nach meiner Ansicht die Völker-
kunde sich genöthigt sehen, das Prinzip des Maschinenwesens in
seiner merkwürdigen Eigenheit, welche auf wissenschaftliche Sätze
zurückzuführen ich in den vorliegenden Mittheilungen bemüht war,
als Faktor einzuführen. Auch hat jene volkswirthschafbliche Schule,
welche als Grundsatz annimmt, dass die streitenden Prinzipien sich
von selbst zum Wohle des Ganzen ausgleichen müssten, meines
Wissens nirgends mit der positiven Macht des Maschinenwesens
deren Tendenz oben dargelegt wurde, in genügender Weise ge-
rechnet.
Die Maschine ist in dem Punkte der Selbstthätigkeit so weit ge-
bracht worden , dass sie stellenweise für vernunftbegabt gehalten
werden könnte; sie tritt fast vollständig an die Stelle des Men-
DAS MAGHINAL£ TBANSPOllTWESEN. 623
sehen; der Witz ihres Erfinders belebt ihre kleinsten Theile und
lässt sie gleichsam lange und verwickelte Gedankenfolgen mit ihrer
unerbittlichen Logik verwirklichen: der Mensch aber, ihr Diener,
— grausige Ironie — sinkt auf die Stufe der Maschine herab ^2).
Man kann in neueren hochentwickelten Fabriken beobachten , dass
die Fabrikanten ihre Arbeiter ab und zu die zu wartende Maschine
mit einer anderen vertauschen lassen, um das nach und nach tödt-
lich werdende Einerlei zu unterbrechen, ja sogar, dass auf diese
Weise ein und derselbe Arbeiter eine Beihe von Maschinen nach-
einander zugewiesen bekommt, wobei seine Thätigkeit also gerade
entgegen dem Prinzip der Arbeitstheilung geleitet wird. Ich weise
nicht sowohl hierauf hin, um die Industrie oder den Industriellen
anzuklagen, für welchen überdies der letztangefuhrte Umstand
spricht, als um den Blick für Zustände zu schärfen, welchen wir in
immer grösser werdenden Kreisen entgegengehen.
Haben wir in den bisher betrachteten Beispielen die Maschine
in einer Weise wirksam werden sehen, welche neben unverkenn-
baren grossen Lichtseiten tiefe, ja beängstigend schwarze Schat-
tenseiten zeigte, so finden sich doch auch andere, bei denen die
helle Seite entschieden überwiegt, ja die eigentlich wesentliche
ist Diese anderen Beispiele liegen auf dem grossen und überaus
wichtigen Gebiete des Transportes durch die Maschine, oder,
wie wir uns oben, §. 117, ausdrückten, der transportirenden oder
ortsändemden Maschinen.
Die beiden grossen Veranstaltungen für den Horizontaltrans-
port, die Damp&chi£fahrt und das Eisenbahnwesen, zeigen An-
wendungen der Dampfmaschine , welche nicht das vorhin beobach-
tete Gefolge von Schädigungen der betheiligten Arbeiter haben;
beide Veranstaltungen haben der Gesellschaft die allergrössten
Dienste geleistet. Die Ueberbrückung der Meere durch das Dampf-
boot, die Verknüpfung der Länder durch die Eisenbahn, die Schnel-
ligkeit der auf beiden Strassen stattfindenden Bewegung haben
das Völkerleben geradezu umgestaltet, haben ihm neue Bedingun-
gen, untergelegt und dasselbe zum Theil unermesslich gebessert.
Ziehei^ wir die Statistik zu Rathe über den Kraftverbrauch, mit
' welchem die Dampfmaschine hier im Dienste der Menschheit thätig
ist, so finden wir die bemerkenswerthe Thatsache zu verzeichnen,
dass in Mitteleuropa der Dampfverbrauch für Lokomotiv- und
Dampfschififbetrieb denjenigen für Fabrikenbetrieb zwei bis drei-
mal in sich fasst; in England ist das Verhältniss vielleicht nicht
524 XII. KAP. ANALYSIRÜNG DER MASCHINE.
ganz so hoch, obwohl immerhin bedeutend, in Amerika dagegen
nicht kleiner. Jedenfalls also ist die in Betracht kommende Ziffer
von der allergrössten Bedeutung. Diesem Transportwesen aber
dient ein sehr beträchtlicher Bruchtheil der Arbeiterbevölkerung,
und zwar unter Umständen, welche im Prinzip nicht drückend
nicht herabwürdigend, nicht gesundheitsgefahrlich, welche vielmehr
im allgemeinen recht günstig sind. An diesem Punkte also hat
die Dampfmaschine nach beiden Seiten segensreich gewirkt; an
dieser Stelle besteht auch die Arbeiterfrage nicht, oder hat, wenn
sie heraufbeschworen wird, nicht den dunkeln Hintergrund der
oben geschilderten Lage der Arbeiter.
Aehnliche günstige, oder wenigstens nicht ungünstige Zustände
finden wir auf dejn Gebiete des Gross-Maschinenbaues, da wo es
sich um Herstellung der Lokomotiven, der Dampfinaschinen, der
Eisenbahnwagen, der Schiffsmaschinen, der Dampfkessel, der
Schiffe u. s. f. handelt. Hier hat der Arbeiter durchschnittlich eine,
wenn auch anstrengende, so doch gesunde, nicht zu einförmige
und dabei auskömmliche Beschäftigung im Dienste der Dampf-
maschine. Das von den besten Absichten durchdrungene Ent-
gegenkommen vieler Fabrikanten und Geschäftsleiter, namentlich
auf deutschem Boden, hat sehr schöne Erfolge aufzuweisen. Wo
unzuträgliche Zustände auf den genannten Arbeitsgebieten bestan-
den haben, hat die letzte Zeit durch humanitäre und die Lohn-
und Stundenfrage angemessen regelnde Uebereinkünfte dieselben
gehoben oder wenigstens nachgewiesen, dass dieselben gehoben
werden können. Demnach ist hier die Gesetzgebung in der Lage,
bei richtiger Beobachtung der Verhältnisse etwa bestehende Uebel-
stände zu heben, drohenden vorzubeugen.
Noch Hessen sich andere Beispiele verwandter Art hier auf-
zählen; die angeführten werden indessen genügen, um uns die
Ueberzeugung zu geben, dass nicht im Prinzipe der Maschine
selbst ihre zu Tage getretene Feindseligkeit gegen das Menschen-
wohl enthalten ist. Demnach darf von Seiten des Mechanikers an
die Frage herangetreten werden, ob und auf welche Weise im Ge-
biete des Maschinenwesens selbst zur Heilung der Schäden, «reiche
die Maschine der Gesellschaft als Zugabe zu ihren Spenden gebracht
hat, beigetragen werden könne.
Die beiden allgemeinen Richtungen, in welchen wir oben die
Maschine ungünstig für den Arbeiterstand wirken sahen, die Rich-
tung der Kraft und die der Machinofaktur, zeigen in ihrem Bund-
8PIKNEBEI UND WEBEREI. 525
niss das Gremeinsame, dass sie den Arbeiter, um es kurz auszu-
drücken, dem Kapital überliefern. Die Dampfmaschine wirkt um
so günstiger, d. h. sparsamer, je grösser sie wird. Sie hat deshalb
die natürliche Tendenz der Vergrösserung. Eine Industrie, welche
ein einfaches Erzeugniss, wie z. B. den Galico liefert, wird deshalb
nothwendig dem Kapital anheimfallen, indem dieses allein im Stande
ist, jene grossartigen Anlagen herzustellen, deren Betrieb das Pro-
dukt marktfähig billig zu liefern vermag. Allerdings mögen wir
mit der Grösse der Webereien und Spinnereien jetzt so ziemlich
an der Grenze der Uebersehbarkeit angekommen sein; allein um
diese Grenze herum ist sicher das Kapital der Alleinherrscher.
Der kleine einzelne Weber oder Spinner steht demselben machtlos
gegenüber, oder ist, wenn er selbständig bleiben will, gezwun-
gen , mit seinen Preisen so tief herabzugehen , wie es das Kapital
fordert. Letzteres ist dadurch in den Stand gesetzt worden, den
Wohlstand ganzer Landschaften zu vernichten oder ganz einseitig
zu konzentriren. Bemerkenswerth ist zugleich, dass auf dem Ge-
biete der Weberei, oder der Faserstoff industrie im allgemeinen,
das Gewaltmittel des Streiks ganz und gar nichts für den Arbeiter
erreicht hat
Sehen wir indessen gerade die Webereifrage näher an, so be-
merken wir, dass hier nicht sowohl das Werkzeug, der billig zu be-
schaffende Webstuhl, als die Dampfmaschine, der Kraftspender,
das Uebergewicht verlieh. Nur das Kapital vermag die gewaltige
Dampfmaschine zu beschaffen und zu betreiben, um welche herum
sich der übrige Theil der Anlage , allerdings auch Kapital bean-
spruchend, aber nicht davon untrennbar, herumgruppirt. Eben
aus diesem Grunde hat sich das Webergewerbe so lange, obwohl
unter Hunger und Kummer, der Gewalt der Dampfmaschine gegen-
über gehalten.
Offenbar stehen wir hier vor einem Prinzip. Die Arbeits-
maschine ist in sehr vielen Fallen nicht eine Einheit, sondern ist
theilbar, findet in einer und derselben Fabrikanlage in vielen
gleich werthigen Wiederholungen, die durch die Dampfinaschine
nur locker zusammengehalten werden, Anwendung. Diese einzel-
nen Arbeitsmaschinen haben keinen unerschwinglichen Preis, im
Gegentheil, die Machinofaktur des Maschinenbaues ist beschäftigt,
dieselben in zunehmender Vollkommenheit billiger und billiger zu
liefern.
In Fällen, wo diese Bedingungen zutreffen, ist demnach die
526 XII. KAP. ANALY8IKUNG DER MASCHINE.
Möglichkeit vorhanden, dem unerwünschten Uebergewicht des
Kapitals zn begegnen, nämlich diejenige, auch die Kraft unab-
hängig vom Kapital zu machen« Der kleine Weber von vor-
hin würde dem Ueberdruck des Kapitals entzogen sein, wenn vir
ihm das auf seinen Webstuhl entfallende Maass elementarer Be-
triebskraft geben könnten. Aehnliches könnte mit Erfolg woM
auf dem Gebiete der Spinnerei versucht werden, obwohl diese
schon weit mehr als die Weberei der Maschine gegenüber unter-
legen ist. Diesen letzteren Umstand haben wir uns aber daraus
zu erklären, dass die Spinnmaschine dieselbe Tendenz zur Ver-
grösserung wie die Dampfmaschine in sich trägt, d h. bei zuneh-
mender Grösse billiger arbeitet Andere Gebiete , auf denen wir
die obige Schlussfolge mit vollem Recht machen können, sind die
Schreinerei, die Schlosserei, die Gürtlerei, die Klempnerei, die
Bürstenbinderei, die Pumpenmacherei u. s, w. Was diesen Ge-
werben fehlt, ist theils die Kraft, theils die Arbeitsmaschine. Aber
die letztere würde der einzelne Handwerker sich auch jetzt schon
beschaffen können , da sie zu wirklich billigem Preise zu erhalten
ist; ihm fehlt nur immer die Betriebskraft. Der Schreiner, dem
man für eine Kreissäge, eine Bandsäge, eine Holzhobelmascbine,
eine Zinkenfräse die Betriebskraft billig lieferte, würde mit diesen
Maschinen in seinem Heim eben so gut arbeiten können, als er es
jetzt in der Möbelfabrik thut, die ihn an sich gezogen 'hat Er
würde dabei, indem er seine Maschinengruppe aufs mannigfaltigste
zu verwerthen hätte, seine Geschicklichkeit erhalten oder wie-
dergewinnen, welche ihm als Fabrikarbeiter abhanden kommt
Aehnlich würde sich der Vorgang bei den anderen erwähnten Ge-
werben gestalten. Konkurrenzfähig würde der Kleinmeister trotz
gewissen Vortheilen der Grossindustrie deshalb werden, weil in der
Heimarbeit die gegenseitige Unterstützung der Familienmitglieder,
überhaupt das moralische Element, als wirksamer Faktor eintritt
Der Kleinmeister würde mit seiner Umgebung von Gehilfen imd
Lehrlingen einen geschlossenen Arbeitsorganismus mit Haupt und
Gliedern, über- und untergeordneten Kräften bilden, welcher dem
ehemaligen Handwerksbetrieb ähnlich sein, und doch von ihm ver-
möge der Einreihung der Maschine verschieden sein würde. Wäre
die Kleinmoisterei einmal konkurrenzfähig geworden, so würde diese
ihre Qualität rasch zunehmen, weil in demselben Augenblick auch
der Arbeitermarkt für die Gross-Industriellen, d. i. für das Kapital,
einen Aufschlag zeigen würde. Das Kapital würde hierdorch die
DIB KI.EINKBAFTMASCHINE. 527
Anlockung verlieren, sich auf solche Arbeiten zu werfen, für welche
die kleine Werkstatt das Bedüriniss decken kann , und würde so-
mit von selbst hier seine Zentralisirungsbestrebungen aufgeben.
Was also das Maschinenwesen zu thun hat, um einem wesent-
lichen Theile des Uebels zu begegnen, ist, billige kleinere Betriebs-
kräfte, oder mit anderen Worten: kleine, mit geringen Kosten
betreibbare Kraftmaschinen zu beschaffen. Geben wir dem
Kleinmeister Elementarkraft zu ebenso billigem Preise, wie dem
Kapital die grosse mächtige Dampfinaschine zu Gebote steht, und
wir erhalten diese wichtige Gesellschaftsklasse, wir stärken sie, wo
sie glücklicherweise noch besteht, wir bringen sie wieder auf, wo
sie bereits im Verschwinden ist. Es kommt uns nur zu Gute, dass
auch auf anderen Gebieten, z.B. demjenigen der Kunstgewerbe, der
dringende Buf erschallt, dem Kleinmeister wieder auf die Beine zu
helfen.
Eng an die Kleinmeisterei schliesst sich die Hausindustrie,
oder wie die schwedische Sprache sich treffend ausdrückt, der
Hausfleiss, an, als diejenige industrielle Beschäftigung, welche zeit-
weise neben der bäuerlichen oder bürgerlichen Hausarbeit hergeht.
Beide gehen theilweise in einander über. Solche Stellen, wo sie'
noch in erhaltungswertherForm bestehen, gibt es zum Glück immer
noch auch in Ländern mit hochentwickelten Grossindustrieen.
Nocli immer arbeiten in und um Lyon herum kleine Webermeister
in grosser Zahl; dasselbe gilt von der Schweiz und von vielen
Stellen in Deutschland. Li der Lombardei, wo der Bauer seinen
Webstuhl und seine Seidenspulmaschine im Hause betreibt, hört
man den Wunsch aussprechen imd sieht man seine Verwirklichung
versuchen, grosse Seidenwebereien anzulegen, um in diesen die
bisherige Hausindustrie zu konzentriren. Möchte man auf dem
eingeschlagenen Wege dort, wie anderswo, wo bereits die Axt an
die Hausindustrie gelegt ist, noch umkehren 1 Möchten die Ver-
waltungen ein wachsames Auge auf solche Versuche haben, die
zwar augenblicklich vortheilhaft erscheinen mögen, im Grunde aber
nur einen gefahrvollen Zustand heraufbeschwören. Gebe man dem
angeblich trotzigen Bauer, der seine wenigen Gentisimi Hauswebe-
lohn den in der Fabrik zu verdienenden Liren vorzieht, Elementar-
kraft, und man wird die zurückgebliebene Industrie heben, ohne
die Krebsschäden des Grossbetriebes eingeführt zu haben.
Das Gefühl, dass die Kleintheilung der Elementarkraft etwas
Angemessen sei, macht sich an verschiedenen Stellen und in meh-
528 XII. KAP. ANALYBIBÜNG DEB MASCHINE.
reren Formen geltend. Die eine ist die der KraftTermiethung,
welche in grossen Städten mit Erfolg versucht worden ist. Sie hat
indessen das Gefolge der Anhäufung der Arbeiter in einem Gebäude,
der freiwilligen Einpferchung der Familien- und der Werkleute
in ungesunde Räume, und bringt deshalb alte Uebel in neuer
Form. Jedenfalls steht sie weit zurück hinter dem Verfahren, den
Kleingewerken kleine einzelne Kraftmaschinen danzubieten.
Es lassen sich bereits mehrere vorzügliche Muster dieser Gattung
aufzählen. Vor allem die Gaskraftmaschinen, dann die Heiss-
luftmaschinen, die kleinen Wassersäulenmaschinen und«
im Stadium eines vielversprechenden Versuches, die Petroleum-
gasmaschinen.
Von diesen Maschinen arbeiten mehrere bereits billiger, ja be-
trächtlich billiger als die Dampfmaschine, sind aber ihrem Wesen
nach gerade auf die Kleinheit der numerischen Leistung ange-
wiesen, haben also nicht Vergrösserungstendenz. Der Dampänaschine
können sie innerhalb ihres Kraftgebietes — 1 bis 2 oder 3 Pferde-
stärken — mit zweifellosem Erfolge Konkurrenz machen. Sie
sind deshalb zu den wichtigsten aller neueren Maschinen
zu rechnen; in ihnen liegen Keime zu einer völligen Um-
gestaltung eines Theiles der Industrie.
Den eigentlichen Anstoss zur Einfuhrung kleiner Kraftmaschi-
nen gab der geniale Ericson, und zwar mit einem fast völlig
misslungenen Debüt. Nachdem ihm zuerst die mächtige Heiss-
luftmaschine, mit welcher er die Alleinherrschaft der Dampfmaschine
zu stürzen trachtete, misslungen war, warf er, ein unermüdeter An-
greifer, sich auf die kleinen, ein- bis zweipferdigen kalorischen Ma-
schinen, welche zwar schliesslich auch keinen dauernden Erfolg hat-
ten, aber doch den wichtigen Beweis führten, dass die neuen Maschi-
nen erstens ausführbar und zweitens ein Bedürfhiss seien. Danach
hat sich imter mühevoller Erfindungsarbeit die Schaar der Klein-
kraftmaschinen, über welche wir jetzt verfugen, aus dem Stadium
der keimenden Ideen zu demjenigen voller praktischer Bedeutung
entwickelt. Die Männer, welche der neuen Maschinengattong sich
gewidmet und ihr stellenweise bedeutende Opfer gebracht haben,
sind für eine grosse Sache thätig gewesen. Denjenigen aber, welche
mit verschränkten Armen zugeschaut und mit Ben Akibas Weisheit
unter der Sonne nichts Neues zu sehen behaupteten, ist das merk-
würdige und spannende Schauspiel der Entwicklung eines neuen
DIE KLEINKBAFTMA8CHINEN. 529
Gedankens auf dem Maschmengebiete entgangen, das sich unter
ihren Augen vollzog.
Am seltensten anwendbar ist die Wassersäulenmaschine, da
das Hochdruckwasser meistens zu theuer ist; indessen gibt es doch
vereinzelte' Fälle, wo es wenigstens zeitweise billig zu haben ist.
Die Luft- und Gasmaschinen sind dagegen fast überall zu verwen-
den und befinden sich ausserdem auf dem Wege stetiger Vervoll-
kommnung. Diese kleinen Motoren sind die wahren Kraft-
maschinen des Volkes; sie sind zu massigem Preise zu beschafiPen
und sehr billig zu betreiben. Nicht genug kann das Augenmerk
der Behörden, der gemeinnützigen Gesellschaften, der Gewerbe-
vereine, der Gewerbs - Genossenschaften auf dieselben gerichtet,
nicht genug die Erleichterung ihrer Anschafiung empfohlen wer-
den, zumal die Beweise bereits in Menge vorliegen, in welchem
Grade dieselben den Kleingewerbebetrieb zu heben vermögen.
Zeigt es sich für einen beträchtlichen Theil der Gewerbe mög-
lich, eine im Abwärtsgehen begriffene Betriebsart festzuhalten und
wieder aufzufrischen, gleichsam eine Rückbildung mit derselben
vorzunehmen, so kann dieses Verfahren für andere Gebiete, deren
Zustände auch viel Beklagenswerthes an sich tragen, nicht gerathen
werden. Dies gilt namentlich von der Bergwerks-Industrie und
ihrem nächsten Anhang. Die Zerkleinerung derselben geht weder
an, noch würde sie, wenn mit allen zu Gebote stehenden Mitteln
erzwungen, nützlich sein. Diese Industrie gehört zu denjenigen,
welche nur durch die Zentralisirung, durch die geordnete Zusam-
menwirkung zahlreicher Kräfte, durch die Beihilfe des Kapitals zur-
Entwicklung gebracht werden können. Untersucht man die hier
auftretenden Unzuträglichkeiten für den Arbeiter, so findet man,
dass dieselben nicht unzertrennlich mit dessen Geschäfte verknüpft
sind. Aufgabe der Gesetzgebung und Verwaltung ist es hier, Miss-
bräuchen zu steuern und die Betriebsweise in der Richtung der
Gesundheitspflege zu überwachen. Dass der Grubenbetrieb in einer
Weise geschehen kann, welche den Arbeiter weder gesundheitlich
benachtheiligt, noch auch in seiner Menschenwürde herabsetzt,
zeigt das Bergwesen in Deutschland an vielen Stellen, namentlich
in grossem Maasstab in den fiskalischen Grubenrevieren des Saar-
beckens. Das Maschinenwesen hat aber hinsichtlich des Bergwesens
noch die Aufgabe, durch Ausbildung der unter Tag anzuwenden-
den Arbeitsmaschinen das mühvolle Werk des Bergmanns zu
erleichtem. Bohrmaschinen, Schrämmaschinen, Maschinen für die
Banleaax, Kinematik. 3^
530 XII. KAP. ANALY8IBUNG DER MASCHINE.
Lüftung und solche für die Förderung und den Schleppdienst in
der Grube müssen als Aufgaben unserer Zeit angesehen werden.
Auch ist bereits zu beobachten, dass tüchtige Maschinenbauanstalten
sich energisch denselben widmen. Hier tritt die Maschine wieder
in das volle Licht ihres Werthes iür die Gesellschaft und die
Menschheit. Es weht darum auch eine angenehme geistige Frische
gerade durch dieses Gebiet des Maschinenbaues^ gleichsam als
wirke das Bewusstsein mit, dass es sich hier um die Erleichterung
des schweren Tagewerks einer ganzen Menschenklasse handelt
Fassen wir die Resultate unserer Betrachtungen , bei welchen
ich absichtlich jedes Heraustreten aus dem Ideenkreise unseres
eigentlichen Gegenstandes vermieden habe, zusammen, so sehen
wir, dass die Maschinen Wissenschaft thatsächlich gegenüber der
Arbeiterfrage Stellung nehmen kann, und zwar dass die Aufgabe
des Maschinenwesens sich hier als eine nach verschiedenen Seiten
ungleichartige herausstellt.
Einzelne Grossindustrieen, welche auf der Maschine beruhen,
befinden sich in guter und hinsichtlich der sozialen Forderungen
nach der einen wie anderen Seite angemessenen Lage. Hier ist
die Entwicklung des in Betracht kommenden Antheiles des Ma-
schinenwesens der Ausdehnung wie der inneren Ausbildung nach
nicht mit in ihm selbst liegenden Gefahren verknüpft
Andere Grossindustrieen bergen für den Arbeiterstand Uebel-
stände und Beschwerden, welche, abgesehen von der Einwirkung
der Gesetzgebung, durch die fernere gesteigerte Mitwirkung des
Maschinenwesens gemildert oder gehoben werden können.
Ein drittes Gebiet der Grossindustrie hat sich in Folge der
Einseitigkeit der Dampfinaschine in einer Richtung entwickelt
welche für die betheiligte Arbeiterbevölkerung ungünstig, für die
Kleinindustrie verderblich ist Hier empfiehlt sich die Dezentra-
lisirung und zwar mit Mitteln, welche der allgemeinen wirthschaft-
liehen Bewegung keinen Zwang anthun. Wir sehen diese Zerthei-
lung angebahnt durch die aufbauchenden kleinen Kraftmaschinen.
Diese zu entwickeln und zu verbreiten, erscheint heute als eine
hervorragende Aufgabe des Maschinenwesens. Das zu erstrebende
Ziel würde die Auflösung der betreffenden Industrieen in eine grosse
Anzahl kleiner industrieller Organismen sein, welche, zwischen
den grossen, als nothwendig und gut erkannten Organiäitiooen
verstreut, mit diesen zusammen einen blühenden und zugleich sozial
befriedigenden Zustand zu verwirklichen vermögen.
DREIZEHNTES KAPITEL.
KINEMATISCHE SYNTHESE.
In magnie et voluieee sätest.
Pbopebtiub.
■
§. 138.
Aufgabe der kinematischeii Synthese.
Der kinematischen Analyse, mit welcher wir uns durch eine
grosse Reihe von Untersuchungen hindurch beschäftigt haben, steht
die kinematische Synthese gegenüber. Während das analytische
Verfahren die Eigenschaften des Bewegungszwanges kennen lehrt,
welche die aus gegebenen Elementenpaaren, kinematischen Ketten
und Mechanismen gebildeten Verbindungen besitzen, fällt dem syn-
thetischen Verfahren die schon bei der „allgemeinen Lösung des
Maschinenproblems" (§. 3) hervorgehobene Aufgabe zu, diejenigen
Elementenpaare, Ketten und Mechanismen anzugeben, durch deren
geeignete Verbindung sich ein Bewegungszwang von gegebener Art
verwirklichen lässt.
Betrachten wir diese Aufgabe für sich, auf ihre innere Be-
deutung hin, so stellt sie sich als eine der höchsten, letzten,
vielleicht die bedeutendste aller derjenigen heraus, welche uns
nach einander entgegengetreten sind, da sie- sich mit der Schöpfung
neuer Maschinen, also mit der Fortentwicklung des Maschinenwesens
als Ziel, unmittelbar befasst. Aus diesem Grunde, und da die Be-
schäftigung mit dieser Aufgabe die Analyse voraussetzt, bildet die
Synthese die letzte der uns in der theoretischen Kinematik zufal-
34*
532 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
lenden Aufgaben, gleichsam den Schlussstein des zu errichtenden
Lehrgebäudes.
Dem Leser, welcher den vorhergehenden Untersuchungen ohne
Unterbrechung gefolgt ist, wird nicht entgangen sein, dass sich
nach und nach synthetische Sätze bereits eingefunden haben, sei
es bei der allgemeinen Auffassung, zu welcher die Entwicklungs-
geschichte der Maschine Veranlassung gab, sei es bei den besonderen
Betrachtungen über einzelne Elementenpaare, sowie ganzer Klassen
von Mechanismen und vollständigen Maschinen.
Diese Sätze haben den Weg zur Lösung der Aufgabe mehr
und mehr eingegrenzt, sodass dasjenige, was die Synthese etwa zu
erreichen vermag, sich in grösseren Umrissen bereits zu zeigen
begonnen hat. Dennoch lässt sich auch auf dem bereits erreichten
Punkte die Aufgabe noch mehrfach verschieden auffassen. Es wird
daher zunächst nöthig sein, die Richtung, in welcher die wissen-
schaftliche Synthese der Gesammtheit der sich darbietenden Pro-
bleme gegenüber am ersten Erfolg verspricht, festzustellen.
Wie mir scheint, lassen sich zwei Hauptrichtungen unterschei-
den , welche nach dem zu erstrebenden Ziele hinfuhren. Die eine
kann die direkte, die andere die indirekte genannt werden.
Jede derselben spaltet sich wieder in zwei besondere Zweige, den
des allgemeinen und den des speziellen Verfahrens. Wir wollen
versuchen, die Brauchbarkeit dieser verschiedenen Richtungen
a priori zu prüfen.
§. 139.
Direkte kinematisohe Synthese.
Die direkte und zugleich allgemeine Synthese würde unmit-
telbar anzugeben haben, welche Mechanismen in jedem Falle zur
Erzielung einer geforderten Orts- oder Formänderung eines zu Im*-
arbeitenden Werkstückes, oder zur Verwerthung der in einem
Körper gebotenen Naturkraft in einer Maschine anzuwenden wären.
Selbst eine nur oberflächliche Prüfung zeigt aber bald, dass diex-r
Weg nicht der empfehlenswerthe sein kann. Denn unserer Erfah-
rung und Analyse gemäss kann ein und derselbe Bewegungszwt*cfc
auf verschiedene, oftmals sehr zahlreiche Arten erreicht werden.
Die Synthese hätte also eine grössere Zahl von Antworten auf t*in-
DIREKTE UND rNDIEEKTE SYNTHESE. 533
mal zu geben, oder aber die beste der möglichen Lösungen sofort
zu liefern. Letzteres ist aber geradezu unausführbar wegen des
Umstandes, dass die praktische Seite der einzelnen Lösung grossen-
theils aus der kinematischen Sphäre herausfallt (s. Schluss y. §. 3).
Zwei Dampfinaschinen von verschiedener Bauart z. B. können unter
yerschiedenen Umständen ganz gleich gut, gleich brauchbar, gleich
praktisch sein , während sie sich kinematisch stark unterscheiden.
Wir haben daher keine Aussicht, die allgemeine direkte Synthese
brauchbar ausbilden zu können.
Wenden wir uns deshalb zur speziellen direkten Synthese.
Hierunter ist das Verfahren zu verstehen , welches für eine gefor-
derte Orts- oder Formänderung unmittelbar ein Elementenpaar
bestimmt. Dies ist in der That allgemein möglich. Denn wenn
wir die geforderte Bewegung .in jeder Beziehung kennen, so ver-
mögen wir gemäss den Sätzen in Kap. IL die Axoide der beiden
Elemente anzugeben, und alsdann, wie in Kap. m. nachgewiesen
wurde, auch die denselben zu gebenden Profilformen zu ermit-
teln. Vom letzteren ausgenommen würden nur diejenigen Fälle
sein, in welchen die Polbahnen stets in unendliche Feme fallen
(vergl. §. 9). Hier hätte eine besondere weitere Behandlung der
Aufgaben stattzufinden, welche auf die allgemeine direkte Synthese
zurückfuhrt. Allein wir brauchen den Gegenstand in der That
nicht weiter zu verfolgen, da wir längst wissen, dass die Lösung
der Bewegungsaufgaben durch Paare von Elementen in sehr vielen,
ja den allermeisten Fällen weit weniger praktisch ist, als diejenige,
welche eine kinematische Kette zu Grunde legt Somit stellt sich
auch dieser zweite Weg den praktischen Aufgaben gegenüber als
aussichtslos heraus.
§. 140.
Indirekte kinematisolie Synthese.
Das indirekte synthetische Verfahren besteht darin, von allen
denjenigen Problemen die Lösung im voraus anzugeben, unter welche
das gegebene Problem möglicherweise fallen kann. Mit anderen
Worten heisst dies: die Gesammtheit der kinematischen Pro-
bleme im voraus lösen. Diese Aufgabe stellt sich auf den ersten
Blick als so weitschichtig, ja so maasslos, der Versuch ihrer Lösung
534 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHEBE.
als SO kühn dar, dass sie hier vielleicht nicht anders, denn als ein
blosser theoretischer Satz erscheint Allein ich kann zuriickver-
weisen auf Untersuchungen, die uns bereits gezeigt haben, dass die
kinematischefi Probleme nicht ein grenzenloses Gebiet bedecken.
Ich erinnere nur an die gewiss bemerkenswerthe Kleinheit der Zahl
der niederen Paare (§. 15), sowie an die Zählbarkeit der aus jeder
Kette herstellbaren Mechanismen (§. 3). So auch hier. Bei näherer
Betrachtung stellt sich das Gebiet der kinematischen Probleme
wenigstens als übersehbar heraus. Spannt man daher die For-
derungen nicht zu hoch, so bietet die Lösung der vorhin bezeich-
neten Aufgabe innerhalb eines grossen Gebietstheiles, insbesondere
desjenigen, auf welchem sich unsere Maschinenpraxis bewegt, keine
unüberwindlichen, wenn auch grosse Schwierigkeiten.
Zunächst ist die spezielle iiidirekte Synthese gemäss den
Aufschlüssen, welche die Analyse uns gegeben hat, wirklich durch-
führbar. Sie hat anzugeben, welche kinematischen Elementenpaare
überhaupt bestehen. Nun wissen wir aber (aus §. 56), dass die
Zahl der Elemente -keine besonders grosse ist, indem wir dieselben
durch eine massige Zahl von Zeichen auszudrücken vermochten.
Demzufolge muss sich auch die Zahl der aus denselben zu büden-
den Paare innerhalb nicht zu weiter Grenzen bewegen. Dies ist
in Wahrheit der Fall. Wir sehen sich also hier thatsächlich ein
Feld für die Synthese eröfihen.
Der allgemeinen indirekten Synthese wird sodann die Auf-
gabe zufallen, für die kinematischen Ketten dasselbe zu leisten«
was die spezielle Synthese für die Paare thut Als Hindemi^^
stellt sich hier die grosse Zahl der möglichen Fälle entgegen. Allein
diese schmilzt bei näherer Prüfung doch bedeutend zusammen.
Vor allem stellt sich die Zahl der einfachen kinematischen Ket-
ten, also derjenigen, bei welchen kein Glied mehr als zwei Elemente
besitzt, nicht so gross heraus, als sich erwarten liesse. In derThat
aber macht die Bestimmung der möglichen einfachen Ketten
schon einen sehr ansehnlichen Theil der Aufgabe aus.
Zwar kann nämlich die Zusammensetzung der Ketten bis iu^
Endlose weiter getrieben werden, sodass die wirkliche Erschöpfung
der Fälle unmöglich ist; auch muss grundsätzlich den zusammeu-
gesetzten Ketten dieselbe Berechtigung auf Untersuchung beige-
messen werden, wie den einfachen. Allein in der Maschinenpras«
wird die Zusammensetzung der Ketten thatsächlich nicht sehr weit
getrieben. Wo dies dennoch scheinbar der Fall ist , lässt sich fa^t
BILD DES SYNTHETISCHEN YEBFAHBENS. 536
immer durch die Scheidung der Zwecke, welchen die Theilgruppen
dienen, das Ganze so theilen, dass die Zusammensetzui^g der Kette
als die Aneinanderreihung Ton Mechanismen aufgefasst wer-
den kann, welche für sich allein nicht zu sehr verwickelt sind. Die
beschreibende Analyse (§. 135) hat uns hierüber weitgehende und
befriedigende Aufschlüsse gegeben. Eine genauere Trennung der
Fälle werden wir weiter unten noch vorzunehmen haben. Immer-
hin treten zusammengesetzte Ketten nicht selten als Einheiten auf.
Allein mehrere wichtige derselben lassen sich jetzt schon in den
Bereich der synthetischen Aufsuchung hineinziehen, ohne deren
Umfang über Gebühr zu vergrössem; auf andere kann die Unter-
suchung mit der Zeit ausgedehnt werden.
Somit sehen wir denn, dass die Synthese auf dem
indirekten Wege wirklich etwas zu leisten im Stande ist,
dass wir diesem Wege also mit Aussicht auf praktischen
Erfolg nachgehen dürfen.
§. ui.
Oesanuntbild des synthetiBolieii Ver£sJirens.
Bei der unleugbaren grossen Wichtigkeit des Gegenstandes
erscheint es nicht unangemessen, dem Leser ein sinnlich erfass-
bares Bild der synthetischen Verfahrungsweise, wie sie sich nach
den eben angestellten Betrachtungen darstellt, vorzuführen; die
umstehende Fig. 362 ist hierzu bestimmt.
Die kinematische Synthese als Ganzes trennt sich in direkte
und indirekte, von denen jede entweder allgemein, oder speziell
sein kann. Die direkte Synthese würde aus den Kreisen der zu
Gebote stehenden, kinematisch als elementar anzusehenden Körper
nach den Gesetzen der Ketten- und Paarbildung die geeigneten
kinematischen Ketten xmd Elementenpaare zu gestalten haben. Sie
stösst theils auf unlösbare Schwierigkeiten, theils liefert sie Resul-
tate, welche nicht verwerthbar sind, hat deshalb eine praktische
Bedeutung nicht zu gewärtigen. Die indirekte Synthese bildet
und ordnet erstens als spezielle Synthese die möglichen Elemen-
tenpaare, und verbindet zweitens als allgemeine Synthese die ge-
fandenen Elementenpaare zu kinematischen Ketten. Aus den
regelmässig geordneten Gebieten der Paare und Ketten hebt sie
536 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
darauf die für den einzelnen Fall geeignete Verbindung heraus.
Selbstverständlich bildet sie diese letztere zum Mechanismus und
diesen zur Maschine aus. Ihr allgemeines Verfahren beim Heraus-
Fig. 362.
ßn«matueh€
Synthese
o
V
BttlSmmie Bleinu-Paart
Mcickiu
c
Mtchiu
^
•»/
Bestimmte kinem. Kttten
heben der geeigneten Verbindung, aus der Gesammtzahl der ver-
fdgbaren ist die Induktion.
Wir müssen jetzt sehen, zu welchen Resultaten uns die nun-
mehr ausgewählten Wege führen.
§. 142.
Synthese der niederen Elementenpaare.
Die in §.55 von uns festgestellten Gattungszeichen für die
kinematischen Elemente waren zwölf an der Zahl, und zwar hatt**n
wir zehn Zeichen für die stan-en Elemente:
DIE NIEDEBEN ELEMENTENPAARE. 537
S Schraube, H Hyperboloid,
R Drehkörper, G Kugel,
P Prisma, A Drehkörperausschnitt,
C Cylinder, Z Zahn,
K Kegel, V Gefäss,
und zwei Zeichen für die bildsamen Elemente:
T Zugkraftorgan, Q Druckkraftorgan,
in Summa zwölf Namenzeichen.
Wir besprechen zuerst die starren Elemente, beziehungsweise
ihre Verwendung in Paaren. Zunächst haben wir aber zu bemer-
ken, dass das Element V nur mit dem Druckkraftorgan Q gepaart
wird , also fiirsi erste hier ausser Betracht bleibt. Sodann ist .G
nur das Zeichen für einen besonderen Drehkörper, ist also unter
R mit einbegriflFen ; letzteres gilt auch von Ä als dem Ausschnitt
aus einem an sich schon bestimmten Körper. Somii bleiben denn
die sieben Elemente
o, jB, jP, jt/, ä, C, Z
zur synthetischen Verwendung. Von den hieraus herstellbaren
Elementenpaaren sind uns bereits vollständig bekannt die drei
wichtigen ümschlusspaare, von uns für gewöhnlich niedere
Paare genannt:
StS" oder (S) das Schraubenpaar,
RtR~ oder (R) das Drehkörperpaar,
PtP^ oder (P) das Prismenpaar.
Das Beiwort „nieder" müssten wir, streng genommen, um Ver-
wechslungen zu vermeiden, beim Schrauben- und beim Drehkörper-
paar stets hinzufügen; doch haben wir bereits gesehen, dass das-
selbe für gewöhnlich wegbleiben kann. Für (R) schreiben wir auch
gewöhnlich (C) und nennen das Paar Cylinderpaar, können aber
jeden Augenblick auf die allgemeine Form (R) zurückkehren.
Die beiden Paare (R) und (P) lassen sich gemäss §. 3 als
besondere Arten der Gattung (S) auffasseli. Setzen wir die Grösse
der Tangente des Steigungswinkels als Exponenten dem Zeichen S
an, wie wir früher, §. 56, beim Hyperboloid bereits gethan haben,
so haben vfir (S°) = (R) und (S*) = (P). Wir dürfen also, wofern
wir in die Lage kommen, nur Gattungen unterscheiden zu wollen,
die niederen Paare unter dem Symbol (S) zusammenfassen, oder
haben, mit anderen Worten, bei ganz allgemeiner Klassifizirung,
wie es für die Synthese erforderlich sein kann, nur das einzige
Umschlusspaar (S) aufeuzählen.
538
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
§. 143.
Die einfacheren höheren Elementenpaare.
Das Element R eignet sich ausser zur Bildung des UmscUuss-
paares (R) auch noch zur Bildung eines höheren Paares, z. B. eines
solchen, zu welchem die cylindrischen Reihungsräder, Fig. 363, ge-
hören, welches Paar mit der Formel (7,C oder allgemeiner R^Rm
schreiben sein würde. Suchen wir auch hier alsbald die Gattung
auf, zu welcher jB,B als Art gehört, so finden wir diese in dem
Paare, welches aus allgemeinen Hyperboloiden zusammengesetzt
ist, und H^ä geschrieben wird. Aus demselben leiten sich das
Paar von unrundem Kegel, JfiJT, und das von unrunden Cylindern,
C,C^, als Arten ab. Wir haben zahlreiche Ausführungen des letzteren
Paares in der Form der Bogenscheiben (§. 21, flF.) kennen gelernt
Ein allgemeines Beispiel zeigt Fig. 364.
Fig. 363.
Fig, 364.
Bei weitergeführter Vereinfachung der Form gelangen wir zu
dem Paare iJ,B, welches wieder einzelne bestimmte, aber immer-
hin allgemeine Formen annimmt. Wir wollen hier, wie wir bisher
schon öfter gethan, suchen, die Paare durch einzelne Grossbuch-
staben auszudrücken. Dies geht recht gut an, weil die beiden
Partner stets gleiche Buchstaben habeq. Wir haben nur bei den
Paaren aus Drehkörpern die Verwechslung mit den Umschluss-
paaren zu vermeiden. Dies kann dadurch geschehen, dass wir
dem Namenzeichen ein Komma beiseftzen. Demnacb haben
wir hier vor uns die Gattung : .
H^S oder (H,) das allgemeine Hyperboloidpaar.
HÖHERE ELEHENTENPAABE.
539
Dasselbe ninunt die folgenden ihm untergeordneten Artfor-
Fig. 385,
&,& oder {&,) Kurven-Kegelpaar,
C^Ö oder {Ö,) Kurven-Cylinderpaar,
R,R oder (B,) allgemeines Drehkörperpaar.
Letzteres zerfällt wieder in die besonderen Formen :
H,H oder (fll) Normal-Hyperboloidpaar,
K,K oder {K,) Normal-Kegelpaar,
C,C oder (C,) Norinal-Cylinderpaar,
Zwischenformen zwischen den allgemeinen und besonderen
gibt es auch, so die Form //,S, welche in Fig. 3ü5 dargestellt ist,
und bereits früher besprochen
wurde, auch die eines Plan-
hyperholoides H" mit einem
Normalkegel K •). Diese Zwi-
schenformen fallen unter das
Klassenzeichen (fl,) bezie-
hungsweise (fl,), indem die
Schraube in Fig. 365 iu ihrer
Eigenschaft als Regelfläche,
d.i. ^auftritt, ihre Eigenschaft
als Schraube S aber erst in
zweiter Linie steht.
Das Paar C,C ist zu unter-
scheiden von dem Umschluss-
Cjlinderpaar; für gewöhnlich
ist es angemessen, {R,) statt
(C) zu set;teD, damit Verwechs-
lungen vermieden werden. Als
besonderer Fall des Paares (C,)
ist das Paar aus Cylinder und
Prisma CJ* zu bezeichnen, welches entsteht, wenn der eine der bei-
den Cylinder von unendlich grossem Halbmesser gewählt wird. Als
verkürztes Paarzeichen kann das Zeichen (C,^) dienen, wobei das
zwischen C und p gesetzte Komma deutlich macht, dass C und P
zu höherer Paarung verbunden sind.
*) Siehe i
> KoDBtTQkteur, III. Aufl., 8. ■(
XIII. KAP. KIKEMATISCHE 8TNTHE8B.
Die einfeoheren höheren Elenwr ^' C ^
^ f "»-1
Das Element R eignet sich ausser zi-^ 5 ^ % %
paares (R) auch noch zur Bildung ein^- % j^ ^ f p
solchen, zu welchem die cylindrisch^ f '^' % % % ^
hören, welches Paar mit der Fonar ^ f ^. 4 ^ -^
schreiben sein würde. Suchen vf^ % t-- ';^' ^ "^
auf, zu welcher B,S als Art ff^ ?' ;'; ";i, -^
Paare, welches aus allgeme;/ J ■' "j;" ", f. vr ^
ist, und ir,Ä' geschrieben j. ^ ' i- u '-
Paar von unrundem Keg'; '; .
CC, als Arten ab. Wir '; .^ - '.
Paares in der Form ? ; ^ •: ;
Ein allgemeines Beiv '' ■ ' ' '•
Fig. it. ■ V ; " ■
. äO, wo die wirkliche Existenz dieser Art Paare besproclien
f* Betrachten wir zunächst Zahnräder mit kreisförmigen Pol-
^»bnen, so können wir diese unter dem Symhol;
B„B, oder (Ä,) als runde Zahnräder
zusammenfassen. Die dieser Gattung angehörigen Arten sind:
H„H, oder (H.) Hyperbelräder,
K„K, oder (A',) Kegelräder,
C„C, oder (C,j Stirnräder.
Die Zähne dieser Räder sind im allgemeinen als Rt^etHächeD
vom Karakter der Axoide, zu denen sie gehören, aufgvfasst ; gibt man
den Zahnkauten aber einen scliraubeiiTürmigeu Verlauf, su geht R,
ZAHNBÄDEB, KURVEN8CHÜB. 541
^ie allgemeinste hierbei eiltstehende Gattung hat die
>> ^ S als Zahnform , ist also ä, R^ oder auch (Ey)
•^- ^ 'hr untergeordnete Arten haben wir die Paare :
'perbel-Schraubenräder,
p %* ^^ l-Schraubenräder,
"V *^ . '^ -^hraubenräder.
./^ % \ Elementenpaar einbegriffen, welches
'% % \ "^ -0 in der Form 8,8 oder (8,) her-
<> % '^ "^ 'ergl. Fig. 367. Wir ziehen für
^ . V *% "hreibweise (C.) vor. Indessen
'>;, ^^ ' *\ 'chen (S,) beziehungsweise
> '^•j^ %. '^ ^ ^ ^^^^ ^^^^ 8^^ verwer-
'^ *^;, ' ^ hten haben, dass aus
* üUender Schrauben
nschlusspaar (S)
aen kann, was wir
^ü wir höhere Gattungen von
*.ü verzeichnen, solche nämlich, bei
v.nt kreisförmig sind. Wir erhalten
^on:
(H.) , (H,) und (H.)
-ügQleiteten Arten:
(ZJ , (^0 und (k.)
(CJ , (CO und (C).
Die Zwischenformen H^,K^ (hyperbolisches Planrad mit Kegel-
rad), //„S,, entsprechend Fig. 365, sind unter dem Gattungszeichen
mit einbegriffen. Dasselbe gilt von denjenigen Paaren, bei welchen
ein Stirnrad in eine Zahnstange P, übergeht, indem hierbei P als
besondere Form von C auftritt.
§. 145.
Zurvenscliiib - Paare.
Als eine besondere Nebengattung, welche aus der Gattung (jhf,)
sich abzweigt, ist das Paar zu bezeichnen, welches in den Kurven-
schubgetrieben, Fig. 368 und 369 (a. f. S.), zwischen den Gliedern
a und b besteht. Hier insbesondere ist es ein unrunder Cylinder C
542 ~ XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE,
mit einem Zalm Z; im aHgemeineti wird es ein unrundes Hyper-
boloid K mit einem allgemein profilirten Zahn 2 Bein. Das Paar,
Fig. 3fl9.
Fig. 368.
welches aU allgemeines Kurvenschubpaar zu bezeichnen wäre,
ist zu schreiben:
7?,^ oder (Ä;;).
Die abzuleitenden Arten sind neben (if,,) noch:
(i",j) und (z;.)
(Üi) und (C).
Hierher haben wir auch gemäss §, 120 die in den Gesperreo.
Fig. 370 und 371, angewandten Paarungen zu rechnen. Sie sind.
Fig. 370.
Fig. 371.
wofern es sich um gezahnte Drehkörper handelt, gemäss §- 119
zu schreiben (B,;) und iJ,:). Demnach hcissen sie in der allg<^
meineren Schreibweise:
(Ä;;) and (fi,:),
aus welchen, wie bei den ZulinrÜdem, die untergeordneten Formon
TABELLE BEB ELEMENTENPAABE.
543
abzuleiten sind. Auch hier sind die Fälle der Zahnstange als Ab-
arten, welche beim Uebergang von C in P erhalten werden, mit ein-
begriffen.
§. 146.
Zusammenfassung der Paare aus starren Elementen.
Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass sich die Paare, welche
aus den starren Elementen gebildet werden köimen, so ordnen
lassen, dass man jedes einzelne womöglich auf eine nächst höhere .
Form zurückbeziehen kann, bis man zu einer umfassenden und
doch noch klar ausgesonderten obersten Form gelangt. Auf diese
Weise entstehen regelmässige Ueber- und Unterordnungen, bei
welchen wir als die oberste Form die Klasse, also die von uns
gewählte äussere Eintheilung, als die nächsttiefere allgemein die
Gattung, und als darunterstehend die Art unterscheiden können.
Stellen wir hiernach die aufgeführten Elementenpaare zusammen,
so erhalten wir folgende Uebersicht.
Die Paare aus starren Elementen.
Klasse
Gattungen
I.
(S,) ..
(S)
n.
(fi,) ..
. (Ü,) , (K,) , (ü,) . .
lU.
(A.) ..
. (ß.) , (Jt.) , (Ö.) . .
IV.
(B-.) ..
. m , (K-.) , (C) ..
V.
(S.) •■
. (Ä.) , (K.) , (A) . .
VI.
(S.0 . .
. (Ä.;) , (K.-) , (Co . .
vn.
(S.-) . .
. (ß.:) , (^:) , (6'.:) . .
Arten
(8)
, (i^)
, (P)
. (H,)
, (Jf,)
. (C,)
• w
, (i^.)
. (C.)
■ (^0
, (ÄO
, (C-.)
. (S.)
, Ä)
> (C.)
■ (H.-)
, (Kö
, (C.0
■ WO
, (^.0
, (C.0
Wir haben hier sieben Klassen von Paaren, welche die Ge-
sammtheit der hier in Betracht kommenden Paare und ihrer viel-
gestaltigen Ausführungen in sich begreifen. Jene besonderen Gat-
tungen und Arten, welche beim Uebergang von G in P, sowie auch
von H in If und K in K° entstehen, können als Varietäten der
Gattungen und Arten durchweg nebenhergeführt werden. Fälle,
544 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
welche scheinbar aufs äusserste verwickelt sind, wie z. B. die Pa-
tronen oder Rosetten der Guillochirmaschinen mit ihren Führstüten,
sind in unserer Eintheilung mit einbegriffen; diese, oftmab in den
freiesten Formen gehaltenen Paare zählen in Klasse EL. Ganz
freie räumliche Gestaltungen lassen sich nöthigenfalls unter' die
Klasse I. bringen. Im Ganzen ist die erhaltene Zahl klein aus-
gefallen, trotzdem wir in der bestimmten Unterscheidung von
Eigenthümlichkeiten, welche man am Ende auch noch unter
anderen Formen hätte mit einrechnen können, wie z. B. Erlasse \1
und VII nicht sparsam gewesen sind. • Der Hinblick auf den prak-
tischen Zweck unserer Untersuchung liess es aber angemessen
erscheinen, die Eintheilung recht deutlich zu machen.
§. 147.
EXementenpaare mit Zuerkraftorganen.
Die Zugkraftorgane Band Tp, Seil T., Draht T,, Gliedkette T.,
Gelenkkette T,, haben hinsichtlich der Art und Weise, in Elemen-
tenpaare einzugehen, Eigenschaften, welche in dem Symbol T allein
mit ausgedrückt sind. Wir brauchen deshalb bloss dieses aus der
ganzen Reihe bei der Klassenbildung zu berücksichtigen. Die
Paarung von T mit anderen Elementen findet so' statt, dass dem
Kraftschluss, und zwar einem durch Zug bewirkten, stets Rechnung
getragen wird. Das Organ T wird deshalb nur um „positiv** *j
gestaltete starre Elemente herumgelegt, mehr oder weniger herum-
gewickelt, zu welchem Ende dem starren Elemente eine besondere
Formung zu Theil wird.
Fangen wir wieder bei der Schraube an, so finden wir in der
Verbindung von T mit S sowohl niedere als höhere Formen viel-
fach in Anwendung. Die gewöhnliche Kettentrommel eines Kraus
bietet uns das Paar /S,T, welches wir verkürzt (S,i) schreiben kön-
nen ; ganz dieselbe allgemeine Formel gilt für die cylindrische Seil-
trommel, um welche sich ein Seil schraubenförmig herumlegt, in-
dem hier der Cy linder als Schraube aufzufassen ist (vergl. §. 15).
Höhere Schrauben, S, sind gar nicht selten mit T gepaart zu fin-
den, so in der Kettenschnecke der Spindeluhr, Fig. 372, auch der
•) Siehe §. 56.
ZUOKRAFTOROÄNE. 545
koniBchen Schneckentrommel , welche neuerdings für die Förder-
maschinen der Gruben wieder sehr in Gebrauch kommt, ebenso in
Fig. 372.
der Seilschnecke des Spinnstuhles, Fig. 373. Auch das Konoid mit
schraubenförmiger Seil-Bewicklung, Fig. 374, gehört hierher. Wir
Fig. 373.
Fig. 374.
haben also hier Vertreter der Elementenpaare der Klasse (B^) vor
uns , zu welcher die vorhin angezogene Gattung (S,t) als weniger
hohe Form gehört Beim
XJebergang von S in ü
erhalten wir die Art (B,(),
wovon Fig. 375 zwei Bei-
spiele darstellt.
Die nächste Klasse wird
durch die Paarung von T
mit ö geliefert, und heisst
(ä,t). Als Vertreter der
Art (C-^) ist das Paar aus
SeiHrommel und Band-
546 XIII. KAP. KINEMATISCHE 8TNTHEBE.
sei), welches letztere Bich in wiederholten SpiralwindimgeD anflegt,
anzuführen.
Mit £[, läest sich die Kett« T, paaren. Es ectsteht die Klasse
(BJ) mit vielen Anwendungen.
Die Verbindungen des Elementes T mit den starren Elementen
£[; und ä, können in die Klasse (S,t) gezählt werden ; wir hraucben
sie deshalb hier nicht gesondert aufzuführen.
Gesperre, welche auf Zugkraftorgane angewandt sind, kom-
men vor, ja sind neuerdings wieder häufiger geworden. Sie sind
sowohl einseitig wirkend, d. i. als laufende Gesperre auBgefubri
wie bei Flaschenzügen, als auch zweiseitig wirkend oder als ruhende
Gesperre; letzteres in der Fowler'&chen Klappentronunel, siehe
Fig. 376 , welche für den Betrieb des Damp^Äuges und für die
Pig. 376.
Fig. 377.
Schilfstauerei so ausgezeichnete Dienste leistet. Wir haben somit
die beiden Klassen (ä,f;) und (JS,ti) nicht bloss als theoretisch
angebbar, sondern auch als praktisch belegt anzuführen. Ist in
einem Gesperre der vorliegenden Art T in der Form T,, d. l als
Gliedkette ausgeführt, wie z. B. im Bernier'schen Aufzog, so
kommt statt H das Element H, zur Verwendung. Somit sind aach
die beiden Klassen (S„l;) und (S,,t:) au&uzablen.
Wir hätten somit die sieben Klassen der starren Elemente
durchlaufen und bei jeder die Einführung des Zugkraflorganes mög-
lich gefunden. Noch ist aber eine letzte Paarung ausfuhrbar. Es
ist diejenige des Zugkraflorganes mit seines Gleichen. Wir be-
sprachen diesen Fall bereits in •§. 131 bei der Erörterung des
Spinuprozesses, haben aber auch in der Wrillfeder, Fig. 377, ein
BRÜCKKRAFTOBGANE. 547
Beispiel vor uns. woselbst die deutliche Paarung T,T als eine schon
sehr früh benutzte uns begegnet Das Symbol für diese Klasse
von Elementenpaaren ist (T,).
§. 148.
Elementenpaare mit Druckkraftorganen.
Das Druckkrafborgan Q nimmt, wie wir aus §. 56 wissen,
mehrere besondere Formen an, nämlich die flüssige Qx^ die gas-
förmige Qy^ und die kömige oder kugelige, Q^ oder Q^, Obwohl
diese Formen nicht wenig von einander verschieden sind, lassen sie
sich doch hinsichtlich der kinematischen Paarung durch das all-
gemeine Symbol Q ausdrücken.
Das Element Q kann vermöge des Umstandes, dass es in allen
Richtungen mit Ausnahme derjenigen auf Zusammendrückung als
widerstandslos anzusehen ist, auf die mannigfachste Weise mit star-
ren Elementen gepaart werden. Daher ist seine Paarung mit allen
den Elementen aus den Paarklassen I bis.V, §. 146, ausführbar,
indem man einen der beiden gleichen Partner jener Paare durch
ein Druckkraftorgan ersetzt. Die Turbine, die Schiffsschraube, das
Wasserrad, die Eapselräderwerke, die Knetmaschinen u. s.w. liefern
hierzu zahl- und formenreiche Beispiele. Wir erhalten demnach
hier die Klassen:
Noch liessen sich die Klassen (if;,^) und (JT.,^) unterscheiden ;
wir können dieselben indessen ganz wohl unter (/§, J mit einrechnen.
Femer aber finden auch die Gesperre, und zwar sowohl die
laufenden, als die ruhenden, bei den Druckkraftorganen Anwendung,
nämlich in der Form der Ventile, wie wir aus §. 126 wissen.
Fassen wir das Sperrstück auch hier als Zahn, Z, auf, was im Hin-
blick auf die Formen der Gesperre ails starren Elementen sehr
wohl angeht, so haben wir hier wiederum zwei Paarklassen zu
verzeichnen, welche wir schreiben können:
((?,.;) und ((?,.:).
In keinem der vorgeführten Fälle ist übrigens die Paarung
statthaft, ohne dass nicht gleichzeitig eine andere ausgeführt wäre,
35*
548
XIII. KAP. KINEMATISCHE STNTHE8E.
diejenige nämlich des Drackkrafborganes mit dem Gefasse oder
der Kapsel F~, Fig. 378. Derselben steht ausserdem gegenüber die
Fig. 378. Fig. 379.
Paarung mit dem Verdränger oder Kolben F^, Fig. 379, so dass
wir diese Klasse von Elementenpaaren im allgemeinen schreibeii
können :
Schon früher, §. 41, haben wir gesehen, dass diese Art von
Paarung sich auch auf die Zugkraftorgane ausdehnen lässt und
ausgedehnt findet, wie bei der im Gerinne geführten Gelenkkette,
Fig. 380, und bei der Druckgurtbremse, Fig. 381 ; auch wissen wir,
Fig. 380. Fig. 381.
m
h 'cyo Q>b"df'
1
dass dasselbe Prinzip in gewissen Arbeitsmaschinen zurHerstelluüg
von Drahtwaaren Anwendung findet. Wir sind indessen nicht ge-
nöthigt, deshalb eine Klasse von der Form (F,0 aufzustellen, son-
dern können in den angeführten Fällen das verwendete bildsame
Element als ein Druckkraftorgan ansehen. Somit hat es denn bei
der Klasse (F,J sein Bewenden.
Eine andere, bemerkenswerthe Paarung von Q ist aber die-
jenige mit T. In der That kann Q ganz gut mit einem Zugkraß-
organ gepaart werden, wenn letzteres die Form T, oder T,, d.L
diejenige der Kette aus Gliedern oder Gelenkstücken besitzt
Die Paternoster-Pumpwerke, seien sie mit Kübeln, seien si<*
mit Kolbenplatten ausgerüstet, die Becherwerke der Mühlen und
der Getreidespeicher, die Baggermaschinen u. s. w. geben sattsam
Beispiele hierzu ab. Man könnte darauf kommen, die gefUssformi^e
Gestalt der Kettenglieder in dem Zeichen besonders auszudrücken-
z. B. ein mit Zellen ausgerüstetes Zugkraftorgan T, zu nennen;
BILDSAME ELEMENTE. 549
allein diese Ausführlichkeit ist entbehrlich, da die Anschreibung
einer Paarung zwischen T, und Q schon an sich ja ausdrücken
kann, dass die geeignete Ausrüstung des Zugkraftorgans, vermöge
dessen es das Druckkraftorgan mit sich fortzuführen vermag, vor-
handen sei; mit änderen Worten: wir setzen die Möglichkeit der
Paarung von T mit Q da immer schon voraus, wo wir bis zur Bil-
dung einer Formel für ein solches Paar vorgehen. Manchmal be-
darf es übrigens gar keiner besonderen Ausrüstung, wie die Ver an-
sehe sogenannte Seilpumpe zeigt, bei welcher ein blosses Seil, T.,
durch Adhäsion Wasser in die Höhe führt*). Somit haben wir
denn hier eine Klasse von Elementenpaaren vor uns, welche in der
Praxis reich vertreten ist, und können dieselbe unter dem allgemei-
nen Zeichen (T,,) zusammenfassen.
Endlich sind noch, analog der Paarung von Tmit T, Paarun-
gen von Q mit Q ausfuhrbar. Dieselben treten uns in ziemlicher
Häufigkeit in einer Form entgegen, welche wir durch das Zeichen
(QyyX) ausdrücken können; es handelt sich um die Windkessel der
Pumpen, Wassersäulenmaschinen, Spritzen, um die Spiralpumpen,
Wassertrommelgebläse u. s. w. Allgemein können die Paare dieser
Klasse unter dem Zeichen (Q,) zusammengefasst werden.
§. 149.
Zosainmenfassung der Paare mit bildsamen Elementen.
W Bei der summarischen Aufzählung der letztgefundenen Elemen-
tenklassen können wir uns damit begnügen , die allgemeinen Klas-
senzeichen zusammenzustellen, da wir das Verfahren der weiteren
Eintheilung in Gattungen und Arten bereits bei den Paaren aus
starren Elementen kennen gelernt haben. Zu den sieben dort
unterschiedenen Klassen gesellen sich nunmehr:
a) für die Zugkraftorgane die sechs folgenden Klassen :
Vm. (S,t) . XL (ä,t;)
IX. (fi,o xii. (m-.)
X. (ßj) xm. (?,)
♦) Die Seilpunipe, auch Wasserseilmaschine genannt, wird häufig Brunei,
dem Erbauer des Themsetunnels, zugeschrieben. Sie ist bedeutend älter.
Ausführliches bei Langsdorf, Maschinenkunde II, 8. 226, auch Hächette,
trait^ 61. 8. 134.
550. XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
b) für die Druckkraftorgane die acht folgenden Klassen:
XIV. (5„) XVIIL (^,.0
XV. (Ä,J XIX. (F„)
XVI. (fi;„) XX. (i;)
XVIL (^„0 XXI. (Q,).
Ist das Druckkraftorgan insbesondere eine Flüssigkeit, so kann
in der Schreibung das q durch ein A, beziehungsweise ein y ersetzt
werden.
Ein grosser Theil der in diesen 21 Klassen enthaltenen Ele-
mentenpaare konnte durch Beispiele als vorhanden belegt werden;
manche derselben finden sich noch nicht in der Praxis vor. Hier
ist nicht mehr der Ort, ausführlicher auf die einzelnen Paare
einzugehen. Unsere Untersuchung hat aber das bemerkenswertbe
Ergebniss geliefert, dass die ganze Reihe der möglichen Elemen-
tenpaare übersehbar ist, sowie dass sich dieselben sämmtlich syn-
thetisch bestimmen lassen. Hier dürfen wir so verfahren, als ob
dies bereits geschehen sei, und uns nunmehr zu der synthetischen
Aufsuchung der kinematischen Ketten wenden.
§. 150.
Aufsuolmngsweise der einfaolieii Ketten.
Mit den kinematischen Ketten können wir nicht so bestimmt
und unmittelbar verfahren, als es mit den Paaren möglich war.
Während uns bei den letzteren die in Kap. II beleuchtete über-
sichtliche Formenreihe der Axoide einen festen Anhalt bot, können
wir hier davon nur einen nebensächlichen Gebrauch machen, ib
sehr verschiedene Ketten einerlei Axoidgattungen zwischen ihren
Gliede\*n aufzuweisen vermögen. Es wäre der Weg denkbar, da<-
wir eine um die andere Kombination von Paaren zu zweien, dreirn.
vieren, u. s. w. prüften, indem wir jedesmal die Lage der Paare im
Kettengliede regelmässig variirten. Allein die W^eitschichtigkeit
dieses Verfahrens und die sichere Voraussicht, dass viele der Kom-
binationen sich als unnütz, unbrauchbar oder gar unmöglich erwei-
sen würden, lassen es zweckmässig erscheinen, andere Verfahrung^
weisen, sei es auch auf Kosten der äusseren Regelmässigkeit, zur
Anwendung zu bringen.
BTNTHE3E DER EINFACHEN KETTEN.
551
Wir wollen, wie es bei der mathematisclieQ Forschung nicht sel-
teo geschieht, im allgemeinen ein induktives Verfahren einschlagen,
und in jeder Problemreihe den insbesondere zu wählenden Weg den
Umständen anpassen, mit anderen Worten auf jede Weise den
Problemen beizukommen suchen. Ueberhaupt haben wir uns unsere
Aufgabe hier so zu denken , dass augenblicklich die Synthese der
Ketten nur mehr zu markiren, als vollständig durchzuführen sei.
Aus den angeführten Gründen beginnen wir auch nicht mit der
allgemeinen, irgendwie zusammengesetzten, sondern mit der ein-
fachen Kette, die wir ja in wichtigen Grundeigenschaften schon
genauer kennen. Gute Dienste kann uns hier der am Schluss von
Kapitel XI gefundene Satz leisten, wonach die zwangläufige Kette
in der Reihe der herstellbaren Gliedverbindungen zwischen einer
übermässig und einer zwanglos geschlossenen Verbindung mitten
inne liegt. Wir können nämlich demnach aus einer sich darbieten-
den übermässig geschlossenen Verbindung durch induktives Zufügen
von Gliedern, aus einer zwanglos geschlossenen durch induktives
Herausnehmen von Gliedern zur zwangläufig geschlossenen Kette
gelangen. In der Reihenfolge der Probleme wollen wir suchen,
einigermaassen derjenigen der Paare treu zu bleiben, ohne uns
indessen daran allzufest zu binden.
Die Sohranbenkette (S'^).
Verbindet man drei konaxiale Scbraubenpaare zu einer ein-
fachen Kette, 80 erhält man die in Fig. 382 dargestellte Einrichtung,
Pig. 382.
welche wir alsbald konzentrirt anschreiben wollen. Die Formel
lautet (Si). Diese Kette bildet eine Klasse für sich. Die drei
552
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
Aufstellungen auf a, b und c liefern drei von einander dem Wesen
nach nicht verschiedene Getriebe. Es ist mir nicht bekannt, ob
eines derselben sich in der Praxis findet
Neben der Gattung, welche die Klasse (SJ) selbst vorstellt,
hat sie besondere Gattungen, welche dadurch entstehen, dass die
Bine oder andere der Schrauben in einen der Grenzfalle S* = P
oder S^ = R oder C übergeht
In der in Fig. 383 dargestellten Kette sind die Paare 1 und
2 = (S) gebUeben, 3 in {S") = (P) übergeführt; die Formel lautet
Fig. 383.
, (S^Py Aus dieser Kette lassen sich zwei Arten von Mechanismen
bilden. Die Getriebe (5^^)« und (SJF)^ sind gleicher Art Sie sind
unter dem Namen der Differenzialschraube, deren Erfindung
sowohl Prony als White zugeschrieben wird, bekannt Der Leser
ist durch unsere früheren Untersuchungen in den Stand gesetzt,
in der sogenannten Hunter'schen Presse*), dem Differenzial-
Schraubstocke**) u. s. w. nur solche Abänderungen von (SJFr
zu erblicken, welche durch Paarumkehrung und angemessene kon-
struktive Lagerung entstehen. Der Mechanismus (S^f)' scheint
bisher nicht angewandt zu sein.
Macht man die Paare 2 und 3 = (S), Paar 1 = (S») = {€},
so entsteht die in Fig. 384 dargestellte Kette (iSJC), welche die
beiden Mechanismenarten (S'^Cy = (SJC)' und (S;C')' liefert.
Letzteres Getriebe scheint neu; ersteres ist angewandt, u.a. mit
Glück von Skinnerin einem Steuerrudergetriebe***), welches in-
dessen ein zusammengesetztes Getriebe ist.
Wird das Paar 1 = (S') = (C), das Paar (3) = (iS") = (P)
gemacht, Paar 3 allein = (S) belassen, so entsteht die von uns
*«
*) S. Moseley, IngenieurkuDst (deutsch von Scheffler) I, S. 457.
) Siehe ebenda S. 456, auch Weisbach Mech. III. 1. 8. 288.
•) Eugineer, 1868, Bd. XVI. 8. 182.
DIE 8CHBATJBBSKETTB.
schon wiederholt betrachtete Kette (S'P'C) Fig. 385. Sie liefert
die drei Mechanismen (S'P'G')', (S'F'Cy und (S'P'C)', von
Fig. 3S4.
denen namentlich der erste, wie wir wissen, zahlreiche Anwendun-
gen findet, (vergl. §§. 43 und 107).
pi„ 3g5_ Die Synthese hat uns hier,
wie wir sehen, vier Kettengat-
tungen, welche sieben Mecha-
nismen ergeben, geliefert, drei
dieser Mechanismen erscheinen
neu. Wenden wir nun hier
alsbald die Methode an, eines der starren Elemente durch ein
bildsames zu ersetzen.
Die Einführung von Zagkraftorganen liefert keine brauch-
baren Ergebnisse, wohl aber die der Druckkraftorgane. Ersetzen
wir zunächst in der letztgefnndenen Kette (S'P'C) das Glied b
durch eine Flüssigkeit, so können wir aus derselben verschiedene
gangbare Mechanismen bilden. Die ausfuhrliche Formel lautet:
a b c
C+...|...S,e Q,P...\...CZ
und, wenn die Kette auf Glied e gestellt wird, konzentrirt : (S|, P|, C')'.
Wählen wir nun a als treibendes Glied, so erhalten wir die Ma-
schine (S'^F',^C')t. Diese Formel stellt dar: die Schraubenpumpe,
die archimedische Wasserschraube, den Schraubenventilator, das
Hauptgetriebe der Schlickeysen'schen Thonprease u. s. w.
Ist bei demselben Mechanismus das Druckkraftorgan b das
treibende Kettenglied, worauf die Formel wird: (S'^P'^C')t, so
st«Ut diese die ein&che äcbraubenturbine ohne Leitrad dar*).
Stellen vrir b fest und lassen a treibend wirken, so erhalten
wir die Formel (S'^\C')T, welche das Hauptgetriehe des Schrau-
*) Z. B. die bei Leblasc beichriebeoe Turbine dar Hühle von Bt. Haut.
554
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
bensciliffes vorstellt; und zwar ist a die Triebscbraabe, c das Schiff
mit Steuer, b das Wasser.
Auch das Getriebe in Fig. 384 ist in einer bek¬en Maschine
angewandt. Ersetzen wir nämlich wieder b durch ein Druckkraft-
organ, insbesondere durch eine tropfbare Flüssigkeit, so lautet die
ausführliche Formel:
C^...\...S,Q)....Qx,S...\...Cl
Die Kette auf c stellend und die Flüssigkeit Qx zum treiben-
den Gliede miachend, erhalten wir das Getriebe (i?i,C)k, welches
j,j ggg dasjenige der Jonval- oder Henschel-Turbine,
Fig. 386, ist Wegen der Güte der Wasser-
wirkung werden die beiden Schrauben 2 und
3 als höhere Schrauben au^eführt, wonach
denn bei strengerem Eingehen für Sj, dtts
Zeichen S,x zu setzen wäre.
Abermals haben sich hier verschiedene
Maschinen nebeneinanderstellen und auf die-
selbe Idnematische Kette zurückfuhren lassen,
welche in der Maschinenpraxia weit ausein-
anderliegen. Auf andere Schraubenketten
werden wir in §. 154 s
Oyllnderketten.
Schon weiter oben, Kapitel VHI., haben wir Gelegenheit ge-
habt, die aus Cylinderpaaren gebildeten Ketten in den Formen (C',\
und (C^) kennen zu lernen, und zwar ordneten wir dieselben in
12 Klassen und fanden den letzteren 54 Mechanismen angehori;.
Thatsächlich war unsere damalige Untersuchung mit einer rein
syntbetisclien sehr nahe verwandt, so dass wir sie hier dafür nehmen
können , um Wiederholungen zu vermeiden. Sehen wir daher tu.
welche einfachen Ketten sich femer noch aus den Elementenpaaren
von der Form (C) bilden lassen.
Wenn wir vorerst auf drei Cylinderpaare, die za einer ein-
fachen Kette verbunden werden, zurückgehen, so bemerken vir,
CYLINDEBKETTEN.
555
dass sich diese zwar verketten lassen,' aber nur übermässig ge-
schlossene Verbindungen liefern, Fig. 387, die also ausser Be-
tracht fallen.
Fünf Stück parallel oder konisch geordneter Cylinderpaare
in einlacher Kette liefern eine zwanglos geschlossene, also
ebenfalls ausser Betracht fallende Verbindung. Wenn man aber
zwischen parallele Cylinderpaare geneigte oder geschränkte ein-
schaltet, z. B. in der Weise, wie es Fig. S^S andeutet, so kann man
fünf Cylinderpaare zu einer einfachen Kette vereinigen. Die Paare
3 und 4 bilden hier ein Kreuzgelenk, welches unter den möglichen
Drehungen von d gegen b auch diejenige gestattet, welche bei
direkter Paarung beider erreichbar wäre. Dieser Fall ist indessen
nur ein besonderer der sechsgliedrigen Cylinderkette , welche
Fig. 389 in zwei Formen darstellt. Hier sind auch die Achsen 1
Fig. 389.
und 6 geschränkt angenommen, ausserdem sowohl bei 2 bis 3, als
bei 4 bis 5 Kreuzgelenke oder geschränkte Gelenke eingeschaltet,
w^ie in der Zeichnung schematisch angedeutet ist. Man könnte in
den GUedem a^ c^ e^ f eine geschränkte Kurbelkette erblicken,
welcher die Doppelgelenke bei 2 bis 3 und 4 bis 5 die erforder-
liche Beweglichkeit geben. Geschränkte Kurbelgetriebe, welche
aus dieser Kette gebildet sind, kommen in der Maschinenpraxis
vor, z. B. bei Hobelmaschinen zur Hin- und Herbewegung eines
556
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
hebelfbrmigen Riemenführers. In der That ist die Kette reich an
besonderen Fällen, in welche sie übergehen und Mechanismen
liefern kann. Man kann sie allgemein mit dem Zeichen (Cy ) schrei-
ben. Die besonderen Formen, in welche sie übergeht, systematisch
durchzunehmen , würde hier viel zu weit fuhren , wie der Hinblick
auf die weit einfachere Kette (C'^% Kap. VIII, ermessen lässt Doch
ist es am Platz, einige einzelne Fälle, die die Praxis uns bietet, in
aller Kürze zu besprechen.
Es ist nämlich zu bemerken, dass die Praxis die Anwendungen
von (Cq+) gerne noch so ausführt, dass das Prinzip der Vermin-
derung der Gliederzahl (vergl. §. 76) zur Anwendung gebracht
wird. Um das richtige Verständniss zu erlangen, muss die Analyse
die weggeminderten Glieder wieder einfügen oder eingefugt an-
nehmen.
Als Beispiel sei der in Fig. 390 dargestellte Mechanismus an-
geführt. Er dient hie und da noch als Getriebe zur Viertelsdrehung
Fig. 390.
von Weichensignalen, deren
man eines mit e verbunden
anzunehmen hätte. Von den
vorhandenen Gliedern sind
c und / rechtwinklig ge-
schränkt, a und € haben pa-
rallele Cylinder; die Gheder
b und d sind weggemindert
Demzufolge vollzieht c mit
seinen beiden geschränkten
Hohlcyündern 2 und 4 auf
den VoUcylindem an a und
e höhere Schraubenbewegungen. Um die Kette wieder vollständig
zu machen, hätte man die beiden Glieder b und d, jedes von der
Form C"". ..||...P'^ einzuschieben und die Elemente an c prisma-
tisch (als Hohlprismen) zu gestalten.
Ein anderes Beispiel liefert ein Mechanismus, welchen Robert-
son für die Dampfmaschine vorgeschlagen hat*), siehe Fig. 391.
Da8GliedahatdieForm(7+ ..||...C7+; dasGUed6,=(7".. ||...P*,
ist weggemindert, das Glied c aber vorhanden. Wegen der Wei;-
minderung von b hat es nicht seine eigentliche Form P.,.±...(\
*) Artizan, 1871 (Bd. XXIX.) S. 2; siehe auch Bevue industrieUe, 1874,
Juni, 8. 192; danach Dingler's Journal 1874, Bd. 213. 8. 183.
HÖHERE KURBELOETBIEBE. 557
sondern die Form C. . . J. , . . C erhalten. Es wird erfasst von dem
Gliede d^C...\\...C. Dieses Glied benutzt Bobertson als Kolben-
stange, d. i. als treibendes Glied der Kette, hat aber zugleich das
Glied e^C...\\...P noch weggemindert, so dass der Kolben d eine
geradlinig hin- und hergehende und zugleich oscillatoriscb drehende
Bewegung zu machen gezwungen ist Die konzentrirte Formel des
Fig. S91. Fig. 3*2.
Mechanismus würde lauten ohne Vermindernng:(C"C"P-'-(7'C"P-^):,
also bei der stattgehabten Verminderung um b und e, und wenn man
die aufeinanderfolgenden Zeichen-gleicher Art noch zusammenzieht:
Ob die vorgeschlagene Maschine zweckmässig sei oder nicht,
lassen wir unerörtert; sie dient uns aber hier als ein Probestück
der empirischen Synthese, welcher die Schaffungsfreude über alle
Ausführungsschwierigkeiten hinaaahilft.
558
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
Robertson hat die Maschine auch noch in einer anderen Form
der Kette zur Ausfuhrung gebracht, siehe Fig. 392 (a. v. S.). Hier
ist nur e weggemindert, die Aneinanderreihung der Glieder aber
etwas anders gewählt. Sie lautet bei Vervollständigung der Kette
um e\ (C"(7-*^C-*-P-^C"P-^)d, also, möglichst gedrängt geschrieben,
und bei Andeutung der Verminderung: (C"C^P-^(7"P-^)a — e. Es
wird dem Leser nicht schwer werden, noch andere als die hier vor-
geführten Formen der Kette {C^) aufzufinden. Einzelne derselkn
können immerhin noch praktisch nützliche Anwendungen finden.
Als letztes Beispiel sei der in Fig. 393 dargestellte Mechanis-
mus angeführt. Brown hat denselben u. a. im Hauptgetriebe einer
Fig. 393. Fig. 394.
.2
Kolbendampfmaschine angewandt*); früher ist dies bereits, wenu
ich nicht irre, von Maudslay geschehen"^'). Hier hat das Glied a
die Form:
das Glied b diejenige C"*" . . . D . . . 6r, d. h. besteht aus einem Cylindor
und einer Kugel, welche letztere in dem Querschieber d ihren
Partner findet. Das Kugelgelenk, auf welches wir hier stossen,
ist nichts anderes als das Resultat der Wegminderung eines Kreuz-
gelenkes, und zwar des Gliedes c = C~ . . . J. . . . CT, welches wir uns
*) Engineering 1867 (Febr.) 8. 158. Aach den SteaenmgBSchieber der
betreffenden Dampfmaschine betreibt Brown mittelst einer Kette der ror>
liegenden Art.
HOHEBE KUBBELGETRIEBE.
559
an d mit C'^ eingelenkt zu denken haben. Die Kugel wurde des-
halb in der Figur mit 3.4 bezeichnet. Der Schieber
C ^— jl • • ■ I . • • JT
dtent in der erwähnten Dampftnaschine als treibendes Glied, näm-
lich als Kolbenstange. Somit lautet die konzentrirte Formel des
Mechanismus {C-C^ C-^P^P^)7 — c. Um den Vergleich mit der
allgemeinen Form {C^) zu erleichtem, stelle ich in Fig. 394 die
Kette so dar, dass die beiden Prismenpaare, welche wir ja als W
oder C* ansehen können, durch Cylinderpaare 5 und 6 ersetzt
sind. Die Formel des so umgestalteten Mechanismus, bei Stellung
derselben auf/, lautet: (C^C+ Cf C"(7+y.
Die vorstehenden Beispiele werden genügen, um die Bedeutung
der Kette {C^) ins Licht zu setzen und der noch ausstehenden
vollständigen Synthese derselben als eine Art von Anhalt zu dienen.
Die Kette (Q) ist indessen immer noch nicht die reichste der
aus Cylinderpaaren herstellbaren einfachen Ketten.
Stellt man nämlich die sechs Cylinderpaare so, dass jedes der-
selben zu seinen beiden Nachbaren gekreuzt oder geschränkt steht,
Fig. 395 und 396, so kann der Schluss der Kette wieder ein über-
«.^
massiger werden, wie es in den beiden dargestellten Ketten der
Fall ist Um diesen übermässigen Schluss aufzuheben , schalten
wir an geeigneter Stelle ein siebentes Cylinderpaar ein , welches
Fig. 397.
irgend eines der Glieder in zwei auf-
löst Fig. 397 stellt eine derartige
Kette, welche somit eine sieben -
gliedrige Cylinderkette ii»t, dar.
Wir werden sie allgemein mit dem
Zeichen (C^ ) auszudrücken }ial>en.
Sie ist, wie mir scheint, die glieder*
reichste, einfache, zwangläufige Kette
aus niederen Paaren, die en gi^it Ob
sie in der allgemeinen hier v#/rge'
560 XIII. KAP. KINEMATISCHE BTHTHESE.
führten Form bereit« Anwendung gefunden hat, ist mir unbekannt
und sehr zweifelhaft. Auf ausführlichere Untersuchung wollen wir
hier nicht eingehen, da wir weiter unten noch nahe verwandte
Fälle zu besprechen haben werden. •
§. 153.
Prismenketten.
Die dreigliedrige Prismenkette (P^), von uns auch EeiUcett«
genannt, hat uns bei mehreren Untersuchungen bereits vorgelegen,
vergl. §§. 64 und 108. Die Figur 398 stellt dieselbe in einer uns
bekannten Form dar; Fig. 399 zeigt sie in einer anderen Form, in
Pig. 3B8. Kg. 39».
welcher alle drei Prismenpaare sich dentlicb als geschlossene Paare
zeigen. Verbindet man statt drei nur zwei Prismenpaare za einer
geschlossenen Kette, so erhält man entweder nur ein einziges Pris-
menpaar, oder aber eine übermässig geschlossene Verbindung. Au>
vier Prismen dagegen lässt sich sehr gut eine geschlossene ein-
fache Kette bilden. Ein solche führt Fig. 400 vor. Wir werden
sie zu schreiben haben: (P^). Aus ihr kann man sich die Kette
(P^) entstanden denken und zwar dadurch, dass man die Winkel
zwischen den Paaren 3 und 4 verschwindend klein werden lässt Die
Kette (PJ-) selbst aber lässt sich wieder aus (C") herleiten, Fig. 401
zeigt, auf welche Weise. Die unendlich langen Halbmesser der in
Prismen übergegangenen Cylinder C liegen auf Normalen zu den
PEI8MENKETTEN. 561
Paaren 1, 2, 3 und 4, Indem nun auf solclieu Normalen die Punkte
i',2',3',4' angenommen und entsprechend verbunden werden, wird
ein Kurbelviereck a'b'dd' erhalten, aus welchem man sich die
Kette (PJ-) hervorgegangen denken kann. Anwendungen der Kette
Fig, 400. Fig. 401.
(P*;) sind mir nicht bekannt; doch ist ihr Vorkommen wahrschein-
lich. Verbindungen von mehr als vier Prismenpanren liefern zu-
sammengesetzte Ketten, sind also hier nicht weiter zu verfolgen.
§. 154.
Die gesohränkte und die soliiefe Sohraabenkette.
Wenn wir oben die Cylinderkette bis zur Siebenzahl der Glie-
der entwickelten, und in dieser Zahl eine Grenze für die einfache
Verkettung fanden, so sind wir doch damit nicht bis zum allge-
meinsten Falle vorgedrungen, da das Cy linderpaar nicht die oberste
Form der sogen, niederen oder Umschlusspaare ist. Diese Eigen-
schaft kommt vielmehr, wie wir wissen, dem Schraubenpaar {$)
zu. Wir werden daher erst die allgemeinste Form der Ketten aus
niederen Paaren erhalten, wenn wir in der am weitesten gehenden
Gjlinderkette statt {C) überall (jS) setzen. Die höchste Kette aus
Umschlusspaareu wird demnach die Kette {S^) sein. Die syn-
562
XIII. KAP. KlNEMAtlÖCHfi ÖYNTfffiSE.
thetische Durcharbeitung dieser Kette, welcher die in den §§, 151
bis 153 behandelten sämmtlich untergeordnet sind, könnte als eine
Aufgabe bezeichnet werden, welche der synthetischen KinemAtik
noch bevorsteht. Wir werden unten auf diese Frage noch einmal
prinzipiell zurückkommen. Hier würde die bestimmte Bezeichnung
der genannten Kette bereits genügen, wenn nicht einige in der
Maschinenpraxis angewandte Mechanismen uns zum Herausheben
einzelner Beispiele nöthigten.
Kehren wir noch einmal zu der Kette (C/) zurück, die wir,
wie durch Fig. 397 erläutert wurde, aus der Kette (C'+) dadurch
bildeten, dass wir an deren Glied a einen zur Achse 1 rechtwink-
ligen Cylinder 2 ansetzten, der mit einem Hohlcylinder des folgenden
Gliedes gepaart wurde. Diesen Cylinder 2 können wir statt recht-
winklig auch schiefwink-
lig oder auch geschrankt
ansetzen, siehe Fig. 402«
wobei ein recht ver-
wickeltes Bewegungs-
spiel entsteht. Aufdiest»^
wollen wir uns einstwei-
len aber nicht einlassen,
wollen aber einmal an-
nehmen, dass die Cylinder
1 und 2 kon axial ge-
macht würden. Dann er-
halten wir die in Fig. 403
dargestellte siebengliedrige Cylinderkette. Diese ist nicht melir
zwangläutig geschlossen , wie die von Fig. 397; denn das Glied a
Fi^. 402.
Fig. 403.
lässt sich um die zusam-
menfallenden Achsen 1
und 2 drehen, ohne dass
die übrigen Glieder ihre
gegenseitige Stellung än-
dern; ja die Kette ist im
übrigen wieder in den
übermässig geschlossenen
Zustand von Fig. 396 and
395 zurückgegangen, S4>
«lass die sechs Glieder ft, c, d, c, /, g zusammen wie ein einziges Glied
n IiT gar ein Element gegen a wirken. Dies ändert sich aber sofort.
fiCHRAUBES KETTEN.
563
wenn wir nur eines der beiden Cylinderpaare 1 nnd 2 — es dürf-
ten auch beide sein ~ in die oberste Form des Umscblusspaares, das
Schraubenpanr, überführen. Thun wir dies, so bewirkt die Drebunj;
des Gliedes a eine Aenderung der Entfernung der Punkte 3 und 7,
und überhaupt eine Relativbewegung aller Glieder. P'ig. 404 stellt
Fig. 4t>4.
die so umgewandelte Kette dar. Man wolle sich einen (Irundriss
hinzudenken, um sich die geschränkte Lage der verschicdpue»
Achsen recht deutlich zu machen. Wir können diese Kette eine
geschränkte Schraubenkette nennen. Eine allgemeinere nis
die vorliegende Form würden wir erhalten haben, wenn wir das
(Jylinderpaar 2 in Fig. 402 in (5) übergeführt hätten. Die FonncI
zu Fig. 404 lautet: {CS* C^C^C-^C^).
Legt man die Kette so an, dass die Achsen 6 und 4 stets In
eine Ebene fallen, so kommen die Paare 4 und 6 ausser Wirksam-
keit und können daher wegfallen. Die Kette geht in die in Fig. 405
dargestellte Form über. Hier sind statt sieben nur noch fünf Glie-
der, indem / und e der obigen Kette in ein Glied übergegangen
sind, and ebenso d und e sich vereinigt haben. Die Formel lautet:
{CS* C^C* ). Es gibt mancherlei Anwendungen dieser Kette in
derPrajds, z. 6. bei Stellung auf d diejenige a
564 XIII. KAP. KIKEHATISCHE SYNTHESE.
ten Schrauben Steuerungen für Lokomotiven, bei Stellung soft
diejenige bei Steuerrudergetrieben, Kniehebelpressen u. s. w.
Maclit man das Glied c in der soeben besprochenen Kette
unendlich lang, bo erhält man die in Fig. 106 dargestellte Kette.
welche ebenfalls mancherlei Verwendungen tindet. Formel:
Wird auch noch das Glied e unendlich gtY)8s gemacht, d. 1
die
Achse 5 in unendliche Feme von 1 abgerückt, so geht die Kette
Pj^_ 4QJ in die Form Fig. 407 über.
Der veränderliche Winkel
welchen die Gliedert nml
c in Fig. 40(J einschliessen.
wird nun konstant, die
dortige Paarung 3 aI^'
überflüssig, und wir er-
halten die viergUedrige
Kette, (C'S'-i'i-). die man
eine schiefe Sehrau-
benkette nennen kaun.
Diese Kette hat mit Stel-
lung auf d u. a. dunh
Nasmyth eine sehr hülv-
sche Anwendung id einer
Theihnaschine gefunden *). Fig. 408 deutet dieselbe an. Der Stes
d ist hier das Bett der Theilmaschine , c der Schlitten derselben.
") Sieh* Civil -IiiKeiiieiir. IMtiLl, Ö. 215, 186«, S. 21.
SCHttAUBENKETTBN. 565
Indem der Winkel, welchen die Paare 3 und 4 einecliliessen, ver-
änderbar gemacht ist, kann die jeder Schraubenumdrehung ent-
sprechende Fortschreitung des Schlittens innerhalb weiter Grenzen
fein abgeändert werden.
Fig. 408.
Wie wir sehen bietet die allgemeine Kette (S,+ ) sich zu man
cherlei praktisch werthvollen Einzclgestaltungen dar abgesehen
davon, dass ihre Anwendungen in zusammengesetzten Ketten sehr
mannigfiach benuzt werden können und au gewandt werden
§. 155.
Ersetzung der Drehkörperpaare In Ketten durch höhere
Paare.
Man kann, wie vrir vorhin gesehen haben, die Ketten (C,),
(C,), (CJ und (C^ nebst ihren besonderen Fällen aus der Kette
(S,) als oberster Form der aus Umschlusspaaren gebildeten Ketten
herleiten. Nothwendig ist dies aber nicht Denn wir können den
Drehkörper C oder R auch anderen höheren Formen unterordnen,
nämlich den liöheren Cylindem und Kegeln C und S, welche, wie
wir aus Kapitel III (§. 21 ff.) wissen, zu ElemeDtenpaaren höherer
Art zusammantreten. Der Cylinder C kann als besonderer Fall
des hohem Cjlinders (? angesehen werden. Deshalb aber können
wir auch in den Ketten, in welchen das Paar (C) vorkommt, für
dieses das Paar (C) einschieben, wobei sich freilich die Bewegungs-
gesetze der aus der Kette herstellbaren Mechanismen wesentlich
umgestalten. Somit sehen wir hier eine grosse formenreicbe Klasse
von Ketten entstehen, welche einen unerschöpflichen Reichthum
von Bewegung satten zu verwirklichen gestatten.
566
Xlir. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
Die Ersetzung von (C) durch (C) in der allgemeinen Kette
(Cj) kann indessen niclit ausnahmslos überall geschehen. Nament-
lich ist sie z. B. nicht durchführbar in der Kette (CJ-), überhaupt
an den Stellen, wo geneigt zu einander stehende Cylinderpaare
angewandt sind, indem bei diesen die Eigenschaft der Partner
jedes Paares, zusammenfallende Achsen zu besitzea, mitinbc-
tracht kommt. An diesen Stellen aber fallen die Unzuträglich-
keiten wieder weg, sobald nur statt der höheren Cylinder höhere
Kegel (K) an die Stelle von (C) gesetzt werden. Denn alsdana
laufen die Momentanachsen der Paare immer in denselben Punkt
zusammen.
Man muss nicht denken, dass die Einführung von (Ü) oder (A'j
an die Stelle von {(') auf eine blosse Spekulation hinauslaufe. Die
Praxis hat vielmehr wirklich Ausfuhrungen, wenigstens ton Ketten
aus der Klasse (C"), in welche (6') eingeführt ist, aufeuweiseo.
Fig. .
Fig. iln.
Als häufig zu findendes Beispiel führe ich den bereits durch Hörn
blower eingeführten Mechanismus des Bogendreiecks Fig. iOSan
und stelle sofort sein Gegenstück aus der Reibe der SchnbknrWI-
mechanismen daneben, Fig. 410. Letzteres ist eine verminderttr
„rotirende Schleifenkurbel " (vergl. §. 72 und §. 76j; ihre Forawl
BOGEN fiCBEIBENOETBIEBE.
567
lautet (C'^P^y — 6. Im Bogendreieckgetriebe ist an die Stelle des
Zapfens 2 das Bogendreieck C getreten, welches wir aus §. 26
kennen. Weggemindert ist sein quadratisch profilirtes Partner-
Element, beziehungsweise das ganze betreffende Kettenglied b. Die
Formel lautet also (C'öPfy — h. Bringen wir beide Ketten wie-
Fig. 411.
der durch Vermehrung auf ihren vollen Stand, so erhalten wir die
in den Figuren 411 und 412 dargestellten Getriebe. Die Pol-
hahnen zwischen a und c fallen ziemlich verwickelt aus; hier ist
jedoch nicht der Ort, auf dieselben einzugehen *). Der Maschinen-
*) Im kinematischen Kabitiet der königlichen Gewerbe- Akademie habe
ich dieselben an venchiedenen Modellen aus dieser HecbanumeDklaue sn-
ichaulich gemacht.
568 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
praxis ist die (theoretisch) stattgehabte Wegmindenmg des Glie-
des b in dem obigen Bogendreieckgetriebe nicht gänzlich entgan-
gen. Wenigstens bin ich im Stande, ein einziges, obwohl auch
nur dieses einzige Beispiel aufzuweisen, wo das Paar 2 wirklich
vollständig ausgeführt ist. Fig. 413 stellt den betreffenden Meclu-
nismus in unserer schematischen Weise und unter Benutzung
unserer Zeichen dar. Die Forme! lautet: (C"C"C"P-'-)t. Er dient
zum Betrieh eines Schiebers bei einer etwa lOOpferdigen Woolf-
scheu Balancier-Dampfinaschine *). Ich stelle in Fig. 414 den uns
bekannten Mechanismus (C^P^)z daneben, um den bequemen
Fig. 413. Fig. *i4. Vergleich zu ermöglichen. In
beiden Mechanismen ist im
Paare 2 Erweiterung (§. 7\)
angewandt.
Nur nebenher will ich nämlich
anführen, dass die ganze gross«
Gestaltungsreihe , welche die
Zapfenerweiterungen bei
der Kette (C'^) u. s, w. liefen
(vergl. g. 71), unmittelbar auf
die vorliegende höhere Kette
Anwendung fi^idet. Die bis-
herige Maschinenpraxis hat
dies kaum bemerkt und damit
eine grosse Reihe konstruktiver
Vortheile unbenutzt gelassen.
In der That können die Bogen-
scheibengetriebe ebenso bequem unter- und augebracht werden,
wie das gebräuchliche Exzentrikgetriebe der Dampfmaschine, wie
ja auch das vorliegende Beispiel zeigt.
Ketten aus der Klasse (C,), welche mehr als ein höheres Cjlin-
derpaar enthielten, sind meines Wissens bis jetzt nirgend angt'-
wandt worden. Manche der zahlreichen Fälle, für welche sich uns
die Perspektive aufgethnn hat, können noch recht nützliche Ver-
wendungen finden. Hier genügt vor der Hand die Aufzeigung de*
allgemeinen Falles.
•) V..11 A,l.
luf ileiu Ij'igelliHclier Wurke.
BEIBUNGSBÄDEB. ZAHNBÄBEB. 569
§. 156.
Die einfachen Räderketten.
unter den einfachen Ketten, welche aus Bädern nebst Achsen
und Zubehör gebildet werden können (vergl. §. 43), treten uns
zuerst die der Reibräder entgegen. Die runden Räder nebst dem
das Paar schliessenden Stege liefern die Kette (C+fli) mit den ihr
untergeordneten Formen (C^K^) (C'^R,). Die Hyperboloidräder
sind selten, aber nicht ohne Anwendung. Ja auch die noch höhe-
ren Formen dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. Die Dick'-
sche Presse z. B. hat unrunde, und zwar spiralige Reibungsräder.
Freilich kommen solche selten anders als in zusammengesetzten
Ketten vor. Hier sei aber doch auf dieselben hingewiesen, namentlich
auch im Hinblick auf die Walzwerktechnik, welche in den Walzen
selbst Reibräder zur Anwendung bringt.
Die einfache Zahnräderkette {C^H^ ist mit der ganzen Reihe
der ihr bei- und untergeordneten Formen dadurch an sich als
erledigt anzusehen, dass wir die verschiedenen Formen, in welche
H^ übergeht, bereits bei den Paaren (§. 144) durchgenommen haben.
Zu erwähnen ist hier aber noch die Einfuhrung des Druckkraft-
organes. Die in Kap. XI behandelten Kapselräderwerke gehören
zu den zusammengesetzten Ketten; einfache Ketten dagegen, bei
welchen an die Stelle eines der beiden Räder eine Flüssigkeit, oder
überhaupt ein Druckkraftorgan, und an die Stelle des einen Cylin-
derpaares die Paarung der Kapsel mit dem Druckkraftorgan tritt,
haben wir im gewöhnlichen Wasserrad, im Wurfrad, im Schaufel-
rad des Dampf bootes vor uns (vergl. §. 61, 62); zugleich gehören
auch einzelne Turbinen und Zentrifugalpumpen hierher.
§. 157.
Die Kurvensohubketten.
Die Kurvenschubkette haben wir in §. 120 in Kürze besprochen
und die Zweckmässigkeit ihrer Ausscheidung erkannt. Fig. 415
U. f. S.) stellt eine solche Kette dar. Dieselbe würde zu schreiben
sein: (C'C,,), wobei das Komma hinter C, andeutet, dass es sich
57U XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
Dicht um ein wirkliches Zahoräderpaar handelt Die besonderen
Formen, in welche diese Kette übergehen kann, sind sehr zahlreich.
Fig. .
Doch ist die vorliegende Form derKurren-
Bchubkette bereits eine weit unter der
höchsten Form stehende. Als letztere ist
soweit es die Form des Kurvenkörpers
uud des Zahnes betrifft, die Kette (C^H^t
zu bezeichnen, gebildet aus zwei Paaren
von der Art (fi)^(C), Klasse I, und der
obersten Form der Klasse IV (§.146). Zu der auch dieser Kette nach
Allgemeinheit überlegenen obersten Form gelangt man, wenn man.
wie in §, 155 gezeigt wurde, (C) durch (C,) oder (K,) ersetzt, ein
Verfahren, welches auch bei den einfachen Zahnräderketten zu
den obersten Problemen führt.
Neben diesen allgemeinsten Formen der Kurvenschubkette
stehen die wichtigen besonderen Fälle derselben, als welche wir
die Gesperre erkannt haben. Dieselben werden erhalten, wenn
wir in die vorliegende Kette die Paare der Klassen VI und VU
(§. 146) einführen. Wir erhalten die Ketten
(C,Ö.;) und (C^fl.:)
mit ihren äusserst zahlreichen Vereinfachungen, von denen wir
typische Formen in Kap. XI kennen gelernt haben. Wir könnten
die hierhergehörigen Kettenformen dadurch als erledigt betrachten.
Doch verdient im Hinblick auf die Anwendungen noch eine Ge-
sperrform ein kurzes
Verweilen, von der iu
$^j^ .Figur 416 uud 417
^■HHf^ Beispiele dargestt^llt
,^^^^^^Ät^ sind. Beide Gesperre
^^^Kjj^^mc^ können zugleich als
^n^HH^ Schaltwerke benutzt
J^^SSr werden. Dasjenige iu
flf^Hft Fig. 416 wurde von
a^Hi^H Redtenbacher da°i
^^^^^ EinzahnradgenaDiit;
I ziemlich verbreitet ist
der von der Form des
liadcsb hergenommene Name Maltheserkreuz, auch der andere:
Genfer Sperrung, aus der Anwendung des GesperrfS in den
. Fig. i
Fig, 417.
BRÄMAHSCHL088.
571
i;piel<1oseii entstanden. Die Einzälinigkeit des Rades a ist nicht
Grundbedingung, wie Fig. 417 erkennen lässt; in der Mehrzahl der
Fülle wird man indessen zu einer sternförmigen Anordnung der
Segmente des Rade» b geführt; man hat deshalb für das Getriebe
den Namen Sternräder vorgeschlagen*). Offenbar haben wir hier
eine besondere Form der Kette {C3C,,) oder wenn man will (CtH,,)
vor uns, und es ist wünschenswertb , durch eine besondere Formel
den Verwechslungen mit den Räderketten auszuweichen. Uie hervor-
ragende Eigenschaft der Verzahnung ist aber hier ihre Segment-
förmigkeit Wir können deshalb hier das Zeichen A benutzen,
und wollen die Ketten der vorliegenden Art unter der Formel
(CjÄ.:) oder allgemeiner (C,^,:) zusammenfassen.
Geht in dem Gesperre (C'^A,:) der Halbmesser des Rades b in
unendUciie Grösse über, so wird b eine Stange, welche die bogen-
förmigen Einschnitte und Zahnlücken an sich trägt Die Formel lau-
tet dann- {C-^P-^A" ) Ein interessantes Beispiel liefert das Riegel-
getnebe um Bramahschloss Fig 418. Das Stück ^BCD gehört
P 4jg zu dem Riegel b; die Kurve
2 au demselben ist die Zahn-
lücke zu dem Zahn 2 an a,
AB und CD sind benach-
barte bogenförmige Aus-
schnitte des Stückes b, ent-
sprechen also den kreis-
bogenförmigen Ausschnitten,
welche wir in Fig. 417 an
dem Rade b vor uns hahen.
Es fehlt das in diese Bogen
passende Cyhndersegment an a man begnügt sich mit der Ver-
tretung dieser Bogen durch den Zapfen 2, welche auch ausreichend
scheint An anderen Schlossern kommt Aehnliches, wenn auch in
undeutlicherer Form vor Das Stück a ist im Uhrigen im Bramah-
schlosse durch eine abgesonderte ruhende Sperrung, die dem Fach-
mann durch ihre Suhtilitat bekannt ist, gesperrt.
Auch iD die Kurvenschubkette und ihre besonderen Formen,
die Gesperrketten sind Druckkraftorgane eingeführt worden , in-
dessen handelt es sich dabei stets um zusammengesetzte Ketten.
»
*) Siehe Polyt. Zentralblatt 1864, Aiter, Btemräder.
XIII. KAP. KINEMATIBCHB SYNTHESE.
§. 158.
Die Rollenlcetten.
Bas eioseitige KraflvermögeB der Zugkraftorgane, oder ihre
Eintriebigkeit (Moaokinegie) erschwert die Herstellong einfac-htr
Ketten, welche aus ihnen und den starren Elementen zu biltlen
wären, sehr (vergl.§.41 ff.). Doch kennen wir im Riemen-, Scbnur-
oder Seiltrieb, Fig. 419, und ebenso im Kettentrieb, wo T in ii«r
Fig. 4ie.
Form T, eintritt, eine solche einfache Kette. Dieselbe ist, wenn
wir die nähere Beschaffenheit des Zugkraftorgans ausser Betracht
lassen, zu schreiben: (C-,E,t,), und kann auf die höhere Form
(CjÖjti) oder gar (C\li,ti) gesteigert werden. Anwendungen solcher
höherer Formen sind selten. Dagegen verdient eine bestimmte
Fig. 420.
Form, in welche (C,B,i,) übergehen kann. eb«i
wegen dieses U eberganges einer besonderen
Erwähnung. Denkt man sich in dem Riemen-
trieb mit gekreuztem Riemen, Fig. 420. di*
Scheiben a und c bis zur Berührung genähert
und dann die Scheibe c unendlich gross gemcchL
so geht das Paar 4 in ein Prismenpaar über,
und das Organ T ist an dem Prisma, in welche*
c übergegangen ist, beiderseits zu befestigm.
wie Fig. 421 andeutet Bemerkenswerth ist,
dass die Kette, wegen der Befestigung d«^
' Organes T, nunmehr nur noch drei Glieder hat
Ihre ausfuhrliche Formel lautet:
C*...\...Ji.T^ P1P'...X...CZ
ROLLENKETTEN.
573
In konzentrirter Form heisst sie (C'R^tR-^). Die Kette wird hie
und da gebraucht, z. B. in den Stellungen auf c und auf d.
Fig. 421.
Die Flaschenzüge sind zwanglos geschlossene, nur unter An-
wendung des Kraftschlusses zwangläufig wirkende Ketten, fallen
deshalb hier ausser Betracht. Vollzieht man bei ihnen den Paar-
scbluss vollständig, so gehen sie, auch bei der in §. 43 angedeu-
teten Vereinfachung der Rollen-Einrichtung, in zusammengesetzte
Ketten über, welche zwar recht interessant sind, aber nicht hier-
her gehören (vergl. S. 575). Dasselbe gilt von mancherlei anderen
wichtigen Anwendungen der Zugkraftorgane.
§. 159.
Ketten mit Druckkraftorganen.
In den vorstehenden Untersuchungen der einfachen Ketten
haben wir wiederholt die Ersetzung eines starren Organes durch
ein Druckkraftorgan, und damit also auch solche einfache Ketten,
in denen Druckkraftorgane eine Rolle spielen, bereits besprochen.
Immer ist bei denselben die Beachtung der Eintriebigkeit der
Druckkraftorgane von der grössten Wichtigkeit; der Kraftschluss
kommt in der Mehrzahl der Fälle zur Geltung. Soll er vermieden
Fig. 422.
werden, so gelangt man nothwendig
zur zusammengesetzten Kette. Reine
einfache zwangläufig geschlossene
Ketten mit Druckkraftorganen schei-
nen nicht möglich zu sein. So ist
die einfache Kette, welche Fig. 422
darstellt, und welche zu schreiben wäre:
a
p^....|....F^CA. ..Ca,f-....|....p;
674 XlII. KAP. KINEMATISCHE BTNTHEaE.
konzentrirt geschrieben also hiesse : (P V* V~), im GniDde genom-
men kraftBchlüssig. Denn bei Abwesenbeit des Kraftschiasses
Fi^ 423, würde das Wasaer i ans dem
Ausgangsrohr ablaufen. Im-
merhin bleibt die Einrich-
tung Terwerthbar und dient
ja auch als Handspritze.
Schliesst man etva das
Aasgangsrohr durch einen
zweiten Kolben, so kommt
man zu der uns bekannten
Einrichtung in Fig. 423. Die
Kette hat nun vier Glieder statt drei, ist aber bereits eine zusam-
mengesetzte Kette, da sowohl das Wasser b mit drei Elementen.
2, 3 und 6, als auch der Körper d mit drei Element«n, 1, 4 und ä.
gepaart ist. Die Formel lautet:
d a b
F-....\ ....(?i.
Dennoch ist selbst diese Kette noch nicht zwangläufig ge-
schlossen, sondern immer noch durch den Kraflscbluss bedingt.
Ein Mittel, die vorliegende und ähnliche, niit den bildsamen
Elementen erzielte Ketten paarschlüssig zu^ machen , besteht :
Fig. 424.
45
Verfahren, welches man die
Verdoppelung der Kette nennen
könnte. Wir haben dieses Verfahren
beim Riementrieb angewandt gefun-
den, vergl. §. 44, und haben auch
schon früher die Verdoppelung der
vorliegenden Kette kennen gelernt
Fig. 424 stellt die Kette dar. Ihre
Bewegungen sind vollständig paar-
schlüsaig; freilich aber ist dieselbe,
obwohl sie nur fünf Glieder hat, in
noch höherem Grade zusammenge-
setzt, als die vorhergehende. Be-
denken wir, dass man die Kette in
Fig. 422 auch mit anderen Mitteln,
ZUSAMMENGESETZTE KETTEK. 575
z. B. durch Zufügung eines geeigneten Hebelwerkes, welches die
Bewegungen der Kolben von einander abhängig machte, zum Paar-
schi uss bringen könnte, so sehen wir, dass die weitere Verfolgung
uns unfehlbar in das Gebiet der zusammengesetzten Ketten fuhrt.
Bemerkt sei noch, dass das Prinzip der Verdoppelung der Kette
auch beim Flaschenzug anwendbar sein würde, um denselben in
eine zwangläufig geschlossene Kette überzuführen *),
§. 160.
Zusammengesetzte Ketten.
Von den verschiedensten Punkten sind wir bei der synthe-
tischen Aufsuchung der einfachen Ketten zu der Grenze gelangt,
wo das Gebiet der zusammengesetzten Ketten beginnt. Dabei hat
sich herausgestellt, dass die synthetische Behandlung der letzteren
nicht unterlassen werden darf, will man nicht wichtige praktische
Fälle übergangen wissen. Da aber die Möglichkeit, kinematische
Ketten mit einander zu verknüpfen, bis ins Unendliche geht, fragt
es sich, welcher Kreis von Problemen in die Synthese hier hinein-
zuziehen sei.
In der That aber ist ein Unterschied zu machen, je nachdem
die Zusammensetzung gebildet ist. Wird durch dieselbe etwas
Neues geliefert, so wird sie anders zu betrachten sein, als wenn
sie nur Bekanntes nebeneinanderstellt. Wir wollen zunächst an
einigen Beispielen dies festzustellen suchen.
Um zuerst ein sehr einfaches anzuführen, so wird offenbar
kinematisch nichts Neues geliefert, wenn in Triebwerken ein Rie-
mentrieb hinter dem andern, ein Räderwerk hinter dem andern
angebracht wird. Die entstehenden Drehungen mögen sich der
Relativgeschwindigkeit nach unterscheiden: das Gesetz derselben
ist durch die Gesetze der einzelnen Getriebe bereits gegeben, und
ein anderer Vortheil, als der der. wiederholten Benutzung einer
und derselben Mechanismenart, wird aus der Zusammensetzung
nicht gezogen.
Fig. 425 (a. f. S.) stellt femer das Schema des Hauptgetriebes
einer Balancierdampfmaschine dar. Die hier angewandte Kette,
*) Von mir durch ModeU im kin. Kabinet der K. Oew. Ak. anschaulich
g^emacht.
576
XIII. KAP. KIKEMATI8CBLE 8TNTHESE.
/ :'.'■"•■■ •/ xyV, .... > '//. _ / fr
Fig. 426.
bestehend aus den sieben Gliedern a, 6, c, d, h^o^dx^ ist offenbar
zusammengesetzt. Sie besteht aus der rotirenden Bogenschubkur-
bel a, 6, c, d = (C;/
und der auf c gestellten
geschränkten Schub-
kurbelkette ifil^'y
welche Fig. 426 in einer
uns schon bekannten
Form nochmals geson-
dert darstellt. Die Zu-
sammensetzung hat
stattgefunden unter
Verbindung der beiden
Aufstellungsglieder i
und Cx zum festen Ge-
stell und derjenigen der
Glieder c und hx zu
dem temären GUede,
welches den „Balan-
cier'* bildet. Demzu-
folge sind die Oscilla-
tions Winkel der Schwin-
ge c und der Koppel hx
gleich , und dadurch
der Schub des GUedes
dx in eine feste Abhän-
gigkeit zu der Grösse
der Kurbel a gebracht
Jeden Augenblick aber
können wir uns die bei-
den Getriebe getrennt
denken, ohnedasseine:^
derselben seinen Be-
stand Yerliert.
Ganz anders Terbält
es sich mit dem folgen-
den Mechanismus, der
uns ebenfalls bereit»
bekannt ist Hier haben wir das Parallelkurbelpaar vor uns, be-
stehend aus zwei Ketten von der Form (67||Ci'), deren d-Glioder
/
Fig. 427.
ZUSAMMENGESETZTE KETTEN. 577
gleichgemacht und fest mit einander verbunden sind, und bei denen
ebenfalls die Glieder a und die Glieder c je zu temären Gliedern
zusammengetreten sind. Wir wissen, dass diese zusammengesetzte
Kette 2(C^||Cj') die Eigenschaft hat, dass beide Parallelkurbeln
die Todtlagen, welche an sich genommen Wechselpunkte sind
(vergl. §. 46 und 66), ohne Störung überschreitet. Diese Eigen-
schaft wird aber allein der Zusanmiensetzung verdankt; somit
hat diese etwas Neues, den beiden verbundenen Ketten einzeln
nicht Eigenthümliches verwirklicht.
Ein weiteres Beispiel bietet uns das Antiparallelkurbelpaar,
Fig. 428, welches wir aus früheren Untersuchungen (§. 47 und 67)
Flgr. 428.
~^.
ebenfalls bereits kennen. Es war früher nicht am Platze, darauf
hinzuweisen, dass auch hier, trotzdem die Gliederzahl in der Kette
(C^) nicht vermehrt ist, eine zusammengesetzte Kette vorliegt.
Dieselbe besteht aus den bekannten vier Gliedern ab cd und einer
zweiten Kette aus den Gliedern AlB^ CAD und d. Wir können
dieselbe ausfuhrlich schreiben:
a c d
C+...||...(Z)...||...(C)...||...CI
Ihr Stegglied d ist mit dem Stege d der Kette {C*^ identisch
gemacht, die beiden Glieder C..\\..Z mit den Gliedern a und c
zusammengelegt; beide sind dadurch zu temären Gliedern gemacht.
.Plinzeln genonmien würden aber die beiden Ketten nicht gangbar
sein, nämlich (C^') in den Todtlagen, (C^'Z") ausserhalb der Todt-
lagen ungeschlossen sein.
Diese Beispiele werden genügen, um die Verschiedenheit der
ywei besprochenen Verbindungsweisen deutlich zu machen. Wir
wollen die zuletzt besprochenen Zusammensetzungen ächte, die
zuerst besprochenen unächte Zusammensetzungen nennen,
BeuloAux, Kinematik. 37
578
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
und bemerken nun , dass die ächten Zusammensetzungen unmittel-
bar in das Gebiet der kinematischen Synthese hineinfallen, während
die unächten nicht noth wendig in Betracht gezogen werden müssen.
§. 161.
Beispiele von äoM zusanmiengesetzteii Ketten.
Es liegt auf der Hand, dass die zusammengesetzten Ketten.
wegen ihrer grösseren Gliederzahl, noch weit reicher an Anwen-
dungen zu Mechanismen sein müssen, als die einfachen Ketten.
Daher müsste die nur einigermaassen voUständige Betrachtun;;
solcher Ketten zu Untersuchungen führen, welche für diese Stelle
zu umfangreich sein würden. Auch ist es hier vorzugsweise unsere
Aufgabe, Wege zu zeigen, nicht aber, vollständig durchgefiihrte
Probleme zu geben. Ich glaube mich daher auf einige wenige
Beispiele beschränken zu dürfen.
Aechte Zusammensetzungen von grosser Mannigfaltigkeit der
Gestaltung können mit der Kette (C") durch Zufugung weiter
Cylinderglieder gebildet werden. Schon früher habe ich auf solcht
Ketten hingewiesen (vergl. u. a. §. 60)- Durch Anschliessung vor
zwei neuen Gliedern, welche mit den alten an geeigneten Stellt-:
gepaart werden, kann man ächte Zusammensetzimgen erhalten.
welche eine Fülle von Bewegungsaufgaben zu lösen gestatten.
Fig. 429 zeigt eine solche acht zusammengesetzte Kette aus siebt^u
Fig. 429.
paraUelen Gylinderpaaren. IKf
Glieder e und / sind den be-
kannten vier Gliedern a, 6, f. •/
zugefügt, und zwar indem dx
Paare 5 imd Tan benachbart?
Glieder — a und b — anc-
fügt sind; eine andere Komb;-
nation würde entstehen, wenn
sie an gegenüberliegend'
oder überbenachbarte Glieder angehängt würden. Dass die Zu-
sammensetzung eine ächte ist, geht daraus hervor, dass die Ver-
bindung von e und / allein keine geschlossene Kette liefert
Beachtet man, dass die verschiedenen Gliedlängen bis zur Tl-
endlichkeit veränderbar sind, so sieht man einen ganz aussen mlt'r.t-
liehen Ileichthum von besonderen Fällen aus dem vorliegenden äU-
ÄCHTE ZUSAMMENSETZUNGEN.
579
gemeinen hervorgehen. Werden z. B. die (xHeder e und / unend-
lich lang gewählt, und femer sowohl die Paare der Teme 1,2,5
als diejenigen der Teme 2,3,7 komplan gemacht, so entsteht die
in Fig. 430 dargestellte Verbindung. Bilden wir in derselben noch
die Grundkette (C^) als Parallelogramm aus, so erhalten wir sofort
Fig. 430.
eine, bisher wohl nicht benutzte Kette von bemerkenswerthen
Eigenschaften. Da nämlich die zu a parallel gezogene 7.4' stets
= 2.1, und ausserdem 1.4' eine konstante Grösse ist, so schneidet
die verlängerte 5.6 die 1.4... immer in demselben Pol 0. Bei
Feststellung von d entsteht demnach ein Mechanismus, welcher
dazu dienen kann, den Stab e so zu fuhren, dass seine Achse stets
durch einen aussgr dem Mechanismus liegenden, etwa unzugäng-
lichen Mittelpunkt geht.
Macht man e von endlicher Länge, dafür aber / und 3.7
unendlich lang, so entsteht die in Fig. 431 dargestellte Kette,
welche von der vorhergehenden wesentlich verschieden ist.
Fig. 431.
Viele nützliche Anwendungen findet die Kette Fig. 429 in den
sogenannten Gelenkgeradführungen, wo sie dazu dient, Stäbe
in geraden Bahnen oder Annäherungen von solchen zu leiten.
Ein anderes Beispiel, welches hierher passt, ist dasjenige des
rückkehrenden Räderwerkes (C.aCg'), welches wir in §. 105
bereits behandelt haben. Ich begnüge mich hier mit dem blossen
Hinweis, da die damalige Betrachtung auf die Vielheit der Mecha-
nismen, welche aus (C^^C^) sich bilden lassen, bereits hingedeu-
tet hat.
37*
580
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
Als drittes und zugleich als allerletztes grosses Beispiel sei
noch die in Fig. 432 in allgemeiner Form dargestellte Kette Tor-
geführt, welche sehr merkwürdige Getriebe liefert- Sie ist eine
Fig. 432. ächte Zusammensetzung
aus der einfachen Stirn*
räderkette (C,C^ und
zwei den Rädern ange-
fügten Gliedern aus je
zwei parallelen Cylinder-
paaren. Die Kette besitzt
demnach fünf Glieder und
sechs Paare, nämlich die
Cylinderpaare 1, 2, 3, 4, 5
und das Paar 6 von der Form (C,). Konzentrirt können wir sie
daher schreiben: (C^'C,), und ausführlich:
6d la2&3 c e
{.•.||...(C')...||...(^G}...||...(G)... II ...
|...(C)...||....(C)...|
5 e 4
Um ja deutlich zu sein, habe ich der Formel ausser den Namen
der Glieder auch noch die Zahlzeichen der Paare beigesetzt. Die
allgemeine Symmetrie des Aufbaues der Kette wird aus der Formel
noch besonders deutlich. Man hat nun zu bedenken, dass man
die Grössen der einzelnen Glieder die weitesten Grenzen durch-
laufen lassen kann, ohne dass sich die Kette im allgemeinen änderte
wenn man nur verhütet, dass der Schluss in einen übermässigen«
oder in einen zwanglosen übergeht Dabei erhält man je nach der
Wahl des Aufstellimgsgliedes und des die Bewegung einleitenden
Theiles sehr verschiedenartige Mechanismen. Ohne streng syste-
matisch verfahren zu wollen, da dazu hier nicht der Ort ist, be«
trachten wir in Kürze einige wichtige Fälle. Der Einfachheit
halber ist in den beigefügten Zeichnungen die Verzahnung wegge-
lassen, beziehungsweise nur durch die zugehörigen Theilkreise au-
gedeutet worden.
1) Man mache die Länge 1.5 = Null, ohne deshalb die Paare
1 und .5, welche nur konaxial werden, aufzugeben. Führen wir
dies aus, und stellen die Kette auf a, so erhalten wir das Watti-
sche Planetenräderwerk oder Planetenrad-Kurbelgetriebe,
Fig. 433, dessen Bewegungsgesetz wir bereits weiter oben be-
DIE planetenrXdebkettb. 581
sprochen haben (§. 105). Im Anschluss an den Namen, den Watt
dem besonderen Mechanismus (C^'C^Y gegeben hat, wollen wir die
Kette (C^'C^) die Planetenräderkette nennen*).
Fig. 433. Fig. 434.
2) Macht man 1.5 nicht gleich Null, sondern = 3.4, ausser-
dem a = b und auch die beiden Zahnräder gleichgross, so dass also
auch die Glieder c und d völlig gleich ausfallen, so wird die Kette
zur Linie 6.2, Fig. 434, streng symmetrisch, und es entsteht bei
Stellung auf e eine Geradfiihrung , welche man die Cartwright'-
sche nennt.
3) Wählt man die Verhältnisse der Längen 5.1, 1.2, 2.3 und
3.4 nicht symmetrisch, aber in einer anderen passenden Weise,
Fig. 435.
und gibt den Zahnrädern ein angemes-
senes Halbmesserverhältniss , so ent-
steht bei Stellung auf e eine Geradfüh-
rung für den Punkt 2 , welche meines
Wissens von Maudslay herrührt. Die
Bahn des Punktes 2 ist zwar keine ge-
naue gerade, nähert sich aber einer
solchen sehr nahe an, wenn der Oscil-
lationswinkel von d nicht zu gross ge-
wählt wird.
4) Das UnendKchmachen einzelner Glieder liefert wichtige
besondere Fälle. Wir wollen zuvörderst 6 und a unendlich machen.
«) Die in §. 105 besprochene Anwendung des Planetenräderwerkes,
welche Galloway machte, hleibt hier unerörtert, weü sie eine noch grös-
sere Zasammensetzung der Kette erfordert.
582
XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
zugleich aber vorerst dieselbe Vereinfachung herbeiführen, welche
beim Wattischen Plaiietenräderwerk besteht, nämlich die Länge
1.5 = Null setzen. Wir erhalten dann beispielsweise die in Fig. 436
dargestellte Kette. Sie ist, wenn wir bei 1 anfangen, konzentrirt
zu schreiben: (C-^P-^Cg'C,). Wird dieselbe auf a gestellt, so liefert
sie ein Planetenradkurbelgetriebe mit geradlinigem
Schub, welches in mancherlei Anwendungen vorkommt.
Eine besondere Form desselben wird erhalten, wenn d zum Hohl-
rade gemacht wird, siehe Fig. 437. Dieselbe hat, ohne dass man sie
Vi^. 436.
Fig. 437.
a
erkannt hat, neuerdings mehrere eigenthümliche Anwendungen ge-
funden. Unter anderem ist sie von Caird & Robertson in einem
Mechanismus zum Steuerruderbetrieb benutzt worden *). Die Kette
ist dabei auf a gestellt und mittelst des Gliedes e betrieben. Formel :
(C-^P-^C'^C7)7, Das Verhältniss der Zahnräder ist der Einheit
nahe gebracht, wodurch eine starke Uebersetzung ins Langsame
erzielt wird. Die Steuerruderachse ist konaxial mit d verbunden.
Unter Einleitung der Bewegung in das Rad ist das voriiegende
Getriebe iii"^ gewissen Nähmaschinen zum Betrieb der Nadelstaiige
benutzt worden.
*) Geuie indiistriel , 186», Bd. 37, S. 29. Cah-d & Rc»bert«H)u wwk1»-ii
(Ifuselbeii Mecluiiiisiiius auch im (ianKspill an.
DIE PLANETENRADERKETTB.
583
Eine fernere Anwendung derselben Kette ist in dem E a d e s ' sehen
Flaschenzug, den Fig. 438 schematisch darstellt, zu erblicken*). Stel-
lung auf a, Betrieb durch e wie vorhin. Das Glied 6 =r C . . . _L . . . P
fehlt; es ist weggemindert und zwar nach dem in §. 76 durch
Fig. 269 und 270 erläuterten Verfahren. Die Formel des Getriebes
lautet also: (C-^P-^C'^CZy^ — b. Abermals derselbe Mechanismus,
und zudem mit derselben Verminderung bedacht, ist sowohl von
Wilcox**), als von Taylor***) zu einem Dezimalzählwerk benutzt
worden.
5) Die vorliegende Kette erhält eine Bewegung, welche von
der in den vorstehenden Beispielen benutzten sich stark unter-
scheidet, wenn die Länge 3.4 kleiner als 4.5 gemacht wird, während
wir sie bis dahin grösser angenommen haben. Fig. 439 stellt den
Fig. 438.
Fig. 439.
Fall dar. Während vorhin bei Stellung der Kette auf a die ganze
Oscillation des Gliedes b gleich 2 x 4.5 oder 2 e wurde , wird sie
jetzt gleich 2 x 4.3. Dieser Mechanismus ist von mir als Haupt-
getriebe für Niet-, Loch- oder Prägepressen angegeben und mit
dem Namen Zahnexzentrik belegt worden f) (vergl. auch S. 299).
6) Lässt man die Unendlichsetzung der Glieder a und b be-
bestehen, macht aber 1.5 nicht = Null, sondern lässt diesen Werth
*) Engineer 1867, 8. 135.
**) Engineering 1869, Januar, 8. 38.
♦♦♦) Engineering 1869, Juli, 8. 1.
t) Siehe Civilingenienr 1858, 8. 4: „Das Zahnexzentrik, ein neuer Be-
wegungsmechanismus." Die ganze Reihe der Zahnexzentrikmechaniamen
wurde von mir in dem angezogenen Artikel behandelt, ohne dass ich den
oben erläuterten Zusammenhang mit dem Planetenräderwerk erkannt hatte.
584 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
angebbar, so entsteht die in Fig. 440 in allgemeiner Form dar-
gestellte Kette. Wird in derselben 3.4 < e gemacht, so erhält man
die Kette in Fig. 441 , welche von mir in der soeben angezogenen
Fig. 440. Fig. 441.
Quelle als der allgemeine Fall des Zahnexzentriks bezeichnet
worden war. Diese Kette kann bei Stellung auf a dazu dienen,
Oscillationen mit zahlreichen Maximum- und Minimumlagen her-
vorzubringen. Ein interessanter Fall wird erhalten, wenn die Zahn-
räder und Exzentrizitäten gleich gross gemacht und so gestellt
werden, dass 3.4 und 1.5 symmetrisch zu a stehen, Fig. 442. Ich
nannte den entstehenden Mechanismus das symmetrische Zahn-
exzentrik. Die Polbahnen zwischen c und a, sowie die zwischen
d und h werden Cardankreise.
7) Statt h und a unendlich zu machen, kann die Wahl hier-
zu auch auf h und c fallen. Man erhält die von der vorigen stark
verschiedene Kette, welche in Fig. 443 dargestellt ist. Die Formel
lautet: (C'C^P-^C'^C;). Bei SteUung auf c und Antrieb durch r
wird eine ziemlich verwickelte Oscillation von 6 hervorgebracht.
Das Getriebe ist u. a. an der Nähmaschine von Whitehill zur
Nadelbewegung benutzt; die beiden Räder sind daselbst gleich-
gross gewählt.
Macht man c zum Hohlrade, so entsteht die in Fig. 444 dar-
gestellte Kette. Wird in ihr insbesondere noch das Rad d halb S4»
DIE PLANETÜNRÄDERKETTE.
585
gross als c, und 1.5 = 5.4 gemacht, so geht die Kette in die in
Fig. 445 angegebene Form über. Hier bewegt sich der Punkt 1,
als dem Umfang eines kleinen Gardankreises angehörig, auf einem
Fig. 442. Fig. 443. Fig. 444.
Durchmesser des Theilkreises von c. Bei Stellung auf c erhält
man demzufolge eine Geradfuhrung. Es ist ein alter Bekannter,
nämlich die Hypocykelführung, auch Lahire'sche Geradführung,
Fiff. 445. White'sche Geradfuhrung genannt, an den
, Schnellpressen in bewährter Verwendung. Das
Glied b verliert hier seine Achsendrehung um
den Zapfen 2 , und kann daher ganz wegfallen.
Wird dieselbe Kette statt auf c auf a gestellt,
so entsteht ebenfalls eine Geradfuhrung, und
zwar für das Glied c. Dieser Mechanismus ist
meines Wissens neu*).
Es sei nur noch eben erwähnt, dass, wenn
man die in (C^'C.) eingeführten Prismen ge-
schränkt statt rechtwinklig schneidend gegen
die Achsen stellt, abermals eigenthümliche
Fälle entstehen, die hier aber unerörtert blei-
ben können.
*) ModeU im kiaematiBchen Kabinet der Königl. Gewerbe-Akademie.
686 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
§. 162.
SoMussbemerkiingren.
Die Umschau auf dem synthetischen Gebiete, die wir dud
beendet haben, hat mehrere Ergebnisse geliefert, welche bedeutend
von dem abweichen, was bisher als allgemeine und auch wissen-
schaftliche Meinung über das Maschinenwesen umläuft Die wich-
tigste Entdeckung, zu welcher wir gelangt sind, ist ohne Zweifel
die, dass das Gebiet der kinematischen Verbindungen weit enger
begrenzt ist, als es bisher den Anschein hatte. Ich sehe hierbei
ab von der Ungenauigkeit der Vorstellungen , welche die bisherige
Schule der Sache zu Grunde legte. Hierauf kommt es in diesem
Augenblicke weniger an, da auch die bestimmte Auffassung der
Elementen Verbindungen , mit welcher wir an die Aufgabe heran-
traten, nicht wohl vermuthen liess, dass die Synthese einen so weit-
gehenden Erfolg haben könne, wie ich ihn glaube nachgewiesen zu
haben.
Sehr bemerkenswerth ist sodann, namentlich im Hinblick auf
die Maschinenpraxis und den höheren wie niederen Unterricht,
dass die Haupterfolge des Maschinenwesens sich auf eine ziemhch
kleine Zahl kinematischer Ketten konzentriren. Sie sind:
die Schraubenkette,
die Räderkette,
die Kurbelkette,
die Kurvenschubkette,
die Schaltungsketten,
die Rollenketten,
und endlich die durch Einschiebung von bildsamen Elementen
an die Stelle der starren zu bildenden Ketten. Die übrigen treten
mehr oder weniger an Bedeutung zurück.
Hier ist der Ort, auf eine in §. 92 gemachte Bemerkung zu-
rückzukommen. Ich berührte doi-t die auffallende Thatsache. da<^
die „rotirenden" Dampfmaschinen und Pumpen in so grosser Mehr-
zahl den Kurbelgetrieben angehören, indem sie als Kapselwerk«'
aus solchen gebildet sind, flier erklärt sich dies. Unter den kine-
matischen Ketten niunlich, die überhaupt der Verwendung ani
ersten fähig sind, ist die Kurbelkette diejenige, welche die für
SCHLÜS8BEMERKÜNGEN. 587
die Kapselung und den dichten Verschluss günstigsten Elementen-
paare, das Cylinder- und das Prismenpaar, enthält. Somit war
die Erfindung unbewusstermaassen in erster Linie auf
diese Kette hingewiesen.
Zugleich haben wir gesehen, dass es sich dringend empfiehlt,
die Synthese auf dem ganzen Gebiet möglichst konsequent durch-
zuführen^ da dieselbe eine beträchtliche Ausbeute an Neuem ver-
heisst. Es fragt sich, in welcher Form dies zu geschehen habe.
Denn das, was wir in dem vorliegenden Buche in dieser Richtung
thun konnten, hat uns doch nur zu den äusseren Umrissen gelan-
gen lassen. Der Gedanke liegt nahe, dass es am besten sein
möchte, das ganze Gebiet, Paar um Paar, Kette um Kette, vollstän-
dig durchzuarbeiten, also die „synthetische Kinematik" als Lehr-
gegenstand oder als Aufgabe eines besonderen Werkes zu bezeich-
nen. Ich halte indessen diesen Weg nicht für den richtigen. Viel-
mehr scheint es mir angemessener, in der „angewandten Kinematik"
die Mechanismen, welche nach den Bedürfnissen der Anwendung
geordnet werden mögen, sowohl analytisch als synthetisch zu be-
handeln. Die Synthese soll hier, vrie es mir am richtigsten scheint,
eines der Untersuchungsmittel, nicht aber der Kanon der Behand-
lung der Aufgaben sein; sie soll mit und neben den übrigen
Methoden dazu gebraucht werden, über jeden Gegenstand das
erwünschte Licht zu verbreiten.
Eine andere Bemerkung aber drängt sich hier noch auf. Neben
dem befriedigenden Gefühle, welches die gewonnene Ueberzeugung
gibt, dass wir nicht ins Grenzenlose hinaus arbeiten, wenn wir
Kinematik treiben, könnte sich der entgegengesetzte zweifelnde
Gedanke einschleichen, ob nicht der StoflF, nach dem neuen Prinzip
behandelt, bald wissenschaftlich erschöpft sein werde, ob nicht das
Gebiet, einem stark belegten Bergwerk ähnlich, demnächst wissen-
schaftlich abgebaut sein werde. Diese Frage ist um so berechtig-
ter, je mehr wir andererseits Nachdruck auf die Vereinfachung,
zu welcher wir uns durchgearbeitet haben, legen. Allein auch
diese Besorgniss ist zu verscheuchen.
Die klare Höhe, auf welche die Synthese uns hingeführt hat,
gestattet uns, weithin, vorwärts und rückwärts, das durchforschte
Gebiet wie seine noch unerforschten Theile zu überblicken. Und da
sehen wir denn die reichste, ja eine unerschöpfliche Fülle von
Problemen sich dem strebsamen Geiste darbieten. Zeigte doch
schon der kurze Versuch, den wir vorhin beim Planetenräderwerk
588 XIII. KAP. KINEMATISCHE SYNTHESE.
machten, dass der Bereich der zusammengesetzten Ketten noch an
tausend Stellen der Aufschliessung harrt. Und dennoch ist hier
nur der abstrakte Mechanismus aus starren Elementen betrachtet
worden. Substituiren wir den letzteren an den geeigneten Stellen
die bildsamen Elemente, als welche die zu bearbeitenden Körper
in die Maschine eintreten, behaftet mit allen den zu berücksicb-
tigenden Eigenthümlichkeiten, welche die Natur über ihre Schöpfun-
gen ausschüttet, so sehen wir eine Mannigfaltigkeit der Forderun-
gen uns entgegentreten, welcher das abstrakte Schema erst nach
immer neuer Durcharbeitung gewachsen sein kann« Dem gegen-
über, also vor der Praxis mit ihren zahllosen Forderungen, weicht
die graue Skepsis alsbald wieder dem wohlthuenden Bewusst-
sein, welches die Erkenntniss der inneren Einfachheit unserer
Hilfsmittel gewährt. Wir seten uns gestärkt durch die üeber-
zeugimg, dass das Viele, welches geleistet werden soll, mit wenig
Mitteln geleistet werden kann und dass die Gesetze, nach welchen
dies zu geschehen hat, unserer Erkenntniss offen liegen.
Hier bin ich, zu guterletzt, bei einem Punkte angelangt,
welchen ich in der Einleitung schon berührte, und über welchen
bereits dieses ganze Kapitel, ohne das Ding beim Namen zu nennen,
gehandelt hat. Es ist die Frage wegen des ErfindensderMecha-
nismen. Was ich darunter verstanden habe, wenn ich sagte, dass
das Erfinden von Mechanismen künftig auf wissenschaftlichem, ins-
besondere auf synthetischem Wege ausfuhrbar sein werde, ist in
dem Vorangegangenen erläutert, und die Behauptung, wie ich
glaube, auch in jeder Beziehung bewiesen worden. Freilich
erleichtert die kinematische Synthese das Finden von Mechanis-
men nur für denjenigen, welcher den Gegenstand wissenschaftlich
erfasst hat, steckt dem Suchenden aber zugleich die Ziele weiter und
höher. Die kinematische Synthese bewirkt also nicht sowohl ein
Herabdrücken der Geistesarbeit des Erfinders, als eine Hebung der-
selben, eine Klärung seiner Anschauungen, sowohl hinsichthch der
ihm zu Gebote stehenden Mittel, als der damit zu verfolgenden
Zwecke und der sich der Aussicht eröffiienden Endziele.
ANMERKUNGEN.
^ (S. 7.) Dieser Brief ist datirt vom 30. Juni 1874; andere, über den-
selben Gegenstand vor der Spezifikation handelnde, gehen bis zum 22. Juli
1764. Die Spezifikation selbst aber ist datirt vom 28. April desselben Jahres.
Dieser Widerspruch bei Muirhead sei. hiermit zur Aufklärung empfohlen.
2 (S. 11.) Durch 113 Kapitel ziehen sich die Umschreibungen hin, durch
welche das bezeichnet werden soll, was wir eine Wasserpumpe nennen.
Z. B. Kap. L: Cette cy est une sorte de machine, par laquelle facilement
et Sans point de bruit l'on peut faire monter Peau d'une fontaine ou d'un
fleuve a une proportionnee haulteur. . . . Kap. XVII : Ceste autre fa^on de
machine, par laquelle l'on faict pareillement monter l'eau d'un lieü bas en
hault, . . . Kap. LVII : L'effect de ceste autre fagon de machine est de faire
monter l'eau d'un canal ä une juste haulteur etc.
' (S. 13.) Calcul de Teffet des machines.
* (S. 13.) Indroduction ä la mecaniquo industrielle. Vergleiche übrigens
§. 129, Kap. XII dieses Buches.
^ (S. 14.) Vor der Strenge des philologischen Richter Stuhles kann „Kine-
matik" nicht bestehen; Ampere^ hätte „Kinetik'^ (Cinetique) sagen müssen.
Eine Umkehr noch jetzt zu versuchen, hielt ich nicht für angemessen, aus
zweierlei Gründen. Einmal haben sich seit nun vierzig Jahren Name und
Adjektiv ausser in Frankreich auch in England (kinematics, kinematical)
und Italien (cinematica, cinematico) völlig verbreitet, und sind ebenfalls
bei uns vielfach im Gebrauch. Beiläufig gesagt, ist dem durch das Latei-
nische über das Französische geholten „Cinematik" ohne Zweifel die aus dem
Griechischen unmittelbar bezogene Form mit dem Anlaut K vorzuziehen.
Gegen die^luth der drei eingebürgerten Formen mit einem neuen, dennoch
fremden Worte anzukämpfen, würde wohl vergeblich sein und nur Miss-
verständnisse veranlassen; für unsern Hausgebrauch habe ich überdies
„Getriebelehre** vorgeschlagen und angewandt. Sodann besitzt Ampere's
Vorschlag die Stütze der Autorität. Sei der kleine Schnitzer dem grossen
Forscher nicht angerechnet. Bedenke der philologische Minos die Fehler
in der Terminologie des metrischen Maassystems, den falsch gebildeten
Namen Telegramm und andere Barbarismen, deren auch Minos selbst nicht
entrathen kann, und er wird Gnade für Recht ergehen lassen.
« (S. 24.) Parerga II. Kap. III. §. 41, sodann Wille u. Vorst. II. Kap. XIV.
^ (S. 35.) Die moderne technische Literatur hat das unschöne Adjektiv
und Adverb „maschinell" für den hier zu bezeichnenden Begriff eingeführt.
Ich habe mich, trotzdem dasselbe leider populär geworden ist, nicht ent-
592 ANMERKUNGEN.
schliesBen können, es hier anzuwenden. „Maschinell*' ist kein knltivirt^r
Fremdling, sondern ein halb wildes Wort; dasselbe ist nach dem blossien
Gehör anderen Halbfremd Wörtern nachgebildet, aber unrichtig, da die
fremde Endung an einen bereits von unserer Sprache aufgenommenen,
deutsch gewordenen Wortstamm angehängt ist. Solches heisst der Sprache
ein Unrecht zufügen.
8 (S. 38.) Es ist sehr merkwürdig und hätt« schon bisher Anlass mm
Nachdenken geben können, dass man so selten übereinstimmende Definitionen
der Maschine, dieses wichtigen Erzeugnisses des menschlichen Scharfsinnes,
findet. Die nachfolgenden Proben werden zeigen, wie schwankend und oft
geradezu unbestimmt die bisherigen Vorstellungen von der Maschine selbst
bei denjenigen waren, die die Sache doch kennen müssten.
Weisbach. „Maschinen heissen alle künstlichen Vorrichtungen, mit-
telst welcher Kräfte eine Wirkung äussern, verschieden von derjenigen,
welche sie ohne diese geäussert haben würden.*' Hiemach würde ein
beliebiges Geräth, z. B. eine Nadel, ein Bleistift, ein Stock, schon eine Ma-
schine sein.
Poncelet. „Die industriellen oder technischen Maschinen haben den
Zweck, gewisse Arbeiten mit Hilfe der Motoren oder bewegenden Kräftp.
welche uns die Natur darbietet, zu entwickeln." Eine Erklärung voll Yor>
behalt, die nur einen der Zwecke der Maschine angibt.
Bresson. „Eine Maschine ist ein Werkzeug, welches den aUgemeinen
Zweck hat, die Wirkung einer Kraft von deren Angriffspunkt dahin zu
übertragen, wo sie wirken soll, um einen Widerstand zu überwinden, und
eine Leistung auszuführen, deren Ausführung durch unmittelbar darauf so
verwendende Kräfte schwierig und zuweilen immöglich wäre.** Was ist
denn ein Werkzeug? Und wie kommt ein „zuweilen" in eine wissenschaft-
liche Definition?
Rühlmann. Geostatik, III. Aufl. (1860). „Mit dem Namen Maschine
bezeichnen wir eine Verbindung fester, beweglicher und unbeweglicher
Körper zu einem starren, unveränderlichen, losen Systeme, mittelst welche*
Kräfte durch Abänderung ihrer Richtung und Grösse sich unter einander
das Gleichgewicht zu halten vermögen." Was ein loses System sei, wird
an einer frühem Stelle erklärt. Nach dieser Definition ist eine aufgebanste
eiserne Kette eine Maschine, die hydraulische Presse aber wohl nicht, da
das Wasser kein fester Körper ist.
Derselbe. Geostatik, II. Aufl. (1846). Fast genau wie Weisbach.
Derselbe. Allgemeine Maschinenlehre I. (1862). „Die Maschine ist
eine Verbindung beweglicher und unbeweglicher (fast ausschliesslich) fester
Körper, welche dazu dient, physische Kräfte aufzunehmen, fortzapfluueo
oder auch nach Richtung und Grösse derartig umzugestalten, dass sie zur
Verrichtung bestimmter mechanischer Arbeiten geeignet werden.* Hier
haben wir drei Definitionen aus einer Feder. Welcher soll man trauen?
Kaiser. „Maschinen sind Vorrichtungen, welche dazu dienen , dir
Wirkung von Kräften fortzupflanzen, um andere Kräfte im Gleichgewicht
zu erhalten oder zu überwältigen, und Bewegungen nach besümmtea
Zwecken hervorzubringen." Gilt auch z. B. von der Zugleine eines Schiffe«.
Schrader. „Eine Maschine ist eine Vorrichtung zur Abänderung einer
gegebenen Kraft." Kurz und bündig, dennoch schwer zu verstehen. Was
heisst eine gegebene Kraft abändern?
ANMERKUNGEN. 593
Wernicke. „Eine Maschine ist eine Verbindung von Körpern, die den
Zweck haben, mittelst einer disponiblen Kraft irgend eine Arbeit zu ver-
richten.^ Hier ist wenigrstens der Eingang definitorisch , die Fortsetzung
allerdings geht wieder ganzlich ins Unbestimmte.
Poppe/ „Maschinen nennen wir alle die künstlichen Vorrichtungen,
durch welche sich Bewegungen mit Vortheil hervorbringen, unterhalten
und nach bestimmten Richtungen hin verpflanzen lassen.^ Was hat der
„Vortheil** mit der Wissensdhafb zu thun? Auch lassen sich doch durch
„Vorrichtungen** keine Bewegungen hervorbringen u. s. w. u. s. w.
Delaunay. Analytische Mechanik (1866). „Maschinen sind Apparate,
welche dazu dienen, die Arbeiten der Kräfte zu übertragen, oder auch:
eine Kraft auf einen Punkt wirken zu lassen, der nicht in ihrer eigenen
Richtung liegt** Wiederum nur Eigenschaften, keine Erklärung und feste
Bestimmung, dazu das fatale „„oder auch****.
Willis. „Eine Maschine ist ein Instrument, mit welchem man irgend
ein Verhältniss zwischen den Bewegungen zweier Stücke hervorbringen kann.**
Eine Gleichung mit zwei Unbekannten könnte man diese Definition nennen.
Sie hat auch Willisens Nachfolger nicht befiriedigt, wie das Folgende zeigt.
Giulio. „Maschine nennt man jede Vorrichtung, welche bestimmt ist:
Beweg^ung durch die Wirkung eines Motors zu empfangen, diese Bewegung
abzuändern, und so abgeändert auf ein Instrument zu übertragen, welches
geeignet ist, irgend eine Arbeit auszuführen.** Gibt Eigenschaften der
Maschine an, nicht aber was die Maschine ist.
Laboulaye. „Man gibt den Namen Maschine jedem Körpersystem,
welches dazu bestimmt ist, die Arbeit der Kräfte zu übertragen** (auch
chemischer Kräfte ?) „und in Folge dessen sowohl die Kräfte selbst in Bezug
auf ihre Intensität abzuändern, als die hervorgerufene Bewegung hin-
sichtlich ihrer Geschwindigkeit und Richtung mit Rücksicht auf das zu
erreichende Ziel umzugestalten.** Was ist ein Körpersystem ? Und genügt
es, dass ein solches zu etwas bestimmt sei? u. s. w. u. s. w.
Belang er. „Eine Maschine ist ein Körper** (ein Körper??) „oder ein
Komplex von Körpern, der die Bestimmung hat, an einem seiner Körper
gewisse Kräfte aufzunehmen, und durch andere Punkte des Systems Kräfte
auszuüben, welche im allgemeinen von der ersten verschieden sind, sowohl
nach Intensität und Richtung, als hinsichtlich der Geschwindigkeit ihrer
Angriffspunkte.** Wiederum die „Bestimmung**! Auch ist das Ganze
beschreibend, nicht definitorisch.
Ha ton. „Eine jede Maschine ist ein Apparat, welcher dazu bestimmt
ist, einen Motor mit einem zu bearbeitenden Stoff in Beziehung zu setzen.**
Apparat, Motor, zu bearbeitender Stoff, Beziehung?? Vom logischen Stand-
punkte aus betrachtet, wie viele Räthsell! Davus sumy non Oedipus!
könnte der Hörer ausrufen.
Endlich Pierer's Universal-Lexikon (Hülsse?): „Maschine = Vorrich-
tung, mit welcher eine Bewegung, d. i. eine Ortsveränderung oder eine
Gestaltsänderung an einem Körper hervorgebracht, also überhaupt eine
Arbeit oder mechanische Leistung vollbracht wird.** Ist nur beschreibend
und passt auf eine Menge Dinge, die nicht Maschinen sind.
Der Leser wolle sich nicht darüber wundem, dass ich Namen von ver-
schiedenem Gewicht nebeneinanderstelle, noch auch, dass ich bedeutende
auslasse, wie z. B. Moseley, Redtenbacher, Jolly, Karmarsch,
Beuleaux, Kluemaük. 3g
594 ANMERKUNGEN.
Holzmann, und von den älteren Autoren Langsdorf, Eytelwein und
andere. Aber diese Schriftsteller geben keine Definition der Maschine; sie
weichen derselben konsequent aus und gehen geradesweg^s in die KlaMi-
fikation und Beschreibung hinein. Sodann führe ich die Vielzahl der Ver-
suche darum auf, weil sich dabei ergibt, dass ein fester AnscMuss an eine
Autorität nirgends stattgefunden hat.
Nicht uninteressant, weil bedeutend naiver, als die modernen, vom
Wellenschlag der Erscheinungen hin- und hdrgeworfenen Erfassnngwer-
suche, sind ältere Definitionen.
So sagt z. B. Leupold (Theatr. mach. 1724): „Eine Mach ine oder
Rüstzeug ist ein künstliches Werk, dadurch man zu einer vortheilhaflen
Bewegung zu gelangen, und entweder mit Ersparung der Zeit oder Kraft
etwas bewegen kann, so sonst nicht möglich wäre." Die bemerkenswerthe
Uebersetzung „Rüstzeug** findet sich bis tief in unser Jahrhundert hinein,
aber auch schon lange vor Leupold, so in Zeising's Theatr. mach.
(Leipzigk, 1607), wo man auch den Ursprung des Wortes erkennt. Zeising
gibt nämlich nicht eine selbstverfasste Definition, sondern nur in freier
Uebersetzung diejenige des Vitruv. Letztere lautet (Lib. X. Cap. L):
„Machina est continens ex materia coniunctio maximas ad oneram motus
habens virtutes.** Die erste Hälfte wäre man versucht, anch heute noch
für gut zu halten. Diese „continens coniunctio ex materia** sieht so am,
wie eine „zusammenhängende Verbindung von Stofflichem**, also ^tod
Körpern**. Allein hier ist offenbar materia = Nutzholz, Bauholz, nndeo
meint denn der alte Meister: „Ein zusammenhängendes Holzgerüst, welche«
vorzügliche Eigenschaften zur Bewegung von Lasten hat.** „Rüstseug'* war
also bei Vitruv defini torisch gemeint, nicht denominatorisch , wie Zeising
und viele Nachfolger es zu gebrauchen versuchten.
Die sämmÜichen aufgeführten Definitionen haben das gemeinsam, dass
sie ganz oder vorwiegend beschreibender Natur sind; das Wesent-
liche findet sich nur in Ansätzen. Ich möchte, indem ich diese Kritik
hier ausführe, nicht missverstanden werden: es handelt sich nicht am
kritische Bemängelungen, sondern um den Hinweis auf die Wichtigkeit
der Sätze, mit welchen man den Grundstein einer Wissensohaflslehre legt,
indem man mit der Definition ihres Gegenstandes beginnt. Vielleicht wirft
man mir hier ein, dass diese Definition stets erst dann gegeben werden
könne, wenn der Gegenstand selbst wissenschaftlich erforscht sei, sie dem*
nach nur künstlich an den Anfang gelange. Dieser Einwarf ist allerding«
richtig, gilt aber von jeder verwandten Definition, und moss von ihr gelten.
Der Anfang muss das Ende voraussetzen« Eine Wissenschaftslehre soll
nicht die Erzählung ihrer Findung sein. Der vorausgestellte, den Inhalt
angebende Satz braucht auch anfanglich vom Leser durchaas nicht voll-
ständig verstanden zu sein; im Laufe der Erklärung und Entwickelang
aber veranlasst er denselben, stets wieder auf die Definition zurückzablicken.
in ihr, wie in einem Brennspiegel , das Substrat der sich ergebenden Ein-
zelsätze sich reflektiren zu lassen, bis er endlich die Bestätigung völlig und
gsjkz erlangt hat. Allmählich wird ihm so die Definition mehr und mehr
inhaltreich, und ermöglicht ihm endlich, die Gesammtheit des Erfassten
in ihre enge Form zusammenzudrängen.
Aus diesem Grande aber gibt auch umgekehrt eine unvollständige oder
nur beschreibende Definition, welche an die Spitie einer Lehre gestellt t»t.
ANMEKKUNGEN. 595
ein Reflexbild von dem Stande der behandelten WissenBchaft. Die Maschine
hat sich, wie sich im Verlaufe dieses Buches zeigen wird, in einem lang-
samen Prozesse aus den allgemeinen mechanischen Problemen herausgelöst.
Vor allem ist daher dem reinen Mechaniker, welchem die Maschine nicht
Hauptgegenstand, sondern nur Paradigma ist, kein besonderer Vorwurf
wegen ungenauer Definirung der Maschine zu machen. Aber auch selbst
dem Maschinen -Fach gelehrten erwächst ein solcher nicht, so lange seine
Wissenschaft noch nicht zu festen Sätzen gelangt ist. Ich möchte in die-
ser Beziehung auf eine treffende Bemerkung von Mi II hinweisen. Derselbe
sagt (Logik. 1,1. Buch, Kap. VIII, §. 4): „Was von der Definition irgend
eines Ausdrucks der Wissenschaft wahr ist, ist auch von der Definition
einer Wissenschaft selbst wahr, und es muss daher die Definition einer
Wissenschaft nothwendig eine vorläufige und fortschreitende sein. Irgend
eine Erweiterung unseres Wissens oder eine Veränderung in den gewöhn-
lichen Ansichten über den Gegenstand können zu einer mehr oder weniger
weitgreifenden Veränderung der in der Wissenschaft eingeschlossenen Ein-
zelheiten führen, und wenn sich ihre Zusammensetzung auf diese Weise
verändert hat, so dürfte vielleicht eine verschiedene Reihe von karakteri-
stischen Eigenschaften leicht zu finden sein, die sich . . . für die Definition
des Namens der Wissenschaft besser eigenen.''
* (S. 50.) Die Wichtigkeit dieses weittragenden Satzes leuchtet dem
Leser an dieser Stelle vielleicht weniger ein, als es später geschehen wird,
wenn Anwendungen aufgezeigt werden können. Bis jetzt ist das darin ent-
haltene Gesetz vöUig dunkel gewesen. Nur eine einzige ältere Spur, einen
Schimmer von dem Grundgedanken habe ich bei Chasles (Geschichte der
Geometrie, deutsch voü Sohnke, 1839) gefanden, da wo Chasles von dem
Oval werk des Leonardo da Vinci spricht. (Note XXXIV., S. 447 ff. und
S. 626.) Den dort stattfindenden Vorgang der Feststellung eines anderen
Gliedes der kinematischen Kette hält Chasles für den Ausfluss eines grossen
Gesetzes der Dualität, und knüpft daran weit gehende Betrachtungen.
Seine Raisonnements sind nicht genügend begründet und gehen weit in die
Irre; es handelt sich hier nicht um eine Dualität, sondern um eine eigen-
thümliche Pluralität, welche alle Folgerungen, die Chasles mit Kunst
aus der Dualität zieht, ungezwungen enthält, und ausserdem noch ungleich
folgenreicher ist.
^^ (S. 75.) Es scheint hier am Platze zu sein, nochmals ganz bestimmt
hervorzuheben, dass zusammengehörige Polbahnen durchaus reziprok sind,
dass also keine von beiden igend eine Eigenschaft vor der andern voraus hat.
Letzteres scheint nur der Fall zu sein, wenn (wie in Fig. 21) eine der
beiden Bahnen festgehalten wird. Man sieht aber aus dem obigen Problem,
dass dieser Unterschied im Umsehen aufgehoben werden kann, sowie
man auch zu bedenken hat, dass z. B. gerade bei dem behandelten Ge-
triebe das zweite Polbahnenpaar neben dem ersten Paare (von welchem
eine der Bahnen zufallig feststeht) sich stets in der Lage befindet, dass die
Bedingungen für beide Figuren dieselben sind. Die Unterscheidung, welche
Poinsot zwischen „Polhodie" und „Herpolhodie" gemacht hat, und
bei welcher ihn gerade der Umstand leitete, dass eine der beiden Kurven
feststand, ist daher nicht durchführbar, wenigstens für die Maschinen-
getriebelehre nicht. Man sollte ihn auch überhaupt aufgeben, da der
Unterschied kein spezifischer ist; die Unterscheidung wirkt eher vervdr-
38*
596 ANHEBKUHOEN.
rend, als aufklarend, da sie selbst wider Willen den Gedanken aufkommen
läset, als kämen in einem beweglichen Systeme nur zwei Polbahnenpaare
vor, während wir doch oben schon gleichzeitig sechs Paare vorfanden.
Ein ferneres Beispiel für die Unzulässigkeit der Unterscheidung liefern
Getriebe wie diejenigen, welche in §. 120 besprochen werden. Dort fallen
die Polbahnen von a : c und die von 6 : c in Punkte zusammen , entziehen
sich also der Betrachtung als Kurven; die Polbahnen zwischen a und 6
dagegen, die einzigen, welche übrig bleiben, sind bei Aufstellung der Kette
auf c beide beweglich, also ununterscheidbar. Dasselbe gilt auch schon
von den Gliedern a und b der Stirnräderkette, Fig. 135. Logisch ist also die
Unterscheidung nicht gerechtfertigt, und was in einer Wissenschaft, nament-
lich in einem jungem Zweige, nicht logisch gerechtfertigt ist, sollte man
doch mit aller Sorgfalt fernhalten, beileibe aber nicht aus Bequemlichkeits-
gründen einführen. Ich würde von der Sache nicht sprechen, wenn nicht
auf den Vorgang Aronhold's hin, welcher die ruhende Polbahn „Pol-
bahn'', die bewegliche „Polkurv e** nennt, die jüngeren Kräfte alsbald
diese Bezeichnungen mit Acclamation angenommen hätten. Ich weiss
aus hundertfaltig sich wiederholenden Erfahrungen, dass der Stodirende
trotz der Abmahnung des Dozenten, keinen logischen Unterschied zwischen
den beiden Namen sehen zu wollen, dies dennoch thut. Und darüber darf
man sich nicht wundern, denn die Namengebung soll in den Wissen-
schaften logisch sein, weil sie dem Begrififlichen unausgesetzt als An-
halt dient; von dieser Ueberzeugung durchdrungen macht der Lernende
nolens volens einen Unterschied zwischen zwei Dingen, welche ihm nach ver-
schiedenen Namen entgegengebracht werden. Indem man ihm vermöge der
Namengebung das rein Accidentelle wie etwas Wesentliches vorfuhrt, wird
er dazu verleitet, es dafür zu halten. Möchte man doch jetzt, wo es noch
Zeit ist, zum Richtigen zurückkehren! Nur zu schnell wird ein Fehler,
langsam das Gute nachgeahmt Tritt die Nothwendigkeit ein, einmal eine
unbewegliche von einer beweglichen Polbahn zu unterscheiden, so kann
man ja die erstere die ruhende, die andere die bewegliche nennen;
immer aber empfiehlt es sich, nicht die Idee aufkommen zu lassen, als
wären die beiden Bahnen ihrem Wesen nach von einander verschieden.
*^ (S. 78.) Bei der sogenannten Evolventenverzahnung sind die Grund-
kreise der Evolventenbogeu, von Moll und mir in der „Konstmktionslehre
für den Maschinenbau*' Verhältnisskreise genannt, solche sekundäre
Polbahnen; das dritte Glied der Terne ist die sich auf beiden Kreisen mit
Rollung bewegende geradlinige Erzeugende der Evolventenbogen.
^^ (S. 87.) Die in der Fig. 445 angegebenen Koordinaten benutzend,
hat man:
X = = — 8 C08 a — r' $in w ai n «,
wenn a den Projektions winkel bezeichnet. Setzt man den konstanten Wertk
T— co8a = r, so wird:
X = r (» 8in 0» «in «j
und ferner ist : y = r fl cos wj •
AKMBRKUNÖEN.
597
Diese Doppelgleichung stimmt bis auf den Faktor sin tt mit der Cy-
kloidengleichung überein , ohne dass indessen die Kurve etwa eine Pro-
jektion der Cykloide wäre.
*^' Denkt man sich die bei-
den konzentrischen Ellip-
sen in der Bildebene so
fortschreitend , dass die
kleinere auf ABC rollt,
beide sich aber in ihren
Umfangen stets so biegen,
dass sie in allen Stellun-
gen ihrer anfanglichen
Form kongruent bleiben,
so beschreibt ein Umfangs-
punkt Q der äussern Ellipse die vorliegende Kurve PQB, weshalb die-
selbe, wie im Text geschehen, wohl eine elliptische Cykloide genannt wer-
den kann. Hier würden wir eine „verlängerte*^ elliptische Cykloide vor
uns haben. Die Kurve geht in die Sinoide, die Gefährtin der Cykloide
über, wenn in der Gleichung a = Null, und in die Cykloide oder Radlinie,
wenn « = 90® wird.
1' (S. 90.) Der von mir gewählte Ausdruck „zwangläufig** hat rasch
Aufnahme gefunden. Für den Austausch mit den romanischen Sprachen
eignet sich „desmodromisch*', von desmos, Fessel, und drömos, Lauf. In
der italiänischen üebersetzung dieses Werkes ist deamodromieo angenommen.
^^ (S. 124.) S. Chasles, Geschichte der Geometrie (deutsch von Sohncke),
Noten, S. 655; citirt wird dort Cardans »Opus novum de proportionibus
numerorum, motuum etc."
^^ (S. 125.) Ohne Benutzung eines Modells ist es sehr -schwer, eine
volle sinnliche Vorstellung des Vorganges zu gewinnen, wenn nicht ander-
weitigre grosse üebung vorausgegangen ist. An meinem Modell habe ich
das Kreisbogendreieck ÜTQ in eine Glasscheibe eingeätzt, das Zweieck
PVQW in die Fläche BP8Q eingravirt Um bei Ermangelung eines
Modells die Vorstellungskraft einigermaassen zu unterstützen, wandere man
mit den Spitzen eines Zirkels, dem man die Oeffnung PQ gegeben, den
Dreieckseiten nach; schwärzt man noch die eine Zirkelspitze, um sie von
der andern deutlich zu unterscheiden, so kann man wenigstens die Be-
wegungen des Zweiecks im Dreieck ziemlich gut verfolgen.
1' (S. 127.) Zur Verzeichnung der vorliegenden und ähnlicher Roll-
zugfiguren bediene ich mich eines besondem Dreispitzzirkels, welchen Herr
MechanikuB J. Kern in Aarau (Schweiz) auf meine Veranlassung fertigt
und in trefflicher Ausfuhrung liefert. An diesem Zirkel ist der dritte Fuss
seiner Länge nach veränderbar und ausserdem mit einem Knie versehen,
so dass man sowohl ganz stumpfe, als ganz spitze Dreiecke in den Zirkel
fassen kann, wozu der ältere Dreispitzzirkel sich nicht eignet.
1^ (S. 127.) Wie stark dieses Vomrtheil ist, zeigt u. a. eine Stelle in
Weissenborn's „cyklischen Kurven ** (Eisenach 1856), wo es (S. 3) fol-
gendermaassen heisst: „Denn ist (Fig. 446 a. f. S.) der um ino boschriebene
der wälzende , der um M beschriebene der rahende Kreis , hat femer der
beschreibende Punkt Bq, wenn die Berührung nicht mehr in Bq, sondern
in h stattfindet, das Kurvenstück BqPiP^ dnrchlanfen: so mnss offenbar,
598
ANMEBKUNGEN.
wenn man jetzt den bisher beweglichen Kreis in Ruhe lässt und den gT68«^
ren in einer der früheren entgegengesetzten Richtung sich um den kleine-
ren zurückdrehen lässt, der u-
^*«* **^- fangs mit dem Paukte Bp .1«
kleineren Kreises sasammecge-
fallene Punkt B^ des grössereo
,, dieselbe Linie BqPiP^ be-
schreiben.'' Dieses , offen-
bar* ist eben das Vororth-il
und die Gewohnheit. Thatiich-
lich beschreibt Bq die ron der
Hypocykloide ÄqPjPj 8eh^ve^
schiedene Pericy kloide Bq B^R\
welche ich durch Panktirang
angedeutet habe.
Auch für das Verständniss der
Bewegung der Himmelakörper
leisten die Polbahnen vorzüg-
liche Dienste und sind geeignet,
die Unklarheiten zu beseitigeü.
welche in den Vorstellangen toq
der „wirklichen*' und der „schein-
baren** Bewegung gewöhnlich
zu finden sind. (Lehrreiches
Modell im kinematischen Eabinet der Eönigl. Gewerbe-Akademie. Vkeun
man die gewöhnlichen gang und gäben Ansichten von diesen Bewegiing<en
prüft, überzeugt man sich, wie wahr immer noch eine Bemerkung Pein-
sot's in der Einleitung zu seiner „Theorie nouvelle de la rotation de«
Corps** ist, wo er nämlich sagt: „Mais s'il s'agit du mouvement d^an corp«
de grandeur sensible et defigure quelconque, il faut couTenir qoVn
ne s'en fait qu'une idee tres-obscure**.
" (S. 130.) Vergl. SchlömilcVs Zeitschrift, Bd. IX, S. 209, Durege.
lieber einige besondere Arten cykliacher Kurven.
10 (S. 138.) Quadratische Punktbahnen entstehen bei quadratischer
Hohlfigur A B C D, wenn die Polbahn der Bogenscheibe linsenformit?
ausfällt (vergleiche Figur 6). Dies geschieht aber hier, wenn QT recht-
winklig PS füllt. Dann ist aber wegen der Aehnlichkeit der Dreiecke
Z.lPQ=AniiSP, und demnach m^P=^co8 IPQ = PS sinlPQ.
oder, da PB = PS, tglPQm^- Die Bogenscheibe ist also so zu wählen,
dass die Tangente des Winkels m^ SP = 0*5, oder dass mj P = 0*5 1», 5 wird.
20 (S. 145.) Willis, Elem. of mechanism, 2. Auflage, S. 9a Th-r
Camus'sche Satz heisst danach : Wenn man will, dass das Getriebe und da^
Rad siph mit immer gleichbleibender Kraft drehen, so müssen die Flanke
ACH und die Wälzung CZ des Zahnes wie Epicykloiden durch eine und
dieselbe Kurve erzeugt werden, welche innerhalb das Getriebes auf dem
Umfang HB zu rollen hat, um die Flanke zu beschreiben, nnd ausserhalb
auf dem Umfang ZB des Rades, um den Zahn zu profiliren etc.
ANMERKUNGEN.
599
» (S. 146.) Ann. Ph. 1706. S. 879. Lahire spricht den Satz wie folgt
aus: Es ist nimmer möglich, eine Kurve zu finden, welche, auf einer
gegebenen Basiskurve rollend, mit irgend einem beschreibenden Punkte,
ähnlich einer Trochoide, eine gegebene zweite Kurve erzeugt, voraus-
gesetzt, dass die Normalen aller Punkte der zweiten Kurve die erste tref-
fen. — Als Beispiel führt er die Erzeugung einer Geraden durch Rollung
einer Kurve auf einer anderen Geraden, welche die erste schneidet, an. Als
Erzeugende ergibt sich, wie bald zu übersehen, eine logarithmische Spirale,
deren Pol die Gerade beschreibt. Werden die Geraden parallel, so geht die
Spirale in einen Kreis über.
^ (S. 164.) Nimmt man an, dass die Stücke a und fr, Fig. 447, durch
eine zu ihrer Berührungsfläche normal gerichtete Kraft P zusammeuge-
Fig. 447.
presst werden, und die Rauhigkeiten
der Oberfläche eine streng regelmäs-
sige Zähnelung vom Basiswinkel q>
bilden, so leitet sich aus der Mittel-
kraft Q der Pressungen der sämmt-
lichen wirksamen Zahnflanken, welche
der beabsichtigten Bewegung entge-
gengekehrt sind, der Widerstand P
gegen die Belastung und der Wider-
stand i«^ gegen die verschiebende Kraft
ab. Es ergibt sich dabei Fz=:Ptgq>,
Man könnte hiemach aus dem durch
Versuche ermittelten Koeffizienten der
sogenannten Reibung der Ruhe den mittleren Erhebungswinkel der Ober-
flächen-Rauhigkeiten bestimmen.
Es sei bei dieser Gelegenheit verstattet, auf mehrere in der Elemen-
tarmeohanik übliche ungenaue Auflassungen der Reibung hinzuweisen,
welche — meiner Ansicht nach zum grossen Nachtheil des Verständnisses —
fort und fort gepflegt werden.
Zunächst handelt es sich um die Auffassung, dass die Reibung nur
Bewegung zu verhindern, nicht aber solche zu erzeugen im
Stande sei. Dies ist die in den Lehrbüchern herrschende theoretische
Anschauung. So sagt z. B. Weisbach, Theor. Mech. I (4. Aufl.) §. 167,
vorerst in der Ueberschrift : „Die Widerstände der Reibung ijnd Steifigkeit^,
und dann im Text: „Die Reibung tritt bei der Bewegung der Körper als
eine passive Kraft oder als Widerstand (Reibungs widerstand) auf, weil
sie nur Bewegungen verhindert oder hemmt, dieselben aber nie erzeugt
oder befördert." Kays er, Statik §. 161, sagt: „Die Reibung kann als eine
passive Kraft angesehen werden, welche bloss die Bewegung hemmt, nie-
mals aber Bewegung verursacht oder befordert." Nicht alle sprechen sich
so unumwunden aus; durchstehend ist aber die Auffassung, dass die Rei-
bung ein „Widerstand" sei, was im Grunde alles sagt. So bei Rühl-
mann, dann auch z. B. in Wernicke's Mechanik, aber auch bei Mose-
ley, bei Poncelet, ja auch Duhamel. Unter den Neueren hat selbst
der scharfsinnige Ritter diese Auffassung beibehalten; überhaupt habe ich
bisher eine Ausnahme von der Regel in keinem Lehrbuche gefunden. Und
doch hält diese Auffassung nicht der Unterauchung auf ihre Richtigkeit
Stand und steht zudem in Widerspruch mit dem Axiom von der Ursache
600 ANMERKUNGEN.
der Bewegungen, oder, um es schärfer anszudrücken, mit dem Gesetz von der
Erhaltung der Kraft. Denn die Beibung ist eine Kraft und wird von ans
als solche vereinzelt, gleichviel, ob sie, und wie sie aus anderen Kräften
abzuleiten ist. Letzteres gilt ja auch von einer Unzahl anderer Kräfte.
Es liegt demnach kein innerer Grund vor, bei dieser Kraft (und bei der
Seilsteifigkeit, wo dasselbe Verfahren herrscht) plötzlich aus der Ordnung
herauszutreten, ja gar zu behaupten, dass diese Kraft das Grundweaen der
Kräfte überhaupt nicht besitze, nämlich keine Bewegung befördern oder
hervorrufen könne, d. h. immer mit dem negativen Vorzeichen auftrete.
Wir haben wohl hier einen Rest einer alten, ererbten Auffassung der
Mechanik vor uns, aus welcher sich die wissenschaftliche Mechanik sonst
allerorten theils herausgearbeitet hat, theils die Abstreifung zu vollenden
bestrebt ist.
Ohne Zweifel bedarf indessen die Frage der Prüfung. Die Wider-
legung der Behauptung, dass die Reibung keine Bewegung befördern könne,
ist leicht, da in der Technik wie in der Natur die gegentheiligen Fälle
häufig sind. Der' Wind setzt durch Reibung die Wasserfläche in Bewe-
gung; er, der Wind, wird durch die Reibung, welche bei seinem Ein-
streichen über die Fläche entsteht, verzögert, das Wasser aber wird durch
die Reibung beschleunigt. Der Geigenbogen setzt durch Reibang die
Saite in Bewegung, und zwar in eine schwingende, die Helmhol tz (Ton-
empfindungen S. 142) wie folgt beschreibt: „Während des grösseren Theils
jeder Schwingung haftet die Saite an dem Violinbogen, und wird von ihm
mitgenommen, dann reisst sie sich plötzlich los und springt schnell zurück,
um sogleich wieder von einem anderen Punkte des Bogens mitgenommen ra
werden.^ Der im schnellen Gang befindliche Maschinenriemen seist, wenn
auf eine stillstehende Rolle geschoben , diese unter Gleitung allmählich in
Bewegung, und zwar ist die vermittelnde Kraft, welche von der Geschwin-
digkeit Null an bis zu derjenigen des Riemens treibend wirkt, die Rei-
bung. Sie widersteht der Bewegung des Riemens, beschleunigt aber die-
jenige der Rolle. Verfeinert man die Untersuchung, so findet man sogar,
dass in jedem einzelnen Falle die Reibung Bewegung sowohl verhindert,
als erzeugt, gescbehe letzteres auch nur in der Form von kleinen Form-
änderungen, welche der geriebene Körper erfahrt. Hierbei braucht man
nicht einmal, was man leicht könnte, auf das rein mathematische Gebiet
sich zurückzuziehen und zu behaupten, dass die Verzögerung selbst auch
ein Hervorrufen von Bewegung, nämlich von Bewegung mit anderen Vor-
zeichen ist. Die übliche Auffassung ist also sowohl praktisch, als rein wie-
senschaftlich genommen nicht richtig.- Sie bald verbessert zu sehen, ist
sehr wünschenswerth. Doch wird dies wohl nicht gerade schnell gelingen,
da naheliegende Fehlschlüsse leicht auf die alte Anschauung zurückleiten.
„Jede Reibung vernichtet lebendige Kraft*', sagt Helmhol tz in einen»
seiner ausgezeichneten „Vorträge" (II. Heft, S. 129). Aus diesem Satz, der
unbestreitbar ist, wird nur zu leicht der andere gebildet: „die Reibung ver-
nichtet immer nur lebendige Kraft**, was ein Fehlschluss ist Dass jede
Reibung lebendige Kraft vernichtet, schliesst ja nicht aus, dass Beibunfr
auch lebendige Kraft erzeugen könne. Ja es ist sogar davor zu warnen,
den obigen richtigen Satz blind durch alle Konsequenzen führen zu wollen,
indem er auch in seiner reinen Form noch zu irrthümlichen Folgerungen
Veranlassung geben kann. Ein interessantes Beispiel liefert die Reibnng
ANMEBKÜNGBN. 601
des Dampfkolbens in der Dampfmaschine. Der Kolben reibt sich sehr
stark an den Gylinderwänden und verliert deshalb nicht onbeträchtlioh an
lebendiger Kraft. Dennoch gelang es z.B. dem scharf beobachtenden Hirn
nicht, auch nur den kleinsten Kraftverlast, der dadurch entstände, experi-
mentell nachzuweisen. Er selbst gibt aber den richtigen Grund an, welcher
der ist, dass die Beibung des Kolbens wieder lebendige Kraft erzeugt,
indem sie die Temperatur des Dampfes entsprechend erhöht. Euer ver-
nichtet also die Reibung an der einen Seite lebendige Kraft, um sie an der
anderen sofort wieder zu erzeugen, und zwar in einer solchen Form zu
erzeugen, dass am Schlussresultat nichts von dem Vorgang zu merken ist.
Die blosse Messung würde also den alleinstehenden Satz: Jede Reibung
vernichtet lebendige Kraft* scheinbar nicht bestätigen; soll er also' zur
Erklärung der Reibung dienen (wozu er bei Helmholtz nicht bestimmt
ist), so ist alsbald der andere Satz anzufügen: Jede Reibung erzeugt auch
lebendige Kraft.''
Möchten die Mechaniker sich veranlasst sehen, die logische Klarheit
an dieser Stelle in ihr Recht einzusetzen, am wenigsten aber damit in den
Lehrbüchern, seien es auch elementare, zu zögern. Denn je tiefer hinunter
die Einbrüche in die Logik vermieden werden, um so weniger Ausbesserungs-
arbeiten hat man weiter oben zu machen.
Ein zweiter zu besprechender Punkt ist der von den Gesetzen der
Reibung. Schlägt man ein beliebiges Lehrbuch der Mechanik ihretwegen
auf, so findet man in irgend einer Form folgende drei inhaltschweren
Sätze: 1) die Beibung ist proportional dem Normaldrücke zwischen
den reibenden Körpern; 2) sie ist unabhängig von der Grösse der Be-
rührungsflächen; 3) sie ist unabhängig von der Geschwindigkeit, mit
der das Gleiten stattfindet. Dies sind im Grossen und Ganzen die Sätze
von Coulomb und Morin. Nun haben aber die neueren, und keineswegs
mehr ganz jungen Versuche nachgewiesen, dass die Goulomb-Morin'schen
Sätze nur innerhalb sehr enger Grenzen das wirkliche Verhalten ausdrücken,
dass sie insbesondere aber für diejenigen Flächendrucke und Geschwin-
digkeiten, welche die Maschinenpraxis gewöhnlich bietet, nicht gültig sind,
dass es in ihnen vielmehr heissen müsste: nicht proportional und nicht
unabhängig. Ja wir wissen, dass das praktische Maschinenwesen durch
das Festhalten an den Coulomb -Morin 'sehen Sätzen schon hundertfältig
Schaden gelitten hat, aufgehalten worden ist, sowie dass die fortgeschrittene
Maschinenpraxis sich über die Sätze hinausgesetzt hat und ihre Dimensions-
bestimmungen im Widerspruch mit denselben vornimmt. Sollte es da nicht
endlich an der Zeit sein, die Versuche von Rönnie, Hirn, Sella,
Boche t u. A. aus den Anmerkungen herauszunehmen und in den Haupt-
text zu versetzen?! Mir scheint dies sowohl der Würde der Wissenschaft
au gemessen, als auch hinsichtlich der Anwendungen empfehlenswerth zu
sein.
M (S. 197.) Lubbock (Originof civilisationetc., London 1870) weist dies
an einer so anfifallend bedeutenden Reihe von namentlich sozialen Erschei-
nungen nach, dass die Theorie von der Einheit der menschlichen Art —
nicht zu verwechseln mit der Abstammung von einem Paar — dadurch
eine bedeutende Stütze gewinnt.
^ (S. 199.) Chamisso, IV, 244, gibt folgende Beschreibung dieser
und anderer Verfahrungsweisen.
602 ANMEBKÜNOEK.
„Auf den Carolinen -Inseln wird auf einem Stück Holz', das am Boden
festgehalten wird, ein anderes, welches grad und wie gedrechselt, ungefihr
anderthalb Fuss lang und wie ein Daumen dick sein muss, senkreeht
gehalten , mit seiner stumpf abgerundeten Spitze angedrückt und zwischen
den flachen Händen durch Quirlen wie ein Bohrer in Bewegung gesetzt.
Die erst langsam abgemessene Bewegung wird bei stärkerem Druck be-
schleunigt, wenn der Holzstaub, der sich unter der Beibung bildet und
rings um das bewegte sich einbohrende Holz ansammelt, sich zu verkohlen
beginnt. Dieser Staub ist der Zunder, der Feuer fangt In diesem Ver-
fahren sollen die Weiber von Eap eine ausnehmende Fertigkeit besitzen.*
„Auf Badack und den Sandwich-Inseln hält man auf dem festliegenden
Holz ein anderes spannenlaDges Stück mit abgestumpfter Spitze unter einem
Winkel von etwa dreissig Grad schräg angepresst, so dass die Schenkel
des Winkels nach sich, die Spitze von sich gekehrt sind. Man hält es mit
beiden Händen, die Daumen unten, die Finger oben zum sicheren Druck
aufgelegt, und reibt es sodann in dem Plane des Winkels gerade vor sich
in einer zwei bis drei Zoll langen Spur hin und her. Wenn der Staub,
der sich in der entstehenden Binne vor der Spitze des Beibers ansammelt,
sich zu verkohlen beginnt, vrird der Druck und die Schnelligkeit ver-
doppelt."
„Es ist zu bemerken, dass nach beiden Methoden zwei Stücke derselben
Holzart gebraucht werden, wozu etliche von gleich feinem Grefnge, nicht
zu hart und nicht zu weich, die tauglichsten sind. Beide Methoden erfor-
dern Uebung, Geschick und Geduld."
„Das Verfahren der Aleuten ist die erste dieser Methoden, mechanisch
verbessert. Sie regieren das zu drehende Holzstück wie den Bohrer, dessen
sie sich in ihren Künsten bedienen. Sie halten und ziehen die Schnur, die
um dasselbe zweimal gewickelt ist, mit den beiden Händen, indem sich
dessen oberes Ende in einem bearbeiteten Holz dreht, welches sie mit dem
Munde halten. Wir sahen so Tannenholz auf Tannenholz in wenigen
Sekunden Feuer geben, da sonst eine viel längere Zeit erfordert wird.*
„Die Aleuten machen auch Feuer, indem sie zwei mit Schwefel ein-
geriebene Steine über trocknes, mit Schwefel bestreutes Moos zusammen-
schlagen."
Die vorstehenden Beschreibungen sind klar und verständlich, welche
Eigenschaften man leider den bezüglichen Texten anderer Beisebeschreiber
nicht immer nachrühmen kann. Es wäre sehr zu wünschen, dass bei den
Expeditionen nach fernen Weltt heilen auf möglichst objektive Beobachtung
der technischen Thätigkeiten der Naturvölker Werth gelegt, und die Schil-
derung derselben vollständig und möglichst genau, ohne subjektive Zuthmten,
gegeben würde. Die Feuerzeuge solcher Völker gehören zu den bemerkena-
werthesten Geräthen derselben , da sie meist tief in dunkle Zeiten hinauf-
reichen und die Brücke zu anderen Gerathschaften technischer Natur bilden.
Manche dieser Feuerzündungsweisen sind zwar beobachtet, aber den Fach-
schriftstellem entgangen. Ich führe die folgenden drei Methoden, welche
mir durch' mündliche Mittheilung verehrter Freunde bekannt geworden
sind, in Kürze an.
Nach Herrn Ja gor 's Beobachtung wenden die Malayen folgendes Ver-
fahren an. Ein fusslanges Stück trocknen Bambusrohrs wird der Longe
nach gespalten, und darauf der zarte Bast, der die innere Wandung
ANMEBKUNGEN. 603
kleidet, zluammeiigeBchabt und zu einem Bällchen vereiniji^ in die Mitte
der einen Bohrhälfte gedrückt. Darauf wird diese Bohrhälfte mit der
hohlen Seite (und dem Bällchen) nach unten an den Boden gepflöckt. Von
der andern Bohrhälfte spaltet nun der Feuerzünder noch so viel herunter,
dass ein messerartig scharfer gerader Spahn daraus wird. Diesen nun
führt er wie eine Säge oder eine Feile quer über die Mitte des festgepflöckten
Stückes, nachdem er vorher vielleicht eine kleine Kerbe in dasselbe ein*
geschnitten hat. Letztere erweitert und vertieft sich durch das Sägen,
ihre Bänder erhitzen sich aber dabei sehr stark, so dass, wenn die Kerbe
die Bohrwand durchdringt, das darunter liegende Bastbällchen Feuer
fangt.
Prof. Neumeyer sah in Neuholland ein verwandtes Verfahren an-
wenden. Statt des Bambus wird dort Holz benutzt, zu dem Bodenstück
aber womöglich ein Scheit ausgesucht, welches einen Längsspalt besitzt.
In diesen wird leichtentzündliches Mark oder dergleichen hineingedrückt,
und darauf im übrigen wie vorhin beschrieben verfahren.
Konsul Lindau sah auf den Sandwich-Inseln folgende Feuermachung.
Kleine Steinchen von einer Art, welche beim Aneinanderschlagen Funken
gibt, wurden nebst einigen leicht entzündlichen Blättern in ein grösseres
trocknes Blatt gethan, das wie zu einer Tüte zusammengelegt und darauf
an eine Gerte gebunden wurde. Diese wurde alsdann mit besonderer
Geschicklichkeit in der Luft herumgeschwungen, wobei die Steinchen sich
raschelnd rieben und das Blattwerk entzündeten.
Die Frage der Feuererfindung oder -Entdeckung ist noch nicht geklärt.
Peschel in seiner trefflichen Völkerkunde (1874) warnt vor zu früh-
zeitiger Schlussziehung aus dem geringen verfügbaren Material; Caspar i
(Urgeschichte der Menschheit, 1873) entwickelt ausführlich und sorgfaltig
die Hypothese, dass der Gebrauch des Bohrers zur Feuererfindung geleitet
habe; seine Hypothese findet sich auszüglich auch wiedergegeben in Baer-
Hellwald's „vorgeschichtlichem Menschen", S. 554 ff.). Hier sei auch noch
auf die merkwürdigen Beste uralter Gebräuche hingewiesen, welche in
der Form der Entzündung des „Nothfeuers** in Deutschland und England
beobachtet worden, in der Schweiz (Appenzell) als Kinderspiel erhalten
sind. Siehe Kuhn, Herabkunft des Feuers, Berlin 1859, Gaspari, a.a.O.
I, 8.37, Schwarz, Ursprung der Mythologie (1860), S. 142. Der von Kuhn
angeführte Fall von Essede im Hanno vrischen, 1828, ist seiner mündlichen
Mittheilung nach nicht der einzige von ihm beobachtete geblieben. Das
Anzünden des Nothfeuers geschah mit einem, gleich einer Beckstange
zwischen zwei Pfosten geklemmten Bundholze, welches mittelst eines mehr-
mals umgelegten Strickes, an dessen Enden Männer kräftig zogen, hin-
und hergequirlt wurde. In die eine der beiden Vertiefungen, welche in
die erwähnten Pfosten eiu gearbeitet waren, war vorher etwas Werg hinein-
gestopft, welches sich dann bei dem Quirlen entzündete.
^ (S. 201.) Siehe Bau, Drilling in Stone without Metal, Smiths onian
Beport 1868. Bau hat sich für die archäologische Wissenschaft das un-
geheure Gpfer auferlegt, mit eigener Hand eine solche Bohrung auszuführen.
Er durchbohrte mit der Bennspindel und dem oben angeführten hölzernen
Schleifbohrer eine 45 mm dicke harte Dioritplatte, und zwar erzielte er
zwei sich in der Mitte der Platte begegnende muldenförmige Löcher,
gelangte aber erst nach zweijähriger, allerdings unterbrochener Arbeit sn
604 ANMEBKUNGEN.
diesem Resultat. Die Form des hergestellten Bohrloches stimmt mit der-
jenigen überein, welche man an zahlreichen unfertigen Steinäxten aus
europäischen Ausgrabungen vorfindet.
Das Berliner Museum besitzt in der ethnographischen Abtheilong
mehrere vorzügliche amerikanische Arbeiten aus Bergkrystall, unter anderen
einen karakteristisch geschnittenen Pferdekopf von etwa 70 mm Länge.
Wallace in seinem Buche „a Narrati ve of travels on the Amazone and
Rio Negro" berichtet S. 278 folgendes: „Ich sah nun verschiedene von den
indianischen Männern mit ihrem eigenthümlichsten und am höchsten ge>
schätzten Schmuck — einem cylindrischen, undurchsichtigen, weissen Stein,
welcher wie Marmor aussah, in der That aber mangelhaft krystalUsirter
Quarz war. Diese Steine sind vier bis acht Zoll lang und haben ongelahr
einen Zoll Durchmesser. Sie sind rund abgeschliffen, an den Enden flach,
eine sehr mühevolle Arbeit, und jeder von ihnen ist an einem Ende quer
durchbohrt, um eine Schnur durchziehen zu können, vermittelst welcher
der Stein um den Hals gehängt wird. Es erscheint fast unglaublich, dass
sie ein Loch durch eine so harte Masse bohren können, ohne irgend ein
eisernes zweckdienliches Instrument. Man gibt an, dass sie Gebrauch
machen von dem zugespitzten, biegsamen Blattschössling der grossen
wilden Platane, indem sie mit feinem Sand und etwas Wasser schleifen;
und ich habe keinen Zweifel, dass es, wie man sagt, eine Arbeit von Jahren
ist. Jedoch bedarf es gewiss einer viel längeren Zeit, um den Stein zu
durchbohren, welchen der Häuptling als Zeichen seiner Herrschaft trägt,
denn derselbe ist gewöhnlich von den grössten Dimensionen und wird
querlaufend auf der Brust getragen, zu welchem Zweck das Loch der Länge
nach von einem Ende zum anderen gebohrt vdrd, eineArbeit^ die, wie mir
gesagt wurde, zwei Menschenalter beansprucht. Die Steine selbst werden
aus grosser Entfernung oberhalb des Flusses herbeigeschafft, wahrscheinlich
nahe an seinen Quellen am Fusee der Anden; sie werden daher sehr hoch
geschätzt und selten kann man die Besitzer veranlassen, sich derselben zu
entäussem, die Häuptlinge kaum jemals.**
^^ (S. 203.) Ausführliches bei Ginzroth, Wagen und Fahrwerke der
Griechen, Römer und anderer alter Völker, München 1817; auch Weiss,
a. a. 0. Der vierrädrige Wagen war nichtsdestoweniger im Gebrauch,
vornehmlich zur Lastenführung. Er war mit festen Achsen ausgerüstet
und darum weit schwerer lenkbar, als der zweirädrige. In Indien kommen
heute bei den Eingeborenen vereinzelt vierrädrige Wagen mit einer Art
drehbaren Yordergestells vor. Letzteres darf wohl als verhältnissmässig
alt angesehen werden. Wir wissen, dass die Streitwagen des Porus nicht
von den kostbaren Armeepferden, sondern von Zugochsen bis in die Nähe
des Schlachtfeldes gezogen wurden; ähnliches mag überhaupt häufig ge-
schehen sein. Koppelte man nun hierbei zwei der leeren Wagen lusammen,
indem man die Deichsel des einen an dem Bügel des vorausgehenden festbind,
so war ein Gefähr, welches aus Vorder- und Hinterwagen bestand, gebildet.
Seine grosse Lenkbarkeit musste nachgerade auffallen und mag so die
Veranlassung zur • absichtlichen Herstellung des drehbaren Yordergestells
gegeben haben.
^^ (S. 203.) Hölzerne Streitwagen wurden vom Sieger in Ermangelong
von Pferden zum Wegführen verbrannt , oder , was auch auf eiserne An*
Wendung findet, durch Zerschlagen eines wichtigen Theiles unbraochbttr
ANMBBKUNGEN. 605
gemacht, „Yerlähmt^, etwa wie wir Kanonen vemi^eln. 2. Sam. YIII, 4
heisst es: „Und David fieng aus ihnen tausend und siebenhundert Reiter
and zwanzig tausend FussYolks und yerlähmte alle Wagen, und behielt
übrig hundert Wagen ;^ femer Josua XI, 6: ... „ihre Rosse sollst du
yerlähmen, ihre Wagen mit Feuer verbnennen," und ebenda, 9: „Da
that ihnen Josua, wie der Herr ihm gesagt hatte, und yerlähmte ihre Rosse
und verbrannte ihre Wagen.^ Dass die Juden übrigens den Wagen schon
sehr früh kannten , geht aus 4. Mos. VIT , 3 bis 8 hervor , wo sechs mit je
zwei Rindern bespannte (hölzerne) Wagen besprochen werden. Die Rader
der berühmten Kesselwagen Salomo's (um 1000 v. Chr.) waren ganz aus
Bronze gegossen. 1. Könige YII, 33: „Und ihre Achsen, Naben, Speichen
und Felgen war alles gegossen."
■
* (S. 203.) Zwei vorzüglich erhaltene antike bronzene Wagenräder,
von 54cm Durchmesser, 40cm Nabenläuge, 7 cm Nabenweite, enthält das
Museum in Toulouse, Gipsabgüsse davon das röm.-germ. Museum in Mainz.
Die Rader haben fünf runde Speichen und eine tief ausgekehlte Felge,
in welcher noch Nieten zur Befestigung des hölzernen Felgenkranzes
stecken. Aehnliche aasgezeichnete Exemplare euthalten die Esterhazy'sche
Sammlung in Wien und das Nationalmuseum in Pest; ein erhaltenes ägyp-
tisches Wagenrad aus Holz ist in Wilkinson, the ancient Egyptians I,
S. 383 beschrieben und abgebildet.
^® (S. 204.) Unter den Konstruktionstheilen des Wagenrades spielte
der Reif eine wichtige, entwicklungsgeschichtlich sehr bemerkenswerthe
Rolle. 0£fenbar macht erst die metallene Gürtung das Rad fähig, schwie-
rige Wege schnell und ausdauernd zu passiren. Zu dem aus einem Stück
hergestellten eisernen Reif ist man aber erst spät gelangt. Homer spricht
in der berühmten Beschreibung des Wagens der Hera (II. Y , 722 ff.) von
Reifen aus Erz:
Hebe nun fugt' um den Wagen ihr schnell die gerundeten Räder,
Mit acht ehernen Speichen, umher an die eiserne Achse,
Gold ist ihnen der Kranz, unaltendes, aber darauf sind
Eherne Schienen gelegt, anpassende, Wander dem Anblick.
Die letzten Worte deuten auf die Schwierigkeit des Aufbringens der „an-
passenden'' Reifen (in Segmenten?) hin. Dass diese aus Erz bestehen,
Bchliesst nicht aus, dass nicht auch eiserne Reifen im Gebrauch gewesen
seien. Assyrische und altpersische Reliefs stellen vielfach Wagen dar, meist
mit glattem, kaum vom Felgenkranz unterschie-
^^' ' denem Reif. Sehr bemerkenswerth sind die ver-
einzelt vorkommenden Reifen mit kleinen perlfor-
migen Erhöhungen, vergl. Fig. 448. Professor
Lindenschmidt in Mainz, der mich auf diese
Besonderheit aufmerksam machte, löste zugleich
das Räthsel. Die Erhöhungen sind Nagelköpfe.
Der ganze Ringbeschlag besteht aus Nägeln, welche
in dichter Reihe, so dass die breiten Köpfe ein-
ander schuppeuartig decken, in den Holzkranz
eingeschlagen sind. Unter den süddeutschen
Gräberfunden gehören zu den nicht seltenen wohl-
606 ANMERKUNGEN.
erhaltene eiserne Radreifen, immer paarweise vorkommend, gegen Im und
darüber hoch, offenbar die nach der Vermoderung des Holzes übrig geblie-
benen Reste der dem Todten mit ins Grab gegebenen Rader seines Wagens.
Diese Reifen aber zeigen nach innen gehende radiale Stacheln, und aussen
die erwähnte schuppeuformige Umfläche. Sie sind, wie die nähere Unter-
suchung erwies, die zusammengerosteten Nägel des Ringbe-
schlages. Schöne Exemplare enthält die Sammlung in Signumbagen.
Hier haben wir also offenbar die Vorstufe zu dem aus einem Stuck gebil-
deten Radreifen vor uns.
Eine Bestätigung der Ansicht Lindenschmidfs glaube ich in dem
Modelle eines zweirädrigen chinesischen Karrens gefunden zu haben,
welchen die Wiener Weltausstellung brachte. Die Reifen sind hier aller-
dings aus Eisen geschmiedet und aufgezogen. Sie sind aber sehr schmal
und äusserlioh perlschnurartig tief eingekerbt. Mir scheint, dass hier die
traditionelle Schuppenform als auf den festen Reif übertragen anzusehen
ist. Die Kerbung ist Stilform. Gewohnheit und Herkommen legten Werth
auf eine äussere Form, obgleich diese bei der neuen Herstellung zwecklos
wurde, ein Vorgang, der sich bei Stilformen aller Art vorfindet — Es sei
noch bemerkt, dass auch das grosse Mosaikbild aus Pompeji, die Alexander-
schlacht genannt, an dem persischen Wagen im Mittelgrund den Nägel-
beschlag der Radfelgen darstellt.
^ (S. 204.) Nach Herrn Detring's eigener Beobachtung, wonach
denn das Scheibenrad des Plaustrums auf dem ganzen Erdenrund als
Stufe im Wagenbau anzutreffen ist.
3^ (S. 205.) Im Sanskrit heist der Wagen ratha.
s^ (S. 205.) Man denke an die Beförderung der Säulen för den Tempel
der Artemis in Ephesos, wovon Vitruv berichtet (X. Cap. II). Der Bau-
meister Ghersiphron befestigte eiserne Zapfen an den Enden der walzen-
förmig behauenen gewaltigen Blöcke, und legte einen Holzrahmen, der die
entsprechenden Lagerhöhlungen besass, darauf. An diesen Rahmen wurden
die Zugthiere gespannt und mit deren Hilfe die Säulen, unseren Strassen-
walzen ähnlich, vom Steinbruch nach dem Bauplatze hingerollt, demselben
Bauplatze, welcher jetzt wieder ausgegraben ist und uns an den mächtigen
Säulenschäften des Ghersiphron die Zweckmässigkeit seines Verfahrens hat
verständlich werden lassen.
3° (S. 205.) Durch gelungene Nach versuche hat man erwiesen, dass
scheinbar stumpfe, aber krystallinische Kanten zeigende Bruchstücke barter
Steine sich trefflich als Bohrer eignen.
^ (S. 206.) Die seltene Form tornator findet sich bei Jul. Firmicus,
Mathesis, IV. 7, wo es heisst: Facit quoque tomatores, aut simulacromm
sculptores.
^ (S. 207.) Unter den im Berliner Museum befindlichen Gegenständen,
die sicher dem alten Reiche angehörig, befinden sich mehrere, welcbe
ganz zweifellos auf der Drehbank gefertigt sind, und demnach den Gebrauch
dieser letzteren in Aegypten bis zwischen 3000 und 2000 vor unterer Zeit-
rechnung hinaufdatiren. Es handelt sich wiederum um Gefasse, tbeils so*
Alabaster und Serpentin (Nr. 93 u. 88), theils aus Marmor und sogar Granit
(Nr. 62 u. 100). Die Hypothese vom Zusammenhang der Drehbank mit der
Töpferscheibe, die zu jener Zeit, wie die Maseums-Sammlung ebenfalls nach-
weist, schon Vorzügliches lieferte, erscheint dadurch abermals gestützt
ANMEEKTOGBN. 607
^ (S. 210.*) Vergl. Böckler, Theatrum mechanicum novum, Nürn-
berg 1762, Tafel 35, 36 und 80. In dem ganzen Werke, auf 154 Tafeln,
kommt kein offener Riementrieb der heutigen Art vor, auch nicht in
Rosberg's „Künstlichem Abriss etc., Nürnberg 1610. ** Schnur- oder
Seiltriebe mit zwei, drei oder vier Umwindungen der Rolle finden sich bei
Ramelli, Artef. mach., Paris 1588, Tafel 171, 175, 183.
** (S. 212.) Muster von antik-ägyptischen Spindeln im Berliner Mu-
seum. Wilkinson, der in seinen „ancient Egyptians" die Berliner
Spindeln auch anfülurt, setzt ihnen in Fig. 385, 1 bis 5, Bd. II. drei Ab-
bildungen von Kunkeln oder Spinnrocken und Theilen von solchen bei,
welche er irrthümlich auch für Spindeln hält. Wahrscheinlich hat er sich
durch eine Notiz in dem älteren Kataloge täuschen lassen.
»• (S. 215.) „Das Wort Schaduff oder Schadüf kommt von der Wurzel
schadf her, welche nach einer Seite abwärts hängen bedeutet. Die
betreffende Berieselungsmaschine heisst wohl so, weil ihr Schwengel in
der Ruhelage sich immer nach der durch den Stein beschwerten Seite
neigt. In Syrien findet sich die Maschine nicht; ich habe sie nur in Aegryp.
ten gesehen". (Briefliche Mittheilunff von Dr. Wetzstein.) Hiemach
könnte man Schaduff mit Schiefbaum iu)ersetzen. Nach Descr. de l'Egypte
XVIII. 2, S. 539 ff. würde der Schaduff auch Delü (deloü) genannt, an
Kanalabzweigfungen sehe man oft dreissig bis fünfzig Schaduffe vereinigt..
^ (S. 220.) Dieses Bestreben gibt sich bei wenig kultivirten Völkern
auch heute noch lebhaft kund. Baron v. Kor ff sah, wie er mir mittheilte,
in Aegypten einen Büchsenmacher mit beiden Händen bei seiner Eisen-
arbeit beschäftigt, während er mit den Füssen eine Säge zum Schneiden
von Schafthölzem bewegte. Tatarische Männer wie Frauen legen bei ihren
häuslichen Arbeiten selten den grossen bogenförmigen Stickrahmen aus
der Hand. Auch braucht man nur an den europäischen Strickstrumpf zu
denken, um die Reihe als bis zu uns fortgesetzt zu erkennen.
^ (S. 225.) Spanisches Wort, vom arabischen nä-'ürah, so genannt von
dem schnaubenden Laut, den das Ausg^iessen der Kübel vernehmbar macht;
na'ara schnauben (Heyse). — Vitruv kennt auch bereits solche Räder,
welche überdies schon zu seiner Zeit von hohem Alter waren, (X. Cap. V.
[vulgo X.]): ... Circa eorum frontes affiguntur pinnae, quae cum percutiun-
tur ab impetu fluminis, cogunt progredientes versari rotam, et ita
modiolis aquam haurientes et in summum referentes sine operarum calca-
tura, ipsius fluminis impulsu versatae, praestant quod opus est ad usum.
^ (S. 226.) Ein Prachtexemplar dieser Maschinengattung steht in
Zürich in unmittelbarer Nachbarschaft des Polytechnikums — ein Kontrast,
der nicht humoristischer sein könnte. Es wäre gewiss an der Zeit, diese
dem Untergang geweihten Zeugen einer vergangenen Epoche, diese Dino-
therien und Mammuthe des Maschinenwesens, wenigstens durch Zeichnung
für die kommenden Geschlechter festzuhalten.
*^ (S. 232.) Es scheint nicht genugsam bekannt, und sei deshalb hier
angeführt, dass die Griechen den Flaschenzug bereits vollständig kannten.
Die Römer empfiengen Sache und Namen von den Griechen. (Vergl. Vitruv,
X. Cap. n, de machinis tractoriis.) Der dreirollige Flaschenzug hiess
*) Durch ein Versehen sind die Nummern 34 und 35 in den Anmerkungen
zweimal zur Anwendung gekommen.
608 ANKEBKUNG£N.
trispastos, der fünfrollige pentäapastoa ^ der yielrollige überhaupt poly^
spastos (dreizügig, fünfzügig, vielzügig), Bezeichnungen, welche eigentlich
besser waren als unsere. Denn die Untersuchung in §. 43 hat uns gelehrt^
dass es nicht auf die Rollen, sondern auf die zwischen den Kloben aus-
gespannten Trümer oder Züge des Seiles ankommt. Eine blosse Leit-
flasche mit „fester Rolle^ nannten die Griechen artimon^ u. s. w.
^^ (S. 233.) Wenn wir heute die Zahnräder nach zunehmenden Schwierig-
keiten ihrer theoretischen Grundbegri£fe ordnen wollen, so wählen wir
etwa die Reihenfolge: Stirnräder, Kegelräder, Schraubenräder, Hyperbel-
räder. Man würde aber irren, wollte man ohne weiteres dieselbe Reihen-
folge in der Geschichte ihrer Entwicklung annehmen. Thatsächlich
scheinen die Zahnräder für geschränkte Achsen, also für hyperboloidische
Axoide, die ältesten zu sein, überhaupt zur Idee der Zahnräder geleitet zu
haben. Denn wir finden die einfachsten, nämlich aus einer Achse und
radialen Speichen gebildeten Zahnräder bei uralten Wasserhebungsmaschinen,
wo die Aufgabe sich aufdrängte, die wagerecht liegende Achse eines Eimer-
rades von einem stehenden Wellbaum aus umzutreiben; vergl. Fig. 50 in
Ewbank's Uydraulic and other machines, 16. Aufl. (1870). Sodann sind
die Schraubenräder für parallele Achsen, deren Erfindung die Eng-
länder White zuschreiben, bereits bei den uralten indischen Walzen zam
Auskörnen der Baumwolle (Egrenirwalzen, roller gin) zu finden ; siehe eine
Abbildung bei Leigh, Modern cotton spinning, London (1873), sowie mehrere
Originalmaschinen im India-Museum in London. Ferner haben die Zahn-
räder für schneidende Achsen in der Form von Kronrad und Drehling bei
den Mühlwerken vom Alterthume herauf bis in unsere Zeit eine grössere
Anwendung und Ausbildung erfahren, als die Stirnräder. Diese sind recht
eigentlich die letzten in der Reihe gewesen, sodass wir entwicklangv-
geschichtlich die Reihenfolge, welche wir erwarten möchten, geradezu
umgekehrt sehen, ein Wink, dass wir das praktisch und faktisdh Nahe-
liegende nicht mit dem geometrisch Einfachen verwechseln dürfen.
*^ (S. 283.) Von dem arabischen sakai, Wasser darreichen, bewäsaem ;
sakkä, der Wasserträger im Morgenlande.
^3 (S 273.) Es ist nicht uninteressant, verschiedene Auffassungen diese«
Gegenstandes mit einander zu vergleichen, weshalb hier einige Auszüge
folgen mögen.
Poppe, Maschinenkunde (1821), S. 81.
„Den Hebel, das Rad an der Welle, die Rolle, die schiefe
Ebene, den Keil und die Schraube begreift man zusammen unter
dem Namen einfache Maschinen, einfache Rüstzeuge, mechanische Poten-
zen. Aus ihnen sind alle, auch die allerkünstlichsten Maschinen, zusammen-
gesetzt. Da aber die Theorie des Rades an der Welle und der Rolle sich
auf die Gesetze des Hebels, die Theorie des Keils und der Schraube aich
auf die Gesetze der schiefen Ebene gründen, so brauchte man eigentlich
nur zwei einfache Maschinen, den Hebel und die schiefe Ebene, aa-
zunehmen.**
Hier ist klar und bestimmt ausgesprochen, dass alle, „auch die aller-
künstlichsten Maschinen^, aus den einfachen Maschinen bestanden, diese
aber auf zwei zurückzuführen seien. Man höre aber, was folgt
Langsdorf, Maschinenkunde (1826) I. S. 277.
„Schon in den älteren Lehrbüchern theilte man die Maschinen in ein-
\
ANMEEKÜNGEN. 609
!■«• und zusammengeBetzte ein, wo man dann unter letzteren diejenigen
.'istand, welche aus mehreren einfachen zusammengesetzt sind, firstere
Ix schränkte man auf den Hebel, die Rolle, die schiefe Ebene, den
Keil, die Schraube und das Rad an der Welle. Die ruhigliegende
schiefe Ebene kann aber nicht hierher gerechnet werden; sie ist keine
Maschine, so wenig als die Abdachung eines Berges; eine bewegliche
schiefe Ebene finden wir zwar beim Keile, dann sind aber schiefe
Ebene und Keil nicht zweierlei Maschinen. Ich setzte an ihre
Stelle die Walze. Im allgemeinen müsste wohl nach dem Sinne der so
eintheilenden Schriftsteller der von ihnen gar nicht bestimmte Begriff von
einfachen Maschinen so festgesetzt werden, dass darunter jeder feste
Körper verstanden wird, welcher als einzige zusammenhängende Masse
durch seine Form geschickt ist, zwischen Kraft und Last, die an ihm
unmittelbar angebracht werden, Gleichgewicht herzustellen oder Bewegung
hervorzubringen. Dann gehören aber auch Wasserräder hierher, wenn
Kraft und Last an ihnen als an einem einzigen (!) festen Körper unmittelbar
angebracht werden, wie solches so häufig, insbesondere auch bei Schöpf-
rädern, der Fall ist. Auch die archimedische Wasserschnecke, die Spiral-
pumpe und die Saugschwungmaschine wären hiemach einfache Maschinen.
Indess sind dergleichen Maschinen noch von keinem Schriftsteller zu den
einfachen gezählt worden. Auch istjeneEintheilung schon logisch unrichtig,
wie wenn man die belebten Geschöpfe in Menschen, Thiere, Fische und
Insekten eintheilen wollte."
Hier wird die schiefe Ebene als mit Unrecht zu den einfachen Ma-
schinen gezählt bezeichnet, während sie oben die Grundlage mehrerer
anderen genannt worden.
Gerstner, Handbuch der Mechanik (1881) I, S. 73.
„Man theilt die Maschinen gewöhnlich in einfache und zusammen-
gesetzte ein. Die einfachste Maschine, welche wir zuerst betrachten, ist
der Hebel. Hierauf werden wir das Rad an der Welle, die Rollen
und die Flaschenzüge (!), die schiefe Fläche, die Schraube und
den Keil folgen lassen. Alle diese Maschinen sind einfache Maschi-
nen; die zusammengesetzten bestehen immer aus der Vereinigung
mehrerer einfachen Maschinen und werden daher auch erst nach den
einfachen abgehandelt werden.**
Kays er, Handbuch der Statik (1836), S. 460.
„Man theilt die Maschinen auch in einfache und zusammen-
gesetzte Maschinen ein. Genau genommen sind nur das Seil (1),
der Hebel und die schiefe Ebene einfache Maschinen. Man pflegt
aber mit denselben auch alle diejenigen abzuhandeln, in welche sich jede
zusammengesetzte Maschine zerlegen lässt. Dieser einfachen Maschinen sind
sieben, nämlich das Seil, der Hebel, die Rolle, das Wellrad, die
schiefe Ebene, der Keil und die Schraube. Man nennt sie auch
Organe der Maschinen oder mechanische Potenzen. Manche
Schriftsteller rechnen das Seil nicht dahin.**
Ru hl mann, Mechanik (1860), S. 231.
„Eine Maschine, woran kein Bestandtheil selbst wieder Maschine ist,
lieisst einfach, im entgegengesetzten Falle zusammengesetzt. Zu
den einfachen Maschinen zählt man die Seilmaschine, den Hebel, die Rolle,
dfts Wellrad, die schiefe Ebene und den Kei). Anmerkung: Genau ge-
Beuleaux, Kinematik. 39
610 ANMERKUNGEN.
nommen braucht man nur drei einfache Maschinen zu unterscheiden,
nämlich Seilmaschine, Hebel und schiefe Ebene, da sich alle abriefen auf
diese drei zurückfähren lassen.^ Diese Definition der einfachen Maschine
lässt zu wünschen übrig; im Grunde ist sie eine vollendete petitio princifü.
Wieder die unzulässige Herleitung der Rolle aus dem Hebel!!
Schrader, Elemente der Mechanik und Maschinenlehre (1860), S. 26.
„Arten der einfachen Maschinen. Die Grundlagen aller einfachen 31a-
Bchinen sind der Hebel und die schiefe Ebene. Aus dem Hebel
werden, abgeleitet die Rolle und das Wellenrad, ans der schiefen
Ebene aber der Keil und die Schraube. Anmerkung: Beim Hebel
macht der bewegliche Maschinentheil eine drehende Bewegung, bei der
schiefenEbene eine geradlinig fortschreitende.*^ Die Rolle wie immer anrichtig!
Es ist sehr bemerkenswerth, dass in den sämmtlichen hier vorgefahr-
ten Beispielen, Langsdorf ausgenommen, die Eigenschaft der Schraube als
einfacher Maschine geleugnet wird, während sie kinematisch der aUgemeine
Fall der drei niederen Paare ist, also jedenfalls hätte aufgezählt bleiben
müssen. Die merkwürdige Verwirrung — so muss man es wohl nennen—,
welche in den Anschauungen herrscht, rührt von einem eigenthümlichen
MisBverständniss her, welches nach meiner Erfahrung ungemein festsitzt
und wohl noch lange nicht schwinden wird. Das ist, dass man die Aehn-
lichkeit der Herleitung der Beziehungen, welche hier und dort zwischen
den in Betracht kommenden Kräften bestehen, verwechselt mit der Aehn-
lichkeit der Gegenstände. Weil gewisse Kräftebeziehungen bei der
Schraube sich auf ähnliche Weise wie bei der schiefen Ebene herieiten
lassen, sind beide noch lange nicht einerlei. Statt sich an die Sache
selbst zu halten, hält man sich an gewisse ihrer Eigenschallen, deren
Wichtigkeit nicht bestritten werden soll, welche aber logisch tu trennen
sind von dem Wesen der zu behandelnden Körperverbindnngen selbst
Wenn dem gegenüber die Neueren den einfachen Maschinen zwar äi
lieh ausweichen, sie aber dennoch in der Form von „Uebnngen*, ,]
spielen'*, „Anwendungen^ u. s. w. auf einem Umwege wieder einfahren,
so haben sie damit die gute Sache weniger gefordert, als sie wohl glauben.
Denn wir sehen oben im Text, dass etwas Wahres in den Problemca
wirklich steckt. Dieser Empfindung haben sich jene Vorsichtigen nicht
zu entziehen vermocht; sie bekennen zwischen den Zeilen das Horaaische:
Naturam expellas furca, tarnen usque recurret!
Obgleich es nicht gerade leicht sein wird, die Grenze za finden, bis
zu welcher die allgemeine Mechanik der Kinematik nachgehen darf, so
glaube ich doch, dass namentlich die Elementarmechanik die Aufgabe hat,
die einfachen Maschinen in der richtigen Weise, zu der uns die Kinematik
Anleitung gibt, zu behandeln. Immer wird sie einen wesentlichen Kntsen
von der Fassbarkeit und Bestimmtheit der dabei zur Geltung kommeBdcn
Vorstellungen haben können.
Die Frage, wie weit überhaupt die Mechanik sich mit den Mttfihinwi
beschäftigen solle, ist wohl dahin zu beantworten, dass dies von der el^
mentaren zur höheren Mechanik hin in abnehmendem Maaase sa geschehen
habe. Denjenigen, die nur ganz elementare Bildung in der Mechanik
suchen, verschwimmen die Begriffe Mechanik und Maschinenlehre vöUig
ineinander; je höher hinauf aber, desto mehr entfalten sich beide ter
Selbständigkeit. Welche der vielen Stufen zwischen dem Maximam nad
ANMEBKITNGEN. 611
dem Minimum ein Lehrbuch einnehmen will, eoUie jedesmal sorgfältig
erwogen werden. Vor allem aber verdienen meines Erachtens die mehr
elementaren Lehrbücher der Mechanik eine grössere Sorgfalt, namentlich
in der logischen Bicbtung, als durchschnittlich auf dieselben verwendet
wird. £s fehlt ihnen noch zu häufig die durchsichtige Klarheit, welche
wir heute von der Mechanik fordern dürfen. Schon oben bei der Reibung
(Anmerkung 22) machten wir diese Entdeckung. Wie unverbunden mit
dem Uebrigen steht femer fast überall die Festigkeitslehre da. Abgesehen
von gewissen inneren Sonderbarkeiten neueren Datums, auf welche ich in
der Vorrede zu meinem Konstrukteur (3. Aufl.) aufmerksam zu machen
mir erlaubt habe, fehlt wie mir scheint der allgemeine Hinweis, und hat
man sich nicht genügend klar gemacht, dass die Festigkeitslehre für die
„festen" Körper dasselbe leisten will, was Hydrostatik nebst Hydraulik für
die flüssigen, und was Aerostatik nebst Aerodynamik für die luftigen zu
leisten versuchen. (Wollte man ganz konsequent sein, so hätte man den ge-
nannten etwa eine Stereostatik und eine Stereodynamik, als dem festen
Aggregatzustand entsprechend, gegenüberzustellen.) Alle drei Wissenszweige
handeln von den inneren mechanischen Kräften — unseren latenten
Kräften aus §. 1 — , welche dem Stofflichen seinen Bestand geben; alle drei
Untersuchungsgebiete gehen ohnedies in den Grenzfällen ineinander über.
Andererseits dürften bei den flüssigen und gasförmigen Körpern die Pro-
bleme über den inneren Zustand — analog der Festigkeitslehre — wieder
klarer von denjenigen gesondert werden, welche die Beziehungen der Flüs-
sigkeiten als Ganzheiten zu anderen Körpern erörtern. Sehr werthvolle
Analogien mancherlei Art ergeben sich zwischen den drei Gebieten, wenn
man nur einmal danach sucht Ich glaube, es könnte ein neues Leben in
das der sorgsamen Pflege etwas entwachsene Gebiet kommen, wenn man
es in dem angedeuteten Sinne einer Umarbeitung unterziehen wollte. Die
Ursache dieses Entwachsens liegt, fürchte ich, bereits ziemlich tief unter
festen Einrichtungen des Unterrichtswesens begraben, nämlich in dem, was
Lothar Meyer treffend die „Zweitheilung unserer nationalen Bildung**
genannt hat. Sei dem übrigens, wie ihm wolle : mit der Umarbeitung sollte
nicht gezögert werden.
«« (S. 827.) Es ist das Verdienst von Willis, zuerst öffentlich auf
die konischen Kurbelgetriebe und deren Analogie mit den cylindrischen
aufmerksam gemacht zu haben. Siehe Willis, Principles ofmecha-
nism, 2. Aufl. (1870), S. 249 ff. Er nennt die Getriebe „solid-angular
link-work**, und deutet auf mehrere ihrer wichtigen Eigenschaften und
Formen hin. Da er die kinematische Kette nicht kennt, entgehen ihm
indessen wesentliche Grundeigenschafben; auch fehlt ihm, als einem Kine-
matiker der bisherigen Schule, in seiner Darstellung das festgestellte (vierte)
Glied, ebenso die Umkehrungen, und gewisse sehr beachtenswerthe prak-
tische Anwendungen, auf welche wir weiter unten noch stossen werden.
*^ (S. 841.) Die Behandlung der zusammengesetzten Ketten gehört zu
den schwierigeren Aufgaben der Kinematik. Ich verweise zunächst auf
Kapitel XIII, insbesondere §. 160. Bei den Anwendungen der Kinematik lernt
man erst recht den Vortheil schätzen, welcher in dem Begriff der Ketten-
verminderung liegt. Es ist dem Lehrer zu empfehlen, dem Ungeübten
Veranlassung zu geben, die Wiederherstellung verminderter Ketten zu
versuchen.
89*
612
ANMERKUNGEN.
*^ (S. 866.) Die Reihe der in der Praxis aufgetauchten Kapsel werke
aus (Cs'P-l-)a ist mit den mitgetheilten nicht erschöpft, obwohl das Gebiet
stark abgebaut ist. Interessant ist, dass neuerdings auch die geschränkte
Schubkurbelkette, vergl. §. 73, für die Kapselwerke herangezogen worden
ist; ein Beispiel liefert Gibson's „rotary steam engine^ American Arti-
san 1874, Februar, S. 30. Dieses Kapsel werk besteht aus zwei vereinigten
a
Mechanismen von der Form (O^P^)' — b,
^7 (S. 387.) Für die Bestimmung der Axoide der Glieder b und d in
(CU- C^) hat man folgendes, siehe Fig. 449:
tOi r siny cosu
w Vi 8in Yi 1 — 8in^ w stn^ a
Gesucht: die den verschiedenen Werthen von ia zukommenden Werthe
von Y und y^. £s ist
yi = 180 - (y + «),
also
sin yi = sin (y -|- «) = **** Y co« a -f- cos y sin a
und hieraus , wenn cos « : 1 — sin^ ia sin^ a ::= A gesetzt wird,
sin y zxz A (sin y cos « -f- cos y sin a)
-j- = cos a + cotg y sin a.
woraus
— cosa
cotgy =
stna
oder, nach Wiedereinführung des Werthes von A:
cotgy =
cos^ « — «in' üi sin^ a sin^ a cos^ to
d. i.
cos a stn a
cos a Stn a '
cotg y =z tga cos^ w,
eine Beziehung, welche sich graphisch, z. B. so wie in Fig. 450 ange-
Fig. 450.
Fig. 449.
deutet, leicht bestimmen lässt. Es verhält sich darin cos^m : 1 = x : ^n,
also ist X = cotgy,
** (S. 388.) Es hat keine Schwierigkeiten, noch neue Formen zu den
vielen mitgetheilten älteren synthetisch hinzuzufagen. Ja, die vorliegenden
Entwickelungen gestatten sogar, geradezu Uebung^ufgaben für den Kon-
struktionsunterricht in dieser Richtung zu geben. Es soU zwar hierdareb
ANMEBKUNOEN.
613
nicht solchen Uebungen, die nur ftir sehr Vorgeschrittene passen, das
Wort geredet werden: allein der Standpunkt würde grundsätzlich kein
anderer sein, als derjenige der neueren Chemie, welche ebenfalls den
▼orgesohrittenen Praktikanten befähigt, neue KörpeiTeihen synthetisch zu
entwickeln.
Um ein Beispiel zu geben, mache ich zunächst darauf aufmerksam, dass
in den zwölf auf der Tafel YII dargestellten Maschinen aus (C-^ C^)«!
und (CJ-C^) nirgend die Kolben- und Eapselbildung {V±) = c,d vorkommt.
Diese kann aber wie folgt geschehen. Statt das Element 4 an d, Fig. 1
Taf. VII, in der Form der Scheidewand und Führungsrinne für c zu
bauen, können wir es als hohlen Cy linder sektor mit cylindrischen End-
höhlungen ausfuhren, siehe Fig. 451. In die so gebildete Kapsel, deren
Querschnitt demjenigen der früheren Kugelsektorkapsel sehr ähnlich ist,
•
Fig. 451.
setzen wir das zu c gehörige Element 4 als Kolben ein. Dieser nimmt die
Gestalt eines schmalen Mittelausschnittes aus einem Cylinder an, versehen
mit achsenförmigen Fortsätzen, welche letztere normal zur Bildebene aus
dem Gehäuse heraus geführt werden können. Mit diesen Fortsätzen sei
vermittelst eines Rahmens der zu c gehörige Cylinder 3 fest verbunden,
und zwar in der Form C'^. Dem Gliede h gibt man nun bei 3 sowohl
als bei 2 Hohlcylinder, worauf b eine Pleuelstange mit rechtwinklig zuein-
ander stehenden Bohrungen vorstellt. Dieselbe greift bei 2 an die Kurbel
a = C"*" ... ^ ... C"^ an , die wie früher an d ihr Lager 1 findet. Man
erhielte auf diese Weise ein Kapselwerk, in welchem die Kolbenplatte c
um ihre Achse einfach oscilliren würde. Die Nützlichkeit dieser Kon-
struktion durchaus dahinstellend, bemerke ich nur, dass etwas Ver-
wandtes wirklich schon gemacht worden ist, und zwar in der Morton'-
schen Scheibenmaschine, vergl. Deutsche Gewerbezeitung, 1857, S. 31.
Morton hat nur, befangen von den Eindrücken der älteren Scheiben-
maschinen, den Kolben c und die Kapsel d unnöthigerweise als Kugel-
614 ANMEKKUNGEN.
ausschnitte ausgeführt, und freut sich sehr, dass in seiner Maschine der
Kolben nicht mehr die gaukelnde Bewegung, wie in den älteren Maschinen,
mache, auch dass er nicht mehr die mittlere Spalte, die Kapsel nicht
mehr die Scheidewand nebst Dichtung habe; die Seitenwände der Kapsel
hat er indessen mit ebenen, der Achse von 4 parallelen Innenflächen aus*
zuführen sich genöthigt gesehen; an dieselben legt sich der Kolben in
den Stellungen seines stärksten Ausschlages an.
^^ (S. 398.) Bereits aus dem Jahre 1858 datirt eine rotirende Dampf-
maschine, bei welcher die schuhsohlenförmigen. Kolben Anwendung finden.
Das Patent wurde in England den 14. April 1858 durch den Agenten
Newton genommen. Die Kolbenräder sind an den Zahnscheiteln durch
besondere Packungsstücke gedichtet, siehe Prop. industrielle, lY. (1869),
S. 179.
^^ (S. 475.) Die Eintheilung der vollständigen Maschine in Rezeptor,
Transmission und Werkzeug hat hier und da einen leisen Wider-
spruch erfahren. So finden wir bei Weisbach, Ing. u. Masch. Mech. II.
(1865), S. 258 die Anmerkung: „Nicht bei allen Maschinen treten diese drei
Haupttheile deutlich hervor, namentlich fehlt die Zwischenmaschine zuwei-
len ganz , weil die Umtriebsmaschine manchmal schon diejenige Bewegung
hat, welche zur Verrichtung einer gewissen Arbeit nöthig ist. Bei einem
gewöhnlichen Schubkarren sind die drei Haupttheile ganz miteinander
vereinigt; die Handhaben desselben lassen sich als den kraft aufnehmenden,
die Schenkel als den fortpflanzenden und der Kasten als den ausübenden
Maschinentheil ansehen, jedoch machen alle drei nur einen einzigen Körper
aus.** Die Wahl des Schiebkarrens als Beispiels ist nicht glücklich, da der-
selbe wirklich keine Maschine ist und es sich bei dessen Benutzung um
ein verwickeltes Eingreifen der Muskelkraft des Menschen handelt, worüber
§. 134 Näheres beibringen wird. Weisbach leitet übrigens die Frage mit
dem Satze ein: „An jeder Maschine lassen sich in der Regel drei Haupt-
theile unterscheiden," deutet also von vornherein an, dass er die Eintheilung
nicht als vollgültig ansehe. Im grossen Ganzen ist in der technischeh
Literatur eine allmähliche Zunahme in der Bestimmtheit zu konstatiren,
mit welcher die drei Kategorien vorgeführt werden; es hat eine Art von
Verhärtung oder Versteinerung hinsichtlich der begrifflichen Aussonderang
derselben stattgefunden, wie es manchmal mit Lehrbegriffen geschieht.
Von der ersten Autorität werden dieselben vielleicht zaghaft mit Vorbe-
halten umgeben, und als Lösungsv ersuche hingestellt; die zweite Gene-
ration spricht sie schon als bewiesene Sätze, die dritte als unerschütterliche
Grundlehren aus. Aufgabe der reinen Wissenschaft ist es meines Erachten»,
die Quellen der Erkenntniss stets frei zu halten, damit in jedem Augen-
blicke zu denselben zurückgegangen und die Lauterkeit der einzelnen Sätze
an ihnen geprüft werden könne.
^^ (S. 483.) Die bisherige Auffassung drängte im Gegensatz hierzu un-
willkürlich dahin, auch theoretisch eine Reihenfolge, ein Aufmarschiren
der überall angeblich nachweisbaren drei Sektionen der Maschine zu sehen.
Dies zeigt sich unter anderem bei Rühlmann (Maschinenlehre I.), welcher
die, mit einer gewissen Derbheit ausgestatteten Bezeichnungen ^Vorder-
maschine**, „Zwischenmaschine", „Hintermaschine" angewandt wissen wilL
Auch Langsdorf (Maschinenkunde L, S. 278) hatte übrigens schon 1626:
„Belebungsmaschine , Vormaschine", „Verbindungsmaschine, Zwischen-
ANMEBKÜNGEN. 615
maschine, Zwischenwerk , ZwischengeBchirr^ und „Wirkungsorgan, Hinter-
maschine".
ö* (S. 523.) Vor nicht langer Zeit brachte die Wiener „Neue freie
PreBse" einen hübschen Auszug aus einem launigen englischen Feuilleton-
Artikel, der mit feiner Satire die Entwicklung der Maschine nach der
Darwin' sehen Theorie behandelte. Der Artikel war im Original mit einer
Umkehrnng des Wortes „notchere** — Nirgends — unterzeichnet gewesen.
Dieser moderne Utis prophezeite, dass einst die Maschinen sich selbständig
fortzeugen würden, wozu sie jetzt schon den besten Anfang gemacht hätten;
man brauche ja nur in die neuen Maschinenfabriken zu gehen und zuzu-
sehen, um sich davon zu überführen. Schliesslich aber würden sie ein
vernunftbegabtes furchtbares Geschlecht werden, das sich beeilen werde,
seine bisherigen Meister, die Menschen, zu unterjochen. Es steckt mehr
bittere Wahrheit hinter dem Scherz, als der muthvrillige Satirikus wohl
annahm.
^^ (S. 558.) Ein meinem kinematischem Kabinet entnommenes Modell
des in Fig. 393 dargestellten Mechanismus war auf der Wiener Weltaus-
stellung neben einem ganz nahe verwandten Stück — der sogenannten
schiefen Scheibe — ausgestellt. Im bairischen Industrie- und Gewerbeblatt
1874, S. 100 gibt Herr Schedlbauer eine Theorie des Bewegungsspieles
des Mechanismus , und weist nach , dass das Glied e eine oscillatorisohe
Bewegung mache, welche durch die Formel (r tg a) sin to ausgedrückt werde.
Hierbei ist r der konstante Abstand 1.6, a der Winkel , den 1 mit 2 ein-
scHliesst, a> der Drehwinkel des Gliedes a gegen das (festgestellte) Glied /.
Hiemach wäre die Bewegung des Gliedes e eine reine einfache Schwingungs-
bewegung. Die Annahmen, welche Herr S. von dem Bau des Mechanismus
gemacht hat, sind indessen etwas verschieden von denjenigen, welche der
Fig. 393 zu Grunde liegen und an dem gedachten Modell zur Ausführung
gebracht waren. Er nimmt an, dass das Glied h von 2 nach 3 hin die
Form C ... X ... P habe, und dass die Achse des letzteren Prismas diejenige
des Prismas 6 stets in einer Geraden schneide, welche einen konstanten
Abstand von 1 habe. Dies würde erreicht bei einer Zusammensetzung
des Mechanismus nach folgender (beim Paare 1 beginnender) Formel:
(C^ CJ-P-L C-LP" C'O». Bei der durch Fig. 393 dargestellten Zusammen-
setzung macht e Bewegungen, welche sich der reinen einfachen Schwin-
gungsbewegung nur annähern, und zwar ist der Ausdruck für dieselben,
wenn y den Abstand eines Punktes von e von einer mittleren Lage be-
zeichnet :
(r sin a) sin a»
Vcos^ öl cos^ « -f- sin^ <o
Hierbei ist a wieder der Winkel zwischen 1 und 2 , r die Länge 2 . 4 und
o) wie oben der Drehwinkel von a gegen /.
Der Unterschied zwischen den beiden Bewegungen ist bei kleinem a
geringfügig und könnte in Fällen der Maschinenpraxis vernachlässigt
werden. Der Grund, weshalb ich ihn anführe, ist nur der, dass auch
hier wieder die bisherige Auffassung, von der ich oben — Seite 610 —
Erwähnung that, vorliegt: diejenige, dass die Aufmerksamkeit auf das
Bewegungsgesetz des Mechanismus, oder richtiger, auf ^ in es der in dem-
selben vorkommenden Bewegungsgesetze gerichtet wurde, während dessen
Fig. 452.
616 ANS-EEKCNGEN.
ZuBammenielzungf ungeprüft blieb. Diese letztere üt aber im vorliegenden
Falle der wichtigere Tbeil, da wir bereit« eine guize Reihe von Getrieben
besitzen, mit welchen eine reine SchningUDgabewegODg genan oder annähernd
verwirkhcht werden kann, während dagegen die Kette (C<) in ihren ver-
schiedenen Formen noch nicht durchgearbeitet ist.
Die Dampfmaschine von Bobertson, welche §. bSG erwähnt wurde, ver-
dient unlere Aufmerksamkeit noch wegen eines Nebentheilee. Robertson be-
nutzt nämlich bei der zuletzt veröfrentlii:hten Ausführung die in Fig. 452 dar-
gestellte Triebwerk-Einrichtung, welche kein ge-
ringes Aufsebeu gemacht hat. Hier ist c ein Zahnrad,
welches durch das Rad a umgetrieben vrird, aber
nicht durch Vermittlung von Zähnen, sondern durch
di^enige eines Waseerkörpers 6, welcher in dem
Ringe von a untergebracht, oder richtiger: mit a
gepaart ist; denn der Wasserkörper b gleitet in a,
wenn die Geschwindigkeit dieses Rades schwankL
Somit kann der Wasserring b gleichförmig um-
laufen, während das Rad a den durch das Kurbel-
getriebe {C}) bedingten Schwankungen nachgibt.
Es wird gemeldet, dass die Bewegung sehr sanft
übertragen werde; nur beim Anlassen spritze ein
wenig Wasser umher, bald aber lege sich der Was-
serring vermöge der Zentrifugalkraft an die innere
Wandung der Radfelge von a an. Wir erkennen
hier eine Anwendung des Paare» (C.,1) oder C,,^l,
angehorig der Klasse XVI (siehe g. 119). Das Ge-
fäBS r~, mit welcbem QX andererseits gepaart bt,
wegen des Gleitens des Wasserringes wesentliche Form C~ erhal-
zur Benutzung gekommenen Mechanismus wie
hat di
ten. Somit können
folgt schreiben
c+...|...(r,Qi..
..Qj.,C^...\...CtC'...\\...C-
Wir bemerken also wiederum hier, wie die Maschin enpraxit die in
unserer Synthese bereits allgemein beieichnet«n Wege ihrerseits geht. Die
Paarung von Qx mit C, ist übrigens, wie wir wissen, an sich nichts Neues,
da sin bereits beim gewöhnlichen Wasserrad vorkommt; interessant ist und
bleibt nur ihre mit Freiheit vollzogene Einführung in ein gewöhnliches
Fabriktriebwerk.
ALPHABETISCHES REGISTER.
Abnutzung 491.
Abstellung 504.
Acbsen 428.
Aechte Zusammensetzung
577.
Alban 355.
Allen 434.
Allexandre 245.
Ampere 14. 43. 59. 591.
Anderssohn 177.
Andrew 370,
Antiparallelkurbeln 187.
288. 577.
Arbeiterfrage 514.
Arbeitsmaschine 494. 496.
Arbeitstheilung 514.
Armstrong 221. 365.
Aronhold 60. 596.
Artzeichen 249.
Aster 571.
Austragung 503. 508.
Ans- und Einrückungeu
453.
Axoide 84.
B.
Babbage 245.
Bährens 350.
Bauliche Elemente 419.
Baumkelter 226.
Baggermaschine 548.
Balancier - Dampftnaschine
575.
Bandsäge 476.
Bataille & Jullien 384.
372. 309. 361. 362. 408.
410.
Beale 360. 362.
Becher 393.
Behrens 403.
Belanger 18. 21. 83. 593.
Belebte Motoren 488.
Bellford 363.
B^lidor 502.
Bergmann 206. 209.
Bernier 546.
Bernoulli 377. 348,
Berthelot 495.
Beschreibende Analysi-
rung 500. 505.
B^tancourt 12.
Bewegungsfolge 502.
Beziehungszeichen 252.
Biegsame Leiter 475.
Bildsame Elemente 165.
Binäre Glieder 263.
Bishop 377, 380. 381.
Blenkinsop 164.
Bochet 601.
Böckler 607.
Bogendreieck 131. 566.
Bogenscheiben 136.
Bogenschubkurbel 253.
Bogenzweieck 120.
Bohren 201.
Bompard 350.
Bonpland 201.
Booth 354.
Borgnis 13. 52. 495. 497.
Borrie 361.
Boneh^ 380.
Boulton 7.
Boydell 231.
Bramah 371. 450. 470.
Braithwaite 383.
Bremse 395.
Bremswerk 452.
Bresson 592.
Broderip 347.
Brotherhood 348.
Broughton 357.
Brown 558.
Brunei 549.
Brunton 164.
c.
Gaird & BobertBon582.
Camus 145.
Cardanlsche Kupplung 331.
430.
Cardano 124. 597.
Cartwright 581.
Carnot 12.
Oaspari 603.
Ohamisso 601.
Ohasles 18. 145. 318. 595.
597.
Ohersiphron 606.
ChubbschloBB 451.
Cinematik 591.
Olark 382.
Gl egg 360. 398.
Cochrane 360. 363. 365.
373. 375.
Oooke 373. 374.
Coriolis 13.
Gorliss 236. 434. 507.
Coulomb 601,
618
ALPHABETISCHES BEOISTEB.
Gramer 36. 359.
Gurtius 221.
Guvier 20.
Gykloide 597.
Gylinderketten 564. 578.
Gjlindrische Bollung 68.
D.
Dakeyne 377. 379.
Dalgety & Ledier 362.
Dampfboot 487. 509.
Dampfcylinder 355. 457.
Dampfmaschine 507. 526.
Dampfpflug 546.
DampfrosH 497.
Dampfeäule 493.
Dart 403.
Darwin 615.
David 605.
D a vies 360. 377. 381. 382.
383. 385. 386. 408.
Dawes 190. 353.
Definition 592. 594.
Degrand 372.
Delauny 593.
Derham 245.
Desmodromisch 597.
Desargues 145.
Detring 606.
Dick 569.
Differenzialräder 412.
Differenzialschraube 552.
Dingler 363. 374.
Direkte and indirekte Syn-
these 532.
Doppelkurbel 284. 374.
Drahtstiftmaschine 476.
501.
Drehbank 206. 474. 480.
495.
Drehkörperpaar 94. 222.
Drehungsfeld 107.
Dreispitzzirkel 597.
Dnickgurtbremse 548.
Dnickkraftorgan 166. 550.
573.
DoaUtät 595.
Duclos 383. 384.
Duhamel 599.
Duktile Elemente 168.
Duncan 382.
Dundonald 363. 372.
Duröge 598.
E.
Eades 582.
Egrenirwalzen 608.
Einfache Maschinen 273.
281. 420. 608.
Einfache kinem. Ketten
550.
Eingrifflinie 142.
Einzahnrad 570.
Elemente, bauliche 419.
Elementenpaare 46. 89. 536.
Elementenpaare , höhere
119.
Elementenpaare, unselb-
ständige 161.
Elementenprofile 139.
EUipsenzirkel 318.
Emery 360.
Entdeckung 239.
Entlastungsschieber 461.
Ericson 371.
Erfinden 5. 6. 8.
Erfindung 239. 587.
Ergänzungsfläche 86.
Erweiterung 303. 312. 568.
Euler 18. 153.
Evans 5. 341.
Eve 405.
Evrard 400. 401.
Ewbank 394. 405. 608.
Eytelwein 594.
Eyth 234.
F.
Pabry 396.
Fairlie-Locomotive 478.
Farcot 355.
Federn 169. 465. 468.
Feuererfindung 198. 603.
Feuerquirl 199. 601.
Fidelbohrer 209. 602.
Firmicus 606.
Flaschenzug 174. 546. 573.
583. 607.
Pletcher 365.
Flüssigkeitsmesser 360.
Formändemde Maschinen
479. 488.
Formänderung 505.
Fowler 546.
Franchot 370.
Fi-ehlen 170.
Führungsgleis 439.
G.
Galilei 8. 273.
Galle 167.
Galloway 191. 410. 416.
Ganahl 405.
GangspiU 583.
Gas&aftmaschine 528.
Gaspnmpe 394. 398.
Gebetrad 488.
Gebläse 363.
Gegendrehungskorbel 187.
289.
Geiger 195. 198. 202.
Geiss 384.
G^lenkgeradfuhrongen 5.
341. 579.
Gelenkkette 167. 251. 548.
Genfer-Sperrung 570.
Geradführung 586.
Gerstner 609.
Geschränkte Schrauben-
kette 561.
Gesperre 440. 546.
Gestelle 431.
Getriebe 50.
Gibson 612.
Ginzroth 604.
Girault 18. 21.
Giulio 11. 311. 593.
Gleitungsventile 459.
Globoid-Bing 372. 383.
Göthe 21. 27. 472.
Gooch 311.
Goodeve 298.
Gossage 382.
Graham 448.
Gray 372.
Greindl 401.
Grollier de Bervieres
394.
Guericke 9.
Hftchette 11. 21. 549.
Hall 351.
Hammerwalke 501.
Handspinnrad 214.
Hartig 503.
Hastie 348.
Haton 18. 21. 43. 147.
593.
Hauptgetriebe 501. 505.
Hebel 219. 273. 438.
Hebungsventile 459.
Hellwald 603.
Helmholz 600.
Hemmungen 448.
Henschel-Turbine 554.
Heppel 374.
Herpolhodie 595.
Hilfspolbahn 143.
Hick 363.
Hicks 348.
Hipp 449.
Hirn 568. 601.
ALPHABETISCHES BEGISTEB.
619
Hobelmaschine 474. 479.
495. 502.
Hobbs 450.
Höhere Paare 565.
Hohlform, Gegenform 90.
Holzmann 594.
Homer 205. 605.
Hooke 331.
Hooke^scher Schlüssel 386.
612.
Hornblower 566.
Hülsse 17. 593.
Humboldt 10. 201.
Humphreys 347.
Humphry-Tennant 99.
Hnnter 552.
Hydraulische Presse 174.
505. 574.
Hydraulischer Widder 493.
552.
Hyperboloidräder 569.
Hypocykelfohrung 585.
L
Jacquard- Webstuhl 512.
Jagor 602.
Jelowicki 355.
Inducüon 56.
Improvement 237.
Johnson 347. 356. 366.
371. 377.
Jolly 593.
Jones 398.
Jones & Shireff 362.
Josua 605.
Justice 407.
K.
Kapsel 344.
Kapselradturbine 403.
Kapselräder 385. 390.
Kapselräderwerke 547.
Kardioide 123. 370. 400.
Karmarsch 343. 593.
Katarakt 395.
Kayser 592. 5.99. 609.
Keile 425.
Keil 273. 276.
Keilkette 560.
Kern 597.
Kesselwagen 605.
Ketten 495.
Kettenräder 437.
Kettenschluss 171. 181. 226.
Kettentrieb 572.
Ketten Vermehrung 341.
Kettenverminderung 339.
Kinematik 14. 43. 59.
Kinematische Kette 49.
Kinetik 591.
Kittoe 348.
Kircher 393.
Klappentrommel 546.
Klassifikation der Ele-
mentenpaare 543.
Kleinmeister 519. 527.
Klenze 207.
Klemm 199. 206. 209.
Knetmaschine 547.
Kniehebelpresse 564.
Kniekuppelung 74.
Knotenseil 495.
Enott 357. 358. 364.
Köchly 217.
König 463.
Kolben 344. 457.
Konische Kapselräder-
werke 407.
Konisches Kurbelyiereck
326.
Konisches Kurbelgetriebe
375.
Konische Bollung 80.
Komplan 67.
Koppel 283.
Korff.607.
Kosmisches System 35.
240.
Kraftmaschine 343. 494.
496.
Kraftschluss 163. 181. 222.
226. 240.
Kraftvermiethung 528.
Kratzenbandmaschine 476.
Kreise, cardanische 124.
Kreisezzentrik 306.
Kreuzgelenk 329.
Kreuzgelenkkupplung 257.
386.
Kreuzkopf 439.
Kreuzschleifenkette 313.
324.
Kran 477. 486.
Kropfrad 506.
Kuckuck 226.
Küster 383.
Kuhn 603.
Kuppilai 214.
Kupplungen 429. 454.
Kurbel 283. 438.
Kurbelgetriebe 225. 322.
Knrbelkapselwerk 343. 388.
586.
Kurbelkette 282. 586.
Kurbelviereck 218. 326.
561.
Kurvenschub 445. 569. 586,
Kui'venschubpaare 541.
L.
Laboulaye 16. 21. 43.
157. 208. 371. 396. 593.
Laidlow & Thomson
401.
Lagarousse 447. 463.
Lagerstühle 431.
Lahir^l45. 585. 599.
Lamb 349. 350. 352. 379.
388.
Langsdorf 549. 594. 608.
614.
Lanz 12. 14. 16. 21.
Larivi^re 383.
Latente Kräfte 35. 42.
Laufendes Gesperre 442.
Laufbuch 503.
Laufwerke 486.
Lechat 363.
Leclerc 393.
Lecocq 403.
Leigh 608.
Lenkstab 294.
Lemielle 374.
Leonardo da Vinci 316.
336. 595.
Leupold 11. 393. 594.
Leurechin 393.
Lindau 603.
Lindenschmidt 605.
Linn^ 20.
Lisch 204.
Liverpool -Manche-
ster-Bahn 164.
Lokomotive 478. 564.
Lubbock 601.
Lüdecke 407.
Luftpresse 496.
M.
Machinales System 35.
240.
Machinofaktur 520.
Mahlgang 476. 482.
Maltheserkreuz 570.
Manufiftktur 520.
Maschine 54. 592.
Maschine I Definition der
38. 492.
Maschinell 591.
Maschinenbaukunde 42.
Maschinendetails 420.
Maschinengetriebelehre 42.
620
ALPHABETISCHES BEGISTER.
Maschineulehre 40.
MaschinenwisBenschaft 39.
Maudslay 558. 581.
MechanismuB 50.
Mensch I der, als Arbeits-
mascliiiie 498.
Meyer, Lothar 611.
Mill 595.
Minutoli 207.
Möbelmaschine 435.
Moison 84.
Moncrieff 225.
Monge 12. 15. 2^
Monokinesie 572.
Monokinetisch 168.
Molard 380.
Moll 596.
Mongolfier 475.
Mont-G^nis-Tunnel 496.
Morey 359.
Morgan 371.
Morin 17. 601.
Morton 613.
Moseley 552. 593. 599.
Motor 474.
Mouline 359.
Muirhead 230. 354. 416.
591.
Murdock 354. 355. 395.
N.
Nähmaschine 499. 521. 584.
Nähnadelschleifer 499.
Namenzeichen 248.
Napier 350.
Nasmyth 98. 564.
Neumeyer 603.
Neustadt 167.
Newcomen 226.
Newcomen*8che Maschine
513.
Newton 356. 357. 359. 360.
362. 363. 366. 370. 372.
377. 381. 383. 385. 408.
409. 613.
Noria 225.
0.
Oelungsapparate , mecha-
nische 233.
Oldham 315. 430.
Ortlieb u. White 362.
Ortsändemde Maschinen
479. 488.
Ottfried Müller 207.
Oughtred 245.
Ovale Bäder 410.
Oyalwerk 316. 336.
Oscillirende Dampfina-
schine 354. 434.
Oscillirende Kurbelschleife
295.
Oscillirende Schubkurbel
298.
P.
PaarschlusB 184. 226.
Papin 9. 239.
Papiermaschine 501. 504.
Pappenheim 391. 398.
398. 406.
Parallelführung 415.
Parallelkurbel 285. 876.
Parallelogramm 229.
Partner 255.
Pascal 8.
Patemosterwerk 548.
Pattison 348. 350. 357.
Paur 214.
Payton 399.
Penn 347. 434.
Pericycloide 598.
Perpetuum mobile 220.
Peschel 603.
Petroleumgasmaschine 528.
Pferdegöpel 497.
Phoronomie 59.
Pikota 214. 224.
Pierer 593.
Planetenrad 229. 415.
Planetenräderwerk 580.
Pleuelkopf 426.
Pleuelstange 418.
Plinius 201.
Pluralität 596.
Poinsot 18. 595. 598.
Polabstand 141.
Polbahn 65. 76. 387. 596.
Pol, Polvieleck 64. 80.
Polbahnen, sekundäre 77.
Poncelet 13. 141. 473.
592. 599.
Ponson 397.
Polhodie 595.
Polkurve 596.
Poppe 593. 608.
Porus 604.
Potter 513.
Pouyer 455.
Prägepresse 583.
Presse 569.
Prismenketten 560.
Prismenpaar 94.
Prony 552.
Propertius 531.
Pumpe 357. 360. 364. 371.
374. 393. 401. 461. 4b'6.
Pumpency linder 457.
Pumpenklappe 460.
Punktbahn 125.
Punktverzalmung 148.
Q.
Qaerbaupt 439.
K
Raddampfer 513.
Badreif 605.
Badwelle 273. 278.
Bäderketten 569. bS6.
Bäderwerk 264.
Bamelli 360. 362. 374.
375. 607.
Bamey 410.
Bau 209. 603.
Bechenmaschine 245.
Bedtenbacher 17. 19.
305. 435. 477. 570. 593.
Beduktion der Polbahnen
73.
BeguliruDg 504. 505.
Beibung 164. 599.
Beibungsräder 569.
Beichenbach 5. 7.
Bennie 601.
Bepsold 401.
Bösal 19.
B^villion 406.
Bezeptor , Transmission,
Werkzeug 13. 473. 475.
476. 485. 490. 5ol. 502.
614.
Biemen 435.
Biementrieb 176. 210.
232. 259. 436. 572.
Bitter 599.
Bobertson 556. 582.616.
Bohren 457.
Bömer 145.
Bolle 273. 277.
Bollenketteu 572. 586.
BoUzug 125.
Boot 303. 368. 397.
Bosberg 607.
Boulette 125.
Botirende Dampfinaschine
294. 298. 342. 586.
Buderrad 359.
Buderradboot 267.
Bückkehrendes B&denrcrk
579.
ALPHABETISCHES REGISTER.
621
Rühlmann 592. 599. 609.
814.
Ruhendes Gesperre 442.
Rösky 375.
Rüstow 217.
S.
Sägegatter 511.
Salomo 605.
Sakkiah 233. 608.
Satzräder 145.
Schaduff 215. 607.
Schaltung 446.
Schaltungskette 586.
Schaltwerk 446. 464. 493.
502. 510. 570.
Scharkreuz 321.
Schedlbauer 615.
Scheibenmaschine 375.
Scheffler 552.
Schieber 354. 439.
Schiefebene 273.
Schiefe Schraubenkette 561 .
Schiene 231.
Schiffsschraube 547.
Schiller 35. 195.
Schilling 360.
Schlagwerk der Wanduhr
511.
Schleife 295.
Schleifenkurbel 566.
Schleifer 488. 497.
Schleifstein 489.
Schlickeysen 553.
Schlömilch 598.
Schlösser 450. 470. 570.
Schneckentrommel 545.
Schneider 359.
Schneidkluppe 476.
Schnellpresse 585.
Schopfrad 201. 224.
Schopenhauer 21.
Scholl 393.
Schrader 592. 610.
Schraube 273. 279. 421.
Schraubenkapsehräderwerk
406.
Schraubenkette 551. 586.
Schraubenlinie 91.
Schraubenpaar 94. 218.
Schraubenpumpe 553.
Schraubensteuerung 564.
Schraubenturbine 553.
Schraubstock 552.
Schrotung 82.
Schubkurbelkette 293. 324.
Schürmann 167.
Schwarz 603.
Schwartzkopff 320.
Schwenter 393.
Schwinge 283. 438.
Schwund Verbindungen 426.
Schwungräder 437.
SeUe 435.
Seilerei 213.
Seilmaschine 273. 279.
Seilpumpe 549.
Seilschnecke 545.
Seiltrieb 166. 211. 436.
Selbstspinner 503.
Sella 601.
Seilers 234.
Sensible Kräfte 36. 42. 179.
Serkis-Ballian 370.
Severin 353. 359. 369.
Sharp 430.
Shipton 367.
Sicherungen 233.
Simpson 356. 366.
Sinoide 597.
Skinner 552.
Smyth 364. 409.
Sohnoke 595.
Spannrast 443.
Spannrolle 454.
Spannwerk 443.
Speisung 503.
Sperrrad 440.
Spezielle und allgemeine
Synthese 532.
Spielraum 233.
Spinnfasern 483.
Spindel 211. 223.
Spinnrad 498.
Spinnstuhl 483. 495. 496.
Spiralpumpe 549.
Stamm 19. 503.
Starre Elemente 543.
Steg 283.
Stephenson 99. 311.
Stereodynamik 611.
Stereostatik 611.
Stemräder 571.
Steuerrudergetriebe 552.
582.
Steuerung 345. 502. 505.
Stirnräder 71.
Stimrädertrieb 259.
Stoltz 462.
Stopfbüchse 457.
Stossheber 475. 512.
Strassenlokomotive 231.
Strauberrad 231.
Stützung, Stützpunkt 102.
Synthese 25. 56. 531.
T.
Tangye 434.
Taschenuhr 478.
Tauerei 166. 546.
Taylor 383. 583.
Tender-Lokomotive 478.
Teme von Elementen 77,
Ternäre Glieder 263.
Theilmaschine 564.
Theilung der Arbeit 241.
Thierkraft 488.
Thomson 231. 372. 410.
Thomas'sche Rechenma-
schine 460.
Thonpresse 553.
Todpunkt 179. 234. 438.
Töpferscheibe 202. 206.
606.
Toricelli 9.
Transmission 473.475.490.
Transport durch die Ma-
schine 523.
Treiber 491. 496. 501. 505.
Triebwerk, Triebzeug 505.
Tresca 381.
Trochoide 127. 599.
Tronkmaschine 347.
Trotte 226.
Tschebischeff 354.
Turbine 231. 474.484.493.
547. 569.
Tylor 199.
ü.
Uebermässiger Schluss 554.
Uebermässige Bchliessimg
457. 471.
üferkran 510.
ühland 388.
Uhlhorn 455.
Umhüllungsform 45. 89.
Umlaufräder 410. 412.
Umschlusspaar 95.
Unächte Zusammensetzung
577.
Universalgelenk 430.
Unrunde Räder 409.
Unvollständige Schliessung
471.
V.
Ventilator 397. 398.
Ventile 458. 469. 547.
Vera 549.
Verdränger 344.
Verhältnisskreis 596.
Verminderte Ketten 556.
Verminderung 333.
Verschiebungsfeld 103
Verschraubungen 421.
Verzahnung , allgemeine
141,
622
ALPHABETISCHES BEaiSTER.
Vitruv 594. 606. 607.
Völkerkunde 522. 603.
Vollständige Maschine 472.
496.
Vose 463.
Vrehlen 170.
w.
Wallace 604.
Wanduhr 486. 493. 510.
Ward 359.
Wasserdampf 485.
Wassergestänge 177. 233.
574.
Wasserrad 175. 202. 266.
395. 399. 501. 506. 547.
Wasserräder 202.
Wassersäulenmaschine 464.
485. 501. 528. 549.
Wasserseilmaschine 549.
Wassertrommelgebläse 549.
Watt 5. 180. 228. 229. 230.
239. 341. 395. 416.
Walzwerk 476. 482.
Webstuhl 214. 504.
Wechselpunkt 186.
Wedding 318.
Weisbach 17. 374. 393.
555. 592. 599.
Weiss 209. 604.
Weissenborn 597.
Wellen 428.
Wernicke 593. 599.
Werkstück 501. 505.
Werkzeug 473. 475. 490.
Werkzeugmaschine 496.
Wetterrad 396.
Wetzstein 607.
Wheatestone 449.
White 552. 585. 608.
Whitehill 584.
Whitworth 298. 305.
Wileox 583.
Wilkinson 209. 605. 607.
Willis 15. 145. 147. 152.
168. 245. 247. 593. 598.
611.
Winan 315.
Windkessel 549.
Windi-ad 394.
Winkelschleifenkette 322 .
325.'
Witty 369. 370.
Wollkrempel 503.
Wood 384.
Woodcock 371.
Wood-Gray 372.
Wrillfeder 170. 217. 547.
Wurfrad 267.
Y.
Tale 450.
Yule 351.
z.
Zahnezzentrik 299. 58.{.
Zahnräder 233. 245. 437.
Zahnräderkette 340.
Zahnräderpaare 540.
Zahnräderwerke 390.
Zapfen 428.
ZapfenerweiterungSOS. :>*><
Zapfenlager 431.
Zeichensprache 243.
Zeising 594.
Zngkraftorgan 165. 544.
549. 572.
Zusammengesetzte Kettt*n
575.
Zwangloser Schloss 555.
Zwangläufig 90. 597.
Zwangläoflge SchieMOii^
471.
Zwängung*verbi]idiuig«n
427.
Zwillingsmaschinen lin.
Zentrifügalpumpe 569.
Druckfehler.
Seite 32, Zeile 4 von oben, lies: Abtrennung statt Abtrennbarkeit.
121, „ 15 „ „ „ .BC statt ^B
137, „ 11 „ „ „ Gleichseitiges statt Gleichzeitiges.
141, , 12 „ „ „ dem Polabstand sUtt der Strecke.
141, „ 13 „ „ , der Strecke statt dem Polabstand.
167, Vertausche die Figurennummem 130 und 129.'
321. Zeüe 11 von unten lies: (C{'Pf-)'' - * 8tattT(Cy jf-)< - •
592, » 8 , „ „ Kayser stott Kaiser.
604, „ 5 „ oben „ anderem statt anderen.
fi
II
a
Erläuterungen und Zusätze
zu
F. Reuleaux's Kinematik.
In gedrängter Kürze aufges
von
M. Niemann.
luHalt :
1. Kiuomatik und KOrporwelt.
2. Auftreten der ductilen Elemente.
3. Ilerleitunt? der Elementeupaare.
4. Yerschiedeuft Beweguufjfsfreiheit.
5. Auftreten des Kraftsclilusses.
0. üesclirünkung der fn'ieu I)n*libar-
keit.
7. Das Problem der Stützung.
8. Receptor und Werkzeug.
9. Die Ausleitung der Kraft.
10. (Massiiicinmg der Maschinen,
lt. Motoren und Widerstände.
12. Mehrere Beispiele.
Mit einer Flgurentafel.
BERLIN.
Mayer & Müller.
1877.
V, V / ■/
\ • \ . . / • .'
A ^ •;- ■ - ■
1 . N ioht laii£(e nach dem Ersclieiuen von Reuleaux's theore-
tisehor Kinematik hat sieli das Bedürfnis^ herausgestellt, die
üegenstände dieses verdienstvoUeu Buches einer ferneren Dis-
kussion zu unterziehen, und die» darin erscheinenden neuen Be-
griffe für die allgemeine Handlichkeit herzurichten. In diesem
Sinne schric^h Herr I*rofessor T. Kitterhaus im Civilingenieur
Jahrgang 1875 einen Artik(»l über die heutige Schule der Kinematik,
in welchem er eine Anzahl von Un Vollkommenheiten und Fehlern
der Reuleaux'schen Kinematik zur Beachtung vorführte und glei(*h-
zeitig Material zum weiteren Ausbau des Systems lieferte. Dem-
nächst hat Herr Beck in Darmstadt in einer Broschüre (^Be-
raerkungc^n zu F. Reuleaux's Kinematik") die Anmerkung, welche
Reuleaux über den Begriff' Reibung macht, einer Kritik unter-
zogen. Alle diese Besprechungen lassen jedoch noch Manches un-
erörtert, und ich will daher in Folgendem versuchen, auch mehi
Scherflein zur Vervollkommnung der von Reauleaxix angeregten
Auffassung der Kinematik beizutragen. Für Alle, die sich mit
Kinematik befasst haben, wird es ziemlich ^unnöt big sein, die Leh-
ren des Reuleaux'schen Buches noch (»inmal zu citiren und ich
will daher die (Jlegenstände in der Form in welcher sie entstan-
den sind, nämlich als ganz selbstständigc» Betrachtungen vorfüh-
ren, indem ich noch bemerke, dass nur sol(*ho Punkte der Be-
trachtung unterzogen sind, welche bei Reuleaux mehr oder weniger
unvollkommen Ideiben.
Zunä(*hst fragen wir nach einer allgemein gültigen Begi'iffs-
erklärung. \Yir Hndon bei Reuleaux angegeben: die Kinematik ist
die WisscMischaft von d(»n ]>esond(M*en Kinrichtungen der Maschine,
vermöge deren die Bi^wegungen in ders(^lben, soweit sie Ürtsver-
änderungen sind, zu bestimmten werden. Di(»se Erklanmg setzt
den Begriff* der Maschine voraus. Dieser Begriff' ist nat-h Reuleaux
definirt als Verbindung Aviderstandsfahiger Korper, welche so ein-
gerichtet ist, dass vermögi» ihrer mechanische Xaturkraftc» ge-
zwungen werden können, unter bestinnnten Bewegungen zu
wirken.
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^fif tl»j--I:r: f*-t auf l'jfTVMTr,!^': t?.*i-*:«' i»i.f r'i--L: •*!--,; a'i*
Irjftforrni'/ und luftförrnii' jiuf l.irfönii!!:. I>> li» %-:i \r \ ^ ^ -*
k*-it#'n: u^p^-r Ik'I (»a-*'n i-t ^-^ «»^Irj^'T zu '-;j;:»'IL "'» ^»'rl L-ii-n i*»-!
fi'vU arif ^riMaiKlfT li^fVi'-t;»-M ki'mwn ^hUt iii»lit. Zw»»i ü'»-r »-ii-
aiid^T li^rir^h^riwh» \Viii*l*rröintifiir»»ii iiia«-h»'ii di»*-» ?^br wahr^-h»-irK-
li'li. Häljp'iirl Mi-*<'tiiiii^ uihI i>itfii<*if»ii iIhid t-iiti:«-'j:en>t»*h»'U. B»-:
Flü--iirk<it<'ri i^t ^'^^ .»^-lir u'it d^'iikliar. da>> ein«* \Va>M*rkui:»l auf
^**i-^t<lfihfrifli'rn KImmi, ^kIit da*'^ ♦*iiM* Oelxhitht auf t*iihT tVw«-»"k-
Milli«TMrliirht »*i(h lM'^<-trt: <Iau«»iffii ist i*> iiirht iiirr^li«*lK Alk»»h'»I
auf Wa-ts^T, ihUt S(hw<'ft»l>äiirf auf K<»<lisal2lri>uiiu zu U'WtntHi.
SoIcImj L'riiHO((liriik«'it<fii d«T Ii<*wt*uuiig lu*Krn al>er aurh bt*i fiMen
Krir|rtTii vor. Kiiu? Ii<'il>|ilatt«' s('hw<Hlis<-h«T .Stn*i»^hhöl2rrM-haoh-
t<'lii auf <*iuHu Stö<k cnt^iinMliendcr Züuduiassc ueriebfU, ouVhtf
v<Twi(:kclt(! l^*W4'KUU«s<*rsrluMnuu^fU liefeni.
2. Solclicm Verhalti'U der Kor|M»r gogt^uuber ist die Kine-
matik g<'?*ich4«rt, Kobald wir verlangiMi, dasr* 1) cheuiiöehe und ent-
H|ir<Tli4Tide phyHikalirtche Aktionen von der Betrachtung fern blei-
ben, und 2) dann dio Kr>r|M'r relativ undunhdringliehe C^berflä^ben
hiiben. K.H int hier zu beachten, dass durch die rndun-bdrinir-
lichkeii dor Ob4'rflüchen die Aendei-ung derselben an Gestalt und
— 5 —
Grösse durchaus nicht ausgeschlossen ist. Dies zeigen uns deutlich
die Flüssigkeiten, die bandförmigen und die gasförmigen Körper.
Wir können nämlich einen festen Körper definiren als einen,
der neben unveränderlichem Volum eine an Gestalt und Grösse
unveränderliche Oberfläche hat. Beim bandförmigen Körper (8eil,
Riemen, Draht) ist die Gestalt der Oberfläche durch beliebig kleine
Kräfte veränderlich, während ihre Grösse und das Volum des Kör-
pers constant sind. Bei der Flüssigkeit ist das Volum noch un-
veränderlich; die Oberfläche aber an Gestalt und Grösse variabel.
Bei dem Gase ist auch noch das Volum durch die kleinsten
Kräfte veränderlich. Hierzu gesellen sich noch die biegsamen
und knetbaren Köri)er als solche, deren Obei-fläche ihre Gestalt,
respective Gestalt und GröSvSe nicht mehr unter Einwirkung be-
liebig kleiner Kräfte, sondern erst unter Beanspruchung durch
sensible Kräfte von bestimmter und beträchtlicher Grösse ändern
(Federn, Waehs, glühendes Eisen, Gummi).
Die Aufführung dieser Definitionen der verschiedenen Aggre-
gatzustände vermissen wir noch recht sehr in unseren Physikbüchern.
Für die Kinematik scheint es mir besonders wichtig, sie aufzu-
stellen, da es sich hier darum handelt, die für die mathematische
Betrachtung nothwendige Schärfe der Begriffe herzustellen: und
gerade da die Physik uns sagt, dass z. B. kein Körper absolut
fest ist, müssen wir angeben können, wann und wie wir ihn noch
als fest in die Rechnung einführen wollen. Die Handhabung
unserer Definitionen können wir recht gut an den duetilen Ele-
menten sehen, wir können diese nämlich so in die Maschine
einfügen, dass sie sich w4e feste Körper verhalten; es fragt sich
unter welchen Bedingungen wird ein ductiler Körper dies thun?
Die Antwort ist nach unserer Definition leicht. Wir geben den
dnrtilen Elementen noch die Eigenschaften der Oberfläche, welche
dieselbe bei einem festen Körper haben muss, also dem Bande
eine eonstante Gestalt, der Flüssigkeit eine constant^ Gestalt
und Grösse der Oberfläche und dem Gase ausserdem ein con-
stantes Volumen. Gewöhnlich nun gehen wir nicht darauf aus,
die ductilen Elemente an Stelle der festen zu setzen, sondern wir
benutzen gerade die Variabilität und zwar in der Weise, dass wir
der Veränderlichkeit der Oberfläche, welche an sich ganz beliebig
ist, eine bestimmte Bahn vorschreiben. So z. B. haben wir beim
Riementrieb die Bahn so vorgezeichnet, dass der Riemen sich
stets von der geraden Gestalt in die kreisförmige biegen muss.
Bei einer Rohrleitung, sowie bei der hydraulischen Presse zeigen
wir der Flüssigkeit die Bahn an, welcher sift ihre Oberfläche an-
zuschmiegen hat. Die Anweisung eines bestimmten Volums sehen
wir bei den Gjisen unserer Kraftmaschinen, indem hier das Vo-
lum in jedem Augenblick durch den widerstehenden Druck be-
stimmt wird.
- 6 —
3. Wenn wir jetzt die ferneren Eigenschaften der Materie
(Gewicht, Trägheit, Reibung) als erst später wesentlich unbe-
achtet lassen, so sind wir gänzlich in die Hände der Mathematik
gerathen; denn sämmtliche Oberflächen , ob constant oder varialH?!
werden durch sie bestimmt. Wir können daher sagen : die Kine-
matik ist die lichre von der Bewegung undurchdring-
licher Oberflächen auf einander. Sie ist also ein Theil der
kinematischen (leometrie des Raumes mit der Nebenbedingung,
dass die auftretenden Flächen nicht starr sein brauchen.
Diese Definition erscheint etwas abstrakt, oder gar gesucht:
indessen wir haben doch eine Definition , in welcher nur bekannte
Begrifte vorkommen, und mit einiger Consequenz lässt sich auch
die Betrachtung der aus vielen Gelenken zusammengesetzten
kinematischen Ketten darauf zurückführen. Es ist hier nur
störend, dass die Theile d(T Oberflächen, au welchen wirklich
Gleitung oder Rolluug stattfindet, oft unwesentlich erscheinen
gegenüber den Theilen derselben, welche willkürlich gestaltet sein
können. Indess das g(»setzmässige der Bewegung wird doch nur
durch diese Flächen hervorgebracht, selbst wenn sie noch so
winzig sind. Dass die Definition in ihrer Allgemeinheit die ge-
sammten Hilfsmittel der kinematischen Geometrie der Ebene und
die Resultate nhvx räumliche Bewegung von Punkten sowie
sämmtüche Mittel der Rechnung voraussetzt, ist selbstre-
dend; ebenso wie wir wohl vor der Hand sagen dürfen, dass das
in dieser Definition vorgezeichnete Feld in seiner Allgemeinheit
bis jetzt sowohl analytisch, wie synthetisch erst wenig unter-
sucht ist.
♦Suchen wir jetzt aus der D(»finiti(m heraus die Begriffe der
Kinematik zu gewinnen. Die Flächen der Mathematik lassen sich
eintheilen in niedere und höhere. Flbene, Kugel, IVisnia. Kreis-
kegel können niedere heissen. Die Anzahl d(T höheren ist un-
beschränkt. Wir haben von ihnen dieUnidrehungsflächen, Schrauben-
flachen und abwickelbaren Flächen als die zunächst liegenden.
Als für die Bewegung nicht unwesentlich seien hier die
Arten der Berührung unterschieden als Berührung 1) in endlich
grossen Flächen, 2) in einem Flächendifferentiale erster Ordnung
(Linie), 3) in einem Flächen Differentiale zweiter Onlnung
(Punkt).
Obgleich dieser Unterschied ja auf <ler Hand liegt, führe ich
ihn hier an, um darauf aufmerksam zu nmchen, dass die Linie
und der Punkt hier stets als Fläcliendifterentiale aufzufassi'U
sind, also in der IJechnung als adx und als did/ erscheinen
müssten. Es ergibt sich dies daraus, dass wir nur mit Ob«T-
flä<'hen zu thun haben und macht uns gleichzeitig darauf auf-
merksam, dass wir bei dem Problem der Stützung uns den Kör-
per stets durch Flächenstücke einfj:eschlossen zu denken haben.
- 7 -
Diese verschiedenen Arten der Berührung piachen sich in
ganz bestimmter Weise geltend: so z. B. können Ebene und
Kugel einander nicht anders als in einem Punkte berühren,
während Ebene und volIständigiT Kegel sich nur in gerader
liinie berühren können, u. dgl.
Die Zusammenstellung der verschiedenen mathematischen
Flächen muss uns auf die bekannten Klementenpsuire führen.
Zwei Ebenen, zwei in einanchn* gesteckte gh'ich grosse Kreis-
eylinder, zw(»i (»b(Misolehe Kugehi bernhren sich in endlichen
Flächen und können sich narh zw<'i auf einander senkrechten
Coordiiuiten-Ax(Mi bewt»g(Mi. Zwei congnieiiti» Prismen, zwei eben-
solche Umdrelmngskör|)eruudschli(»ssli(hnoehcongruente Schrauben-
flachen berühriMi sich in eiallicli «»rossen Fläclien und gestatten
nur Bewegung nach einer Dimension d(»s Hiiumes. Nach I?eu-
leaux sind die drei letztiM'en Kh»ment(Mipaare die einzigen soge-
nannten rms(*hlusspaare, d. i. Paare mit Berührun« in emilichen
Flächen. Ebenso möchten wohl Kui^el, KnMscvlinder und Ebene
als entsprechende Paare (»inzufülinMi sein, in welchen Beweglich-
keit nach mehrereii DinK^isiomm stattfindet Auf diese Weise
liefern uns die sechs einfachsten Flächen der Stereometrie die
sechs einfachsten FMementenpaare. Vnt(»r diesen steht die Kugel
für sich, insofern sie Drehung um allt^ drei Axen gestattet, während
Ebene und Cylinderpaar nur nach zwei Axen beweglich sind.
4. Da die Zusannnenstellung von ferneren Flächen zu soge-
nannten höheren Klementeni)aaren kein*» (rrenze hat, so bleiben
wir bei den genannten niederen stehen und fnif't^n uns in welchem
Verhältniss stehen die erstcren drei Paare zu dcMi letzt<»ren? Die
ersteren scheinen für die Maschine fernli(»gend zu sein ; allein das
Kugelgelenk drängt sich bereits vollständig in di(» zweite (Iruppe.
Vor Allem aber stehtMi di«* Paare mit Beweiilichkeit nach mehreren
Dimension(»n zwischei» dem gt»wöhnlichen machinalen System
und dem sogenannten kosmischen; insofern im kosmischen jede,
auch die kh^nste sensible Kraft eine AiMiderung der B<»wegungs-
richtunj? h(^rv(nbriny;t, während im maschimden keine irgendwie
p:erichtete Krnft die Bewegungsrichtung ändern kann, sondern
nur die (leschwindigkeit. Bei dem Kugel-, Ebenen- und Cylinder-
paar ab(T können Kräfte, die normal zur Fläche gerichtet sind,
keine Wirkuiiii: hervorbringen, während die tangentinlen sich
wie im kosmiscInMi System «i:<»ltend machen. Vm dies Verhält-
niss klar zu legen, sehen wir von dem Postuhit des ^.aufeinander''
unserer Definition eiiuMi Augenblick ab, und stellen uns einen
Körper im absolut leiMini Raum vor. Er befindet sich in einem
absoluten kosmisclu»n System (Fig 1). Theileii wir jetzt den
Baum durch eine unendliche Fläche, etwa eine Kbene, in zwei
TheiU», so ist die Bewegung des Körpers in der Richtung nach
di(?ser Fläche hin bejfrenzt, während si(» in der anderen Richtung
- 8 -
ujibegrenzt ist (Fig. 2). Befindet sich der Körper zwischen zwei
solchen parallelen Flächen, so ist seine Beweglichkeit nach beiden
Richtungen der einen Dimension begrenzt, während nach den
beiden andern Dimensionen die Beweglichkeit vollständig geblieben
ist (Fig. 5). Begrenzen wir jetzt durch Quorflächen auch diese
Beweglichkeit, so schliessen wir zuletzt den Korper in einen
Würfel ein, innerhalb dessen er sich wie im kosmischen System
bewegen kann (Fig. 10). IJücken wir zwei einander gegenüber-
stehende Flächen des Würfels so nahe zusammen, dass der Kör|K*r
keinen Spielraum hat, so ist die Bc^weglichkeit nach einer Dimen-
sion des Raumes ganz ausgeschlossen (Fig. 11). Dies ist der
Fall der oben genannten drei Paare mit Bewegung nach zwei Di-
mensionen. Auch hier können wir die Beweglichkeit nach den beiden
übrig bleibenden Dimensionen begrenzen, und schliesslich nach
einer Dimension aufheben, wir haben dann nur noch freie Beweg-
lichkeit nach einer Dimension, dies ist der Fall der g<^wöhniichen
kinematis<»hen Kette (Fig. 17). Selbst hier können wir erst
nach einer Richtung und schliesslich nai*h beiden b<*grenzen, s«
erhalten wir den Fall d(»r gewöhnlichen Sperrwerkc^ und Schalt-
werke (Fig. IS u. 11)). Schliessen wir auch nach diesen letzten
beiden Richtungen Beweglichkeit aus, so haben wir feste Ver-
bindung (Fig. 20).
Nach dieser Betrachtung haben wir zwanzig Systeme zu
untersclKÜdeu, die in den No. 1 bis 20 der beigegebenen Figuren-
tafel ßchematisch angedeutet sind. Dieser L'utersi'hied der Systeme
von verschiedener IJewegungsfnMheit ist bisher nicht gemacht
worden. Reuleaux unterscheidet nur ein kosmisches und ein
machinah^s System als solche, in denen nur sensible Kräfte anf-
treten und solche in d<»uen sensibh» und latente Kräfte gemischt
auftreten, llerr Rittershaus in der erwähnten Abhandhnit^ unter-
scheidet bereits die Xo. 10, 11, 17, und 20.
Ohne Kenntniss der Unterscheidung von Rittershaus wurde
die fortlaufende Reihe dieser Systeme von mir als nothwi»ndige
(>)nse(|ueuz aufgefunden. Anfangs betrachtete ich dieselbe mehr
als Spielen^i, indessen scheint es mir nachgerade, als ob wir zum
vollen Verständniss unserer Maschinen di(» ganze Reihe festhalten
müssen; denn es ist ja kein (irund ersichtlich, wesshalb irs:end
eins d(*r Systeme ausg(*schlosst»n sein s<»llte, und die Xatur pflegt
sich in der Maunichfaltigkeit und kalten (Jesetzmässigkeit ihn*r
Erscheinungen keine» Bcschninkungen aufzuerh^gen. In der That
können wir bei Betrachtung (»iner Schleudervorrichtnng System 1
schw(T umgehen. Bei (li»m Werfen ein<»s Körpers auf eine KlN»ne«
die in ihrer Begrenzung unlu^stinnnt ist, taucht System 2 auf:
System 9 sehen wir an unseren gewöhnlichen Billards, snluild
wir den Körper als die betreffende Flächi» berührend denken.
Die si<'h auf ein(»r Ebt»ne fortl)e\v(»u:enden Fuhrwerke können wir
— 9 -
sowohl zu Nr. 1 1 wie zu Nr. 2 rechnen. System 10 können wir
bei der Betrachtung zweier in einander gefügter gewöhnlicher
Kettenschaken nicht umgehen, denn sobald die Berührung der
Schaken aufgehoben wird, kann i('h sie nach allen Richtungen
ganz wie im kosmischen System bewegen, nur dass diese Bewe-
gung begrenzt ist. Die Bewegung der Kaffeebohnen in einer
Brenutrommel und wenn wir wollen ein an einem Bindfaden be-
festigter Körper, d. i. das Kugelpendel gehören auch hierher. In
dieser Weise werden wir oft genöthigt, uns die Systeme der ver-
srhiedenen Beweglichkeitsgrade zu vergegenwärtigen, und zwar
in einer sehr geläuiige]i Weise, da es sich meist um den Ueber-
gang aus dem einen System in ein anderes handelt.
5. Die ersten zehn dieser Systeme gehören in sofern nach
unserer obigen Definition nicht in das Gebiet .der Kinematik,
als sie nicht von dc»r Bewegung der Körper auf einander handeln,
sondern davon, wie dieselben im Räume zu einander liegen. Trotz-
dem werden sich diese Systeme zur Betrachtung herandrängen.
Relativbewegiuigen werden wir an ihnen nicht zu betrachten
brauchen, denn di(» Kinematik brauclit nur die Relativbewegungen
zu betrachten, welche sich bei Bewegung von Körpern „auf ein-
ander ergeben**, und diese biet<}n auch Stoff genug für Anwendung
aller Hilfsmittel der kinematischen Geometrie. Wir haben aber
von den Svstemen Notiz zu nehmen, weil wir im unendlichen
Raum Stellen bezeichnet haben, an denen kinematische Be-
trachtung eintret<*n muss. Berührt in System 10 der Körper
eine der Ebenen, so befindet er sich wie in Svstem 11. Berührt
er eine Kante, so haben wir System 17; berührt er eine Ecke,
so halx^n wir No. 20. In dem Augenblick, wo die Berührung
aufhört, haben wir wieder ein kosmisches Svstem vor uns. Ein
Beispiel hierzu liefert das Kugelventil. So lange es geschlossen
ist, hab(^n wir Xo. 20; sobahl die Kugel sich hebt, bewegt sie
sich wie in No. 10. Der Unterschied besteht nur darin, dass die
Berührung durch beliebig kh^in zu wählende sensible Kräfte ohne
Weiteres aufgehob(»n werden kann, währtMid um dasselbe in No. 1 1
und 20 zu bewirktMi, die latente Kraft der Grenzwand zerstört
werden muss.
Dies führt uns auf den ruterschied zwischen Kraft seh luss
und Paarschluss. Reuleaux giebt keine Definition dieser Begriffe,
sondern sagt nur, dass wir auch durch sensible Kräfte eine
Schliessung bewirken können. Die ganze Auseinandersetzung ist
so gehalten, dass der Kraftsrhluss als der stn»ngen Betrachtung
ferner stehend erschtMut, als der Paarschluss. Bei der Häufigkeit,
in der wir den Kraftsclilnss finden, wird es gut sein, beide Arten
als ganz gleichberechtigt anzusehen und nur dou charakteristischen
rnterschi(»d zwischen beiden aufzusuchen. Dieser dürfte wohl
darin bestehen, <hiss b(»i dem Paarschluss zur reberführung des
— 10 -
bewegten Körpers in ein System von höherer Bewegungsfreiheit
die Vernichtung von Cohäsion, also die Ueberwindung latenter
Kräfte erforderlich ist, wahrend bei Kraft ^?chIuss eine derai'tiir«*
Vernichtung nicht stattfinden darf. Einen Paarschluss können
wir direct hervorbringen durch Nieten, Lötlien, Leimen. Kitten.
Seh weissen und Falzen: Kraftschluss entstellt durch Keibung,
Schwerkraft und Federn. Sobald wir uns dafür entschieden haben,
die Beweg\ingshindernisse durch Heibung als Kraftschluss hervor-
bringend anzusehen, werden wir finden, dass der Kraftschluss
häufig(T vorliegt, als wir denken: so z. B. ist dann jed<» Be-
festigungsschraube nur kraftschlüssig gehalten., da allein die
Reibung sie hindert, dem mathenmtis<*hen Gesetze zu folgen, das
unter allen Umstanden ein Herausdrehen vorschreibt. Kin solche>
zeigt sich in der That noch bei all(»n stark erschütterten Ver-
schraubungen. Zu beachten ist oft eine Kombination von Kraft-
schluss und Paarschluss, z. B. bei den Deckeln von Schwungrad-
lageni, bei denen die Kraft der lM<»uelstange, sobald sie nach
oben gerichtet ist, nur zum Theil auf ( -ohäsionszerstorung wirken
kann, während der andere durch das Gewicht des Schwungrades
anfg(»hob(»n wird.
fJ. Wenden wir uns zur weiteren Betrachtung noch einmal
zu unseren zwanzig Systemen der verschiedenen Bew(»gnngsfreiheit
zurück. Es ist in diesen von dem B(^griff der Drehung gar ktMue
H(»de. Wir haben über die (i estalt des bewegten Kor|K»rs g:\r
k(»ine Voraussetzungen gemacht, und ihn uns stillschweigend al>
Punkt gedacht. Hätten wir eine (i<'stalt festgesetzt, so hätten
wir die Drehung nicht mehr nu^ideu können und wären, da in
den Systemen 1 bis 10 die (Jestalt ganz unwesentlich ist, in den
folg(Mulen Nummern auf das Kai>it(»l der Stützung gekommen.
SeluMi wir, was sich untcT B<Mbehaltung unst*rer stillsrhwf»igenden
Voraussetzung über die Drehung sagen lässt.
Stellen wir den Punkt A (Fig. "21) der unendlich «rro<M«n
Fläch*» B gegenüber. Ebenso wi<» oben sagen wir jetzt, es ist
nicht gleichgültig, ob der Punkt einen volliMi Kreis durchlaufen
kann, oder nur Segmente. Wir ziehen die Normale AB un«l
sehen sofort, dass jenseits A jeder Punkt der Normalen als Dn'li-
|»unkt ganze Kreise gestattet: auch zwisrhen A und B thnn dif>
die Punkte, die näh(T an A als an B liegen: auch nel>en AH
finden sich solche. Es fragt sich: wi»lcln»s ist der t)rt aller dies4»r
Punkte. Hierzu müssen wir über die (5t»stalt nou AB etwas fe>t-
setzen. N(»hmeii wir B als eine Kbene an, so liegt die Grenz«»
da, wo der Dr(»h])uukt von A <»beuso weit entfernt ist wir \nn
der Ebene B. Für jede durch AB ueh*gt(» El»ene stt^llt sich also
die Grenze als Parabel dar mit A als Brennjnuikt und AB sil-
Parameti'r. (Fij»:. 21.) Für den Kaum zeigt sich also ein Tni-
drehungsparaboloid als (irenze. Alle Drehaxen. die i\u^ Para-
- 11 -
boloid schneiden, gestatten volle Kreise, wie dies auch für die
ffeffen AB windschief gerichteten Axen durch leichte stereometrische
Betrachtung ersichtlich ist. Die übrigen Axen diesseits B ge-
statten Bögen grösser als der llall>kreis; die Axen jcMiseits B nur
Bögen kleiner als der Halbkreis. Die Drehpunkte für die Maxinial-
bögen liegen auf AB. Fällt A nach B, so geht das Parabcdoid
in die Normale über, und die Rückwärtsverlängeruug gestattet
keine Drehung raelir. Wir sehen hierbei, na«'h welchem Gesetze
sich bei der Annäherung eines Punktes an eine Fläche die Zahl
der Punkte vermindert, um weh^lu^ der Kr)r|)er volle Kreise be-
schreiben kann. Um für die oben genannten Systeme die Felder
der freien Drehbarkeit zu bestimmen, zeichnen wir für jede Be-
grenzungsfläche (bei beliebig gestalt(»ten Körpern unter Berück-
si4*htigung der A<juidist4inten) die geometrischen Oerter. Bleibt
ein allen gemeinschaftlicher Baum, so ist um jede ihn schneidende
Axe freie Drehung möglich. Es ist diese Aufstellung der (Iren-
zeii für die freie Drehbarkeit eine nothwendige Couse([uenz aus
der Aufstellung der Systeme für die Verschiebbarkeit, und es
möchte daher gut sein, auch sie dem Gebiete der Kinematik an-
zufügen.
7. Von No. 17 an kommt die Drehung abgesehen von der,
Krümmung der vorgeschriebenen Balin nur iu Betracht, wenn die
Aufgabe gestellt ist, einen Körper von bestimmter Gestalt so
durch Flächen einzuschliessen, dass Verschiebung und Drehung
nur in beschränktem Maas^se statthaft sind. Wie hierl^ei für <'bene
Figuren zu verfahren sei, ist in dvr theoretischen Kinematik von
Beuleaux unter dem Ka])itel der Stützung auseinandergesetzt.
Für cliMi ]{aum indessen liegnügte sich Reuleaux mit der Angabc
d(»r Uebert ragung aus der Ebene und auch anderw(ntig ist eine
r.ösung des Probl(»ms noch nicht gegeben worden. Es stellt sich
hier die Schwierigkeit heraus, dass die Normale zur Stützungs-
t'bene nicht mehr Rechtsdrehung und Linksdrehung scheidet, und
«lass mehrere dieser Normalen sich für gewöhnlich nicht schneiden.
Wir suchen trotzdem nach dem Prinzip der ungl(>ichnamigen
Deckamg zum Zieh» zu gelangen. Wir sehen, dass jede» durch die
Normale gelegte» Ebeiu» Kechtsdrehung und Linksdrehung trennt,
ganz wie dies in der Ebene eine Normallinie thut. Die Lage
tMner solchen Normalebene ist noch ganz unbestimmt gelassen.
Ziehen wir nun die kürzeste Linie zwischen je zwei Stütznormalen
und legen dun*h dies«» und je (»im» Nonnale die F;b(»nen, so zeigen
si4-h Felder, in denen um alle» zu ol)iger kürzester Linie parallelen
Axen nach dem Prinzip der ungleichnamigen Deckung keine
Drehung stattfinden kann. Sobald in einem Kaume um drei
Mih'her Axen Drehung unmöglich ist, findet für die Punkte dieses
liaumes Buht» statt. Lassen sich also an allen Stellen des un-
- 12 -
endlichen Baumes wenigstens drei solcher Felder nachweisen, so
ist die Stützung gegen Verdrehung vollzogen.
Zur Aufsuchung der Verschiebungsfelder dienen Ebenen, die
durch die Stütznormalen parallel zur Schnittlinie zweier Be-
grenzungsebenen gelegt, in ähnlicher Weise wie in der Ebene zum
Ziele führen.
Diese Andeutungen hier weiter zu führen, ist hier nicht der
Ort, da ja nichts weiter nöthig ist, als die Aufstellung besonderer
Fälle; eine Arbeit, die allerdings eine hübsche Febung in stereo-
metrischer Betrachtung ist.
8. Wenden ^^ir uns jetzt zir einem anderen Gebiete, in
welchem der Begriff der Maschine im Gegensatz zu diesen faj«t
rein geometrisclien Begriffen und auch im Gegensatz zu dem
schon ferner liegenden Begriff der kinematischen Kette hervortritt.
Es ist dies das Kapitel von der Berechtigung der Begriffe Rec<*ptor
und Werkzeug, sowie der damit eng zusammenhängenden „Motor**
und „Werkstück'^. Reuleau x folgert in seiner Kinematik, 8. 480 :
„somit ist der Begriff des Werkzeuges nicht ein eigentlicher Stammbe-
griff der Maschine, sondern imr ein zufälliges Merkmal derselben
und kann daher als Grundlage des Verständnisses der vollständi-
gen Maschine nicht dienen. „Ebenso \iird S. 490 gefolgert: ^dass
auch der Begriff* Receptor nicht ein für die vollständige Maschine
wesentlicher Stammbegrift* ist."
Diese Sätze widersprechen so sehr den bisherigen Anschauun-
gen, und an vielen Maschinen sind die erwähnten Begriffe s<»
schön zu kennzeichnen , dass es mir passend erschien , die-
selben näher zu prüfen. Als Resultat glaube ich gefunden zu
haben, dass die Begriffe „R(»ceptor" und „Werkzeug**, nebst denen
des Motors, des Werkstücks und der Transmission durchaus
wesentlich für die Maschine sind, wenn es auch an vielen Stellen
mehr oder weniger unserer Willkür überlassen bleibt, wo die eine
dieser Bezeichnungen aufhören und die andere anfangen soll.
Nach der Definition von Reuleaux ist die Maschine eine Köri)or-
verbinduug, die so eingerichtet ist, dass mittelst ihrer mechanisi'he
Naturkräfte genöthigt werden können, unter bestimmten Bewe-
gungen zu wirken. Hiernach, sowie nach andern Definitionen
haben wir uns eine oder mehrere Kräfte als ausserhalb der Ma-
schine stehend zu denken. Diese können die Maschine nicht
überall gleichzeitig afficiren, sondern es muss sich eine
Stelle nachweisen lassen, an welcher die Einwirkunjr l>eginnt.
Diese Stelle markiren wir und nennen sie Receptor Ilaben wir
mehrere Kräfte», so haben wir mehrere Receptoren. Leiten wir
Kraft in einen Mechanismus ein, so müssen wir, um Massenlw^
schleunigung ins Unendliche zu vermeiden, dieselbe auch wiwler
ausleit(Mi. Ks nuiss sich also auch wenigstens eine St(4le nach-
w<Msen lassen, an welcher diese Ausleitung vor sich geht. Diese
- 13 -
Stelle wollen wir auch inarkiren und vor der Hand „Werkzeug"
nennen. Der ganze Mechanismus dient zur Ver])flanzung der
Kraft von der einen »Stelle zur andern, er ist also Transmission.
Bei dieser Vorstellung kümmern wir uns gar nicht darum, woher
die Kraft kommt und wohin sie geführt wird. Wir können aber
kurzweg sagen, zu einem Receptor muss ein Motor gehören,
(1. li. Etwas, woher er die Kraft nimmt und zu dem Werkzeug
inuss ein Werkstück gehören, d. i. Etwas wohin die Kraft definitiv
übertragen wird.
Machen wir uns hiervon ein rohes Bild an einem Kurbel-
viereck. Der Mechanismus Fig. 23 ist auf d festgestellt;
auf a wirkt eine Kraft ein; auf c ein Widerstand; etwa in Form
von fortzus<.*hneidendem Material. Was heisst nun aber d steht
fest und a bewegt sich? Nichts anderes, als wir ändern die
Relativlage von a gegen d. In obiger Figur erscheinen uns
Motor und Werkstück als ausserhalb des Mechanismus stehend.
Wir denken unwillkürlich daran, l)cide müssten dem festgestellten
Gliede angehören. Sobald wir aber den Stichel und den Dampf-
eylinder uns in die spitzen Winkel anstatt in die stumpfeu ge-
legt denken, sehen wir ein, dass wir sie auch ebensogut ganz
von dem festen Gliede losmachen und zwischen zwei bewegliche
legen können. Fig. 24 stellt einen solchen Fall dar. W'ir haben
hier gewissermaassen zwei Rcceptoren, von denen der eine die
nach dem Werkzeug, der andere die nach dem W^erkstück zu
leitende Kraft aufnimmt. Um anzudeuten, dass die eine Seite
vor der andern nichts voraus hat, ist in der Figur der Dampf-
eylinder mit zwei Kolben versehen. F]s wird dies der allgemeine
Fall sein, wenn auch oft die Versuchung nahe liegt, die Reaction
gegenüber der Actiou zu vernachlässigen. Da das festgestellte
Glied immer eine bevorzugte Stellung einnimmt, insofern als
wir unsere Person mit ihm fest verbunden denken, so wird
es gut sein, in Bezug auf Einleitung und Ausleitung von Kraft
die vier Fälle zu unterscheiden, dass 1) Motor und Werk-
zeug sich beide gegen das feste Glied stützen, 2) dass der Motor
dies noch thut, während das Werkzeug gegen ein bewegliches
Glied arbeitet, 3) dass der Motor zwischen zwei beweglichen liegt,
das Werkzeug aber gegen das feste arbeitet, 4) dass beide zwischen
beweglichen angebracht sind.
Ferner ist zu unterscheiden, ob beide zwischen zwei un-
mittelbar auf einander folgenden Gliedern wirken, oder ob die
aftlcirteu Glieder erst durch Verkettung verbunden sind. Auch
aus diesem Umstände lassen sich wieder Unterabtheilungen bilden.
Fig. 25 zeigt einen solchen Fall. Es ist bemerkenswerth , dass
der Längsschnitt des angedeuteten Dam pfcy linders jetzt . kein
Kreisring mehr ist, sondern durch anderweitige Punktbahnen be-
stimmt wird, die bei der Relativbewegung entstehen. Da dies
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hühoro Ciirvo» sind, so kann zwischen Cvündcr und Kolben nur
noch Borühnuii»; in einor Liuio, nicht nhov in oinor Hä«'he statt-
finden.
AYir sehen an don gezeichneten Figuren, dass nni die Kraft
ein- und auszuhMten zwei neue Paanmgssteüen nothig sind, so
dass die betheiligten Kettenglieder unter allen Umständen drei
LaufHächen halien. AVir ha])en also sofort den Fall der zusauinien-
gesetzten Kette.
i). Fragen wir uns, ob die Ausnahme der Kraft einfach an
den vorhandenen Paarungsstellen stattfinden kann, und weldn^
wohl die einfachste Art ist, die Kraft auszuleiten. Eine hin-
reichend starke Zusammeni)ressung der Laufflächen kann sovii»!
Reibung hervorbringen, dass die Herausnahme dnrch ein besonderes
Glied erspart wird. Hierdurch aber hal)en wir nur (>ine schein-
bare Vereinfach nng, denn wir haben der Paarungsstelle zwei
Functionen aufgebürdet: 1) die Führung d(»r dort zusammen-
stossenden Kettenglieder und 2) die Umsetzung der irgendwo
eingeleiteten Kraft in AVärme. Ausserdem müsstt» die Möglichkeit
geg(»ben sein, den Widerstand nach Willkür zu erneneni. Dii^s
lasst sich hier nur unter Zulassung euwv Abnutzung bewirken,
welche die IJelativlagen und Bewegungen der vorg(»legten Ketten-
glieder beeinträchtigt. AVir können hieriuich als Grundsatz an-
nehmen, dass die Glieder, an W(dche .Motor und Werkstfick an-
greifen, drei Paarungsstellen haben, wähnmd die übrigen Glied<*r
nur zwei zu haben brauchen. Find(Mi wir an eirH*m Mechanisnuis,
dass Einleitung und Ausleitung ohne diese zweimal drei l^iarungs-
stellen vor sich gehen, so haben wir dies <lem Eingreifen von
Kraftschluss und Keibung, sowie d(Mi Eigenthümli(*hkeiten drr
ductilen Fjlemente zuzuschreiben, welche bewirkcm können, da»
ni(»hrere Functionen auf dasselbe LaufHächen |)aar übertragen W(»nlen.
Sehen wir uns das VcMhältniss an einem möglichst einfachoii
Heispiel an. Ein Farbenreibsttnn , der dun'h den Arm bewcut
wird, ist eine dvr einfachsten Maschinerien. Ks liegt Fig. 2(> Uv\
A das Schnltergelenk, bei 1) liegt der AViderstand, bei B Arr
Motor. AVir haben d(Mi Mechanismus der geschränkten Si-huh-
kurbelkette vor nns. AVir setzen nichts voraus, als Drehbarki'it
um parallele Achsen bei A, B n. ('. I>i(* Wrschiebbarkeit narli
der Seite muss Ix^sonders aufgeliob(»n werden. Hierzu ist ein«*
Prismenführung bei 1) nothwendig. Die Hervorbringnng d«'-
Widerstandes cnfordert di(» Einführung der zu reilnrndiMi Farl»«*
und (»iner sensibeln Kraft, welche di»n Sterin ginnen die IMattr
drückt. Anstatt dessen denken wir uns rinen Stichel an ('!> und
eine zu bearbeitende Leiste an dem festen (iliede AD angebnnlit,
so haben wir an beiden (Jliedern di(* <lritte PaarungsstoUe. D^r
Muskelstrang in dem (relenk bei B brauchte, wenn (t sich nur
geradliniut zusannm^nziehen und ausdehnen könnte», auch zwei G«»-
- 15 -
lonke an seinoii Eudpunkton ; aber da wir ihn als plastisc-hen
Körper anneinnen, setzen wir voraus, dass er neben seiner gerad-
linigsten Zusannnenziehung auch noch die seitliehen Biegungen
ausführen kann, die durch AcMiderung des AVinkeh* an den Be-
testigungsstellen auftreten. Aehniiche Reductionen lassen sieh
au den allermeisten Maschinen vorndimen.
10. Für die weitere Betrachtung Ist es offenbar von Wichtig-
keit, ob die vorgelegte Körperverbindung noch zu den eigentlichen
Maschinen zählt, oder ob sie bereits zu den von Wiebe aufge-
stellten Kategorien des Instruments und des Apparats gehört.
Vergegenwärtigen wir uns die Arten der Maschine, welche sich
nach der Grösse und Dauer diu- einwirkenden Kräfte ergeben, so
sehen wir, dass Werkzcuig uiul Werkstück durch Reibungsstellen
oder sensible Kräfte und bei discontinuirlicher Bewegung auch
unter <*inander abgelöst werden können, und dass die Wichtigkeit
der Krafteinleitung und Aush^itung l)ei den einzelnen Arten der
Maschinen sehr verschieden ist.
Das Ideal der Maschine ist jedenfalls die, bei welcher eine
grosse Kraft dauernd an einer Stelle eingeleitet und möglichst
ungeschwächt an einer andcu'U Stelle ausgeleitet wird. Hier
werden wir immer unser(* Begriffe bestimmt ausgeprägt vorfinden.
Dauert die Einwirkung einer grossen Kraft nur kurze Zeit wie
bei den Waagen,^ Manometern u. dgl., so kümmern wir uns be-
reits wenig um Ueceptor u. dgl. Es folgt der Fall, dass eine
grosse Kraft nur einen momentanen Druck hervorbringt, alxM*
keine» Arbeit vmTichtet, \\\o bei der Buchdruckerpresse. Auch
hi4*r sind wir w(»nig geneigt, Werkzeug und Werkstück zu be-
tonen. Es folgen die Maschin(»n, in wi^lche dauernd eine Kraft
eingeleitet wird, die kein(» Arbeit verricht^ni, sondern um* die
IJelativbewegungen aufrecht erhalten soll. Hier liegen die» Werk-
zeugstellen durch den ganzen Mechanisnuis zerstreut in (iestalt
\(m Reibungsstellen. Es ist dies der Fall der Uhren und Loko-
niotiv(in. Bei ersteren machen wir die Reibung möglichst klein.
Ihm letzt(»r(Mj nach Beli(»ben gross. (Kin anderer rnterschied ist
iu dies(»r Richtung nicht vorhanden, denn was für den Menschen
die Locomotive ist, ist für ein Mari(»nwürmchen, das sich auf
rinen Zeiger setzt, die Uhr.) Endlich wird nur ein Minimum von
Kraft <»ingelritet , während auch die B(»wegung nur ganz kürzt»
Zeit dauert. Dies ist der Fall der Theodolithen, Recln^nmaschiuiMi
tiiul dergleichen. Hier suchen wir auch nicht viel nach .Motor
und AVerkzeug.
11. Wenn wir uns so damit vertraut gemacht haben, dass
si4'h eine recht bunte Mannichfaltigkeit v(ni Körperzusammen-
stellungen zu unserer B(»trachtung herandrängen wird, suchen
wir uns Klarheit zu verschaffen über die Mittel, durch welche
wir Kraft erzeugen könncMi und über dii^jenigen, durch welche
- 16 -
wir Widerstände hervorbringen. Die Quelle der Kraft bleibt immer
die Wärme». Die Sonne liefert uns das fallende Wasser und den
Wind. Diese konneu wir nieht nach Willkür erzeugen; dem-
nächst hal)en wir die Muskelkraft der Thiere als ganz in unserer
Willkür stehend und die Wärme unserer Brennmaterialien in
Verbindung mit dem Expensionsveniiögen der Gase. Schliesslich
die Schwerkraft. Elektricität und Magnetismus brauchen wir
nur beiläufig zu erwähnen. Die Möglichkeit durch Wanne Be-
wegung hervorzubringen, beniht einzig auf der Kigenschaft, dxo
Körper auszudehnen. Wir werden daher ausser der Wärme immer
einen Körper als Vermittler zwischen Maschine und Brennstoft*
nöthig haben.
Die Hervorbringung der Widerstände geschieht 1) durch
Aufspeicherung der eingc^leiteten Arbeit, (Heben von Gewichten,
Comprimiren von Gasen, Einleitung in Federn und Spannwerkt»,
Massenbeschleunigung) 2) durch Zerstreuung der eingeleiteten
Arbeit in Gestalt von Wärme. Dies geschieht durch Ueber-
Windung sensibler oder latenter Kräfte unter Auftreten von
Reibung oder Cohäsionszerstönmg, sowie durch Formveränderung
an biegsamen oder knetbaren Körpern (Bandagenbiegen, Wal-
zen u. dgl.). Kin anderer Unterschied wäre der, die Ueberwindung
sensibler nnd latenter Kräfte zu trennen: «her auch hier würden
sich Unterabtheilungen ergeben und die Grenzen- nicht genau fest-
zustellen sein.
Betrachten wir zunächst die Thierkraft etwas genauer. Das
Mittel diese zu übertragen sind die Gelenke. In jedem (ielenk
sitzt wenigstens ein Muskel. Dieser bildet mit zwei Knochen ein
Dreieck, dessen eine Seite durch Zusammenziehung und Au>-
dehnung des Muskels von variabler Länge ist. (Fig. 27.) Wir
haben also ein DrehköfJi)erpaar mit zwei Hebelarmen, an denen
der Muskelstrang festgewachsen ist, so dass seine l'lasticitat dit*
Drehung, welche an den Befestigungsstellen eintreten müsste,
ohne Weiteres gest^ittet. Aus lauter solchen Verbindungen, dit*
wir Muskeldreiecke nennen köinien, bestehen die Gliedmaassen
der Thiere. Wir werden also als Repräsentanten der Thierknift
wenigstens ein solches Muskeldreieck einfuhren können. l)a>
Muskeldrei(»ck ist bereits eine ZusammcMisi^tzmig. Wir könnten
versuchen, ob nicht der blosse Muskelstrang sich einführen las>t.
Ein solcher steht uns von Natur nicht recht zu Gebote. Wohl
aber können wir ihn nachbilden in der Art wie dies bei tMuiuen
Manometern durch Einführung dünner Blechplatten gischieht.
Wir bilden einen Schlauch aus dünnem Blech, (Fig. 28.) dess<»n
Volum im Verhältniss zur Oberlläche klein ist. Die.'fteii füllen
wir mit Gas und erwärmen ihn, so findet eine Volum veränderun«;
unter Aufwand von Druck statt. Die VeränderHchkeit ist eint»
geringe, da die Fllasticität des Materials nicht hinlänulich s:ri»>>
- 17 -
i?efunden werden kann. Es ist diese Coinbination ein Uebergang
zu derjenigen, in welcher der Volum vergrösserung der Gase ein
bestimmter beliebig grosser Weg angewiesen wird. Den Weg der
Ausdehnung bestimmen wir durch Umschliessung mittesst einer
Röhre. Bringen wir in dieser an beiden Enden je einen paar-
schlüssig verschiebbaren Kolben an, (Fig. 29) so müssen diese
verdrängt werden, ehe die Vergrösserung des Volums erfolgen
kann. Die Erwärmung des Gases bringt Bewegung der Kolben
hervor. Dieser Apparat vertritt den Muskelstrang.
Da das umschliessende Rohr eine unbestimmte Lage zu den
beiden Kolben hat, so können wir den einen Kolben fest mit
demselben verbunden denken. Auf diese Weise erhalten wir den
gewöhnlichen Dampf- oder Gascylinder.
Die Kraft des Windes und des fliessenden Wassers unter-
scheiden sich von der in Fig. 29 nur dadurch, dass die Bewegung,
welche wir hier dem Gasvolum durch Erwärmung mittheilen, be-
reits vorhanden ist und in solcher Ausdehnung, dass es uns über-
lassen bleibt, ob die Aeussenmg kraftschlüssig oder paarschlüssig
vor sich gehen soll. Legen wir Windmühlenflügel an, so haben
wir den Fall, dass wir in Fig. 29 bei Linie 1 einen Schnitt ge-
fülirt denken, so dass die Gastheilchen unmittelbar vor dem
Receptor nur kraftschlüssig geführt sind und desshalb beliebig
ausweichen können. Nehmen wir dagegen Windturbinen, so haben
wir den Schnitt bei Strich 2 zu denken. Bei dem Receptor ist
dann der Kraftschluss bereits aufgehoben. Aehnlich ist es bei
den vertikalen und horizontalen Wasserrädern.
Was nun die Widerstände betriflFt, so wollen wir dieselben,
so lange es geht, uns durch einen schneidenden Stichel hervor-
gerufen denken, damit wir die Lage von Receptor, Transmission
und Werkzeug, oder wenigstens der We#kzeugstelle bestimmt an-
geben können.
AVenden wir uns jetzt zu der Aufgabe, an einer vorgelegten
Maschine die erwähnten Begriffe nachzuweisen. Wir können nach
den obigen Betrachtungen in voller Uebereinstimmung mit der
W&rmetheorie sagen, der Motor ist ein Körper, der während des
(ianges der Maschine fortwährend Wärme verliert, also an und
für sich eine Temperaturerniedrigung erfahrt. Das Werkstück
ist ein Körper, der fortwährend Wärme aufnimmt, also Temparatur-
erhöhung zeigt. Die Transmission besteht aus Körpern, die weder
eine Erhöhung noch eine Erniedrigung der Temperatur erleiden.
Der Receptor ist der Theil der Transmission, d(»r zuerst mit dem
Motor und das Werkzeug der, welcher zuerst mit dem Werkstück
in Berührung kommt. Dass bei der Aufstellung der Grenzen
zwischen diesen Begrifl^en Willkür eintreten wird, ist sehr zu
vennuthen. Wir sahen schon beim Muskeldreieck, dass der eigent-
lirhe Motor nur die MuskelfastM* ist. wahrend die Knochen bereits
- 18 -
zur Transmission geliören. Trotzdem werden wir das Tliier
als das Aggregat von solchen Muskeldreieckeu in seiner GejMimrat-
heit als Motor ansehen und keinen Receptor und Transniissitm
in den Gliedmaassen selbst aufsuchen. Ein ähnlicher Umstand er-
gibt sich daraus, dass wir die meisten Maschinen nicht in dired^^r
Verbindung mit dem eigentlichen Motor betrachten. Die MaschiueiL
welche wir bisher im Auge hatten, waren ausschlieslich Kraft-
maschinen. Wird aber eine Maschine von der sogenannten Trau>-
mission aus getrieben, so hat sie keinen Motor in dem ol)en au-
gedeuteten Sinne. Trotzdem nennen wir die erste Riemscheib»*
Receptor. Und auch mit Recht, denn so lange ich meine Maschine
betrachte, bekümmere ich mich nicht darum, ob ihr Betrieb zu-
gleich mit andern erfolgt, oder ob sie ihre eigene Kraftmaschiih*
hat; wenn ich nur weiss, an welcher Stelle die Kraft, die ich
brauche, unter passender Bewegung eingeleitet wird. Ich bt*-
trachte den ganzen Apparat vor der Maschine als einen, allerdiüit>
übermässig verwickelten Motor. Ich weiss, sobald ich meiur
Maschine damit in Verbindung bringe, beginnt Uebeitragung m>\i
Arbeit, die aus dem eigentlichen Motor entnommen wird. Wir
kommen hier darauf, dass jedes Glied zu dem folgenden Motor
ist, während dieses als Werkstück dient. Die Berührungsflächen
sind dann Receptoren, und wenn wir wollen auch Werkzeug.
Wir haben mit andern Worten nur den alten Unterschied zwischen
treibendem und getriebenem Gliede. Der Unterschied gegenüber dem
eigentlichen Motor und Werkzeug besteht darin , dass die Arbeil
dort in den Bereich unserer Betrachtung eingeführt und aus dem-
selben herausgeführt wird, während bei den einzelnen Ketten-
gliedern die Uebertragung innerhalb dieses Bereiches stattlin<let.
Der Umstand, dass wir zwischen zwei unmittelbar auf einaiuler
folgenden Gliedern Recejjtor und Werkzeug in deli Berühraug>-
flächen finden können, führt uns auf die Frage, ob der Receptor
eine Fläche ist, oder ein Körper. Die Antwort wird sein: er i>t
ein Körper; jedoch kommt von diesem nur ein bestimmter Theil
seiner Oberfläche in Betracht, so dass wir auch nicht Austaud
nehmen brauchen, gelegentlich diesen Theil einer Fläche als Rt»-
ceptor zu bezeichnen. Stützt sich der Motor gegen das fe>tf
Glied, so werden wir das erste bewegliche als Receptor bezeichnen.
Wirkt derselbe zwischen zwei beweglichen , so können wir beide
als solche einführen. Wollen wir an zwei auf einanderfolgenden
Gliedern Receptor, Transmission u. dgl. aufsuchen, so finden Mir.
dass die Begrifl'e relativ sind. Fasse ich das erste Glied al>
Motor auf, so ist die Aufangsfläx'he des folgenden Gliedes Receptor.
Fasse ich die Endfläche des ersten als auf der zweiten reibt»««!
auf, so ist das zweite Glied Werkstück. Das Glied selbst läs.*^t
sieh stets als Transmission zwischen seiner Anfangs- und EuJ-
fluche auffassen. Auf diese Weise können wir in kettenfiirmiger
- 19 -
Aufeinanderfolge Glied 1 als Motor, Glied 2 mit seinen Theilen
als Receptor, Transmission" und Werkzeug und Glied 3 als Werk-
stück betrachten. Besser jedoch ist es, wir halten uns hier nur
an den alten Unterschied von Treiber und getriebenem Gliede
(driver und follower, actives und passives Glied).
12. Wenden wir uns jetzt zu besonderen Fällen. Das be-
kannte Beispiel des Scheerenschleifers zeigt eine in unserer Will-
kür stehende Krafteinleitung und Ausleitung, sowie dauernde Be-
wegung. In Fig. 30 zeigt das KurbeMereok A B C D
in der Weise, dass BO als Schleifstein, AD als Tritt brett aus
gebildet ist, den Mechanismus des Schleifsteins.
Das Hüftgelenk G des Arbeiters EG wird mit dem festge-
stellten Gliede AB in feste Verbindung gebracht, z. B. dadurch,
dass Stein und Arbeiter kraftschlüssig auf dem Erdboden stehen.
Durch das Muskeldreieck GFE mit Gelenken bei G und E ist es
jetzt möglich, willkürlich Kraft einzuleiten. Um selbstständige
Ausleitung zu erlangen, muss auch das Schultergelenk H mit AB
fest verbunden werden. Von hier aus sorgen die Muskeln bei
H und 1 für Hervorbringung des nöthigen Reibungswiderstandes.
Wir haben hier wenigstens drei von einander unabhängige Muskel-
strfinge, also auch drei Motoren. Jeder hat seine Function. Der
bei F leitet ein; I leitet aus und der bei H in Gemeinschaft mit
I sorgt für den Dnick, der zur Erzeugung der Reibung erforder-
lich ist. Diese Verschiedenheit der Functionen wird uns nicht
hindern, den Arbeiter als einen einzigen Motor gegenüber dem
Mechanismus des Steins zu betrachten. Der Motor wirkt gleich-
zeitig auf E und auf das Werkstück bei K. In Fig. 30 ist K
als Verlängening des Unterarmes gezeichnet, so dass wir es zum
Motor mitrechnen könnten. Wollen wir dies vermeiden, so eli-
miniren wir den Kraftschluss z. B. indem wir das WVkstück
K in einer Prismenfühning laufen lassen und den Stein als Fraise
ausbilden. Wir sind dann gezwungen, noch ein Gelenk bei L
Fig. 31 anzubringen, ersparen aber den Muskel bei H. Jetzt
können wir Fig. 31 und 32 Mechanismus und Motor einander
schön gegenüberstellen. Bringen wir sie in passende Verkettung,
so kann die Bewegung beginnen. Beide sind ziemlich zusammen-
gesetzte Verbindungen, so z. B. ist das Werkstück K nicht zwang-
länfig; denn ich kann es nach der einen Seite bewegen, ohne
da.ss der ganze Mechanismus bewegt würde. Erst wenn wir
Muskel 1 als nur einseitig wirksam annehmen, ist das Ganze in
der Vereinigung zwangläulig.
Nehmen wir als zweites Beispiel eine sogenannte transpor-
tirende Maschine, den einfachen Krahn. Die Einleitung der
Kraft lasst sich abgesehen von den Todpunkten durch einen ein-
fachen Muskelstrang, oder besser durch ein Muskeldreieck dar-
stellen. Zur Uoberwindnng der Todpunkte brauchen wir einen
2*
- 20 -
zweiten Muskelstrang. Wir sehen also Fig. 33 den Arbeiter
ABO als einen Motor an, der wenigsten r zwei Muskelstränge
willkürlich in Thätigkeit setzen kann. Die Kurbel bei C ist Re-
zeptor. Die Transmission geht über den Trilling T und Zapfen
D na(!h dem Gewicht tt. Wo liegt nun das Werkzeug, oder
wenigstens die Werkzeugstelle? Wir kannten vermuthen: an der
Aufwickelungsstelle bei E. Nach unseren Unters4*heidungen
müsste hier die eingeleitete Kraft entweder aufgespeichert, oder
aus dem Bereich unserer Betrachtung in Gestalt von Warme ent-
fernt werden. Dies geschieht aber nicht, son<leni wir haben an
der Paarungsstelle bei E zi^-ischen Trommel und Seil nur den-
selben Vorgang wie bei T zwischen Trilling un'd Kad. Sehen
wir das Gewicht G an. Dasselbe schwebt noch kraftt^chlüssig,
und unsere ganze Arbeit wird nur dadurch verursacht, djiss wir
dieses Gewicht von dem Erdboden entfernten müssen. Eliminiren
wir den Kraftschluss durch eine Prismenführung bei G und bringen
an Stelle von G einen Stichel an, der Fig. 34 an einer mit dem
Erdboden fest verbundenen Schiene schneidet, so liegen die Vor-
gänge viel klarer da.
Wir haben jetzt den Mechanismus von dem Zwange In^freit,
dass er sich zu der Schwerkraft in einer bestimmten I^ge be-
linden muss. Das Verhältniss zwischen Kraft und Widerstand
ist dasselbe. Der Stichel ist Werkzeug und die Schiene ist Werk-
stück. Wenn wir nun auch nicht sagen können, das Gewicht
ist Werkzeug und der leere Kaum, durch den es geht ist Werk-
stück, so sehen wir doch, dass die Werkzeugstelle nicht bei E
liegt, sondern dass ihre Functionen durch die eigenthümliche Re-
lation ersetzt werden, welche vermöge der Schwerkraft zwischen
Gewicht und Erdboden besteht. Wir können sagen, Werkzeug
und Werkstück sind latent geworden. Die aufgewandt»* Arbeit winl
bei diesem Verhältniss nicht in Wanne umgeset^et und unserer
Willkür unzugänglich gemacht, sondern sie wird, wie l>ekamit,
aufgespeichert, so dass ich sie jeden Augenblick wieder verwenden
kann. (Accumulatoren.)
Dieser Fall, dass wir nicht geradezu angeben können, welcher
Körper Werkzeug und welcher Werkstück ist, wohl aber die
Stelle vorlinden, an der ihre Functionen vollzogen werdt»n, ffihrt
uns zur Betrachtung derjenigen Maschinen, an welchen die srauxe
eingeleitete Arbeit an den Reibungsstellen gleichmässig angeleitet
wird. Wollen wir hier besondere Stellen unterscheiden, so köoiien
es nur die sein, an denen die Vennehruug oder Vi*nninderuim
des Widerstandes in unserer Willkür liegt. In ihr Regel wcnli^n
dies die Stellen simii an denen der letzte Rest der Kraft licrausjri*-
nommen wird, dcT bald grösser, bahl kleiner als die zur rebt»r-
windung von Reibung veri»nui(*hte Kraft sein kann. Prüfen wir
nach dieser Richtung hin einen Eisenbahnzug. Die Masehinr
- 21 -
Fig. 35 ruht kraftscblüssig auf den Schienen. Wir eiiminireu
den Kraftschluss, indem wir den Dampfcylinder durch eine
Prismen- oder allgemeiner Arcusführung bei E mit der Schiene
verbinden. Das Treibrad ist kraftschlfissig gegen die Stjhiene
gepresst und wirkt nur durch die hiervon verurßa<'hte Reibung.
Da wir Kraftschluss eliminirt haben, so fällt die Reibung fort,
und wir haben die Schiene als Zahnstange zu denken. Hiernach
haben wir die Schiene als Kettenglied mit zwei PaarungsstcUen
aufzufassen. Denken wir uns jetzt bei A in Fig. 35 Kraft ein-
geleitet, so Hesse sich diese bei K sehr gut durch einen Stichel
herausnehmen, der an der Schiene schneidet. In Wirklichkeit
findet eine dieser Art entsprechende Herausnahme der Kraft aber
nur bei gebremsten Rädern statt. Bei der gewöhnlichen Be-
wegung hat E nichts zu thun, als für eine paarschlüssige Führung
zu sorgen. Zur eigentlichen Entnahme von Kraft ist novh das
Rad GF angebracht. Wir müssen uns dies so lange es von der
Schiene gedreht wird, als verzahnt denken. Denken wir uns bei
G eine Bremse angebracht, die mit dem Hauptgliede CA EG ver-
bunden ist, so werden wir uns G als Werkzeug vorstellen können.
Eine solche Bremsung können wir uns nun mit Recht vorstellen;
denn für unsere Betrachtung ist es gleichgültig, wie viele Wagen
angehängt werden. Zu einer etwaigen Berechnung werden wir
doch immer die Widerstände aller Laufzapfen auf einen einzigen
reduziren. Das Anhängen und Loslösen sowie das Beladen der
\Vagen wirkt also genau wie ein stärkeres Bremsen. Es ist also
G die Stelle, an welcher die Entnahme von Arbeit direct in
unserer Willkür steht. Zu beachten ist, dass auch die rollende
Reibung bei F mit der Mehrbelastung direct wächst. Wir hätten
demnach auch diese Stelle als bevorzugte Werkzeugstelle anzu-
sehen. Es hindert uns aucli nichts dies zu thun. Sie erlangt
aber nie die Wichtigkeit der bei G, zumal da G direct mit dem
Gliede arbeitet, auf welches der Motor seine Reaction ausübt,
nämlich dem Rahmen der Maschine. Sobald die Wagen gebremst
werden, liegt die WVrkzeugstelle bei F, wobei wir gezwungen
sind, die Schiene wieder als glatt und mit einem Reibungscoeffi-
«rienten behaftet anzusehen. Es wird hierbei das Rad GF mit in den
festen Verband hineingezogen, den wir uns zwischen dem Rahmen
CAGE der Locomotive und allen Obergestellen der Wagen zu
denken haben. Diesen Verband der Wagen haben wir als einen
einzigen festen Körper anzusehen, dessen Gewicht wir anstatt
durch Anleimen oder Anlöthen von neuen Stücken, durch An-
hänj^en neuer Wagen, oder Beladen der alten vorgrössern. Di(^
Wirkung des Motors findet zwischen zwei beweglichen Gliedern
statt. Wir haben also eigentlich zwei Receptoren; indessen sondert
sieh der eine hier lei(*ht ab, da das Glied, welches die Reaction auf-
- 22 —
nimmt, mehrere PaarungsstelleD trägt, so dass es sehr gut als
passiv angesehen werden kann.
In ganz ähnlicher Weise wie hier können wir die Hanpt-
werkzeiigstelle beim Dampfschiflf nachweisen. Das Wasser ver-
tritt hier die Eisenbahnschiene ganz nnd gar; es führt 1) das
Schiff kraftschlüssig und 2) bietet es dem Schaufelrade die Mög-
lichkeit wie an einer Zahnstange zu wirken. Es kommt hier nnr
die leichte Verschiebarkeit der Wassertheilchen hinzu. Von dieser
brauchen wir indess nichts weiter zu constatiren, als dass trotz
ihrer die beiden obigen Bedingungen erfüllt werden. Wir können
uns ganz wie oben das Wasser als Glied mit den beiden Paarungs-
stellen, Prisma und Zahnstange vorstellen, und sehen nun in
unserer Figur 36, dass wir genau den Mechanismus der I^ko-
motive haben, nur dass hier das Laufrad fortfällt. Das Haupt-
glied ACE liegt hier vertikal, während wir es bei der Loko-
motive horizontal fanden. Die Ausleitung der Arbeit müssen
wir uns an E etwa durch einen Stichel bewirkt denken. Es ver-
tritt E, wie hier recht deutlich zu sehen ist, den Schiffskörj>er.
Dieser findet seinen Widerstand am Buge. Wir haben also hier
die Werkzeugst-elle zu suchen. Es war dies vorauszusehen, da
ja der Widerstand des Wassers allein als Bewegungshindemiss
auftritt. Es ist zu bemerken, dass die doppelte Functionen dt»s
Wassers hier durch die gegenseitige Lage der Schaufelräder und
des Schiffskörpers recht anschaulich gemacht wird.
Bei dem Schraubendampfer haben wir (Fig. 37,) die Paarung
von Zahnstange und Rad durch die von Schraube und Mutter er-
setzt, sonst ist Alles dasselbe. Wir stellen hier nur an die leichto
Verschiebarkeit der Wassertheilchen eine noch grossere Anfordening,
da die Schraube gerade in dem Kaum arbeitet, aus welchem der
Schiffskörper soeben das Wasser vordrängt hatte.
Bei der Locomotive sowie bei dem Schiff haben wir es, m»
lange beide auf horizontaler Bahn fahren, ausschliesslich mit
Ueberwindung von Ueibungswiederständen zu thun. Zu diesmal
tritt eine Comjmnente der Schwerkraft, so bald wir uns vor-
stellen, die Maschinen fuhren l>ergauf. In diesem Falle haben wir
eine combinirte Arlieit. Die (/om]>onente der Schwerkraft ersetzen
wir durch einen Sticli(»l, der die Schiene l)enrbeitet und die Rei-
bung betrachten wir für sich. Erst bei diesem B<»rgauffahren
haben wir eine Analogie mit dem Krahn, da erst jetzt die Ent-
fernung eines schweren Körpers von dem Niveau des Erdbodens,
also eine Aufspeicherung von Kraft stattfindet.
Die betracht(»ten Maschinen hatten, abgesehen von den (*om-
binationen des menschlichen Kör]>ers, nur einen Motor. Prüfen
wir als B«»isi)i(»lo einer Maschine mit niehreren Motoren die Pentlel-
uhr Fig. 3H nnd den (lentrifugalregulator. Bei der ersteren s*»rKt
der zweite Motor, die» Schwere, direct, bei letzterem indirert für
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gehörige Ausleituiig der Kraft. Wir köunen bei der Uhr nicht
gut sagen, es seien die Reibungsstellen die eigentlichen Werk-
zeugstellen, denn wir können das treibende Gewicht nach Belieben
gross nehmen, ohne den Gang wesentlich zu ändern, so dass die
Reibung lauge nicht gross genug ist zur Aufhebung der einge-
leiteten Arbeit. Diese Arbeit wird vielmehr durch den Schlag
der Steigradzähno bei A gegen die Ankerklinke in Vibration um-
gesetzt. Im Moment des Stosses können wir also die Werkzeug-
stelle hier suchen. Nach dem Stosse ist das Gewerk der Uhr,
vom Steigrad bis zum Gewichte gerechnet, in das Stadium der
festen Verbindung getreten, und der Hauptmotor ausser Thätig-
keit gesetzt. In dem Moment wo die Abschrägung der Anker-
klinke an der Zahnspitze vorbei zu gleiten beginnt, tritt wieder der
erste Motor in Thätigkeit, und zwar jetzt um das Pendel zu
treiben. Wir haben von diesem Moment an das Werkzeug im
Pendel zu suchen, ganz wie bei dem Krahn. Wir nehmen hier-
bei von dem vorhandenen Arbeitsvorrath etwas heraus mid Sta-
peln es in dem Pendel auf, damit dieses von Neuem im Stande
ist , der Reibung am Auf hängepunkt bei B und an den Paletten A
zum Trotz die Bewegung bis zur entgegengesetzten Seite fort-
zusetzen. Für den vom Pendel bewegten Mechanismus ist kein
anderes Werkzeug vorhanden, als die Reibung zwischen Zähnen
und Palette und an der Auf hängesteile , denn die Klinken sind
so angeordnet, dass der Stoss der Steigradzähne gänzlich durch
den Aufhängepunkt des Pendels aufgefangen wird. Es sei hier
erwähnt, dass für den genauen Gang einer Pendeluhr die Klein-
heit des Ausschlags winkeis durchaus unwesentlich ist, während
dieselbe für den richtigen Gang eines blossen Sekunden pendeis
eine Hauptbedinguug bildet, denn bei der Uhr wird stets der Aus-
schlagswinkel künstlich erhalten, während dieser und somit auch
die Schwingungsdauer beim Sekundenpendel wechselt. Wir haben
hier die Schwerkraft als Mittel zur momentamen Ansammlung von
Kraft. Ganz ähnlich dienen die Centrifugalregulatoren dazu
einen Theil des Kraftüberschusses für den Augenblick zu sammeln,
so dass nach erfolgter Drosselung die Centrifngalkraft durch die
Schwerkraft, die sie eben erst gemeinsam mit dem Widerstand
der Absperrvorrichtung überwunden hat, behufs Rückstellung
abgelöst werden kann.
Die angeführten Beispiele zeigen uns, dass die Begriffe Motor,
Receptor, Transmission und W^erkzeug ohne grosse Mühe, wenn
auch mit geringen Modificationen , sich selbst an solchen Ma-
schinen nachweisen lassen, bei welchen man bisher diesen Nach-
weis für unmöglich hielt (z. B. beim Dampfschiff, Reuleaux, Kine-
matik S. 478). Es scheint mir hiernach kein Grimd vorzuliegen,
wesshalb wir von den durch die Begriffserklärung der Maschine an
die Hand gegebenen Unterscheidungen abweichen sollen; uament-
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lieh da die Krafteinleitung und Kraftausleitung uns sehr naho
an die Bogriffe des umkehrbaren und nicht umkehrbaren Kreis-
prozesses der Wärmetheorie führt, und bisher eingehende Be-
trachtungen hierüber nur wenig stattgefunden haben. Ebenso
sollte uns die in der Behandlung des allgemeinen Maschinen Pro-
blems immer noch herrschende Unklarheit besonders behutsam
machen, einzelne Begriffe zu verwerfen, bevor wir nicht i^<*nau
festgestellt haben, wie weit dieselben gelten, und von wo an neu«»
nothwendig eingeführt werden müssen. Selbst wenn diese neaen
dann so umfassend werden, dassdie alten mit einbegriffen sind, bleibt
noch zu prüfen, ob die alten nicht als Unterabtheilungen beibehalten
werden sollen. Bei der Menge von Bezeichnungen, die die Ma-
schinen verlangen, wenn wir nicht Alles mit Ebene, Prisma,
Cylinder u. dgl. bezeichnen wollen, ist sogar das Letztere immer-
hin wünschenswerth.
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